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Magisterium – Der Weg ins Labyrinth

Holly Black & Cassandra Clare

Magisterium

Der Weg ins Labyrinth

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Anne Brauner

PROLOG

Aus der Ferne wirkte der Mann, der mühsam die weiße Wand des Gletschers erklomm, wie eine Ameise, die langsam seitlich an einem flachen Teller hochkrabbelte. Weit unter ihm lag wie ein Flickenteppich die Barackenstadt La Rinconada. Der Wind wurde mit jedem Meter stärker, wehte dem Mann Pulverschnee ins Gesicht und gefror seine feuchten schwarzen Locken. Trotz der gelben Schutzbrille schmerzte der grelle Widerschein des Sonnenuntergangs in seinen Augen.

Obwohl der Kletterer weder angeseilt noch anderweitig gesichert war und nur Steigeisen und eine Axt benutzte, hatte er keine Angst zu fallen. Er hieß Alastair Hunt und war Magier. Unterwegs formte und gestaltete er das Gletschereis mit seinen eigenen Händen, sodass er sich an den selbst gemachten Griffen nach oben hangeln konnte.

Als er auf halber Höhe die Höhle erreicht hatte, war er fast erfroren und vollkommen erschöpft. Er war an die Grenzen seiner Willenskraft gegangen, um den Elementen zu trotzen. Es kostete ihn unendlich viel Energie, seine Magie unaufhörlich zu fordern, doch er hatte nicht gewagt, langsamer zu klettern. Die Höhle, die wie ein Schlund die Flanke des Berges aufriss, war weder von unten noch von oben zu erkennen. Alastair Hunt hievte sich keuchend über den Rand und verfluchte sich, weil er nicht eher gekommen war und sich derart hatte täuschen lassen. Die Einwohner von La Rinconada hatten die Explosion gesehen und im Flüsterton gerätselt, was es zu bedeuten hatte, dieses Feuer im Eis.

Feuer im Eis. Es musste ein Notsignal sein … oder sie waren angegriffen worden. In der Höhle waren nur Magier untergekommen, die zu alt oder zu jung zum Kämpfen waren, Verwundete und Kranke, Mütter, die ihre kleinen Kinder nicht allein lassen konnten – wie Alastairs Frau mit ihrem Sohn. Sie hatten sich dort versteckt, an einem der entlegensten Orte der Welt.

Master Rufus hatte darauf bestanden, weil sie sonst zu angreifbar waren, Geiseln des Schicksals, und Alastair hatte ihm vertraut. Erst als der Feind des Todes nicht auf dem Schlachtfeld erschienen war, um sich dem Makarmädchen zu stellen, auf das sie all ihre Hoffnungen gesetzt hatten, war Alastair klar geworden, dass etwas nicht stimmte. So schnell er konnte, war er nach La Rinconada zurückgekehrt und hatte fast die gesamte Strecke auf dem Rücken eines Luftelementariers zurückgelegt. Von dort war er zu Fuß weitergegangen, da der Feind eine starke Kontrolle über die Elementarier ausübte, die man nicht vorhersehen konnte. Je höher er gestiegen war, umso mehr Angst hatte er bekommen.

Lass es ihnen gut gehen, dachte er beim Betreten der Höhle. Bitte, lass es ihnen gut gehen.

Eigentlich hätte man das Weinen von Kleinkindern hören müssen. Oder das Wispern nervöser Gespräche und das Summen unterdrückter Magie. Stattdessen heulte nur der Wind, der um den trostlosen Gipfel fegte.

Das weiße Eis der Höhlenwände war rot und braun gefleckt, dort, wo das Blut hingespritzt und es stellenweise geschmolzen hatte. Alastair nahm die Brille ab, ließ sie fallen und drängte tiefer in die Höhle. Nur mit dem letzten Rest seiner magischen Kraft ließ sich das hier durchstehen.

Die Höhlenwände glühten unheimlich phosphoreszierend. Weiter entfernt vom Eingang war das die einzige Lichtquelle – was vielleicht erklärte, warum Alastair die erste Leiche erst bemerkte, als er über sie stolperte und beinahe hingefallen wäre. Mit einem lauten Aufschrei wich er zurück und zuckte zusammen, als ihm das Echo um die Ohren flog. Die gefallene Magierin war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, doch sie trug ein Armband mit einem großen gehämmerten Kupfersplitter, der sie als Schülerin des zweiten Lehrjahrs im Magisterium auswies. Sie war höchstens dreizehn geworden.

Allmählich solltest du dich an den Tod gewöhnt haben, ermahnte er sich. Seit zehn Jahren lagen sie nun schon im Krieg mit dem Feind, und es fühlte sich wie ein Jahrhundert an. Erst war es ganz und gar unmöglich erschienen, dass ein junger Mann, auch wenn er zu den Makaris zählte, den Tod selbst besiegen wollte. Doch je mehr Macht der Feind an sich gerissen hatte, je stärker seine Armee aus Chaosbesessenen geworden war, umso fürchterlicher hatte die Bedrohung über ihnen gehangen … und im erbarmungslosen Abschlachten der Hilflosesten, der Unschuldigsten ihren Höhepunkt erreicht. Alastair zwang sich, die Leichen älterer Lehrer aus dem Magisterium und dem Kollegium liegen zu lassen, wie auch die toten Kinder von Freunden, Bekannten oder Magiern, die in vergangenen Schlachten verwundet worden waren. Zwischen ihnen lagen die dahingestreckten Chaosbesessenen, deren Wandelaugen für immer erloschen waren. Obwohl sie überrumpelt worden waren, hatten die Magier offenbar bis zum Letzten gekämpft und die feindlichen Truppen empfindlich geschwächt. Vor Entsetzen drehte sich Alastairs Magen um, seine Finger und Zehen waren taub, und doch wankte er weiter … bis er sie sah.

Sarah.

Sie lag im hintersten Winkel der Höhle an einer nebligen Eiswand. Ihre offenen Augen starrten ins Leere, die Iris trüb, Raureif in den Wimpern. Alastair bückte sich und strich über ihre kalte Wange. Sein Schluchzen zerriss die Luft.

Doch wo war sein Sohn? Wo war Callum?

Sarah hielt einen Dolch in der rechten Hand. Sie hatte es im Schmieden des Eisens, das aus den Tiefen der Erde kam, zu großer Meisterschaft gebracht. Diesen Dolch hatte sie in ihrem letzten Schuljahr im Magisterium selbst angefertigt. Er hatte sogar einen Namen: Semiramis. Alastair wusste, wie sehr er ihr am Herzen gelegen hatte. Wenn ich einmal sterbe, dann mit meiner eigenen Waffe in der Hand, hatte sie stets gesagt. Doch für Alastair hätte sie nie sterben dürfen.

Er streichelte ihr eisiges Gesicht.

Ein Schrei ließ ihn herumfahren. In dieser Höhle des Todes und der Grabesstille, ein Schrei.

Ein Kind.

Alastair ließ verzweifelt den Blick schweifen. Es hörte sich an, als läge das Kind mit dem dünnen Stimmchen näher am Eingang der Höhle. Er lief zurück, wankte über die Leichen, die zu starren Statuen gefroren waren – bis er in dem Gemetzel noch ein bekanntes Gesicht entdeckte.

