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Magische Liebe unter Palmen

Anne Mather

Magische Liebe unter Palmen

1. KAPITEL

Cleo war sich fast sicher, dass sie die Frau schon einmal gesehen hatte.

Wann oder wo, wusste sie nicht. Möglicherweise bildete sie sich das auch nur ein. Aber wenn sie die Frau anschaute, empfand sie ein seltsames Gefühl der Vertrautheit, das sich nicht verbannen ließ.

Ungeduldig schüttelte sie den Kopf. Manchmal war sie einfach zu emotional. Jedenfalls starrte die Frau sie an, seit sie an der Kasse Schlange stand. Und das tut sie wahrscheinlich, weil sie mich mit jemandem verwechselt, den sie kennt …

Ja, natürlich musste es eine völlig harmlose Erklärung geben. Nur weil Cleo nicht gern angestarrt wurde, bedeutete das noch lange nicht, dass dieses sonderbare Interesse ihr schaden würde. Entschlossen ignorierte sie die Frau, während sie ihre Einkäufe bezahlte.

Und dann zuckte sie zusammen, als die Frau sie ansprach. „Miss Novak, nicht wahr?“, fragte sie und versperrte ihr den Weg. „Oh, ich freue mich so, Sie endlich kennenzulernen. Ihre Freundin hat gesagt, ich würde Sie vielleicht hier finden.“

Cleo runzelte die Stirn. Damit kann nur Norah gemeint sein.

Also war die Frau in meinem Apartment, dachte sie erbost. Wieso hatte ihre Freundin eine Fremde hierher geschickt? In London lauerten so viele Gefahren. Eigentlich müsste man annehmen, Norah wäre vernünftiger.

„Tut mir leid“, antwortete sie wider ihr besseres Wissen. „Sollte ich Sie kennen?“

Die Frau lächelte. Nun wirkte sie älter, als sie, aus einiger Entfernung betrachtet, ausgesehen hatte. Cleo hatte sie auf vierzig geschätzt. Doch sie musste mindestens fünfzig sein. Der kupferrote Bob täuschte, das Gesicht nicht.

Allzu groß war sie nicht. Aber ihr stilvolles Make-up, die elegante, teure Kleidung und ein sichtliches Selbstbewusstsein glichen aus, was ihrer zierlichen Gestalt fehlte.

„Verzeihen Sie“, bat sie mit ausländischem Akzent. Da sie einfach weitersprach, nötigte sie Cleo, ihr aus dem Laden zu folgen. In der kühlen Luft des Herbstabends erschauerte sie. „Ich hätte mich sofort vorstellen sollen – Serena Montoya, die Schwester Ihres Vaters.“

Mit einer solchen Information hatte Cleo am allerwenigsten gerechnet. Entgeistert hielt sie den Atem an.

Dann erholte sie sich von ihrem Schock. Belustigt und erleichtert entgegnete sie: „Mein Vater hatte keine Schwester. Offenbar ein Irrtum“, fügte sie hinzu und wollte sich abwenden.

„Keineswegs.“ Serena Montoya – falls das ihr richtiger Name war – legte zarte Finger mit rotlackierten Nägeln auf den Ärmel von Cleos Wolljacke. „Bitte, hören Sie mir zu.“ Seufzend entfernte sie ihre Hand, als sie indigniert gemustert wurde. „Ihr Vater hieß Robert Montoya …“

„Nein.“

„… und er wurde 1956 auf der Insel San Clemente in der Karibik geboren.“

„Unsinn, das stimmt nicht!“, protestierte Cleo ärgerlich. „Ja, mein Vater wurde zwar auf San Clemente geboren. Das Datum kenne ich nicht, aber seinen Namen – Henry Novak.“

„Da muss ich Ihnen widersprechen.“ Energisch griff Serena Montoya nach Cleos Handgelenk. „Ich belüge Sie nicht, Miss Novak. Gewiss, Sie hielten Lucille und Henry Novak stets für ihre Eltern. Doch das waren sie nicht.“

