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Märchenprinz sucht Aschenputtel

Victoria Pade

Märchenprinz sucht Aschenputtel

1. KAPITEL

„Manchmal verstehe ich dich einfach nicht, Blake. Letzte Woche erzählst du mir, dass McCord Jewelers rote Zahlen schreiben, dass du aber glaubst, wir könnten den Santa-Magdalena-Diamanten finden und damit alle Probleme lösen. Und jetzt reißt du mir fast den Kopf ab, nur weil ich mich nach deinen Fortschritten erkundige.“

Tanya Kimbrough zuckte erschrocken zusammen.

Es war nach elf Uhr abends, und sie hatte hier in der Bibliothek nichts zu suchen. Der vornehm eingerichtete Raum mit den hohen Bücherregalen gehörte zum Anwesen der McCords, der Familie, für die ihre Mutter als Haushälterin arbeitete.

Doch Tanya war nun einmal neugierig. Ihre Mutter schlief schon längst, und die McCords befanden sich auf einem Wohltätigkeitskonzert. Angeblich. Warum Tate McCord und sein älterer Bruder Blake nun trotzdem nebenan im Salon standen und sich stritten, wusste sie nicht.

Wie ertappt stand sie in der Bibliothek. Sie hatte sogar die Deckenbeleuchtung eingeschaltet, weil sie dachte, sie wäre ganz allein im Haus.

Verschwinde auf demselben Weg, den du gekommen bist, schoss es ihr durch den Kopf.

Das Licht konnte sie auf keinen Fall ausmachen, das wäre nebenan sofort aufgefallen, denn die Tür zum Salon stand einen Spalt offen. Gekommen war sie durch die Terrassentür, die in den Garten führte – und sie hatte den Generalschlüssel ihrer Mutter benutzt, um sie zu öffnen. Wenn sie sich jetzt aus dem Staub machte, würde das nie jemand erfahren.

Sie musste einfach nur zur Terrasse schleichen und …

Doch dann gab Blake McCord seinem Bruder endlich eine Antwort, und Tanya blieb, wo sie war. Wenn sie dieses Gespräch belauschte, verhalf ihr das zu viel mehr nützlichen Informationen als die Aktenmappe, die sie auf dem Lesepult gefunden hatte.

„Die Suche nach dem Santa-Magdalena-Diamanten läuft“, erklärte Blake. „Und wir sind dabei, gelbe Diamanten aufzukaufen, die dazu passen, um eine neue Schmuckkollektion herauszubringen. Zeitgleich haben wir eine Werbekampagne gestartet, um die Kunden neugierig zu machen und das Geschäft anzukurbeln. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Wir haben schließlich mal abgemacht, dass ich das Unternehmen leite und dich – genau wie die anderen – nur über das wirklich Wichtige informiere. Du solltest dich lieber mehr um deine Verlobte kümmern. Finde ich jedenfalls.“

„Das geht dich überhaupt nichts an“, gab Tate zurück.

Sein scharfer Tonfall überraschte Tanya. Normalerweise verstanden sich die beiden Brüder gut, und Tate war sowieso der umgänglichere. Doch Tanyas Mutter hatte schon mehrmals erwähnt, dass Tate sich verändert hatte, seit er aus dem Irak zurückgekehrt war. Jetzt verstand Tanya, wie sie das meinte.

„Es geht mich vielleicht nichts an, aber ich sage trotzdem, was ich denke“, beharrte Blake. „Einer muss es ja tun. Du benimmst dich Katie gegenüber ziemlich gleichgültig. Wenn du ihr nicht bald mal zeigst, dass sie dir etwas bedeutet, hat sie irgendwann genug von dir.“

Katie, das war Katerina Whitcomb-Salgar, die Tochter einer befreundeten Familie aus der High Society. Alle, die mit den McCords zu tun hatten, rechneten schon lange damit, dass sie Tate demnächst heiraten würde.

„Du wirst Katie verlieren“, erklärte Blake aufgebracht. „Und das geschieht dir dann ganz recht!“

„Sorg du dafür, dass wir aus den roten Zahlen kommen. Wenn ich deinen Rat hören will, frage ich dich einfach, okay?“, erwiderte Tate heftig.

Damit schien das Gespräch beendet zu sein, denn Tanya hörte Schritte. Doch nur ein Bruder verließ den Salon. Der andere …

… kam direkt auf die Tür zur Bibliothek zu.

