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Magische Momente in der Toskana

1. KAPITEL

Die schmale, von Zypressen gesäumte Allee schlängelte sich von der Hügelkuppe ins Tal, durchschnitt es wie ein silbernes Band und führte in sanften Kurven auf der anderen Seite wieder in die Höhe. Eric wurde langsamer und bremste sein Motorrad knapp unterhalb der höchsten Stelle der Straße, um die herrliche Aussicht zu genießen. Dabei atmete er tief durch und freute sich einmal mehr, dass er sich beim Kauf seiner neuen Maschine und der dazugehörigen Ausrüstung für einen Helm ohne Visier entschieden hatte. So stieg ihm das würzige Aroma der Pinien, das die zarteren Gerüche der Olivenbäume und der blühenden Pflanzen und Gräser unterstrich, aber nicht überlagerte, angenehm in die Nase.

Unter ihm im Tal lag auf einer Seite der Straße ein dichter Pinienwald. Während der vergangenen drei Tage, seit seiner Ankunft auf diesem herrlichen Fleckchen Erde, waren die dichten Schatten dieser Wälder für ihn zum Inbegriff von Ruhe und Frieden geworden. Stundenlang konnte er dort sitzen und Pläne schmieden. Selbst die Erinnerung an die vergangenen Monate verlor dann ihren Schrecken. In jenen Momenten war er sich absolut sicher, dass seine Entscheidung richtig gewesen war, endlich zu tun, was er sich schon lange wünschte, und auf einem Weingut in der Toskana ein neues Leben zu beginnen.

Sein Blick wanderte auf die andere Seite des Tals, und plötzlich stockte ihm der Atem. Das musste es sein! Und es war genau so, wie er es sich ausgemalt hätte, hätte er genügend Fantasie gehabt, sich etwas vorzustellen, das sich so perfekt in die Landschaft einfügte. Die unterschiedlich großen Gebäude waren aus rötlichen Natursteinen erbaut und um einen freien Platz herum angeordnet, auf dem er selbst aus der Ferne herrliche Blumenbeete und große Pflanztröge erkennen konnte. Der Anblick, der sich ihm bot, wirkte wie gemalt, als würde er mit seinem Blick auf einem der zauberhaften Landschaftsgemälde spazieren gehen, die in den Florentiner Museen hingen. Jetzt wusste Eric, dass er am Ziel war.

Entschlossen gab er Gas, glitt auf der sanft schnurrenden feuerroten Ducati den Hügel hinunter und bog in die kiesbestreute Auffahrt ein zum Weingut mit dem klangvollen Namen Casavecchia, der auf einem Holzschild am Straßenrand zu lesen war.

Der kleine Sportwagen schoss so schwungvoll um die Kurve, die hinter einer Reihe blühender Büsche verborgen lag, dass Eric sich nur durch eine beherzte Bremsung und das gleichzeitige Ausweichen nach rechts retten konnte. Nachdem er sein Motorrad zum Stehen gebracht hatte, umgab ihn eine fast atemberaubende Stille, in der nur das leise Rascheln der Blätter im Wind zu hören war.

„Kommen Sie sofort aus meinem Hibiskus heraus! Sie brechen alle Blüten ab.“

Die Frauenstimme ließ Eric zusammenzucken. Nicht etwa vor Schreck, sondern weil er nicht im Traum damit gerechnet hatte, ausgerechnet in diesem abgelegenen Tal und in einem Augenblick, in dem er mit seinem ganzen Oberkörper in einem Busch steckte, einer Fee zu begegnen. Denn obwohl die Frau hinter ihm wütend klang, hörte sie sich erstaunlicherweise gleichzeitig wie ein zauberhaftes Märchenwesen an.

Himmel, dachte er, während er sich ein Blütenblatt von der Wange wischte und den Zweig, der ihm vor den Augen hing, zur Seite schob, lass sie alt und hässlich sein! Eine rundliche, energische italienische Mamma in Kittelschürze und Pantoffeln, die rein zufällig die Stimme eines Engels hat. Komplikationen konnte er jetzt nicht gebrauchen. Egal, wie sie aussah, er durfte nicht vergessen, dass er mit Frauen nichts mehr zu tun haben wollte.

