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Magical

A  L  E  X   F  L  I  N  N

Aus dem amerikanischen Englisch
von Sonja Häußler

BASTEI ENTERTAINMENT

Wer Märchen liest – und wer tut das nicht? –, glaubt vielleicht, dass es überall nur so wimmelt vor Hexen – Hexen, die Kinder zu Lebkuchen verbacken, Prinzessinnen zu hundert Jahren Schlaf verdonnern oder ganz normale Teenager in abscheuliche Bestien verwandeln, um ihnen eine Lektion zu erteilen. Aber eigentlich gibt es nur sehr wenige von uns. Das ist den Menschen bloß nicht klar, weil wir ziemlich langlebig sind. Wir leben Hunderte von Jahren, wenn wir nicht zufällig als Brennmaterial für einen Scheiterhaufen herhalten müssen.

Was uns zu einer weiteren Eigenschaft von Hexen führt: Wir kommen ziemlich weit herum. Das liegt daran, dass wir leicht in Schwierigkeiten geraten. Manchmal müssen wir uns dann schleunigst aus dem Staub machen (mitten in der Nacht oder verfolgt vom spitzen Ende einer Mistgabel) und in eine andere Stadt oder ein anderes Land flüchten. Das erklärt auch, weshalb es so viele Geschichten aus unterschiedlichen Epochen und Ländern über uns gibt – in ihnen geht es oftmals um ein und dieselbe Hexe!

Und ab und zu geht es in diesen Geschichten um mich. Ich heiße Kendra und ich bin eine Hexe.

Hier ist meine Geschichte – na ja, zumindest ein Teil davon. Sie handelt von Romantik, Drama und auch vom Tod.

Alles begann vor vielen Jahren in England, um genau zu sein im Jahr 1666. Als ich – zum ersten Mal – ein Teenager war.

Vom Mädchen zur Frau zur Hexe:

England, 1666

Als mir Mr Howe von der Straße her zurief, ob ich irgendwelche Toten zu begraben hätte, sagte ich Ja. Es war keine schwere Arbeit für mich, jedenfalls nicht körperlich, auch wenn ich erst vierzehn und klein für mein Alter war. Die kleine Lizzie, meine jüngste Schwester, hatte selbst, bevor die Pest ihren Körper und unser Dorf heimsuchte, nicht viel mehr gewogen als ein Sack Mehl. Nach Monaten der Entbehrung war es sogar noch weniger. Ich hasste es, sie dem Totengräber übergeben zu müssen, aber was hatte ich für eine Wahl? Ich hatte keine Eltern mehr. Ich hatte fast niemanden mehr.

»Bist du jetzt ganz allein, Kendra?«, fragte mich Mr Howe.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Charlie ist noch da. Und Charlie wird es schaffen.«

Er schien daran zu zweifeln, aber er sagte nur: »Es tut mir leid.«

Ich nickte und wartete nicht ab, bis er Lizzie mitnahm. Das konnte ich nicht. Ich hatte mich inzwischen an den Tod gewöhnt, genug zumindest, um mich nicht länger damit aufzuhalten. Das war der einzige Weg, es zu ertragen.

Die Erste, die uns verlassen hatte, war meine ältere Schwester Sadie gewesen. Wie wir geweint, wie wir um sie getrauert hatten. Nicht nur, weil Sadie lieb und nett war, sondern auch, weil sie in einem Monat Henry heiraten sollte, den Sohn des Milchmanns, der unsere große Familie mit bitter benötigter Milch versorgt hätte. Der junge Henry war nicht einmal zu Sadies Beerdigung erschienen. Er hatte zu große Angst, sich ebenfalls mit der schrecklichen Krankheit anzustecken. Aber er bekam sie trotzdem und war zwei Monate später auch nicht mehr da – eine zu lange Zeit, um Sadie dafür die Schuld zu geben. Die Leute in unserem Dorf suchten jemanden, den sie dafür verantwortlich machen konnten.

Der Pastor hatte uns angewiesen, die Beerdigungen draußen vor dem Dorf abzuhalten, damit wir die Krankheit nicht verbreiten. Außerdem hatte er gesagt, wir sollten im Dorf bleiben, damit wir die Pest nicht an andere Orte trügen, aber wer reich war, war trotzdem gegangen. Die Reichen machten, was sie wollten. Der Pastor lebte noch, aber seine Frau war gestorben.

Als Nächster war mein jüngster Bruder John an der Reihe, er war noch ein Baby, wir kannten ihn kaum. Trotzdem sagten wir ein paar Worte an seinem Grab. Dass Babys starben, war traurig, aber nicht ungewöhnlich.

Als Mutter starb, gab es kein Begräbnis, keine Zeit für Totengebete, nur noch Gebete für die Lebenden – auf dass sie am Leben blieben.

Blieben sie aber nicht. Die vergangenen Monate hatten aus Erbrechen, Fieber und schwellenden Beulen auf Armen und Beinen bestanden, aus Klagen über schmerzende Glieder, aus aufgesprungenen Lippen, die um Wasser und um den Tod flehten. So viel Tod. Alle, die ich liebte, wurden aus dem Leben gerissen, einer nach dem anderen. Währenddessen hörte ich auf, ein Kind zu sein, ich wurde eine Frau. Eine traurige Frau. Am Ende verlor ich meinen Vater und noch einen Bruder und eine Schwester. Ich schaute nach, ob die Henne gelegt hatte, ich kümmerte mich um die Kuh – und dazwischen wurden ihre Leichen hinausgeschleppt.

Zwei Tage zuvor hatte Mr Howe James’ Leiche mitgenommen, was mich besonders schwer hätte treffen müssen, denn James war mein Zwilling. Ich war sein Schatten, noch bevor wir geboren worden waren. Aber ich hatte keinen Kopf für James oder irgendeinen der anderen. Hätte ich an irgendetwas anderes gedacht als daran, wie ich an Essen käme, hätte ich daran gedacht, warum ich allein das zweifelhafte Geschenk der Gesundheit erhalten hatte, dann hätte ich mich neben diese Leichen, die einst meine Lieben waren, gelegt und aufgegeben. Doch der gütige Gott – wenn er überhaupt gütig war – hielt es wohl nicht für angebracht, mich sterben zu lassen. Er hielt es für angebracht, dass ich wenig Milch von der Kuh und keine Eier vom Huhn bekam und in einem Haus, das früher neun beherbergt hatte und dessen Luxus jetzt nur noch von zweien in Anspruch genommen wurde, für meinen kranken Bruder sorgte; meinen inzwischen einzigen Bruder Charlie, der acht Jahre alt war.

Ich hatte gelernt, dass Menschen sich an alles gewöhnen können.

Heute Morgen, als ich hinausging, stellte ich fest, dass das Huhn tot war. Und mit einem Mal brachen sämtliche Verluste, die ich erlitten hatte, plötzlich über mich herein. Ich setzte mich in das karge Heu, verbarg den Kopf in den Händen und schluchzte.

Und dann rupfte ich dieses dumme Huhn, schnitt es in Teile und kochte es. Wenigstens hatte Charlie auf diese Weise eine gute, heiße Hühnersuppe im Bauch, wenn er schon sterben musste.

Doch Charlie war zu krank, um etwas zu essen, und als ich mich wieder von ihm abwandte, wusste ich, dass ich es bei Lucinda versuchen musste.

Lucinda Baker war die Heilerin unseres Dorfes, eine Frau, die wusste, wie man mit Pflanzen Krankheiten heilen konnte. Früher war sie meine Freundin gewesen, aber als uns die Pest heimzusuchen begann, hatte mich Mutter vor dem Umgang mit ihr gewarnt. Es gab Leute, erzählte mir Mutter, die behaupteten, dass Lucinda eine Hexe sei und dass die Hexen die Pest über uns gebracht hätten. Sie befürchtete, dass der Verdacht auch auf mich fallen könnte, wenn ich zu viel mit Lucinda zusammen wäre. Schließlich hatten mich die Leute schon immer für merkwürdig gehalten, weil ich so seltsam grüne Augen und einen launenhaften Charakter hatte – ganz anders als die übrigen Dorfmädchen. Vielleicht wusste Mutter auch, dass Lucinda angefangen hatte, mir beizubringen, wie man Kräuter verwendete. Lucinda sagte, ich hätte die Gabe, eines Tages eine Heilerin zu sein wie sie.

Waren Heilerin und Hexe dasselbe? Vielleicht. Das spielte im Moment keine Rolle. Wenn mein Bruder Charlie eine Hexe brauchte, dann musste eine Hexe her. Keine Mutter war mehr da, die mich warnte. Es gab nur noch mich, und ich würde alles riskieren, um Charlie zu retten, selbst wenn ich in Begleitung einer dorfbekannten Hexe gesehen würde.

Deshalb machte ich mich auf meinen traurigen Weg durch das Dorf, das einst ein lebhaftes Städtchen mit dreihundert Einwohnern gewesen war und jetzt so leer und still dalag, dass ich sogar zur Mittagsstunde den Wind in den Bäumen hören konnte. Ich kam an ein oder zwei anderen vorbei, die genauso müde wie ich einherschlurften, aber niemand redete, niemand lachte, keine Wagenräder waren zu hören, nichts, was den Wind übertönt hätte.