Jetzt war es zu spät, um unauffällig zu verschwinden.

Tanya ging hinter dem Lesepult in Deckung und hoffte, dass es sie verdeckte, wenn er die Tür weiter öffnete, um das Licht auszuschalten.

Dann durchfuhr sie ein heißer Schreck. Was hatte ihre Mutter noch erzählt? „Tate will nicht mal mehr im Hauptgebäude wohnen, seit er aus dem Irak zurück ist. Er hat sich im Gästehaus einquartiert …“

Und das stand im Garten. Also wollte Tate – wenn er es denn war – möglicherweise nicht nur das Licht ausmachen, sondern durch die Bibliothek nach draußen gehen …

Tanyas Herz hatte schon schneller geschlagen, seit sie die Stimmen der McCords gehört hatte. Doch jetzt raste ihr Puls geradezu. Dass sie sich zu so später Stunde in der Bibliothek aufhielt, hätte sie ja vielleicht noch erklären können. Aber gab es einen vernünftigen Grund, weshalb sie sich hinter dem Pult versteckte?

Ganz abgesehen davon, dass sie die Papiere, in denen sie geschnüffelt hatte, noch in der Hand hielt. Das fiel ihr allerdings erst jetzt auf.

Bitte, bitte, komm nicht rein …

„Was ist denn hier los?“

Oh nein …

Tanya hatte sich so klein wie möglich gemacht, doch als Tate McCords Stimme in ihren Ohren dröhnte, hob sie den Kopf und merkte, dass er sich über das Pult beugte und sie sehen konnte.

Diese Situation war weitaus schlimmer als damals, als sie dabei erwischt worden war, wie sie von der Geburtstagstorte seiner Schwester naschte. Seine Mutter Eleanor hatte damals sehr verständnisvoll reagiert und gelächelt. Tate McCord dagegen sah in diesem Moment alles andere als freundlich aus.

So würdevoll wie möglich stand sie auf, die Blätter noch immer in der Hand. Sie und Tate hatten sich sieben Jahre lang nicht gesehen, weil sie in Kalifornien aufs College gegangen war. Und selbst davor, als sie bei ihrer Mutter in dem kleinen Dienstbotenhaus auf dem Gelände gewohnt hatte, hatten sich ihre Wege nicht oft gekreuzt. Schließlich war sie hier nur die Tochter der Haushälterin. Die McCords sahen sie zwar hin und wieder, nahmen sie aber gar nicht richtig wahr.

Da sie nicht wusste, ob Tate McCord sie überhaupt wiedererkannte, sagte sie zögernd: „Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an mich …“

„Du bist Tanya, JoBeths Tochter. Aber was zum Teufel machst du hier mitten in der Nacht?“

Er warf einen Blick auf die Papiere, die sie hielt, streckte schweigend die Hand danach aus und blätterte sie durch. Es handelte sich um Entwürfe für Anzeigen, die eine neue Schmuckkollektion mit gelben Diamanten bewarben. Tanya hatte sie aus der Mappe genommen, die aufgeschlagen auf dem Lesepult lag.

Während Tate sich mit den anderen Entwürfen in der Mappe beschäftigte, dachte Tanya darüber nach, warum sie ihren kleinen Ausflug ausgerechnet in einem alten, verwaschenen, viel zu großen Sweatshirt und schwarzer Schlafanzughose mit aufgedruckten Comicfiguren gemacht hatte. Hätte sie sich wenigstens die Wimpern getuscht und ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar nicht zu einem achtlosen Pferdeschwanz gebunden!

Dass sie aussah, als käme sie gerade aus dem Bett, machte die Situation auch nicht besser. Als sie merkte, dass ihr der weite Ausschnitt des Sweatshirts über die Schulter gerutscht war, zupfte sie ihn so unauffällig wie möglich wieder zurecht.

Tate McCord sah es trotzdem, weil er ausgerechnet in diesem Moment aufblickte. Überrascht stellte Tanya fest, dass seine Augen viel blauer waren, als sie sie in Erinnerung hatte.

Leider wirkte er noch immer ärgerlich.

„Ich frage noch mal: Was machst du hier um diese Zeit, und was fällt dir ein, in Papieren herumzuschnüffeln, die dich nichts angehen?“

Er warf die losen Blätter zurück in die Mappe.

„Ich weiß, dass das nicht gut aussieht“, murmelte sie zerknirscht.

