Logo weiterlesen.de
Märchenprinz auf Abruf

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog - Clark Dunhill, Verkaufsleiter – Die Wette
  8. Kapitel 1 - Cassandra Haven, Finanzdirektorin – Das Hirn
  9. Kapitel 2 - Polly Kent, Marketingassistentin – Der Körper
  10. Kapitel 3 - Clark – Die Anmache
  11. Kapitel 4 - Cassandra – Die Falle schnappt zu
  12. Kapitel 5 - Polly Kent – Die Folgen
  13. Kapitel 6 - Clark – Der Jongleurakt
  14. Kapitel 7 - Cassandra – Die Entdeckung
  15. Kapitel 8 - Polly Kent – Die Muss-Verlobung
  16. Kapitel 9 - Clark Dunhill – Die Wahrheit
  17. Kapitel 10 - Cassandra Haven – Das Versprechen
  18. Kapitel 11 - Polly Kent – Die Kraftausdrücke
  19. Kapitel 12 - Ein Dreier der besonderen Art
  20. Kapitel 13 - Drei plus Baby macht vier
  21. Kapitel 14 - Und jetzt alle zusammen ...
  22. Epilog - Und da waren’s fünf

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Märchenprinz auf Abruf

Roman

Aus dem Englischen von
Sylvia Strasser

Für meine beiden Nervensägen, Callan und Brad.

Für Gemma.

Und, wie immer, für John.
Für alles, für immer ...

Prolog

Clark Dunhill, Verkaufsleiter – Die Wette

28. April

Sagst du’s mir in Tagen oder Wochen?« Nick grinste, als Clark sich geschickt in die Lücke quetschte, die sich wie durch ein Wunder neben ihm an der Bartheke aufgetan hatte. Nicht jedem gelang es, sich in der Shaker Bar an einem Freitagabend um sechs einen Platz zu verschaffen. Moses dürfte weniger Probleme gehabt haben, das Rote Meer zu teilen.

Clark klappte sein Samsung-s300-Handy zusammen und steckte es in die Innentasche seines Jacketts (Armani). Dann fuhr er sich durch das kurze, rabenschwarze, modisch gestylte Haar (John Frieda) und warf einen Blick auf seine Armbanduhr (Cartier).

Er dachte einen Moment nach, wobei sich auf seiner Stirn (natürlich Botox-geglättet) lediglich eine winzige Falte zeigte. Für einen Mann, der sich seine Solarienbräune jedes Jahr mehr kosten ließ, als eine Kassenklinik für ihren gesamten Stromverbrauch ausgab, hielt sich seine Haut erstaunlich gut.

»Zwei Tage, drei Stunden und äh ...« Er schaute auf seine Armbanduhr und strengte notgedrungen seinen Verstand an. Wenn er mit Zahlen, die größer als zehn waren, rechnen musste, benutzte er normalerweise einen Taschenrechner. »Dreiundvierzig Minuten.«

Nick verdrehte resigniert die Augen und zog seine Brieftasche hervor. Die Geste war ihm vertraut. Seit der Pubertät, dem Verlust der Unschuld und der Möglichkeit, als volljährig durchzugehen, um damit Zutritt zu den besten Bars (oder jeder x-beliebigen, Alkohol ausschenkenden Kaschemme) zu erhalten, ging die erste Runde immer auf denjenigen, der am längsten keinen Sex mehr gehabt hatte. Das offenbarte einen gewissen Hang zum Sadomasochistischen: Der Verlierer (er mal wieder) litt nicht nur unter seinem erbärmlichen Sexleben, sondern war auch, weil er immer mehr als die anderen springen lassen musste, stets knapp bei Kasse. Unerfreulich in doppelter Hinsicht also.

Finanzielle Sorgen hatte Nick momentan glücklicherweise nicht, dennoch war es schon ein bisschen beschämend, dass er seit einem Jahr jede Woche seine Brieftasche als Erster zücken musste. Eigentlich schon seit zehn Jahren – abgesehen von jenem Donnerstagabend, als er Glück gehabt hatte und Clark wegen Verdachts auf Rippenfellentzündung zu Hause geblieben war. Das war eine historische Woche gewesen!

Clark lachte schallend. »Mein Gott, jetzt wird’s aber langsam Zeit, dass du mal wieder zum Zug kommst, Kumpel! Du hast doch keine anständige Nummer mehr geschoben, seit du dir diese Blonde vorgenommen und ...«

»Wen haben wir denn da!«, fiel Fiz, die hinter der Bar stand, ihm ins Wort. »Schleimer und Nicky Nick. Das Übliche, ihr Maulhelden?«, fragte sie laut. Jeder in Hörweite grinste, Nick (alias Nicky Nick, weil er Fiz zufolge zu allem nickte, was sie sagte, egal, wie grob oder widersprüchlich es sein mochte) und Clark mit eingeschlossen. Fiz knallte eine Flasche Moët auf die Granitplatte der Theke und stellte drei Gläser (ein wenig behutsamer) daneben. Eins für Clark, eins für Nick und eins für Taylor, der noch nicht da war.

»Wenn du schön brav bist, kriegst du auch einen Schluck, direkt aus der Flasche«, versprach Clark anzüglich. Er war davon überzeugt, dass sie total scharf auf ihn war. Sie tat nur so, als sei sie schwer rumzukriegen.

Fiz schnaubte verächtlich. »Danke, Schleimer, vielleicht
ein andermal. Ich hab leider meine Drahtbürste und das Desinfektionsspray vergessen – und das Risiko ist mir zu groß!«
Sie machte auf den fünf Zentimeter hohen Absätzen ihrer Cowboystiefel, an denen sie echte Sporen trug, kehrt und entlud ihre schlechte Laune über den nächsten nichts ahnenden Gast.

»Gott, wie ich diese Frau liebe!« Nick blickte ihr sehnsüchtig nach und beobachtete, wie sie zwei Gästen Beleidigungen zu ihren Drinks servierte. Nur ihr beißender Witz, der sie amüsant machte und der Kundschaft Gesprächsstoff lieferte, sicherte ihr ihren Job.

»He, Fiz, hat Taylor angerufen?«, rief er ihr nach. »Hat er gesagt, wann er kommt?«

Fiz wirbelte herum. Ihre Sporen ritzten einen Halbkreis in den Boden. »Hör zu, Kleiner, es ist schon schlimm genug, dass ich in dieser beschissenen Bar stehen und Arschlöchern wie euch überteuerte Drinks ausschenken muss, aber ich bin nicht deine Scheißsekretärin! Und jetzt verpiss dich und mach Platz für nette, zahlende Gäste, die mir ein dickes Trinkgeld geben und mir damit den Gang zum Sozialamt ersparen.«

»Mach ich, aber nur, wenn du mir sagst, wann er kommt«, beharrte Nick todesmutig. Sie würde ihm nichts tun – es waren viel zu viele Zeugen in der Bar.

Fiz seufzte. »Er hat nicht angerufen, aber wir hatten heute eine gemeinsame Fotosession. Vor etwa zwei Stunden war Schluss, ich schätze also, er wird noch vor dem Spiegel kleben oder versuchen, irgendeine blonde Tussi anzubaggern. Er hat aber gesagt, er würde herkommen – das heißt, wenn sein ach so scharfer Verstand sich an den Weg erinnern kann.« Dann heftete sich ihr Blick auf den haarwuchsmäßig gehandikapten Mann neben ihnen. »Und, Glatzkopf, was darf’s sein?«

Obgleich sie es nie im Leben zugeben würden (eher würden sie sich freiwillig mit einer Geschlechtskrankheit anstecken lassen), waren sowohl Clark als auch Nick mehr als nur ein bisschen neidisch auf Taylors Beruf. Als Fotomodell hatte er sich wirklich einen lässigen Job ausgesucht! Wie schwierig konnte es schon sein, den ganzen Tag in Gesellschaft hübscher Frauen zu verbringen, die ihm jeden Wunsch (wirklich jeden, wenn man Taylors Geschichten glauben durfte) von den Augen ablasen? So ein Glückspilz! Als Geschäftsführer eines Porsche-Autohauses (die Stelle hatte Nick seinem Vater, dem Inhaber der Porsche-Vertretung der Stadt, zu verdanken) beziehungsweise als gut bezahltes Verkaufsgenie im Bereich Informationstechnologie genossen Nick und Clark weder das gleiche Ansehen noch die gleichen Privilegien.

