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Magnolia Steel – Hexendämmerung

Über die Autorin

Sabine Städing, geboren und aufgewachsen im Norden Deutschlands, hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Mit ihren Büchern rund um die Hexe Magnolia hat sie endlich angefangen, die Abenteuer aufzuschreiben, die ihr schon so lange im Kopf herumspuken. Magnolia Steel ist eine dreibändige Serie, bestehend aus den Einzelbänden Hexendämmerung, Hexenflüstern und Hexennebel.

 

Kessel

Sabine Städing

Magnolia Steel

Hexendämmerung

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Lukas

Und für Cinja,

die diese Geschichte als Erste gelesen hat

Prolog

Es war eine mondlose, kalte Nacht. Eine Nacht, die nach Schnee schmeckte. Es war eine Nacht, in der Hexen geboren werden. Fröstelnd trat Linette von einem Fuß auf den anderen und blies sich auf die klammen Finger.

Sie stand gut versteckt zwischen hohen Rhododendronbüschen und ließ die weiße Villa nicht aus den Augen. Heute Nacht musste es geschehen, es war die dreizehnte Nacht nach dem Vollmond. Endlich! Der Schrei eines Neugeborenen.

»Na also«, knurrte Linette. Jetzt brauchte sie nur noch einen unbewachten Moment abpassen und einen Blick auf das Kind werfen, dann hatte sie Gewissheit. Vergnügt stampfte sie von einem Fuß auf den anderen. Das lange Warten war vorbei. Seit mehr als vier Stunden stand sie hinter diesen verflixten Büschen, da wärmten auch die sieben Röcke nicht, die sie in weiser Voraussicht übereinandergezogen hatte. Linette starrte so fest auf die erleuchteten Fenster im ersten Stock, dass ihr die Augen tränten.

»Na los«, murmelte sie beschwörend, »legt den kleinen Wurm in seine Wiege und schiebt ihn nach nebenan, damit die gute Tante einen Blick darauf werfen kann.«

Da bemerkte sie eine Bewegung. Ein Schatten glitt an den Mauern der Villa entlang.

Linette stellten sich die Nackenhaare auf. »Ausgeschlossen«, flüsterte sie. Er konnte nichts von der Geburt des Kindes wissen. Der Schatten glitt lautlos über den Balkon im ersten Stock.

Linette sprintete los. Im Haus schrie das Baby. Mit einem Satz stand sie ebenfalls auf dem Balkon und stürzte ins Zimmer.

Keine Sekunde zu früh. Gerade streckte der Schatten seine tintenschwarzen Hände nach dem Kind aus. Das Neugeborene wimmerte leise.

»Zurück zu deinem Herrn, Sutpar!«, donnerte Linette. »Ich habe dich erkannt und bei deinem Namen gerufen. Es ist vorbei.«

Der Schatten zog seine Hände langsam von der Wiege zurück und drehte sich um. Ein Grollen, wie aus dem Innern eines Vulkans, stieg aus ihm auf. Linette trat schnell zwei Schritte zurück und blickte zu Boden. Sie durfte sich ihm nicht in den Weg stellen, es war gefährlich, den Schatten zu berühren. Seine Schwärze war so schwer, dass man ersticken konnte, wenn man ihn zu lange ansah. Lautlos glitt er an ihr vorbei über den Balkon in die Tiefe. Zurück zu seinem Meister.

Das Kind in der Wiege fing erneut an zu schreien. Linette trat neugierig ans Bett. Dort lag das Baby unter Bergen von rosa Spitzenwäsche und schrie inzwischen aus Leibeskräften.

»Also ein Mädchen«, brummte sie. »Schon gut, schon gut, du kleiner Fratz.« Behutsam drehte sie den Kopf des Säuglings nach rechts. Da war das Mal, nach dem Linette suchte, es hatte die Form eines Kusses und war nicht zu übersehen. Der Kuss der Banshee. »Noch bist du zu jung, kleine Kröte«, flüsterte Linette. »Ich habe noch keine Verwendung für dich. Doch in dreizehn Jahren wird sich zeigen, was ich für dich tun kann.«

Erstes Kapitel
Abgeschoben

Magnolias Mutter sah sich irritiert um. Wo war Magnolia?

Sie hätte schwören können, dass ihre Tochter eben noch hinter ihr gewesen war!

Ungeduldig stand sie vor dem Büro des Autovermieters und schaute suchend über den Parkplatz. »So ein Mist!« Sie musste sich beeilen, wenn sie Magnolia nach Rauschwald bringen und am Abend den Flieger nach New York kriegen wollte. Endlich, da kam sie. Frau Melbach atmete erleichtert auf.

Mit einer großen Sporttasche auf dem Rücken und einer riesigen Stoffkröte im Arm rannte Magnolia über den Parkplatz.

»Sorry, Mama«, keuchte sie. »Ich habe Schmatz im Waschraum vergessen.«

»Irgendwann wird es dein Kopf sein, den du vergisst«, prophezeite ihre Mutter und hielt die hintere Wagentür auf.

Magnolia schleuderte ihre Tasche auf den Rücksitz und machte es sich bequem.

»Hast du jetzt wirklich alles dabei? Deine Tasche, deine Kröte, deinen Kopf?«

»Natürlich, fahr los, Mama«, antwortete Magnolia mit schlappem Lächeln.

Ihre Mutter gab Gas und sie schossen etwas schneller als beabsichtigt vom Parkplatz, auf die gerade Landstraße, die sie in ein paar Stunden nach Rauschwald bringen sollte.

Magnolia presste ihren Kopf in die Polster des nagelneuen Volvo und sah schweigend hinaus.

Die Straße führte durch leuchtend gelbe Weizenfelder, vorbei an saftigen grünen Wiesen. Ab und zu zog flüchtig der Duft von wilden Heckenrosen herein und eine goldene Spätsommersonne lachte vom wolkenlosen Himmel. Ein Rabe folgte dem Wagen auf gleicher Höhe. Magnolia schenkte all dem keine Beachtung.

»Kannst du nicht doch noch ein paar Tage bleiben?«, fragte sie plötzlich.

Ihre Mutter seufzte. »Wir haben schon so oft darüber gesprochen, Maggie. Es geht einfach nicht. Ich muss noch heute Nacht fliegen, sonst verpasse ich unser erstes Meeting in New York!«

»Und wenn schon«, beharrte Magnolia, »du bleibst schließlich ein ganzes Jahr!«

»Mach es mir doch nicht unnötig schwer! Gambler & Partner haben mich unter 1200 Bewerbern ausgewählt. MICH, Charlotte Melbach! Es ist die Chance meines Lebens … und du hast es doch nicht schlecht bei Tante Linette, also fang nicht ständig davon an.«

»Wirst du Papa in New York treffen?«

»Sicher nicht!«, war die bestimmte Antwort. »Ich habe keine Ahnung, wo Mr Steel sich gerade herumtreibt. Der letzte Anruf kam aus irgendeinem Kaff in Florida und brach mitten im Satz ab. Ich schätze, ihm ist wieder einmal das Geld ausgegangen.«

Magnolia seufzte. »Nenn ihn doch nicht immer Mr Steel, Mama.« Ihr Vater war Amerikaner, Kunstmaler und offensichtlich nicht besonders erfolgreich. Überhaupt waren ihre Eltern wie Tag und Nacht. Sie hatten sich auf einem Woodstock Revival Festival kennen und lieben gelernt. Das Ergebnis war Magnolia. Schon kurz nach der Hochzeit merkten ihre Eltern, dass alles nur ein großer Irrtum war, und trennten sich genauso schnell, wie sie geheiratet hatten. In gegenseitigem Einvernehmen, wie man so schön sagt.