Declan, Sarahs Bruder, war in der letzten Schlacht verwundet worden. Anscheinend war er an besonders grausamer Luftmagie erstickt; sein Gesicht war blau angelaufen, die Augen rot, weil die Adern geplatzt waren. Unter seinem ausgestreckten linken Arm lag Alastairs winziger Sohn, eine Wolldecke schützte ihn vor dem Eis. Als er ihn fassungslos ansah, öffnete der Junge den Mund und heulte erneut, schwach und dünn.

Wie in Trance und vor Erleichterung zitternd, bückte sich Alastair und nahm das Kind auf den Arm. Sein Sohn sah mit aufgerissenen grauen Augen zu ihm hoch und schrie. Als die Wolldecke zu Boden fiel, begriff Alastair auch, warum. Das linke Bein des Babys hing in einem scheußlichen Winkel wie ein abgebrochener Ast herunter.

Alastair rief die Erdmagie zu Hilfe, um sein Kind zu heilen, doch ihm blieb gerade noch genug Kraft, um ihm die Schmerzen zu nehmen. Mit klopfendem Herzen wickelte er seinen Sohn wieder in die Wolldecke und ging noch einmal zu Sarah zurück. Er hielt ihr das Baby hin, als könnte sie es sehen, und ging neben ihrer Leiche in die Knie.

»Sarah«, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme. »Ich werde ihm erzählen, dass du gestorben bist, als du ihn beschützen wolltest. Er soll nie vergessen, wie mutig du warst.«

Ihre starren Augen waren bleich und ausdruckslos. Er drückte das Kind fester an sich und nahm ihr Semiramis aus der Hand. Plötzlich fiel ihm auf, dass das Eis neben ihrer Hand sonderbar gemustert war, als hätte sie sterbend darauf eingestochen. Doch es waren keine beliebigen Stiche, wie Alastair erkannte, als er näher hinsah, sondern Worte – Worte, die seine Frau mit der letzten Kraft einer Sterbenden ins Eis der Höhle geritzt hatte.

Als er die Inschrift verstand, waren es drei harte Schläge in den Magen.

TÖTET DAS KIND.

ERSTES KAPITEL

Callum Hunt war in seinem kleinen Wohnort in North Carolina stadtbekannt, was in diesem Fall nichts Gutes verhieß. Er war berüchtigt dafür, Vertretungslehrer mit ironischen Kommentaren rauszuekeln, und Schulleiter, Aufsichtsschüler sowie die Damen von der Essensausgabe gleichermaßen zu ärgern. Die Vertrauenslehrer, die ihm anfangs zur Seite stehen wollten (schließlich war die Mutter des armen Jungen früh verstorben), hofften irgendwann, dass er nie wieder vor ihrer Tür auftauchen würde. Gab es etwas Peinlicheres, als wenn man einem wütenden Zwölfjährigen nichts entgegenzusetzen hatte?

Calls mürrische Miene, sein unordentliches schwarzes Haar und die misstrauischen grauen Augen waren auch seinen Nachbarn wohlbekannt. Er fuhr gerne Skateboard, obwohl es eine Weile gedauert hatte, bis er es rausgehabt hatte; von seinen ersten Versuchen zeugten noch Dellen in einigen Autos. Oft traf man ihn vor dem Schaufenster des Comic-Shops, der Spielhalle und des Videospielgeschäfts an. Sogar der Bürgermeister kannte ihn. Es wäre auch schwer gewesen ihn zu vergessen, nachdem er sich während der Parade am 1. Mai an dem Verkäufer des Tiergeschäfts vorbeigedrückt und einen Nacktmull mitgenommen hatte, der eigentlich an eine Boa constrictor verfüttert werden sollte. Das blinde, runzlige Tier hatte ihm leidgetan, weil es sich nicht wehren konnte – gerechterweise sollte erwähnt werden, dass er auch die weißen Mäuse befreit hatte, die als Nächste auf der Speisekarte der Schlange gelandet wären.

Call hätte nie gedacht, dass die Mäuse zwischen den Beinen der Paradeteilnehmer Amok laufen würden, doch Mäuse sind nicht sonderlich schlau. Er hätte allerdings auch nicht erwartet, dass die Zuschauer vor den Mäusen flüchten würden, aber auch die Menschen sind nicht die Schlauesten, wie sein Vater ihm später erklärt hatte. Es war nicht Calls Schuld, dass die Parade danach vorbei war, doch alle – vor allem der Bürgermeister – taten so. Und dann hatte Calls Vater ihn auch noch gezwungen, den Nacktmull zurückzugeben.

Calls Vater hielt nichts vom Stehlen.

Seiner Meinung nach war es fast so schlimm wie Magie.

Absatztrenner

Callum zappelte auf dem harten Stuhl vor dem Sekretariat und fragte sich, ob er am nächsten Tag noch zur Schule gehen und ob ihn andernfalls überhaupt jemand vermissen würde. Unaufhörlich ging er die verschiedenen Methoden durch, mit deren Hilfe er durch die Magierprüfung rasseln wollte – am besten so spektakulär wie möglich. Sein Vater hatte seine Ratschläge gebetsmühlenartig wiederholt: Denk an gar nichts. Oder konzentrier dich auf das Gegenteil dessen, was diese Ungeheuer von dir verlangen. Oder konzentrier dich auf den Test eines anderen Kandidaten. Call rieb sein Schienbein, das schon den ganzen Morgen krampfte und wehtat; so war das manchmal. Je größer er wurde, umso mehr tat es weh. Immerhin würde es ihm deswegen leichtfallen, den körperlichen Teil der Prüfung zu verhauen – wie immer der aussah.

Weiter vorne im Gang hörte er die anderen Schüler, deren Turnschuhe im Sportunterricht auf dem polierten Holzboden quietschten und die sich lauthals gegenseitig herausforderten. Call wünschte, er dürfte nur ein einziges Mal mitspielen. Auch wenn er nicht so schnell war wie die anderen und schlechter das Gleichgewicht halten konnte, hatte er doch Energie für zwei. Wegen seines Beins hatte er ein Attest für den Sportunterricht, und schon in der Grundschule war sofort ein Lehrer herbeigeeilt, sobald er in der Pause rennen, springen oder klettern wollte. Ständig musste er sich anhören, dass er langsamer machen musste, weil er sich sonst wehtat. Wenn er nicht auf sie hörte, würden sie ihn reinschicken.

Als gäbe es nichts Schlimmeres als ein paar blaue Flecke. Als könnte es seinem Bein noch schlechter gehen.

Seufzend starrte Call durch die Glastüren der Schule auf den Parkplatz, wo sein Vater gleich vorfahren würde. Sein Auto konnte man nicht verfehlen – er fuhr einen silbern glänzenden Rolls Royce Phantom von 1937. So etwas gab es in der ganzen Stadt nur einmal. Calls Vater betrieb das Antiquitätengeschäft Now and Again auf der Main Street und konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als kaputte Dinge anzunehmen und ihnen neuen Glanz zu verleihen. Um den Rolls am Laufen zu halten, musste er fast jedes Wochenende daran herumfrickeln. Außerdem bat er Call ständig, den Wagen zu waschen und mit einem sonderbaren alten Autowachs zu polieren, damit er nicht rostete.

Der Rolls Royce hielt sich prächtig – ganz im Gegensatz zu Call. Er betrachtete seine Sneakers, mit denen er auf den Fußboden tippte. Wenn er wie heute Jeans trug, fiel es nicht auf, dass mit seinem Bein etwas nicht stimmte, doch sobald er aufstand und den ersten Schritt machte, war es nicht mehr zu übersehen. Seit der Babyzeit hatte er eine Operation nach der anderen und tausend Physiotherapien über sich ergehen lassen, die alle nicht geholfen hatten. Er humpelte immer noch leicht, als balancierte er auf einem Schiff, das auf dem Meer schaukelte.

Als er jünger war, hatte er oft Pirat gespielt oder sich als tapferen Seemann mit Holzbein ausgegeben, der nach einem langen Kanonengefecht mit dem sinkenden Schiff unterging. Call hatte Piraten und Ninjas gespielt, Cowboys und Alien-Forscher.

Doch Magie war in keinem seiner Spiele vorgekommen.

Das nicht, niemals.

Jetzt hörte er einen brummenden Motor und stand auf; doch dann setzte er sich ärgerlich wieder hin. Es war doch nicht sein Dad, nur ein blöder roter Toyota. Kurz darauf eilte Kylie Myles, die auch in seiner Stufe war, in Begleitung einer Lehrerin an ihm vorbei.

»Viel Glück bei deinem Ballett-Casting«, sagte Ms Kemal zu Kylie und machte sich wieder auf den Weg in den Klassenraum. »Danke«, erwiderte Kylie und warf Call einen komischen, irgendwie abschätzigen Blick zu. Normalerweise würdigte Kylie ihn keines Blickes. Das war eines ihrer Hauptmerkmale, wie die glänzenden blonden Haare und ihr Rucksack mit dem Einhorn drauf. Wenn sie sich im Flur begegneten, sah sie an ihm vorbei, als wäre er unsichtbar.

Call kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie ihm auch noch halbherzig zuwinkte, bevor sie zu dem Toyota ging. Vorne saßen ihre Eltern und wirkten nervös.

Fuhr sie etwa auch dorthin? Unmöglich, dass sie auch an der Eisernen Prüfung teilnahm. Und wenn doch …

Er hievte sich aus dem Sessel. Wenn sie das wirklich vorhatte, musste sie gewarnt werden.

Viele Kinder glauben, es wäre etwas Besonderes, hatte Calls Vater mit unverkennbarem Widerwillen gesagt. Von ihren Eltern ganz zu schweigen. Das gilt vor allem für Familien, die seit Generationen magische Fähigkeiten haben. In anderen Familien, in denen die Magie fast ausgestorben ist, setzt man darauf, dass ein magisches Kind sie wieder an die Macht bringen kann. Aber die Kinder ohne magische Verwandte können einem am meisten leidtun. Die denken, es geht dort zu wie im Film.

Doch es ist überhaupt nicht wie im Film.

In diesem Augenblick fuhr Calls Dad mit quietschenden Bremsen vor der Schule vor, sodass Call Kylie nicht mehr sehen konnte. Er humpelte durchs Schultor nach draußen, doch als er endlich an dem Rolls Royce angekommen war, bog der Toyota der Myles bereits um die Ecke und war bald außer Sicht.

Aus der Warnung wurde offenbar nichts.

»Call.« Sein Vater war ausgestiegen und lehnte an der Beifahrertür. Sein schwarzer Schopf – das dichte schwarze Haar hatten sie gemeinsam – wurde an den Schläfen grau, und trotz der Hitze trug er ein Tweedjackett mit Lederflicken an den Ellbogen. Call fand, sein Vater sah oft wie Sherlock Holmes in den alten BBC-Filmen aus; hin und wieder war jemand richtiggehend überrascht, dass er keinen englischen Akzent hatte. »Bist du so weit?«

Call zuckte die Achseln. Wie sollte man für etwas bereit sein, das einem angeblich das ganze Leben versauen konnte, wenn man es falsch anging? Oder richtig, in seinem Fall. »Kann man sagen.«

Sein Vater hielt ihm die Tür auf. »Gut. Steig ein.«

Innen war der Rolls ebenso makellos wie außen. Call war überrascht, als er seine alten Krücken auf der Rückbank entdeckte. Er hatte sie nicht mehr benutzt, seit er vor Jahren von einem Klettergerüst gefallen war und sich den Fuß verstaucht hatte – an seinem guten Bein. Nachdem sein Vater eingestiegen war und den Motor angelassen hatte, fragte er: »Wieso hast du die mitgenommen?«

»Je schlimmer du aussiehst, umso größer ist die Chance, dass sie dich ablehnen«, sagte sein Vater mit grimmiger Miene und warf einen Blick nach hinten, als er vom Parkplatz fuhr.

»Das grenzt an Pfuschen«, entgegnete Call.

»Call, man pfuscht, um zu gewinnen. Man kann nicht pfuschen, um zu verlieren.«

Call verdrehte die Augen und ließ seinen Vater glauben, was er wollte. Er würde nur im äußersten Notfall auf Krücken gehen, doch er hatte keine Lust, sich zu streiten. Jedenfalls nicht heute, nachdem sein Vater bereits beim Frühstück den Toast hatte anbrennen lassen und Call angeherrscht hatte, als er sich beschwerte, dass er zur Schule gehen musste, obwohl er gleich wieder abgeholt werden würde. Das sah seinem Vater nicht ähnlich.

Jetzt beugte er sich über das Lenkrad und umklammerte mit der Rechten die Gangschaltung, um mit viel zu viel Wucht in einen anderen Gang zu schalten.

Call betrachtete die Bäume, an denen sie vorbeifuhren, mit ihren Blättern, die sich gerade gelb färbten, und rief sich ins Gedächtnis, was er über das Magisterium wusste. Als sein Vater erstmals über die Lehrer und die Art, wie sie ihre Lehrlinge aussuchten, gesprochen hatte, musste Call in seinem Arbeitszimmer in einem der großen Ledersessel sitzen. Damals hatte er einen Verband am Ellbogen und eine aufgeplatzte Lippe gehabt, weil er sich in der Schule geprügelt hatte – und nicht die geringste Lust, sich eine Strafpredigt seines Vaters anzuhören. Außerdem war sein Vater so ernst gewesen, dass Call es mit der Angst bekommen hatte. Und er hatte auch so mit Call geredet, als würde er ihm gleich mitteilen müssen, dass er eine bösartige Krankheit hatte. Wie sich herausgestellt hatte, handelte es sich bei der Krankheit um mögliche magische Fähigkeiten.

Call hatte sich bei dieser Rede seines Vaters im Sessel ganz kleingemacht. Er war es gewohnt, gehänselt zu werden, weil andere Kinder ihn wegen seines Beins für eine gute Zielscheibe hielten. Normalerweise konnte er sie schnell vom Gegenteil überzeugen. An diesem Tag waren es jedoch ältere Jungen gewesen, die ihn auf dem Heimweg hinter den Schuppen in der Nähe des Klettergerüsts gedrängt hatten. Wie üblich hatten sie ihn herumgeschubst und beleidigt. Da Callum die Erfahrung gemacht hatte, dass die meisten Leute aufhörten, sobald er sich wehrte, nahm er sich den größten Jungen vor. Das war der erste Fehler gewesen. Kurz darauf hatten sie ihn niedergerungen. Einer saß auf seinen Knien, während ein anderer ihm ins Gesicht schlug und forderte, er solle sich entschuldigen und zugeben, ein behinderter Spasti zu sein.

»Tut mir leid, dass ich so toll bin, ihr Loser«, hatte Call gesagt und war in Ohnmacht gefallen.

Er konnte nur ungefähr eine Minute bewusstlos gewesen sein, denn als er die Augen wieder aufschlug, sah er noch, wie die Jungen davonliefen. Er hätte nicht gedacht, dass seine Bemerkung eine derart durchschlagende Wirkung haben würde.

»Super«, hatte er gesagt, als er sich mühsam aufrichtete. »Haut bloß ab.«

Bei näherem Hinsehen stellte Call fest, dass der Asphalt auf dem Spielplatz gesprungen war. Ein langer Riss führte von den Schaukeln zur Schuppenwand und spaltete das niedrige Gebäude.

Call lag genau in der Mitte dessen, was wie ein Mini-Erdbeben aussah.

So etwas Fantastisches hatte er noch nie erlebt. Sein Vater war anderer Meinung.

»Magie wird vererbt«, erklärte er. »Nicht an alle, aber dich hat es anscheinend getroffen. Leider. Es tut mir schrecklich leid, Call.«

»Soll das heißen, dass ich den Boden aufgerissen habe?« Call war hin- und hergerissen zwischen Freude und Entsetzen, doch die Freude überwog. Er merkte, wie er lächelte, und ließ es gleich wieder sein. »Das tun Magier also?«

»Magier bedienen sich der Elemente – Erde, Luft, Wasser, Feuer, sogar des Nichts, das die Quelle der mächtigsten und schlimmsten Magie, der Chaosmagie ist. Magier nutzen ihre Fähigkeiten für alle möglichen Dinge, zum Beispiel eben auch dazu, die Erde aufzureißen, so wie du es getan hast.« Sein Vater hatte diese Erklärung mit einem Nicken betont. »Anfangs, wenn die Magie einsetzt, ist sie sehr intensiv. Rohe Kräfte … Doch mit Balance bekommt man seine magischen Fähigkeiten in den Griff. Man muss sehr viel lernen, um so viel Macht zu erlangen wie ein neu erweckter Magier, aber jungen Magiern fehlt es eben auch noch an Kontrolle. Du musst dagegen ankämpfen, Call. Du darfst deine Magie nie wieder nutzen. Sonst verschleppen die Magier dich in ihre Tunnel.«

»Liegt da diese Schule? Ist das Magisterium unterirdisch?«, hatte Call gefragt.

»In der Erde vergraben, wo niemand es finden kann«, hatte sein Vater verbissen geantwortet. »Da unten gibt es kein Licht. Keine Fenster. Das Ganze ist ein Labyrinth. Man kann sich in den Höhlen verlaufen und sterben, ohne dass jemand es merkt.«

Call leckte seine Lippen, die plötzlich trocken waren. »Aber du bist doch auch ein Magier, nicht wahr?«

»Ich habe der Magie abgeschworen, als deine Mutter gestorben ist. Ich werde sie nie wieder nutzen.«

»Und Mom war auch da? In den Tunneln? Echt?« Call wollte alles über seine Mutter erfahren. Viel wusste er nicht über sie. In einem alten Album hatte er vergilbte Fotos von einer hübschen Frau gefunden, die Calls pechschwarze Haare hatte und deren Augenfarbe er nicht erkennen konnte. Seinem Vater stellte er lieber nicht zu viele Fragen, denn der sprach nur über Calls Mutter, wenn es unbedingt nötig war.

»Echt«, hatte sein Vater erwidert. »Und die Magie ist schuld an ihrem Tod. Wenn Magier in den Krieg ziehen, was oft der Fall ist, scheren sie sich nicht um die Menschen, die darin umkommen. Auch darum darfst du keinesfalls ihre Aufmerksamkeit erregen.«

In jener Nacht war Call schreiend aufgewacht, weil er träumte, dass er in die Tunnel verschleppt und Erde auf ihn geschüttet wurde, als würde er lebendig begraben. Er konnte noch so viel um sich treten, er bekam keine Luft. Danach träumte er, er würde vor einem Ungeheuer davonlaufen, das aus Rauch bestand und in dessen Augen tausend böse Farben wirbelten … aber wegen seines Beins war er nicht schnell genug. In seinen Träumen zog er es nach wie ein totes Gewicht, bis er zusammenbrach und den heißen Atem des Monsters im Nacken spürte.

Seine Mitschüler hatten Angst vor der Dunkelheit, Ungeheuern unterm Bett, Zombies oder Mördern mit Riesenäxten. Call dagegen fürchtete sich vor Magiern und hatte noch mehr Angst, selbst einer zu werden.

Und jetzt würde er ihnen begegnen – denselben Magiern, die den Tod seiner Mutter zu verantworten hatten und die schuld daran waren, dass sein Vater fast nie lachte und keine Freunde hatte. Lieber saß er in der Werkstatt, die er sich in der Garage eingerichtet hatte und reparierte schadhafte Möbel, Autos und Schmuckstücke. Call fand, man musste kein Genie sein, um zu begreifen, warum sein Vater wie ein Besessener kaputte Dinge wieder zusammenfügte.

Sie rasten an einem Verkehrsschild vorbei, das sie in Virginia willkommen hieß. Alles sah gleich aus. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, doch er war nur selten aus North Carolina herausgekommen. Sie verließen Asheville nur hin und wieder, um zu Tauschbörsen für Autoersatzteile oder auf Antikmessen zu fahren, wo Call sich zwischen Bergen ungeputzten Silbers, Sammlungen von Baseballkarten in Plastikhüllen und sonderbaren ausgestopften Yakköpfen herumtrieb, während sein Vater um langweilige Antiquitäten feilschte.

Call fiel plötzlich ein, dass er vielleicht nie wieder zu einer Tauschbörse gehen würde, wenn er die Prüfung bestand. Er bekam Magenschmerzen und eine Gänsehaut, und er dachte an den Plan, den sein Vater ihm eingeschärft hatte: Denk an gar nichts. Oder konzentrier dich auf das Gegenteil dessen, was diese Ungeheuer von dir verlangen. Oder konzentrier dich auf den Test eines anderen Kandidaten.

Er atmete geräuschvoll aus. Sein Vater hatte ihn mit seiner Nervosität angesteckt. Alles würde gut gehen. So schwer konnte es wirklich nicht sein, durch eine Prüfung zu fallen.

Sein Vater bog vom Highway auf eine schmalere Straße ab. Nur ein einziges Straßenschild mit einem Flugzeug-Symbol und den Worten FLUGHAFEN WEGEN RENOVIERUNG GESCHLOSSEN hatte auf die Abfahrt hingewiesen.

»Wohin fahren wir? Fliegen wir etwa?«

»Das will ich nicht hoffen«, murmelte sein Vater. Die asphaltierte Straße war unvermittelt in eine Schotterpiste übergegangen. Als sie die nächsten hundert Meter weiterrumpelten, musste Call sich am Türrahmen festhalten, um nicht hochzuhüpfen und sich den Kopf zu stoßen. Ein Rolls Royce war für unbefestigte Straßen nicht geeignet.

Auf einmal wurde die Straße breiter, und die Bäume machten einer weitläufigen Lichtung Platz, in deren Mitte ein riesiger Hangar aus Wellblech stand. Drumherum parkten bereits etwa hundert Autos von schäbigen Pick-ups bis zu Sedans, die fast so luxuriös waren wie der Phantom und dabei sehr viel neuer. Aus allen Richtungen eilten Eltern und Kinder in Calls Alter zu dem Hangar.

»Ich glaube, wir sind spät dran«, sagte Call.

»Umso besser.« Sein Vater klang zufrieden. Er parkte das Auto, stieg aus und scheuchte auch Call nach draußen, der froh war, dass sein Vater die Krücken vergessen hatte. Es war heiß, und die Sonne knallte Call in seinem grauen T-Shirt auf den Rücken. Er wischte die schweißnassen Hände an der Jeans ab, während sie über den Parkplatz auf den breiten hohen Eingang des Hangars zuliefen.

Drinnen ging die Post ab. Es wimmelte von Jugendlichen, deren Stimmen laut durch das ansonsten leere Gebäude hallten. An einer Wellblechwand stand eine Tribüne, die in dem ungeheuer weiten Raum winzig wirkte, obwohl sie vielen Menschen Platz bot. Auf dem Betonboden waren mit neonblauem Klebeband zahlreiche X und Kreise markiert.

An den Hangartoren gegenüber, aus denen wahrscheinlich früher die Flugzeuge auf die Startbahn ausgerollt waren, standen die Magier.

ZWEITES KAPITEL

Sie waren nur zu sechst und doch allgegenwärtig. Call hatte sich keine genaue Vorstellung von ihnen gemacht – schließlich war sein Vater ebenfalls Magier und sah eigentlich ganz normal aus, wenn er auch eine Vorliebe für Tweed hatte. Er hätte jedenfalls gedacht, dass die anderen Magier sehr viel seltsamer aussahen. Mit spitzen Hüten vielleicht. Oder mit Umhängen, die mit silbernen Sternen besetzt waren? Grüne Haut hätte ihn auch nicht gewundert.

Doch zu seiner Enttäuschung sahen sie alle vollkommen normal aus. Die drei Frauen und drei Männer trugen weite langärmelige Tuniken in Schwarz sowie Gürtel und Hosen aus dem gleichen Material. An den Handgelenken hatten sie Manschetten aus Leder und Metall, doch Call konnte nicht erkennen, ob sie etwas Besonderes oder reine Mode-Accessoires waren.

Der größte Magier, ein breitschultriger Mann mit Hakennase und wirren Haaren mit silbernen Strähnen, trat vor und wandte sich an die Familien auf den Tribünen.

»Ich heiße alle Kandidaten und ihre Familien herzlich willkommen. Dies ist der aufregendste Nachmittag im Leben Ihrer Kinder.«

Als ob, dachte Call. Null Druck oder was.

»Wissen die eigentlich alle, dass sie sich für die Schule der Magier bewerben?«, fragte er leise.

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Die Eltern glauben das, was sie glauben wollen, und hören, was sie hören wollen. Wenn sie sich wünschen, dass ihr Kind ein berühmter Sportler wird, gehen sie davon aus, dass es ein besonderes Trainingsprogramm absolviert. Wenn sie darauf hoffen, dass es Gehirnchirurg wird, geht es um ein vormedizinisches Praktikum erster Klasse. Wenn das Kind später reich werden soll, glauben die Eltern, dass es in eine Privatschule geht, wo es mit den Reichen und Mächtigen auf Du und Du ist.«

Im weiteren Verlauf erklärte der Magier, wie und wie lange es an diesem Nachmittag weitergehen würde. »Einige von Ihnen haben einen weiten Weg auf sich genommen, um Ihrem Kind diese Prüfung zu ermöglichen, wofür wir uns ganz besonders bedanken …«

Call hörte was der Magier sagte, doch er hörte auch noch eine zweite Stimme, die von überall und nirgends zu kommen schien.

Wenn Master North seine Rede abgeschlossen hat, bitten wir alle Bewerber aufzustehen und nach vorne zu kommen. Wir beginnen mit der Prüfung.

»Hast du das gehört?«, fragte Call seinen Vater, der zustimmend nickte. Call sah sich die beklommenen oder lächelnden Gesichter an, die den Magiern zugewandt waren. »Und die anderen Kids?«

Der Magier – in dem Call nach Aussage der körperlosen Stimme Master North vermutete – kam zum Ende. Call sollte sich lieber auf den Weg machen, da er länger brauchen würde als alle anderen. Doch er wollte die Antwort seines Vaters abwarten.

»Jeder, der auch nur ein kleines bisschen magisches Gespür hat, kann Master Phineus hören – und die meisten Kandidaten haben sicherlich schon die ein oder andere magische Erfahrung gemacht. Einige haben bereits erraten, was sie sind, andere wissen es genau, und der Rest wird es bald herausfinden.«

Als die Jugendlichen Füße scharrend aufstanden, geriet das Metallgerüst der Tribüne ins Wanken.

»Soll das der erste Test sein?«, fragte Call seinen Vater. »Ob wir Master Phineus hören?«

Sein Vater hörte gar nicht richtig zu; irgendwie war er nicht bei der Sache. »Kann sein. Aber die anderen Tests sind viel schlimmer. Denk dran, was ich dir gesagt habe, umso schneller ist es vorbei.« Call war überrascht, als sein Vater sein Handgelenk packte – er wusste, dass sein Dad ihn liebte, aber mit Berührungen hatte er es nicht so. Er drückte fest zu und ließ schnell wieder los. »Geh jetzt.«

Während Call die Tribüne hinabstieg, wurden die anderen bereits in Gruppen eingeteilt. Eine Magierin wies Call an, sich bei einer von ihnen hinten anzustellen. Die Kandidaten flüsterten nervös und voller Erwartung miteinander. Zwei Gruppen weiter stand Kylie Myles. Call wollte schon herüberrufen, dass es hier nicht um ein Ballett-Casting ging, doch sie unterhielt sich lächelnd und hätte ihm wahrscheinlich ohnehin nicht geglaubt.

Ballett-Casting, dachte er grimmig. So kriegen sie einen.

»Ich bin Master Milagros«, sagte die Magierin, die Call seinen Platz zugewiesen hatte, als sie ihre Gruppe geschickt aus dem großen Raum in einen langen, unauffälligen Gang führte. »Bei diesem ersten Test bleiben alle zusammen. Bitte folgt mir manierlich.«

Call, der weit zurückgefallen war, beeilte sich, die anderen einzuholen. Wahrscheinlich wäre es von Vorteil gewesen, hinterherzuhinken, damit sie dachten, die Prüfung wäre ihm egal oder er wüsste nicht, wie es ging, doch er wollte nicht angestarrt werden. Deshalb huschte er jetzt so schnell vorwärts, dass er versehentlich mit einem hübschen Mädchen mit großen dunklen Augen zusammenstieß. Unter ihrem noch dunkleren Pony warf sie ihm einen bösen Blick zu.

»Tschuldigung«, sagte Call automatisch.

»Wir sind alle nervös«, sagte das Mädchen, obwohl sie selbst überhaupt keinen nervösen Eindruck machte. Sie wirkte vollkommen gelassen. Der Schwung ihrer Augenbrauen war perfekt, und auf ihrem karamellfarbenen Pullover und ihrer teuren Jeans war kein Stäubchen zu sehen. Sie trug einen feinen silbernen Anhänger in Form einer Hand um den Hals, den Call von seinen Besuchen in Antiquitätengeschäften als ›Hand der Fatima‹ kannte. Ihre goldenen Ohrringe sahen aus, als hätten sie früher mal einer Prinzessin gehört oder einer Königin. Call war sofort gehemmt, als trüge er schmutzige Sachen.

»Hey, Tamara!«, sagte ein asiatischer Junge mit sehr kurzen Haaren, und das Mädchen ließ Call stehen. Dann sagte der andere noch etwas, das er nicht verstehen konnte. Sein Tonfall war spöttisch und Call befürchtete, es ginge darum, dass er andere anrempelte, weil er eben behindert war. Als wäre er Frankensteins Monster. Call wurde sauer – vor allem, weil Tamara sein Bein vorher gar nicht zur Kenntnis genommen hatte. Sie hatte einfach nur etwas verärgert reagiert, wie sie es bei jedem anderen auch getan hätte. Er durfte nicht vergessen, dass er diese Leute nie wiedersehen würde, wenn er erst mal durch die Prüfung gefallen war.

Außerdem würden sie unter der Erde sterben.

Diese Vorstellung half ihm abwärts durch eine endlose Reihe von Gängen, bis sie in einen weitläufigen, weiß gestrichenen Raum gelangten, in dem ordentlich aufgereihte Pulte standen. Er unterschied sich nicht von den anderen Räumen, in denen Call bisher seine üblichen Schulprüfungen abgelegt hatte. Die schlichten Pulte waren aus Holz, davor stand jeweils ein klappriger Stuhl. Auf jedem Pult lagen ein blaues, mit Namen beschriftetes Heft und ein Stift. Es gab Gedränge, als alle von Pult zu Pult gingen und ihre Platzkarte suchten. Call fand seinen Namen in der dritten Reihe und setzte sich hinter einen Jungen mit blond gewellten Haaren und einer Jacke mit dem Logo seines Fußballteams. Er wirkte eher wie ein Topsportler und nicht so sehr wie ein Bewerber für die Magierschule. Der Junge lächelte Call zu, als würde er sich wirklich freuen, in seiner Nähe zu sitzen.

Call lächelte nicht zurück, sondern schlug das blaue Heft auf und musterte die Seiten mit den Fragen und den leeren Kreisen neben den Buchstaben A, B, C, D und E. Er hatte sich die Prüfung Furcht einflößend vorgestellt, doch die einzige Gefahr bestand anscheinend darin, sich zu Tode zu langweilen.

»Bitte schlagt die Hefte erst zu Beginn des Tests auf«, mahnte Master Milagros, die vorne stand. Sie war groß, sah unglaublich jung aus und erinnerte Call ein wenig an seine Klassenlehrerin. Sie benahm sich genauso nervös und unbeholfen und wirkte, als wäre sie es nicht gewohnt, so viele Teenager um sich zu haben. Sie hatte kurze schwarze Haare mit einer pinkfarbenen Strähne darin.

Call schloss das Heft und sah sich um. Anscheinend war er der Einzige, der es voreilig aufgeschlagen hatte. Doch er würde seinem Vater nicht erzählen, wie leicht es war, nicht so zu sein wie die anderen.

»Zunächst begrüße ich euch alle zur Eisernen Prüfung«, fuhr Master Milagros fort und räusperte sich. »Da eure Erziehungsberechtigten jetzt nicht mehr dabei sind, können wir näher ins Detail gehen, was den Ablauf angeht. Einige von euch haben Einladungen zu Vorstellungsterminen an einer Schule für Musik oder Astronomie, höhere Mathematik oder Kunstreiten erhalten. Doch mittlerweile dürfte euch klar sein, dass ihr hier seid, damit wir sehen, wer im Magisterium aufgenommen werden soll.«

Als sie die Arme hob, lösten sich die Wände auf und wichen grob behauenem Fels. Die Kandidaten blieben sitzen, obwohl sich der Boden ebenfalls in mit Glimmer durchsetzten Stein verwandelt hatte. Funkelnde Stalaktiten hingen wie Eiszapfen von der Decke.

Der blonde Junge holte scharf Luft. Auch andere machten ihrer Überraschung Luft.

Es fühlte sich an, als wären sie im Höhlensystem des Magisteriums.

»Voll cool«, sagte ein hübsches Mädchen mit weißen Perlen an den Spitzen ihrer geflochtenen Cornrows.

All den Geschichten zum Trotz, die sein Vater ihm erzählt hatte, wollte Call in diesem Augenblick ins Magisterium gehen. Es erschien gar nicht mehr bedrohlich und unheimlich, im Gegenteil. Es kam ihm eher so vor, als wäre er ein Forscher oder auf dem Weg zu einem anderen Planeten. Die Worte seines Vaters fielen ihm wieder ein:

Die Magier werden dich mit hübschen Illusionen und raffinierten Lügen in Versuchung bringen. Lass dich nicht reinlegen.

Master Milagros’ Stimme gewann langsam an Selbstbewusstsein. »Einige von euch tragen das Erbe, weil eure Eltern oder andere Verwandte ein Magisterium besucht haben. Andere wurden erwählt, weil wir in ihnen das Potenzial zum Magier sehen. Doch noch hat keiner von euch einen sicheren Platz. Nur die Lehrer erkennen die perfekten Bewerber.«

Call zeigte auf und rief in den Raum, bevor sie ihn drannehmen konnte. »Und wenn man gar nicht will?«

»Wieso sollte irgendwer nicht auf den Ponyhof gehen wollen?«, fragte ein Junge mit braunem Wuschelkopf verwundert. Er saß Call diagonal gegenüber, mit mageren Beinen und Armen und einem blauen T-Shirt, auf dem ein ausgewaschenes Pferdebild prangte.

Master Milagros war so sauer, dass sie nicht einmal mehr nervös war. »Drew Wallace«, sagte sie. »Wir sind hier nicht auf dem Ponyhof. Du wirst darauf geprüft, ob du mit deinen Eigenschaften als Schüler geeignet bist und deinen Lehrer, Master genannt, ins Magisterium begleiten sollst. Wenn man genug Magie zeigt, kann man sich die Aufnahme nicht aussuchen.« Sie sah Call böse an. »Die Prüfung dient eurer eigenen Sicherheit. Wer sich erblich bedingt besser auskennt, weiß, wie gefährlich ungelernte Magier sich selbst und anderen werden können.«

Ein Raunen lief durch den Raum. Call merkte, dass einige Tamara ansahen. Sie saß kerzengerade auf ihrem Stuhl, den Blick eisern nach vorn gerichtet, das Kinn vorgereckt. Er kannte diesen Blick. So ging es ihm auch, wenn man über sein Bein, seine verstorbene Mutter oder seinen Sonderling von Vater tuschelte. So sah jemand aus, der vorgab, das Gerede nicht zu bemerken.

»Und was passiert, wenn man nicht ins Magisterium kommt?«, fragte das Mädchen mit den Cornrows.

»Das ist eine gute Frage, Gwenda Mason«, sagte Master Milagros aufmunternd. »Ein erfolgreicher Magier braucht drei Dinge. Erstens eine eigene magische Kraft. Die habt ihr in gewissem Maß alle. Zweitens die nötigen Kenntnisse, sie anzuwenden. Die können wir euch beibringen. Drittens muss man die Kontrolle bewahren – und die kann nur von innen kommen, das müsst ihr draufhaben. Im ersten Schuljahr werdet ihr als ungelernte Magier bereits den Gipfel eurer magischen Kraft erreichen, leider ohne das nötige Wissen und ohne Sinn für Kontrolle. Falls ihr euch weder dazu eignet zu lernen noch dazu, etwas in den Griff zu bekommen, dann ist im Magisterium kein Platz für euch. Wenn das so ist, sorgen wir dafür, dass ihr und eure Familien für immer vor Magie und der Gefahr, den Elementen zu erliegen, sicher seid.«

Den Elementen zu erliegen? Was soll das denn heißen?, überlegte Call. Doch anscheinend waren andere ähnlich verwirrt. »Heißt das, man fällt durch?«, fragte jemand. »Moment, was meint sie?«, wollte ein anderer Junge wissen.

»Wir sind also wirklich nicht auf dem Ponyhof?«, fragte Drew noch einmal kläglich.

Master Milagros schenkte ihnen keine Beachtung. Die Bilder der Höhle verblassten allmählich, und sie waren wieder in dem weiß gestrichenen Raum.

»Die Stifte sind eine Sonderanfertigung«, sagte sie, als wäre ihr gerade wieder eingefallen, wie nervös sie war. Call fragte sich, wie alt sie war. Sie sah jung aus, und die pinkfarbene Strähne ließ sie noch jünger erscheinen, doch wenn sie bereits Master war, musste sie eine sehr gute Magierin sein, dachte er weiter. »Wir können euren Test nur lesen, wenn ihr diesen speziellen Stift benutzt. Ihr müsst ihn schütteln, um die Tinte zu aktivieren. Ihr dürft jetzt anfangen.«

Call schlug das Heft wieder auf und las mit zusammengekniffenen Augen die erste Aufgabe:

1.  Ein Drache und ein Lindwurm machen sich um 14 Uhr aus derselben Höhle auf den Weg in dieselbe Richtung. Der Drache ist durchschnittlich 48 km/h langsamer als die doppelte Geschwindigkeit des Lindwurms. Nach zwei Stunden ist der Drache dem Lindwurm 32 Kilometer voraus. Errechne die Fluggeschwindigkeit des Drachen und bedenke, dass der Lindwurm auf Rache aus ist.

Rache? Call stierte auf die Seite und blätterte um. Die nächste Aufgabe war auch nicht besser.

2.  Lukretia will im Herbst das Nachtschattengewächs Wolfsbeere anbauen. Sie plant vier Wolfsbeeren-Beete mit 15 Pflanzen pro Beet. Ungefähr 20 Prozent des Feldes werden testweise mit Bittersüßem Nachtschatten bepflanzt. Wie viele Nachtschattengewächse sind es insgesamt? Wie viele Pflanzen des Bittersüßen Nachtschattens wurden angebaut? Falls Lukretia eine Erdmagierin wäre und durch drei Pforten gegangen wäre, wie viele Menschen könnte sie mit der Wolfsbeere vergiften, bevor sie erwischt und geköpft würde?

Call blinzelte. Sollte er sich jetzt wirklich anstrengen und die richtigen Lösungen finden, damit er nicht zufällig ins Schwarze traf? Oder sollte er sich überall für die gleiche Antwort entscheiden, weil man damit sicher ein niedriges Ergebnis erzielen würde – gemäß des Gesetzes des Durchschnitts hätte er dann immer noch ungefähr zwanzig Prozent richtig, mehr, als er sich vorgenommen hatte.

Während er noch wütend erwog, was er tun sollte, nahm er den Stift in die Hand und versuchte zu schreiben.

Fehlanzeige.

Call versuchte es erneut und drückte fester auf das Papier. Immer noch nichts. Als er sich umschaute, sah es aus, als würden die meisten wunderbar klarkommen, doch einige andere hatten ebenfalls Probleme mit ihren Stiften.

Typisch, dass er nicht wie eine normale unmagische Person durch die Prüfung fallen konnte. Er war nicht einmal in der Lage, sie zu schreiben. Und wenn die Magier einen jetzt zwangen, den Test so lange zu wiederholen, bis etwas auf dem Papier stand? War das sonst so, als wäre er gar nicht erst erschienen?

Fluchend versuchte er sich daran zu erinnern, was Master Milagros über den Stift gesagt hatte. Irgendwie sollte man ihn schütteln, damit die Tinte einschoss. Vielleicht war er zu sanft damit umgegangen.

Call ballte die Faust um den Stift und schüttelte ihn vehement, voller Zorn über die Prüfung. Los jetzt, dachte er. Mach schon, du blödes Ding. LOS JETZT!

Blaue Tinte schoss aus der Spitze. Call wollte den Stift zuhalten und suchte den Riss, aber das machte es nur noch schlimmer. Die Tinte spritzte großflächig auf den Stuhl vor ihm, und der blonde Junge, der irgendwie merkte, dass es noch schlimmer kommen würde, duckte sich aus der Schusslinie. Mehr Tinte als in einem kleinen Stift stecken konnte, spritzte in alle Richtungen, bis Call böse Blicke erntete.

Als er den Stift schließlich fallen ließ, gab der auf der Stelle Ruhe. Doch er hatte genug angerichtet. Calls Hände, sein Pult, sein Prüfungsheft und seine Haare – alles war in Tinte getaucht. Als er die Finger abwischen wollte, drückte er nur blaue Handabdrücke auf sein Hemd. Hoffentlich war die Tinte nicht giftig. Er war ziemlich sicher, dass er auch etwas geschluckt hatte.

Alle starrten ihn an. Sogar Master Milagros sah ihn mit einer alarmierenden Art von Bewunderung an, als wäre es vor ihm noch niemandem gelungen, einen Stift so gründlich zu zerstören. Niemand sagte etwas, außer dem schlaksigen Typen, der eben mit Tamara gesprochen hatte. Er lehnte sich zu ihr, um ihr etwas zuzuflüstern. Tamara lächelte kein bisschen, doch die überlegene Miene des Jungen sagte Call, dass er ihn verspottete. Und schon merkte er, wie seine Ohren rot anliefen.

»Callum Hunt«, sagte Master Milagros schockiert. »Bitte … bitte geh hinaus und säubere dich. Warte danach draußen, bis wir wieder zu dir stoßen.«

Call stand mühsam auf und merkte kaum, dass der blonde Junge, den er beinahe vollständig mit Tinte getränkt hatte, ihn mitleidig anlächelte. Als er hinauspolterte, kicherte immer noch jemand, und Tamaras bösen Blick hatte er auch noch gut im Gedächtnis. Sollte sie doch denken, was sie wollte – sollten sie alle denken, was sie wollten, wen kümmerte es, ob sie nett oder blöd zu ihm waren? Sie waren ihm ganz egal. Mit seinem Leben hatten sie nichts zu tun, das alles hier nicht.

Nur noch ein paar Stunden. Das sagte er sich wie ein Mantra vor, während er auf der Toilette mit Seife und groben Papierhandtüchern versuchte, die Tinte abzuwaschen. Vielleicht war es ja Zaubertinte, jedenfalls ging sie nicht richtig ab. Sie war in seinen schwarzen Haaren getrocknet, und auf dem weißen T-Shirt prangten weiterhin die dunkelblauen Abdrücke seiner Hände, als er aus der Toilette kam und die anderen Kandidaten im Gang wieder traf, wo sie bereits auf ihn warteten. »Der Freak mit der Tinte«, murmelte jemand.

»Interessanter Look, dein T-Shirt«, sagte der Junge mit den schwarzen Haaren. Call hielt ihn für reich, so reich wie Tamara. Er hätte nicht genau sagen können, warum, doch seine Kleidung hatte eine maßgeschneiderte Lässigkeit, die bestimmt sehr viel Geld kostete. »Ich kann nur hoffen, dass der nächste Test nichts mit Sprengstoff zu tun hat. Oder, ach, nein – hoffentlich doch.«

»Schnauze«, knurrte Call – keine originelle Reaktion, das wusste er selbst. Er lümmelte sich an der Wand, bis Master Milagros kam und die Gruppe zur Ordnung rief. Es wurde still, als sie die Bewerber aufrief und in Fünfergruppen einteilte, die sie dann in unterschiedliche Gänge schickte. An deren Enden sollten sie auf sie warten.

Call verstand nicht, wie in dem Flugzeughangar ein solches Netz von Gängen untergebracht werden konnte. Wahrscheinlich gehörte das zu den Dingen, von denen sein Vater sagte, dass er besser nicht darüber nachdachte.

»Callum Hunt!«, rief die Lehrerin und Call schlurfte zu seiner Gruppe, zu der zu seinem großen Missfallen auch der Schwarzhaarige, der Jasper deWinter hieß, und der Blonde gehörten, den er mit Tinte bespritzt hatte. Er hieß Aaron Stewart. Jasper machte eine große Show daraus, Tamara um den Hals zu fallen und ihr viel Glück zu wünschen, bevor er zu seiner Gruppe schlenderte. Dann drängte er Aaron sofort ein Gespräch auf und drehte Call den Rücken zu, als wäre er gar nicht da.

Die beiden anderen in Calls Gruppe waren Kylie Myles und ein nervöses Mädchen namens Celia mit einer dunkelblonden Mähne, deren Pony mit einer blauen Blumenspange aus dem Gesicht gehalten wurde.

»Hey, Kylie«, sagte Call. Das war die Gelegenheit, ihr zu stecken, dass das Bild vom Magisterium, das Master Milagros zeichnete, nur eine schmeichelhafte Illusion war. Er wusste aus berufenem Mund, dass die echten Höhlen in Sackgassen endeten, wo Fische ohne Augen lebten.

Sie sah ihn entschuldigend an. »Würde es dir etwas ausmachen … wenn du nicht mit mir redest?«

»Was?« Sie gingen jetzt los, und Call humpelte schneller, um Schritt zu halten. »Ist das dein Ernst?«

Kylie zuckte die Achseln. »Du weißt doch, wie es läuft. Ich will einen guten Eindruck machen und da hilft es nicht, wenn ich mich mit dir unterhalte. Tut mir auch leid!« Sie lief vor und holte Jasper und Aaron ein. Call starrte auf ihren Hinterkopf, als könnte er mit seiner Wut ein Loch hineinbohren.

»Hoffentlich wirst du von blinden Fischen gefressen!«, rief er ihr nach. Sie tat so, als hätte sie nichts gehört.

Master Milagros führte sie um eine letzte Ecke in einen großen hohen Raum, der wie eine Sporthalle eingerichtet war. In der Mitte baumelte ein großer roter Ball hoch über ihren Köpfen. Daneben hing eine ellenlange Strickleiter mit Holzsprossen, die von der Decke bis knapp über den Boden reichte.

Wie lächerlich war das denn? Mit seinem Bein konnte er keinesfalls klettern. Eigentlich sollte er mit voller Absicht durch diese Prüfungen fallen und nicht von vornherein so schlecht abschneiden, dass er sowieso niemals in die Schule aufgenommen würde.

»Ich übergebe an Master Rockmaple«, sagte Master Milagros, nachdem alle fünf Gruppen angekommen waren. Sie zeigte auf einen kleinen Magier mit stacheligem roten Bart und einer roten Nase. Er hatte ein Klemmbrett in der Hand und eine Pfeife um den Hals, wie ein normaler Sportlehrer, obwohl er wie die anderen Magier ganz in Schwarz gekleidet war.

»Der Test sieht täuschend leicht aus«, sagte Master Rockmaple und strich sich durch seinen Bart, als wollte er sie einschüchtern. »Ihr müsst nur die Strickleiter hochklettern und den Ball holen. Wer will es als Erster versuchen?«

Mehrere Hände schossen hoch.

Master Rockmaple zeigte auf Jasper. Er sprang zur Strickleiter, als bedeutete die Tatsache, dass er ausgewählt worden war, wie toll er war, statt schlicht und einfach, wie wild er aufgezeigt hatte. Er kletterte nicht sofort los, sondern ging einmal um die Strickleiter herum, betrachtete nachdenklich den Ball und tippte mit dem Finger auf seine Unterlippe.

»Wird’s bald?«, fragte Master Rockmaple mit hochgezogenen Augenbrauen, und ein paar Zuschauer kicherten.

Jasper ärgerte sich, dass er ausgelacht wurde, weil er den Test so ernst nahm, und warf sich wie ein Wilder auf die baumelnde Strickleiter. Kaum war er von einer Sprosse zur nächsten geklettert, schien es, als würde die Strickleiter immer länger, sodass er immer mehr zu erklettern hatte, je höher er bereits gekommen war. Schließlich konnte er nicht mehr und fiel herunter, inmitten von Seilschlaufen und Holzsprossen.

Das war jetzt echt witzig, dachte Callum.

»Ausgezeichnet«, sagte Master Rockmaple. »Der Nächste, bitte?«

»Lassen Sie es mich noch mal versuchen«, bettelte Jasper wehleidig. »Jetzt weiß ich, wie es geht.«

»Es warten noch viele andere Kandidaten auf ihre Chance«, antwortete Master Rockmaple, der sich prächtig amüsierte.

»Aber das ist unfair. Irgendwer wird es schaffen, und dann wissen alle anderen auch, wie es geht. Man bestraft mich dafür, dass ich es als Erster versucht habe.«

»Ich hatte das Gefühl, du wolltest der Erste sein. Nun gut, Jasper. Wenn wir noch Zeit haben, nachdem alle dran waren, und du dann immer noch einen zweiten Versuch starten willst, habe ich nichts dagegen.«

Typisch, dass Jasper eine zweite Chance bekam. So wie der sich benahm, war sein Vater bestimmt eine einflussreiche Persönlichkeit, dachte Call.

Die meisten anderen Bewerber stellten sich auch nicht besser an als Jasper. Einige schafften es bis zur Hälfte und rutschten wieder herunter, einer kam nicht einmal vom Boden hoch. Celia kam am weitesten, bevor sie den Halt verlor und auf die Turnmatte fiel. Ihre blaue Blumenspange verbog sich dabei ein wenig. Obwohl sie es nicht zeigen wollte, bemerkte Call ihre Enttäuschung daran, wie angestrengt sie die Spange richtete.

Master Rockmaple warf einen Blick auf seine Liste. »Aaron Stewart.«

Aaron stellte sich vor die Strickleiter und dehnte die Finger, als würde er gleich aufs Spielfeld sprinten. Er wirkte sportlich und selbstbewusst, und Call versetzte es einen Stich, wie immer, wenn er zusah, wie andere Basketball oder Baseball spielten und sich total wohl in ihrer Haut fühlten. Er unterdrückte diesen Impuls sofort. Teamsportarten waren nichts für Call; er würde sich bis auf die Knochen blamieren, selbst wenn man ihn mitmachen ließe. Um solche Dinge mussten sich Typen wie Aaron natürlich keine Gedanken machen.

Aaron ging einige Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang auf die Strickleiter. Er kletterte sehr schnell und trat mit den Füßen, während er sich mit den Armen hochzog, sodass es wie eine einzige fließende Bewegung aussah. Er bewegte sich so rasch, dass er schneller hochkam, als das Seil fallen konnte. Es ging immer höher und höher. Callum hielt den Atem an und merkte plötzlich, dass auch alle anderen verstummt waren.

Aaron grinste wie ein Irrer, als er oben ankam. Er schlug mit dem Handrücken auf den Ball, rutschte die Leiter wieder herunter und landete wie ein Turner auf beiden ...

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