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Magnolia Steel – Hexennebel

Über die Autorin

Sabine Städing, geboren und aufgewachsen im Norden Deutschlands, hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Mit ihren Büchern rund um die Hexe Magnolia hat sie endlich angefangen, die Abenteuer aufzuschreiben, die ihr schon so lange im Kopf herumspuken. Magnolia Steel ist eine dreibändige Serie, bestehend aus den Einzelbänden Hexendämmerung, Hexenflüstern und Hexennebel.

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Sabine Städing

Magnolia Steel

Hexennebel

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Andreas,

der mich bei all meinen Vorhaben

unterstützt

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Prolog

Professor Benjamin Schnuck war kein ängstlicher Mann. Sonst wäre er sicher nicht in die Mansardenwohnung unter dem Dach seines Museums gezogen. In eine Wohnung, deren nächste Nachbarn ägyptische Mumien, mongolische Reiterkrieger und ein sechs Meter hoher Tyrannosaurus Rex waren. Nein, ängstlich war Professor Schnuck nicht. Im Gegenteil, er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach Museumsschluss einen letzten Rundgang durch alle Abteilungen zu machen, um sich zu vergewissern, dass die Fenster geschlossen und die Alarmanlagen eingeschaltet waren, bevor er sich in seiner Wohnung an den Schreibtisch setzte und mit dem Übersetzen maurischer Texte begann. Professor Schnuck war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Ägyptologie und ein gefragter Experte alter Schriften.

Auch am heutigen Abend drehte er noch eine letzte Runde durch das Museum. Nachdenklich blieb der Professor vor den hohen Flurfenstern stehen und blickte durch die blanken Scheiben zu einem milchigen Mond hinauf. Es war seltsam, welche Streiche einem die Ohren mitunter spielten, wenn man allein und alles um einen herum völlig still war. Gerade glaubte er, Schritte zu hören. Leise, tappende Schritte. Lauschend drehte er sich um. Nichts. Natürlich nicht!

Gemächlich setzte er seinen Rundgang fort und schaute auch noch einmal bei den ägyptischen Mumien vorbei. Auch hier schien alles in bester Ordnung. Kanopen, Amulette und andere Schätze standen sicher verwahrt hinter verschlossenen Vitrinen, und auch die Sarkophage lagen säuberlich in Reih und Glied nebeneinander. Alles Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

Es war nur ein Gefühl, das den Professor innehalten und die Deckenbeleuchtung einschalten ließ. Irgendetwas stimmte nicht. Prüfend ließ Professor Schnuck seinen Blick durch den Raum gleiten. Tatsächlich! Der Deckel eines Sarkophags war verrutscht, sodass eine handbreite Öffnung zu sehen war. Das war wirklich ungeheuerlich. Gleich morgen früh würde er Herrn Sparbier, den Museumswärter, zur Rede stellen. Wieder und wieder predigte er seinen Mitarbeitern, gerade die ägyptische Abteilung im Auge zu behalten. Es war schließlich kein Geheimnis, welche Faszination die alten Mumien auf lebende Menschen ausübten. Es mussten mindestens drei Männer angepackt haben, um den schweren Deckel anzuheben, und so etwas durfte einfach nicht unbemerkt bleiben! Ärgerlich schaltete Professor Schnuck das Licht wieder aus und stieg die schmale Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Er schlüpfte aus seinen Schuhen, kochte sich in der Küche einen Becher Jasmin-Tee und setzte sich mit der dampfenden Tasse an seinen Schreibtisch. Seit Tagen beschäftigte er sich mit einem äußerst interessanten Text der Sarazenen. Es ging darin um eine Rezeptur, mit deren Hilfe man das ewige Leben erlangen konnte. Im Schein seiner Schreibtischlampe versank das Zimmer um ihn herum in dunkle Schatten, und der Professor tauchte ein in die geheimnisvolle Welt der alten Schrift.

Plötzlich glaubte er, ein leises Klingeln zu hören. Wie Schellen an einem Glockenbaum. Der Professor blickte kurz von seiner Arbeit auf und schüttelte den Kopf. Tappende Schritte, klingelnde Glöckchen, er musste wirklich einmal seine Ohren untersuchen lassen. Vielleicht arbeitete er einfach zu viel. Gerade beugte er sich wieder über seinen Text, als er erneut ein Geräusch vernahm, das in seiner Wohnung nichts zu suchen hatte. Es kam aus der Küche und erinnerte ihn an einen tropfenden Wasserhahn. Patsch – patsch – patsch. Unwillig stand der Professor auf. Was war denn heute Nacht bloß los? Hatte er etwa vergessen, den verflixten Hahn zuzudrehen? Mit Schwung betrat er die Küche und blieb wie angewurzelt stehen. Eine grüne, schleimige Masse tropfte aus dem Wasserhahn und sammelte sich in der Spüle. Überrascht trat der Professor näher. Was zum Teufel war das?

Er sollte es nicht erfahren, denn das schleimige Etwas tropfte bereits über den Rand zu Boden und glitt lautlos wie eine Schlange zur Tür hinaus, weiter über den Flur, bis ins Arbeitszimmer.

Fassungslos folgte Professor Schnuck dem unheimlichen was-auch-immer-es-war, und blieb erneut wie angewurzelt stehen. Er blickte geradewegs in die Mündung einer altertümlichen Pistole. Das musste ein schlechter Scherz sein, anders konnte sich Professor Schnuck das, was er dort sah, nicht erklären.

Auf seinem Schreibtisch saß ein kleinwüchsiger Mann mit Schnabelschuhen und Narrenkappe und grinste ihn höhnisch an. In der einen Hand hielt er die Pistole, in der anderen einen goldenen, mit Edelsteinen verzierten Pokal.

»Tretet näher!«, verlangte der Gnom.

Zögernd setzte der Professor einen Fuß vor den anderen.

»Halt! Das ist nah genug!« Der Gnom reichte ihm das Gefäß. »Trinkt!«, befahl er.

Der Professor wurde so grün wie der Inhalt des goldenen Pokals.

Erstes Kapitel
Bollwark

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Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte …

Missmutig streckte Magnolia ihren Kopf aus dem Fenster des Turms, in dem sie nun schon seit über einem Jahr wohnte, und rümpfte die Nase. Traurige Tatsache war, dass hier nichts flatterte, was in irgendeiner Weise mit dem Frühling zu tun hatte. Gewiss, Tante Linette hatte in grenzenlosem Optimismus ihre langen gerüschten Unterhosen im Garten zum Trocknen aufgehängt, aber das zählte nicht, fand Magnolia. Die Sache mit dem Top und den Flip-Flops konnte sie für die nächsten Wochen getrost vergessen, denn zu allem Überfluss wehte jetzt auch noch ein eiskalter Wind.

Magnolia schloss schnell das Fenster und stopfte lustlos die magischen Schulbücher in ihren Rucksack. Heute war Dienstag, und das bedeutete Nachmittagsunterricht bei Runa Rickmoor. Irgendwo weit draußen auf einer Hallig mitten in der Nordsee. Sie blickte verächtlich auf das Buch in ihrer Hand. Hinter so lustigen Titeln wie »Feuerwerk der guten Laune«, »Rodeo für Hexen« oder »Die wunderbare Welt der Schimmelpilze« versteckten sich gar nicht so lustige Kapitel, wie »Bewegungsdiagramme von Kugelblitzen«, »Elementare Stoffe und deren chemische Verbindungen« oder »Verkehrsregeln für fliegende Hexen«. Nur die wunderbare Welt der Schimmelpilze hielt, was der Titel versprach. Magnolia schulterte seufzend ihren Rucksack, stieg die steile, enge Treppe hinab und machte sich auf die Suche nach Tante Linette.

