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Magische Ermittler

Alfred Bekker, Hendrik M. Bekker

Magische Ermittler

Vier gruselige Abenteuer/ Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Hendrik M. Bekker: Preisnachlass wegen Geisterbefall

Gruselkrimi aus Ostfriesland

von Hendrik M. Bekker

 

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

„Davids“, meldete sich Theodor Davids am Telefon. Einen Moment war nichts im Hörer zu vernehmen.

Dann begann ein Mann zu sprechen. Es begann für Theodor wie immer. Er bekam eine kleine Lebensgeschichte erzählt. Am Ende dann wurde der Termin vereinbart.

Theodor war ein Mittvierziger und seit fast zwanzig Jahren in der Maklerbranche tätig. Er überprüfte die Adresse während des Telefonats im Internet. Ostfriesland, nahe Emden.

Er würde sie sich erst morgen ansehen. Jetzt noch von Oldenburg rauf zu fahren war ihm zu lang. Die Stadt war der Erbverwalter und wollte die Immobilie schnell loswerden.

 

*

 

Es war ein stattliches Haus, eher die Villa eines Gutsbesitzers als ein alter Bauernhof.

Viel hatte Theodor bei der Stadtverwaltung nicht erfahren. Das Haus war vermutlich sehr alt, mit Grundmauern aus dem Mittelalter. Theodor ahnte, was das hieß: Schwer zu vermitteln, da alle Renovierungsarbeiten in Konflikt geraten konnten mit dem Denkmalschutz. Einerseits veränderte das Denkmalschutzsiegel die mögliche Käuferschicht, andererseits wurde sie damit auch kleiner. Viel Geld fand sich eben nur bei wenigen. Die letzte Besitzerin war an Herzversagen gestorben, nach einer Woche von ihrem Zivi gefunden worden, der regelmäßig nach ihr schaute.

Ein Auto hielt in der Einfahrt. Patrick „Paddy“ Schuman stieg aus.

„Was haben wir genau?“, fragte er.

„Alte Frau, tot. Das Haus gehört nun, mangels Erben, der Stadt. Es soll weg, du sorgst dafür, dass es leer wird. Vierzig Prozent für die Stadt. Es gibt ein paar Interessenten, denke ich. Ist allen lieber als eine Zwangsversteigerung“, erklärte Theodor kurzangebunden. Paddy nickte. Er arbeitete seit Jahren mit Theodor zusammen. Er war Gebrauchtwarenhändler und hatte einen großen, viel über das Internet handelnden Laden: „Von Antiquitäten bis Zündstoff“, und ein großes Lager in Bremen.

Sie gingen zur Tür und Theodor schloss auf.

„Geschmackvoll“, bemerkte Patrick. Sie betraten einen Flur mit dunklem roten Teppich und einer großen alten Standuhr. Patrick strich mit prüfendem Blick über das Holz der Uhr.

Sie wanderten durch die Räume, bald getrennt voneinander, jeder versunken in seine eigenen Gedanken, prüfend nach den eigenen Kriterien schauend.

Plötzlich stockte Theodor, als er eine Bewegung ausmachte. Etwas helles Weißes war aus dem Flur verschwunden, als er ihn betreten hatte.

Er folgte dem oder der, was es auch war, in die Küche. Er riss die Tür auf und sah sich um. Es gab nur zwei Türen, eine zur Vorratskammer und eine ins Esszimmer.

In der Vorratskammer war niemand. Sie war doppelt so groß wie ein Kleiderschrank und bis auf ein paar Einmachgläser in den Regalen völlig leer.

Theodor versuchte die nächste Tür. Als er sie öffnete, sank ihm das Herz in die Hose. Dort stand eine Frau mit schwarzem, glattem Haar in einem weißen Kleid vor ihm. Ihre Augen waren von einem so intensiven Blau, dass er sofort an Kontaktlinsen dachte. Sie sah ihn traurig an wie einen toten Verwandten. Er erwartete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen, doch das Gegenteil geschah.

