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Magisches Spiel der Liebe

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Kristi Gold

Magisches Spiel der Liebe

Eine neue Beziehung ist wirklich das Letzte, an das Selene nach einer großen Enttäuschung denkt, als sie nach Louisiana zieht. Aber dann trifft sie den attraktiven Unternehmer Adrien Morrell, der sie unwiderstehlich anzieht. Fast scheint Magie im Spiel zu sein, als es ihm gelingt, sie zu verführen. Schon nach wenigen Nächten mit Adrien weiß Selene, dass er der Mann ihres Lebens ist. Doch sie spürt, dass ihn etwas so sehr belastet, dass er ihrer Liebe keine Chance geben will. Muss sie auf das Glück mit ihm verzichten?

1. KAPITEL

Maison de Minuit. Haus der Mitternacht.

Allein der Name klang unheilvoll, aber diese finstere Plantagenbesitzervilla in Louisiana symbolisierte den ersten ernsthaften Schritt, den Selene Albright Winston Richtung Freiheit machte.

Selene nahm all ihren Mut zusammen und stieg aus ihrem Wagen. Dann ging sie mit einem mulmigen Gefühl über den gepflasterten Weg zum Eingang der Veranda. Nicht ein Windhauch regte sich in den Bäumen, und nur das gelegentliche Zirpen einer Zikade unterbrach die gespenstische Stille. Uralte knorrige Eichen, die über und über mit Spanischem Moos behangen waren, wirkten wie finstere Wachposten, die Eindringlinge abwehren sollten. Die Rasenflächen waren ungemäht, und in den mit Unkraut überwucherten Beeten blühten keinerlei Blumen.

Ein paar Schritte vor der Veranda blieb Selene stehen, um das Haus zu betrachten, das ebenfalls vernachlässigt wirkte. Die neoklassizistische hellgelbe Fassade des Herrenhauses zeigte deutliche Anzeichen von Verfall, genau wie die Fensterläden, die Holzornamente und die sechs imposanten Säulen, die den Vorbau trugen und seltsamerweise schwarz gestrichen waren. Selene beschlich beim Anblick des düsteren Hauses ein unangenehmes Gefühl und hoffte, dass das Innere des Hauses in einem besseren Zustand war. Tatsächlich hätte sie am liebsten kehrtgemacht und wäre weggelaufen. Nein, diesmal würde sie nicht den einfachen und sicheren Weg gehen.

Als sie die erste Stufe der Holztreppe zum Eingang betrat, knarrte sie, als würde sie gleich zusammenbrechen. Doch ein plötzliches Bild vor ihrem geistigen Auge war sehr viel beängstigender.

Augen. Eisblaue Augen. Augen, die sie fixierten.

Selene schloss ihre eigenen Augen, damit die Vision verschwand. Aber als sie die zweite Stufe betrat, ergriff die Vision erneut von ihr Besitz. Ihr stockte der Atem, und sie verlor all ihre Zuversicht. Doch sie kämpfte dagegen an. Nachdem sie jahrelang alles versucht hatte, sich von dieser Gabe zu befreien, wollte sie so etwas nie wieder in ihr Leben lassen.

Sie atmete tief durch und legte ihren geistigen Schild an, den sie zu ihrem Schutz entwickelt hatte, erleichtert, dass er funktionierte, als sie die dritte und letzte Treppenstufe nahm.

Nach kurzem Zögern klopfte sie an die Tür, von der die schwarze Farbe abblätterte, dann strich sie mit einer Hand über ihr elegantes, ärmelloses rotes Kleid. Ihr Haar hatte sie mit einem Band im Nacken zusammengebunden, doch auch das verschaffte ihr in der unerbittlichen Juni-Hitze wenig Erleichterung. Sie war nervös und fühlte sich unbehaglich, da niemand auf ihr Klopfen reagierte.

Sie klopfte noch einmal und war froh und ängstlich zugleich, als sie Schritte näher kommen hörte. Sie hatte keine Ahnung, wer ihr öffnen würde. Sie wusste nicht, ob sie auf Freund oder Feind treffen würde – womöglich erwartete sie ein Blick in die eisblauen Augen, die ihr gerade erschienen waren.