„Jetzt haben Sie noch ein paar Äste mehr umgeknickt“, beschwerte sich die warme, klangvolle Frauenstimme. „Was haben Sie überhaupt hier verloren? Sie befinden sich auf Privatbesitz.“

„Ich weiß“, stieß Eric hervor, während er schwerfällig sein Motorrad aus den Büschen schob. Dabei bemühte er sich, den viel zu vertrauten Schmerz in seinem linken Schenkel zu ignorieren, der sich anfühlte wie eine lichterloh brennende Flamme direkt unter der Haut.

Als er endlich neben der Ducati auf dem Kiesweg stand, war er unter der Lederkombi schweißnass und spürte, wie seine Hände zitterten. Jedes Mal, wenn der Schmerz wiederkam – und er kam und ging mehrmals am Tag –, überraschte ihn seine Heftigkeit aufs Neue. Eric fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn, kniff die Augen gegen die Sonne zusammen und richtete den Blick auf die Frau, die neben dem roten Sportwagen stand. Im Gegenlicht konnte er nur ihre Umrisse erkennen, die allerdings zart und schmal waren, sodass er es offensichtlich nicht mit einer temperamentvollen, übergewichtigen italienischen Mamma zu tun hatte, sondern mit einer jungen, schlanken Frau mit langen dunklen Haaren.

„Warum starren Sie mich so an?“, erkundigte sich die Sportwagenfahrerin und sorgte mit ihren Worten dafür, dass es Eric heiß überlief.

„Ich starre Sie nicht an. Ich bin von der Sonne geblendet und kann Sie gar nicht erkennen“, korrigierte er sie.

Ornella musterte den Fremden überrascht. Sein Italienisch war gut, aber er hatte eindeutig einen Akzent.

„Woher kommen Sie?“ Während sie auf seine Antwort wartete, hoffte sie, er möge ein möglichst weit entferntes Land nennen und ihr gleich darauf erklären, sein Flugzeug zurück nach Hause ginge am nächsten Tag.

„Aus Florenz.“ Schon wieder wischte er sich mit der Hand übers Gesicht, auf dem in der Sonne winzige Schweißperlen glitzerten. Dann zog er sich den Helm vom Kopf und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch das dichte braune Haar.

„Ich meine, Sie sind kein Italiener …“ Ornella stockte, weil sie den Fehler gemacht hatte, ihm in die Augen zu sehen – tiefblaue Augen, die sie an den Himmel über den Hügeln ihrer Heimat erinnerten, wenn die letzten Strahlen der Abendsonne die Wipfel der Zypressen küssten, die kommende Nacht aber schon in den dunkler werdenden Schatten zu erahnen war. In seinem Blick lagen gleichzeitig Traurigkeit und Zuversicht, Dunkelheit und ein verborgenes Leuchten. Sie schnappte nach Luft und fuhr hastig fort: „Sie sprechen gut Italienisch, aber man hört, dass Sie kein Einheimischer sind.“

„Ich war als Kind jeden Sommer mit meinen Eltern im Urlaub hier. Und später habe ich mehrere Semester in Rom studiert.“ Er lächelte sie an, und für ein oder zwei Sekunden dachte sie darüber nach, wie seine Lippen wohl schmecken mochten. Diesen Mann zu küssen musste aufregend sein … Wie kam sie nur auf so einen Gedanken? Sie rief sich zur Ordnung und reckte energisch das Kinn vor.