„Was soll das?“, fragte Cleo ungläubig. „Warum behaupten Sie, dass dieser Robert Montoya, Ihr Bruder, mein Vater ist?“

„Er war Ihr Vater“, wurde sie in traurigem Ton verbessert. „Vor ein paar Jahren starb er.“

Erfolglos versuchte Cleo sich loszureißen. „Oh, das ist so absurd …“

„Nein, sondern die reine Wahrheit.“ Serena hielt sie eisern fest. „Als mein Vater – Ihr Großvater – mir erzählte, was geschehen war, wollte ich es auch nicht glauben.“

„Und ich glaube es noch immer nicht“, betonte Cleo. „Offenbar macht sich Ihr Vater irgendwelche Illusionen. Bedauerlicherweise kamen meine richtigen Eltern vor sechs Monaten bei einem Zugunglück ums Leben. Sonst würden sie den Irrtum aufklären.“

„Über den Unfall weiß ich Bescheid.“ Serena steckte voller Überraschungen. „Deshalb erfuhr mein Vater, wo Sie leben. Und er macht sich keine Illusionen. Bitte, Cleo, gehen wir etwas trinken, und ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte …“

Cleo trat einen Schritt zurück, und diesmal ließ Serena sie los. „Wieso kennen Sie meinen Vornamen?“

„Warum wohl?“, seufzte Serena leicht irritiert „Cleopatra, nicht wahr?“ Als sie in Cleos Miene eine widerstrebende Bestätigung las, fügte sie hinzu: „So hieß Ihre Großmutter mütterlicherseits – Cleopatra Dubois. Deren Tochter war Ihre Mutter – Celeste Dubois, eine der schönsten Frauen auf der Insel. Obwohl ich zögere, das zu sagen – Sie sehen Ihr sehr ähnlich.“

Cleo verzog die Lippen. „War sie eine Farbige?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Nur eine Weiße würde so etwas fragen. Ja, es spielt eine Rolle.“

„Nun, sie war – kaffeebraun. Nicht weiß, nicht schwarz.“

Das genügte. Noch mehr wollte Cleo nicht hören. Falls die Beschreibung ihrer sogenannten „Mutter“ sie milde stimmen sollte, war es kläglich misslungen. Seit sie denken konnte, wurde sie mit banalen Schmeicheleien belästigt.

„Jetzt muss ich gehen.“ Wenn die bizarre Behauptung zutreffen würde, wäre ich längst informiert worden, entschied Cleo. Ihre Eltern hätten sie nicht belogen. Und sie hatte die beiden viel zu sehr geliebt, um daran zu zweifeln.

Außerdem war sie die Alleinerbin, und sie hatte im Nachlass nichts Verdächtiges gefunden.

Nur ein Foto, an das sie sich widerwillig erinnerte … Es zeigte ihre Mutter mit einer anderen Frau. Zu ihrer Verblüffung hatte Cleo eine frappierende Ähnlichkeit zwischen sich selbst und dieser Person festgestellt. Auf der Rückseite des Bildes stand nicht, um wen es sich handelte. Reiner Zufall, sagte sie sich entschlossen. Sicher gibt es zahllose Leute auf der Welt, die mir gleichen …

Serena versuchte nicht, sie zurückzuhalten. „Für sie muss es ein Schock gewesen sein, so wie für mich, als ich davon hörte.“

Allerdings. Diesen Gedanken sprach Cleo nicht aus. Und sie war auch nicht so dumm zu glauben, die Angelegenheit wäre beendet.