Ganz im Gegensatz zu ihm. Er sah sogar noch besser aus als früher. Groß und schlank war er schon immer gewesen, doch jetzt wirkten seine Schultern breiter und sein Körper muskulöser. Seine Gesichtszüge waren klarer, mit einem kantigen Kinn und hohen Wangenknochen. Die Lippen hatte er im Moment streng zusammengepresst, was zusammen mit seiner schmalen Nase und dem durchdringenden Blick etwas Furcht einflößend wirkte. Trotzdem bemerkte sie, wie gut es ihm stand, dass er das dunkelblonde Haar jetzt länger trug als früher.

Aber er wartete auf ihre Antwort.

„Meine Mutter hat heute bei der Arbeit ihre Strickjacke hier liegen lassen“, erklärte sie und deutete auf das Kleidungsstück, das über der Stuhllehne hinter ihr hing. „Sie friert leicht, wenn sie morgens durch den Park zum Haus hinübergeht, und da wollte ich sie ihr heute noch holen.“

Das war nicht gelogen, klang allerdings angesichts der Tatsachen sehr fadenscheinig.

„Da du gerade schon mal hier warst, hast du dir gedacht, du schaust dich mal um. Und zwar nach Dingen, die dich absolut nichts angehen. Dann hast du dich hinter dem Pult versteckt, damit Blake und ich nicht merken, dass du uns belauschst? Oder willst du mir erzählen, du hättest nichts gehört?“

Sein Tonfall war schneidend und ironisch. Dass er mit allen Anschuldigungen recht hatte, machte die Sache nicht besser.

Vielleicht war Angriff hier die beste Verteidigung …

„Ich habe jedenfalls genug gehört. An den ganzen Gerüchten, dass es mit McCord Jewelers bergab geht, ist ja offenbar etwas dran. Und anscheinend stimmt es sogar, dass ihr den Santa-Magdalena-Diamanten sucht.“

„Also hast du eine ganze Menge gehört.“

„Ich gebe zu, dass ich neugierig geworden bin, als ich zufällig die Mappe sah“, fuhr sie fort. „Sie lag nämlich schon offen da …“

Jetzt fing Tanya an, Märchen zu erzählen. Erstens hatte sie die Mappe selbst aufgeschlagen, und zweitens hatte sie sich nur deshalb auf die Suche nach der Strickjacke ihrer Mutter gemacht, weil sie hoffte, in der Bibliothek auf interessante Informationen zu stoßen. Schließlich hielten die McCords hier manchmal geschäftliche Besprechungen ab.

„Aber wo ich das nun alles weiß, kann ich es ja vielleicht für eine spannende Reportage nutzen“, schloss sie.

„Ist das der Dank dafür, dass ich deiner Mutter den Gefallen getan habe und deinen Lebenslauf an meinen Freund beim Regionalfernsehen geschickt habe?“

„Ich wusste nicht, wer mir das Bewerbungsgespräch vermittelt hatte, aber trotzdem nochmals vielen Dank dafür.“

„Oh, keine Ursache, gern geschehen“, erwiderte er bissig.

„Aber die Sache ist die …“, fuhr sie ungerührt fort, „… als Neuling fängt man bei so einem Sender ganz unten an. Soll heißen, bei den langweiligen Sachen, zu denen die anderen Reporter keine Lust haben.“

„Ah, ich hätte also dafür sorgen sollen, dass du gleich eine Führungsposition bekommst?“

„Darum geht es doch gar nicht. Was ich sagen will, ist, dass … na ja, die McCords und die Foleys, ihre ewige Fehde – und jetzt noch die Sache mit dem Diamanten, der vielleicht auf Foley-Land versteckt ist … Das sind für einen Regionalsender wie meinen alles Top-News, und wenn ich darüber etwas bringen kann, ist das für mich eine echte Karrierechance.“

Ganz zu schweigen von den anderen Gerüchten, die sich die Hausangestellten erzählten, und die bisher der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren. Zum Beispiel, dass Tates Mutter Eleanor eine Affäre mit Rex Foley gehabt hatte und Tates jüngster Bruder in Wahrheit dessen Sohn war …

Tates Blick war schon vorher grimmig gewesen, aber jetzt wurde er eisig.

Tanyas Anspannung wuchs. War sie zu weit gegangen? Schließlich arbeitete ihre Mutter hier …

„Wie wäre es denn mit einem Bericht darüber, dass die Tochter der Haushälterin wegen Hausfriedensbruchs, Einbruchs und Diebstahls verhaftet wurde, falls etwas fehlt?“, donnerte Tate McCord.