Linette Kater war eine Hexe im besten Sinne des Wortes. Sie war Heilkundige und weise Frau in einem. Die Bewohner Rauschwalds kamen zu ihr, wenn sie ein Pülverchen gegen Liebeskummer brauchten, einen kurzen Blick in die Zukunft werfen wollten oder wenn sie wieder mal das Rheuma plagte. Über mangelnde Beschäftigung konnte Linette sich nicht beklagen. Die Geschäfte liefen gut.

Darüber hinaus genoss sie auch in der magischen Welt ein hohes Ansehen. Sie war Angehörige des Hexenrates und ein äußerst geachtetes Mitglied der nationalen und internationalen Hexenzunft.

Wie so oft fand Magnolia ihre Tante in der Küche. Sie stand mit mehligen Händen vor einem riesigen Herd und war gerade dabei, einen knusprigen Laib Brot herauszuziehen. Sofort lief Magnolia das Wasser im Mund zusammen. Es gab auf der Welt nichts Leckereres als dieses Brot. Und dazu den Kräuter-Dip ihrer Tante, hergestellt aus Sauerrahm, Knoblauchrauke und anderen Kräutern aus ihrem Hexengarten.

»Ich wünschte, ich könnte Runas Unterricht heute sausen lassen. Ist sie eigentlich niemals krank?«, fragte Magnolia mürrisch. Ihre Tante klatschte neuen Teig auf die bemehlte Tischplatte und drehte sich lächelnd zu ihrer Nichte um. »Nicht dass ich wüsste, Täubchen! Wäre ja auch noch schöner, wenn eine Watthexe bei jedem Lüftchen umknicken würde wie ein verwitterter Strohhalm.«

Magnolia grinste schief. Natürlich, Runa hatte einen Kern aus Eisen. Das Reizklima und der raue Wind der Nordsee schienen für sie eine Art Frischzellenkur zu sein. Und damit ihre Schüler ebenfalls nicht verweichlichten, bestand sie darauf, die wöchentlichen Unterrichtsstunden bei sich zu Hause abzuhalten. Bei Wind und Wetter ließ sie die sechs Schüler auf ihrer Hallig Bollwark antanzen. Dass die Anreise lang und nicht ganz ungefährlich war, interessierte sie herzlich wenig.

Vor dem Haus waren auf einmal Stimmen zu hören und kurz darauf wurde auch schon geläutet.

»Das müssen Jörna und Ronda sein«, sagte Magnolia, während sie zur Tür ging, um zu öffnen. »Bis heute Abend, Tante Linette. Ich bin dann mal weg.«

»Viel Spaß und fleißig die Ohren spitzen!«, rief ihre Tante, während sie den Teig zu einem neuen Laib Brot formte.

»Hi, kommt herein!« Magnolia hielt ihren Freundinnen Jörna und Ronda die Haustür auf. »Ihr seid spät dran.«

»Kein Wunder«, antwortete Jörna und putzte sich die Nase. »Wir mussten die ganze Zeit gegen den Wind fliegen. Baldur wurde mit jedem Kilometer langsamer und langsamer.«

»Dann freut euch schon mal auf das offene Meer«, sagte Ronda.

Magnolia ging zu dem alten Bauernschrank, der in Tante Linettes Diele stand, und hielt ihren Hexenfreundinnen die Schranktür auf. »Nach euch!«, sagte sie.

Ein Mädchen nach dem anderen verschwand zwischen Besenstielen und dicken Jacken. Magnolia musste grinsen, als sie daran dachte, wie lange sie geglaubt hatte, ihre Tante würde es lieben, stundenlang in dem Schrank zu sitzen. Nicht im Traum war ihr eingefallen, dass der Schrank der Zugang zu einem geheimen Gang war, der das Zwergendorf Hackpüffel mit dem Haus ihrer Tante verband. Ein kalter Luftzug fuhr ihr ins Gesicht, und kurz darauf waren Jörna und Ronda verschwunden. Schnell griff Magnolia nach ihrem Besen Huckebein und sprang ebenfalls auf die inzwischen blank polierte hölzerne Rutsche. Blitzschnell sauste sie hinab in den geheimen Gang und landete Sekunden später neben ihren Freundinnen auf dem ausgetretenen unterirdischen Pfad.

»Und jetzt Tempo!«, rief Jörna. »Sonst fährt die Gondel ohne uns ab.« Die Mädchen verfielen in einen schnellen Trab, und das, obwohl es neben ihnen schier endlos in die Tiefe ging und es nichts weiter gab als ein dünnes Hanfseil, an dem sie sich zur Not hätten festhalten können. Nachdem sie die morsche, frei schwingende Brücke passiert hatten, erreichten sie erneut das Ende einer hölzernen Rutsche. Magnolia setzte sich darauf, klopfte sich dreimal gegen den Kopf, und schon wurde sie von einer unsichtbaren Kraft die Rutsche hinaufgerissen. Schnell stieß sie die Tür im Stamm der mächtigen Rotbuche auf, die auf dem Marktplatz von Hackpüffel stand, und trat hinaus. Ronda und Jörna folgten ihr.

Hier war das Wetter sogar noch schlechter als zu Hause. Es nieselte, und die Straßen in dem Zwergendorf sahen bei diesem Wetter genauso trostlos aus wie überall anders auch. Hinter den Fenstern der runden, strohgedeckten Häuser leuchteten die Lichter, und Magnolia konnte sich gut vorstellen, wie behaglich es sich vor dem knisternden Feuer mit einer Tasse heißer Schokolade saß.

»Nicht für uns, meine Liebe. Auf uns wartet Runas zugige Hütte. Also los!« Jörna gab ihr einen gutmütigen Stoß, und Magnolia sah sie empört an. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn man ihre Gedanken las.

Die drei jungen Hexen setzten sich zum Schutz vor dem Regen ihre Hüte auf und eilten mit gesenkten Köpfen durch das Dorf. Glücklicherweise war es bis zum Eingang des Stollens, der zu dem unterirdischen See führte, nicht mehr weit. Schnell stiegen sie die feuchten Stufen hinab und erreichten gerade noch rechtzeitig die schwarze venezianische Gondel, die sie ans Meer bringen sollte. Beherzt sprangen die drei Junghexen an Bord. Milauro, der Gondoliere, schnaubte verächtlich. Bis heute war er Magnolia nicht geheuer, und unter keinen Umständen wäre sie allein zu ihm ins Boot gestiegen. Er war ein Unterirdischer, einer jener schaurigen Gesellen, deren Vorfahren einst von den Menschen verstoßen worden waren. Und die nun allein in den verlassenen Bergwerksstollen der Zwerge hausten. Unterirdische mieden das Tageslicht und trauten sich nur nachts hinauf auf die Erde. Es hieß, sie seien mit dem Teufel im Bunde.

»Setzt euch«, knurrte Milauro und legte im selben Moment auch schon ab. Die Gondel setzte sich schaukelnd in Bewegung, und Magnolia landete unsanft auf Nemos Schoß.

»Sitzt du wenigstens bequem?«, fragte er und verdrehte die Augen.

»’tschuldigung«, murmelte Magnolia.

Nemo von Zingst war ein ekelhafter Angeber. Sein Spott war gefürchtet, und niemand wagte es, sich ernsthaft mit ihm anzulegen.

Lautlos glitt die schwarze Gondel durch die unterirdischen Wasserläufe in Richtung Meer, nur eine kleine Laterne an ihrem Bug sorgte für funzeliges, trübes Licht. Milauro brauchte sein ganzes Geschick, um die Gondel sicher durch die sich windenden Kanäle zu steuern, deren Strömung immer stärker wurde, je näher sie dem Meer kamen.