„Nun brauchen Sie erst einmal Zeit, um die erschütternden Neuigkeiten zu verkraften“, meinte Serena, beinahe im Konversationston, und streifte Handschuhe über ihre schmalen, mit einigen Ringen geschmückten Finger. „Aber es darf nicht zu lange dauern. Ihr Großvater wird bald sterben. Wollen Sie ihm die letzte Chance verwehren, sein einziges Enkelkind zu sehen?“

Etwa eine halbe Stunde später kam Cleo in dem Apartment an, das sie mit Norah teilte. Normalerweise dauerte der Fußmarsch vom Supermarkt zum Minster Court nur fünf Minuten. Doch sie hatte einen Umweg durch den Park gemacht, um nachzudenken.

Unter anderen Umständen hätte sie den Park in der Abenddämmerung niemals allein betreten. Aber in ihrer Verwirrung vergaß sie alle möglichen Gefahren. Soeben war behauptet worden, ihre Eltern – stets so vertrauenswürdig – hätten sie belogen. Angeblich stand sie nicht mehr allein auf der Welt, sondern sie hatte einen Großvater und eine Tante. Und wen sonst noch, der – nun ja – weiß war?

Daran wollte sie nicht glauben. Alles sollte so sein, wie es gewesen war – bevor sie entschieden hatte, Milch für ihr Müsli zu kaufen.

Wenn sie nicht in den Supermarkt gegangen wäre …

Nein, das war albern. Früher oder später hätte Serena Montoya sie angesprochen. Erlaubte sich die Frau einen schlechten Scherz?

Und warum sollte sie das tun? Was würde sie dadurch gewinnen? Eine Enkelin, die sie dem sterbenden Vater präsentieren würde – selbst wenn es eine Fremde wäre?

Norah wartete in dem beengten Wohnzimmer. In diesem Londoner Stadtteil waren die Mieten fast unerschwinglich. Sogar das kleine Apartment kostete zu viel, und Cleo hatte die Gelegenheit, eine Mitbewohnerin aufzunehmen, sofort genutzt.

Seit der Schulzeit waren sie befreundet, und sie kamen trotz gewisser Einschränkungen in den winzigen Räumen gut miteinander aus. Blond und etwas rundlich, war Norah das genaue Gegenteil von Cleo, nicht nur äußerlich.

„Da bist du ja!“, rief sie erleichtert, sobald Cleo die Tür öffnete. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Wo warst du so lange? Und wie du aussiehst – als hättest du einen Geist gesehen!“

Wortlos ging Cleo an ihr vorbei zur Kochnische und stellte den Milchkarton in den Kühlschrank. Dann richtete sie sich auf. „Wieso um alles in der Welt hast du einer Fremden gesagt, wo ich war?“

„Oh …“ Norah errötete. „Also hat sie dich gefunden.“

„Falls du Serena Montoya meinst – ja.“

„Heißt sie so?“ Norah versuchte möglichst leichthin zu sprechen. „Nun, sie erklärte mir, sie sei deine Tante. Was sollte ich denn tun? Ich hatte nicht das Gefühl, sie würde irgendwas Böses im Schilde führen.“

„Ach, du und deine phänomenale Menschenkenntnis!“, bemerkte Cleo ironisch und warf sich auf das Sofa. Norahs Fehlschläge auf ihrer Suche nach dem „Richtigen“ waren legendär. „Wirklich, ich hätte dich für vernünftiger gehalten.“

„Ist sie nicht deine Tante?“

„Nein, ist sie nicht!“, fauchte Cleo ungestüm, wenn auch nicht restlos überzeugt. „Sei ehrlich, Norah – sehe ich wie Serena Montoyas Nichte aus?“

„Das könntest du sein, obwohl du größer bist. Jedenfalls hat mich ihr Gesicht an dich erinnert. Montoya – ein spanischer Name, nicht wahr?“

„Keine Ahnung. Sie lebt in der Karibik. Aber meine Eltern waren farbig, keine Spanier. Das weißt du, Norah.“

Unbehaglich senkte Cleo den Kopf. Nur widerstrebend entsann sie sich, wie oft sie an ihrer Identität gezweifelt hatte. Sie glich ihren Eltern nicht. Und sie hatte überlegt, ob auch Weiße zu ihren Vorfahren gehörten.