Von ihrem Vater blieben Magnolia nur die blonden Haare und der Nachname Steel. Mehr nicht. Ihm lag nichts an einer engen Beziehung. Nicht einmal zu ihren Geburtstagen schrieb er regelmäßig.

»Hast du Lust auf eine Runde: Ich sehe was, was du nicht siehst?«, rief ihre Mutter nach einer Weile von vorn.

»Mama!«, sagte Magnolia leicht genervt, »ich bin dreizehn und nicht drei.«

»Verstehe. Wie wäre es mit etwas Musik?«

»Meinetwegen.«

Kurz darauf erfüllten muntere Polkaklänge den Wagen und sie fuhren ihrem Reiseziel beschwingt entgegen.

Zwei Stunden später steuerten sie einen kleinen Rastplatz an.

»So, Pinkelpause! Wenn ich mich recht entsinne, gibt es hier sogar den Luxus eines Klohäuschens«, sagte ihre Mutter und stieg aus dem Wagen.

Magnolia schälte sich ebenfalls heraus. Während der letzten Stunde hatte sie nur auf ihren Nintendo DS gesehen und gar nicht bemerkt, wie sich die Landschaft allmählich veränderte.

Der Rastplatz lag schattig, inmitten bewaldeter Berge. Die hohen Fichten standen so nah beieinander, dass die Sonnenstrahlen nur hier und dort zwischen ihren Zweigen aufblitzten.

Magnolia legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. Die Luft war angenehm kühl und roch würzig nach dem Harz der Bäume.

Sie stutzte. In der Fichte direkt über ihr saßen zwei große Raben und starrten unverwandt auf sie herab. Der Blick aus ihren seltsamen, hellen Augen war so intensiv, dass Magnolia meinte, ihn körperlich zu spüren. Unfähig, sich zu bewegen, starrte sie zurück. Dann kam die Angst, sie kroch über den Waldboden und drang durch die Fußsohlen in ihren Körper. Magnolias Herz raste, ruckartig wandte sie sich ab und blickte zu Boden. Ihr war schwindelig.

»Riechst du die Fichten?!«, rief ihre Mutter, die gut gelaunt vom Klohäuschen zurückkam. »Wenn du still bist, kannst du sie rauschen hören.« Sie lauschte. »Hörst du?«

Magnolia nickte schwach, ihre Knie waren weich wie Butter.

»Jetzt weißt du, woher Rauschwald seinen Namen hat.«

»Sind die Raben noch da?«, flüsterte Magnolia ohne aufzusehen.

»Die was?« Frau Melbach war irritiert. Sie schätzte es überhaupt nicht, wenn Magnolia einfach das Thema wechselte.

»Die Raben«, wisperte Magnolia.

»Meine Güte, Magnolia, sprich lauter, kein Mensch kann dich verstehen. Und hör auf, ständig auf den Boden zu starren!«

»Sind da noch Raben im Baum?«, fragte Magnolia, diesmal ein wenig lauter.

»Raben?!« Die Stimme ihrer Mutter schrillte so laut, dass Magnolia ängstlich zusammenzuckte. Suchend sah Frau Melbach sich um.

»Nein, die sind weg – schade! Aber du brauchst deshalb nicht gleich den Kopf hängen lassen. In Rauschwald ist die Natur noch in Ordnung, und ich wette, du wirst bald jede Menge Raben zu Gesicht bekommen. Musst du noch mal aufs Klo?«

Magnolia schüttelte den Kopf.

»Dann steig ein! Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Haus deiner Tante.«

Zweites Kapitel
Linette

Besorgt schaute Linette Kater in den wolkenlosen Himmel.

Schon seit dem frühen Morgen beobachtete sie, wie sich auf dem alten Friedhof hinter dem Haus immer mehr Raben zusammenrotteten. Erst kreisten sie ein paar Mal über der Senke, dann ließen sie sich mit tiefen, rauen »Grock«-Rufen auf den verwitterten Grabsteinen und Holzkreuzen nieder. Sie warteten.

Linette wischte sich die erdigen Hände an ihrer Gartenschürze ab und wandte sich einem Strauß Rainfarn zu, den sie zum Trocknen auf der Bank ausgelegt hatte.

Der Garten schmorte in der Sommerhitze und am Abend würden sicher wieder viele Liter Wasser nötig sein, um ihn vor dem Austrocknen zu schützen. Linette liebte ihren Garten. Er war uralt. Kleine Buchshecken trennten säuberlich die einzelnen Beete, auf denen Kräuter gegen allerlei Gebrechen wuchsen. Sie hängte das Rainfarnsträußchen kopfüber unter das Reetdach ihres Hauses und wischte sich mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Die drückende Hitze machte ihr zu schaffen. Sogar Serpentina, ihre einäugige schwarze Katze, hatte sich in den Schatten des Holunderbusches zurückgezogen, um dort auf den Abend zu warten.

Linette ging ins Haus. Hier war es angenehm kühl. Das Reetdach und die mit Efeu berankten Wände sorgten Sommer wie Winter für einen gesunden Temperaturausgleich.

Dankbar sank sie in den bequemen Ohrensessel in der Wohnstube und schaute gedankenverloren aus dem Fenster.

Hoffentlich war es kein Fehler, die Tochter ihrer Nichte für ein Jahr bei sich aufzunehmen. Magnolia war schließlich kein gewöhnliches Kind. Linette wusste es, seit sie vor dreizehn Jahren den Kuss der Banshee an ihr entdeckt hatte. Außer Linette kannte niemand seine Bedeutung. Nicht einmal Magnolia ahnte etwas von der scheußlichen Gefahr, in der sie schwebte. Und nun kam sie her!

»Sie kommt zu früh, viel zu früh …«, murmelte Linette.

Ein gurgelnder Schrei, gefolgt von lärmendem Gepolter, schreckte Linette aus ihren Gedanken. Hastig sprang sie auf und eilte in die Diele. Gerade rechtzeitig, um zu beobachten, wie ein stattlicher Zwerg seinen Stiefel gegen ihren geliebten Bauernschrank stemmte und fluchend versuchte, einen äußerst widerspenstigen, alten Truthahn aus der halb geöffneten Schranktür zu zerren.

Eine Weile ging der Kampf hin und her, dann gab der Truthahn überraschend nach. Wild um sich schlagend flatterte er aus dem Schrank. Der Zwerg verlor das Gleichgewicht und landete mit einem lauten Bums auf den Dielenbrettern. Eigentlich wollte Linette wegen des Stiefelabdrucks auf ihrem Schrank schimpfen, doch als ihr der Zwerg nun so unbeholfen vor die Füße kugelte, konnte sie ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken.

»Meine Güte, Jackomo«, flötete sie bedauernd. »Du hast dir doch hoffentlich nicht wehgetan?«

»Pah!«, schnaubte der Zwerg grimmig und rieb sich den Ellenbogen.

»Es gibt nur eine Sache, die ich noch weniger mag als alte Truthähne. Und das sind scheinheilige alte Hexen!« Demonstrativ übersah er Linettes helfende Hand, die sie ihm hingestreckt hatte.

»Wo steckt das verdammte Biest?«

Der Truthahn stand völlig unbeeindruckt in der Wohnstube und glättete sein Gefieder.

»Mach es dir in meinen Sessel bequem«, bat Linette versöhnlich. »Ich hole inzwischen einen Krug kalten Brombeersaft, der wird uns beiden guttun.«

Jacko murmelte einen Dank, nahm seine braune Zipfelmütze ab und ließ sich ächzend in den Ohrensessel fallen. Den Truthahn bedachte er mit einem wütenden Blick, was diesen jedoch absolut kalt ließ. Er kollerte nur leise.