Für Magnolia war das nichts Neues. Sie lehnte sich schweigend zurück und betrachtete unauffällig ihre Mitschüler. Ein seltsamer Haufen hatte sich hier zusammengefunden. Eher eine Zweckgemeinschaft als richtige Freunde. Kurz nach der Hexenweihe auf dem Blocksberg waren sie noch zu siebt gewesen. Aber Daphne, die Sumpfhexe, war wenig später mit ihrer Mutter nach Florida gezogen. Jetzt waren sie also nur noch zu sechst. Da war Ronda Regenguss, die ängstliche kleine Gebirgshexe, die sie zusammen mit Jörna von zu Hause abgeholt hatte. Dann Eugenie, das blasse schwarzhaarige Mädchen, das ihr gegenübersaß und sich einen Spaß daraus machte, sie aus stumpfen roten Augen anzustarren. Sie war eine Banshee, eine Todesfee, und mindestens genauso eingebildet wie Nemo. Menschen, denen sie sich zeigte und die sie zu lange anblickte, mussten sterben, und Eugenie ließ keine Gelegenheit aus, ihren Todesblick auszuprobieren. Einen alten Küster hatte es bereits das Leben gekostet! Magnolia erwiderte gleichgültig ihren Blick. In ihren Adern flossen selbst ein paar Tropfen Bansheeblut, und Eugenies Blick verursachte bei ihr nicht mehr als das Gefühl, etwas Sand im Auge zu haben. Mit einem kleinen Lächeln wandte sich die Banshee von ihr ab und versuchte ihr Glück bei Jörna.

»Hör damit auf, Bääänschiii! Oder ich versenge dir deine rabenschwarzen Haare«, zischte die.

Magnolia grinste. Jörna war ihre beste Freundin und eine echte Kaminhexe. Mit ihren leuchtend roten Locken und den blitzenden grünen Augen konnte sie überhaupt nichts anderes sein. Zusammen hatten sie ein paar unglaubliche Abenteuer bestanden. Magnolias Blick wanderte weiter zu Konrad Korona. Er war der Kleinste von ihnen, sogar noch kleiner als Ronda, aber das störte ihn nicht. Konrad war zwar schon vierzehn, aber noch ein richtiges Kind. Er wuchs bei seiner Großmutter auf und ließ sich von ihr ganz sicher auch noch füttern.

»Guck gefälligst woanders hin!«, quietschte Nemo. Er meinte Eugenie, und wäre er nicht so ekelig arrogant gewesen, hätte er Magnolia vermutlich leidgetan. Seine Hormone spielten auch mit sechzehn noch verrückt. Mal plagten ihn Heerscharen von Pickeln, dann waren Schweißausbrüche das Problem, und seine Stimme wusste auch nicht so recht, ob sie nun piepsen oder brummen sollte.

»Achtung!« Es gab einen Ruck und ein scheußlich knirschendes Geräusch. »Verdammt!« Milauro hatte alle Hände voll damit zu tun, die Gondel zu stabilisieren, denn um ein Haar hätten sie die Abzweigung zum stillen Wasser verpasst und wären schnurstracks aufs Meer hinausgespült worden. Jetzt legten sie an dem unterirdischen Bootssteg an, und Milauro sprang heraus, um sich den Schaden an der Gondel anzusehen. Schnell machten Magnolia und die anderen, dass sie davonkamen. Sie hatten keine Lust, ihn wütend zu erleben.

»Bis heute Abend«, rief Konrad unverdrossen. Er erntete jedoch nur einen eiskalten Blick und seine Mitschüler zogen ihn energisch weiter.

Am Strand stiegen die Hexen und Jungmagier auf ihre Besen, riefen: »Nach oben hinaus und nirgends an!« Und schon stiegen sie senkrecht in die Luft.

»Auf die Rickmoor Hallig, nach Bollwark«, flüsterten sie ihren Besen zu, und ab ging die Post. Der Wind hatte um ein paar Stärken zugelegt, und sie mussten sich gut festhalten, um nicht seitlich herunterzurutschen. Eine Weile flogen sie schweigend nebeneinander her, dann sah Magnolia sich um. Natürlich! Eugenie war weit hinter ihnen zurückgeblieben. Sie hatte wahnsinnige Höhenangst, und die Flüge über das Meer waren für sie die reine Hölle.

»Wartet!«, rief Magnolia gegen den Wind.

Die anderen Hexen und Magier zügelten ihre Besen und sahen sich um. »Jetzt komm schon, Eugenie!«

»Geht es vielleicht auch schneller? Ich habe keine Lust, wegen dir in einen Gummibaum verwandelt zu werden«, schimpfte Nemo.

Magnolia gab ihm recht. Ihre Lehrerin Runa hasste Verspätungen und reagierte darauf ausgesprochen empfindlich. Wegen einer bummeligen Viertelstunde hatten sie neulich als Topfpflanzen am Unterricht teilnehmen müssen. Es war erbärmlich gewesen, wie sie da so sinnlos auf der Fensterbank und in den Zimmerecken herumgestanden hatten. Außerdem war Magnolia zu einem »fleißigen Lieschen« mutiert. Und das passte ja nun überhaupt nicht zusammen. Unbehaglich sahen sich die Hexen und Magier an. »Beeil dich, Eugenie!«

Etwas grün um die Nase holte die Banshee auf, und wenig später lag unter ihnen im schäumenden grauen Meer Runas Hallig. Die Salzwiesen standen bereits unter Wasser, aber das war zu dieser Jahreszeit nichts Besonderes. Sie landeten auf der Warft, der zweihundert Jahre alten Bauernkate und brauchten nicht einmal anzuklopfen. Denn die Watthexe hatte bereits ungeduldig gewartet und öffnete ihnen prompt die Tür. Runas ganze hagere Gestalt drückte ihren Unmut darüber aus, dass sie schon wieder auf den letzten Drücker hereinwehten. Die Augen in ihrem walnussartigen Gesicht schienen sie bei lebendigem Leib zu durchbohren.

»Fünf vor vier. Das war knapp!«, schimpfte sie und deutete mit dem Kopf auf die große Standuhr, die in ihrer niedrigen dunklen Diele stand.

»Es lag am Sturm«, versuchte Konrad eine Erklärung. Doch Runa zog nur grimmig die Augenbrauen zusammen.

»Schweig!«, befahl sie. »Und sei froh, dass ich euch nicht dem blanken Hans zum Fraß vorwerfe.«

»Blanker Hans?«, stotterte Ronda.

Verächtlich sah Runa sie an. »So nennt man eine Sturmflut, Mädchen! Was seid ihr bloß für erbärmliche Landratten.«

»Ist sie nicht süß?«, flüsterte Jörna.

Magnolia mochte das Hallighaus nicht. Es war dunkel, feucht und roch nach Fisch und getrocknetem Seetang. An den Wänden hingen knöcherne Haifischkiefer, und die winzigen Fenster ließen auch bei Sonnenschein kaum einen Lichtstrahl herein. Magnolia fühlte sich wie lebendig begraben. Sie folgte den anderen in das Schulzimmer im hinteren Teil des Hauses. Das Mobiliar musste Runa aus einem Museum gestohlen haben, so mittelalterlich, wie die dunkelbraunen Pulte wirkten, an denen sie während des Unterrichts sitzen mussten. Genauso vorsintflutlich war Runas Unterrichtsstil. Obwohl es in Hexenkreisen unüblich war, bestand sie darauf, in den Unterrichtsstunden mit Sie und Frau Rickmoor angesprochen zu werden. Sie stand reglos vor der Klasse, hielt endlose Monologe und ließ die Schüler besonders wichtige Formeln im Chor wiederholen. Es war sterbenslangweilig. Trotzdem musste man sich davor hüten, einfach wegzudämmern oder auch nur für einen winzigen Moment aus dem Fenster zu schauen. Für solche Fälle hatte Runa einen dünnen, langen Rohrstock. Sie hielt ihn wie ein Florett in der Hand und zögerte keine Sekunde, ihn auch zu benutzen. Es war ein ekelhaftes Geräusch, wenn er durch die Luft pfiff. Mit Glück erwischte er nur das Pult, mit Pech traf er eine Schulter oder einen Arm.