Meine Schritte beschleunigten sich, als ich mich Lucindas Haus näherte, und zum ersten Mal seit Wochen griff etwas anderes als Verzweiflung nach meinem Herzen. Hoffnung nahm mich an der Hand und zog mich mit sich. Lucinda würde Charlie helfen können. Da war ich mir sicher. Ich wünschte nur, ich wäre schon früher gekommen. Die Kate bestand aus braunen, ordentlich gesetzten Backsteinen und lag seltsam still da. Nur eine schwarze Krähe saß auf der Dachrinne und starrte auf mich herunter. Mit den vorsichtigen Schritten eines Rehkitzes näherte ich mich der Schwelle und klopfte kaum hörbar an.

Nichts.

Ich klopfte wieder. Wieder nichts, außer dem Krächzen der Krähe.

»Wer ist da?« Eine Stimme von der Straße versetzte mir einen gewaltigen Schrecken. Ich wandte mich um und dachte einen Augenblick lang, ich würde einen Geist sehen.

Doch nein, es war Mrs Jameson, die Mutter von Anne und Alice, zwei hochnäsigen Mädchen, die mich immer wegen meines flachsblonden Haares gehänselt hatten. Dennoch hätte ich beim Anblick des vertrauten Gesichts am liebsten geweint.

»Mrs Jameson! Ich bin es, Kendra Hilferty!«

»Kendra!«

Ich rannte den gepflasterten Weg entlang, um sie zu umarmen. Doch als ich die Straße erreichte, waren Mrs Jamesons Arme verschränkt. »Kendra, was machst du hier?«

Ich stockte. »Ich wollte … Lucinda … besuchen.«

»Besuchen?« Mrs Jamesons Gesichtsausdruck war seltsam.

Ich hielt es für das beste, das Thema zu wechseln. »Wie geht es Anne und Alice, den Lieben?«

Ihr Gesicht fiel in sich zusammen wie Papier, das in Flammen aufgeht, und ich wusste es.

»Nicht mehr da«, sagte sie. »Alle sind von mir gegangen.«

»Alle?« Jetzt tat es mir leid, dass ich sie für hochnäsig gehalten hatte. »Mr Jameson auch?«

Sie nickte. »Von meiner ganzen Familie war es nur mir bestimmt – nein, bin nur ich dazu verdammt – weiter zu leben.«

»Bei mir ist es das Gleiche«, sagte ich. »Mein Bruder Charlie ist der Einzige, der noch lebt, und vielleicht ist er schon tot, wenn ich zurückkomme.« Ich dachte das zum ersten Mal und blickte zurück zum Haus. War der Tod für mich schon Routine? War ich zu einem Ungeheuer geworden?

Da nahm sie mich doch noch in die Arme, wir hielten uns gegenseitig fest und weinten und weinten, als könnten die Tränen uns unseren Kummer nehmen.

Schließlich sagte ich: »Verzeihen Sie, Mrs Jameson. Ich war auf der Suche nach Lucinda, vielleicht hat sie ein paar Kräuter für Charlie.«

Sie sah zum Haus hinüber und ihre Augen schienen zu brennen. »Lucinda Baker war eine Hexe, die die Pest über uns gebracht hat!«, zischte sie.

War es das, was man sich erzählte? »George Viccars war es, er hat die Pest auf einem Stoffballen aus London mitgebracht. Außerdem ist Lucinda meine Freundin.«

»Wenn sie deine Freundin ist, dann bist du vielleicht auch eine Hexe und solltest als solche gehenkt werden.«

»Wie können Sie so etwas zu mir sagen? Meine Familie ist so tot wie die Ihre. Ich will doch nur …«

»Oh, Kendra.« Ihr Gesicht verzerrte sich und sie fing wieder an zu schluchzen. »Ich weiß, was du willst. Wenn du es doch nur bekommen könntest, aber es ist zu spät. Lucinda ist fort.«

Die Krähe auf der Dachrinne krächzte und wandte ihren schwarzen Kopf ab.

»Manche sagen, sie sei bei Nacht und Nebel fortgegangen, um denjenigen zu entgehen, die die Wasserprobe mit ihr machen wollten. Andere sagen, sie hätte ein anderes Ende gefunden.«

Ich blickte in das Fenster, das schwarz und leer war. Lucinda war fort, und mit ihr auch die letzte, noch so unmögliche Hoffnung. Ich wollte mich auf den Boden fallen lassen und weinen, aber dafür hatte ich keine Zeit. Stattdessen sagte ich: »Vielleicht finde ich im Garten noch etwas für Charlie.«

Mrs Jameson nickte. »Ich bedauere deine Verluste, Kendra.«

»Und ich die Ihren. Vielleicht …« Ich verstummte. Ich hatte sagen wollen, dass sie vielleicht kommen und bei uns leben könnte, damit niemand von uns allein wäre. Doch ich wusste, dass ich nicht im Dorf bleiben würde. Ich musste die Stätte dieser Tragödie verlassen und weit weg gehen. »Vielleicht sehen wir uns wieder.«

Sie nickte erneut und ging weiter.

Ich lief in Lucindas Garten und sammelte so viel ich konnte von den unterschiedlichen Kräutern. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wie sie verwendet wurden. Schafgarbe, um die Wunden zu heilen und das Fieber zu senken, Löwenzahn für die Geschwüre, Zinnkraut zur Stärkung. Ich legte alle in meine Schürze. Hinten im Garten wuchs ein Kraut, das ich nicht benennen konnte, es war gelb und spitz wie die Krallen einer Katze. Die Krähe schwebte darauf herunter, als wollte sie darauf zeigen. Ich kannte seine Verwendung nicht, aber irgendetwas sagte mir, dass es das Wertvollste von allen war. Ich pflückte einen Bund davon.

Die Krähe krächzte, als ich zurück nach Hause schlurfte.

Charlie lebte noch, er schlief. Ich beobachtete, wie ein Kälteschauer seinen schwachen Körper schüttelte. Ohne haltzumachen, um nach dem Fieber zu schauen, ging ich zur Quelle und dann zum Herd. Ich brachte den Morgen damit zu, Tees zu kochen und Salben herzustellen. Nachmittags zwang ich Charlie dazu, die Medizin einzunehmen.

Als die Nacht hereinbrach, ging es ihm kein bisschen besser. Lucindas Kräuter hatten mich alle im Stich gelassen, und Charlies Schüttelfrost war schlimmer geworden. Die Geschwüre an seinem Hals schienen noch röter zu sein. Ich ließ das mit der Medizin sein, nahm seine Hände und begann zu beten. Ich betete so inbrünstig ich konnte, auch wenn ich wusste, dass das nicht reichen würde. Gott, so schien es, hatte keine Zeit für uns, vor allem nicht für mich. Wer wollte ihn dafür tadeln, wo es so viele Kranke gab, nicht nur hier, sondern in ganz England, vielleicht auf der ganzen Welt? Während ich betete, stieg mir der verräterische Geruch von verrottendem Fleisch in die Nase, und ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis auch Charlie tot sein würde, bis ich allein wäre, ganz allein auf der Welt.

Zusammen mit meinen Tränen wurden meine Gebete noch inbrünstiger, verzweifelter, aber die Worte veränderten sich zu etwas, das ich selbst nicht verstand. Ich beugte mich nach vorne, hielt Charlies Hand und spürte, wie meine Finger von einer seltsamen Energie vibrierten, die sich mit den Welten vereinigte und von mir zu Charlie floss, von Charlie wieder zurück zu mir, bis sich das Zimmer drehte und von einem seltsamen, glitzernden Licht erfüllt war. Mir wurde schwindlig vor Hunger und Verzweiflung, meine Arme pulsierten von der Anstrengung, ihn zu retten, und bizarre, uralte Worte kamen mir über die Lippen. Ich wusste nicht, was passierte. Ich wusste nur, dass mich etwas gepackt hatte, etwas, das stärker war als die Gebete, stärker als die Trauer.

Schließlich brach ich vor Erschöpfung zusammen.

~ ~ ~

Am nächsten Morgen wurde ich von den ersten Sonnenstrahlen und Charlies Stimme geweckt.

»Kendra? Kendra? Ich bin es leid, immer nur herumzuliegen.«

Ich erschrak. »Was?«

»Ich bin es leid, im Bett zu liegen. Ich will nach draußen gehen und mit Tommy und James spielen.«

Er lebte! Er lebte und wollte herumrennen und spielen. Ich legte ihm rasch die Hand auf die Stirn. Sein Fieber war weg und das Geschwür an seinem Hals war verschwunden, als wäre es nie da gewesen. Ich hob die Decke und untersuchte den Rest von ihm. Alles verschwunden. Es ging ihm gut!

»Hör auf, Kendra. Was machst du da?« Er wand sich unter meiner Berührung. »Wo ist Mutter? Sie wird mich hinauslassen.«

»Psst. Mutter ist sehr krank, sie liegt da drüben in ihrem Bett.« Ich deutete auf einen Stapel leerer Laken und hoffte, er würde nicht so genau hinschauen. Charlie lebte!

Was sollte ich jetzt tun? Ich beschloss, dass später noch Zeit sein würde für die schreckliche Aufgabe, Charlie vom Tod unserer Eltern zu erzählen. Deshalb sagte ich: »Wenn du heute den ganzen Tag still sein kannst, dann bringe ich dir einen Teller Hühnersuppe und erzähle dir eine Geschichte, und ja, morgen gehen wir nach draußen.

Er nickte und sagte: »Ich habe Hunger.«

Die Suppe aufwärmen. Ich musste die Suppe aufwärmen. Doch ich stand zu schnell auf. Ich taumelte und das Zimmer fing an, sich zu drehen. Ich dachte an Mrs Jamesons Worte: dann bist du vielleicht auch eine Hexe.

Drei Gedanken schossen mir unaufhörlich durch den Kopf:

Charlie war gesund. Ich hatte ihn geheilt.

Durch einen Zauberspruch, den ich ausgesprochen hatte.

Ich war eine Hexe.

~ ~ ~

Einmal, etwa ein Jahr zuvor, war ich auf dem Weg in die Stadt gewesen, um für Mutter Eier zu verkaufen, als ich plötzlich Schritte hinter mir hörte. Dann eine Stimme.

»Heda. Du, Kendra.«

Ich drehte mich um. Es war William Butterworth, ein älterer Junge, vielleicht sechzehn Jahre alt, der sich selbst für wichtig hielt, weil sein Vater ein Händler war, der Geschäfte in London tätigte, während mein Vater nur Bauer war. Ich mochte ihn nicht. Doch er rannte, um mich einzuholen.

»Kann ich dich in die Stadt begleiten?«, fragte er hinter mir.

»Danke. Aber ich bin ziemlich in Eile. Ich habe keine Zeit zu plaudern.« Das entsprach der Wahrheit. Ich hatte eine Abkürzung durch den Wald genommen, um Zeit zu sparen. Ich fand es seltsam, dass er mir folgte.

»Ich kann mich beeilen.« Er war ein großer Junge mit einer kleinen Schweinchennase und er keuchte jetzt schon, um mit mir Schritt zu halten.

Ich ging rascher, so rasch ich konnte, ohne dass die Eier aus meinem Korb sprangen, aber schließlich rannte er, bis er vor mir stand und mir den Weg versperrte.

»Hab dich.«

»Allerdings.« Ich blieb stehen. »Was willst du von mir?«

Jetzt, wo er mich in die Enge getrieben hatte, schienen ihm die Worte zu fehlen. »Nichts … ich meine, ich sehe dich in der Kirche, du bist … Ich wollte wissen, ob wir vielleicht mal zusammen spazieren gehen können?«

»Wir gehen jetzt zusammen«, sagte ich und versuchte, an ihm vorbei zu kommen, um meinen Weg fortzusetzen.

Er machte einen Schritt nach links und hinderte mich am Fortkommen. »Nein, aber … an einem Sonntag vielleicht. Ich könnte dich nach der Kirche nach Hause begleiten oder zu euch kommen?«

Er mochte mich, hielt mich vielleicht für hübsch. Das war schmeichelhaft. Ich hätte Ja sagen oder eine höfliche Ausrede vorschützen sollen, zum Beispiel dass meine Mutter mich für zu jung hielt. Doch ich war nicht daran gewöhnt, ein Mädchen zu sein, das den Jungen gefiel, deshalb sagte ich stattdessen: »Ich glaube kaum.«

»Warum nicht?«, fragte er, und dabei verzerrte sich sein Schweinchengesicht zu etwas, das mir Angst einjagte.

»Ich muss gehen.« Ich versuchte wieder, um ihn herum zu gehen, aber er versperrte mir den Weg und ich wurde zwischen die Bäume gedrängt.

»Du glaubst wohl, du bist zu gut für mich?« Seine Stimme war ein tiefes Knurren.

»Das habe ich nicht gesagt. Lass mich bitte vorbei.« Ich begann zu laufen. Die Eier stießen gegeneinander, eins fiel heraus, aber das war mir gleichgültig. Ich musste weg.

Er griff nach meinem Rock, dann nach meinem Arm. Ich ließ den Korb fallen und alle Eier gingen zu Bruch. Er zog mich an sich. Mit einer Hand zwang er meinen Arm hinter meinen Rücken. Ich schrie vor Schmerzen, aber niemand hörte mich. »Du willst mich doch nicht etwa abweisen?« Mit seiner freien Hand machte er sich an meinem Mieder zu schaffen. Seine Zunge kam zwischen seinen Lippen hervor. Er drehte meinen Arm noch fester nach hinten, bis ich dachte, er würde brechen. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, den Arm wegzuziehen. Um mich herum wurde alles verschwommen, dann sehr farbig, dann schwarz.

Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass er am Boden lag, sich krümmte und sich – offenbar vor Schmerzen – den Bauch hielt und dabei garstige Worte brüllte. Ich starrte ihn voller Erstaunen an, bot aber nicht an, ihm zu helfen. Ich war frei, auch wenn ich nicht wusste, wie das geschehen war. Mein Arm tat nicht einmal weh.

Der Korb mit den Eiern war nur ein paar Fuß von dort, wo William lag, zu Boden gefallen. Ich hob ihn auf und rannte so schnell mich meine Beine trugen durch den Wald in die Stadt.

Ich ging zu dem Laden, obwohl ich keine Waren mehr zu verkaufen hatte. Mutter würde mir das Fell über die Ohren ziehen, weil ich die Eier zerbrochen hatte. Und doch – als ich die Schwelle des Ladens erreicht hatte, merkte ich, dass sie nicht durch den Korb auf meinen Rock getropft waren. Ich lüftete den Deckel.

Jedes einzelne Ei war heil, als hätte ich den Korb nie fallen lassen. Sogar das erste Ei, das aus dem Korb gepurzelt war, lag wieder an seinem Platz.

Hatte ich mir das alles nur eingebildet?

Unmöglich. Und als ich William in der folgenden Woche in der Kirche sah, mied er meinen Blick.

Ich hatte niemandem von dem Vorfall erzählt. Es hatte andere Zeichen gegeben, etwa mein Talent mit Kräutern oder die Art und Weise, wie manche Tiere, vor allem Krähen, mir zu folgen schienen. Oder die Tatsache, dass denjenigen, die mich quälten, bald darauf schlimme Dinge zustießen. Aber nichts davon war offensichtlich gewesen.

Bis jetzt.

~ ~ ~

»Wohin gehen wir?«, fragte Charlie, als wir am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang unser Haus verließen. Ich hatte ihn den ganzen Tag mit Suppe und Geschichten versorgt und nicht gewagt, von seiner Seite zu weichen, aus Furcht, er könnte aufstehen und herausfinden, dass unsere ganze Familie nicht mehr am Leben war, oder wieder krank werden. Aber im Laufe des Tages war er immer stärker, lauter und fordernder geworden. Meine zarten Hoffnungen hatten sich gefestigt. Nach Einbruch der Dunkelheit hatte ich mich an die Arbeit gemacht.

Ich hatte beschlossen, dass wir das Dorf verlassen mussten. Mrs Jameson wusste, dass Charlie krank war. Wenn er plötzlich geheilt wäre und sie es anderen erzählte, würden die Leute womöglich Verdacht schöpfen. In unserem Städtchen gab es einige wie Mr Howe oder mich, die nie an der Pest erkrankt waren, und dann gab es die, die daran starben. Aber niemand hatte je die Pest bekommen und sie überlebt. Das allein wäre in einem Städtchen, das einen Sündenbock für sein Elend suchte, schon für seltsam erachtet worden, als Akt der Hexerei. Wenn William sich dann noch daran erinnerte, wie ich mich gegen ihn zur Wehr gesetzt hatte, würde das alles noch schlimmer werden.

Mir ging auf, dass ich auch andere heilen konnte, wenn es bei Charlie geklappt hatte. Allerdings würde es wahrscheinlich nicht dazu kommen, weil ich vorher wegen Hexerei ertränkt werden würde.

»Die Wahrheit ist«, log ich Charlie an, »dass die anderen noch immer sehr krank sind. Wir haben kaum noch etwas zu essen und müssen ins nächste Dorf gehen, um etwas zu finden.«

Ich nahm einen Krug Milch mit und den Rest von der Hühnersuppe, dann band ich Bossie draußen fest und schrieb einen Zettel, auf dem stand: »Bitte kümmert euch um diese Kuh. Die Milch dürft ihr behalten.« Und ich hoffte, dass mir das Dorf verzeihen möge. Ich nahm auch den Rest vom Weizen mit.

»Wenn wir das Städtchen hinter uns gelassen haben, dann streu das auf den Boden, damit wir wieder zurückfinden.«

Charlie nickte. Ich wusste, dass wir nicht zurückkommen würden. Wir würden ein anderes Dorf, ein neues Leben finden.

Wir gingen am Grenzstein vorbei aus dem Städtchen hinaus. Ich trieb meinen Bruder zur Eile an und wir steuerten auf die Hügel zu, damit wir nicht von irgendjemandem, der gerade des Weges kam, gesehen wurden. Wir würden keine andere Stadt betreten können, wenn die Leute dort wussten, dass wir aus dem Pestdorf – wie unser Dorf inzwischen genannt wurde – stammten. Ich spornte Charlie zum Rennen an.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, hielten wir kurz an, um ein wenig Huhn zu Mittag zu essen. Stunden später knurrte mir wieder der Magen. Kein Dorf war in Sicht. Hier gab es nichts – kein Essen, niemanden, der uns helfen konnte. Wir würden zwar die Pest überleben, aber stattdessen hungers sterben.

»Lass uns ausruhen, Charlie. Wir werden morgen weitersuchen.«

»Aber ich habe Hunger.«

»Ich weiß. Ich habe auch Hunger, aber da kann man jetzt nichts machen. Morgen früh werden wir Beeren sammeln.«

»Beeren? Ich dachte, wir gehen in ein Dorf. Was ist mit Mutter und den anderen?«

»Morgen ist ein neuer Tag. Gott im Himmel wird für uns sorgen.«

Sein Hunger musste ihn wohl davon überzeugt haben, mit Streiten aufzuhören, denn er legte sich neben mich. Ich saß noch eine Weile da, bis die Sonne am Himmel erlosch. Ich fragte mich, ob ich wohl mit Magie Essen beschaffen konnte. Ich versuchte, mich an die mystischen Worte zu erinnern, die ich am Tag zuvor gemurmelt hatte, um die Magie wieder heraufzubeschwören. Zweifel überkamen mich und schließlich schlief auch ich ein.

~ ~ ~

Das Morgenlicht zwang mich dazu, die Augen zu öffnen, und ich sah mich nach Charlie um. Er schlummerte noch. Ich gönnte mir den Luxus, mir Sorgen zu machen. Was sollten wir jetzt tun? Wohin würden wir gehen? Ich war mir meiner Kräfte so sicher gewesen, aber ich konnte wohl keine besonders gute Hexe sein, wenn ich nicht einmal ein klein wenig zu essen herbeizaubern konnte. Wir würden verhungern. Es war vorbei.

Ich blickte auf meine andere Seite. Täuschten mich meine Augen?

Ich schloss sie noch einmal und schlug sie dann wieder auf.

Sie täuschten mich nicht. Da war ein Haus – ein entzückendes kleines braunes Haus mit Weiß am Dachvorsprung und einer Art Zaun darum herum. Vielleicht waren wir doch gerettet.

Ich kroch über den kargen Boden. Als ich näher kam, bemerkte ich etwas Seltsames an dem kleinen Haus. Es schien nicht aus Holz oder Ziegeln gebaut zu sein, und ganz sicher nicht aus Stein. Stattdessen bestand es aus etwas glattem Goldbraunem, das mit allerlei Buntem verziert war. Als ich näher kam, stieg mir ein gar köstlicher Duft in die Nase. Hatte ich Wahnvorstellungen? War ich dem Hungertod so nahe, dass ich den Verstand verloren hatte? Trotzdem – Düfte wecken Erinnerungen, und dieser enthielt eine Erinnerung, die so süß war, so teuer. Er erinnerte mich an die Reise, die mein Vater und ich vor langer Zeit nach Shropshire unternommen hatten.

Ein Schluchzen stieg in mir auf. Vater!

Er hatte es damals als Lebkuchen bezeichnet. Es enthielte ein Gewürz aus dem Fernen Osten und hätte außergewöhnliche medizinische Eigenschaften.

Ich atmete den Duft ein. Buk jemand Lebkuchen in diesem Haus? Ohne einen Blick zurück zu meinem schlafenden Bruder rannte ich zu dem Häuschen und suchte nach einem Fenster. Vielleicht würde man mich davonjagen. Dennoch musste ich es versuchen. Ansonsten würden wir verhungern.

Ich schlich mich näher. Der Duft wurde stärker, er lockte mich an wie die Arme einer Mutter. Ich fand ein Fenster. Sollte ich es wagen hineinzuschauen?

Als ich meine Hand auf das Haus legte, bemerkte ich etwas sehr Sonderbares. Die glatte, braune Hauswand war weich. Was war das für ein seltsames Material? Und als ich darauf drückte, sank mein Daumen ein. Ich schnüffelte. Lebkuchen. Konnte es sein, dass das ganze Haus aus Lebkuchen bestand?

Unmöglich. Der Geruch überwältigte mich, weil ich so hungerte – nicht nur nach Essen, sondern auch nach Erinnerungen, nach meinen Eltern, nach der Vergangenheit. Ich sog die Luft tief ein und erinnerte mich daran, wie ich über den Marktplatz ging, in der einen Hand ein Stück Lebkuchen, in der anderen die Hand meines Vaters. Ich drückte meinen Daumen tiefer in das braune Material, und wieder gab die Wand nach.

Unmöglich! Und doch musste es Lebkuchen sein. Entweder das, oder ich versank gerade in einem angenehmen Tagtraum. Ich kauerte mich nieder, um eine unauffällige Stelle zu finden, an der ich knabbern konnte. Vielleicht war das die Zauberei, die ich versucht hatte, zustande zu bringen. Was sonst könnte es sein? Und wenn ich Sterbende heilen und Essen herbeizaubern konnte, was würde ich sonst noch alles können? Die Möglichkeiten waren grenzenlos! Grenzenlos!

Und doch konnte ich meine Familie nicht zurückholen.

Nein, aber ich konnte den einen, der mir geblieben war, retten.

Ich griff nach einer Fensterbank und brach etwas ab. Stücke davon bröselten in meine Hand. Ich biss hinein.

Es war tatsächlich Lebkuchen! Ich nahm noch einen Bissen und noch einen. Ich war wie ein Tier, gefräßig, mit unstillbarem Hunger.

»Hey!«

Ich zuckte zusammen. Konnte das der Eigentümer des Hauses sein?

»Kendra, was hast du da?«

Es war nur Charlie. Ich frohlockte. »Mein lieber Junge! Das Haus besteht aus Gebäck!«

Ich reichte ihm ein Stück. Er nahm es und biss hinein. Ich beobachtete, wie sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

»Wir sind gerettet!«, rief ich. Dann ergriff ich ihn und wir tanzten im Kreis, rund herum und hin und her, wie die Kinder, die wir einmal gewesen waren, die Kinder, zu denen wir in diesem Moment wieder wurden. Als wir damit fertig waren, ließen wir uns fallen, aßen unersättlich, bis unsere Gesichter sich anfühlten, als würden sie der Anstrengung nicht mehr standhalten. Wir waren gerettet!

Stillschweigend waren wir übereingekommen, dass wir nur von den unauffälligen Teilen des Hauses essen würden, damit wir es nicht allzu sehr beschädigten. Trotzdem mussten wir einfach ein wenig von den Dachrinnen aus Zuckerguss probieren, von den kandierten Verzierungen und natürlich von dem sich tief nach unten neigenden Lebkuchendach.

»Erwischt!« Es war die Stimme einer Frau.

Ich wurde gefesselt, in einer Art Spinnennetz gefangen. Jemand oder etwas zog mich fort von dem herrlichen Haus, wobei mein Kiefer nicht aufhörte, wie von selbst weiterzukauen.

»Ich werde dich lehren, das Haus anderer Leute aufzuessen! Und jetzt der andere!«

Bevor ich mich auch nur umdrehen konnte, um nachzusehen, wer da sprach, hörte ich Charlie aufschreien. Sie hatte ihn auch gefangen. Ich wehrte mich und versuchte, mich aus dem Netz von Fäden zu befreien, die immer mehr zu werden schienen. Trotzdem war ich bemüht, Charlie zu beruhigen: »Ich werde dich retten.«

»Er ist nicht zu retten«, sagte die Stimme. »Und du selbst auch nicht. Ihr habt mich bestohlen, ihr gierigen Kinder. Ich werde aus euch beiden Lebkuchen für meinen Zaun backen.«

Zu spät sah ich mir den Zaun, der das Haus umgab, genauer an. Die seltsam aussehenden Zaunlatten waren überhaupt keine Zaunlatten. Vielmehr erkannte ich jetzt auf jeder Latte ein Gesicht. Es waren Lebkuchen-Kinder – gebackene Kinder!

Während ich versuchte, Charlies Schreie auszublenden, drehte ich mich so weit ich konnte und entdeckte eine Frau – eine schöne Frau mit flammendem Haar. Obwohl Charlie und ich uns beide wehrten, schien sie uns ohne Mühe festzuhalten. Sie lachte sogar.

»Neue Lebkuchen für meinen kleinen Zaun.« Ihre Augen funkelten wie Schneekristalle, sie hatten ein intensives, überirdisches Grün, das mir nur allzu bekannt vorkam. Ich wusste, was sie war.

»Ihr seid eine Hexe!«

»Vielleicht bin ich das, aber daran liegt es nicht, dass ich beschütze, was mir gehört.« Sie zog uns näher zu sich. Charlie weinte, aber ich versuchte, ruhig zu bleiben.

»Ich weiß … es ist nur …« Ich verstummte. Eigentlich hatte ich ihr gerade erzählen wollen, dass ich auch eine Hexe war, aber etwas hielt mich davon ab. Ich spürte, dass es vielleicht besser wäre, es für mich zu behalten, besonders weil ich mir meiner Fähigkeiten noch immer nicht ganz sicher war. Vielleicht war es nur Zufall gewesen, dass Charlie überlebt hatte. »Mein Bruder ist sehr krank gewesen. Es könnte noch ansteckend sein.«

»Wer’s glaubt, wird selig. Ich werde euch nicht gehen lassen.«

»Seht doch selbst. Seht her, wie mager er ist.«

Die Frau – oder Hexe – schüttelte den Kopf. »Ich werde mich mit keiner Krankheit anstecken. Aber du hast recht, er ist zu mager, um eine passende Ergänzung für meinen Zaun abzugeben. Ihr seid beide zu mager.«

Ich schaute mich nach den gequälten Lebkuchenkindern um. »Wenn Ihr uns freilasst, verspreche ich, dass wir weit weglaufen und dass wir Euch nie wieder unter die Augen kommen. Wir bitten um Verzeihung, dass wir von Eurem Haus gegessen haben.«

Wenn sie uns gehen lassen würde, wären unsere Bäuche wenigstens voll und wir würden so weit wie möglich rennen, vielleicht zu den einsamen Mooren in der Nähe von Yorkshire oder gar nach Shropshire – irgendwohin, nur fort von hier.

Die Hexe schien nachzudenken, und dabei wurden ihre Augen noch grüner. Dann leuchteten sie rot auf.

Plötzlich waren wir woanders.

Der Lebkuchenduft war hier womöglich noch stärker. Ich war an Händen und Füßen gefesselt. Eigentlich waren das Einzige, was ich noch bewegen konnte, meine Augen. Sie suchten Charlie.

Seine Hände waren an seine Beine gefesselt, wie bei einem Kalb, dass ein Brandzeichen erhalten soll. Ich zerrte an meinen Fesseln. Sie gaben nicht nach. Wenn überhaupt, dann wurden sie noch enger. Ich zog wieder daran. Schmerz durchzuckte meinen Arm.

Charlie sagte zum ersten Mal etwas, seit wir gefangen worden waren. »Kendra, was willst du tun?«

Alles schien auf mich einzustürzen und ich wollte ihn anschreien, dass es nicht meine Schuld war. Ich hatte ihn vor der Pest gerettet. Ich wusste nicht mehr, wer ich war.

»Mach dir keine Sorgen«, flüsterte ich. »Ich hole uns hier heraus.«

»Ah, da seid ihr ja, meine Schätzchen, bereit zum Mästen.«

»Lasst uns frei!« Unwillkürlich zog ich an den Schnüren. Dabei schlangen sie sich so eng um mich herum, dass meine Arme taub wurden, als würde das Blut nicht mehr in ihnen zirkulieren.

»Euch freilassen?« Die Hexe lachte. »Aber ihr seid so hungrig und es ist so weit bis zum nächsten Dorf. Wenn ich euch gehen lasse, werdet ihr verhungern. Nein, nein, ich wäre eine schlechte Gastgeberin, wenn ich euch gehen ließe, ohne euch etwas zu essen gegeben zu haben. Ich weiß etwas Besseres.«

Sie zauberte zwei Löffel aus schimmerndem Metall aus der Luft, wie ich noch nie welche gesehen hatte. Dann machte sie eine Handbewegung, und die Löffel schaufelten aus zwei Schüsseln etwas Graues, das aussah wie Suppe. Sie bewegten sich auf Charlie und mich zu.

»Macht den Mund auf, liebe Kinder. Esst euren Haferbrei!«

Unwillkürlich ging mein Mund auf. »Hey!«

Zu spät. Mein Mund füllte sich mit Haferbrei, der genau wie der von Mutter schmeckte, von der Süße her genau richtig. Ich wollte weinen. Wenn ich zu Lebkuchen verbacken würde, würde ich dann zu Mutter und Vater in den Himmel kommen? Oder würden wir als Gebäck auf Erden bleiben? Es gibt Leute, die behaupteten, dass Hexen keine Seele hätten. Hatte ich meine eigene Seele verkauft, um Charles zu retten? Oder war ich so oder so eine Hexe, egal ob ich Zauberei anwandte oder nicht? War mein Schicksal von Anfang an besiegelt?

Ich konnte nicht mehr länger darüber nachdenken. Alles, was ich tun konnte, war kauen und schlucken, kauen und schlucken, während der Haferbrei Löffel für Löffel aus den Schüsseln geschaufelt wurde und meine Kehle hinunterrutschte.

»Halt! Halt!«, gurgelte Charlie, als der Löffel immer wieder auf ihn zukam.

Ich versuchte, meine Lippen zusammenzupressen. Das klappte einen Augenblick lang, aber dann wurden sie von einem noch stärkeren Zauber auseinandergezwungen. Die Hexe nickte zufrieden und ging weg.

Die Löffel fuhren mit ihrer Zwangsernährung fort, wir hatten kaum Zeit, den einen Bissen zu schlucken, bevor der nächste kam. Wieder kämpfte ich darum, meinen Mund zu schließen. Dieses Mal versuchte ich, mich an den Tag zu erinnern, an dem ich Charles geheilt hatte. Ich hatte gebetet. Aber dann hatten sich meine Gebete in etwas anderes verwandelt, in Worte, die tief aus meinem Bauch kamen, Worte aus einer uralten Sprache, die ich nicht verstand. Und doch verstand. Und mit diesem Verstehen war die Magie durch mich hindurchgeflossen.

Vielleicht war es ja auch nur eine Frage der Konzentration.

Mit aller Macht starrte ich Charlie an, starrte den Einzigen an, der mir in einer Welt geblieben war, in der nicht einmal eine Henne überleben konnte. Sein Mund sträubte sich gegen das Eindringen des Löffels, und seine Augen sahen die Schwester flehend an, bettelten darum, dass sie dem Löffel Einhalt gebiete. Weder konnte ich hinschauen, noch konnte ich meinen eigenen Löffel ansehen. Stattdessen rollte ich meine Augen in ihren Höhlen ganz weit nach hinten, in den Kopf, so wie ich es getan hatte, als ich noch ein kleines Mädchen gewesen war und Mutter ärgern wollte. Ich versetzte mich zurück in unser Haus, diesen einst so geliebten Ort. Ich zwang die Hexe in mir, sich zu zeigen.

Sie kam. Ich spürte, wie sich der Raum drehte. Trotz des elenden Löffels machte ich den Mund weit auf und die Worte strömten aus mir heraus. Sie schwebten um meinen Kopf und durch das Zimmer wie die Tücher eines Zauberers. So sahen sie vor meinem geistigen Auge aus – Worte aus Scharlach, Smaragd und Gold. Worte, die aus mit heraus und durch den Raum wirbelten, und irgendwie wusste ich, was sie bedeuteten, auch wenn ich es eigentlich nicht wusste. Ich beschwor uralte Geister herauf, mir zu Willen zu sein, die Erde zu bewegen und Donner dröhnen zu lassen, und plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr zum Essen gezwungen wurde. Ich hörte, wie mein Löffel klappernd zu Boden fiel. Und dann hörte ich Charlies Löffel.

»Wa… was ist passiert?«, fragte er.

Ich sah geradeaus und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht so recht.«

»Warst du das?«

»Natürlich nicht, du Dummkopf.« Ich lachte gezwungen. Es war besser für ihn, wenn er nichts davon wusste.

»Du hast das gemacht«, beharrte Charlie. »Du hast mit dem Löffel gesprochen und er hat aufgehört. »Wie hast du …?«

»Hab ich gar nicht.«

»Hast du wohl.«

»Hör auf, das zu sagen.«

»Kannst du uns auch losbinden?«

Ich schüttelte wieder den Kopf. Dann bebte mein ganzer Körper – nicht nur vor Hunger und Angst, sondern ob der Ungeheuerlichkeit dessen, was ich getan hatte. Charlies Heilung hätte noch ein Zufall sein können. Das hier nicht. Ich hatte Magie heraufbeschworen, und sie war gekommen. Ich war eine Hexe.

Aber war es das, was Hexen taten? Kinder fangen? Lebkuchen aus ihnen backen? Wenn es so war, wollte ich keine sein. Lebkuchenduft stieg mir in die Nase und bereitete mir Übelkeit. Ich wusste, sollte ich überleben, würde ich niemals davon essen, würde ich nie mehr Magie einsetzen. Charlie zu retten war genug. Aber hatte ich überhaupt eine Wahl? Ich war mir nicht sicher.

Vielleicht konnten Hexen ihre Kräfte auch nur zum Guten einsetzen, um denjenigen zu helfen, die es nötig hatten, und um Übeltäter zu bestrafen. Diese Art von Hexe wollte ich sein. Ich schwor, dass ich diese Art von Hexe sein würde, wenn Charlie und ich überlebten.

Doch alles, was ich bisher über Hexen gehört hatte, war, dass sie böse waren, dass sie die Töchter Satans, die Dirnen des Teufels waren. So wollte ich nicht sein.

»Kannst du uns jetzt losbinden oder nicht?«

Ich wollte keine böse Hexe sein. Aber ich wollte Charlie befreien. Was für eine Wahl hatte ich?

Keine. Ich hielt den Kopf so starr ich konnte und flüsterte: »Ja, ja, mein Lieber. Aber erst heute Nacht, wenn sie uns nicht hören kann. Jetzt sollten wir lieber still sein, für alle Fälle.«

»Ich will nach Hause!« Seine Stimme zitterte, als würde er sich anstrengen, nicht zu weinen.

»Ich weiß, ich weiß.« Mir wurde ganz kalt ums Herz, als ich mich an den trostlosen Ort erinnerte, der unser Zuhause zuletzt gewesen war. »Bald. Aber jetzt sei ein guter Junge. Heute Nacht werden wir fliehen.«

»Kendra!« Er machte eine Kopfbewegung zu den verwaisten Löffeln und Schüsseln hin. Ich würde sie irgendwie leer bekommen müssen, bevor die Hexe sie sah.

»Ich weiß. Lass uns ein Spiel spielen. Das, bei dem wir herausfinden, wer am längsten schweigen kann. Da gewinnst du doch immer.«

Das stimmte nicht, aber ich konnte es ja mal versuchen.

Er sah sich kurz um und sagte dann: »Na schön. Los!«

Wir waren still, sehr still, aber meine Gedanken waren nicht so einfach zum Verstummen zu bringen. Mein Blick wanderte auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit durch den Raum. Die einzigen Fenster waren die aus gesponnenem Zucker, die wir von draußen gesehen hatten, aber sie waren ziemlich nah an der Decke. Immerhin waren die Wände aus Lebkuchen. Wir konnten uns hindurchknabbern.

Das Schwierige war, dass das Zimmer abgesehen von den Löffeln und den Schüsseln leer war. Die Hexe hatte uns wenig Mittel zur Flucht dagelassen. Vielleicht konnte man die Löffel zum Graben verwenden, wenn es mir gelang, einen davon zu verstecken. Ich konzentrierte mich auf die Schüsseln und fragte mich, ob ich wohl auch ohne Worte einen Zauberspruch zustande bekäme, wenn ich ausreichend Geduld bewies. Ich erinnerte mich an nichts von dem, was ich gesagt hatte, als ich William entkommen war. Ich würde es versuchen. Ich lauschte auf Schritte. Da waren keine. Ohne direkte Gefahr fühlte sich der spinnennetzartige Kokon beinahe sicher an – wie eine Decke oder die Arme meiner Mutter.

Mutter.

Wäre sie böse, wenn sie wüsste, dass ich jetzt eine Hexe war, oder wäre sie dankbar, weil ich Charles gerettet hatte?

Sie hätte Angst, so wie ich.

Allmählich gewöhnte ich mich an den Lebkuchengeruch. Ich beobachtete, wie sich das Licht änderte, und warf Charlie jedes Mal, wenn er es wagen wollte zu sprechen, einen strengen Blick zu. Ich musste mich konzentrieren.

Schließlich blendete ich sein Quengeln aus und starrte die Schüssel an. Die bedeutungslosen Worte, die ich zuvor gesprochen hatte, konnte ich eher spüren, als dass ich sie dachte. Nach einigen Sekunden, die mir endlos vorkamen, verschwamm mir die Sicht, dann wurde alles schwarz. Das Zimmer schien irgendwie zu kippen, und ich schloss die Augen, damit mir nicht schlecht wurde. Aber dadurch wurde es nur schlimmer, weil sich der Raum zu drehen schien. Als ich meine Augen wieder aufschlug, waren die Schüsseln leer und ich spürte, dass ich einen der Löffel in der Hand hatte.

Ich hatte es geschafft. Ich konnte uns hier rausholen. Ich musste nur warten, bis es dunkel war.

Sekunden später kam die Hexe herein.

»Ah, ihr seid fertig, meine Hübschen. Hat euch euer Haferbrei geschmeckt?«

»Lasst uns frei, Hexe!« Ich versuchte, Charlie zum Schweigen zu bringen, aber dann überlegte ich es mir anders. Wenn wir uns zu zufrieden mit unserer Gefangenschaft zeigten, könnte die Hexe meinen Fluchtplan erahnen.

»Bitte, lasst uns frei«, sagte ich. »Unsere Eltern suchen nach uns. Sie werden uns schon bald finden.«

»Eure Eltern sind tot. Ihr kommt aus dem Pestdorf da drüben. Fast alle dort sind tot.«

Charlie stieß einen Schrei aus. Mein Blick traf den seinen und flehte ihn an, still zu sein.

»Nein, Mütterchen.« Ich konnte nicht zulassen, dass sie erfuhr, dass unsere Familie tot war. »Wir sind nicht aus Eyam, sondern aus Shropshire. Wir – unsere ganze Familie – sind auf dem Weg nach London. Wir haben für die Nacht in der Nähe Halt gemacht, aber mein Bruder und ich sind früh aufgewacht und haben die Gegend erkundet. Unsere Eltern werden schon nach uns suchen.«

»Das bezweifle ich.«

»Wenn sie Euer Haus finden, werden sie andere alarmieren. Vor dem Richter wird es keine Gnade geben, für das …«, ich stellte mir die Gesichter der gebackenen Kinder vor und erbleichte, »… was Ihr getan habt.«

»Der Richter wird es nicht herausfinden und deine Eltern auch nicht, weil sie mausetot sind. Bleibt hier, meine Hübschen. Ich komme bald wieder zu euch.« Sie bückte sich, um die Schüsseln zu nehmen. »Was ist das? Wo ist der Löffel?« Sie sah mich eindringlich an.

Ich umklammerte den Kopf des Löffels mit der Faust. »Woher soll ich das wissen? Ich bin gefesselt.«

Sie kicherte. »Das bist du in der Tat. Ah, na ja.« Sie nahm die beiden Schüsseln und den einen Löffel. »Nicht so wichtig. Ich werde nicht lange fort sein.«

Ich hörte, wie sich ihre Schritte entfernten. Als sie sich in der Ferne verloren, sagte Charlie: »Stimmt es, was sie gesagt hat, Kendra? Sind Mutter und Vater nicht mehr unter uns?«

Das hielt ich nicht aus. Noch mehr ging einfach nicht. Ich versuchte, lieb anstatt tadelnd zu klingen, als ich sagte: »Natürlich nicht, Charlie. Hast du Mutter nicht auf ihrem Bett gesehen?«

»Ich muss die Wahrheit erfahren, Kendra. Ich bin schon ein großer Junge und kann sie ertragen.«

Aber ich nicht. »Richten wir unsere Gedanken zuerst auf die Situation vor uns, und dann werden wir uns darum kümmern, wie wir nach Hause zu Mutter kommen.«

»Und Vater?«

»Und Vater.« Meine Stimme brach fast, als ich das Wort aussprach, aber ich sorgte dafür, dass sie fest klang. »Jetzt sei bitte still. Ich muss hören, was sie macht.«

Doch ich hörte nichts, und viele Stunden verstrichen. Wie Kinder so sind, war Charlie offenbar bereit, einer Lüge Glauben zu schenken, solange sie dem entsprach, wonach er sich von ganzem Herzen sehnte. Er legte sich hin und schlief ein. Schließlich wurde es dunkel im Zimmer, dann wieder heller, als der Mond aufging. Meine zusammengeschnürten Arme schmerzten, als hätte ich tagelang am Waschbrett geschuftet. Ich hatte von Männern gehört, die auseinandergerissen, ausgeweidet und gevierteilt wurden. Fühlte sich das so an? Ich sehnte mich danach, meine Fesseln mithilfe von Magie abzustreifen, aber ich wagte es nicht. Die Hexe hatte gesagt, sie würde zurückkehren. Ich musste warten.

Dann hörte ich eine Stimme. »Hallo?«

Im Dämmerlicht sah ich nach Charlie. Aber er schlief. Ich hatte mir die Stimme nur eingebildet.

»Hallo? Kannst du mich hören?«

Da war eine Stimme, eine Mädchenstimme, und sie kam von draußen. Wir waren gerettet!

»Wer ist da?«, flüsterte ich.

»Miranda. Ich bin eine von den … Lebkuchenmädchen.«

»Du kannst sprechen?«

»Ja, ich kann auch hören und sehen und alles andere – nur nicht weglaufen. Das Gleiche wird euch auch widerfahren, wenn ihr nicht flieht.«

»Ich will ja fliehen. Ich wollte nur warten, bis die Hexe fort ist, bevor ich es versuche.«

»Warte nicht länger. Sie ist gegangen, um sich mit ihren teuflischen Schwestern zu treffen. Ich habe sie weggehen sehen. Wenn du noch länger wartest, ist es zu spät.«

»Bist du sicher?« Neben mir bewegte sich Charlie im Schlaf.

»Ja. Mach dich an die Arbeit«, sagte die zarte Stimme. »Du hast nicht viel Zeit.«

Mein Herz hämmerte wie Pferdehufe auf einer leeren Straße. Ich musste mich konzentrieren. Konzentrieren! Ich blendete Charlie und Miranda aus, auch meine vor Schmerzen pochenden Arme. Alles. Ich saß da, das Gesicht himmelwärts gerichtet, und versuchte, die Magie heraufzubeschwören.

Dieses Mal war es einfacher. In Sekundenschnelle lösten sich die Fesseln. Ich streckte meine Arme aus. Ich stand auf. Jetzt Charlie. Draußen hörte ich die kleine, schneidende Stimme des Lebkuchenmädchens. Ich ignorierte sie, wurde von meiner eigenen Stimme, von der Magie, fortgetragen. Ich streckte Charlie meine Arme entgegen.

»Was ist hier los?«

Ich erstarrte, die Finger ausgestreckt. Das Zimmer war plötzlich in Licht getaucht, aber es war nicht Mondschein oder Kerzenlicht. Es war eher so, dass das Zimmer einfach glühte.

Ich drehte mich um. Das Leuchten kam von der Hexe. Draußen vor dem Fenster hörte ich jetzt Mirandas Schreie. Zu spät. »Halt, halt! Sie ist zurück!«

»Wie hast du das geschafft?«, fragte die Hexe. »Wie konntest du dich von meinen Fesseln befreien?«

Ich tat, was jedes Kind tut, wenn es in Schwierigkeiten steckt: Ich log. »Ich habe mich herausgewunden. Das würde jeder tun, um nicht gebacken zu werden.«

»Jeder würde es wollen, aber keiner könnte es.« Die Hexe untersuchte das gefallene Netz. »Meine Knoten sind magisch. Wenn du sie lösen konntest, musst du selbst eine Hexe sein.«

Trotz meiner Angst zwang ich mich, sie anzuschauen. Ich musste mich entscheiden. Die Wahrheit sagen? Oder alles abstreiten? War es gut, eine Hexe zu sein? Vielleicht würde sie mich gehen lassen, wenn sie mich als ihresgleichen erkannte. Was hatte Miranda noch gleich gesagt? Ihre Schwestern? Aber andererseits könnte sie mich auch als Bedrohung sehen.

Ich hatte keine Wahl. Sie wusste es.

»Das stimmt. Ich habe die Knoten mit Zauberei gelöst. Ich bin eine Hexe.« Ich blickte zu Boden und überlegte mir, was ich als Nächstes sagen sollte. Meine Unerfahrenheit zuzugeben war riskant. Kräfte vorzugaukeln, die ich nicht besaß, vielleicht sogar noch mehr. Trotzdem, es wäre besser, wenn sie glaubte, ich sei mächtig. »Ich habe mich selbst befreit und jetzt werde ich meinen Bruder losbinden.«

Sie gackerte. »Wohl kaum.«

»Oh doch.«

Wie zuvor konzentrierte ich mich auf meine mystischen Worte, die – wie ich jetzt wusste – ein Zauberspruch waren. Genau wie bei mir zwang ich die Seile dazu, Charlie freizugeben. Und doch war irgendetwas anders, als würde eine gewaltige Macht auf mich einwirken. Als meine Konzentration einen Augenblick lang schwankte, überwältigten mich die größeren Kräfte der Hexe. Ich war erschöpft, so erschöpft vom wochenlangen Kampf gegen Tod, Krankheit, Hunger und Trauer. Ich hatte genug. Ich wollte mich nur hinlegen und aufhören zu kämpfen, aber wenn ich jetzt aufgab, wäre alles umsonst gewesen. Charlie würde sterben. Ich würde sterben oder ganz allein auf der Welt sein – was ungefähr dasselbe war wie zu sterben.

Ich stieß sie zurück. Leidenschaft verlieh mir Kraft dazu, Leidenschaft, die der Gefahr entsprang. Meine Leidenschaft war meine Kraft, und meine Kraft war meine Leidenschaft, und ich stieß mit all meiner Macht, meinem Verstand, meinem Herzen zu, bis ich spürte, wie das Blut, das durch meinen Körper, meinen Kopf strömte, kurz davor war, aus meinem Mund auf den Boden zu fließen. Ich zwang mich dazu, Charlie von den Fesseln zu befreien. Ich konnte nichts sehen, nichts hören außer Blut. Aber es musste klappen. Es musste einfach! Ich musste meinen Bruder retten.

Dann, als ich kurz davor war, schwach und hilflos zusammenzubrechen, fühlte ich, wie sich der Griff um mich lockerte. Das, und noch etwas anderes. Ich fühlte Charlies Hand in meiner.

Magie und Leidenschaft hüllten mich ein wie die Arme einer Mutter. Auch wenn ich noch unerfahren war, wusste ich jetzt, dass ich die Magie heraufbeschwören konnte. Ich hatte den Tod bezwungen, oder nicht? Plötzlich hatte ich Flügel, wenn ich welche brauchte, Schwingen der Finsternis wie ein riesiger Vogel, hatte Feuer und Wasser und alle Mächte des Lichts und der Dunkelheit zu meiner Verfügung. Wenn ich sie doch nur für mich einsetzen könnte und nicht gegen diese andere Hexe kämpfen müsste. Aber ich tat es. Unsere Seelen kämpften im Verborgenen und ich spürte, wie mir Charlies Hand entglitt. Ich packte sie, packte sie fest. Ich zog.

»Genug!«, schrie die Hexe. Ich glaubte, dass sie mich täuschen und dazu bringen wollte, Charlie loszulassen. Stattdessen lockerte sie selbst ihren Griff. Ich spürte, wie sich die Kräfte aus dem Raum verzogen. Charlie hielt meine Hand fester. Ich schlug die Augen auf und sah die Hexe an. Im dämmrigen Licht glommen ihre Augen angstvoll auf, ihre Lippen schienen rot von Blut zu sein.

»Dann ist es also wahr«, sagte sie, »dass das Mädchen Zauberkräfte hat.«

»Die hat es.« Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf. »Ja, die hat es sehr wohl, außerdem hat es nicht vor, sich oder seinen Bruder umbringen zu lassen. Ich habe zu hart darum gekämpft, uns zu retten. Werdet Ihr uns jetzt gehen lassen?«

»Ja, lasst uns gehen!«, schrie Charlie.

Die Hexe zeigte mit ihren langen roten Klauen auf ihn und er fiel sofort in tiefen Schlaf. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit mir zu. »Ich kann nicht zulassen, dass irgendwelche Kinder von hier fortgehen und Geschichten über mich und meinen kleinen Lattenzaun erzählen. Nein, ich fürchte, da ihr nun einmal gefangen genommen wurdet, müsst ihr für immer hier bleiben.«

»Bleiben? Für immer? Aber ich bin nicht bereit zu sterben.«

»Ich habe nicht vor, euch umzubringen. Hexen können sowieso nicht mit normalen Mitteln getötet werden.«

Normale Mittel? »Es gab eine Hexe … in unserem Städtchen. Sie sagen, sie sei im Wasser gestorben.«

»Wenn es so war, dann war sie keine Hexe. Hexen ertrinken nicht. Dieses Schicksal ereilt nur die Unglückseligen, die keine Zauberkräfte haben. Unsereins ist stärker.«

Ich schauderte, sie unsereins sagen zu hören und zu wissen, dass sie damit sich und mich meinte. Ich wollte mit Leuten wie ihr nichts gemein haben.

»Nein.« Sie fuhr sich mit ihrem langen Finger über die Stirn. »Es gibt nur eine Art und Weise, unsereins zu töten.«

»Und zwar?« Ich stellte die Frage, obwohl ich die Antwort schon kannte, und formte das Wort mit den Lippen, während sie es aussprach.

»Feuer. Verbrennung ist die einzige Möglichkeit, eine echte Schwester der Finsternis zu opfern.«

Das merkte ich mir, für den Fall, dass ich lang genug leben würde, um dieses Wissen anzuwenden. »Ihr habt also nicht vor, mich durch Verbrennung in Eurem Ofen zu opfern, wie die anderen? Das will ich jedenfalls nicht hoffen, denn Ihr wisst jetzt, dass ich nicht so einfach aufgebe. Ich bin vielleicht jung, aber ich bin stark. Ich habe Kräfte, die auf Leidenschaft beruhen.«

»Leidenschaft. Eine seltsame Art, es zu umschreiben. Du bist in der Tat ein sonderbares Mädchen. Aber ich habe nicht vor, dich zu backen. Von allen meinen Kindern kannst du allein mir etwas anderes geben, etwas, das ich brauche.«

»Und das wäre?«

»Eine Familie.« In diesem Moment wurden ihre Augen sanft wie das Grün junger Triebe, fast wie die Farbe meiner eigenen Augen, was mich durcheinanderbrachte. Sie schien kein Ungeheuer zu sein, sondern eine Frau – eine Frau wie viele, die ich aus unserem Dorf kannte, wie Mrs Jameson und Mutter. »Das Leben einer Hexe ist einsam. Wenn wir nicht getötet werden, leben wir ewig.«

»Wirklich?«

Sie drohte mir mit dem Finger. »Hast du dich nicht gefragt, warum von deiner ganzen Familie du als Einzige von der Pest verschont geblieben bist?«

Ich wollte schon wieder einwenden, dass die Pest bei uns nicht gewütet habe, aber sie brachte mich durch eine Geste zum Verstummen. »Verschwende deinen Atem nicht mit Lügen, hübsches Mädchen. Ich kenne die Wahrheit. Ich erkenne die Narben am Körper deines Bruders, den gehetzten Blick in deinen Augen. Ich habe viele Pestepidemien erlebt, musste Mann und Kinder zu Grabe tragen. Ich habe diesen Ausdruck in meinen eigenen Augen gesehen. Das Dasein einer Hexe ist einsam. Unsterblich zu sein bedeutet, zu niemandem und in keine Zeit zu gehören. Ich bin wenigen meiner Art begegnet, noch weniger würde ich Freundinnen nennen. Die, die keine Hexen sind, wünschen keinen Umgang mit uns, weil sie sonst gehenkt würden. Außerdem sterben sie. Doch ein Mädchen wie du könnte die Tochter sein, die ich verloren habe, und wäre noch besser: Gemeinsam könnten wir ewig leben.«

Innerlich erbleichte ich. Ich wollte nicht die Tochter dieser Frau – dieses Ungeheuers – sein. Und doch empfand ein Teil von mir ein merkwürdiges Mitgefühl für sie. Ich wusste, was Verlust war. Zwar hatte ich Charlie noch nicht verloren, aber wenn es stimmte, was die Hexe sagte, wenn ich ewig leben sollte, würde ich immer wieder die Menschen verlieren, die ich liebte. Allein sein. Konnten einen Hunderte von Jahren der Einsamkeit in den Wahnsinn treiben? Konnte sie einen dazu bringen, Kinder zu backen? Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Das war ein Spruch, den der Pfarrer oft in der Kirche wiederholt hatte, auch wenn ihn nur wenige beherzigten. Vielleicht sollte ich die Hexe nicht so streng verurteilen, solange ich nicht ihr Leben gelebt hatte. Oder vielleicht redete ich mir das auch nur ein, denn als ich ihr in die Augen blickte, erkannte ich, wie nützlich sie mir sein konnte. Dumm war ich nie gewesen. Meine Mutter hatte oft gesagt, ich sei klüger, als gut für mich wäre, zu klug, um einen Mann zu finden. Außerdem war ich klug genug, Gelegenheiten zu erkennen, die sich mir boten. Die Hexe war böse, möglicherweise geistesgestört, aber sie war älter und erfahrener als ich. Sie konnte nicht nur aus Leidenschaft, nicht nur in größter Not Zauber wirken, sondern wann immer es ihr beliebte. Sie wollte meine Mutter sein. Der Gedanke stieß mich zwar ab, aber ich wusste, was Mütter taten. Sie unterwiesen ihre Töchter. Wenn sie glaubte, ich würde sie respektieren, würde sie mich unterrichten. Ich schob den Gedanken an meine eigene liebe Mutter von mir. Es war müßig, an solche Dinge zu denken. Mutter war fort. Meine Kräfte waren zu spät erwacht, um sie zu retten. Außerdem würde Mutter nicht wollen, dass ich stürbe, dass ich Charlie sterben ließe. Da war ich mir sicher. Ebenso war ich mir sicher, dass die Hexe Charlie töten würde, wenn ich ihrer Forderung nicht nachkam. Was sie mit mir machen würde, wusste ich nicht und es interessierte mich auch nicht.

Und wenn ich so viel ich konnte gelernt und ihr Vertrauen gewonnen hätte, würde ich fliehen können.

»Und was würde es mit sich bringen, Eure Tochter zu sein?«

»Mit sich bringen?«

»Was müsste ich tun und was würdet Ihr für mich tun? Und für Charlie?«

Die Hexe sog die Luft ein. »So weit hatte ich noch gar nicht gedacht.«

»Dann denkt darüber nach.«

»Es ist schon ziemlich lange her, seit ich eine Tochter hatte.« Sie verstummte und starrte geradeaus, ihr Blick verschleierte sich. »Die letzte meiner Töchter habe ich vor zweihundert Jahren verloren.«

»Aber als Ihr Töchter hattet, was habt Ihr sie gelehrt?«

»Gewöhnliche Dinge, backen und …« Mein Kopf fuhr zu der Wand herum, durch die ich Mirandas Stimme gehört hatte. »Nicht diese Art von Backen. Darum ging es damals nicht. Normales Backen – Brot und Kuchen und ja, Lebkuchen auch. Das war das Lieblingsgebäck meiner lieben Adelaide, und sie hat mir natürlich beim Nähen geholfen. Nicht Flicken. Für diese stumpfsinnigen Arbeiten verwendete ich Hexerei. Ich meine kunstvolles Nähen – Steppdecken und bestickte Tücher. Wir sprachen über die Zukunft, den Mann, den sie finden würde, die Kinder, die sie bekommen würde. Natürlich wurde nichts davon wahr. Sie starb ebenfalls an der Pest.« Die Hexe schüttelte den Kopf.

»Ah, ich verstehe. Ihr wollt Gesellschaft haben. Wenn ich Euch Gesellschaft leiste, werdet Ihr mir dann Rat und Unterweisung geben … wie eine Mutter?«

Nur auf diese Art und Weise brachte ich das Wort Mutter überhaupt heraus, aber es hatte die gewünschte Wirkung.

Die blutroten Lippen der Hexe formten sich zu einem Lächeln. »Natürlich, meine Liebe. Ich will in jeder Hinsicht deine Mutter sein. Wenn du meine Tochter wärst, würde ich dir beibringen, eine bessere Hexe zu sein. Das möchte ich, und du möchtest das auch.« Sie streckte die Hand aus und ordnete eine Haarsträhne, die mir ins Gesicht gefallen war. »Ich will, dass du mich lieb hast.«

Ich ließ mir ihre Berührung gefallen. Das musste ich. »Und mein Bruder?«

Sie zögerte lang genug, um mir klarzumachen, dass er nicht als Teil des Handels vorgesehen war. Schließlich sagte sie: »Ich werde mich auch um ihn kümmern. Wie um meinen eigenen Sohn.«

Ich lächelte. »Dann werde ich tun, was Ihr wollt.«

Und so wurde ich tatsächlich, wenn auch nicht von Herzen, die Tochter einer Hexe. Meine richtige Mutter vergaß ich deswegen nicht, aber ich war so sehr damit beschäftigt, neue und nützliche Dinge zu lernen, dass der Schmerz darüber, sie verloren zu haben, die anderen verloren zu haben, nachließ. Ich hatte meine Familie und mein Zuhause verloren. Und doch hatte ich auch etwas gewonnen, etwas, das nur wenige Frauen in dieser Zeit besaßen.

Ich gewann Macht.

Und ich lernte, wie man sie einsetzte. Anstatt jeden Morgen Frühstück zuzubereiten oder die Kuh zu melken, brachte mir die Hexe bei, wie man sich damit weniger Umstände machte, sodass sich die Kuh von selbst molk oder sich die Milch selbst butterte. In der Zeit, die wir dadurch sparten, studierten wir schwierigere Zauberkunst. Ich lernte, wie man Magie nicht nur durch Leidenschaft, sondern mit Absicht entfachte, nicht nur durch die zufällige Wiederholung magischer Worte, sondern durch die Bewegung des Geistes. Ich erlangte Macht über Gegenstände, die ich durch das Zimmer tanzen lassen konnte. Ich ließ Pflanzen wachsen und gedeihen und brachte Tiere dazu, mir zu gehorchen. Die einzige Macht, bei der ich mir nicht sicher war, dass ich sie besaß, war die Macht über Menschen. Außer Charlie gab es keine Menschen, an denen ich diese Macht hätte erproben können, und ihm wollte ich das nicht antun.

Charlie stellte ein kleines Problem dar. Anfangs, als er sich noch erholte, begnügte er sich damit, viele Stunden am Tag zu schlafen, sodass die Hexe reichlich Zeit hatte, mich in ihrer – in meiner – Kunst zu unterweisen. Als er jedoch wieder vollkommen gesund war, wollte er wie andere Jungen laufen und spielen und nicht mit zwei Frauen in einer Hütte (auch nicht in einer aus Lebkuchen) eingepfercht sein. Die Hexe belegte ihn mit einem Bann und hinderte ihn so daran, das Haus zu verlassen. Auf mich konnte sie diese Art von Hexerei jetzt nicht mehr anwenden, denn ich wusste, wie man den einfachen Fluch brach. Sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich ohne Charlie niemals weggehen würde. Aber Charlie schmollte und manchmal rannte er durchs Haus und spielte und machte Dinge kaputt. Hin und wieder setzte die Hexe Zaubersprüche ein, um ihn zum Schlafen zu bringen, aber der Preis dafür war gesalzen. Wie jede Mutter (oder Schwester) eines Neugeborenen weiß, wird ein Kind, das tagsüber zu viel schläft, dies nachts zurückzahlen, indem es wach ist.

Das verärgerte die Hexe sehr, denn am Abend wollte sie mir von den Großtaten erzählen, die sie in den Jahrhunderten ihres Lebens geleistet hatte, von ihrer Arbeit am Hof Heinrichs des Achten (»Wenn er mich um Hilfe gebeten hätte, dann hätte er einen Sohn haben können«) und ihrem Techtelmechtel mit jemandem namens Vlad an irgendeinem Ort, der Walachei hieß (»e

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