Schlecht geht es uns allerdings auch nicht, sinnierte Clark, während er die Manschette seines Versace-Hemds umklappte und sich nachschenkte. Dann rief er Fiz zu, sie solle eine zweite Flasche bringen. Sie musterte ihn mit einem Blick, der jedem Champagner sofort das Prickeln ausgetrieben hätte. Clark betrachtete sie ungefähr dreißig Sekunden lang von der Sohle bis zum Scheitel und fragte sich dann, was Nick wohl an ihr finden mochte. Sicher, sie war schlagfertig, sie konnte sogar amüsant sein, aber sie hatte ein Allerweltsgesicht und eine Stromstoßfrisur. Keine Klasse. Nicht die geringste. Nein, sie war definitiv nicht sein Fall. Nick konnte sie haben.

Auf der Suche nach etwas, das seinem anspruchsvollen Geschmack eher entsprach, ließ er den Blick durch den Raum schweifen. Wow! Was war das denn! Eine Blondine betrat die Bar. Knapp eins achtzig groß, taillenlanges Haar, verwaschene Jeans, weißes T-Shirt, Brüste, die es zu sprengen versuchten. Das war schon eher was für ihn! Fasziniert verfolgte er jede Bewegung ihres gertenschlanken Körpers. Dann trat sie zur Seite, und Clark verdrehte unwillkürlich die Augen. Der Mann, der hinter ihr hereinkam, war Taylor. Das hätte er sich ja denken können! Dieser verdammte Mistkerl hatte aber auch ein Glück!

Die blonde Göttin an der Hand haltend, bahnte sich Taylor einen Weg an die Bar. Clark glaubte, die meisten Frauen im Raum von ihren Stühlen rutschen zu hören (Taylor und eine hinreißende Blondine – es war wirklich etwas für jeden Geschmack dabei!). Einige starrten ihn an, den Mund so weit aufgesperrt, dass ihnen die Kinnlade aufs Dekolletee fiel, während ihre Körpertemperatur rasant anstieg.

Taylor war sich der Wirkung seiner eins neunzig großen, breitschultrigen und schmalhüftigen Gestalt durchaus bewusst. Laut einer Umfrage der Zeitschrift Please! (der »provokativen Pflichtlektüre für die moderne, emanzipierte Frau, die im Einklang mit ihrer Sexualität lebt«) nahm er mit seinen dunkelblonden, schulterlangen, lässig aus dem Gesicht frisierten Haaren, dem kantigen Kinn und den smaragdgrünen Augen Rang drei auf der Liste der Männer ein, mit denen die britischen Frauen am liebsten ins Bett gehen würden. Lediglich Jude Law und Sean Bean lagen noch vor ihm.

Liam Gallagher hatte angeblich gedroht, ihm den Schädel einzuschlagen, weil er ihn von einem Platz unter den ersten drei verdrängt hatte. Taylor ließ das kalt. Die Werbekampagne für Herrenunterwäsche, die ihm die Möglichkeit gab, seine männlichen Attribute so herausragend zu betonen (ohne nachgeholfen zu haben, wie er beteuerte), hatte ihm gleichsam den Status einer Kultfigur verliehen. Zu Recht, wie er fand.

Taylor ließ sich von der steigenden Östrogenwelle zur Bar tragen, wo er neben seinen beiden Freunden vor Anker ging. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

»Siebenundzwanzig Minuten«, feixte er, »plus minus ein paar Sekunden.«

Nick grinste. Es störte ihn keineswegs, dass Taylor öfter verkehrte als ein städtischer Linienbus. Clark allerdings schien das anders zu sehen, wie er belustigt feststellte.

Dessen Ego war nämlich sichtlich angeknackst. Er schnitt eine Grimasse und dachte: Dieser Hurensohn hat aber auch ein Glück! Nicht einmal die Frisur ist ihm durcheinander geraten. Wahrscheinlich haben sie’s im Stehen gemacht. Wie auch immer: Die nächste Runde ging auf Clarks Kreditkarte.

»Nick, Clark, das ist Tarissa. Wir hatten heute ein Fotoshooting zusammen«, sagte er gedehnt und in jenem lässigen Tonfall, wie nur ausgeprägtes Selbstbewusstsein und völlige Gleichgültigkeit ihn hervorbringen können.

Nachdem alle eine Grußfloskel gemurmelt hatten, rief Nick nach einem weiteren Glas, das postwendend über die Theke gezischt kam. Nur seiner blitzschnellen Reaktion war es zu verdanken, dass es nicht am Boden zerschellte.

»So ... Tarissa.« Das Sprechen fiel Clark schwer, weil ihm das Wasser im Mund zusammenlief. »Sie hatten also ein Fotoshooting. Erzählen Sie uns doch ein bisschen was darüber. Für Parfüm, nicht wahr?« Er erinnerte sich, dass Taylor ihm in der vergangenen Woche davon erzählt hatte. »Wie ist es denn gelaufen?«

»Oh, ähm, gut. Doch, toll.« Sie lächelte und zeigte Zähne wie aus einer Zahnpastawerbung. Okay, dachte Clark, das war voll daneben. Er überlegte, ob er einen zweiten Versuch unternehmen sollte, sie zum Sprechen zu bewegen, indem er sie beispielsweise über ihre Meinung zum Weltfrieden fragte oder vielleicht nach irgendwelchen mathematischen Formeln. Doch da entschuldigte sie sich, weil sie zur Toilette musste.

Clark wandte sich Taylor zu. »Mein Gott, Alter, das wird ja immer schlimmer! Die von letzter Woche war wenigstens im Stande, mehrsilbige Wörter aneinander zu reihen.«

Taylor grinste träge und griff nach seinem Glas. »Ach, weißt du, Einstein, wer will sich schon unterhalten, wenn die Maus so schnuckelig aussieht wie diese hier? Wenn ich plaudern will, ruf ich meine Schwester an.«

Nick machte tadelnd »Tsts« und legte die Stirn in Falten. »Was bist du nur für ein oberflächlicher Bastard, Taylor! Willst du uns weismachen, du genießt den Abend in Gesellschaft einer Tussi, die die Kunst der Kommunikation ungefähr so perfekt beherrscht wie eine Straßenlaterne? Jeder Wellensittich ist ein besserer Gesprächspartner«, behauptete er, den Blick unverwandt auf Fiz gerichtet, die eine Maraschinokirsche nach einem weiblichen Gast warf, der sich über die mangelnde fruchtige Dekoration ihres Cocktails beschwert hatte.

Clark hörte amüsiert zu. Er konnte Taylors Standpunkt verstehen. Egal, wo man sich mit einer Frau wie Tarissa sehen ließ – ihr Auftreten hatte garantiert einen Verkehrskollaps zur Folge, und die neidischen Blicke sämtlicher Männer im Umkreis von hundert Metern gaben dem eigenen Ego mächtig Auftrieb.

Aber wurde das nach einer Weile nicht furchtbar langweilig? Und was sagte es über einen selbst aus, wenn die Freundin einen Intelligenzquotienten hatte, der kleiner als ihre Körbchengröße war? Clark zumindest fehlte es nicht an grauen Zellen – der beste Beweis dafür war doch, dass er in der IT-Branche arbeitete!

»Soll ich euch sagen, wie ich das sehe, Jungs? Ein attraktives Äußeres ist gut und schön, aber eine kluge Frau an seiner Seite zu haben, sagt etwas über einen selbst aus. Ihr wisst schon, von wegen geistig auf gleicher Wellenlänge und so.« Die ironische Diskrepanz zwischen dem Gesagten und seiner wenig eloquenten Formulierung entging ihm.

Taylor lachte. »Du willst also Intelligenz und Schönheit. Träum ruhig weiter, Kumpel!«

Clark sah ihn entgeistert an. »Was willst du damit sagen?«

»Also erst mal – welche superkluge Frau würde sich schon mit dir abgeben? Die stehen auf Akademiker oder richtige Erfolgsmenschen – und sehen normalerweise aus wie eine Kuh am Arsch. Nein, mein Junge, Frauen mit einem wirklich hohen IQ und einer Traumfigur kannst du mit der Lupe suchen. Entweder du kriegst das eine oder das andere!«

Clark dachte kurz nach. Dann verzog sich sein Gesicht langsam zu einem verträumten Grinsen. »Na schön. Das heißt nichts anderes, als dass eine Frau mir nicht alles geben kann. Folglich brauche ich zwei Frauen – eine mit Hirn, eine mit einem anbetungswürdigen Körper. Eine für die geistigen Genüsse, eine für die fleischlichen Gelüste.« Er war ziemlich stolz auf diesen letzten Satz. Hatte er das nicht wunderbar ausgedrückt? Wer sagte, Abitur würde sich nicht auszahlen?