Heute Nachmittag war es noch dunkler als gewöhnlich. Der Wind trieb schwere Wolken über das Meer und drückte die auflaufende Flut bis an den Warfthügel heran. Magnolia hatte immer ein mulmiges Gefühl, wenn das Wasser stieg, obwohl sie wusste, dass sie in Runas Hütte nichts zu befürchten hatte. Heute übten sie sich im Gedankenlesen. Und diese Fähigkeit war wirklich mal nützlich! Außerdem lernten sie, die eigenen Gedanken gegen fremde Lauschangriffe zu blockieren. Und, was genauso wichtig war, eine solche Blockade zu erkennen. Denn nicht allen Wesen sah man an, ob sie über die Gabe des Gedankenlesens verfügten.

Runa klatschte in die Hände. »Bildet Paare und setzt euch mit den Rücken zueinander«, verlangte sie. »Einer von euch ist der Denker, der andere ist der Lauscher. Ziel ist es, die anderen Gedanken zu belauschen, während man die eigenen Gedanken blockiert. Wer es sich zutraut, kann versuchen, die Blockade des anderen zu durchbrechen. Fangt an!«

Natürlich bildeten Magnolia und Jörna ein Paar. »Ich bin der Denker«, sagte Jörna.

»Meinetwegen, fang an!«, sagte Magnolia und konzentrierte sich auf Jörna hinter ihrem Rücken. Zuerst nahm Magnolia ein Knistern wahr, dann hörte sie ein Rauschen. Fast so, als würde man im Radio einen Sender suchen. Langsam schälten sich Jörnas Gedanken heraus. Magnolia konnte sie nur undeutlich hören.

»Hass was Neander stört.« HÄ?? Jörna lächelte sie an.

»Denk noch mal, aber einen richtigen Satz!«, verlangte Magnolia.

Und Jörna dachte. »Hass was Neander stört?«

Magnolia sah sie ratlos an.

»Und, was habe ich gedacht?«

»Hass was Neander stört?«, fragte Magnolia vorsichtig. Jörna brach in schallendes Gelächter aus, und Magnolia sah sie böse an.

»Quatsch!«, sagte Jörna. »Ich habe gedacht: Hast du was von Leander gehört?«

»Psst!« Magnolia wurde rot. »Das muss ja nicht gleich jeder mitkriegen, oder? Es klang jedenfalls ziemlich genuschelt.«

»Dann solltest du noch etwas üben«, schlug Runa vor, die gerade bei ihnen vorbeikam. »Beim Zahnarzt, an der Käsetheke im Supermarkt oder einfach nur auf dem Schulhof. Es gibt tausend Gelegenheiten.«

Magnolia sah Jörna an und verdrehte die Augen. Runa hatte natürlich mitgehört. Die Watthexe klatschte erneut in die Hände. »Partnerwechsel!«

Zack! Magnolia hatte noch nicht einmal den Kopf gedreht, da saß auch schon Nemo von Zingst hinter ihr. Sie konnte ihn riechen. Er tat so, als würde er sich umsehen, und sagte dann erstaunt: »Oh, es sieht aus, als müssten wir zwei zusammen …«

Magnolia seufzte. »Ja, sieht so aus, fang an!«

Sie saßen mit den Rücken zueinander, und Magnolia konzentrierte sich auf Nemos Gedanken. Zuerst setzte wieder das bekannte Rauschen und Knistern ein, dann aber hörte sie seine Gedanken laut und deutlich. »Ich wäre gern der Grund deiner schlaflosen Nacht, Baby!«, dachte er mit tiefer Stimme.

»Iiiiiih!!!« Magnolia fuhr herum. »Wünsch dir das nicht!«, fauchte sie wütend. Die anderen sahen sie erstaunt an. Nemo wurde rot wie ein Krebs, und Eugenie fing an zu kichern.

»Genug! Setzt euch wieder auf eure Plätze«, fuhr Runa dazwischen.

»Was ist das für ein komisches Licht?«, wunderte sich Ronda und deutete aus dem Fenster. Ronda wagte es sonst nie, Runa zu unterbrechen, aber jetzt sprang sie auf und sah hinaus. Tatsächlich, weit draußen über dem Meer hatte sich eine Windhose gebildet. Sie verbreitete ein schwefelgelbes Licht und kam rasend schnell auf sie zu. Eine riesige Welle, die wie eine Horde galoppierender Pferde schäumte, begleitete sie.

Runa wurde erst blass und dann rot. »Ich hätte nie geglaubt, dass sie es wagen würde«, murmelte sie. »Schnell Kinder, geht rauf in den ersten Stock und wartet dort – Magnolia, du bleibst hier bei mir.«

Magnolia wurde es flau im Magen. Vor allem, als sie Jörnas erschrockenen Blick sah.

»Husch, husch, nach oben. Worauf wartet ihr?«, fragte Runa ungeduldig. Und ein Schüler nach dem anderen stieg die steile Treppe in den ersten Stock hinauf.

Zweites Kapitel
Ein gefährlicher Auftrag

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Magnolia sah ihre Lehrerin unbehaglich an. Was hatte sie mit ihr vor? Die Watthexe stand am Fenster und winkte sie zu sich heran. Magnolia sah hinaus, und das Herz rutschte ihr in die Hose. Sie hatten es mit einer ausgewachsenen Sturmflut zu tun, und das Wasser vor Runas Haus war sehr wütend. Doch Runa hatte keine Augen für die schäumenden Wellen und das laute Tosen des Orkans.

»Ich glaube, sie sucht Streit!«, schnaubte sie. »Es wird Zeit, sie in ihre Schranken zu weisen.«

»Von wem sprechen Sie?«, wollte Magnolia wissen.

»Von Libussa, dem Teufelsweib, das dort in einer Windhose auf uns zurast.« Runa konnte ihren Blick nicht vom Fenster lösen.

»Sie meinen, das da draußen ist kein normaler Wirbelsturm?«

Runa schnaubte verächtlich. »Natürlich nicht. Oder hast du schon einmal etwas von schwefelgelben Wirbelstürmen gehört?«

Magnolia schüttelte den Kopf.

»Darin steckt eine Wetterhexe, so wie du eine bist. Libussa und ich haben noch eine alte Rechnung offen. Allerdings habe ich nicht geglaubt, dass sie mich so offen herausfordern würde. Nun denn, sie soll dich kennenlernen!«

»Was für eine Rechnung ist das?«, wollte Magnolia wissen. Doch Runa schüttelte bloß den Kopf. »Das ist nichts für Kinderohren. Es ging um einen Mann!«

Magnolia sah Runa erstaunt an. Es gab einen Mann in Runas Leben? Mitten in diesen lustigen Gedanken knallte Runas nächster Satz wie ein Peitschenhieb.

»Du musst sie da rausholen und den Wellen zum Fraß vorwerfen!« Ihre Augen blitzten.

»Ich?«, Magnolia schluckte. »Sie haben doch die offene Rechnung mit ihr und verstehen sich wie keine Zweite auf das Reisen in Wirbelstürmen!«

Runa winkte ab. »In Wirbelstürmen zu reisen und einen Wirbelsturm für einen Angriff zu nutzen, sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Hier!« Runa hielt ihr einen ausgelatschten Pantoffel unter die Nase, und Magnolia verzog angewidert das Gesicht. Die Sache wurde immer absurder.

