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Magermilch und lange Strümpfe

Impressum

ISBN 978-3-8412-0534-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 1999 bei Gustav Kiepenheuer;

Gustav Kiepenheuer ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH &

Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Torsten Lemme

unter Verwendung eines Fotos von Prof. Helfried Strauß

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltübersicht

Vorwort

Krieg

Vom Sinn mancher Sätze

Essen und Leckereien

Kleidung

Das Haus

Der Handwagen

Der Reifen

Spielzeug

Spiele

Fasching

Hubbmännl

Frühling

Der Knappengrund

Das Paradies oder Rosen und Dill

Fünf Typen von der Straße

Die Bedrohung

Kult

Kartoffelkäfer und Wattfraß

Läden

Vaters Arbeit

Die Walter-Mädels

Automobile

Die Straßenbahn

Sommer

Das Astloch

Rummel

Reisen

Im Westen

Das Hochwasser

Die Altstadt

Schloß Osterstein

Lindenhof

Kabarett und Theater

Kino

Herbst

Stoppeln

Die Konterrevolution

Kinderspiele

Der Bergbau

Wismut

Der Doktor

Frühester Humor

Sitten

Die Schule

Die Probe für den Ernstfall

Winter

Weihnachten

Die Sprache meiner Eltern

Schluß

Vorwort

Magermilch und lange Strümpfe waren äußerliche Zeichen von Entbehrungen, die ich als Kind nicht als solche empfand. Meine Generation hatte keine besseren Zeiten erlebt, wir kannten nur diese. Wir nahmen unsere kleine Welt so, wie sie war. Von unseren Eltern erfuhren wir in vielen Geschichten, daß wir einer schrecklichen Katastrophe entkommen waren – dem Krieg. Wir hatten überlebt. Das wurde als ein großes Geschenk angesehen. In vielen Familien konnte nur die Mutter diese Geschichten erzählen. Noch einen Vater zu haben, galt als größtes Glück. Das Lied »Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland. Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg« war gerade noch bittere Realität gewesen.

Die Kinder meines Geburtsjahres haben die Geräusche des Krieges nur unbewußt wahrgenommen, wir haben nichts Schreckliches bewußt erlebt. Es war Friede, und wir bekamen jedes Jahr vier schöne Jahreszeiten geschenkt und kannten hundert verschiedene Spiele für Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ich bin dankbar, daß ich diese Zeit noch so lebendig in Erinnerung behalten habe. Ich hatte eine schöne Kindheit, und wir können unser Leben letztlich nur verlängern, wenn wir uns die gelebte Zeit bewußtmachen. Die Vergangenheit kann uns niemand nehmen. Die ist uns sicher.

Ich habe in Vorbereitung dieses Buches mit Frauen und Männern gesprochen, die ich aus Kindertagen kannte, und bedanke mich bei allen, die sich die Zeit genommen haben, mit mir in Erinnerungen zu kramen. Manchen hab ich über vierzig Jahre nicht gesehen und habe ihn doch sofort wiedererkannt: an den Augen, dem Lachen, dem Gang. Und jene, mit denen ich mich beim Spiel vor langer Zeit auf Straßen, Höfen und Wiesen gut verstand, mit denen hat es sofort wieder ein Verstehen gegeben, als lägen nicht Jahrzehnte dazwischen. Und manch einer von ihnen hat sich zum Glück auch ein Stück seines Kindseins bewahrt!

Erich Kästner sagt in seiner »Ansprache zum Schulbeginn«: »Laßt euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut … Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr … Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!«

Krieg

Mein Leben verdanke ich einem Zufall.

Nach einer Untersuchung sagte ein Dresdner Frauenarzt meiner Mutter, daß mit ihr zwar alles in Ordnung sei, doch Kinder könne sie nicht mehr bekommen. Von diesem ärztlichen Bescheid muß sie meinem Vater etwa im Oktober 1943 erzählt haben, als er von seiner Wehrmachtsschreibstube in Polen Urlaub bekommen hatte.

Viele Gedanken wird er sich über die Mitteilung des Arztes nicht gemacht haben, ihn beschäftigten seine Kriegserlebnisse. Er erzählte meiner Mutter von einem Ghetto, an dem sie vorbeimarschiert seien, wie unmenschlich man mit den Juden umgehe und wie schrecklich es für Deutschland würde, wenn sich das nach dem Krieg räche.

Mein Vater dachte damals noch, daß es sich räche.

Ich erinnere mich an ein kleines Foto dieses Ghettos, das er von weitem aufgenommen hatte.

Der Lieblingsbruder meiner Mutter, Martin, hatte sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. »Ich kann doch als lediger Mann nicht zu Hause bleiben, wenn Familienväter in den Krieg ziehen!« Meine Mutter hatte für diese Art von Moral kein Verständnis. Bei ihr entschied nur das Herz, für Politik hatte sie keinen Sinn. Und Krieg war für sie etwas Grausames; außerdem erinnerte sie sich noch lebhaft an jenen Kohlrübenwinter während des Ersten Weltkriegs.