Kurz darauf war Linette mit dem Krug Brombeersaft und zwei Gläsern zurück. Sie schenkte ein und setzte sich Jacko gegenüber auf ein plüschiges Sofa.

»Was führt dich zu mir?«, fragte sie.

»Nun ja«, Jacko räusperte sich umständlich. »Pestilla hat dir einen Sämling geschickt und der da«, er deutete mit dem Kopf auf den Truthahn, »hat ihn gefressen. Mit Absicht!«, setzte er grimmig nach. Der Truthahn warf Jacko einen gelangweilten Blick zu.

»Da habe ich mir gedacht, ich schaffe das Vieh zu dir. Vielleicht kannst du ihn überreden, den Sämling wieder auszuspucken, bevor er verdaut ist.«

Linette zog die Augenbrauen hoch.

»Du sagst, er hat ihn gefressen …?«, fragte sie langsam. »Mit Absicht …?«

»Jo«, antwortete Jacko knapp.

»Und er spuckt ihn nicht wieder aus?«

»So ist es.«

»Welch garstiges Tier.« Linettes Stimme bekam einen drohenden Unterton.

Der Truthahn widmete sich erneut seinem Gefieder.

Linette kniff die Augen zusammen, fixierte den Vogel und wartete.

Unbeteiligt stolzierte er im Zimmer umher.

Hier waren offensichtlich härtere Geschütze nötig.

»Nun, es scheint, mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm einen großen Schluck meiner Brechwurzessenz einzutrichtern«, überlegte Linette laut. »Es ist natürlich furchtbar unangenehm und ich tue es bestimmt nicht gerne, aber …«

Der Truthahn horchte auf.

»Jooojo, es hat sich schon mancher die Seele aus dem Leib gekotzt. Kein schöner Tod, aber was soll man machen?« Düster schüttelte Jacko den Kopf.

Langsam wurde der Truthahn nervös, er tippelte auf der Stelle, sträubte sein Gefieder und kollerte beunruhigt.

»Du hast recht«, erwiderte Linette, »doch was soll ich tun? Ich habe keine andere Wahl. Ich brauche den Sämling unbedingt.« Entschlossen stand sie auf.

Offenbar hing der Truthahn an seinem Leben. Er kollerte einmal laut, dann rollte er mit den Augen und fing an, seinen Körper vor und zurück zu wiegen. Aus seinem Magen kamen bedrohlich gluckernde Geräusche. Lauter und lauter wurde das Gluckern, während der Hahn sich immer schneller vor und zurück bewegte.

»Gleich spuckt er ihn aus«, sagte Jacko zufrieden.

»Aber nicht in meiner Stube!« Blitzschnell öffnete Linette das Fenster, wuchtete den fetten Truthahn auf die Fensterbank und stieß ihn hinaus. Da würgte er auch schon einen schleimigen Körnerbrei hervor und rannte böse kollernd über ein Beet mit zarten Erdbeerpflänzchen davon.

»Ist ja ekelhaft«, murrte Jacko, während er tief gebeugt über dem Körnerbrei kniete. »Hätte nicht gedacht, dass ich mal in Truthahnkotze stochern muss.«

»Jacko!«, tadelte Linette milde. »Da ist er!« Mit spitzen Fingern pickte sie den Sämling heraus und eilte ins Haus, ohne sich um Jackos angeekeltes Gesicht zu kümmern. Schnell warf sie eine Handvoll Erde auf den Tisch, drückte den Sämling hinein und spuckte dreimal darauf. Anschließend deckte sie alles mit Jackos Zipfelmütze ab.

Linette ließ die Mütze nicht aus den Augen, während ihre Hände seltsame Zeichen in die Luft malten und ihre Lippen geheime Hexenworte formten:

Samen der Erinnerung,

gebe Preis den wahren Grund,

weshalb du auf den Weg gebracht.

Gehorche meiner Hexenmacht!

Sofort begann die Mütze zu zucken. Sie beulte sich nach rechts und links und schoss dann einen halben Meter in die Höhe, um dort oben zu thronen.

Linette zog die Mütze ab und griff nach dem Sämling, der sich inzwischen zu einer vergilbten Schriftrolle entwickelt hatte.

»Was steht drin?«, fragte Jacko, der ihr ins Haus gefolgt war.

»Moment«, murmelte Linette und überflog rasch den Inhalt der Rolle.

»Pestilla ruft uns an Samhain auf den Blocksberg. Nach acht Jahren findet endlich wieder eine Hexenweihe statt.«

»An Samhain sagst du? Feiern die Menschen da nicht ihr verrücktes Halloween?«

»Du hast recht, Pestilla hatte schon immer Sinn für Humor«, seufzte Linette.

Drittes Kapitel
Was ’n das?

»Ist Tante Linette eigentlich nett?«, fragte Magnolia, während sie die letzten Kilometer nach Rauschwald zurücklegten. Sie hatte beschlossen, nicht mehr an die Raben zu denken.

»Nenn sie Tante Linny, dann ist sie nett«, gab ihre Mutter munter zur Antwort. Magnolia runzelte die Stirn. »Nein im Ernst«, fügte ihre Mutter hinzu, »sie ist ähmm … etwas verschroben, würde ich sagen. Eine alte Jungfer.«

»Wieso verschroben?«, wollte Magnolia wissen und lehnte sich nach vorne, um besser zu hören.

Ihre Mutter lachte und zwinkerte ihr im Rückspiegel zu.

»Na ja, sie versteht sich auf Kräuterkunde und Liebeszauber. Manchmal steht die halbe Stadt bei ihr Schlange. Aber die Leute würden sich lieber die Zunge abbeißen als es zuzugeben.«

»Zzzzzzzz«, Magnolia war sich nicht sicher, ob sie das nun witzig oder ätzend finden sollte.

»Da unten ist es!«, rief ihre Mutter und deutete auf eine Ansammlung von Häusern, deren Dächer rot in der Sonne leuchteten.

»Das ist Rauschwald!«

»Scheint ein mieses kleines Dorf zu sein«, bemerkte Magnolia mürrisch.

»Das ist kein Dorf, sondern eine kleine Stadt. In Rauschwald gibt es alles, was man zum Leben braucht. Sie haben sogar eine eigene Schule, die du auch bald besuchen wirst.«

»Ja, ich weiß.«

»Tante Linny wohnt außerhalb, deshalb wirst du heute wohl noch nicht in den Genuss des aufregenden Stadtlebens kommen.«

Magnolia zuckte die Schultern. Kein besonders schmerzlicher Verzicht, soweit sie die Sache beurteilen konnte.

Die Straße machte einen Bogen um die Stadt und schlängelte sich durch grüne Wiesen, vorbei an glücklichen Kühen und einer malerischen Kirche.

Schließlich bogen sie in einen schlaglochgepflasterten Feldweg, der sie zwischen hohen Eichenbäumen schwankend bergan führte.

Magnolia wurde still. Jetzt konnte ihr neues Zuhause nicht mehr weit sein. Abgeschoben zu einer alten Jungfer, die irgendeinen Hokuspokus veranstaltete und sich in die Angelegenheiten fremder Leute einmischte. Was für ein reiches Betätigungsfeld würde ihr da erst Magnolia bieten. Ausgeliefert für ein ganzes beklopptes Jahr!

Panik machte sich in Magnolia breit und am liebsten wäre sie aus dem Auto gesprungen. Doch da parkte ihre Mutter bereits vor einer hohen Brombeerhecke.

»Geschafft! Wir sind da.« Sie zog den Zündschlüssel ab und stieg aus.