Ihre Züge verzerrten sich zu einer wütenden Fratze und sie schlug nach ihm.

Es fühlte sich an, als schlüge sie nicht mit der geballten Faust nach ihm, sondern als krachte ein Stück kaltes Eisen gegen seinen Brustkorb.

„Paddy“, rief er panisch, doch mehr als ein Keuchen brachte er nicht zustande, als er zurücktaumelte.

Beim zweiten Versuch gelang ihm ein lauter Ruf. Die Frau trat einen Schritt auf ihn zu. Theodor hatte Angst vor noch so einem Schlag und versuchte ihr zuvorzukommen. Er schlug nach ihrem Kopf, doch seine Hand glitt hindurch wie durch Nebel. Kurz wurde ihr Kopf dabei durchsichtig und schemenhaft, dann wieder fest und undurchsichtig.

„Was zum... “, schaffte Theodor noch zu sagen, bevor ihn ein weiterer ihrer Schläge traf. Erneut fühlte er sich wie von einer Eisenstange getroffen.

Inzwischen hatte Patrick den Raum betreten. Er sah die Frau, die auf Theodor zuging und den am Boden liegenden Theodor. Er zählte eins und eins zusammen.

„Hey Sie“, rief er. Die Frau blieb stehen und wandte sich nun ihm zu.

„Weg von ihm, klar? Ich schlage auch Frauen, das gehört für mich zur Emanzipation“, rief Patrick angriffslustig.

Die Frau verschwand. Theodor und Patrick blinzelten. Innerhalb eines Lidschlags war sie einfach weg.

„Was zum Geier?“, platzte es aus Patrick hervor.

Theodor stand langsam auf und rieb sich die Schulter.

„Du sagst es“, murmelte er.

„Wo ist die hin?“

„Keine Ahnung, Paddy.“

Plötzlich schrie Patrick auf. Er flog einen Meter nach vorne und konnte gerade noch rechtzeitig die Arme heben, um sich abzufangen.

Hinter ihm stand die Frau. Wütend sah sie die beiden an.

„Komm“, rief Theodor und zog Patrick auf die Beine. Er schrie es immer wieder, wie von Sinnen, obwohl die Frau sich mit völliger Ruhe und beinahe gleichmütig bewegte.

Sie rannten ins Esszimmer, von dort in den Flur und aus der Haustür.

Die Frau schien keine Anstalten zu machen, sie zu verfolgen.

Patrick wollte zu seinem Auto, doch Theodor zog ihn mit zu seinem.

„Keine Zeit“, war sein Kommentar. Sie hechteten hinein und Theodor fuhr mit aufheulendem Motor los.

Im Rückspiegel konnte er die Frau in der offenen Haustür entdecken. Ihm lief ein eiskalter Schauer den Rücken herunter.

„Was war das, was war das nur?“, murmelte Patrick und schwieg. Doch das Schweigen schien ihm noch weniger zu behagen und er fragte in die Stille hinein: „Was tun wir nur?“

Langsam ging Theodor vom Gas und begann sich wieder an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten.

Ja, was nun?, ging es ihm durch den Kopf.

„Zur Polizei“, stellte Theodor zu seiner eigenen Überraschung fest. Es war das Erste, was ihm einfiel.

Es verwunderte ihn ziemlich.

„Was?“

„Da ist eine Irre im Haus, die da nicht hingehört“, erklärte Theodor und versuchte sich und Patrick dabei zu beruhigen. „Wir sind hier nicht in einem Clint Eastwood-Film. Ich habe keinen Revolver. Ich lass das Leute regeln, die dafür bezahlt werden. Sie schmeißen sie raus.“

Patrick atmete mehrmals tief durch.

War sie nicht übermenschlich stark gewesen? Es war alles so schnell gegangen. Was war Einbildung, was Übertreibung?

Patricks Gesicht verlor langsam die starke Röte.

„Ja, ist gut“, stimmte er schließlich zu. „Emden ist das nächste Revier, oder?“

 

*

 

„Nun, wir waren da“, erklärte Wachtmeister Martins.