Nick brüllte vor Lachen. »Klar, Mann, ich bin sicher, du findest im Handumdrehen zwei Frauen, die bereit sind, dir bei der Verwirklichung deiner grandiosen Idee behilflich zu sein. Willst du dich umbringen oder was?«

Clark hörte nicht zu. In seiner Fantasie konnte er alles ganz deutlich vor sich sehen. Er hatte insgeheim immer gewusst, dass eine Frau allein ihm nicht genügte – unzählige betrogene Exfreundinnen konnten ein Lied davon singen! Die schönen begannen ihn irgendwann zu langweilen, und die äußerlich nicht ganz so perfekt geratenen dienten lediglich dazu, ihm die Zeit bis zum Abend zu vertreiben (eine gute Nummer blieb eben eine gute Nummer!). Zwei Frauen, das war die perfekte Lösung! Er musste sie nur finden, ködern, an Land ziehen und natürlich zunächst voneinander fern halten. Je nach Stimmung würde er sich dann der einen oder der anderen widmen können. Verflucht nochmal, wieso war ihm diese Idee nicht schon viel früher gekommen? Anstelle der einen hundertprozentig vollkommenen Traumfrau würde er zwei fünfzigprozentig vollkommene suchen. Das war ein Klacks für einen Mann seines Kalibers!

Sein Blick fiel auf Tarissa, die von der Toilette zurückkam. Ihr Anblick und der letzte Tropfen der zweiten Flasche Champagner gaben den Ausschlag. Es war eine Frage der Ehre. Nicht einmal Taylor war es je gelungen, sich am selben Abend mit zwei Exemplaren der weiblichen Spezies im Shaker zu zeigen. Wenn ihm das gelänge, würde sein Ansehen gewaltig steigen. Das würde ihn für alles entschädigen. Das würde ihn auf Platz eins der Sexgott-Hitliste katapultieren, dorthin, wo er hingehörte. Seine Brust und andere strategisch wichtige Körperteile schwollen beim bloßen Gedanken daran an.

»Okay, Jungs. Ich wette mit euch um ein Wochenende in Marbella, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft mit zwei Frauen hier erscheinen werde – die eine ist das Hirn, die andere der Körper. Und beide werden gevögelt vom großen Clarkmeister höchstpersönlich.«

Nick und Taylor grinsten sich mit Verschwörermiene an. Was hatten sie schon zu verlieren? Das Schlimmste, was ihnen passieren konnte, war, dass sie ein Wochenende für drei bezahlen mussten. Außerdem lautete Clarks zweiter Vorname »Unentschlossenheit«, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde er sich am folgenden Tag, wenn sein Kopf wieder klar war, überhaupt nicht mehr an diese Unterhaltung erinnern können.

Sie schlugen nacheinander ein.

»Die Wette gilt!«

Kapitel 1

Cassandra Haven, Finanzdirektorin – Das Hirn

28. April

Cassandra klickte auf die »Beenden«-Taste ihres Laptop, und das vertraute, nervige Geräusch des herunterfahrenden Betriebssystems ertönte. Sie zog den Stecker aus der Anschlussbuchse, klappte den Laptop zu und verstaute ihn in ihrem Aktenkoffer. Sie würde ihn brauchen, wenn sie übers Wochenende zu Hause die Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr zusammenstellen wollte. Das war eine Heidenarbeit, und sie stand unter Druck, denn sie musste den Geschäftsbericht am kommenden Mittwoch dem Vorstand von System Solutions vorlegen.

Cassandra blickte auf die Wanduhr – kurz nach halb zwölf. Himmel, es wurde wirklich Zeit, dass sie ihrem Privatleben mehr Platz einräumte! Nur Barkeeper, Türsteher, Nutten und Taxifahrer arbeiteten noch um diese Zeit an einem Freitagabend in der Londoner Innenstadt. Aber die Prämie am Jahresende war die Schufterei wert. Nichts motivierte stärker zu nächtlichen Überstunden als eine fünfstellige Summe. Sie zündete sich eine Zigarette an. Das Gebäude, in dem striktes Rauchverbot herrschte, am Ende eines jeden Tages mit dem Rauch einer Zigarette zu verpesten, war ihr ganz persönlicher Akt der Rebellion – ein kleiner zwar, der sie aber nichtsdestoweniger mit Genugtuung erfüllte. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und inhalierte tief. Ihre Stirn hatte sich vor Anspannung in ein Gebirge verwandelt, das, wie ihr schien, keine Kollageninjektionen je wieder vollständig zu glätten vermochten. Nicht, dass sie für so etwas Geld ausgab! Sie hatte nicht einmal ein Make-up-Täschchen. Cassandra sah nicht ein, warum sie jeden Morgen eine halbe Stunde damit verbringen sollte, sich anzumalen, nur um sich die Farbe abends wieder abzuwaschen! Die Zeit konnte sie im Büro sinnvoller nutzen, zum Beispiel, um für ihre Arbeitgeber oder sich selbst Geld zu machen.

Cassandra Haven war seit zwei Jahren Finanzdirektorin (ihren Eltern, einer Krankenschwester und einem Angestellten der städtischen Müllabfuhrbetriebe aus Slough, die sich nur nach London wagten, wenn es im Königshaus einen besonderen Anlass gab, hatte sie erklärt, sie sei »das hohe Tier in der Abteilung, die für die Kohle zuständig« sei). Die Ernennung war lange überfällig gewesen, schließlich hatte sie die Abteilung fast allein geleitet, seit sie dreizehn Jahre zuvor als Betriebswirtin in die Firma eingetreten war. Nach nur drei Jahren war sie zur stellvertretenden Rechnungsprüferin aufgestiegen. Dann aber stagnierte ihre Karriere plötzlich. Ein männlicher Kollege nach dem anderen wurde ihr als Chef vor die Nase gesetzt, und jeder erkannte sehr schnell, dass Cass die Abteilung ausgezeichnet im Griff hatte. So gingen sie golfen, genehmigten sich lange Lunchpausen, kassierten ihr Gehalt und steckten die Anerkennung für die Arbeit ein, die Miss Haven leistete. Ein wundervolles Beispiel für das Delegieren von Aufgaben.

Als das letzte Aushängeschild der Abteilung die Firma verließ, um eine Prestigestellung im Mittleren Osten anzutreten, ging Cass zum Angriff über. Sie listete auf, welches ihre Aufgaben waren, was sie für den Betrieb geleistet hatte, und stellte eine sorgfältig analysierte Reihe von Verbesserungsvorschlägen für die Abteilung zusammen. Das alles legte sie mit einem knallharten Ultimatum ihren Chefs vor. Und zwar glücklicherweise (und ganz bewusst) an einem Vormittag, an dem sämtliche Medien über den Fall einer Börsenmaklerin berichteten, die ihren ehemaligen Arbeitgeber wegen sexueller Diskriminierung auf Schadenersatz in Millionenhöhe verklagt und den Prozess gewonnen hatte.

Noch am Ende derselben Woche hatte Cassandra das Büro mit Blick auf die Themse, ihren Sitz im Vorstand, ein sechsstelliges Gehalt und den Titel »Finanzdirektorin«.

Das einzige Opfer, das ihr abverlangt wurde, war der Verzicht auf ein Privatleben. Die Entscheidung fiel ihr nicht schwer. Es war eine Frage der Prioritäten. Cass brauchte weder Grillpartys noch Abende im Kino, um sich irgendeinen dämlichen Film anzusehen. Sie arbeitete lieber daran, ihre Machtposition, die ihr Status und Erfolg bescherte, zu festigen. Das war zweifellos eine sinnvollere Beschäftigung. Erst jetzt, nachdem sie ihr Karriereziel erreicht hatte, konnte sie allmählich wieder daran denken, dass es noch andere Dinge im Leben gab.

Der Piepton ihres Handys kündigte eine eingehende SMS an. Cass begann zu lesen.