„Was hat sie sonst noch gesagt?“, fragte Norah gespannt.

„Dass … Mom und Dad nicht meine richtigen Eltern waren“, antwortete Cleo zögernd.

Ihre Freundin hob bestürzt die Brauen. „Und du glaubst, sie hat gelogen?“

„Natürlich! Du hast meine Eltern gekannt. Meinst du, sie hätten in all den Jahren ein solches Geheimnis gehütet?“

„Nein“, seufzte Norah. „Aber du siehst ihnen nicht ähnlich. Immer wieder fiel mir das auf. Klar, deine Haut ist etwas dunkler als meine. Du bist ja auch nicht blond, du hast dieses wundervolle, glatte schwarze Haar.“

Abrupt stand Cleo auf und ging in ihr kleines Schlafzimmer.

Dass Serena Montoya die Wahrheit gesagt haben könnte, wollte sie sich gar nicht erst vorstellen. Sonst würde ihr ganzes Leben aus den Fugen geraten. Und doch – sie hätte nach Beweisen fragen müssen …

Als Serena die Hotelsuite im vierzehnten Stockwerk betrat, stand Dominic Montoya vor einem Fenster und starrte hinaus. Vor ihm breitete sich ein Lichtermeer aus, eine lärmende, pulsierende Metropole. Welch ein Kontrast zum Landgut seiner Familie …

Da die Tür sich automatisch schloss, konnte Serena sie nicht wütend zuschlagen. Aber ihr Fluch bewog ihren Neffen, sich umzudrehen und sie ironisch zu mustern.

„Also hat’s geklappt“, bemerkte er, während sie zu einem Tablett voller Flaschen und Gläser ging und sich einen Wodka mit Eis einschenkte. „Du hast sie gefunden.“

Bevor sie antwortete, nahm sie einen großen Schluck. „Ja.“ Ihre blauen Augen funkelten frostig. „Nächstes Mal gehst du zu ihr.“

Dominic schob die Daumen in die Gesäßtaschen seiner Jeans und wippte auf den Absätzen seiner Cowboystiefel. „Offenbar gibt’s ein nächstes Mal. Hast du einen Termin mit ihr vereinbart?“

„Nein. Jedenfalls muss einer von uns in den sauren Apfel beißen. O Gott, dein Großvater wird einen Anfall kriegen.“

Dominic zog die dunklen Brauen über den grünen Augen zusammen. Wie verdammt attraktiv er ist, dachte Serena. Was immer auch hier in London geschehen mochte – verbittert ahnte sie voraus, dass ihr Vater niemals ihm die Schuld geben würde.

So war es immer gewesen, seit ihr Bruder Robert den dreijährigen Dominic in den Straßen von Miami aufgelesen und ihm zum beneidenswerten Schicksal eines Lieblingsenkels verholfen hatte.

Bisher das einzige Enkelkind, dachte sie ärgerlich. Schon mit Anfang zwanzig hatte ihr Bruder geheiratet, sie selbst niemals. Natürlich hatte sie Anträge bekommen. Doch der vorzeitige Tod der Mutter hatte Serena – damals noch ein Teenager – veranlasst, dem Vater den Haushalt zu führen und als seine Gastgeberin zu fungieren.

Die Entdeckung der ehebrecherischen Affäre ihres Bruders mit Celeste Dubois hatte sie zutiefst erschüttert. Stets war sie so sicher gewesen, sie hätten einander nahegestanden. Erst nach seinem Tod, für Serena eine Tragödie, hatte der Vater sie über jene Liaison informiert und erklärt, mit seiner Hilfe habe Robert die Existenz des Kindes geheim gehalten.

Bedrückt schüttelte sie den Kopf, und Dominic erriet, woran sie dachte. Seine Adoptivmutter Lily und seine Tante waren von Robert getäuscht worden. Das würde Serena ihrem Bruder nie verzeihen. Dass Lily unfruchtbar gewesen war, hatte die Adoption erleichtert.