»Was soll das?«

»Hör zu, du Ahnungslose.« Runa holte tief Luft. »Was ich jetzt sage, sage ich nur einmal, verstanden?« Magnolia nickte. »Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir nicht mit Mann und Maus im Meer versinken wollen. Libussa hockt auf ihrem Besen in dieser Windhose und treibt eine Springflut vor sich her. Deine Aufgabe ist es, sie zu stoppen. Du bist eine Wetterhexe, dir kann der Orkan da draußen am wenigsten von uns allen anhaben.«

»Aber ich habe doch überhaupt keine Ahnung, ich …«

»Unsinn, du verfügst über alle Fähigkeiten, die man für eine solche Aufgabe braucht. So kompliziert wird es nicht werden. Sie rechnet nicht damit, dass wir ihr Paroli bieten. Du musst ihr nur entgegenfliegen und diesen Schuh von unten nach oben in ihre Windhose werfen. So einfach ist das!« Runa deutete einen Wurf von unten nach oben an. »Wenn du getroffen hast, wird das Biest aus dem Wirbel herausfallen. Der Sturm ist dann augenblicklich vorbei, und ich kann sie mir vorknöpfen. Noch Fragen? Okay, dann los!«

Natürlich hatte Magnolia noch Fragen, aber Runa drückte ihr bereits den Pantoffel in die Hand und bugsierte sie durch die offene Haustür.

Fauchend sprang der Wind Magnolia ins Gesicht. Der Lärm, den der Orkan und das Wasser erzeugten, war ohrenbetäubend. Magnolia hatte nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sie zu tun hatte. Trotzdem schob sie den alten Pantoffel unter ihre Jacke und stieg mit ihrem Besen in die Luft.

»Du musst sie stoppen, bevor sie die Hallig erreicht. Viel Glück!«

Der Sturm griff mit klammen Fingern nach ihr, riss an ihren Kleidern und Haaren. Magnolia bezweifelte ernsthaft, dass etwas Glück ausreichen würde, dieses Abenteuer unbeschadet zu überstehen. Tapfer stieg Huckebein höher und höher, und Magnolia wurde ganz flau im Magen. Sie hatte entsetzliche Angst, von den Böen gepackt und auf das Wasser gedrückt zu werden.

Doch zu ihrem Erstaunen geschah nichts dergleichen. Der Sturm versuchte zwar, sie vom Besen zu stoßen und wie ein Blatt durch die Luft zu wirbeln. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte ihr nichts anhaben. Überrascht stellte Magnolia fest, wie aus dem wütenden Zerren plötzlich ein sanftes Streicheln wurde, aus dem Tosen ein Säuseln und aus der beklemmenden Angst die Sehnsucht nach grenzenloser Freiheit. Die Erkenntnis traf Magnolia mit einer solchen Wucht, dass ihr die Tränen in die Augen schossen und sie vor lauter Begeisterung nach Luft schnappte. Die Hexen hatten also recht gehabt. Sie war tatsächlich eine Windsbraut! Eine Sturmreiterin! Alles in ihr jubelte, doch dann riss sie sich zusammen. Jetzt war nicht die Zeit, den Augenblick zu genießen.

»Leg los, Huckebein«, flüsterte Magnolia ihrem Besen zu. Und Huckebein legte los. Er ließ sich fallen wie ein Stein und bremste erst ab, als sie beinahe das Wasser berührten. Über die schäumenden Wellen jagte er dem gelben Wirbel entgegen. Je näher sie kamen, desto lauter wurde es um sie herum. Jetzt fing es auch noch an, Fische zu regnen. Der Wirbelsturm hatte sie mit seinem schlauchartigen Rüssel aus der Nordsee gesogen und ließ sie nun wieder fallen.

»Steig höher, Huck, damit ich den Schuh in den Tornado werfen kann!«, rief Magnolia ihrem Besen zu. Huckebein gehorchte. Er löste sich von den Wellen und geriet dabei mehr und mehr in die Reichweite der Sturmausläufer, die ungebremst über das Wasser fegten. Der ungeheure Sog hätte Magnolia beinah vom Besen gerissen, und auch Huckebein war überrascht. Sofort legte er den Rückwärtsgang ein, trotzdem bewegten sie sich keinen Zentimeter zurück. Die beiden wurden wie von einem gigantischen Staubsaugerrohr angesogen. Magnolia brach der Schweiß aus: Huckebein konnte dieses Kräftemessen nicht gewinnen. Sie hätte nie geglaubt, dass ihr Schicksal einmal von einem ausgelatschten Pantoffel abhängen würde, aber ihr blieb keine andere Wahl.

Als sie direkt unter dem Wirbel waren, holte Magnolia aus und warf. Der Schuh wurde direkt in das Auge des Tornados gezogen. Es folgte ein Schrei, ein Knall, und ganz plötzlich war der Spuk vorbei. Wie eine Seifenblase zerplatzte das schwefelgelbe Gebilde. Übrig blieb eine ganz in violett gekleidete Hexe, die auf ihrem Besen ins Trudeln geriet. In halsbrecherischem Tempo stürzte sie den tobenden Wellen entgegen. Da streckte Runa, die das Treiben gespannt beobachtet hatte, ihre Arme nach ihr aus, murmelte einen Zauberspruch und zog sie, trotz der großen Entfernung, sicher zu sich an Land.

Magnolia atmete erleichtert auf. Das wäre geschafft. Eine solche Ritterlichkeit hätte sie ihrer Lehrerin überhaupt nicht zugetraut. In Gedanken entschuldigte sie sich bei Runa. Ohne ihre Hilfe wäre die fremde Hexe vermutlich ertrunken. Schnell kehrte Magnolia zur Hallig zurück. Sie war noch nicht gelandet, da musste sie jedoch auch schon einsehen, dass ihre Entschuldigung voreilig gewesen war. Von Ritterlichkeit und Versöhnung keine Spur. Da unten flogen die Fäuste. Die Hexen hielten sich nicht mit unnötigen Reden auf. Wie die Furien gingen sie aufeinander los. Es wurde geboxt, gekniffen und gekreischt. Und sicher wäre es noch eine ganze Weile so weitergegangen, hätte sich Nemo nicht aus dem Fenster gelehnt, seinen Zauberstab auf Libussa gerichtet und sie mit einem funkelnden Goldregen übergossen. Magnolia grinste, sie war sicher, dass es eigentlich ein Schmetterblitz hatte werden sollen. Die Wirkung war zwar nicht die gleiche, aber Libussa war so irritiert, als die kleinen Funkelsternchen sie umkreisten, dass es Runa gelang, den entscheidenden Kinnhaken zu landen. Bewusstlos sackte die Wetterhexe zu Boden.

Magnolia wusste, dass ihre Lehrerin nicht zimperlich war. Was Runa dann tat, erstaunte sie dennoch. Die Watthexe schob die Ärmel zurück, erhob die Arme zum Himmel und rief dreimal: »Phoca Vitulina!« Kurz darauf streckten fünf Seehunde ihre runden Köpfe aus dem Wasser. »Schnappt sie euch und bringt sie sehr weit weg«, befahl Runa und deutete auf Libussa. Sofort wurde die Hexe von den Seehunden gepackt und in das Wasser gezerrt. Im nächsten Augenblick war sie zwischen den glitzernden Wellen verschwunden.

»Wird sie sterben?«, fragte Magnolia entsetzt.

Runa schnaubte verächtlich. »Nicht, wenn sie eine gute Schwimmerin ist. Mit etwas Pech werfen sie sie schon in Schottland wieder an Land.«

Mit diesen Worten machte die Watthexe kehrt und marschierte zurück ins Haus. Magnolia warf einen besorgten Blick in Richtung Himmel. Der Tornado war fort, aber der Sturm war geblieben. Ihr selbst konnte er nichts anhaben, aber für die anderen könnte der Rückflug gefährlich werden.