„Und?“, fragt Patrick ungeduldig. Seit zwei Stunden saßen er und Theodor auf der Wache in Emden und warteten auf die Rückkehr der Streife, die man zum Haus geschickt hatte.

Die beiden hatten zwar auf mehr bestanden, doch hatte man ihnen die Geschichte von der Frau nicht ganz abgekauft. Erstmal hatte man von ihnen einen Alkoholtest verlangt. Da der negativ ausfiel, war dann ein Wagen mit zwei Polizisten losgeschickt worden, um sich der Sache anzunehmen.

„Ja, nix“, stellte Wachtmeister Martins fest. „Keine Frau, keine Sachbeschädigung. Nur ‘ne geöffnete Tür und Ihr Auto, Herr Schuman. Das haben wir Ihnen auch mitgebracht, Schlüssel war ja am Bund, den Sie uns für das Haus gegeben hatten. Die Haustür haben wir auch verschlossen, nicht dass da doch noch einer was klaut. Sind zwar hier nicht in der Bronx, aber Gelegenheit macht Diebe.“

„Sie war nicht da?“, hakte Theodor nach.

Wachtmeister Martins schüttelte den Kopf.

„Ne, und jetzt wären wir dankbar, wenn Sie gehen. Kommen Sie wieder, wenn auch was zu tun ist. Mehr als ‘ne Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen Unbekannt ist hier nicht drin.“

 

*

 

Theodor verabschiedete sich von Patrick und fuhr nach Hause.

Mit einer Tasse Tee in den Händen setzte er sich schließlich vor den Fernseher und versuchte sich zu entspannen.

Sicher war das nur irgendeine Irre gewesen. Sie war nicht einfach verschwunden, sondern nur sehr schnell gewesen. So schnell, dass er es eben mit der Angst bekommen hatte. Das konnte ja mal passieren, und wenn man erst mal in Panik war ...

Gerade als er sich soweit hatte, dass er bereit war, alles auf Stress zu schieben, klopfte es an der Tür.

Theodor zuckte regelrecht zusammen und etwas Tee schwappte auf seine Hose.

Er stellte die Tasse ab und blickte stirnrunzelnd in Richtung Hauseingang. Wer mochte das so spät noch sein?

Es war seit einer Weile schon dunkel und er wohnte etwas außerhalb.

Vielleicht Patrick? Theodor beschloss, auch ihm einen guten Tee zu machen. Für Patrick aber vielleicht eher mit Schuss, damit er sich auch beruhigte.

Theodor öffnete die Tür und erstarrte. Das da war definitiv nicht Patrick!

Der Mann, der im Eingang stand, war nicht älter als Theodor. Der Mann hatte rabenschwarzes Haar, das er zu einem Zopf gebunden trug. Er war mit einer Cargohose, einem dunklen T-Shirt und einem Ledermantel bekleidet und blickte Theodor mit stechenden grauen Augen an.

„Theodor Davids?“, fragte er höflich. Er hatte eine tiefe Stimme, gut geeignet, um einen Ansager zu machen. Theodor nickte.

„Mein Name ist Emmius Brookmer. Ich hörte von ihrem Vorfall heute, den die Polizei nicht weiterverfolgen will. Ich biete Ihnen an, mich des Problems anzunehmen“, erklärte er.

Theodor hob skeptisch die Augenbrauen. „Das war vermutlich eine Landstreicherin, eine Diebin, die mir einen Schrecken eingejagt hat. Was wollen Sie da bitte groß tun? Sie verprügeln? Ich brauche keinen Rausschmeißer.“

Emmius verzog das Gesicht zu einem wissenden verschwörerischen Lächeln.

„Wir dürften beide wissen, dass es keine Landstreicherin war“, erklärte er.

„Was denn dann bitte? Etwa ein Geist?", fragte Theodor aufgebracht. Seine Stimme verrutschte dabei um eine Oktave nach oben.