Dominic wusste, wie glücklich er sich schätzen musste, weil er so liebevolle Eltern bekommen hatte. Seiner leiblichen Mutter war er zur Last gefallen. Nur zu gern hatte sie die Verantwortung für ihn jemand anderem übertragen.

Als Teenager, an seinen Wurzeln interessiert, hatte er seine Mutter aufzuspüren versucht und erfahren, sie wäre wenige Wochen nach der Adoption an einer Drogenüberdosis gestorben. Welch ein Segen, dass Robert ihn gefunden und zu sich genommen hatte …

Das mochte der Grund sein, warum ihm die jetzige Situation nicht so unerfreulich erschien wie seiner Tante. Okay. Für sie alle war es ein Schock gewesen, besonders für seine Mutter, die ihrem Ehemann, ebenso wie ihre Schwägerin, blind vertraut hatte.

Und jetzt kamen neue Probleme auf Lily zu. Großvater würde einiges erklären müssen, wenn er – all die Jahre nach Roberts Tod – das Mädchen in den Schoß der Familie holte. Dominic vermutete, dass sich das Gewissen des alten Mannes gemeldet hatte, nachdem er vor ein paar Wochen erfahren hatte, an unheilbarem Prostatakrebs zu leiden.

„Warum wird mein Großvater einen Anfall kriegen?“, fragte Dominic.

„Weil sie das Ebenbild ihrer Mutter ist“, erwiderte Serena. „Dass Celeste ein Baby bekam, wusste ich. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, Robert könnte der Vater sein.“

„Offensichtlich war niemand informiert – von meinem Großvater vielleicht abgesehen.“

„O ja, er wusste es“, bestätigte sie bitter. „Wie konnte Robert das seiner Frau antun? Ich dachte, er hätte sie geliebt.“

„Natürlich hat er sie geliebt“, beteuerte Dominic in sanftem Ton. „Diese … Celeste hat ihm wahrscheinlich nur kurzfristig den Kopf verdreht.“

„Oder er wollte beweisen, dass er nicht impotent war.“ Serena sank in einen Sessel vor dem Pseudo-Marmorkamin. „Wie konnte er nur, Dominic? Würdest du das einer Frau zumuten, die du liebst?“

„Eh – nein“, entgegnete er ärgerlich. „Aber wir reden nicht über mich. Und dein Bruder ist tot. Und um Himmels willen, er war kein schlechter Mensch. Willst du ihm nicht verzeihen?“

„So einfach ist das nicht.“

„Wäre er noch am Leben, würde er den Entschluss seines Vaters, Miss Novak kennenzulernen, sicher missbilligen. Damals tat er, was er für richtig hielt.“

„Indem er die Beweise vernichtet hat?“

„Ach, Rena … Sicher hat er im Interesse des Kindes gehandelt. Celeste war tot. Und meine Mutter hätte das Kind wohl kaum im Familienkreis aufgenommen.“

„Ganz bestimmt nicht. Glaubst du, sie wird sich jetzt anders verhalten?“

„Daran zweifle ich“, gab Dominic zu. „Aber sie hat nichts zu sagen, es war die Entscheidung deines Vaters.“

„Das alles finde ich widerwärtig. Nur mühsam konnte ich mich beherrschen, als diese junge Frau mir nicht glaubte. Was ihr angeboten wird, ahnt sie gar nicht.“

„Vielleicht ist es ihr gleichgültig … Hast du sie letzten Endes überzeugt?“

„Das weiß ich nicht.“ Serena stand auf, füllte ihr Glas noch einmal mit Wodka und setzte sich wieder. „Vielleicht denkt sie darüber nach. Um ehrlich zu sein – es interessiert mich nicht besonders. Sie ist – anders, als ich es erwartet habe.“