»Du hast recht«, bestätigte Runa und hielt ihr die Tür auf. Sie hatte schon wieder ihre Gedanken gelesen! »Deshalb ist es das Beste, wenn ihr heute Nacht bei mir auf der Hallig bleibt. Deine Tante würde mich in einen Frosch verwandeln, wenn ich dich in Gefahr brächte.«

Magnolia traute ihren Ohren nicht. Das musste ein schlechter Scherz sein. Runa konnte nicht ernsthaft von ihnen verlangen, die Nacht in dieser stinkenden, kalten Hütte zu verbringen. Ärgerlich stellte sie ihren Besen in die Ecke, als auch schon Applaus ertönte. Ihre Mitschüler hatten alles mit angesehen, und vor allem Jörna geizte nicht mit Lob. »Es war unglaublich, wie du dich auf dem Besen gehalten hast!«, rief sie.

»Kunststück, wenn ich eine Wetterhexe wäre, könnte ich das auch«, sagte Eugenie.

»Du bist bloß neidisch«, piepste Ronda und fing sofort heftig an zu zwinkern, weil Eugenie versuchte, sie anzustarren.

Runa klatschte in die Hände. »Hört auf zu streiten, dazu ist später noch Zeit. Ihr werdet heute Nacht hierbleiben. Die Wetterverhältnisse lassen eine sichere Reise nicht zu. Manche von euch sind noch ziemlich wackelig auf ihren Besen unterwegs.«

»Manche? Sie meinen Eugenie«, schimpfte Nemo.

»Keine Namen!«, sagte Runa. Die übrigen Schüler verdrehten genervt die Augen.

»Ja, aber warum müssen wir alle hierbleiben, bloß weil Eugenie zu blöd zum Besenreiten ist?«, wollte jetzt auch Jörna wissen.

»Weil ihr eine Klasse seid. Da gibt es keine Extrawürste, basta!« Jetzt wurde Runa sauer, und das war nicht ungefährlich. »Undankbares Volk!«, schimpfte sie. »Ich biete euch Obhut, dabei könnte ich euch einfach an den blanken Hans weiterreichen. Zur Strafe üben wir jetzt noch einmal das Blockieren von Gedanken.«

Eugenie zeigte ihr unergründliches Lächeln.

»Wenn sie wenigstens nicht dauernd so hämisch grinsen würde«, beklagte sich Magnolia wenig später bei Jörna. Sie saßen nebeneinander im Schulzimmer und hörten Runa seit über einer Stunde beim Blockieren ihrer Gedanken zu – eine langweilige Angelegenheit, wie man sich unschwer vorstellen kann.

Dann hatte die Watthexe selber genug und beendete den Unterricht. »Schluss für heute!«, verkündete sie. »Kommt mit in die gute Stube. Ich will schnell bei euren Familien anrufen und ihnen mitteilen, dass ihr heute Nacht auf der Hallig bleibt.«

In Runas guter Stube war es genauso zugig und kalt wie im restlichen Haus. Der Kamin qualmte, aus dem alten zerschlissenen Sofa quoll das Rosshaar heraus, und eine einzige Petroleumlampe sorgte für spärliches Licht.

»Schöne Gesellschaft, in der sie sich wohlfühlt«, flüsterte Jörna und deutete mit dem Kopf auf die präparierten Schlangen, Molche und Nachtfalter, die in einem gläsernen Schaukasten lagen. Runa fühlte sich hier zweifellos wohl. Sie pfiff ein kleines Lied und stellte ihre Kristallkugel schwungvoll auf den Tisch. Linette war die Erste, die sie anrief, und Magnolia hoffte inständig, dass ihre Tante darauf bestehen würde, sie auf der Stelle nach Hause zu bringen. Vor allem, wenn sie von der Sache mit dem Wirbelsturm erfuhr. Nachdem sich der weiße Rauch in der Kugel verflüchtigt hatte, erschien auch schon Tante Linettes erhitztes, rundes Gesicht. Eine Haarsträhne fiel ihr wirr ins Gesicht, und der Rußfleck auf ihrer Stirn erinnerte an ein Einschussloch.

»Zieht dein Kamin bei diesem Wetter auch so schlecht?«, fragte Runa. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Wollte dir nur sagen, dass ich die Bälger heute Nacht lieber auf der Hallig behalte. Das Wetter ist viel zu schlecht. Es könnte Verluste geben, wenn ich sie fliegen ließe!«

Magnolia reckte den Hals. Ihre Tante sah ehrlich besorgt aus. Sie traute einer Hallig bei Sturm nicht. Sicher würde sie wollen, dass ihr Lämmchen nach Hause kam.

»Du willst sie über Nacht bei dir behalten?«, fragte Linette ungläubig.

Magnolia lächelte breit.

»Was heißt wollen? Ich muss! Es sind welche darunter, die nicht flugtauglich sind.«

Tante Linette war für einen Moment still, dann brach es aus ihr heraus. »Du Ärmste, dass du dir so etwas zumutest! Das kann dir niemand hoch genug anrechnen. Eine Horde Teenager, und dabei ist dir dein Schlaf doch heilig!«

»Pädagogik verlangt Opfer«, seufzte Runa.

Linette senkte die Stimme. »Du trennst sie doch hoffentlich? Es sind schließlich auch ein paar Jungen darunter …«

Magnolia glaubte, nicht recht zu hören. »Wenn hier jemand Opfer bringt, dann doch wohl wir«, zischte sie in Jörnas Richtung.

Es war traurig. Aber die anderen Hexen reagierten genauso wie ihre Tante. Runa wurde mit Dank für ihre Fürsorge förmlich überschüttet. Man lobte diese selbstlose Tat in den allerhöchsten Tönen. Es war unglaublich.

Nachdem sie den letzten Anruf getätigt hatte, war Runa mit sich mehr als zufrieden. Zum Abendbrot gab es für jeden eine harte Scheibe Brot mit Schmalz und dünnen Hagebuttentee, dann war es an der Zeit, ins Bett zu gehen.

»Die Jungen schlafen im Schulzimmer, die Mädchen in der guten Stube«, bestimmte Runa und ließ mit einem Fingerschnipp vier Strohsäcke auf dem Boden vor dem Kamin erscheinen. Ein weiterer Schnipp ihrer Finger, und auf den Strohsäcken lagen auch noch ein paar Wolldecken. Genauso machte sie es im Schulzimmer, in dem Nemo und Konrad schlafen sollten.

»Und jetzt schlaft schön. Morgen früh bringe ich euch höchstpersönlich ans Land, damit ihr rechtzeitig in eure Schulen kommt.« Mit diesen Worten blies Runa das Licht aus und ließ die verdutzten Junghexen zurück.

»Ich muss morgen zur ersten Stunde hin«, piepste Ronda.

»Nicht nur du«, murmelte Magnolia.

»Sie sitzt auf dem Flur«, sagte Jörna, die durch das Schlüsselloch geguckt hatte.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?« Magnolia schob ihre Freundin beiseite. Tatsächlich, Runa hatte es sich mit ein paar Decken in einem Schaukelstuhl bequem gemacht, und es sah nicht danach aus, als ob sie den Platz vor morgen früh verlassen würde.