„Ja, möglich ist es", erwiderte Emmius. Theodor klappte der Mund auf.

„Lassen Sie gut sein, Mann und schlafen Sie Ihren Rausch woanders aus.“

„Ich bin Emmius Brookmer vom Orden der Nachtwache“, erklärte nun der Fremde ruhig.

Er klang dabei fast feierlich.

„Ach, und Sie sind Geisterjäger?“

„Auch.“

„Was denn bitte sonst noch?“

„Die Nachtwachen jagen alle Geschöpfe der Nacht, die die Menschen plagen. Vampire, Werwölfe, Incubi und Geister sind genauso unsere Beute wie Kobolde, Wechselbälger oder verfluchte Gegenstände.“

Theodor wollte lachen, laut lachen über diesen armen, offensichtlich irren Mann.

Doch er zögerte. Etwas in ihm glaubte dem Mann. War denn die Frau heute nicht seltsam gewesen? Hatte ihr Schlag nicht etwas Fremdartiges, Übernatürliches gehabt?

„Woher wissen Sie davon?“, fragte Theodor, um etwas Zeit zum Nachdenken zu bekommen.

„Wir haben eine Ordensvertretung in Emden und bekommen Nachricht, wenn sich Dinge ereignen“, erwiderte Emmius ausweichend.

Er kratze sich am stoppeligen Kinn und schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Ich sehe ein und verstehe, dass Sie skeptisch sind“, setzte er an, „aber ich kann Ihnen vielleicht helfen. Geben Sie mir einfach eine Chance.“

In Theodors Kopf rasten die Gedanken, Zweifel und Neugier wechselten im Takt seines Herzschlags.

„Okay“, entschied er dann.

„Gut. Nehmen Sie die Hausschlüssel. Wir fahren sofort los.“

Als Emmius sich umwandte und zu dem offensichtlich ihm gehörenden Opel Kadett ging, konnte Theodor sehen, dass der Mann ein Schwert auf dem Rücken trug. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?

 

*

 

Das Haus lag dunkel da. Die Nacht wurde von einem klaren Halbmond beschienen. Nur wenige Wolken trübten das Licht kurz.

„Herrlich, nicht?“, fragte Emmius.

„Was?“

„Der Sternenhimmel. Man kann hier, so weit von den Lichtern der Stadt, mit bloßem Auge manchmal Sternennebel am Himmel sehen.“

Auf Theodors befremdlichen Blick hin fügte Emmius hinzu: „Nur weil ich meinen Job mache, muss ich nicht blind sein für eine schöne Blume am Wegesrand.“

Theodor schüttelte langsam den Kopf. Er war im Nirgendwo mit einem Irren mit Schwert auf Geisterjagd.

Sie gingen zur verschlossenen Haustür. Das Abschließen hatte ja die Polizei erledigt.

Langsam wurde Theodor mulmig zumute.

„Wenn sie so nett wären“, bat Emmius mit Blick auf die Tür.

Theodor folgte seinem Blick einen Moment verdutzt, bevor er begriff.

„Ja, natürlich.“

Er öffnete die Tür und trat hinter Emmius ein.

„Und nun?“, fragte Theodor in die Stille hinein. Vor ihnen lag der Flur im Dunkeln.

Emmius sah sich kurz um, fand den Lichtschalter und betätigte ihn.

Im Licht sah der Flur plötzlich nur noch halb so unheimlich aus.

„Ist nur halb so gespenstisch, nicht?“, fragte Emmius.

Er ging den Flur entlang und sah in die abgehenden Räume.

„Jetzt muss sie nur noch auftauchen“, setzte er an. „Haben Sie etwas Bestimmtes berührt, als sie kam, oder“, weiter kam Emmius nicht. Hinter der Tür, die er öffnete, stand sie. Die Frau in Weiß.

Sie verzog das Gesicht zu einem Schrei und schlug nach ihm.

Theodor schrie entsetzt auf, als Emmius nach hinten gegen die Wand geschleudert wurde.

Die Frau trat durch die Tür auf Emmius zu, doch dann hielt sie inne.

Ihr Blick wandte sich Theodor zu und es blitzte in ihren Augen. Sie erkannte ihn, wurde Theodor plötzlich klar. Mit schnellen Schritten kam sie auf ihn zu. Gerade als ihre Hand ihn berühren wollte, trat eine Klinge aus ihr hervor. Sie schnitt durch sie hindurch wie durch Nebel und die Frau löste sich auf. Emmius stand nun da, das Schwert noch immer fest umklammert. Die silberne Klinge schien leicht zu leuchten.

Langsam verblasste es.

„Nächstes Mal würde ich an Ihrer Stelle einfach weglaufen oder ausweichen“, bemerkte Emmius und entspannte seine Haltung. Er behielt das Schwert locker in der Rechten.

„Nächstes Mal?“, fragte Theodor entsetzt. „War es das nicht? Ist sie nicht weg?“

Emmius schüttelte den Kopf.

„Die Magie, die die Seele hier hält, ist ungebrochen. Ich habe sie nur ... wie erkläre ich das Ihnen? Sie ist zerteilt, muss sich neu zusammensetzen und sammeln.“

Emmius nahm einen Ring aus der Tasche, den ein für Theodors Geschmack viel zu großer Bernstein zierte.

„Jeder Geist hat einen Grund, hier zu sein“, erklärte Emmius. „Manche sind es wegen Gefühlen, Rache, Liebe oder etwaigen offenen Rechnungen. Das ist aber selten. Manche sind hier, weil sie ein Zauber bindet. Danach suche ich damit.“

Er hielt den Beinsternring hoch.

„Direkt aus der Zweigstelle Emden geliehen. Er verstärkt mein Gespür für verzauberte Dinge. In einem normalen Haus sollte da dann auch nichts sein.“

Theodor nickte, als würde er alltäglich über derartig absurde Dinge reden.

Eine Weile wanderte Emmius scheinbar ziellos durch das Haus. Er nahm immer mal wieder etwas in die Hand, betrachtete es und stellte es dann zurück.

Theodor folgte ihm im Abstand von ein paar Metern. Einerseits wollte er weder stören noch etwas abkriegen. Wer garantierte ihm, dass diese Magie für ihn nicht irgendwie gefährlich war?

Andererseits wollte er in Emmiuss Nähe sein, falls der Geist erneut auftauchte.

Sie waren inzwischen im zweiten Stock. Emmius öffnete eine Tür in etwas wie ein Gästezimmer und erstarrte. Der Bernstein an seinem Ring glomm aus seinem Innersten heraus.

Ansonsten wurde das im Dunkel liegende Zimmer nur von der Frau in Weiß erhellt. Regungslos stand sie da und blickte aus dem Fenster. Trauer lag in ihren Zügen.

Sie schien in weite Ferne zu schauen.

Theodor hielt den Atem an aus Angst, sie könnte ihn bemerken.

Tatsächlich ging ein Ruck durch sie und sie blickte zu ihnen.

Doch kein Hass veränderte ihre Züge. Sie sah nur müde und enttäuscht aus.

Ihr Blick wanderte zur Decke. Dann plötzlich fixierte sie Emmius.

Sie löste sich auf, verblasste wie Rauch und war einfach weg.

„Warst du das?“, fragte Theodor und vergaß völlig, dass Emmius ein Fremder für ihn war.

Emmius schüttelte den Kopf.

„Das war sie. Vielleicht will sie uns etwas sagen!“

„Vielleicht?“

„Wäre jeder Geist gleich, wäre das alles viel einfacher. Da es mal Menschen waren, sind sie alle verschieden, alle etwas eigen, will ich mal sagen.“

„Und was, denkst du, wollte sie sagen?“

Er deutete auf die Decke.

„Dachboden?“, spekulierte Emmius. Er zuckte die Schultern.

„Es ist einen Versuch wert und besser als nichts tun“, stellte er pragmatisch fest. Es führte eine schmale, sehr steile Treppe zum Dachboden herauf.

Mit Taschenlampen bewaffnet stiegen sie hinauf, Emmius mit gezücktem Schwert, was bei der steilen Treppe alles andere als leicht war.

Der niedrige Dachboden war voller Gerümpel aus vielen Generationen. Im Dunkel schwebte der Geist.

Emmius fasste das Schwert fester, doch in dem Moment war der Geist schon wieder verschwunden.

Emmius ging zu der Stelle, an der der Geist gewesen war, und hielt den Ring hoch. Er leuchtete wieder, Theodor kam es sogar so vor, als ob er stärker leuchtete als zuvor.

„Das ist es“, hauchte Emmius. Theodor trat neugierig näher.

„Was ist es?“

„Die Lösung.“ Emmius deutete auf kleine Zeichen, die quer über einen alten Balken des Dachgestühls verliefen.

„Dieses Geschmiere? Ich denke, das waren die Kinder der Besitzerin, als sie klein waren“, sagte Theodor ungläubig. Manche Zeichen schienen sich zu wiederholen, fiel ihm auf.

Emmius leuchtete die Zeichen mit seiner Taschenlampe an und fuhr sie mit dem Finger nach.

„Das sind Hexenrunen. Sie berichten von einer Frau“, er zögerte. „Diese hier wurden von einer Hexe geschrieben, die jemanden bestrafen wollte. Sie hat die Tochter des Hausherren verflucht, als Geist hier auf ewig zu wandeln.“

„Wieso? Was hat sie getan?“

„Es gab da wohl einen Mann“, erklärte Emmius und entfernte ein paar Spinnweben, die ihm die Sicht versperrten.

„Der Mann umwarb die Frau, aber sie spielte mit ihm. Dann muss ihr Geist nun hier ewig ausharren.“

 

„Wieso steht das dort alles?“

„Hexenrunen sind kompliziert. Ich kann sie lesen, würde aber nicht wagen, sie zu verwenden. Ein Zauber damit muss Wer, Warum und eine Auflösung enthalten.“

„Auflösung?“

„Ein Ausweg. Wie man den Geist befreit, den Zauber bricht.“

„Und wie?“

„Das fehlt hier“, stellte Emmius resigniert fest. „Sie muss echt sauer gewesen sein. Es verstößt gegen die Regeln der meisten Hexenschwesternschaften. Damals war es sicher nicht anders, das hätte eine schlimme Strafe für sie bedeutet.“

Er sah sich die Runen genauer an. Dabei schüttelte er langsam den Kopf.

„Wie kann man den Geist nun befreien?“

„Hier“, sagte Emmius und drückte Theodor sein Schwert in die Hand.

„Ich werde geschwächt durch das Ritual, das ich vorhabe. Falls ich unterbrochen werde, kann das böse enden, vor allem für mich. Du musst mich verteidigen.“

„Wieso sollte der Geist das verhindern?“

„Sie wird es vielleicht nicht absichtlich tun, aber das Auflösen des Zaubers wird ihr vielleicht eine Form von Schmerz verursachen.“

„Aber... “, setzte Theodor an, doch Emmius brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

Emmius drehte den Ring, so dass der Bernstein in seiner Handfläche war, und hielt in nahe über die erste Rune.

„Magie ist Wille“, rezitierte Emmius leise. Theodor hatte nicht das Gefühl, dass Emmius mit ihm sprach. Es war eher wie ein Mantra, sein persönliches Vaterunser.

„Mein Wille verändert die Realität, denn er ist ein Teil von ihr. Wie ein Wassertropfen auf die Oberfläche schlägt und Wellen verursacht, so verursache ich etwas.“

Die letzten Worte waren bereits so leise, dass Theodor sie kaum verstand.

Emmius schien noch mehr zu sagen, doch es war nun zu leise.

Theodor wandte mühsam den Blick ab und sah sich auf dem Dachboden nach der Frau in Weiß um.

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