Der letzte Punkt kam ihr äußerst ungerecht vor. Na gut, sie steckte ihre Nase in Dinge, die sie nichts angingen, um an eine gute Story zu kommen, aber eine Diebin war sie nicht!

„Falls etwas fehlt?“, wiederholte sie entrüstet. „Na, dann schau doch nach, wenn du willst. Außer der Strickjacke meiner Mutter und der Aktenmappe habe ich hier nichts angerührt. Ich habe mir fast nichts zuschulden kommen lassen.“

„Fast nichts?“ Tate lachte trocken. „Glaub mir, bei unseren guten Beziehungen kannst du auch wegen ‚fast nichts‘ verhaftet werden. Und was, meinst du, sagt deine Mutter dazu, dass du das Vertrauen, das wir in sie haben, so missbrauchst?“

„Soll das eine Drohung sein? Das sage ich aber deiner Mami?“ Tanya schaffte es, ihre Stimme sarkastisch klingen zu lassen, obwohl ihr der Gedanke an ihre Mutter weitaus unangenehmer war als der an die Polizei.

Tate ging gar nicht auf ihre Bemerkung ein, sondern klappte die Mappe zu und legte die Hand darauf, als wolle er sie vor ihren Blicken schützen.

„Jedenfalls können die McCords im Moment keinen Verräter in ihrer Mitte dulden“, erklärte er kühl.

„Das bin ich ja auch nicht“, widersprach Tanya hitzig. Dieser Vorwurf traf sie hart, härter als alles, was er bisher gesagt hatte.

„Ach, dann bist du aus lauter Loyalität hier?“

Sein schneidend-ironischer Tonfall war schwer zu ertragen.

„Ich wollte nur einen Insiderbericht. Seit das Schiffswrack entdeckt wurde, von dem der Santa-Magdalena-Diamant angeblich stammt, ist das Interesse an der Sache wieder gestiegen, und ich dachte …“

„… dass du die Vertrauensstellung deiner Mutter hier zum Herumschnüffeln ausnutzen kannst.“

So langsam machte sich Tanya wirklich Sorgen, dass ihr Handeln Folgen für ihre Mutter haben könnte. Das hatte sie auf keinen Fall gewollt. „Es tut mir leid, okay?“, gab sie nach. „Ich hätte nicht …“

„Aber du hast es nun mal getan, und …“

„Na schön, wenn du die Polizei holen willst, nur zu. Aber lass meine Mutter aus dem Spiel. Sie schläft tief und fest und hat keine Ahnung, dass ich hier bin. Oder dass ich vorhatte, herzukommen.“

Daraufhin schwieg er nachdenklich, und Tanya malte sich aus, wie ihre Schlafanzughose und das Flashdance-T-Shirt auf die Polizei wirken würden. Doch dann sagte er: „Was hältst du von einem Deal?“

Tanya hob die Augenbrauen und wartete.

„Ich werde niemandem etwas von deinem kleinen Ausflug heute Nacht erzählen – wenn du das, was du heute erfahren hast, für dich behältst.“

Lieber ging sie im Schlafanzug ins Gefängnis. „Du erwartest, dass ich nichts davon verwende? Ich soll so tun, als wüsste ich nicht, dass ihr glaubt, den Diamanten finden zu können? Dass dein Bruder sogar die Zukunft der Firma davon abhängig macht?“

„Ja, genau das erwarte ich von dir.“

„Das finde ich aber sehr unfair!“, rief sie aufgebracht. „Endlich habe ich mal etwas, was meiner Karriere wirklich nützlich sein könnte, und da verlangst du, dass ich es nicht einsetze! Wir wissen doch beide, dass es früher oder später sowieso herauskommt. Und dann schnappt sich jemand anders die Story. Ich gebe ja zu, dass es nicht in Ordnung war, mich hier reinzuschleichen, aber warum sollte ich dafür bestraft werden, dass meine Mutter hier arbeitet?“

Tate McCord sah sie durchdringend an. Aber wenn er glaubte, dass sie deshalb klein beigeben würde, hatte er sich getäuscht.