»Nicht, dass ich vorhätte, nachts im Haus herumzugeistern«, sagte Magnolia. »Aber wenn ich weiß, dass ich nicht rausdarf, muss ich ständig zum Klo.«

»Eine Form der Klaustrophobie«, sagte Eugenie und wickelte sich in ihre Decke. »Das muss behandelt werden.«

»Quatsch«, schnaubte Magnolia. Zaghaft steckte sie den Kopf aus der Tür. Sofort blitzte Runa sie an. »Was ist? Willst du schon fensterln gehen?«

»Was?«

»Na, zu den Jungs schleichen!«

Magnolia wurde rot. »Natürlich nicht. Ich muss bloß mal zur Toilette.«

»Ach, du willst auf den Topf!« Runa sah auf die Standuhr und notierte sich die Zeit auf einem Zettel, den sie neben sich liegen hatte.

Drei Minuten später war Magnolia zurück und ging wortlos an Runa vorbei in die gute Stube. Sie schloss die Tür und legte sich neben Jörna auf ihren Strohsack. Der Wind strich noch immer um das Haus, rüttelte an den Fensterläden und pfiff durch die Ritzen. Magnolia wickelte sich fester in ihre dünne Wolldecke und hörte auf die Geräusche des Meeres. Plötzlich horchte sie auf. Sie wusste nicht, ob oder wie lange sie geschlafen hatte, aber irgendetwas war anders. In das Geräusch von Wind und Wellen mischten sich leise Stimmen. Eine davon gehörte eindeutig Runa, sie klang ungeduldig. Verwundert setzte Magnolia sich auf. Die Stimmen kamen von draußen. Das war mehr als sonderbar, denn wer kam bei diesem Sturm auf die Hallig, um sich mitten in der Nacht mit Runa zu unterhalten?

Neugierig stand Magnolia auf. Sie wollte die anderen nicht wecken und schlich so leise wie möglich zur Tür. Vorsichtig spähte sie auf den Flur, Runas Schaukelstuhl war leer. Ein kalter Wind strich über den festgetretenen Lehmboden und ließ Magnolia trotz der dicken Socken frösteln. Kein Wunder, denn die Haustür stand einen Spaltweit offen. Magnolia schlich zur Tür und warf einen Blick hinaus. Es war dunkel, und das Wasser reichte noch immer bis an den Warfthügel heran. Aber der Sturm hatte die dichte Wolkendecke aufgerissen, und vereinzelt blinzelten hier und da ein paar Sterne hervor. Ein Stück weiter entdeckte Magnolia, wer da mitten in der Nacht miteinander sprach. Die eine war eindeutig Runa. Ihre große hagere Gestalt hätte Magnolia unter Tausenden erkannt. Die andere Person stand in Runas Schatten, und Magnolia konnte sie kaum erkennen. Trotzdem wusste sie, wer es war. Im ersten Moment traute sie ihren Augen nicht, doch ein Zweifel war ausgeschlossen. Ganz deutlich konnte sie die Umrisse des Bootes erkennen, auf dem der nächtliche Besucher zur Hallig gelangt war. Es waren die Umrisse einer venezianischen Gondel. Es konnte also niemand anderer als Milauro sein. Das war seltsam. Bei Wind und Wetter starteten sie vom Strand aus und flogen auf ihren Besen hinüber zur Hallig, weil die Gondel nicht seetüchtig war. Sie war gebaut worden, um durch die Kanäle Venedigs zu gleiten oder durch die unterirdischen Wasserläufe Rauschwalds. Auf der Nordsee hatte sie nichts zu suchen. Und nun tauchte Milauro hier auf, und das ausgerechnet nach dem heftigen Sturm, der sie am Rückflug gehindert hatte. Magnolia stand eine ganze Weile im Schatten verborgen und versuchte herauszufinden, was die beiden miteinander besprachen. Da sie aber rein gar nichts hören konnte, kehrte sie schließlich fröstelnd auf ihr Lager vor dem Kamin zurück. Vielleicht ließ sich das Rätsel ja morgen früh lösen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ihre Zehen wieder warm wurden und Magnolia tatsächlich einschlief.

Das zweite Mal wurde sie in dieser Nacht wach, weil sie der schrille Ton einer Trillerpfeife weckte und unheimliche Schatten über die Wände zuckten. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass es Zeit zum Aufstehen war und dass die schaurigen Schatten von der Petroleumlampe kamen, die Runa ihnen ins Zimmer gestellt hatte.

»Acht Glasen, eine gute Zeit, dem neuen Rudergänger die Pinne in die Hand zu drücken und für euch das Tagewerk zu beginnen!«, trompetete Runa und erinnerte Magnolia dabei irgendwie an Tante Linette. Schimpfend und stöhnend erhoben sich die Mädchen von ihren Strohsäcken und rieben sich die kalten Hände.

»Wie früh ist es?«, fragte Magnolia.

»Vier Uhr«, piepste Ronda nach einem Blick auf die Uhr.

»Ist sie noch ganz normal?« Magnolia ließ sich ächzend zurück auf ihren Strohsack fallen.

Doch da tönte Runas Stimme bereits aus der Küche. »Essen fassen!«, rief sie und schlug mit dem Löffel gegen einen Kochtopf.

»Hat sie zu viele Piratenfilme geguckt, oder was ist mit ihr los?«, maulte Jörna, während sie nacheinander in die Küche schlurften. Hier war es wenigstens warm. Nemo und Konrad saßen bereits am Tisch und kauten lustlos auf dem gleichen harten Stück Brot herum, an dem sie sich schon gestern Abend die Zähne ausgebissen hatten.

»Schön wachbleiben!«, rief Runa. »Der frühe Vogel fängt den Wurm!«

»Und die zweite Maus bekommt den Käse«, murmelte Jörna.

»Wir haben nicht viel Zeit. Ich bringe euch persönlich aufs Festland und sorge dafür, dass ihr pünktlich in die Schule kommt.«

»Da hätte Milauro ruhig noch etwas warten und uns mit zurücknehmen können«, nuschelte Magnolia mit vollem Mund.

»Wie sollte das gehen?«, fragte Runa unwirsch. »Du weißt, dass die Gondel nicht über das Meer fahren kann.«

Magnolia legte ihr Brot zur Seite. Sie wusste schließlich, was sie gesehen hatte. »Aber er war doch heute Nacht hier …«, sagte sie.

Runas Augen funkelten böse. »Du redest Unsinn. Am besten, du vergisst dieses Hirngespinst ganz schnell.«

Eine Weile erwiderte Magnolia ihren Blick, dann senkte sie doch lieber den Kopf. Es war nicht klug, sich mit Runa anzulegen, obwohl sie genau wusste, was sie gesehen hatte.

Drittes Kapitel
Aufregende Neuigkeiten

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Linette Kater stand betrübt in ihrem Kräutergarten und schaute auf die schwarzen, teils gefrorenen Beete. Es war viel zu kalt für diese Jahreszeit. Zwar blühten Schneeglöckchen und Märzveilchen, vom Scharbockskraut, der Knoblauchrauke und dem Guten Heinrich waren bisher jedoch nur winzige, zarte Spitzen zu sehen. Es würde noch eine Weile dauern, bis sie aus den Kräutern neue Salben und Tinkturen herstellen konnte, auf die Arnulf Langboom, der Apotheker, bereits ungeduldig wartete.

Linette wollte gerade zurück ins Haus gehen, als sie hinter der Regentonne einen roten Schopf entdeckte, den sie nur zu gut kannte. Jeppe war gerade dabei, mit einem winzigen Spaten ein tiefes Loch zu graben. Und zwar direkt am Fuße ihres Goldregens, den sie so heiß und innig liebte. Der Kobold war so vertieft in seine Arbeit, dass er die Hexe erst bemerkte, als sie direkt hinter ihm stand und sich laut und vernehmlich räusperte. »Was soll das werden, wenn es fertig ist?«

Der Kobold fuhr herum und warf blitzschnell seine Kappe auf den kleinen Kupfertopf, der neben ihm auf dem Boden stand. Ertappt sah er die Kräuterhexe an. »Das, ach hallo, Linette, das wird ein Loch.«

»Danach sieht es aus. Du willst nicht zufällig einen Goldtopf unter meinem Goldregen vergraben?« Streng sah Linette den Kobold an.