»Vergessen, dir für den Scheck zu danken. Wenn du noch im Büro bist, GEH ENDLICH NACH HAUSE. Wir telefonieren morgen. Gruß, Txxx.«

Cassandra lächelte. Die Nachricht kam von Antonia. Toni, wie sie genannt wurde, war ihre zwanzigjährige Schwester und die Mutter ihres zweijährigen Neffen Ben. Cass hatte für ein Darlehen gebürgt, damit Toni die heruntergekommene Sozialwohnung, in der sie lebte, kaufen konnte, und ihr auch das Geld für eine vollständige Renovierung geliehen. Inzwischen arbeitete Antonia am Empfang von System Solutions (sie war stolz darauf, die Stelle ohne die Protektion ihrer Schwester bekommen zu haben) und war nicht mehr auf Cassandras finanzielle Unterstützung angewiesen. Cass steckte ihr gelegentlich trotzdem noch etwas zu – ein Kind kostete schließlich eine Menge Geld.

Sie lächelte in sich hinein, als sie die Zigarette auf dem Fenstersims ausdrückte und die Kippe dreißig Stockwerke tief hinunterfallen ließ – in der Hoffnung, keinen ahnungslosen Passanten zu treffen. Eine Zigarettenkippe im gestylten Haar war nicht unbedingt das richtige Accessoire für einen Abend in einem schicken Klub.

Wo war sie gleich gewesen? Ach so, ja, Antonia, Ben, Kosten. Sie hatte natürlich keine Ahnung, was ein Kind wirklich kostete. Mit Ben alle vierzehn Tage in den Park zu gehen und gelegentlich auf ihn aufzupassen machte sie kaum zu einer Expertin in Sachen Kinder.

In den vergangenen Monaten war ihr jedoch bewusst geworden, dass es allmählich Zeit wurde, das zu ändern. Sie hatte Kinder von Anfang an mit einkalkuliert. Aber an erster Stelle stand die Herrschaft über die Finanzmärkte weltweit. Mit Rotz, Erbrochenem und anderen Körperausscheidungen eines kleinen Menschen würde sie sich beschäftigen, sobald sie die finanziellen Mittel hatte, einem Kind all das zu bieten, wovon sie selbst als kleines Mädchen geträumt hatte: Ponys, Privatschulen und vor allem Kindermädchen, die es ihr ermöglichen würden, weiter an ihrer Karriere zu basteln.

Und es schien, als sei der Zeitpunkt dafür in greifbare Nähe gerückt. Neuerdings tickte ihre biologische Uhr laut und vernehmlich, sooft sie Ben hochhob und er sie mit seinem zahnlückigen Mund anstrahlte. Sie regte sich nicht mehr auf, wenn er mit klebrigen Fingern ihr neues Escada-Kostüm betatschte oder ihr Joghurt in den Aktenkoffer schüttete. Na schön, ein bisschen nervte es schon noch, aber lange nicht mehr so wie früher.

Cassandra beugte sich vor und zog die Daily Mail aus der Schreibtischschublade. Sie überflog jeden Tag die Times, die Financial Times, den Guardian und die Mail. Sie musste auf dem Laufenden sein, sich über Richtungsänderungen des Marktes und globale Trends informieren. Bei der Lektüre der Mail war sie über eine Titelzeile gestolpert, die sie neugierig gemacht hatte: »Können Frauen wirklich alles haben?«

Das Foto darunter zeigte vier auffallend ähnlich gekleidete Frauen, die lächelnd einen Laptop auf der einen Hand balancierten und ein Kind an der anderen hielten. Starke, erfolgreiche Frauen, die ihr Leben im Griff hatten. Frauen, wie Cass sie mochte. Alle hatten Karriere gemacht, ein sechsstelliges Einkommen und eine Bilderbuchfamilie. Es war wie eine Momentaufnahme ihrer eigenen Zukunft. Vielleicht wurde es Zeit, selbige zu planen.

Sie stand auf, strich ihren Rock glatt, schnappte ihren Aktenkoffer und verließ das Büro. Zwei Dinge wusste sie mit Sicherheit: Am Montagmorgen um sechs würde sie wieder an ihrem Schreibtisch anzutreffen sein und gegen Mitternacht desselben Tages wie üblich heimlich eine rauchen. Wenn jemand berechenbar war, dann sie. Doch das sollte sich ändern.

Das Shaker hatte offenbar Sperrstunde. Cass kämpfte sich durch den Strom Nachtschwärmer, der sich aus der Kneipe ergoss und sämtliche Taxis mit Beschlag belegte. Obwohl die Bar direkt gegenüber dem Eingang ihres Bürogebäudes lag, war sie nur ein einziges Mal drin gewesen, als irgendeine unbedeutende Größe dort ihre Abschiedsparty gefeiert hatte. Cass hatte sich bald entschuldigt und war ins Büro zurückgeflüchtet. Sie legte keinen Wert auf geselligen Umgang mit Kollegen. Wer wusste schon, ob deren Leistungen nicht irgendwann inakzeptabel wurden und sie gezwungen war, sie zu feuern? Wozu also sich mit ihnen anfreunden? Das war wie mit dem Schminken: reine Zeitverschwendung.

Nachdem sie die Szene kurz beobachtet und erkannt hatte, dass es aussichtslos war, hier ein Taxi zu bekommen, es sei denn mit roher Gewalt, beschloss sie, ein paar Straßen weiter zum nächsten Taxistand zu marschieren. Sie raffte ihren Mantel am Kragen zusammen und bahnte sich energisch einen Weg durch den Pulk. Was waren das nur für traurige Figuren! Sie merkten nicht einmal, was für einen einfältigen Eindruck sie machten – grölend, nachlässig gekleidet, verzweifelt bemüht, das andere Geschlecht auf sich aufmerksam zu machen, und sei es nur ein Taxifahrer oder eine Taxifahrerin.

Cass lächelte vor sich hin. Falls sie jemals das Gefühl haben sollte, ihrem gesellschaftlichen Leben fehle etwas, würde sie nur an nächtliche Szenen wie diese zu denken brauchen, und schon wäre sie kuriert. Erinnerungen an ihre Studienzeit wurden wach. An die bittere Armut, die sie gekannt hatte. Ihre Eltern waren nicht in der Lage gewesen, ihr das Studium zu finanzieren, und staatliche Studienbeihilfen waren seinerzeit sehr mager ausgefallen. Daher hatte sie morgens vor ihren Vorlesungen als Putzfrau in einem Nachtklub gearbeitet und abends im selben Klub an vier Tagen in der Woche an der Kasse gestanden. Seitdem war ihr nichts Menschliches mehr fremd. Es gab nichts, was sie in dieser Zeit nicht erlebt hätte. Damals hatte sie zwar über die Ausfälle der Betrunkenen gelacht, aber diese Erfahrung hatte ihr auch eine lebenslange Abneigung gegen Bars und Nachtklubs eingetragen. Cass zog auf jeden Fall ein Tabellenkalkulationsblatt einem Singapore-Sling-Cocktail vor.

Ganz in ihre Gedanken versunken bemerkte sie nicht, dass sich der Schulterriemen ihres Aktenkoffers irgendwo verfangen hatte. Energisch ruckte sie daran und drehte sich gleichzeitig um. Sie sah gerade noch, wie ein ausgewachsener Mann ins Schwanken geriet und der Länge nach hinschlug. Scheiße! Das fehlte ihr gerade noch – ein Besoffener mit Gleichgewichtsproblemen.

Cass überlegte, ob sie einfach weitergehen sollte, aber dummerweise hätte sie dann ihren Aktenkoffer dalassen müssen, dessen Schulterriemen um den Knöchel des gestürzten Mannes gewickelt war.

»Sie gestatten?«, fauchte sie kurz angebunden und bückte sich, um Letzteren aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Ein lautes Stöhnen drang an ihr Ohr. Genau in diesem Moment stürzte der Traum einer Blondine aus der Bar – eine von der Sorte, wie man sie sonst nur aus der Shampoowerbung kannte oder über die Motorhaube eines Jaguar drapiert sah – und ging neben dem auf dem Boden Liegenden auf die Knie.

»Taylor, Taylor, Schätzchen, alles in Ordnung?«, kreischte sie – nein, es war eher ein Lallen. Es hörte sich an wie der Paarungsruf eines Papageis nach dem Konsum einer Flasche Jack Daniels. Cass verrollte die Augen. Es wurde immer besser. Jetzt hatte sie auch noch eine durchgeknallte Schmierenkomödiantin am Hals. Sie beschloss, den Schauplatz des Geschehens unverzüglich zu verlassen und richtete sich wieder auf.

»He, Sie!« Sie wusste auch, ohne sich umzudrehen, dass die wütende Stimme von dem Häufchen Elend auf dem Bürgersteig kam.