Als Onkel Martin auf Urlaub und in unserer Dresdner Wohnung zu Besuch war, erklärte er mit Spielzeugsoldaten meines Bruders der Familie und Freunden den Frontverlauf. »Dort liegt der Iwan, hier sind wir.«

Onkel Martin, der meinem Bruder vor dem Krieg diese Elastolinfiguren geschenkt hatte, dachte inzwischen als Soldat ganz anders über den Krieg. Trotz oder wegen seiner Orden – dem Panzerkampfabzeichen in Bronze, dem EK II. Klasse, dem Verwundetenabzeichen und der Nahkampfspange 1. Stufe, die man erhielt, wenn man »das Weiße im Auge des Gegners gesehen hatte«. Diese Formulierung ließ meine Mutter noch nach dem Krieg erschauern. Der Onkel erzählte, wie sie die russischen Panzer abschossen und abschossen, es rollten aber immer neue heran. Als ihn meine Mutter in Dresden zum Neustädter Bahnhof brachte, sagte er ihr zum Abschied: »Wenn ich an denselben Abschnitt der Front komme, sehen wir uns nicht wieder.«

Meine Mutter weinte. Sie winkten sich zu. Ein paar Wochen später traf die Todesnachricht ein. Der Kompanieführer schrieb an meinen Großvater in Zwickau:

»Sehr geehrter Herr Ehrler!

Ich habe die schmerzliche Pflicht …«

Damit war schon alles klar, und meinem Großvater wird es das Herz abgeschnürt haben. Vielleicht hat er an seine Frau gedacht, die schon lange in Frieden ruhte und die ihren jüngsten Sohn wenigstens nicht betrauern mußte.

»Ihr Sohn fiel durch Kopfschuß, etwa 6 km südlich Orkei. Sein Heldentod wurde ihm nicht bewußt und bereitete ihm keinerlei Schmerzen.«

Sein Heldentod konnte ihm nicht bewußt werden, da er sich nicht als Held gefühlt hatte.

»Er wurde auf einem Soldatenfriedhof in Peresecina zur letzten Ruhe gebettet. Peresecina liegt etwa 16 km südl. Orkei.«

Weder Orkei noch Peresecina kannte in Zwickau ein Mensch, so konnten diese Namen meinem Großvater keine Vorstellung geben, wo sein Sohn begraben lag.

»Die Kompanie steht jetzt neben ihnen und fühlt, daß der Geist unseres lieben und tapferen Kameraden in uns weiterlebt und von uns nie vergessen wird.«

Die Kompanie stand nicht neben meinem Großvater, sondern lag im tiefsten Dreck im Osten, und jeder einzelne Soldat fühlte vermutlich etwas ganz anderes, nämlich, daß es ihm als nächstem an den Soldatenkragen gehen könnte.

Dann versicherte der Kompanieführer meinem Großvater noch die »allerwärmste Anteilnahme« und behauptete, mein Onkel habe »sein Alles für den Kampf um die Zukunft unseres herrlichen Volkes« eingesetzt.

»Sein Alles« war sein Leben. Und das opferte er sogar freiwillig.

Der Brief ist datiert auf den 8. Mai 1944. Die »Zukunft« des deutschen Volkes währte noch genau ein Jahr.

Einen weiteren Brief bekam mein Großvater vom Kriegspfarrer Wolfgang Jung, mit ein paar Fotos vom Grabe und dem seelsorgerlich beeindruckenden Satz: »Möge Ihnen das Bildchen wenigstens ein kleiner Trost sein können.«

Wie soll ein Foto vom Grab des Sohnes den Vater trösten?

Für meinen elfjährigen Bruder Martin, der seinen Onkel wie einen großen Bruder geliebt hatte, brach eine Welt zusammen. Jegliche kindliche Begeisterung für das System kippte ins Gegenteil, das Interesse an Führer, Wehrmacht und Krieg war erloschen. Nun betraf der Verlust die eigene Familie.

»Gefühlsmäßig war mir plötzlich klar: das ist nichts Gutes«, hat er mir viele Jahre später gesagt.

Meine Mutter regte sich über Zeitungsanzeigen auf, in denen von »stolzer Trauer« die Rede war. Sie trauerte aus tiefstem Herzen um ihren Bruder, ohne »Stolz«.

Am 15. Juli 1944 kam ich in einer Klinik in Ebersbach, in der Wettiner Straße zur Welt. Man hatte werdende Mütter aufgefordert, das Stadtgebiet von Dresden wegen der drohenden Bombenangriffe zu verlassen; so waren wir für eine Zeit zu Bekannten in die Lausitz gezogen.

In was für eine Welt kam ich da durch den Irrtum eines Arztes? Für jüdische Kinder gab es inzwischen Gesetze zur Vernichtung. – Doch ich war ein »arisches« Kind. Fünf Tage nach meiner Geburt explodierte einige Kilometer weiter östlich eine Bombe. Die hätte auch mein künftiges Leben verändern können! Es wäre ein Leben ohne Stalinporträts, aber mit Stauffenberg-Bildern geworden, ohne HO, Broiler und Trabant. Und für die Frauenkirche hätte kein Geld gesammelt werden müssen. Beinahe wäre ich führerlos geboren worden. Dann hätte ich als Reichskanzler Goerdeler bekommen, einen Leipziger, einen Mann aus jener Stadt also, die 20 Jahre später meine Heimat geworden ist.

Meine Mutter ging erst einmal mit ihren beiden Söhnen nach Dresden zurück, und wir wohnten wieder in der Stöckelstraße 100, nahe dem Riesaer Platz. Mein Bruder Martin erlebte, wie der Krieg in unser Leben einbrach. Die Situation beim Fliegeralarm hat er auch heute noch vor Augen. »Sobald die Sirene losging, stand ich neben dem Bett. Ich war so aufgeregt, wenn ich aus dem Schlaf gerissen wurde, daß ich mir manchmal nicht die Schuhe zubinden konnte, weil die Knie so gezittert haben. Mutter nahm dich aus dem Bett. Der Koffer mit den wichtigsten Sachen stand immer parat.« Fliegeralarm gab es oft in Dresden, aber alle hofften, daß diese schöne Stadt vom Allerschlimmsten verschont bleiben würde. Dann kam der 12. Februar.

»Einige waren an jenem Abend noch einmal aus dem Keller gegangen, kamen kreidebleich wieder und sagten: ›Jetzt geht’s los! Die haben Christbäume abgeworfen!‹« Dieses Symbol für Frieden, Harmonie und Einkehr stand plötzlich für Zerstörung und Tod.

»Christbäume« zum Faschingsdienstag? Hinter diesem Begriff verbargen sich Leuchtbomben, die an Fallschirmen herabschwebten, damit die Bomberpiloten für ihre Arbeit gute Sicht hatten. Aus dem Tagebuch meines Bruders über die Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945: »Großangriff auf das Stadtgebiet. 2 Std. donnern die Bomber über der Stadt und laden ihre schreckliche Last ab. Wir bleiben noch verschont, aber ringsum brennt es lichterloh. Bereits 2 Std. nach der Entwarnung heulen die Sirenen wieder. Unaufhörlich dröhnt und donnert es draußen. Gott sei Dank bleiben wir noch verschont.«

Verschont von 7 500 Sprengbomben, 570 000 Stabbrandbomben und 4 500 Flammenstrahlbomben.

Sechs Jahre später sagte mein Bruder den Eltern, daß er sich entschlossen habe, Pfarrer zu werden. Da lächelte meine Mutter und erzählte, daß sie in jener Nacht in Dresden gebetet habe: »Lieber Gott, wenn wir aus diesem Inferno lebend davonkommen, dann soll einer meiner Söhne Pfarrer werden.«

Die Großenhainer Straße entlang zogen die Überlebenden aus der Innenstadt. Verrußt und verdreckt. Menschen mit wirren Blicken, eine Frau trug einen halbverbrannten Pelzmantel. Sie liefen ohne Ziel. Nur weg aus der Flammenhölle.

*

Am Aschermittwoch lag die Stadt in Asche. Leichenberge wie in Auschwitz, Schreckensbilder der Konzentrationslager, die sich in jenen Tagen noch kein Dresdner vorstellen konnte, waren auf dem Altmarkt zu sehen.

Die Nazi-Propaganda funktionierte die Opfer zu »Terror-« und »Luftkriegsgefallenen« um, die Front war plötzlich mitten in Dresden. Die Zivilbevölkerung wurde zu unfreiwilligen Heimatsoldaten. Wo zur Weihnachtszeit der Striezelmarkt stattfindet, wurden wegen fehlender Transportmöglichkeiten und wegen der schnellen Verwesung Tausende Frauen, Männer und Kinder verbrannt, und die Asche brachte man zum Heidefriedhof.

Im Pflaster des Dresdner Altmarktes erinnern an jener Stelle seit ein paar Jahren zwei Schriftzeilen an jene 6865 Opfer der Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945.

Makaber auch dieser Fakt: Nach der Anerkennung der DDR durch die USA und Großbritannien wurde im Zeitungsdeutsch der Begriff Terror aus der Formulierung »angloamerikanischer Terrorangriff« gestrichen.

In den sechziger Jahren habe ich bei einem Kaffee im »Luisenhof« eine Dresdnerin kennengelernt, die mit ihrem Mann, der damals gerade auf Heimaturlaub war, nach dem Angriff aus dem Keller kam. Der Feuersturm tobte durch Dresden. Sie hielt sich an der Tür fest. Als sie sich umdrehte, war ihr Mann verschwunden. »Weg! Einfach weg!« Er ist vermutlich im brennenden Asphalt verglüht.

Am 14. 2. 45 schreibt mein Bruder in sein Tagebuch: »Alles stockt. Es gibt kein Gas, Wasser, Licht. Die in der Innenstadt obdachlos Gewordenen strömen in die Außenbezirke. Mittags fallen plötzlich Bomben in noch weiter Entfernung. Ich hörte es gerade, als ich Wasser holen ging. Sofort renne ich ins Haus zurück und rufe laut: ›Alarm! Alarm!‹«

Mein Bruder schlug den Hausgong und schrie in panischer Angst, weil das Geräusch der Bomber immer näher kam. Herr Wehmeier, ein alter SA-Mann, schimpfte mit ihm: Es wäre doch gar nichts los, was der Lärm solle!

Martin erzählte mir: »Ich hab zu allen gleich du gesagt: Kommt runter – die Flieger kommen! Mutti hat dich aus dem Bett gerissen und ist in den Keller gestürmt, ich hab den Koffer genommen. Ich hab einer anderen Frau noch geholfen, die zwei Kinder hatte. Sie hat ihren Koffer einfach die Treppe hinunterrutschen lassen. Der Raum war total überfüllt, mit vielen Frauen, die aus der Stadt gekommen waren. Es war stockdunkel, und ich habe nach Mutti gerufen. Dann standen wir nebeneinander. Als der letzte im Keller war und die Tür geschlossen wurde, hat’s geknallt! Eine lähmende Stille, und dann sagte jemand: ›Es riecht nach Gas!‹ Wir dachten alle, unser Haus ist getroffen und die Kellertür verschüttet. Total finster im Keller. Und du hast nur geröchelt.«

In jener Nacht bekam meine Mutter weiße Haare. Sie hatte unvorstellbare Angst, daß ich ersticken könnte. Ich lag in ihrem Arm, im stockdunklen Keller und rang nach Luft. Bis in die fünfziger Jahre hinein überfielen meine Mutter bei Vollmond ständig Alpträume. Wir wußten dann schon: heute Nacht würde unsere Mutter wieder schreien. Es ging immer um mich, um ihre panische Angst, daß ich ersticken könnte, und ich hörte durch die dünne Wand vom benachbarten elterlichen Schlafzimmer ihren Schrei: »Das Kind, das Kind!«, und anschließend die beruhigenden Sätze meines ebenfalls wach gewordenen Vaters.

Während eines Feuerwerks in Zwickau haben wir nach Hause gehen müssen, weil meine Mutter an die »Christbäume« und die Geräusche jener Bombennacht von Dresden erinnert worden ist. Ich sehe noch meinen Vater, der erst gar nicht verstanden hat, warum meine Mutter inmitten der Menschen, die bei dem weißen und bunten Funkenregen »Ah!« und »Oh!« riefen, plötzlich so aufgeregt und unruhig geworden ist.

Wieviel Angst spürte ich mit meinen sieben Monaten in jener Bombennacht? Mutter hat mir erzählt, ich hätte im Keller schon instinktiv vor den ersten Detonationen gezittert.

Zurück zum Tagebuch meines Bruders: »Wir haben die Keller- und Hoftür öffnen können – wir waren also nicht verschüttet – und frische Luft kam herein. Dann sind alle rausgestürzt. Als wir draußen standen und uns ansahen, haben wir gelacht. Wegen unserer schwarzen verschmierten Gesichter, die Ränder um Nase und Mund. Staubwolken schwebten noch über dem Hof.«

Aschermittwoch.

»Dann sahen wir das Nachbarhaus als Schutthaufen. Plötzlich bewegte sich etwas unter dem Schutt. Die Bewohner hatten eine Tür frei bekommen. Mein Freund Günter Monden kroch aus dem Keller, und ich rief: ›Günter!‹ – ›Ja‹, sagte er, ›wir haben alle überlebt, wir haben deinen Lärm gehört und sind alle schnell in den Keller.‹«

Wer einen Menschen rettet, heißt es im Talmud, rettet die ganze Welt.

»Mein Freund Günter zeigte in den nicht mehr vorhandenen dritten Stock des Hauses und klagte: ›Meine scheene Eisenbahn.‹ Als wir in unsere Wohnung kamen, war keine Fensterscheibe mehr ganz. Dein Kinderbett war von Glassplittern übersät, die Balkontüren lagen in der Küche. Mutter sagte, was sollen wir hier, kein Wasser, kein Strom, kein Gas, wir gehen weg aus Dresden.«

Sie war entschlossen, sich mit ihren beiden Kindern in ihre Heimatstadt Zwickau durchzuschlagen.

»Wir nahmen den Kinderwagen und packten notwendige Sachen in einen Handwagen. Den hat mir der Sturm in der Stöckelstraße aus der Hand gerissen, weil die vielen Brände den Sauerstoff aus der Luft zogen. Unser Nachbarhaus war das letzte stadtauswärts, das zerbombt worden war. Man wollte vermutlich die benachbarte Eisenbahnbrücke treffen, die zur Strecke Dresden–Leipzig gehört.«

Jedes Mal, wenn ich mit dem Zug nach Dresden fahre, schaue ich aus dem linken Fenster oder gehe auf den Gang und betrachte jenes Haus, in dem wir das Inferno überlebten. Wenige Monate nach meiner Geburt wurde ich quasi noch einmal geboren. Für einen, der gar nicht für diese Welt geplant war, schon ein großes Glück.

»An der Großenhainer Straße sah uns unsere Bäckersfrau. Mutti sagte, daß wir weggehen, und die meinte: ›Wollnse den Gleen nich erschdema waschen?‹«

Ich war immer noch im Aschermittwoch-Stil des 14. Februar 1945 »geschminkt«.

In einem Dorf bei Dresden übernachteten wir, und irgend jemand hat uns dann zum nächsten Bahnhof mitgenommen.

»Ein wahnsinnig überfüllter Zug. Wir konnten nicht über Chemnitz fahren, weil die Stadt auch bombardiert worden war. Menschen über Menschen auf dem Bahnsteig. Ein wahnsinniges Gewühl. Ein Soldat sagte: ›Geben Sie das Kind durchs Fenster.‹ Dann warst du im Zug, und wir kamen nicht durch das Gedränge. Mutter wurde von panischer Angst erfaßt, daß der Zug losfahren könnte und wir beide noch auf dem Bahnsteig stünden. Sie kämpfte wie eine Löwin, um zur Tür zu gelangen. Schließlich konnten wir uns durch die Menge drängeln.«

So hätte ich beinahe zum Findelkind werden können!

»Über Nossen, Großbothen und Glauchau erreichten wir schließlich um Mitternacht am 17. Februar 1945 Zwickau.«

Natürlich waren wir längst nicht aus allem Schlamassel heraus! Am 19. März erlebten wir in Zwickau einen weiteren anglo-amerikanischen Bombenangriff. Wir wohnten nun bei meinem Großvater an der Leipziger Straße über seinem Bierund Speiselokal »Fürst Bismarck«. Auch die Tage dieses Namens waren gezählt.

Gerüchte machten die Runde. Eine SS-Einheit aus dem Erzgebirge würde kommen, und Zwickau würde zur Festung erklärt. Die Zwickauer waren verständlicherweise von solchen Aussichten alles andere als begeistert. Die Vorhut soll angepöpelt worden sein: »Laßt uns in Frieden«, sagten sie noch mitten im Krieg. »Zieht ab! Wir wollen nicht, daß alles zerstört wird!«

Am 13. April gab es in Zwickau den ersten Panzer- bzw. Feindalarm. Dauer und Frequenz der Sirenentöne waren anders als beim Bombenalarm.

Im knappen Tagebuch meines 12jährigen Bruders Martin findet sich folgende Eintragung: »15. 4. 45. Panzeralarm! Wir liegen unter Artilleriebeschuß. 16. 4. 45 Noch immer liegen wir unter Beschuß. Die Granaten pfeifen über unsere Köpfe und schlagen im Stadtinnern ein. Schon die zweite Nacht im Keller. Wir haben es uns im Keller gemütlich gemacht. Heinz und ich schlafen im Feldbett.«

Da gehört schon eine gute Portion kindlicher Phantasie dazu, es sich im Keller »gemütlich« zu machen!

Draußen wurde immer noch um den Endsieg gerungen.

Straßenbahnwagen wurden als »Panzersperre« quer auf die Straße bugsiert. Greisenhände faßten Panzerfäuste. Drei Ecken von unserer Wohnung entfernt, vor der Konditorei Papstdorf, stand ein Lieferwagen voll solcher Waffen. Dort riefen bereits Soldaten und SS-Angehörige nach Zivilklamotten und zogen sich in den Grünanlagen für den nahen Frieden um. Ohne Waffen wollten sie das Weite suchen. Anwohner riefen: »Nehmt um Himmels willen das Auto mit den Panzerfäusten mit!«

Es wurde wenige Straßen weiter abgestellt, wo niemand um den gefährlichen Inhalt wußte.

Am 17. April erschien in der »Neuen Zwickauer Zeitung« ein Durchhalteappell. Am gleichen Tag, so erzählt man, war ein Bombengeschwader unterwegs, um Zwickau in Schutt und Asche zu legen. Drei Zwickauer sorgten mit ihrer mutigen Tat dafür, daß an diesem Tag der Krieg für die Stadt zu Ende ging. Der Luftschutzpolizist Arno Rau, der Kirchendiener Fritz Schubert und sein Sohn hißten auf dem Dom die weiße Fahne, als amerikanische Bomber über Zwickau kreisten.

Der Luftschutzpolizist Rau nahm seine Aufgabe im besten Sinne wahr, indem er die Kapitulation wagte. Das hätte ihn in jenen Tagen, vom Turm auf die Erde zurückgekehrt, das Leben kosten können.

Zu DDR-Zeiten machte man aus Rau einen Arbeiter und ließ die beiden Leute der Kirche in entsprechenden Texten unter den Tisch fallen. Das las sich so im Sinne der sozialistischen Geschichtsschreibung besser.

Rau läutete die Glocken. Friedliche Töne schwangen in der Luft. Die Flugzeuge flogen weiter.

Die Familie Adam von der Konditorei Papstdorf rief in der Domverwaltung an, nachdem die Glocken geläutet hatten. Da bestätigte der Pfarrer am Telefon: »Ja, es is nu Frieden.«

Welch herrlicher Satz!

Die Leipziger Straße war menschenleer. Panzer und Jeeps rollten auf ihr entlang. Die amerikanischen Soldaten hatten die Maschinenpistole im Anschlag. Mein Großvater Curt, der Gastwirt, war ein normal neugieriger Sachse. Er gedachte zu erkunden, was da vor sich gehe, und sah zum offenen Fenster hinaus, doch schon pfiffen Geschosse um seinen kahlen Kopf. Großvater zog sich blitzschnell zurück. Um ein Haar wäre mein Großvater am ersten Tag des Friedens das letzte Kriegsopfer in Zwickau geworden.

Über die Leipziger Straße rollten Panzerspähwagen mit riesigen schwankenden Antennen. Die Panzer hatten teilweise Gummiketten und waren kaum zu hören.

Mein Großvater väterlicherseits, der eine Ecke weiter wohnte, bekam einige Zeit nach dem Einmarsch Besuch von einem Amerikaner, der aber vom Bäckermeister Richard Lange nicht etwa das Rezept für Weihnachtsstollen als Andenken haben wollte, sondern seine goldene Sprungdeckeluhr. Woher er wußte, daß mein Opa Richard solch einen Chronometer besaß?

Ein Tip aus dem Haus.

»Nein, ich nicht, aber der Herr Lange hat eine! Der wohnt im ersten Stock! First floor!« Nun hat sie nicht einer seiner Enkel, sondern sie tickt bei Mister Brown in Idaho oder Texas oder was weiß ich.

Diese Geschichte beweist jedenfalls: Nicht nur Russen sammelten Uhren!

Die Amis waren flink. Mein Cousin Werner erzählte mir, wie sie sein Wohnviertel an der Moritzkirche besetzten:

»14 Uhr kamen sie in unsere Straße, bis 18 Uhr mußten die villenartigen Häuser geräumt sein, und 18.30 Uhr standen sie schon mit unseren deutschen ›Frauleins‹ an der Ecke.«

Werner, damals ein Kind von neun Jahren, holte einen Tag später etwas in einem Laden und trat – Macht der Gewohnheit – mit »Heil Hitler« ins Geschäft. Da meinte eine Frau zu ihm: »Das brauchste nu nich mähr saachn, mei Junge.«

In jenen Nottagen kam es zur Plünderung der EDEKA-Filiale in der Nähe unserer Wohnung. Auch mein Bruder beteiligte sich an dem illegalen Besuch und packte für sich und seinen kleinen Bruder Puddingpulver ein. Beim Wegrennen las er ein Schild. Es war wegen der ausländischen Zwangsarbeiter in verschiedenen Sprachen abgefaßt. Meinem Bruder prägte sich zwanghaft bis zum heutigen Tage der niederländische Text ein:

»Hoe plundered, werd dood geschoten!«

Dieser Satz hat ihn tagelang geängstigt, denn er dachte tatsächlich, daß er wegen des mitgenommenen Puddingpulvers noch »dood geschoten« werden könne. Und bis in unsere Tage befällt meinen Bruder ein mulmiges Gefühl, wenn er an einem EDEKA-Geschäft vorbeikommt.

Was Martin bis heute nicht weiß, und was ich von meinem Cousin erfuhr – der Enkelsohn hätte am Ort des Diebstahls zu seiner großen Verwunderung auf seinen Großvater, den Bäckermeister, stoßen können. Der schleppte einen Zentnersack Zucker aus der Filiale, der sich zu Hause als Zentnersack Salz entpuppte. Ob mein Großvater anschließend Salzstangen und anderes Laugengebäck herstellte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Neben dem Platz der NSDAP standen nun Studebaker-Lastwagen. An der Moritzkirche wurde Baseball gespielt.

Amerikanische Soldaten, die eben noch aus allen Rohren geschossen hatten, schenkten den Kindern Kaugummi und Schokolade. Die Liebesgaben der Feinde wurden gern genommen, und Groß und Klein bestaunten die »Neger« mit den blendend weißen Zähnen.

Zwickau war nun geteilt. Im größten Teil waren die Amis, über der Mulde lagen die Russen. So kam die kuriose Situation zustande, daß Menschen »unter dem Ami« wohnten und auf dem Trillerberg »beim Russen« ihren Garten hatten. Diese Gartenanlage nannte man übrigens auf gut sächsisch den »Gollerahbiehieschl«. Alte Bergwerksstollen, die unter der Mulde entlangführten, sollen in jenen Tagen von Kennern benutzt worden sein.

Kurz bevor die Amerikaner auf den Straßen auftauchten, war Bewegung in die alten Parteigenossen gekommen: Das Eckgebäude gegenüber unserem Wohnhaus hatte einen kleinen Vorgarten. Dort sah mein Bruder Männer mit Spaten, die, nein, nicht die Erde zum Frühjahrsbeginn um-, sondern ihre Parteiabzeichen, Orden und Dokumente vergruben. Als Frieden war, wurden an der Mulde viele friedliche Spaziergänger gesichtet. Und immer wieder plumpste etwas von der Brücke ins Wasser. Von »Platsch!« bis »Pitsch!« war die gesamte Skala der Geräusche zu hören, die entsteht, wenn Gegenstände entsprechend dem physikalischen Gesetz »Masse mal Beschleunigung« ins Wasser fallen.

Im April 1945 kündeten die Plakate an den Litfaßsäulen nicht mehr vom Endsieg, jetzt ging es ums Überleben:

»Nutzt jeden Quadratmeter Boden für die Ernährung.

Jeder Spatenstich bereichert den Küchenzettel!

An vielen Stellen der Stadt wartet noch manches Stückchen Erde auf eine fleißige Hand.

Bearbeitet die Vorgärten an den Häusern!

Der Oberbürgermeister«

Nur Vorsicht beim Graben im Vorgarten, damit nicht plötzlich ein Hakenkreuz in der Frühlingssonne glänzt!

Die Tage der Amerikaner waren aber in Zwickau gezählt. Mein Bruder vermerkte in seinem Tagebuch:

»1. 7. 45: Die Amerikaner ziehen ab, und als neue Besatzungsmacht nehmen die Russen ganz Zwickau ein.«

Da waren die Gefühle der Leute sehr gemischt. Vielleicht ahnten sie auch, daß jetzt Menschen kommen, die den Krieg mit ihren Familien am eigenen Leib erlebt hatten, daß das Verhältnis komplizierter werden würde. Schließlich war in den USA in diesem Krieg keine Fensterscheibe kaputtgegangen. In Rußland, so wußte man, war die Zahl der Opfer, das Ausmaß der Zerstörung unglaublich groß.

Ein Mann im Haus gegenüber, soeben noch Nazi, winkte vom Fenster den Russen zu. Über Nacht hatte er sie liebgewonnen.

Ein Blockwart wollte noch kurz vorm Ende die Mutter meines Freundes Jochen Suchy anzeigen, weil sie im Luftschutzkeller einen Witz über Hitler erzählt hatte. Als die Russen kamen, wehte schon die rote Fahne aus seinem Fenster. Man sah deutlich die Stelle, wo sich einst das Hakenkreuz befunden hatte, weil das Stück Ersatzstoff nicht dem leuchtenden Rot der Nazi-Fahne entsprach. Als Jochens Mutter den strammen Mitmacher zur Rede stellte, sagte er: »Entschuldigen Sie, aber ich kann mich nun mal schnell für etwas begeistern.«

Die Russen kamen mit ihren ärmlichen Panjewagen die Leipziger Straße entlang, und die Deutschen hatte Mühe zu begreifen, wie ihre stolze Wehrmacht gegen diese Leute den Krieg hatte verlieren können. Daß die Amis eine Weltmacht waren, sah man schon am Fuhrpark, doch nun das! Die klapprigen Pferde, die Soldaten, von denen nicht einmal jeder Stiefel an den Füßen hatte, manche trugen nur ein paar Fußlappen.

Als Jochen Suchy, damals fünf Jahre alt, die russischen Soldaten ängstlich ansah, meinte sein Vater: »Du brauchst keine Angst zu haben, mein Junge, in sechs Wochen sind die wieder weg.« Väter können sich eben auch sehr irren.

Jochens Vater wurde einmal von den Russen verhaftet, als er gerade die Haustür zuschloß. Sie wollten den Schlüssel von der Garage, und er gab ihn nicht heraus. Da nahmen sie ihn in einem Auto bis Meerane mit. Dort zerrten sie ihn vom Sitz, und er durfte wieder nach Hause laufen. In Pantoffeln! Aber was war dieser Marsch, diese Entfernung, gegen die Möglichkeiten der Roten Armee, Menschen – zur Not auch in Pantoffeln – in jenen Zeiten in Orte bis ans Ende der Welt laufen zu lassen.

Im Zwickauer Finanzamt, das mein Onkel aus taktischen Gründen immer in seinem abgeschabtesten Anzug betreten hatte, wurde die sowjetische Kommandantur eingerichtet, das ganze Gebiet war mit einem Bretterzaun abgeschirmt. Da war keine Lücke, nichts zu sehen.

Auf dem Platz der NSDAP spielten nun sowjetische Soldaten Fußball. Ein steinernes Rednerpult und Treppen erinnerten an Aufmärsche. Aus dem Platz wurde im Volksmund schnell »die Russenwiese«.

Die Russen waren kinderlieb, aber sie hatten natürlich keine Schokolade und keinen Kaugummi zu verschenken.

Die Russen führten ein armseliges Leben als Siegermacht. Der Volksmund meinte: »Sie werden gehalten wie die Karnickel.« Wenn die Soldaten in einer Kneipe »versackt« waren oder es zu Raufereien kam, ging es ihnen sehr schlecht. Sie wurden geprügelt und wie ein Stück Vieh auf die Pritsche eines russischen Autos geworfen. Rolf Adam hat auf dem Zwickauer Rummel erlebt, wie eine Militärkontrolle junge Sowjetsoldaten von diesem Platz holte, die sich dort verbotenerweise amüsierten. Einer sprang vom LKW und rannte davon. Die Streife hinter ihm her. Plötzlich ein Schuß, und er blieb liegen. Man hatte ihn mitten unter den Leuten erschossen.

Meine Mutter erzählte mir, daß einmal ein betrunkener Russe auf der Suche nach Alkohol in der Gasthaus-Küche meines Großvaters randalierte. Von dort führte eine Holztreppe in den ersten Stock, in dem wir wohnten. Mutter rannte in das Zimmer, in dem ich selig schlief, und schloß sich schnell ein. Der Russe tobte inzwischen durch die Wohnung und schoß sogar in die Zimmerdecke. Wenig später wurde er von der Militärpolizei abgeholt, und es wird ihm sehr schlecht ergangen sein.

Wenn ich mit meinem Vater auf dem Fußweg ging und Soldaten der Roten Armee kamen die Straße entlangmarschiert, sagte er manchmal leise: »Was wollt ihr hier? Geht nach Haus!« Es tat ihm weh, in seiner Heimatstadt Russen auf der Leipziger Straße marschieren zu sehen. Aber diesen Satz hat vermutlich in Polen, wo mein Vater Soldat war, auch manch polnischer Vater seinem Sohn zugeflüstert, als Deutsche die Straße entlangzogen.

»15. 7. 45: Wir fahren nach Dresden über Hartenstein, Aue, Chemnitz, Freiberg. Teilweise auf dem Trittbrett.«

Meine Mutter, die eigentlich eine vorsichtige Frau war und jegliche Gefahren mied, ist in jener Zeit wirklich über sich hinausgewachsen. Auf einem Trittbrett! Sie hatte verständlicherweise bei dieser gefährlichen Fahrt große Angst um ihren Sohn Martin, vor allem, wenn der Zug über eine Brücke im Erzgebirge fuhr, dann kam immer ihre Warnung: »Guck nicht runter!« Bei dieser Höhe und bei dieser kargen Ernährung, da hätte es ihm ja tatsächlich schwindlig werden können.

»Am Abend sind wir Gott sei Dank schon in Dresden. Es ist ein erschütternder Anblick der toten Stadt. Nur Trümmer. Es ist, als ob uns das Herz stehenbleiben will. Alles Leben scheint hier ausgestorben zu sein. Und trotzdem: unser Haus steht noch, wer aber wohnt in unserer Wohnung? Es sind Leute aus dem Nebenhaus, das zerstört ist, Fam. Kluge. Wir nehmen einige Säcke Wäsche und Kleidung mit, soviel wir tragen können.«

An diesem 15. Juli war mein erster Geburtstag. Umständehalber fiel die Feier aus.

Meine Mutter weinte, als sie aus dem Dresdner Hauptbahnhof trat und bis zum Zwinger sehen konnte.

Vom Sinn mancher Sätze

Das Wort »Krieg« hörten wir in unseren Kindheitstagen nahezu täglich. Die toten Väter sah man in den Bilderrahmen als mehr oder wenig lächelnde Soldaten oder Offiziere. Diese Fotos konnten nicht die Grausamkeit des Krieges zeigen, denn es gab kein Bild eines erschossenen Vaters auf der Kredenz.

»Der ist in Stalingrad geblieben.«

Diese Sätze waren für mich als Kind schwer zu deuten. Warum ist er geblieben? War es dort so schön?

Die Sprache hat das eigentliche Ereignis geschönt. Kein Mensch sagte: »Er ist von einer Granate zerfetzt worden«, oder: »Er wurde von einem Panzer zermalmt.«

Er ist geblieben.

Schwierig war auch anfangs die Deutung von »Er ist gefallen.« Ich fiel als Kind oft hin. Na gut, da schrammte man sich die Knie und stand wieder auf. Von einem Tag auf den anderen war mir dann klar, daß, wer im Krieg fällt, nie mehr aufsteht.

»Mein Vater ist vermißt.« Was bedeutete dies? Wieso suchte ihn niemand? Wieso fand man ihn nicht? Hänsel und Gretel kamen mir in den Sinn. Die waren auch eine Zeit vermißt, aber schließlich taucht doch jeder Mensch, der sich im Wald verläuft, wieder auf. Wieso fand niemand den Vater eines Schulfreundes?

Auch diese Sätze geisterten durch die Gespräche der Erwachsenen: »Den hammse abgeholt!« Da wurde mir nach und nach klar, daß hier niemand kam, um jemanden zu einem Fußballspiel oder zu einem Kinobesuch abzuholen.

»Da kommst du nach Sibirien!«

Dieses Wort war der Inbegriff für Verlorenheit und Qualen. Jener Landstrich war unendlich weit von Zwickau weg, eine Rückkehr nahezu ausgeschlossen. Hinter diesen beiden Sätzen stand – ich erfaßte es nach und nach –, daß Menschen aus politischen, nicht aus kriminellen Gründen verhaftet wurden.

Sehr verbreitet war auch der Satz: »Die sind abgehaun!« Da wußte ich, daß jene Leute in den anderen Teil Deutschlands gewechselt waren. Von dort kamen duftende Sachen wie Kaugummi und Schokolade und die bunten Bilderhefte.

Und es gab sogar Leute, die abgehaun sind, weil man sie abholen wollte.

Essen und Leckereien

Ein Garten war nach dem Krieg unter Umständen lebenswichtig. Jedes Stück Brache, jeder Vorgarten wurde für die Ernährung genutzt, selbst die Grünanlagen am Schwanenteich wurden parzelliert. Wenn die Erntezeit nahte, wurde das Gelände rund um die Uhr bewacht, denn wie überall auf der Welt wollten manche Menschen ernten, ohne zu säen.

Ich sah ein Foto, wo der Besitzer auf pfiffige Weise die Diebe schreckte. Ein Schild informierte an einem Apfelbaum, daß einige Früchte vergiftet seien. Da hatte sich wahrscheinlich jemand an das Märchen vom Schneewittchen erinnert und so eine ungewöhnliche Strategie entworfen. Allerdings war damals jeder einzelne Apfel so wertvoll, daß gewiß kein einziger vergiftet war. Einkochen bzw. einwecken war zur Sommerszeit gang und gäbe. Alle möglichen Früchte, deren man habhaft werden konnte, wurden eingekocht. Von Kürbis bis Kirschen, von Pflaumen bis Stachelbeeren. Es war bitter nötig, um in der kargen Winterszeit am Sonntag (und nur dann!) etwas Kompott zu haben.

Die Gläser mit den zumeist dunkel gewordenen Früchten standen in den düsteren Kellern auf Regalen. Und in jenen Tagen wurden bei einem Einbruch in den Keller nicht nur Briketts, sondern auch Kompottgläser geklaut. Wer eine Speisekammer besaß, plazierte das Eingeweckte im Regal. Ich sah auch Gläser auf Schränken im Schlafzimmer stehen.

Die Einweckgläser waren keine Einweggläser, sondern wurden über Generationen benutzt.

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