„Trotzdem haben Sie hier nichts verloren. Ihr Motorrad macht Lärm, und im Haus gibt es eine Genesende. Außerdem ist das hier Privatbesitz.“ Sie wiederholte sich, aber wenigstens hatte sie sich wieder in der Gewalt. Schließlich wusste sie nur zu gut, was geschehen konnte, wenn man sich mit all seinem Gefühl auf einen Mann einließ. Diesen Schmerz wollte sie nie wieder erleben, also war es besser, wenn sie gar nicht darüber nachdachte, was für Augen und Lippen und Haare der Mann hatte, der vor zwei Minuten auf einem feuerroten Motorrad in ihr Leben gebraust war. Viel sinnvoller war, dafür zu sorgen, dass er so schnell wie möglich wieder verschwand.

„Verzeihen Sie“, entschuldigte er sich höflich und nahm ihr damit den Wind aus den Segeln. „Mein Name ist Eric Brenton. Ich bin Engländer, habe gehört, dass dieses Weingut wahrscheinlich demnächst zum Verkauf steht, und würde daher gern den Eigentümer sprechen.“

„Wer hat das gesagt?“, stieß Ornella entsetzt hervor und musste sich an ihr Auto lehnen, weil ihre Knie plötzlich anfingen zu zittern. „Wer hat gesagt, dass Casavecchia verkauft werden soll?“

„Ein Makler in Florenz. Er meinte, das Gut entspräche wohl genau dem, was ich suche. Deshalb wollte ich mich schon einmal umsehen, um der Erste zu sein, der ein Angebot macht …“

„Die Mühe können Sie sich sparen.“ Ornellas Kehle war so eng, dass sie kaum sprechen konnte. „Dieses Weingut wird nicht verkauft. Niemals!“

Überrascht sah Eric sie an. „Woher wissen Sie das so genau?“

„Ganz einfach: weil Casavecchia mir gehört.“ Sie starrte an ihm vorbei in den klaren Himmel des Frühsommertags, der sich über dem roten Dach ihres geliebten Elternhauses wölbte.

„Oh! Ich muss sagen, das Anwesen gefällt mir. Zwar habe ich mir die Gebäude noch nicht aus der Nähe angesehen, aber wenn der erste Eindruck nicht täuscht, könnte es sein, dass das Gut genau das Richtige für meine Pläne ist. Ich würde Ihnen ein gutes Angebot machen.“

„Ich sagte bereits, das Gut ist nicht zu verkaufen.“ Sosehr Ornella sich auch bemühte, kühl und gelassen zu klingen, konnte sie doch selber die Wut in ihrer Stimme hören. Wut darüber, dass dieser offenbar unverschämt reiche Mann aus England sich einbildete, er müsse nur genügend Geld auf den Tisch legen, und schon würde sie ihm ihr Erbe überlassen. Und damit Violetta ihre Heimat nehmen, den einzigen Halt, der dem Kind noch geblieben war. Von der Existenz des Mädchens konnte er zwar nichts wissen, aber er gehörte eindeutig zu den Menschen, die sich einbildeten, mit Geld alles kaufen zu können.

„Glauben Sie mir, meine Erfahrung sagt mir, dass jeder seinen Preis hat“, fuhr Eric fort. „Auch Sie würden mir für eine entsprechend hohe Summe Ihr Anwesen überlassen. Nur habe ich, wie gesagt, noch keine endgültige Entscheidung getroffen, ob ich ein Angebot für das Gut abgeben will. Ich muss mir erst ein genaueres Bild machen.“

Mittlerweile schnürte der Zorn Ornella die Kehle so eng zu, dass sie kaum noch atmen, geschweige denn sprechen konnte. Zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Das Schlimme war, dass sie nicht wusste, ob sie nicht tatsächlich schon bald gezwungen sein würde, Casavecchia aufzugeben. Dann allerdings würde sie dafür sorgen, dass dieser arrogante Kerl auf keinen Fall das Anwesen bekam, das ihre Eltern aufgebaut hatten und auf dem sie und ihre viel jüngere Schwester Violetta eine glückliche Kindheit verlebt hatten.