Anscheinend wurde ihm das auch klar, als sie seinen Blick furchtlos erwiderte, denn er nahm die Hand von der Mappe und richtete sich auf. „Na schön, die Sache sieht so aus: Ob wir den Diamanten haben oder nicht, ob wir wissen, wo er ist, und ob wir ihn finden können, sind alles völlig offene Fragen. Blake spielt ein riskantes Spiel. Aber wenn – und das ist ein großes Wenn – wir den Diamanten wirklich finden und alles gut läuft, dann bekommst du die Exklusivrechte an der Story.“

„Du willst also Zeit schinden“, bemerkte sie sachlich.

Er hob eine Augenbraue und schwieg.

„Da musst du mir schon etwas mehr bieten“, fuhr Tanya fort. Wenn sie schon alles auf eine Karte setzte, sollte es sich am Ende wenigstens lohnen.

„Bieten?“

Offenbar überraschte ihn ihre Dreistigkeit, doch davon ließ sie sich nicht beirren. „Ich will die ganze Geschichte – und damit meine ich alles von Anfang an. Damit ich, wenn der Diamant sich als Legende erweist, trotzdem etwas habe, was mich beim Sender voranbringt. Wie gesagt, was die McCords und Foleys machen, landet immer in den Nachrichten. Aber es gibt eine Menge Details und Hintergründe, von denen ich nichts weiß. Und wenn nicht mal ich die ganze Familiengeschichte kenne, obwohl ich hier auf dem Anwesen aufgewachsen bin, dann geht es den meisten anderen Menschen bestimmt auch so. Diese Fakten werden am Ende meinen Bericht über den Fund des Diamanten abrunden – wenn es so weit kommt. Oder aber ich mache daraus ein spannendes Gesellschaftsporträt über die beiden berühmtesten und einflussreichsten Familien in Dallas. Und warum sie sich so hassen.“

„Von welchen Details und Hintergründen reden wir hier?“, fragte Tate im Verhandlungston.

„Insiderinformationen über die Familie. Die persönlichen Dinge, die nicht in den offiziellen Pressemitteilungen stehen. Ich will alles über die Fehde mit den Foleys wissen. Die ganze Wahrheit. Und alles über das Schmuckimperium, einschließlich der Bilanz. Das komplette Paket, damit es auch dann noch ein guter Bericht wird, wenn sich die Sache mit dem Diamanten als Windei herausstellt.“

„Du willst uns ausschlachten“, stellte Tate fest.

„Nein, ich will nur die Wahrheit, und zwar über das hinaus, was alle wissen. Und das Ganze hat sogar noch einen Vorteil – du hast mir einen Job bei einem Nachrichtensender verschafft, der nicht den Foleys gehört. Also kann mich niemand zwingen, euch schlecht aussehen zu lassen. Meine Mutter arbeitet für euch, und ich bin hier aufgewachsen – das ist doch schon fast eine Garantie dafür, dass ihr in dem Bericht gut wegkommt.“

„Ich kann dich immer noch verhaften lassen und dafür sorgen, dass du deinen Job verlierst.“

„Und dann könnte ich mich an einen Sender wenden, der den Foleys gehört, und den Bericht aus ihrer Sicht verfassen.“

Wieder bedachte Tates sie mit einem eisigen Blick. „Ich mag deine Mutter.“

Was wohl heißen sollte, dass Tanya ihm nicht besonders sympathisch war. Eigentlich hätte ihr das egal sein können, aber das war es nicht. Doch sie ließ sich nichts anmerken und hob trotzig den Kopf.

Zu ihrer Überraschung lachte er laut auf. „Und ich soll dann wohl deine Quelle sein?“

„Du hast den Deal ja auch vorgeschlagen.“

Sie war sich nicht sicher, ob ihm das nun gefiel oder nicht, aber immerhin lächelte er und sagte: „Einverstanden. Du behältst das, was du heute gehört hast, noch eine Weile für dich, und ich weihe dich in die Familiengeheimnisse ein und verschaffe dir die Exklusivrechte, wenn wir den Diamanten finden.“

Er streckte ihr die Hand entgegen.

Tanya schüttelte sie fest, um zu zeigen, dass sie sich nicht so leicht einschüchtern ließ. Allerdings war sie nicht darauf gefasst, dass sie die Berührung so intensiv empfinden würde. Sie spürte seine weiche Haut, angenehme Wärme, ein Kribbeln, das ihren Arm hinauf schoss. Plötzlich hörte der Körperkontakt auf, und sie ertappte sich dabei, dass sie das bedauerte.