„Weil sie Celeste Dubois ähnlich sieht?“

„Wegen dieser Dubois-Frauen sind die Männer schon immer durchgedreht. Zumindest habe ich das gehört.“ Sie holte tief Luft. „Also gut – ja, ich bin eifersüchtig. Eins steht jedenfalls fest. Wie Robert sieht sie nicht aus.“

„Gar nicht?“

„Nun – vielleicht ein bisschen. Die Nase, der Mund, seine Größe …“

„Aber sie ist farbig?“

„Nein.“ Unbehaglich rutschte Serena in ihrem Sessel umher. „Nur etwas dunkel. Und – sie ist sehr schön. Wie ihre Mutter.“

Dominic konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Kein Wunder, dass du sie nicht magst“, hänselte er seine Tante und entlockte ihr ein wehmütiges Lächeln.

„So arrogant war sie – als würde sie mir einen Gefallen tun, indem sie mir überhaupt zugehört hat.“

„Vergiss nicht – für sie bist du eine Fremde. Wahrscheinlich hat sie deinen Beweggründen misstraut.“

„Sie glaubt felsenfest, die Novaks wären ihre Eltern gewesen.“

„Weil sie keine anderen Eltern kannte.“ Dominic zuckte die Achseln. „Zwanzig Jahre lang nahm sie an, sonst hätte sie keine Verwandten.“

„Zweiundzwanzig, um genau zu sein. Bei ihrer Geburt warst du sieben oder acht.“ Serena runzelte die Stirn. „Ich frage mich, ob sie niemals irgendwelche Zweifel hatte.“

„Die meisten Kinder glauben, was ihre Eltern sagen. Solange sie nicht befürchten müssen, sie wären belogen worden. Und für die Novaks wird es auch nicht so leicht gewesen sein.“

Arm waren sie nicht“, betonte Serena. „Damals zahlte Robert ihnen ein Vermögen, damit sie nach England übersiedeln und das Kind als ihr eigenes ausgaben.“

„In manchen Situationen gibt’s nicht nur finanzielle Probleme“, bemerkte er trocken, aber Serena hörte ihm nicht zu.

„Sie hatten die Auswanderung bereits geplant. Und das Geld muss ein willkommener Bonus gewesen sein.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Wahrscheinlich war es nach Celestes Tod für Robert viel einfacher, den Konsequenzen seines Ehebruchs zu entrinnen.“

Dieses Thema wollte Dominic nicht weiterverfolgen, denn Serena würde niemals zugeben, dass sowohl ihr Bruder als auch die Novaks Schwierigkeiten hätten meistern müssen. Er selbst glaubte nicht, es wäre seinem Vater leichtgefallen, das Kind wegzugeben – sein eigenes Fleisch und Blut. Nicht einmal zum Wohl seiner Ehe. Manchmal musste er es bereut haben, trotz seiner Liebe zu Lily.

„Jetzt liegt’s an dir, Darling“, erklärte Serena boshaft. „Ich habe mein Bestes getan, und das war offenbar nicht gut genug. Hoffentlich hast du mehr Erfolg.“

2. KAPITEL

Cleo knöpfte ihre Lederjacke zu und schlang sich einen blaugrün gestreiften Schal um den Hals.

Natürlich würde sie frieren, während sie sich das Rugby-Match anschaute. Wenn Eric auch versichert hatte, ein Dach würde sie schützen – die Tribüne wurde nicht geheizt.

Warum habe ich bloß versprochen, mit ihm zu diesem Match zu gehen? Sie wollte nicht, dass er einen falschen Eindruck von der Beziehung gewann. Er war ein guter Freund, ein netter Nachbar. Mehr nicht.

Aber seit dem Gespräch mit Serena Montoya flatterten ihre Nerven. Jeden Abend erwartete sie, es würde an der Tür klingeln. Obwohl inzwischen drei Tage verstrichen waren, nahm sie an, die Frau würde versuchen, noch einmal mit ihr zu reden. Sogar ein Rugby-Match war besser als ein Abend daheim, von diesem ständigen Unbehagen überschattet.