Siedend heiß fiel ihr der Termin bei der Bank ein, den sie für den Nachmittag vereinbart hatte. Es war ihre letzte Chance, den Manager der Bank zu überzeugen, ihr einen weiteren Kredit zu gewähren. Sie durfte auf keinen Fall zu spät kommen, dann würde man sie für unzuverlässig und schlecht organisiert halten und ihr nicht zutrauen, das Gut wieder aus den roten Zahlen zu holen.

Ohne den Fremden eines weiteren Blicks zu würdigen, stieg sie wieder in ihren Wagen und fuhr davon. Sie hatte ihn hoffentlich deutlich genug von ihrem Grundstück gewiesen. Ihr fehlte sowohl die Kraft als auch die Zeit, ihn noch einmal zum Gehen aufzufordern. Außerdem hatte sie Angst, in Tränen auszubrechen. Was ihr vor diesem Mann ganz besonders peinlich gewesen wäre.

Sprachlos schaute Eric dem roten Wagen hinterher, der sich auf der schmalen, kurvigen Straße rasch entfernte. Er war es nicht gewohnt, einfach stehen gelassen zu werden. Noch mehr irritierte ihn aber, dass er immer noch nicht wusste, wie das Gesicht der Frau mit der Engelsstimme aussah. Falls sie allerdings tatsächlich die Eigentümerin von Casavecchia war, würde er sie wahrscheinlich wiedersehen, sobald er ihr ein Angebot für das Anwesen machte – und dann dafür sorgen, dass er nicht von der Sonne geblendet wurde.

Da die temperamentvolle Italienerin ihm erklärt hatte, dass Motorengeräusche unerwünscht seien, weil sich auf dem Gut eine Genesende befand, schob er die Ducati hinter das Gebüsch am Rand der Auffahrt und legte den Rest des Weges zum Haupthaus zu Fuß zurück. Das Brennen in seinem Oberschenkel verstärkte sich durch die Bewegung noch, aber er hatte sich angewöhnt, die Schmerzen tagsüber einfach zu ignorieren. Nur nachts, wenn er aus einem seiner Albträume aufschreckte und in der Stille und Dunkelheit das Pochen, Brennen und Ziehen zu etwas Riesigem, Unkontrollierbarem wurde, nahm er das Schmerzmittel, das die Ärzte ihm verschrieben hatten.

Als Eric den großen, an drei Seiten von Gebäuden umgebenen Hof betrat, blieb er stehen und atmete tief durch. Hier duftete es nach unzähligen verschiedenen Blumen, die in großen und kleinen Töpfen und Kübeln und auf mehreren Beeten wuchsen, und über allem schwebte der würzige Duft des Pinienwalds auf der anderen Seite des Tals. Auch auf den Stufen der breiten Treppe, die zur Eingangstür des Wohnhauses führte, standen große Tontöpfe mit blühenden Pflanzen. Neben der Tür gab es einen überdachten Sitzplatz, und von dort sah ihm ein Mädchen entgegen, das im Schatten des Hauses auf einem Liegestuhl ruhte, der viel zu groß und zu breit für die Kleine zu sein schien. Trotz der milden Luft war sie mit einer hellen Decke zugedeckt. Als Eric näher trat, zog ein Lächeln über das schmale Gesicht, und unter der Decke kam eine kleine Hand hervor, die Eric mit einer matten Bewegung zuwinkte.

„Bist du auch krank?“, wollte das Mädchen wissen, als er den Fuß der Treppe erreicht hatte, dort stehen blieb und zu ihr hinaufsah.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er zurück.

„Du gehst so komisch. Und du bist ganz blass und machst ein Gesicht, wie meins im Spiegel aussieht, wenn ich das komische Fieber oder die Kopfschmerzen oder beides habe.“ Das Kind sprach so selbstverständlich von den Beschwerden, von denen es offensichtlich häufiger gequält wurde, dass es Eric vor Mitleid das Herz zusammenzog. Es war schlimm genug, als erwachsener Mann ständig Schmerzen zu haben, einem Kind sollte etwas Derartiges auf jeden Fall erspart bleiben.

„Ja. Mein Bein tut mir weh“, gab er zu und hatte die leise Hoffnung, die Tatsache, dass auch er Schmerzen hatte, könnte das Mädchen trösten. Normalerweise sprach er nicht gern über seinen körperlichen Zustand.

„Ist es sehr schlimm?“, erkundigte sich das Kind mitfühlend und deutete mit der hoheitsvollen Geste einer zu klein geratenen Herzogin auf den Stuhl, der neben der Liege stand.

Es war äußerst verlockend, sich für ein paar Minuten neben sie in den Schatten zu setzen. Manchmal ließ durch ein wenig Ruhe das Brennen und Pochen nach. Also stieg er die Stufen hinauf und trat auf die kleine Veranda.

„Ich heiße Eric“, stellte er sich vor.

„Ich bin Violetta Casavecchia“, erwiderte das Kind mit der Grandezza einer Dame von Welt.

„Oh, dann habe ich wohl vorhin deine Mutter kennengelernt.“ Automatisch sah Eric sich suchend um, denn wo es ein Kind und eine Mutter gab, gab es meistens auch einen Vater dazu.

Violetta starrte ihn einen Moment lang stumm an. Ihre ohnehin schon blassen Wangen wurden noch ein wenig weißer, dann sagte sie leise: „Meine Mama ist im Himmel. Mein Papa auch. Schon seit zwei Jahren. Wenn du die Frau im roten Auto meinst, das war meine große Schwester Ornella.“

„Das tut mir leid“, murmelte Eric. Angesichts dieses Kindes fühlte er sich äußerst hilflos, und Hilflosigkeit war ein Gefühl, das er anderen Menschen gegenüber sonst nicht kannte. Er war es gewohnt, beruflich und privat die Zügel in der Hand zu halten.

Eine Weile herrschte Schweigen, das nur einmal vom lauten Zwitschern eines Vogels unterbrochen wurde. Dann lächelte Violetta plötzlich. „Du bist nett“, sagte sie. „Die anderen Erwachsenen reden immer ganz furchtbar viel und erklären mir, wie schlimm es ist, dass ich keine Eltern mehr habe, dabei weiß ich das ja selber. Du findest es auch schlimm, das habe ich an deinem Gesicht gesehen, aber du redest nicht so viel.“

„Nein“, stimmte Eric ihr zu und war immer noch ratlos, wie er mit der Situation umgehen sollte.

„Warum tut dir dein Bein weh?“, wechselte das Mädchen das Thema.

„Das weiß keiner so genau.“

Die kleine Violetta sah ihn aufmerksam an und nickte, sagte aber nichts.

„Meine Großmutter meint, vielleicht will mir mein Körper damit etwas sagen“, fuhr Eric fort.

Interessiert legte Violetta den Kopf schief. „Und was?“

„Das muss ich selbst herausfinden“, erwiderte er schlicht.

Wieder nickte sie ernsthaft. „Natürlich. Und seit wann tut dein Bein weh?“

„Seit ich vor ungefähr sechs Monaten einen Unfall hatte. Einen ziemlich schweren Unfall. Ich musste hinterher sehr lange im Bett liegen und habe über vieles nachgedacht.“

„Und bei dem Unfall wurde dein Bein verletzt und kann jetzt nicht wieder heilen?“

„Das ist ja das Komische. Dem Bein ist bei dem Unfall nichts passiert. Und die Verletzungen, die ich hatte, sind schon längst ausgeheilt, aber das Bein tut trotzdem weh.“ Erstaunt stellte Eric fest, dass es ihm guttat, mit diesem ernsten Kind zu reden.

„Das ist wirklich komisch“, stimmte Violetta ihm zu.

„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte er sie.

„Zehn. Im Dezember werde ich elf. Aber Ornella sagt, wenn man mich reden hört, würde ich für vierzehn durchgehen“, erklärte Violetta stolz.

„Lebst du allein mit deiner Schwester hier?“ Beim Gedanken an die Engelsstimme richteten sich die Härchen an seinen Armen auf.

„Nein. Natürlich nicht.“ Violetta schüttelte den Kopf und erzählte eifrig: „Francesca wohnt auch hier. Sie war schon immer unsere Haushälterin. Sogar schon als Ornella und ich noch gar nicht geboren waren. Und dann sind da natürlich Tino, Antonio, Luca und all die anderen. Die haben ihre Zimmer da drüben. Im ersten Stock.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf das lang gestreckte Gebäude, das im rechten Winkel zum Haupthaus stand.

„All die anderen?“, erkundigte sich Eric interessiert.

„Die Arbeiter. Man braucht eine Menge Leute, um Wein anzubauen. Die meisten von ihnen arbeiten auch schon sehr lange hier“, erklärte Violetta.

Also lebte ihre große Schwester doch nicht mit einem Mann zusammen. Was ihm aber letztlich egal sein konnte, zumal er beschlossen hatte, höchstens noch einen Flirt, aber niemals mehr eine ernsthafte Beziehung in seinem Leben zuzulassen.

Plötzlich strampelte Violetta die Decke weg. „Komm! Ich zeige dir Ornellas Garten. Hinter dem Haus gibt es noch viel mehr Blumen. Jeder sagt, dass Ornella einen grünen Daumen hat. Nur das mit dem Wein hat im letzten Jahr nicht richtig geklappt. Das lag aber am Wetter, dafür kann sie nichts.“ Das Mädchen schwang die Beine über den Rand der Liege und sprang auf.

„Darfst du denn aufstehen? Deine Schwester hat mir gesagt, dass du noch viel Ruhe brauchst.“

„Ornella ist immer schrecklich besorgt um mich.“ Violetta zuckte die Schultern. „Dabei ist es bei mir genauso wie bei dir. Keiner weiß, was mir fehlt. Ich habe Fieber, bin die ganze Zeit müde, mein Kopf tut mir weh – aber die Ärzte können nicht herausfinden, woher das kommt. Meinst du, mein Körper will mir auch etwas sagen?“

„Das könnte sein.“ Eric schaute sich suchend um. Gab es denn niemanden, der auf die Kleine aufpasste? Er hatte keine Ahnung, ob er verhindern musste, dass sie aufstand und herumlief.

Wie aufs Stichwort trat in diesem Moment eine stämmige schwarzhaarige Frau aus dem Haus hinaus auf die kleine Veranda. Sie mochte etwa 50 Jahre alt sein, trug eine blütenweiße Schürze und in den Händen ein Tablett, auf dem ein Glas Milch und ein Teller mit Keksen standen.

„Wir haben Besuch, Francesca“, teilte Violetta der Haushälterin, um die es sich offensichtlich handelte, aufgeregt mit. „Das ist Eric. Er ist nett. Wir laden ihn zum Abendessen ein, nicht wahr? Und vorher zeige ich ihm Ornellas Blumengarten.“

Francesca stellte ihr Tablett auf den Tisch neben der Liege, richtete sich auf und musterte Eric mit strengem Blick. Er machte sich darauf gefasst, dass sie ihn ebenso wenig hier dulden würde wie die junge Frau mit dem Sportwagen.

„Ich kam zufällig vorbei, sah dieses wunderschöne Haus und musste es mir einfach aus der Nähe ansehen“, erklärte er entschuldigend. „Natürlich will ich mich nicht aufdrängen …“ Den Rest des Satzes ließ er in der Luft hängen, denn in Wahrheit wäre er sehr gern zum Essen geblieben, um mehr über das Gut und vielleicht auch über seine Besitzerin herauszufinden.

Nachdem sie ihn aufmerksam gemustert hatte, zog ein mütterliches Lächeln über das Gesicht der pausbäckigen Frau. „Sie müssen unbedingt zum Essen bleiben.“ Freundlich reichte sie Eric die Hand. „Ich bin Francesca, die Haushälterin. Dies war immer ein gastfreundliches Haus, und es wird schön sein, wieder einmal einen Gast zu haben.“

„Ich weiß wirklich nicht …“, begann Eric, der es für möglich hielt, dass die Schwester der kleinen Violetta ihn augenblicklich aus dem Haus warf, wenn sie zurückkam.

„Natürlich musst du mit uns essen“, entschied Violetta. „Ornella freut sich sicher auch. Sie hat außer Francesca bei Tisch nie einen Erwachsenen zum Reden. Immer nur mich, und ich bin schließlich noch ein Kind.“

„Aber man kann sich wunderbar mit dir unterhalten“, erklärte Eric und meinte seine Worte durchaus ernst. „Trotzdem bleibe ich gern, wenn ich so nett eingeladen werde.“

Plötzlich war er bereit, das Risiko einzugehen. Auf diese Weise würde er die Chance haben, das Gesicht der Frau mit der Engelsstimme zu sehen, und außerdem bekam er die Gelegenheit, mehr über das Gut herauszufinden.

Wenn es hier tatsächlich im vergangenen Jahr eine Missernte gegeben hatte, stimmte wahrscheinlich auch das Gerücht, dass die momentanen Eigentümer das Gut aufgeben mussten. Je länger er sich hier aufhielt, umso mehr wünschte er sich, hierbleiben zu können. Selten zuvor war er an einem so friedlichen, wunderschönen Ort gewesen. Die Vorstellung, hier vielleicht irgendwann einen großen Teil des Jahres zu verbringen, herrliche rote Trauben anzubauen, Wein zu keltern, ihn reifen zu lassen und abends nach getaner Arbeit mit einem Glas seines eigenen Rotweins vor dem Haus zu sitzen und den Sonnenuntergang zu betrachten, löste ein sehnsüchtiges Gefühl in ihm aus.

„Darf Violetta mir den Garten hinter dem Haus zeigen und vielleicht noch ein bisschen mehr vom Gut? Oder muss sie sich noch ausruhen?“, wandte er sich an die Haushälterin.

„Nein, nein, es tut ihr gut, wenn sie aufsteht. Schon dass sie den Wunsch hat, es zu tun, ist ein kleines Wunder“, beteuerte Francesca und hielt dem Mädchen den Teller hin, damit es sich einen Keks nahm. „Sie wollte die ganze Zeit immer nur liegen und hatte zu nichts Lust. Was für ein Glück, dass Sie zufällig vorbeigekommen sind. Auch Ornella wird außer sich vor Freude sein, dass es Violetta besser geht.“

Als er die Treppe hinunterstieg, die vom Sitzplatz auf den Hof führte, stellte Eric erstaunt fest, dass sein Bein kaum noch schmerzte. Normalerweise dauerten seine Schmerzanfälle wesentlich länger. Während er Violetta auf dem schmalen Weg aus bunten Mosaiksteinen folgte, der um das Haus herum in den Blumengarten führte, beschloss er, den Aufenthalt an diesem herrlichen Ort einfach ohne jeden überflüssigen Gedanken zu genießen. Ob Ornella Casavecchia sich tatsächlich freute, wenn sie ihn hier antraf, würde sich noch früh genug zeigen.

2. KAPITEL

Ornella liebte Florenz. Sie hatte die Stadt schon als kleines Mädchen geliebt. Damals waren ihre Eltern manchmal sonntags, wenn die Arbeit auf dem Gut ruhte, mit ihr hierher gefahren, um Eis zu essen und einen Spaziergang am Arno zu machen. An den sonnigen Wochenenden ihrer Kindheit waren überall in Florenz lachende und plaudernde Menschen unterwegs gewesen. Später hatte sie hier das Studentenleben genossen und nach Abschluss ihres Jurastudiums in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, bis sie nach dem Tod ihrer Eltern zurück auf das Weingut gezogen war. Denn Violetta und ihr Elternhaus liebte sie noch mehr als die wunderschöne Stadt, in deren Mauern und Straßenzügen die glanzvolle Vergangenheit und die lebendige, moderne Gegenwart ein faszinierendes Miteinander bildeten.

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