Einen Augenblick erwog sie, einfach wegzulaufen, aber Schnelligkeit war noch nie ihre Stärke gewesen. Und sie wollte es nicht riskieren, von einem aufgebrachten, wenngleich verletzten Mann durch die Straßen Londons verfolgt zu werden. Sie wandte sich langsam um. Der große, gut gebaute Mann hielt sich beide Hände vors Gesicht. Die angeheiterte Blondine klammerte sich an seinen Arm – ob um ihn zu stützen oder um sich zu stützen, konnte Cass nicht sagen.

»Sie haben mir die Nase gebrochen, verdammte Scheiße!«, schrie er hinter seinen Händen hervor. Sie sahen aus, als hätten sie eine französische Maniküre genossen. O Gott, was für ein Affe!

Sie zog spöttisch die Augenbrauen hoch. »Dann hätten Sie eben besser aufpassen müssen, wo Sie hintreten«, versetzte sie in Kampfstimmung. Sie hoffte, seine Behinderung würde ihn von einer Fortsetzung des Wortwechsels abhalten, denn sie war ehrlich besorgt, sie könnte ihn attackieren und dieses Mal ernstlich verletzen – ihm zum Beispiel einen Fingernagel abbrechen.

Sie behielt Recht. Taylor begnügte sich mit Beleidigungen und Schimpfwörtern wie »blöde Kuh«, »blindes Huhn«, »sollte man nicht frei rumlaufen lassen«. Heidi Klums Doppelgängerin machte sich derweil auf die Suche nach einem Taxi. Wahrscheinlich würden sie die nächste Notaufnahme ansteuern.

Mindestens zwanzig Kneipenverstoßene durchbohrten Cass mit feindseligen Blicken. Sie holte tief Luft, reckte die Nase, so hoch sie konnte, und stolzierte davon. Ihr könnt mich alle mal, dachte sie. Benebelt, wie ihr alle seid, könnt ihr euch morgen sowieso nicht mehr an das »kleine Missgeschick« erinnern.

Sie erreichte den Taxistand in rekordverdächtigen fünfeinhalb Minuten. Die Schlange dort war länger als im Postamt am Tag der Rentenauszahlungen. Cass warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Mitternacht. Erstaunt nahm sie wahr, dass ihre Hand zitterte. Sollte das eine Folge ihrer Hauptrolle in diesem mörderischen Pflastersturzdrama sein? Sie ließ ihren Blick abermals über die Schlange schweifen. Nur wer stark angetrunken war oder aufgrund eines superkurzen Minis oder zehn Zentimeter hoher Absätze an seinen Jimmy-Choo-Schuhen kein Gefühl mehr in den Beinen hatte, konnte diese kühlen Nachttemperaturen ohne Brandy oder ähnlich Hochprozentiges überstehen.

»Verfluchter Mist«, brummte sie vor sich hin. Niemand achtete auf sie, da sie offensichtlich weder betrunken noch auf Männerfang war und sich anscheinend für etwas Besseres hielt. Überdies waren ihre Leidensgenossen in der Schlange ebenfalls viel zu beschäftigt damit, nicht zu erfrieren.

Cass überschlug kurz, was besser war: die halbe Nacht zu warten, bis ein Taxi kam, oder die paar Schritte zum Romp Room, einem der angesagtesten Londoner Klubs, zu Fuß zu gehen. Der Klub war ein Tummelplatz für Models, die Werbung für Abführmittel machten, goldbehängte Angeber in Versace-Anzügen, zugekokste Fußballspieler aus der ersten Liga und Paparazzi auf der Suche nach einer heißen Story. Und die übrigen etwa fünfhundert Gäste waren Nobodys, alle overdressed, sofern nicht mehr oder minder ausgezogen, und garantiert auf der Suche nach dem nächsten Lover, während sie Cocktails in sich hineinschütteten, deren Namen sie nicht einmal buchstabieren konnten.

Es war ein Klub, wie Cass ihn von Herzen verabscheute. Sie würde nicht einmal tot in seiner Nähe gesehen werden wollen, wenn nicht ihr Freund Paul Geschäftsführer dort wäre und sie bei einer Tasse Kaffee mit ihm plaudern und entspannt auf das angeforderte Taxi warten könnte. Ihre Füße nahmen ihr die Entscheidung ab: Sie marschierten einfach los, und zehn Minuten später stand sie vor dem Klub.

Sechs Rausschmeißer (oder Ordnungskräfte, wie sie sich selbst gern bezeichneten) bewachten den Eingang, wo sie unauffällig von einem Fuß auf den anderen traten, um sich warm zu halten. Noch war es früh für Nachtklubverhältnisse. In einer Stunde, wenn Hochbetrieb herrschte, würde ihnen das Adrenalin durch die Adern pulsieren und als natürliche Wärmeisolation dienen.

Einer der Türsteher trat vor und begrüßte Cass. Er trug ein Headset, mit dem er aussah wie eine Mischung aus einem
McDonald’s-Angestellten hinter einem Autoschalter und Kylie Minogue. Das war bestimmt nicht das Image, das er sich wünschte. Er hatte sie sofort erkannt – er wusste, dass sie eine Freundin vom Boss war. Und es konnte nicht schaden, sich mit so jemandem gut zu stellen.

»Gehen Sie nur rein, Herzchen.« Er zwinkerte ihr zu, während er mit dem Daumen auf die Treppe hinter sich deutete, die zu Pauls Büro führte. »Und wenn ich sonst noch etwas für Sie tun kann – ich stehe zu Ihren Diensten«, fügte er zur Belustigung seiner Kollegen anzüglich hinzu.

Cass, die bereits die Treppe hinaufging, drehte sich kurz um. »Sie können aufhören, meinen Arsch anzuglotzen, und mir eine Tasse Kaffee bringen, wenn’s recht ist. Glauben Sie, Sie können sich das merken, oder soll ich’s Ihnen aufschreiben?«

Die anderen Türsteher johlten vor Schadenfreude. Gab es etwas Besseres, als mit anzusehen, wie ein Kollege von einer Frau abgekanzelt wurde? Nein, definitiv nicht. Und alle waren sie fest davon überzeugt, dass, hätten sie Miss Eistitten angebaggert, sie sich ihnen binnen einer Stunde an den Hals geworfen und ein eindeutiges Angebot gemacht hätte.

Cass klopfte kurz an und trat dann ein. Das Büro war leer. Na großartig. Was tun? In den Klub hinuntergehen und dort nach Paul suchen oder sich hinsetzen, die Füße hochlegen und auf ihn warten? Wahrscheinlich gab er dem Personal nur letzte Anweisungen oder stellte die Kassen auf. Sie beschloss, auf ihn zu warten.

Plötzlich kam ein entsetzliches Ächzen hinter dem Schreibtisch hervor. Cass fuhr erschrocken zusammen. Himmel, was war das für eine merkwürdige Nacht! Erst brachte sie auf der Straße einen wildfremden Mann zu Fall, dann stellte sie einen Türsteher bloß, und jetzt hätte sie schwören können, dass sich der Schreibtisch gerade ein paar Zentimeter seitwärts bewegt hatte. Sie massierte sich die Schläfe mit kreisenden Bewegungen. Sie brauchte dringend ein paar Tage zum Abschalten. Wieder das ächzende Geräusch. Cass riss die Augen auf. Der Schreibtisch hatte sich bewegt, sie hatte es deutlich gesehen. Sie stand auf und schlich auf Zehenspitzen hin. Entweder war hier ein Poltergeist am Werk oder das Holz war von Termiten befallen, die einen Formationstanz übten.

Blitzschnell, bevor die Furcht sie ganz übermannte, wagte sie einen Blick hinter den Schreibtisch. Sie war darauf gefasst, auf eine Figur aus einem Harry-Potter-Buch zu stoßen (nein, natürlich besaß sie keins für sich, sie hatte nur Ben vorsorglich schon den ersten Band gekauft, damit sie ihm daraus würde vorlesen können, wenn er dafür alt genug wäre!), aber als sie die zwei Männer erblickte, die dahinter kauerten, stieß sie einen schrillen Schrei aus. Im nächsten Moment erkannte sie sie und brach in schallendes Gelächter aus.