Norah hatte ein Date und würde erst sehr spät nach Hause kommen. Da Cleo in einer Grundschule unterrichtete, arbeitete sie meistens nur bis fünf Uhr nachmittags.

Nachdem sie in ihre Stiefel geschlüpft war, musterte sie die Strickmütze, die neben ihr auf dem Tisch lag. Nicht besonders stilvoll, aber warm.

Andererseits sollte Eric sie nicht für einen Schlappschwanz halten. Und Strickmützen eigneten sich nur für alte Damen. Trotzdem …

Kurz entschlossen setzte sie die Mütze auf. Notfalls kann ich behaupten, die trage ich nur, damit meine Frisur nicht zerstört wird, dachte sie, betrachtete ihr Spiegelbild und runzelte skeptisch die Stirn. Es war gar nicht so einfach, ihr dichtes Haar zu bändigen. Manchmal flocht sie es zu Zöpfen. Heute Abend hatte sie es jedoch zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Wenigstens würde sie in diesem Aufzug niemand schön finden. Ganz im Gegenteil, entschied sie. Dann schnitt sie eine Grimasse. Hatte sie sich nicht vorgenommen, keinen Gedanken an Serena Montoyas Worte zu verschwenden?

Als es läutete, zuckte sie nicht erschrocken zusammen, so wie an den letzten Abenden. Eric war ein paar Minuten zu früh dran.

„Sofort!“, rief sie, stopfte ihre Geldbörse und das Handy in die Jackentaschen und öffnete die Tür. „Ich bin schon fertig und …“

Aber es war nicht Eric.

Diesen Mann kannte sie nicht. Beinahe geriet sie in Panik. Normalerweise rechnete sie nicht mit dem Besuch fremder Männer, schon gar nicht am Abend. Und keineswegs mit hochgewachsenen Typen, die grüne Augen und markante Züge hatten und jene gefährliche Aura ausstrahlten, die nur selten zu einem warmherzigen Wesen gehörten. Besonders hübsch sah er nicht aus. Dafür wirkte er zu schroff, zu maskulin. Trotzdem fand sie ihn beängstigend attraktiv. Er beunruhigte sie auf eine Art und Weise, die sie nur als erotisch bezeichnen konnte. Und das war gar nicht gut.

„Eh …“ Vorübergehend fehlten ihr die Worte, und er kniff die Augen zusammen. Sie räusperte sich. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Hoffentlich.“

Seine Stimme klang betörend sinnlich. In ihrem Inneren entstanden verwirrende Gefühle. Sie war es nicht gewohnt, so intensiv auf einen Mann zu reagieren, und musste nach Fassung ringen.

Wahrscheinlich will er Norah sehen, dachte sie, obwohl die Freundin nicht erwähnt hatte, sie sei so jemandem begegnet.

„Sie müssen Cleopatra sein“, fuhr er fort und stützte sich mit einer Hand auf den Türrahmen. Dabei glitt sein Kaschmirmantel auseinander und enthüllte einen italienischen Anzug, der vermutlich mehr gekostet hatte, als sie in einem Jahr verdiente. Über einem dunkelblauen Seidenhemd trug er eine passende zugeknöpfte Weste.

Nicht nur der Name, mit dem er sie angesprochen hatte, jagte ihr einen eigenartigen Schauer über den Rücken.

Niemand in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis nannte sie Cleopatra. Niemand außer Serena Montoya. O Gott, dieser Mann musste etwas mit ihr zu tun haben.

„Wer … wer sind Sie?“, stammelte Cleo voller Unbehagen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie in ihrer Aufmachung nicht besonders glamourös aussah. Sie riss sich die Strickmütze vom Kopf und steckte sie in eine Jackentasche. „Ich … ich wollte gerade weggehen.“

„Das dachte ich mir.“ ...

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