»Nun komm schon, Maggie, sicher erwartet uns Tante Linny schon.«

Magnolia stieg steifbeinig aus dem Wagen.

»Maggie, nun komm!«, drängte ihre Mutter, die es auf einmal sehr eilig hatte.

Sie betraten den Garten durch eine schmiedeeiserne Tür, die in ihren Angeln quietschte.

Man konnte nur ahnen, wo die Natur aufhörte und Tante Linettes Garten begann. Alles war prächtiger Wildwuchs.

Erst auf den zweiten Blick entdeckte Magnolia das Haus. Es duckte sich unter den ausladenden Ästen einer alten, knorrigen Eiche.

Wie angewurzelt blieb sie stehen. Langsam sackte ihr die Kinnlade herunter. Auch Frau Melbach hielt in ihrem Marsch auf das Haus inne. Für einen kleinen Moment spielte sie mit dem Gedanken, kehrtzumachen und ihre Tochter einfach mit nach New York zu nehmen, aber das war unmöglich. Sie hatte in den letzten Jahren zu hart gearbeitet, um alles aufs Spiel zu setzen. Und ein Kind konnte sie bei ihrem neuen Job wirklich nicht gebrauchen. Sie drehte sich zu Magnolia um und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die wohl ein aufmunterndes Lächeln darstellen sollte.

»Hier fehlt lediglich der Mann im Haus!«, quietschte sie.

Magnolia schenkte ihrer Mutter keine Beachtung. Ihr Blick hing gefesselt an dem Haus, dessen reetgedecktes Dach so schief auf seinen Mauern hockte, dass man meinte, es müsse jeden Moment herunterrutschen. Irrwitzigerweise versuchte ein dicker rot gemauerter Turm, der an einer Seite des Hauses klebte, das Gleichgewicht zu halten, indem er sich weit hinauslehnte und sein spitzes Dach gen Himmel streckte.

Regenfass stand auf einem Brett, das quer über die Haustür genagelt worden war.

Frau Melbach schüttelte sich kurz wie eine nasse Katze und zog dann forsch an dem eisernen Klingelzug. Im Haus läutete eine Glocke.

Ungeduldig winkte sie ihre Tochter heran, die noch immer mit seltsam leerem Gesichtsausdruck auf das Haus starrte.

»Ich glaub es nicht«, zischte Magnolia ihrer Mutter ins Ohr.

»Allein dieses Haus ist eine Katastrophe und da soll ich …«

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und sie stand zum ersten Mal ihrer Großtante gegenüber. Natürlich hätte Magnolia durch das Haus gewarnt sein müssen, dennoch war sie auf den Anblick, der sich ihr nun bot, nicht gefasst.

Es gelang ihr gerade noch, einen Schrei zu unterdrücken und einen Satz rückwärts zu tun.

Oh Gott, hämmerte es in ihrem Kopf. OH GOTT!!!

Warum hatte ihre Mutter sie nicht gewarnt?! Das war ihre Tante?! Dieser Besen?! Diese alte Jungfer?! Kein Wunder, dass sie keinen Mann abbekommen hatte. Sie sah aus wie eine Hexe. Das verfilzte, graue Haar stand ihr in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Der üppige Busen steckte in einem pelligen, lila Pullover und der geflickte Rock wurde von einer speckigen Küchenschürze geziert.

»Na, Kindchen, hat deine Mutter mich schöner geredet, als ich bin?«, kicherte ihre Tante und ein langer Zahn schob sich von unten über ihre Oberlippe. Mit flinken Augen, die an getrocknete Sultaninen erinnerten, schien sie Magnolia bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken.

Der Drang umzudrehen und einfach wegzurennen wurde übermächtig. Just in diesem Moment packte ihre Mutter sie am Arm und hielt sie fest.

»Ihr kommt am besten herein, Charlotte, bevor dein Täubchen es sich anders überlegt«, knarrte Tante Linette und gab den Weg ins Innere des Hauses frei.

Mit einem Knuff stieß Frau Melbach ihre Tochter über die Schwelle.

Verstohlen sah Magnolia sich um. In den dunklen Ecken stapelten sich Schuhe und Blumentöpfe. Eine schmale hölzerne Treppe führte in die obere Etage und ein klobiger Bauernschrank beanspruchte die Hälfte der Diele für sich.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Magnolia spürte genau, dass dieses Haus kein gewöhnliches Haus war. Eine Gänsehaut huschte über ihren Rücken. Verstohlen sah sie zu ihrer Mutter hin, die bisher noch kein Wort gesagt hatte.

Charlotte Melbach war wie immer überwältigt, wenn sie Tante Linette gegenüberstand, und wie immer musste sie deren Anblick erst einmal verdauen. Damit war sie jetzt fertig.

»Da sind wir also, Tante Linny«, flötete sie. »Maggie konnte es gar nicht erwarten, dich endlich kennenzulernen. Ständig hat sie gedrängt und mich mit Fragen gelöchert. Wie sieht es bei Tante Linny aus, Mama? Ist Tante Linny nett? Ich freue mich ja so darauf, ihr Gesellschaft zu leisten. Du hättest das Kind hören sollen, die ganze Zeit hat es geplappert und …«

Magnolia runzelte unwillig die Stirn. Was redete ihre Mutter denn da für einen gequirlten Mist? War sie total übergeschnappt?

»Ja, da seid ihr nun«, unterbrach Linette barsch den Redefluss ihrer Nichte.

»Nur schade, Charlotte, dass du so gar keine Zeit mitgebracht hast für deine alte Tante. Willst nur schnell dein Schäfchen abgeben und wieder verschwinden. Aber um eine Tasse Kaffee kommst du mir nicht herum, soviel Zeit muss sein.«

Frau Melbach lief puterrot an. »Wie ungerecht, Tante Linny«, presste sie mühsam beherrscht hervor. »Denn ich bin wirklich sehr in Eile. Aber natürlich werde ich mir deinen vorzüglichen Kaffee nicht entgehen lassen.«

»Dann folgt mir in die gute Stube«, grunzte Linette und ging voran.

War ihre Mutter wahnsinnig geworden? Sie konnte doch nicht ohne sie abreisen, jetzt wo sie den Schuppen und die Alte hier gesehen hatte. Wütend zog Magnolia ihre Mutter am Arm. »Mama!«, flüsterte sie mit der Diskretion eines Lautsprechers. »Mama, ich bleibe auf keinen Fall hier. Ein Blinder kann sehen, was hier los ist. Dieses Haus ist ein Hexenhaus und der Besen ist eine Hexe!«

Wütend fuhr ihre Mutter herum. »Hexen gibt es nicht! Und nun hör gefälligst auf, so laut zu zischeln, sie kann dich ja hören.«

»Das ist mir gleich.«

»Mir nicht, also komm!«

Verärgert stapfte Magnolia hinter ihrer Mutter in die Wohnstube.

Unter anderen Umständen hätte ihr der Raum sicher gefallen, jetzt rümpfte sie jedoch die Nase über die vertrockneten Kräuter, die in Büscheln von der niedrigen Decke baumelten und das grün gekachelte Ungetüm in der Ecke, das vermutlich einen Ofen darstellte. Von Tante Linette keine Spur.

»Ich sehe hier nicht einmal einen Fernseher«, zischelte sie erneut.

»Das liegt sicher daran, dass ich keinen Fernseher besitze«, antwortete Tante Linette, die in dieser Sekunde durch eine unscheinbare Seitentür hereinkam. Mit einer knappen Handbewegung deutete sie ihren Gästen an, sich zu setzen.

»Ich habe Brombeerkuchen gebacken«, verkündete sie.

Brombeerkuchen? Irgendwie hatte Magnolia erwartet, ihre Tante würde eine Terrine aus Schneckenschleim auf den Tisch bringen.

Ohne eine Antwort abzuwarten, lud Linette jedem ein riesiges Kuchenstück auf den Teller und ließ sich ächzend in den Sessel fallen. Wortlos betrachtete sie ihre Gäste.

Magnolias Mutter ging ihr Stück Kuchen an wie einen Feind, der in kürzester Zeit vernichtet werden musste. Sie war nicht gewillt, ihren Aufenthalt in diesem Haus unnötig in die Länge zu ziehen. Schließlich stürzte sie mit einem triumphierenden Blick den letzten Schluck Kaffee hinunter.

»Alle Achtung, Charlotte, das war rekordverdächtig«, sagte Linette.

Betreten stocherte Magnolia in ihrem Stück Kuchen herum.

»Versteh mich bitte nicht falsch«, hörte sie ihre Mutter mit gepresster Stimme sagen. »Ich weiß sehr zu schätzen, was du für Maggie und mich in diesem Jahr tust und ich bin dir wahnsinnig dankbar. Deine bissigen Kommentare kannst du dir allerdings sparen. Dieses Jahr wird vermutlich das wichtigste Jahr meines Lebens, und ob es dir nun passt oder nicht, ich werde jetzt gehen, um meinen Flug nach New York nicht zu verpassen.«

Sie fuhr sich nervös mit einer Hand durch die Haare. »Du weißt ja, ich habe noch einen weiten Weg vor mir.« Sie lächelte flüchtig.

Magnolia schaute von ihrem Teller auf. In diesem Moment wurde ihr klar, dass ihre Mutter Ernst machte. Sie hatte keine Skrupel, ihr einziges Kind in einem Hexenhaus zurückzulassen. Es war ihr egal, denn der Job war so viel wichtiger als die dumme kleine Magnolia. Die Spaßbremse, der Klotz am Bein, das Karrierehindernis.

Ein dicker Kloß schien ihren Hals zu verstopfen. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch Luft bekam. Na ja, vermutlich würde es auch niemanden interessieren, wenn sie hier plötzlich tot vom Stuhl kippte. Schnell trank sie einen Schluck Kaffee.

»Ich halte dich nicht auf«, brummte Linette und gab damit das Stichwort. Erleichtert sprang Magnolias Mutter auf. »Ich hole das Gepäck«, murmelte sie und eilte, ohne ihre Tochter anzusehen, hinaus. Magnolia ging ihr nach. Als sie an die Gartenpforte kam, stand das Gepäck bereits davor und ihre Mutter wartete mit Schmatz im Arm an der offenen Wagentür. Sie lächelte unsicher, kam dann noch einmal zurück, umarmte Magnolia ganz fest und drückte ihr die Kröte in den Arm. »Es ist ja nur für ein Jahr«, flüsterte sie. »Ich schreibe dir jede Woche und … denke ja nicht, mir fällt dieser Abschied leicht.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um, sprang ins Auto und brauste davon, ohne auch nur einmal zu winken. In eine Staubwolke gehüllt blieb Magnolia zurück.

»Es fällt dir leicht«, sagte sie traurig.

»Scheint jedenfalls so«, krächzte eine Stimme hinter ihr. »Ist wohl das Beste, wenn ich dir jetzt dein Zimmer zeige.« Tante Linette schlurfte ins Haus und Magnolia trottete benommen hinterher.

Viertes Kapitel
Sieht sie mich?

Magnolias Zimmer befand sich in dem dicken runden Turm und war nur über eine extrem steile Wendeltreppe zu erreichen. Es war spärlich möbliert und bot außer einem Bett, einer geräumigen Kommode und einem kleinen Waschtisch kein nennenswertes Mobiliar. Dafür hatte man einen wundervollen Ausblick nach allen Seiten.

»Die Toilette ist übrigens im Garten, in dem kleinen Holzhäuschen mit dem Herz an der Tür«, sagte Tante Linette mit Sinn fürs Wesentliche. Dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss und Magnolia war endlich allein.

Sie stieß ein Fenster auf und lehnte sich hinaus. Tatsächlich, am Ende des Gartens, direkt vor der hohen Gartenmauer stand eine schiefe Hütte, die kaum größer war als eine Streichholzschachtel. Magnolias Blick wanderte über die Mauer hinaus über grüne Wiesen bis hinunter zu einer Kirche im Tal. Es musste dieselbe Kirche sein, an der sie bereits bei ihrer Anreise vorbeigekommen waren. Plötzlich stieg über dem Friedhof eine Wolke schwarzer Vögel auf und verschwand lautlos im nahen Wald. Magnolias Herz machte einen Salto. Was waren das für Vögel? Doch wohl keine Raben! Unglücksraben, Todesvögel.

»Bitte nicht auch noch Raben«, flüsterte sie und ihre Stimme zitterte verdächtig. Unwillig wischte sie eine Träne fort, die über ihre Wange rollte, ohne um Erlaubnis zu fragen. Es fehlte noch, dass sie jetzt anfing zu heulen wie ein Baby. Sie war es doch gewohnt allein zu sein. Zu Hause hatte sie ihre Mutter oft den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen und es hatte ihr nichts ausgemacht. Sie hatte ferngesehen oder sich in ihr Bett gekuschelt oder mit Freunden telefoniert oder … Ihre Unterlippe zuckte. Es war überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Leben in diesem … diesem Hexenhaus.

Verzweifelt warf Magnolia sich auf das Bett und schluchzte hemmungslos in die Kissen. Sie wusste, dass es dumm war, sich selbst zu bemitleiden. Aber es tat so gut, den Gefühlen endlich freien Lauf zu lassen. Erst als keine einzige Träne mehr in ihr war, hob sie schniefend den Kopf.

Schmatz‘ große, grüne Glubschaugen blickten sie vorwurfsvoll an.

Was liegst du hier herum und heulst? Steh lieber auf und such die Rosinen im Kuchen!, schien er streng zu sagen. Schmatz hatte noch nie Verständnis für Menschen gehabt, die sich wie Waschlappen benahmen.

»Du hast gut reden, dumme Kröte«, murrte Magnolia, während sie sich aufsetzte. »Dich schiebt schließlich niemand mutterseelenallein in ein Hexenhaus ab. Du hast dein Frauchen immer bei dir.« Sie straffte entschlossen die Schultern – und fühlte sich augenblicklich besser.

Nach ein paar weiteren Augenblicken war sie sogar bereit, den Rat der Kröte zu beherzigen und das Beste aus der Situation zu machen. Entschlossen stand sie auf.

Es war völlig dunkel im Turm. Lebensgefährlich dunkel. Vorsichtig tastete Magnolia sich die steile Treppe hinab. Aus einem der unteren Räume drang Tante Linettes raue Stimme. Hatte sie Besuch? Neugierig beugte Magnolia sich über das Geländer und lauschte.

»Sie ist vorhin angekommen«, knarrte die Stimme ihrer Tante.

Eine kurze Pause folgte, dann antwortete eine tiefe, fremde Stimme: »Ein schlechter Zeitpunkt. Nachts brennen auf der Burg wieder die Feuer. Was wirst du also mit ihr tun?«

»Was bleibt mir schon übrig?«, fragte Tante Linette gereizt, »ich werde …« Mitten im Satz brach sie ab.

Magnolia hörte, wie ihre Tante laut und geräuschvoll die Luft einsog. Sie schnüffelte. »Das Mädchen belauscht uns«, sagte sie. »Besser du gehst jetzt.«

Ein kurzes Brummen, dann klappte eine Tür.

Ihre Tante konnte sie riechen!! Wie entsetzlich! Unheimlich! Ekelig! Die Gedanken wirbelten nur so durch Magnolias Kopf. Wohin war sie hier geraten? Wer wusste, ob sie den nächsten Morgen überhaupt noch erlebte? Im Schlaf gemeuchelt. Magnolia wurde kreidebleich.

»Steh dir da oben nicht die Beine in den Bauch, sondern komm herunter und hilf mir beim Abendessen!«

Das galt ihr. Sie hatte also keine andere Wahl, als zu dem Ungeheuer in die Küche zu gehen.

Vermutlich bin ich das Abendessen, dachte Magnolia in einem Anflug von bitterem Humor.

»Dafür bist du viel zu mager«, kicherte ihre Tante, während sie Pfannkuchenteig in eine schwere gusseiserne Pfanne gab.

»Ups«, Magnolia schluckte. Wie machte sie das denn, konnte sie auch noch Gedanken lesen?

Tante Linette warf ihr einen belustigten Blick zu und widmete sich wieder dem Pfannkuchen, der köstlich duftend in der Pfanne lag. Mit einem gekonnten »Hepp« wendete sie ihn in der Luft und Magnolia hätte schwören können, dass er kurz unter der Küchendecke flatterte, ehe er sich elegant drehte und in die Pfanne zurückplumpste. Tante Linette grunzte zufrieden.

»Du kannst den Tisch im Garten decken. Im Sommer esse ich abends gerne im Freien. Alles, was du dafür brauchst, findest du dort.« Sie deutete auf einen weißen Küchenschrank hinter der Tür.

Gehorsam, aber noch immer grübelnd, deckte Magnolia den Tisch im Garten. Er stand auf dreieinhalb Beinen direkt vor einem riesigen Holunderbusch. Für einen Moment hielt sie inne und lauschte. Der Garten hatte etwas Beruhigendes. Die Dämmerung, die noch vorhandene Wärme des Tages, der Duft nach Kräutern.

»Ist dieses Plätzchen nicht wunderbar?«, fragte Tante Linette. Sie kam heraus, beladen mit einem Teller voll Pfannkuchen und einem Krug Brombeersaft und stellte beides schwungvoll auf den Tisch. So schwungvoll, dass der Saft aus dem Krug schwappte und der Turm Pfannkuchen in gefährliche Schieflage geriet. Magnolias Mutter wäre jetzt fluchend nach einem Lappen gerannt. Tante Linette schenkte der Saftlache auf dem Tisch keine Beachtung. »Setz dich und lass es dir schmecken«, sagte sie und zog sich ebenfalls einen Stuhl heran.

Magnolia nahm Platz. Obwohl sie es nicht für möglich gehalten hatte, verspürte sie plötzlich einen ungeheuren Appetit.

Schweigend stopfte sie den ersten Pfannkuchen in sich hinein. Dabei überlegte sie angestrengt, ob sie eine Unterhaltung anfangen sollte, oder ob es in Ordnung war, einfach nur dazusitzen und schweigend zu essen. Nach dem vierten Pfannkuchen und dem dritten Becher Brombeersaft besann sie sich auf ihre guten Manieren.

»Entschuldige«, sagte sie zerknirscht. »Ich glaube, es ist nicht besonders höflich, schweigend die Pfannkuchen in sich hineinzuschlingen.« Sie versuchte ein schiefes Lächeln.

»Höflich, papperlapapp!«, schnaubte Tante Linette. »Hauptsache es schmeckt.« Ungeniert schob sie sich den Rest ihres aufgerollten Pfannkuchens in den Mund und kaute mit vollen Backen.

Hauptsache, es schmeckt …? Hey, das war nett. Neugierig sah Magnolia ihre Tante an.

Die fuhr sich mit dem Handrücken über den fettigen Mund, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen.

Inzwischen war es beinahe dunkel. Irgendwo sang eine Nachtigall und der Duft von Rosen hing süß und schwer in der Luft.

Zum ersten Mal an diesem Tag spürte Magnolia, wie alle Anspannung von ihr abfiel. Satt und zufrieden sackte sie in ihrem Stuhl zusammen. In der Ferne rief ein Käuzchen und alles war so friedlich.

Da hörte sie es. Ein leises Wispern ganz in ihrer Nähe. Erstaunt sah Magnolia sich um, doch es war niemand zu sehen. Tante Linette schien nichts zu bemerken. Oder doch? Magnolia sah, wie sie unauffällig, aber energisch nach etwas trat. Sie runzelte die Stirn.

Eine Weile war alles still, dann wisperte es erneut. Diesmal kam das Geräusch sehr deutlich aus dem Holunderbusch direkt hinter Tante Linettes Stuhl.

»Was war das?«, fragte Magnolia laut.

»Was war was?«, Tante Linette trat so heftig mit dem Fuß nach hinten, dass sie beinah das Gleichgewicht verlor und drohte, von ihrem Stuhl zu fallen.

»Na, das laute Flüstern«, sagte Magnolia. Tante Linette benahm sich ja reichlich merkwürdig.

»Welches Flüstern?«

Magnolia setzte sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf. Im Holunderbusch direkt hinter ihrer Tante bogen sich die Zweige. Sie bogen und bogen sich, bis sie fast den Boden berührten. Dann schnellten sie hoch und etwas sauste direkt auf sie zu. Es klatschte – und auf dem Teller mit den restlichen Pfannkuchen saß breitbeinig ein kleiner Mann mit roten Haaren und blauer Kappe.

»Nein!!«, schrie Linette. Zu spät. Er war nicht zu übersehen.

Magnolia schlug sich die Hand vor den Mund. Sie konnte nicht glauben, was sie dort sah.

»Du verdammter Kobold«, zischte ihre Tante, »warte, bis ich deinen Vater treffe, dann hast du nichts mehr zu lachen. Ich habe dir verboten dich zu zeigen und was tust du?«

Magnolia zweifelte nun ernsthaft an ihrem Verstand. »Hey – in welchem Film bin ich denn hier gelandet?«, stammelte sie.

»Du bringst das Mädchen ganz durcheinander«, schimpfte Linette.

»Sieht sie mich?«, fragte der Kobold.

»Sie sieht dich.«

»Dann ist sie …«, fuhr der Kobold fort.

Linette nickte und legte unauffällig einen Finger auf den Mund.

»Jetzt bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als euch einander vorzustellen«, murrte sie.

»Das«, sie deutete auf Magnolia, »ist meine Großnichte Magnolia Steel. Sie wird für ein Jahr bei mir wohnen. Und dieser Taugenichts dort auf den Pfannkuchen ist Jeppe op de Wiesen.«

»Warum ist er so winzig?«, fragte Magnolia erstaunt.

»Er ist ein Kobold«, erklärte ihre Tante knapp, so als wäre es das Normalste von der Welt.

»Und ich bin nicht winzig, verstanden!«, rief Jeppe streitlustig.

»Das stimmt, für einen Kobold ist er sogar recht groß«, bestätigte Linette.

»Wie alt ist er?«, fragte Magnolia.

»Er ist siebenundachtzig Jahre alt«, antwortete Jeppe giftig. »Du kannst mich übrigens direkt fragen, Jungfer Riesengroß.«

Magnolia rümpfte ihre Nase.

»Eigentlich ist er ganz nett«, versuchte Linette die Situation zu retten.

»Dann kann er sich aber ziemlich gut verstellen«, gab Magnolia böse zurück.

Jeppe war inzwischen von seinem Pfannkuchenkissen aufgestanden und stolzierte zwischen dem Geschirr auf und ab.

»Und, was machen Kobolde so?«, versuchte Magnolia es nach einer Weile.

»Kobolde sind dazu da, Unheil zu stiften«, erklärte Jeppe mit wichtiger Miene.

»Ihr stiftet Unheil?«, fragte Magnolia ungläubig.

»Yep«, antwortete Jeppe.

»Und wie?«

»Ooch, wir locken ahnungslose Wanderer in den Sumpf, vertauschen neugeborene Kinder, lassen die Milch sauer werden …«

Magnolia bekam große Augen.

»Na ja, und dann haben wir natürlich noch jede Menge damit zu tun, uns die vielen Verstecke unserer Goldtöpfe zu merken. Das ganze Zeug will dann und wann ja auch mal poliert werden.«

»Genug, Jeppe«, fuhr Linette dazwischen. »Kobolde sind arge Taugenichtse und haben immer Zeit, das Grüne von den Bäumen zu schwätzen, aber der hier hat wenigstens das Herz auf dem rechten Fleck.«

»Heißt das, es gibt noch mehr davon?«, fragte Magnolia schnell.

»Heißt das, es gibt noch mehr davon?«, äffte Jeppe sie nach.

»Glaubst du, ich bin ein Unfall der Natur? Eine Art Missgeburt? Natürlich gibt es noch mehr Kobolde, du blöde Gans!«

»Jeppe!«, rief Linette scharf. »Es reicht. Am besten ihr beginnt noch einmal von vorn.«

Magnolia kämpfte mit den Tränen. So ein gemeiner Kerl. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Okay«, murmelte Jeppe, »war’n schlechter Start. Wenn du willst, fangen wir noch einmal an.« Und mit einem Satz, zu dem nur Kobolde fähig sind, sprang er quer über den Tisch und landete mitten auf dem Stapel Pfannkuchen, so als sei er eben erst angekommen.

Magnolia blinzelte durch ihre nassen Augenwimpern.

Jeppe winkte ihr zu. »Hi, Magnolia, ich bin Jeppe, ein Kobold und ich freue mich dich kennenzulernen.«

Magnolia lächelte. »Hi, Jeppe, schön dich zu sehen.«

»Zufrieden?«

»Fein, jetzt kannst du verschwinden«, sagte Linette. »Für heute reicht es. Es ist Zeit für Magnolia ins Bett zu gehen.«

Normalerweise hätte Magnolia protestiert, doch heute Abend spürte sie ausnahmsweise, dass ihre Tante recht hatte.

»Also schlaf gut, Jungfer Riesengroß«, sagte Jeppe. »Und denke daran, was du in der ersten Nacht in einem fremden Haus träumst, geht in Erfüllung.« Mit einem weiten Satz verschwand er im dunklen Garten.

»Hoffentlich träume ich nicht von dir!«, rief Magnolia ihm nach.

Schwerfällig erhob sich Tante Linette von ihrem Platz.

»Ich leg mich aufs Ohr«, sagte sie, »und dir rate ich dasselbe zu tun. Ist nicht gut für so ein junges Ding, nachts alleine draußen.«

Magnolia stand auf, ihre Gedanken kreisten noch um den Kobold.

»Warte mal Tante Linette!«, rief sie. »War der eben echt? Ich meine, es ist schwer zu glauben, ein echter Kobold in deinem Garten …«

Tante Linette gluckste: »Ich sagte bereits, mein Garten ist wunderbar.« Damit schlurfte sie ins Haus.

»Und das Geschirr?«

»Ah.« Linette machte eine wegwerfende Handbewegung und verschwand. Magnolia beeilte sich, ihr zu folgen, doch obwohl sie nur wenige Sekunden nach ihrer Tante das Haus betrat, fehlte von ihr jede Spur. Unschlüssig blieb sie in der Diele stehen.

»Tante Linette!«, rief sie zaghaft. Keine Antwort. Dafür kam eine einäugige, schwarze Katze aus dem blauen Bauernschrank. Sie schritt majestätisch auf Magnolia zu und rieb sich an ihren Beinen. Ihr schwarzes Fell sprühte Funken.

»Hallo Katze«, sagte Magnolia, »kommst du mit? Ich habe wenig Lust, allein im Stockdunkeln die Treppe raufzuschleichen.«

Und als hätte Serpentina verstanden, stieg sie auf Samtpfoten voran.

Falls Magnolia befürchtet hatte, in ein finsteres Zimmer zurückzukehren, wurde sie angenehm überrascht. Eine Petroleumlampe sorgte für warmes gelbes Licht im Turm.

Schnell schlüpfte sie in ihr Nachthemd, während Serpentina es sich am Fußende ihres Bettes bequem machte. »Danke, Katze«, flüsterte Magnolia. Sie löschte die Petroleumlampe und trat an das geöffnete Fenster. Eine Weile schaute sie in den ruhigen Garten und hinüber zur Kirche. Sie lag völlig im Dunkeln, nur auf dem Friedhof tanzten zwei flammenartige Lichtpunkte zwischen den Grabsteinen auf und ab. Irrlichter vielleicht.

Magnolia ließ sie nicht aus den Augen und beobachtete, wie sie über die Friedhofsmauer schwebten und ziellos am Hang umherirrten. Sie beobachtete die unruhigen Lichter, bis sie anfing zu frösteln. Dann schlüpfte sie ins Bett.

Fünftes Kapitel
Im Regenfass

Magnolia schlief ein, sobald ihr Kopf die dicken, weichen Kissen berührte. Aber sie schlief unruhig und träumte wirres Zeug. Ihre Tante flog mit wehenden Haaren um den Turm und kreischte: »Willkommen, Magnolia, willkommen im Reich der Schatten!« Die beiden Irrlichter verwandelten sich in die glühenden Augen einer Raubkatze, die näher und näher kam, um sie mit ihrem riesigen Rachen zu verschlingen. Dazu das irre Kreischen ihrer Tante.

Keuchend fuhr Magnolia auf. Himmel, was für ein Traum. Es stimmte hoffentlich nicht, was der Kobold über das Träumen gesagt hatte. Wenn doch … na dann besten Dank.

Im östlichen Fenster zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen. Jetzt, wo es hell wurde, brauchte sie keine Schatten mehr zu fürchten.

Magnolia räkelte sich noch eine Weile im Bett und beschloss dann, das Haus einmal gründlich in Augenschein zu nehmen. Wo es Kobolde gab, warteten sicher auch noch andere interessante Dinge darauf, entdeckt zu werden.

»Ich werde systematisch vorgehen und unten in der Diele anfangen«, murmelte sie, während sie in ihre Jeans schlüpfte.

Leise und sehr, sehr vorsichtig schlich Magnolia auf Zehenspitzen die Treppe hinunter.

Die Diele lag still und verlassen im morgendlichen Zwielicht. Angestrengt spähte Magnolia in alle Ecken. Regenmäntel, Gummistiefel, Blumentöpfe. Lauter unverdächtiges Zeug und auf keinen Fall das, wonach sie suchte.

Dann wurde sie fündig. Im Schatten der Treppe verbarg sich etwas hinter einem dicken, roten Samtvorhang. Vorsichtig schob Magnolia den schweren Stoff zur Seite und vor lauter Abenteuerlust hüpfte ihr Herz wie ein Knallfrosch. Tatsächlich, sie stand vor einer geheimnisvollen Tür. »Bingo«, murmelte sie grimmig.

Die Tür war mit schwarzem Leder beschlagen und über und über mit magischen Symbolen bedeckt. Pentagramme erkannte selbst Magnolia.

»Sieht aus, als hätte ich mal wieder den richtigen Riecher gehabt«, schnalzte sie zufrieden und streckte die Hand nach der Klinke aus. Ein Fehler, den sie prompt bereute. Sowie ihre Hand das Metall berührte, zischte es, als hätte man ein Steak auf eine heiße Pfanne gelegt. Ein brennender Schmerz fuhr Magnolia in den Arm. Der Schrei blieb ihr im Halse stecken, als ihr der Geruch nach verbranntem Fleisch in die Nase stieg.

Magnolia wurde übel, die Diele tanzte vor ihren Augen, und sie sackte bewusstlos zusammen.

Als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, lag sie auf dem Sofa in der Stube. Sie war auf einem Berg von Kissen gebettet und Tante Linette war dabei, ihr die Reste eines grünen, angenehm kühlenden Breis auf ihre schrecklich verkohlte Hand zu streichen.

»Da hat dich dein Riecher wohl im Stich gelassen, was?«, krächzte sie. »Kann solche Naseweise nicht leiden.«

»Was ist mit meiner Hand?«, wimmerte Magnolia. »Werde ich sie je wieder gebrauchen können?« Schon wurde sie wieder weiß um die Nase.

»Hör auf zu jammern. Und werde mir bloß nicht wieder ohnmächtig«, brummte Tante Linette. »Trink das!« Sie goss eine honigfarbene Flüssigkeit aus einer bauchigen Karaffe in ein Glas und reichte es ihrer Nichte.

Zittrig nahm Magnolia einen Schluck. Und noch während die Flüssigkeit warm durch ihre Kehle lief, fühlte sie, wie aller Schmerz und Schrecken aus ihrem Körper verschwand. Ihre Hand fing an zu prickeln, zu pulsieren und man konnte geradeweges zusehen, wie sie sich erneuerte. Zwei Minuten später hatte Magnolia ihre alte neue Hand wieder.

Das war doch eindeutig Zauberei! Da war ihr Tante Linette wohl endlich eine Erklärung schuldig.

Bedauerlicherweise fühlte die keinen Erklärungszwang, sondern zeigte nur einen erheblichen Mangel an Mitgefühl. Wortlos verschwand sie in der Küche und zog die Tür hinter sich zu.

Magnolia seufzte: »Na Klasse, da lag man halb tot auf dem Sofa. Ratzfatz, etwas grünes Zeug auf die Hand, und das war’s!« Über erdrückende Fürsorge konnte sie sich bei ihrer Tante weiß Gott nicht beklagen.

Gelangweilt beobachtete sie die kleinen Staubkörnchen, die in der Morgensonne durch das Zimmer tanzten. Die Zeit verstrich. Offensichtlich hatte Linette nicht vor, noch einmal nach ihr zu sehen. Mürrisch schwang sie schließlich die Beine vom Sofa und ging in die Küche.

Wie am Abend zuvor stand ihre Tante am Herd. Konzentriert rührte sie in einem schweren Eisentopf, in dem es dumpf blubberte. Hatte es gestern jedoch verlockend nach Pfannkuchen geduftet, erfüllte heute ein beißender Gestank den Raum.

»Puh«, schnüffelte Magnolia, »das gibt es doch hoffentlich nicht zu essen, oder?«

Grinsend drehte sich ihre Tante um. »Mach, dass du rauskommst, dieser Gestank lässt dir sonst Barthaare wachsen.« Wild fuchtelnd drängte sie Magnolia aus der Küche. »Wenn du dich einigermaßen erholt hast, können wir ja frühstücken. Du musst unbedingt meine köstliche Brombeermarmelade mit Pimpernelle probieren. Ich habe in der Stube für uns gedeckt.«

»In der Stube?«, fragte Magnolia verblüfft. »Wann denn das …?« Tante Linette blieb die Antwort schuldig.

Tatsächlich war das Krankenlager verschwunden und die Vorhänge bauschten sich am offenen Fenster. Auf dem Tisch standen Marmelade, Kakao und Brötchen, und aus einem Milchkrug grüßte freundlich ein Strauß blauer Kornblumen.

Nachdenklich bestrich Magnolia eine Brötchenhälfte. Ihre Gedanken kreisten um all die seltsamen Dinge, die sich seit ihrer Ankunft in diesem Haus ereignet hatten.

»Ich möchte dich mal etwas fragen, Tante Linette«, sagte sie plötzlich. »Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber … mir kommt hier manches reichlich merkwürdig vor. Gestern Abend der Kobold, heute meine Hand und der gedeckte Frühstückstisch, ich mache mir da natürlich so meine Ge …« Magnolia starrte ihre Tante an.

Direkt am Kinn wuchsen ihr drei kräftige schwarze Borsten. Auf der mittleren hing sogar ein Brötchenkrümel. Diese Borsten hatte sie gestern noch nicht gehabt, da war sich Magnolia absolut sicher.

»Warum sprichst du nicht weiter?«, fragte Tante Linette freundlich.

»Ähmm, du hast da etwas …« Magnolia deutete mit einer vagen Handbewegung auf ihr eigenes Kinn.

Tante Linette fühlte nach. »Oh!«, rief sie erschrocken und sprang auf. Magnolia hörte noch Worte, die wie »zu tief über den Topf gebeugt« klangen, dann war ihre Tante auch schon verschwunden.

Hilflos zuckte sie mit den Schultern und beendete das Frühstück allein.

Nach einer Weile kam Tante Linette ohne Borsten in Begleitung von Serpentina zurück.

»Hallo Katze«, grüßte Magnolia. »Sie hat mich gestern Abend auf mein Zimmer gebracht und in meinem Bett geschlafen.« Zart strich sie Serpentina über das weiche Fell.

»So etwas habe ich mir schon gedacht«, sagte Tante Linette. »Serpentina schläft gern oben im Turm. Es ist ihr Lieblingsplatz.«

»Du heißt Serpentina? Was für ein ungewöhnlicher Name.« Die Katze blickte Magnolia ernst an und blinzelte ihr dann mit dem noch verbliebenen Auge zu. Ich bin auch eine ungewöhnliche Katze, sollte das heißen.

Linette zog inzwischen einen aus Zweigen geflochtenen kleinen Rucksackkorb hinter dem Ofen hervor und nahm ihn auf den Rücken.

»So ein Ding habe ich bisher nur in alten Heimatfilmen gesehen«, sagte Magnolia.

»Ich benutze die Kiepe häufig«, antwortete ihre Tante. »Vor allem zum Sammeln von Wildkräutern, die ich in meinem Garten nicht ziehen kann. Wenn du Lust hast, darfst du mich heute Morgen auf den Kuckucksberg begleiten.«

»Klar habe ich Lust«, erwiderte Magnolia, »gib mir nur zwei Minuten, um meine Jacke zu holen.«

Sie sauste hinauf in den Turm und blieb wie angewurzelt in der Tür stehen. Die Sonne schien durch die weit geöffneten Fenster und ein Rotkehlchen trällerte auf der Fensterbank seinen Morgengruß. Magnolia wusste nicht, wie ihr geschah, aber plötzlich hatte sie selbst so ein kleines, sonniges Gefühl im Bauch. Dabei hatte sie doch eigentlich Grund genug, traurig zu sein, so mutterseelenallein.

Egal! Sie gab sich einen Ruck, schnappte ihre Jacke und sprang die Treppen wieder hinunter in die Diele, wo Tante Linette bereits auf sie wartete. Mit ihren derben Wanderschuhen, dem geblümten Schlapphut und der Weidenkiepe auf dem Rücken sah sie unbestritten interessant aus.

»Na endlich!«, rief sie und marschierte mit großen Schritten zur Tür hinaus.

Frisch und ausgeruht kamen sie gut voran. Tante Linette war nicht besonders gesprächig.

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