»Ich glaub’s einfach nicht«, prustete sie, während die beiden aus ihrem Versteck krochen und sich aufrichteten. »Da kommt’s raus! Und ich hab gedacht, ihr wärt nur gute Freunde! Dann war an den Gerüchten damals also doch was dran! Du bist ein Geheimniskrämer, Paul! Und von dir, Jeff, hätte ich das nie gedacht! Kein Wunder, dass das mit uns beiden nichts geworden ist!«

Sie musste so heftig lachen, dass sie es vorzog, lieber nichts mehr zu sagen. Eine Kiefersperre wäre das Letzte, was sie jetzt noch gebrauchen konnte.

Paul und Jeff klopften sich den Staub aus den Kleidern. »Sehr witzig, Cass. Wirklich, sehr witzig«, bemerkte Jeff spöttisch. »Aber es ist nicht so, wie du denkst.«

Das löste einen neuen Lachanfall aus. »Ich weiß, ich weiß«, stammelte sie atemlos, »ihr beide habt nur den Fußboden inspiziert.«

Dass sie die Einzige im Raum war, die das so komisch fand, dämpfte ihre Heiterkeit in keiner Weise. Sie konnte einfach nicht glauben, dass ihre beiden besten Freunde (genauer gesagt, ihre beiden einzigen Freunde), von denen einer früher einmal ihr fester Freund gewesen war, gegenseitig ihre Anatomie erforschten und sie nie auch nur das Geringste geahnt hatte. Gott, manchmal war sie wirklich schwer von Begriff! Sie hatte gehofft, mit ein paar schlüpfrigen Frotzeleien unterhalten zu werden, bis ihr Taxi kam, aber sie hätte nie gedacht, eine solche Vorstellung erleben zu dürfen! Ein Glück, dass sie nicht auf direktem Weg nach Hause gegangen war – das hätte sie um keinen Preis versäumen wollen.

Paul hob die rechte Hand und schwenkte ein unscheinbares, etwa zweieinhalb Zentimeter langes Metallkästchen hin und her, aus dem diverse Drähte herausguckten.

»Lass mich raten! Ähm, ich geb’s auf. Oder warte ... Vielleicht eine neue Generation Kondome? Chrombeschichtete?« Sie fand sich ungemein komisch.

Paul verdrehte genervt die Augen. »Nein, Cass, das ist eine Wanze. Ein Abhörgerät. Jeff und ich wollten es gerade an der Unterseite des Schreibtisches anbringen. Was hast du denn gedacht, was wir da treiben? Nein, sag’s mir lieber nicht.«

Cassandras Heiterkeit verflog schlagartig. Enttäuschung machte sich breit. Seit Monaten war ihr außerhalb ihres Büros nichts so Aufregendes mehr passiert wie das hier, und jetzt stellte sich heraus, dass sie die Situation offensichtlich falsch gedeutet hatte. Trotzdem – eine Wanze? Was ging hier vor? Sie zog sich einen Stuhl heran und kickte ihre Schuhe von den Füßen.

Bevor sie auch nur eine Frage stellen konnte, erklärte Paul: »Ich vermute, dass einer meiner Stellvertreter an meinen freien Abenden Geld abzweigt. Wir hoffen, ihn auf diese Weise überführen zu können. In dem Blumentopf hinter dir haben wir eine Kamera versteckt.«

Cass widerstand der Versuchung, sich umzudrehen. Das machte sie nun wirklich neugierig. Und es überraschte sie. Paul war seit fünf Jahren Geschäftsführer und Teilhaber des Romp Room. Er war bekannt in Nachtklubkreisen. Nicht vielen Türstehern gelang der Sprung zum Nachtklubbesitzer und Manager, aber Paul hatte es geschafft. Cass wunderte sich, dass irgendjemand so mutig oder so dumm sein konnte, ihm in die Quere zu kommen.

»Mist! Und ich dachte, ich hätte eure heimliche Affäre aufgedeckt! Na schön, dann muss ich mich eben mit Diebstahl und Betrug zufrieden geben. Erzählt mir mehr darüber.«

»Die Einnahmen fallen um etwa fünfzehn Prozent geringer aus, wenn Paul nicht da ist«, sagte Jeff. »Deshalb will er der Sache nachgehen. So viel Bargeld kann man nicht einfach aus der Kasse klauen, ohne dass es auffallen würde, es muss also irgendwie anders gedreht werden. Und da komme ich mit meiner Vorliebe für technische Spielereien ins Spiel.« Er machte eine theatralische Verbeugung.

Jeff hatte eine Schwäche für ausgefallene Erfindungen wie sie James Bond zur Verfügung stehen. Das kam ihm in seinem Job als Buchhalter sehr zugute: Dank seiner detektivischen Fähigkeiten war die Diebstahlsrate bei seinen Arbeitgebern so niedrig wie nirgendwo sonst.

Er richtete sich auf, zog Cass auf die Füße und in seine Arme. »Und, wie geht’s dir so, Miss Haven? Lange nicht mehr gesehen.«

Cass ließ ihn abblitzen. »Jeff, wir waren vor vier Wochen noch zusammen essen, und du weißt, ich kann dieses Gefummel nicht leiden, also lass bitte deine Hände bei dir!«, neckte sie ihn.

Er wandte sich Paul zu und breitete die Arme in einer Geste aus, die besagen wollte: Was soll ich machen, versucht hab ich’s jedenfalls! Ein wissendes Lächeln spielte um Pauls Lippen. So war es immer schon zwischen ihnen dreien gewesen.

Paul, Jeff und Cass kannten sich seit Studienbeginn. Jeff hatte denselben Buchhaltungskurs wie Cass belegt, aber nie den Mut zu einem Versuch gefunden, ihre »Verpiss-dich-ich-bin-nicht-interessiert«-Aura zu durchdringen. Immer wieder hatte er einen Anlauf unternommen, dann aber im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Sollte er? Oder lieber doch nicht? Entschlossenheit war noch nie seine Stärke gewesen, eher seine größte Schwäche. Aber er war sich nicht sicher. Andererseits ...

Erst als er einen Teilzeitjob als Barkeeper in dem Nachtklub, in dem Cass arbeitete, angenommen hatte, wagte er es, sie anzusprechen.

Paul war Türsteher im selben Klub, was er seiner Größe von einem Meter neunzig und seiner kleiderschrankähnlichen Figur zu verdanken hatte. Die Gäste hielten ihn für angsteinflößend. Dabei wäre er Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen geworden, so groß war seine Abneigung gegen und seine Furcht vor jeder Form von Gewalt. Seine bloße Erscheinung wirkte jedoch derart einschüchternd, dass nicht einmal ein total Betrunkener auf die Idee kam, sich mit dem schwarzen Hünen an der Tür anzulegen.

Es war üblich, dass das Personal nach der Sperrstunde noch auf ein paar Drinks zusammenhockte und dann in irgendeiner Spelunke weiterfeierte. Die meisten Angestellten waren Studenten, die sich die Gelegenheit zu einem kostenlosen Besäufnis nicht entgehen ließen. Jeffs Wochenende war nicht perfekt, wenn er nicht am Morgen auf einem fremden Teppich inmitten seiner Kumpel aufwachte. Sie waren so etwas wie eine große Familie: Sie arbeiteten zusammen, verkehrten aufgrund der ungewöhnlichen nächtlichen Arbeitszeit auch privat miteinander, und ein paar schliefen auch miteinander.

Die Einzige, die sich immer abkapselte, war die unnahbare Blonde (Dunkelblond war ihre natürliche Haarfarbe, und sie trug auch keine hellen Strähnchen), die als Kassiererin arbeitete. Cassandra lehnte jede Einladung ab, egal, von wem sie kam, sie nahm weder an den nächtlichen Saufgelagen noch an dem Kaffeeplausch vor der Arbeit teil.

Das machte Jeff neugierig. Im Unterricht beobachtete er sie, wenn er sicher sein konnte, dass sie es nicht bemerkte. Sie war so konzentriert und ernst. Er hatte sie nie lachen oder auch nur lächeln sehen. Er hatte nie gehört, dass sie eine schlagfertige Bemerkung gemacht oder vielleicht gestöhnt hätte, wenn ihnen an einem Freitagnachmittag umfangreiche Aufgaben für das Wochenende aufgehalst wurden.

Nein, sie verfolgte jede Vorlesung mit höchster Konzentration, wobei sie sich eifrig Notizen machte, während Jeff Mühe hatte, wach zu bleiben. Etwas an ihr zog ihn unwiderstehlich an. Er redete sich ein, es sei Mitleid, weil sie immer so allein war.