Verlegen trat er von einem Bein auf das andere und murmelte etwas von »Eselsbrücke«.

»Eselsbrücke?« Linette schnaubte verächtlich. »Nicht in meinem Garten. Du weißt, dass um einen vergrabenen Goldtopf Hexenringe wachsen und die tun meinem Goldregen ganz sicher nicht gut! Also, mach das Loch wieder zu und suche dir ein neues Versteck. Mein Garten ist für Goldtöpfe tabu.«

Brummig schaufelte Jeppe das Loch wieder zu. Es war schon sehr ärgerlich. Ein sichereres Versteck als in einem Hexengarten würde sich kaum finden lassen. Andererseits war ein Versteck, das bereits entdeckt worden war, nichts wert.

»Wenn du fertig bist, kannst du ins Haus kommen. Es ist verflixt ungemütlich hier draußen, und ich habe Lust auf einen Becher heiße Schokolade mit einer Prise Zimt.«

Nun schaufelte Jeppe gleich doppelt so schnell. Linettes heiße Schokolade war legendär und bei beißendem Ostwind und blaugefrorenen Fingern genau das Richtige.

Wenig später saß der Kobold auf dem Sofa in der gemütlichen Wohnstube. Der dicke Ofen bullerte, Serpentina, die einäugige schwarze Katze, lag schnurrend auf der Ofenbank, und Linette kam mit einer großen Kanne Kakao zur Tür herein. Jeppe streckte sich wohlig. Sollte sein Onkel Glöck ihn irgendwann einmal vor die Tür setzen, würde er auf der Stelle hier einziehen.

Linette wollte sich gerade zu ihm setzen, als die Schranktür im Flur knarrte. Gleich darauf waren Schritte von Stiefeln zu hören und ein bärtiges Zwergengesicht schaute zur Tür herein. Hastig versteckte Jeppe seinen Goldtopf hinter dem Kissen auf Linettes Sofa.

»Klopf, klopf!«, sagte der Zwerg und stand auch schon in der Stube.

Über Linettes Gesicht ging ein Lächeln. Jackomo Rosenstolz war Bürgermeister von Hackpüffel und gehörte zu ihren ältesten und besten Freunden.

»Ach, Jacko! Wie schön, dass du einmal hereinschaust. Setz dich zu uns an den Tisch. Hier ist heißer Kakao, du bist herzlich dazu eingeladen.«

»Klingt verlockend, meine Liebe«, sagte der Zwerg und zwängte sich umständlich neben Jeppe auf das Sofa.

»Guten Tag, Jeppe! Was machen die Goldtöpfe?«

»Wie, was?« Hastig lehnte sich der Kobold gegen das dicke Kissen. Einem Zwerg war nicht zu trauen. Besonders dann nicht, wenn es um glänzende Goldstücke ging.

Linette schenkte auch ihrem zweiten Besucher einen Becher Schokolade ein und ließ sich ächzend in ihren Lieblingssessel sinken. Die Standuhr tickte, der Ofen bullerte, und niemand sprach ein Wort. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise gab es immer einen Grund, wenn Jacko aus Hackpüffel herüberkam. Doch heute saß er nur gemütlich auf dem Sofa und lächelte geheimnisvoll.

Linette sah ihn fragend an. »Und?«, fragte sie nach einer Weile.

»Schmeckt prima!«, antwortete Jacko und strahlte weiter in die Runde.

»Das meine ich nicht«, sagte Linette. »Weshalb bist du hier?«

Das Strahlen auf Jackos Gesicht wurde noch breiter. »Och, wegen nichts Besonderem.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Es gibt bloß ein paar klitzekleine Neuigkeiten, die dich samt deinem Sessel umhauen werden.«

Jetzt war Linette hellwach. »Neuigkeiten? Was sind das für Neuigkeiten?«

Auch Jeppe, der sich bisher unauffällig gegen das dicke Kissen gepresst hatte, setzte sich nun kerzengerade auf.

Jacko grinste, und Linette platzte allmählich der Kragen. »Meine Güte, Jacko! Du grinst wie das Pferd von Gerd. Nun sag schon, was es so Spannendes gibt.«

Jackomo hörte zwar nicht auf zu grinsen, aber er fing endlich an zu reden. »Die drei …« Weiter kam er nicht.

»Nein!!«, schrie Linette ungläubig auf.

Jacko nickte. »Doch!«

»Nein!!!«, schrie Linette erneut. »Du machst Witze!«

Aber Jackomo schüttelte lachend den Kopf.

»Jaaaa!!! Bingo! Volltreffer!« Linette sprang aus ihrem Sessel und war sich nicht zu schade, einen kleinen Stepptanz aufzuführen. Genau in diesem Moment kam Magnolia zur Tür herein. Sie war eben angekommen, und der Rucksack hing ihr noch über der Schulter.

»Ich hab’s gewusst!«, kreischte ihre Tante statt einer Begrüßung.

»Hohoho!«, lachte nun auch Jacko aus voller Kehle.

»Alle gesund?«, fragte Magnolia erstaunt. Doch sie bekam keine Antwort.

Stattdessen packte Jacko ihre Tante um die Taille und wirbelte mit ihr durch die Stube. Die beiden jauchzten und lachten, dass ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Fragend sah Magnolia Jeppe an. »Was ist passiert?«, fragte sie. Doch der Kobold schüttelte nur stumm den Kopf.

»Haben sie einen Kleinen gezwitschert?«

»Nein, es gab nur heiße Schokolade«, beteuerte Jeppe und sah misstrauisch in seinen Becher.

Endlich ließ sich Linette lachend in ihren Sessel fallen und wischte sich über die Augen. »Hallo, Nichte, schön, dass du wieder da bist.«

»Hier herrscht ja eine Bombenstimmung«, stellte Magnolia fest. »Wenn ihr uns den Grund dafür verraten würdet, könnten wir mittanzen. Stimmt’s?« Jeppe nickte.

»Sehr gerne, meine Liebe!« Ihre Tante strahlte. »Die drei …«

»Hohoho!« Schon fing Jacko wieder an zu lachen.

»Sag du es ihnen!«, forderte Linette ihren Freund auf.

»Also gut!« Jacko holte tief Luft und sagte: »Die drei Spinnerinnen kommen nach Rauschwald.«

Enttäuscht sahen Magnolia und Jeppe sich an. »Ja, und?«

»Ich hab’s gewusst, Jacko! Und weißt du was? Ich bin darauf vorbereitet!«

»Das habe ich mir gedacht«, lachte der Zwerg. »Ganz Hackpüffel steht kopf.«

»Augenblick mal!« Langsam wurde Magnolia ungeduldig. »Was ist so toll an den drei Spinnerinnen?«

Linette und Jacko sahen sie an. »Ganz einfach, sie spinnen Stroh zu Gold!«

»Was?«, riefen Magnolia und Jeppe gleichzeitig. »Sie machen aus Stroh Gold?«

»Jo!«

»Genau genommen aus Flachs«, antwortete Linette.

»Sie spinnen Flachs zu Gold«, stammelte Jeppe benommen. »Ist das nicht das Zeug, das bei dir an der Mauer im Garten wächst?«

»Sofort wurde Linettes Blick wachsam. »Genau, Kobold. Und ich werde noch heute einen Bannkreis drumherum ziehen – nur für den Fall, dass du auf seltsame Gedanken kommst.«

Erschrocken riss Jeppe die Hände hoch. »Für wen hältst du mich?«

»F

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