Aber das ging ja wohl gar nicht …

„Dann sage ich jetzt mal besser Gute Nacht.“ Nun hatte sie es wirklich eilig, hier herauszukommen. Bevor noch etwas anderes total Verrücktes passierte. Oder sie etwas total Verrücktes tat …

„Gute Idee.“

Tanya kam hinter dem Pult vor, griff nach der Strickjacke auf der Stuhllehne und verschwand durch die Flügeltüren in den Garten. Sie achtete darauf, hoch erhobenen Hauptes und langsam zu gehen, denn Tate McCord hatte sie bis zur Terrasse begleitet und blickte ihr nach. Wahrscheinlich, um sich zu überzeugen, dass ich nicht zurückkomme, dachte sie.

Auf dem schmalen Weg, der durch den weitläufigen, baumreichen Park zu dem kleinen einstöckigen Häuschen führte, in dem ihre Mutter wohnte, dachte sie daran, was die anderen Hausangestellten über Tate erzählt hatten. Aber das stimmte alles gar nicht! Auf sie hatte er nicht düster, in sich gekehrt und niedergeschlagen gewirkt. Sondern im Gegenteil sehr lebendig und temperamentvoll.

Und zwar so sehr, dass sogar bei einem einfachen Händedruck ein Funke auf sie übergesprungen war.

2. KAPITEL

Seit anderthalb Jahren schlief Tate McCord nicht mehr besonders gut, und die letzte Nacht war auch keine Ausnahme gewesen. Gegen Viertel vor sieben setzte er sich mit seinem Kaffee an einen der Gartentische beim Pool. Edward, der Butler, hatte ihm schon die Zeitung vor die Tür gelegt – wie er es jeden Morgen tat, seit Tate aus dem Nahen Osten zurückgekehrt und ins Gästehaus gezogen war.

Allerdings interessiert ihn die Zeitung nicht besonders. Er wusste ja, was drinstand – Berichte über den Irak und Afghanistan. Als Buzz noch dort im Einsatz gewesen war, hatte Tate alle Neuigkeiten sofort besorgt gelesen, doch Buzz war tot. Und seit er selbst ein Jahr im Irak verbracht hatte, vermied er lieber alles, was ihn daran erinnerte.

Jetzt nimm dich aber mal zusammen, Kumpel!

Das würde Buzz sagen, wenn er Tate so sehen könnte. Buzz hätte kein Verständnis für die düstere Stimmung gehabt, die Tate seit dem Tod seines besten Freundes beherrschte.

Bentley „Buzz“ Adams, den er von klein auf kannte … Er war der Nachkomme einer angesehenen Reihe von Generälen, von denen einige sogar als Berater im Weißen Haus gedient hatten. Um seinem Sohn das ständige Umziehen zu ersparen, was eine Karriere beim Militär nun einmal mit sich brachte, hatte Buzz’ Vater ihn bei seinen Großeltern aufwachsen lassen, die gleich um die Ecke vom McCord-Anwesen wohnten.

Und so waren Tate und Buzz zusammen zur Schule gegangen und hatten danach dasselbe College besucht. Sie hatten gemeinsam Medizin studiert und sich an derselben Klinik um eine Assistenzarztstelle beworben. Doch dann hatte sich Tate für eine Facharztausbildung in Chirurgie entschieden, und Buzz war der Familientradition gefolgt und hatte sich als Militärarzt zum Einsatz gemeldet.

Es war das erste Mal, dass sie getrennte Wege gingen.

Und Buzz war dabei umgekommen.

Seitdem war Tate nicht mehr unbeschwert und sorglos. Er wusste, dass sich alle Menschen in seinem Umkreis fragten, was mit ihm los war, doch er konnte diese trübe Stimmung nicht so einfach abschütteln.

Seit Buzz’ Tod war ihm alles egal.

Zum Beispiel die Tatsache, dass Katie vorgeschlagen hatte, die Verlobung zu lösen. Er war sofort einverstanden gewesen, denn sie hatte in allem recht: Sie hatten sich nur verlobt, weil sie sich seit Ewigkeiten kannten und jeder aus ihrem Umfeld damit rechnete, dass sie irgendwann heiraten würden. Vor allem ihre Eltern.

Doch nun hatte Katie ihm gestanden, dass sie zwar tiefe Freundschaft für ihn empfand, aber keine Leidenschaft. Und er verstand sofort, was sie meinte, denn es ...

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