Cass wiederum führte seine Anhänglichkeit darauf zurück, dass er ein Irrer war, der sie verfolgte. Denn natürlich war er ihr längst aufgefallen. Wie hätte sie ihn übersehen können, wo er doch überall dort auftauchte, wo sie sich gerade aufhielt, immer ein paar Schritte hinter ihr? Das konnte kein Zufall mehr sein. Der Typ war ein Spinner – und er ging ihr ganz gewaltig auf die Nerven.

Irgendwann wurde es Cass zu bunt. Es war vier Uhr an einem Samstagmorgen, und die Angestellten hatten sich vor dem Büro des Geschäftsführers aufgereiht, um ihr Gehalt in Empfang zu nehmen. Jeff stand unmittelbar hinter Cass. Hätte mich gewundert, wenn’s anders wäre, dachte sie sarkastisch.

Er tat einen tiefen Atemzug und warf sich in die Brust, wie er es bei den Türstehern beobachtet hatte, wenn sie sich an eine Frau heranmachten. Jeff war nämlich immer noch Jungfrau und in puncto Anmache völlig unerfahren. Er öffnete schon den Mund, um Cass anzusprechen, als ihn plötzlich der Mut verließ.

Er rang einen Augenblick mit sich. Nein, er würde es nicht wieder aufschieben. Er würde sie jetzt ansprechen. Jetzt oder nie.

»Ähm, hi. Wir gehen nachher alle auf eine Party – zu Paul, dem Rausschmeißer. Hast du Lust mitzukommen?«, platzte er heraus, den Blick auf ihre Nullachtfünfzehn-Kurzhaarfrisur gerichtet. Sie folgte offenbar keinen Modetrends.

Cass reagierte nicht. Deshalb tippte er ihr auf die Schulter ihres braunen Dufflecoats und wiederholte seine Frage. Da drehte sie sich langsam um.

»Nein.«

»Bist du sicher? Ich meine, wir, äh, wir gehen alle hin. Alle zusammen. Alle Angestellten, meine ich. Zu Paul. Wird bestimmt lustig.«

»Nein.«

»Na ja, falls du es dir noch anders überle...«

»Ich hab Nein gesagt!«, explodierte sie mit einer Heftigkeit, dass er schon um die Knebelverschlüsse an ihrem Mantel fürchtete. »Bist du schwer von Begriff oder was? Du hast sie doch nicht alle! Jedes Mal, wenn ich mich umdreh, stehst du da! Warum sollte ich irgendwohin wollen, wo du bist? Damit es dir leichter fällt, mich zu verfolgen? Du bist doch krank!« Die Sätze waren nur so aus ihr hervorgesprudelt. Jetzt musste sie erst einmal Luft holen. Jeder in Hörweite starrte plötzlich auf seine Schuhe, als hätte er nie etwas Faszinierenderes gesehen.

Jeff war baff. Und er hatte keine Ahnung, wie er auf diesen Ausbruch reagieren sollte. Sich entschuldigen? Wütend werden? Mitleid zeigen, weil sie ganz offensichtlich nicht einmal die Grundregeln im Umgang miteinander beherrschte?

Als er sich wieder gefasst hatte, tippte er ihr abermals auf die Schulter. Cass stieß einen Seufzer aus, der mehr als ungehalten klang, und drehte sich um. Jeff sagte ihr, was er zu sagen hatte, und seine Stimme klang belegt vor Schock, Wut und Unsicherheit.

»Ich dachte, ich frag dich, weil du immer allein bist und so, na ja, so ernst wirkst, und ich dachte, ein bisschen Lachen würde dir gut tun und dass du im Grunde vielleicht ganz nett bist, irgendwie. Aber anscheinend war das falsch gedacht.« Er lachte nervös und fügte sehr erwachsen hinzu: »Weißt du was? Du kannst mich mal, du unfreundliches Miststück!«

Damit drehte er sich um und marschierte davon. Im Hinausgehen rief er einem Kollegen zu, er möge sein Gehalt für ihn abholen. Obwohl die anderen am liebsten Beifall geklatscht hätten, war ein betretenes Schweigen eingetreten. Höchste Zeit, dass jemand dieser Zicke die Meinung gesagt hatte! Dass ausgerechnet Jeff derjenige war, erstaunte alle – er war der friedfertigste Mensch, den man sich vorstellen konnte.

Cass war sprachlos. Was war denn in den gefahren? Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach. Ein bisschen Lachen würde ihr gut tun ... so ernst ... im Grunde ganz nett? Was fiel diesem Kerl eigentlich ein! Was ging den das an, was für ein Mensch sie war? Wie konnte er sich anmaßen zu wissen, was ihr gut tat und was nicht! So ein Schwachkopf! Ihr Gesicht brannte vor Wut und Scham, als sie ihre zwölf Pfund einsteckte und hinausstürmte. Wie kam er dazu, in diesem Ton mit ihr zu sprechen! Unfreundlich? Der hatte es gerade nötig! Dieser Vollidiot!

Sie streifte ihre Handschuhe über und stülpte sich einen Hut, der eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit einem Teewärmer hatte, über ihr widerspenstiges Haar. Sie würde mit den Zähnen geklappert haben, wenn sie sie vor Wut nicht so fest zusammengepresst hätte! Arschloch, Arschloch, Arschloch! Und er hatte sich doch tatsächlich angehört, als hätte er Mitleid mit ihr! Das fehlte ihr gerade noch, dass ein pickliger Bengel, der gerade der Pubertät entwachsen war und sich einen Spaß daraus machte, ihr nachzustellen, Mitleid mit ihr hatte!

Eine Gruppe Kellnerinnen drängte hinter ihr aus der Tür. Sie musterten die hochnäsige Kuh von der Kasse ausdruckslos. Den Zwischenfall vor dem Büro des Managers hatten sie bereits vergessen – ihre Gedanken kreisten um die Party und um die Jungs, die sie dort antreffen würden.

Cass bemerkte, dass sie ihr Make-up aufgefrischt hatten. Sie staunte über ihre gute Laune. Es war eine lange, anstrengende Schicht gewesen, es war vier Uhr morgens, und trotzdem wirkten diese lauthals lachenden Mädchen frisch und energiegeladen. Ob das daran lag, dass sie mit ihren Freunden noch etwas unternehmen würden? Ärgerlich verscheuchte Cass den Gedanken wieder. Oder versuchte es zumindest, aber er hatte sich bereits festgesetzt. Hatte dieser schizoide Typ am Ende Recht? Vielleicht nahm sie das Leben ja tatsächlich viel zu ernst!

»Entschuldigung.« Cass blickte sich um; dann wurde ihr bewusst, dass sie es war, die gesprochen hatte. Die schnatternde Schar vor ihr drehte sich um. Ungläubiges Staunen zeichnete sich auf ihren Gesichtern ab. »Geht ihr alle auf Pauls Party?«

Die Mädchen tauschten verwirrte Blicke und nickten dann vorsichtig. Cass holte tief Luft. »Hättet ihr was dagegen, wenn ich mitkomme?«

In jener Nacht berührten sich ihre Lippen zum ersten Mal. Der Mond schien, die Sterne funkelten, und der Duft von Jasmin lag in der Luft. Die romantische Atmosphäre nahm sie gefangen, und ihre Zuneigung füreinander loderte heiß ... Doch es sollte ganz anders kommen.

Nachdem sich Jeff von seiner Überraschung erholt hatte, als er Cass sah (noch geschockter war er, als sie sich, wenngleich kurz angebunden und griesgrämig, bei ihm entschuldigte), setzten sie sich mit einer Schachtel Zigaretten und einer Zweiliterflasche Apfelwein auf die oberste Stufe der Treppe in Pauls Haus. Außer einem gelegentlichen Glas Sekt auf einer Hochzeit hatte Cass noch nie Alkohol getrunken. Jetzt kippte sie mit ihrem neuen Freund ein Glas Apfelwein nach dem anderen herunter. Die Unterhaltung kam nur stockend in Gang, doch nach und nach stellten sie eine Menge Gemeinsamkeiten fest: Sie stammten beide aus einfachen Verhältnissen, hatten eine einsame Kindheit verlebt und teilten die Begeisterung für die Logik, für Zahlen und für die Mathematikerin Carol Vorderman. Es schien fast, als hätte das Schicksal sie zusammengeführt. Allerdings glaubten sie nicht an so etwas wie Schicksal, da es weder etwas Greifbares noch wissenschaftlich belegt war.