Gleich darauf stand eine Frau mit wachen dunklen Augen vor ihr. Sie war ungefähr Mitte sechzig, ihr graues Haar trug sie in einem streng wirkenden Kurzhaarschnitt. Sie hatte ein hellgrünes Kleid an und wirkte zurückhaltend, aber keineswegs bedrohlich. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie und lächelte freundlich.

„Sind Sie Miss Lanoux?“

„Ja, und wer sind Sie?“ Wenigstens war es die richtige Adresse, auch wenn sie offenbar nicht erwartet wurde. „Selene Winston. Ich bin wegen der Restaurierung hier.“

Die Frau schien überrascht. „Ich habe Sie erst morgen erwartet.“

Selene hätte schwören können, dass sie letzten Freitag telefonisch vereinbart hatten, sie solle sich am Montag vorstellen. Vielleicht sollte sie in das Gasthaus zurückkehren, in dem sie in den zehn Tagen seit ihrer spontanen Flucht aus Georgia wohnte. Vielleicht sollte sie dieses Missverständnis als Hinweis nehmen, die Sache zu lassen. „Falls es nicht passt, kann ich morgen wiederkommen.“

„Nein, nein, kommen Sie ruhig rein.“ Die Frau bedeutete Selene einzutreten. „Willkommen im Maison de Minuit … Sie sind Mrs. Winston, nicht wahr?“

„Winston ist der Name meines Exmannes, ich bin geschieden.“ Selene erschrak über ihren bitteren Unterton. „Nennen Sie mich einfach Selene.“

„Dann müssen Sie mich Ella nennen. Und jetzt sollten wir aus der Hitze heraus.“

Als Selene das großzügige Foyer betrat, fiel ihr sofort zweierlei auf – im Haus war es nicht viel kühler als draußen, und durch die schweren Läden vor den Fenstern fiel praktisch kein Licht herein. Es herrschte eine düstere Atmosphäre im Haus, und es roch muffig und nach altem Holz.

Sie folgte Ella durchs Foyer. Vor einem kleinen Salon blieben sie stehen. Hier war es genauso düster wie im Eingangsbereich, denn dichte blaue Vorhänge ließen kein Tageslicht durch. Die Antiquitäten, mit denen das Zimmer möbliert war, waren höchstwahrscheinlich echt und ein Vermögen wert. Nichts, was sie nicht gekannt oder in ihrem früheren Leben selbst besessen hätte. Einem Leben, das sie nur zu gern hinter sich gelassen hatte. Aber sie hatte von jeher ein Faible für Dinge mit Geschichte.

„Das hier ist nur einer der Wohnräume“, sagte Ella. „Und wie das ganze Haus muss er renoviert werden.“ Sie fächelte sich Luft zu. „Es geht um eine Grundsanierung. Sie müssen Kostenvoranschläge für eine neue Klimaanlage besorgen. Sehr wahrscheinlich muss das Dach neu gedeckt werden, was bedeutet, Sie müssen einen geeigneten Bauunternehmer finden.“

„Einen Moment“, unterbrach Selene, als ihr klar wurde, was Ella da gesagt hatte. „Ich hatte keine Ahnung, dass die Arbeiten derart umfangreich sein würden.“

„Meine Liebe, Sie können engagieren, wen Sie wollen. Es sei denn, Sie haben ein Problem damit, Handwerker zu beaufsichtigen.“

Nein, das hatte Selene nicht. Sie hatte jahrelang Hauspersonal gehabt. „Wenn ich ein entsprechendes Budget bekomme, kann ich den Auftrag übernehmen.“

„Geld spielt keine Rolle.“

Offenbar hatte Ella Lanoux Vermögen, obwohl sie überhaupt nicht so zu sein schien wie die reichen Frauen, die Selene von klein auf kannte, einschließlich ihrer eigenen Mutter. Auch wenn sie nicht an einen so großen Auftrag gedacht hatte, so war sie schließlich hergekommen, um Arbeit zu finden. Um sie selbst zu sein, ihr eigenes Geld zu verdienen. Um neu anzufangen.

Ella winkte Selene weiter. „Kommen Sie weiter, ich zeige Ihnen alles.“ Vor einer Doppeltür blieb sie stehen. „Das hier ist bei Weitem der beeindruckendste Teil des Hauses.“

Damit stieß sie die Flügeltür auf, und Selene blickte in einen großen runden Raum, der einen original erhaltenen Dielenboden zu haben schien. Von der Raummitte aus führte eine breite Freitreppe, die mit rotem Teppich ausgelegt war, in die erste Etage hinauf. Selenes Blick wanderte zur Decke, auf der sich Putten mit goldenen Flügelchen auf einem mit Wolken verzierten blauen Himmel tummelten. In der Mitte hing ein schwerer Kristalllüster. Selene kannte solche Räume bisher nur von Fotos.

„Das ist absolut atemberaubend.“

Ella lächelte stolz. „Diese Wirkung hatte der Saal auch auf mich, als ich ihn zum ersten Mal sah.“ Sie deutete auf die gegenüberliegende Seite. „Küche und Esszimmer sind dort drüben. Wir besichtigen beides später. Jetzt zeige ich Ihnen die obere Etage.“

Als sie Ella die Treppe hinauffolgte, hatte Selene das Gefühl, geradewegs in den Himmel hinaufzusteigen. Ein Stück Paradies mitten in der Dunkelheit.

Oben angekommen machte Ella eine Kopfbewegung nach links. „Dieser Korridor führt zur Vorderseite des Hauses, wo es zwei Zimmer gibt. Das eine war einmal ein Kinderzimmer, das andere wurde in ein Privatbüro umgewandelt.“

Selene entging die Betonung auf privat nicht. Sie zeigte nach rechts. „Und auf dieser Seite?“

„Hier befinden sich die Schlafzimmer, einschließlich Ihrem, falls wir uns einig werden.“

„Ich müsste auf der Baustelle wohnen?“

„Kost und Logis wären inklusive, während Sie hier arbeiten.“

Wahrscheinlich wäre es so am praktischsten. Sie würde nicht die gut zehn Meilen in die Stadt fahren oder eine passende Unterkunft suchen müssen. Falls sie den Job übernahm. Selene ging hinter Ella her, die scharf rechts in einen schmalen, mit Paneelen verkleideten Flur abbog, der von ein paar Wandlampen schwach beleuchtet war.

Schon nach wenigen Schritten wurde Selenes Aufmerksamkeit auf eine lebensgroße Bronzefigur am Ende des Korridors gelenkt. Ein Dämon mit Hörnern, spitzen Zähnen und Krallen, der eine verängstigte, spärlich bekleidete Frau fest im Griff hatte. Diese Gestalt war wirklich ein Kontrast zu den Engelchen, die über die Rotunde wachten. Eine klassische Darstellung von Gut und Böse. Himmel und Hölle.

Plötzlich hatte sie eine weitere Vision. Im Gegensatz zu den Bildern, die sie vor dem Eingang vor ihrem geistigen Auge gesehen hatte, hatte sie bei dieser Vision das Gefühl zuzuschauen, wie es schon so oft in der Vergangenheit der Fall gewesen war. Sie sah eine Hand über ihren nackten Arm gleiten. Eine große Männerhand, die weiter über ihren Rücken glitt, über ihre Taille, bis hinunter zu ihrem Po, ehe sie, Selene, blinzelte und die Vision bezwang. Sie hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, denn es schien niemand in der Nähe zu sein. Und das fand sie mehr als nur ein wenig beunruhigend.

Sie merkte erst, dass sie stehen geblieben war, als Ella sich lächelnd zu ihr umdrehte. „Ziemlich grotesk, nicht wahr? Ich nenne ihn Giles, nach dem früheren Eigentümer. Der verrückte Mann hat dieses Ding geliebt, aber er war ja auch sehr exzentrisch.“

Selene würde sich sicher nur schwer daran gewöhnen können, die Furcht einflößende Statue jedes Mal sehen zu müssen, wenn sie auf den Gang trat. „Es überrascht mich, dass er die Statue nicht mitgenommen hat.“

„Leider hat sie nicht in seinen Sarg gepasst.“

Selene zuckte innerlich zusammen. War das der Ursprung ihrer Vision – die Gedankenspielchen eines Geistes? Das war ihr noch nie passiert. Normalerweise nahm sie die Gedanken lebender Menschen auf. „Es tut mir leid zu hören, dass er gestorben ist.“

„Das braucht es nicht. Er war fast neunzig und hatte eine vierzig Jahre jüngere Geliebte. Sie war diejenige, die ihn um die Ecke gebracht hat.“

„Sie hat ihn umgebracht?“

Lachend schüttelte Ella den Kopf. „Nicht absichtlich. Sagen wir, die Männer der Morrells zelebrieren ihre Männlichkeit nach allen Regeln der Kunst. Leider kannte Giles seine Grenzen nicht.“

„Na ja, wenigstens hat er die Welt als glücklicher Mann verlassen. Ist er denn hier im Haus gestorben?“

„Nein. In Frankreich.“ Selene war sehr erleichtert, bis Ella ergänzte: „Aber leider hat dieses Haus den Ruf, Tragödien anzuziehen.“

Großartig. Das hatte Selene noch gefehlt – hier hausten also womöglich rastlose Geister, die darauf aus waren, in ihren Gedanken herumzuspuken. Aber das würde sie keinesfalls zulassen.

Sie gingen ein paar Schritte weiter, bis Ella vor einer geschlossenen Tür stehen blieb. „Das hier wäre Ihr Zimmer.“ Sie zeigte Richtung Dämon am Ende des Flurs. „Das Gästezimmer dort hinten wird momentan nicht benutzt. Der jetzige Eigentümer hält es verschlossen und möchte es lassen, wie es ist.“

Selene war sprachlos. „Ich dachte, Sie wären die Eigentümerin.“

„Oje, tut mir leid, wenn ich Ihnen diesen Eindruck vermittelt habe. Adrien Morrell, Giles’ Enkel, hat die Plantage geerbt. Ich bin seine Assistentin.“ Ella lächelte spöttisch. „Und sein Dienstmädchen und seine Köchin. Ich gebe ihm hin und wieder auch einen Rat, ob er darum bittet oder nicht.“

Selene kam allmählich der Verdacht, dass sie noch viel über dieses Haus würde erfahren müssen und dass manches davon nicht angenehm sein würde. „Wohnt Mr. Morrell im Haus?“

„Das hier ist sein Zimmer.“ Ella zeigte auf eine Tür in der Nähe. „Es ist das große Elternschlafzimmer und grenzt an Ihr Zimmer, aber ich verspreche Ihnen, dass er Sie nicht behelligen wird.“

„Wo befindet sich Ihr Zimmer?“

„Neben der Küche. Und das hier wäre also Ihr Reich.“ Ella öffnete die Tür und ließ Selene eintreten.

Wie überall im Haus standen auch in diesem Zimmer antike Möbel. Auf dem viktorianischen Doppelbett aus Kirschholz lag eine weiße Spitzendecke. Den glanzlos gewordenen Dielenboden bedeckten mehrere bunte Teppiche. Die weißen Gardinen waren aufgezogen und gaben den Blick auf eine zweiflügelige Tür frei, die auf eine Veranda hinausführte. Offenbar ging sie auf die Rückseite des bewaldeten Anwesens hinaus. Im Zimmer gab es mehrere Ventilatoren, aber sie brachten kaum Kühlung.

„Ich fürchte, das Zimmer hat kein eigenes Bad. Sie müssten das Bad gegenüber benutzen.“

Na wunderbar, sie würde also ein Badezimmer mit einer völlig fremden Person teilen. Noch dazu mit einem Mann. Natürlich hatte sie schon einmal ein Bad mit einem praktisch Fremden geteilt – ihrem Mann. Und am Ende der Ehe hatte Richard sogar in einem anderen Zimmer geschlafen, hatte in seiner eigenen Welt gelebt, in der kein Platz für seine Frau war. „Ich nehme an, das bedeutet, Mr. Morrell benutzt es auch.“

„Nein, seine Suite hat ein eigenes Bad. Er hat es einbauen lassen, ehe er einzog. Leider ist das die einzige Verbesserung, die er bewerkstelligt hat.“

Wenigstens wäre er ihr nicht im Weg. „Ich denke, ich kann mich damit arrangieren.“

„Dann haben Sie den Job, wenn Sie ihn wollen.“

Selene ging das fast zu schnell. „Möchten Sie nicht erst meine Mappe sehen? Oder einen Kostenvoranschlag?“

„Das ist nicht nötig. Ich verspreche Ihnen, Sie werden mehr bezahlt bekommen, als für diese Art Arbeit üblich ist. Alle Einzelheiten sind in einem einfachen Vertrag festgehalten, den Mr. Morrell selbst entworfen hat.“

„Sollten Sie sich nicht erst mit ihm beraten?“

„Er vertraut meinem Urteil, und ich glaube, dass Sie Ihre Sache gut machen werden.“

Konnte sie es sich wirklich leisten, eine so wichtige Entscheidung Hals über Kopf zu treffen? Vielmehr – konnte sie es sich leisten, das Angebot nicht anzunehmen? Wahrscheinlich würde sie lange nach einer anderen Arbeit suchen müssen, da sie zwar einen Abschluss als Innenarchitektin, aber wenig Erfahrung besaß.

Selene gab sich einen Ruck. „Sobald der Vertrag in Ordnung ist, übernehme ich den Job“, sagte sie.

Ella sah sehr zufrieden drein. „Wunderbar. Wann können Sie einziehen?“

„Sofort, wenn nötig. Ich wohne im Gasthof. Ich brauche nur meine Sachen dort abzuholen.“ Das meiste, was Selene besessen hatte, hatte sie zurückgelassen. Die bitteren Erinnerungen an eine gescheiterte Ehe allerdings nicht.

„Dann also gleich heute.“ Ella ging zur Tür. „Ich zeige Ihnen noch schnell den Vertrag, und während Sie in der Stadt sind, will ich sehen, ob ich einen Termin ausmachen kann, damit Sie Mr. Morell kennenlernen.“

„Ich freue mich darauf.“

„Eines müssen Sie über Adrien wissen“, sagte Ella, als sie auf den Flur zurückkehrten. „Er ist ein schwieriger Fall. Ich kenne ihn seit vielen Jahren, und am besten kommt man mit ihm klar, wenn man ihm energisch Paroli bietet.“

Bei dieser Bemerkung fragte sich Selene, ob sie im Begriff war, einen großen Fehler zu begehen. „Ich werde es mir merken.“

Auf der Rückfahrt zum Gasthof kamen Selene noch mehr Zweifel, obwohl sie die Vereinbarung zufriedenstellend und die Bezahlung mehr als großzügig fand. Sie hätte Ella gründlicher befragen sollen, besonders nach dem mysteriösen Eigentümer des Hauses. Doch das Jobangebot war zu einer Zeit gekommen, als sie nicht wusste, wie ihre Zukunft aussehen würde. Es war reiner Zufall gewesen, und sie hatte die Chance einfach ergriffen.

Der Hausbesitzer war vermutlich ein komischer Kauz in mittleren Jahren, genauso seltsam wie sein Großvater und obendrein griesgrämig. Doch das war in Ordnung, solange sie ihre eigenen Entscheidungen treffen konnte, zumindest, was ihr Privatleben betraf.

Ja, sie würde mit Adrien Morrell klarkommen. Besser noch, sie würde ihn ganz und gar ignorieren.

„Wer zum Teufel ist sie, Ella?“

Adrien bemerkte das Erstaunen seiner langjährigen Vertrauten sofort, gefolgt von einem Anflug von schlechtem Gewissen. „Du hast sie gesehen?“

Ja, das hatte er. Er hatte vom Fenster aus beobachtet, wie sie aus ihrem Wagen ausstieg. Hatte ihr kurzes Zögern und ihr Misstrauen gespürt. Er hatte registriert, dass ihr goldblondes, im Nacken zusammengebundenes Haar in weichen Locken bis auf den Rücken fiel. Und er hatte ihren schlanken Hals bemerkt, ihre makellose helle Haut, ihre langen Beine und die Rundungen ihrer Hüften. Aus den Schatten neben der Treppe heraus hatte er auch beobachtet, wie sie den Korridor entlangging, und er hatte sich mehr vorgestellt, als sie nur zu beobachten. Eine unliebsame Reaktion, die er jedoch nicht hatte abstellen können.

Adrien rollte einen Stift auf seinem Schreibtisch hin und her. „Was wollte sie?“

„Einen Job.“

„Ich nehme an, du hast ihr gesagt, dass sie sich in der Adresse geirrt hat.“

„Nein, hab ich nicht.“ Ella trat näher. „Sie heißt Selene Winston, und ich habe sie damit beauftragt, die Restaurierung zu beaufsichtigen.“

Adrien spürte Wut in sich aufsteigen. „Ich habe dir keine Erlaubnis gegeben, irgendjemanden zu beauftragen.“

Ella stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch und beugte sich vor. „Jemand muss die Pläne umsetzen, ehe dieses Haus über unseren Köpfen zusammenfällt.“

„Das entscheide ich, nicht du.“

„Genau das ist das Problem. Du entscheidest gar nichts. Wir brauchen jemanden, der dieses Haus instand setzt, damit du es verkaufen und weggehen kannst.“

Im Moment wollte er gar nicht weg. Das Haus war sein Zufluchtsort geworden, seine private Hölle, die er sich selbst geschaffen hatte. „Wie hast du sie gefunden?“

„Ich habe in der Zeitung von St. Edwards annonciert, und sie hat auf die Anzeige geantwortet, und zwar als Einzige. Und du wolltest doch jemanden, der sich persönlich um das Haus kümmert. Sonst hätte ich schon vor Monaten eine Baufirma aus Baton Rouge beauftragen können.“

„Woher kommt sie?“

„Aus Georgia. Sie ist geschieden. Ihrem Wagen und ihrer Kleidung nach zu urteilen, hat sie vermutlich Geld oder hatte einmal welches. Aber aus irgendeinem Grund hat sie beschlossen, sich in St. Edwards niederzulassen. Solange sie gut arbeitet, interessiert es mich eigentlich nicht, wieso sie ausgerechnet hierhergekommen ist.“

Adrien interessierte es. Er konnte keine Frau gebrauchen, die sich wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben noch nie die mit Diamantringen geschmückten Hände schmutzig gemacht hatte. „Wie viel Erfahrung hat sie?“

„Da du doch der allwissende, alles sehende Unternehmer bist, solltest du sie selbst fragen.“

Wenn Ella nicht Ella wäre, würde er sie hinauswerfen. „Es ist mir eigentlich verdammt egal, weil ich nicht die Absicht habe, sie bleiben zu lassen.“

„Dir ist alles verdammt egal, Adrien.“ Ella seufzte auf. „Es ist jetzt über ein Jahr her. Du musst dein Leben weiterleben.“

Ein Leben voller Reue. Ein Leben, das er selbst zum Stillstand gebracht hatte. Und es gefiel ihm so. „Sag ihr, dass sie hier nicht gebraucht wird.“ Oder erwünscht ist.

„O doch, sie wird hier gebraucht. Und sie bleibt, oder ich gehe mit ihr.“

Noch mehr leere Drohungen. Nichts, was Adrien nicht schon von seiner Ersatzmutter gehört hätte. Ella würde nirgendwohin gehen, weil sie ihn keinesfalls allein lassen wollte. Um des lieben Friedens willen würde er ihr ihren Willen lassen. „Schön. Mach, was du willst. Sorge nur dafür, dass sie mir aus dem Weg geht.“

„Vielleicht solltest du ihr das selbst sagen. Sie hat eingewilligt, hier zu wohnen, bis das Haus fertig ist. Ich habe sie im Zimmer neben deinem Zimmer einquartiert.“ Damit eilte Ella zur Tür hinaus.

Adrien fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er brauchte das alles nicht. Brauchte diese Frau nicht um sich. Selbst wenn sie hübsch war. Selbst wenn er seit Monaten wie betäubt und bei ihrem Anblick langsam wieder lebendig geworden war, zumindest in körperlicher Hinsicht.

Er wollte verdammt sein, wenn er einfach so mit ihr ins Bett ging, und er hatte die feste Absicht, sie zur Abreise zu bewegen. Er wusste nicht genau, wie er das anstellen würde, aber er würde es schaffen. Ganz bestimmt.

Selene musste sich nicht sofort mit ihrem neuen Arbeitgeber auseinandersetzen. Ella zufolge hatte der Plantagenbesitzer kein Gespräch gefordert, und zum Abendessen war er auch nicht erschienen. Sie war ihm auf dem Weg in ihr Schlafzimmer nicht begegnet, aber vorhin hatte sie ihn vorbeigehen hören. Dann ging eine Tür, und sie hörte eine Zeit lang das Knarren von Dielen, als ginge er auf und ab. Erst vor wenigen Augenblicken hatte es aufgehört. Wenn sie jetzt nur einschlafen könnte.

Aber einzuschlafen schien genauso schwierig zu sein wie ihren Arbeitgeber zu Gesicht zu bekommen. Die Ventilatoren hielten nur die warme Luft in Bewegung, und auch die offenen Fenster brachten keine Kühle. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher diese Sommerhitze ohne Klimaanlagen überstanden hatten.

Selene brauchte unbedingt frische Luft. Also stand sie auf, öffnete die französischen Fenster und trat barfuß und in ihrem dünnen weißen Nachthemd auf die Veranda. Sie stützte die Arme auf das schwarze Geländer und sah zum Mond und den unzähligen Sternen hoch, die am Nachthimmel funkelten.

Hier draußen war es etwas kühler, und der sanfte Wind strich über ihren erhitzten Körper und ihr zerzaustes Haar. Die Geräusche der südlichen Sommernacht umfingen sie –zirpende Grillen, quakende Frösche. Sie lauschte auf das Plätschern des Mississippi, der nicht weit entfernt vorbeifloss. Plötzlich hörte sie es im Gebüsch rascheln. Zweifellos wimmelte es in den Sümpfen nur so von unangenehmem Getier. Luchse, Alligatoren, mit Sicherheit Schlangen.

Vor ihrem geistigen Auge tauchte kurz ein Bild auf – eine weitere Vision, dass jemand sie beobachtete – gefolgt von einer tiefen, rauen Männerstimme, die sagte: „Zu heiß zum Schlafen?“

2. KAPITEL

Selene fuhr herum und entdeckte ein paar Meter entfernt auf einem Korbsofa eine dunkle Gestalt. Sie unterdrückte einen Aufschrei, die eine Hand am Ausschnitt ihres Nachthemds, mit der anderen umfasste sie das Geländer fester. „Sie haben mich erschreckt.“

„Offensichtlich.“ Das klang sehr spöttisch.

Wunderbar. Eine mitternächtliche Begegnung mit einem Armleuchter. Das hatte ihr noch gefehlt. „Ich nehme an, Sie sind Mr. Morrell.“

„Richtig.“

Auch wenn ihr sein Benehmen nicht gefiel, war Selene doch erleichtert. Wenigstens hatte sie es nicht mit einem Geist zu tun.

Und jetzt? Sie konnte ihm eine Gute Nacht wünschen und in ihr Zimmer zurückkehren. Sie konnte sich ihm natürlich auch vorstellen. Also nahm sie ihren Mut zusammen und trat näher. Das Mondlicht reichte aus, um ein paar Einzelheiten zu erkennen. Zum Beispiel, dass er nicht viel älter als Mitte dreißig sein konnte und nicht der Griesgram war, den sie sich vorgestellt hatte.

Sein leicht welliges dunkles Haar reichte ihm bis zum Kinn, seine Lippen waren fest zusammengepresst und strahlten, genau wie sein kantiges Kinn, Unnachgiebigkeit und Verschlossenheit aus. Dann betrachtete sie seine Augen. Die gleichen Augen, vermutete sie, die sie bei ihrer Ankunft im Geist vor sich gesehen hatte. Unheimlich blaue Augen.

Er trug kein Hemd, während ihr Baumwollnachthemd wenig Schutz vor seinen Blicken bot. Nicht unbedingt das passende Outfit für die erste Begegnung mit ihrem Boss, aber das war jetzt nicht mehr zu ändern.

Mit einem gezwungenen Lächeln streckte Selene ihm die Hand hin.

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