Es wurde schon hell draußen, als Cass beschloss, nach Hause zu gehen. Zum Glück war es Sonntag, und sie musste erst am späten Nachmittag in den Klub zum Putzen. Allerdings musste sie etwas anderes dringend, nachdem sie sich vier Stunden nicht vom Fleck gerührt hatte, nämlich aufs Klo.

Sie stützte sich auf Jeffs Schulter ab und stemmte sich langsam hoch. Wow! Ein Schwindelgefühl packte sie. Der Alkohol pulsierte heiß durch ihre Blutgefäße. Sie machte ein paar unsichere Schritte, verlor das Gleichgewicht und stürzte, sich überschlagend wie eine Bodenturnerin bei den Olympischen Spielen, die Treppe hinunter, wobei sie Plastikflaschen, überquellende Aschenbecher sowie eine Reihe schlafender oder halb bewusstloser Zecher mit sich riss.

Es gab einen dumpfen Knall, als sie unten im Flur aufschlug. Jeff, der ihr zu Hilfe kommen wollte, reagierte aufgrund des Apfelweingehalts in seinem Blut mit einer gewissen Verzögerung. Dann gaben seine Beine unter ihm nach, und er segelte wie ein Boogieboardsurfer auf dem Bauch die Treppe hinunter, ihr hinterher. Die Brandwunden von der Reibungswärme sollten ihn noch etliche Wochen an diese Nacht erinnern.

Als er unten angekommen war, stellte er fest, dass Cass die Augen geschlossen hatte und – o Gott! – nicht mehr atmete. Er tastete nach ihrem Puls ... und fand ihn nicht. Panik ergriff ihn. Das war alles nur seine Schuld! Sie war nur gekommen, um ihm zu zeigen, wie Unrecht er hatte, und dann hatte er gemerkt, wie nett sie war und dass sie ihm eigentlich sehr ähnlich war, und jetzt war sie tot, und er hatte sie auf dem Gewissen!

Er fing an zu schwitzen und zu weinen und schrie, jemand solle einen Krankenwagen rufen, irgendetwas tun, aber nicht einmal das laute Poltern, das zwei die Treppe hinunterstürzende Menschen verursacht hatten, hatte die anderen zu wecken vermocht.

Sein Herz hämmerte, und seine Gedanken überschlugen sich. Erste Hilfe! O Gott, es war eine Ewigkeit her, dass er als Pfadfinder einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hatte. Er durchforschte fieberhaft sein Gedächtnis. Die stabile Seitenlage! Genau, das war’s – die stabile Seitenlage! Quatsch, sie war ja tot. Wozu sollte er sie noch in eine stabile Seitenlage bringen! Das nützte auch nichts mehr. Scheiße, was sollte er nur machen?

Er war kurz davor, vor Panik ohnmächtig zu werden. Wiederbelebung, schoss es ihm durch den Kopf. Mund-zu-Mund-Beatmung. Er beugte sich über sie, bog ihren Kopf so weit wie möglich zurück, presste dann die Lippen auf ihre und saugte sich daran fest. Saugen oder blasen? Scheiße, er konnte sich nicht mehr erinnern. Saugen. Nein, blasen. Oder? Doch, blasen. Er musste ihr Luft in die Lungen blasen.

Beim dritten Mal boxte ihn eine Hand so kräftig gegen die Schulter, dass er den davon verursachten blauen Fleck länger hatte als die Blutergüsse von seinem Treppensturz. »Was ...?«, stotterte er fassungslos.

»Fass mich nie wieder ohne meine Erlaubnis an!«

Er starrte auf sie hinunter. Das konnte doch nicht sein. Cass war tot. Trotzdem redete sie. Ziemlich laut sogar.

Und jetzt lächelte sie.

»Okay, du hast meine Erlaubnis. Du kannst weitermachen.« Was er auch tat.

Im folgenden Jahr passierten zwei Dinge.

Zuerst zogen Pauls Mitbewohner aus, und er fragte Jeff und Cass, ob sie nicht bei ihm einziehen wollten (nicht, wie er ihnen später gestand, weil er ihre Gesellschaft so sehr schätzte, sondern vielmehr, weil er sie für ausgemachte Spießer und es deshalb für nahezu ausgeschlossen hielt, dass sie ihre Miete nicht bezahlen, die Einrichtung demolieren oder das Haus für illegale oder unmoralische Zwecke missbrauchen würden).

Das Zweite war, dass Cass und Jeff beschlossen, künftig Freunde und kein Liebespaar zu sein. Sie hatten zwar nichts gegen eine Beziehung einzuwenden, aber neunzig Prozent ihrer Zeit gehörten ohnehin ihrem Studium. Jobben, um sich die Ausbildung finanzieren und sich mit den Feinheiten des britischen Steuersystems befassen zu können, hatte einen höheren Stellenwert für sie als Romantik. Außerdem verstand Cass die ganze Aufregung sowieso nicht. Sicher, Knutschen konnte ganz nett sein, aber das war ein mit Käse überbackener Schinkentoast auch, und der war wenigstens noch nahrhaft. Vom Knutschen bekam man nur einen Ausschlag am Kinn, sodass man aussah wie ein gewohnheitsmäßiger Klebstoffschnüffler. Und was den Sex betraf ... Na ja, das war ja ganz angenehm, die Zeit ging rum, und es wurden dabei immerhin fünfhundertfünfzig Kalorien die Stunde verbrannt, aber diese ganzen Körperflüssigkeiten – iiiih! Nein, da folgte sie lieber dem typisch britischen Trend zum Do it yourself (gemeint war natürlich nicht die Art, die, wie man in Fernseh-Doku-Soaps bestaunen konnte, eine Hütte in einen Palast verwandelte). Ihre Beziehung endete nicht mit einem Knall – wie durch ein hochexplosives Gemisch ausgelöst. Sie ließen sie sozusagen versanden. Eines Tages stellten sie fest, dass sie über einen Monat lang weder Lippen- noch sonstigen Körperkontakt gehabt hatten. Hinzu kam, dass Jeff ein gewisses Kribbeln verspürte, sooft eine neue, zierliche Bardame namens Cindy in seine Nähe kam. Von der Jungfrau zum Schürzenjäger war es nur ein kleiner Schritt, das wusste jeder. Jeff erkannte, dass er für die Liebe gemacht war – könnte man sagen. Sicher war er sich allerdings nicht.

Als sie sich für ihr Jahresabschlussexamen im Mai vorbereiteten, sprach Jeff das Thema in einer kurzen Kaffeepause an.

Wenn es um Gefühle, bestimmte körperliche Aktivitäten oder feste Bindungen ging, legte er das typisch männliche Verhalten an den Tag, das dem starken Geschlecht im Lauf der Jahrhunderte geradezu zur zweiten Natur geworden ist: Der Schweiß brach ihm aus, er stotterte nervös und versuchte verzweifelt, seine Augen davon abzuhalten, hektisch den Raum nach Fluchtwegen abzusuchen. Cassandra erkannte die Lage sofort. Noch bevor Jeff ein einziges Wort gesagt hatte, hatte sie die ganze sich anbahnende Unterhaltung analysiert und sich eine passende Reaktion samt Antwort zurechtgelegt.

»Cass, hör mal, was würdest du davon halten, wenn wir, äh, unsere ...«

Sie legte ihre Hand auf seine. Wozu ihn länger leiden lassen? Außerdem wollte sie zurück an ihre Arbeit. »Du brauchst nichts zu sagen, Jeff. Ich bin ganz deiner Meinung. Freunde?«

Er nickte erleichtert und dankte insgeheim dem – zweifellos männlichen – guten Geist, der dafür gesorgt hatte, dass es so leicht gewesen war, seiner ersten Freundin den Laufpass zu geben. »Danke, Cass«, sagte er lächelnd.

Sie zuckte die Schultern. Kein Problem. Noch zehn Kapitel, dann hatten sie ihr Pensum für heute geschafft. Und dann bliebe vielleicht noch Zeit für ein klein wenig Do it yourself.

Paul merkte erst nach etwa drei Wochen, dass die Beziehung seiner Mieter offenbar in die Brüche gegangen war. Kein Wunder – die beiden hatten sich nie leidenschaftlich verliebt gezeigt oder gevögelt wie Pornodarsteller auf dem Viagra-Trip. Erst als Jeff vorschlug, eine Party zu geben, damit er Cindy in die Enge treiben und anbaggern konnte, was das Zeug hielt, wurde Paul klar, dass ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Märchenprinz auf Abruf" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen