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Märchenmond

Wolfgang und Heike Hohlbein



MÄRCHENMOND

Roman nach dem Bestseller
zum Familienmusical
von
Christian Gundlach

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Warum musste ein Ort, der doch eigentlich einem so guten Zweck diente, nur so traurig aussehen?, dachte Kim.

Dabei war das Zimmer hell und hatte ein großes Fenster, durch das warmes Sonnenlicht hereinströmte, und die Wände waren in einem freundlichen Cremeton gestrichen, der den Augen schmeichelte. Weder von dem typischen Krankenhausgeruch war etwas zu spüren, noch erinnerten die Möbel an ein Hospital. Ganz im Gegenteil hätte die Einrichtung auch aus einem liebevoll ausgestatteten Kinderzimmer stammen können, und die Luft roch ein bisschen nach Wald und wegen des gepflegten Parks, der sich hinter dem Fenster ausbreitete, auch ganz entfernt nach frisch gemähtem Gras. Die Krankenschwestern hier trugen hübsche Kostüme statt einschüchternder weißer Kittel und hatten immer ein Lächeln auf den Lippen. Und selbst die Ärzte wirkten optimistischer, selbst wenn sie gerade eine ganz schlimme Nachricht brachten. Sie gaben sich wirklich alle Mühe. Und trotzdem gelang es Kim nicht, die Tränen zu unterdrücken.

Er hatte sich zum Fenster gedreht, damit niemand die Nässe in seinen Augen sah. Schließlich war er kein kleines Kind mehr, das bei jeder Gelegenheit einfach so losflennte, sondern schon fast erwachsen, und es wäre ihm peinlich gewesen, hätten seine Eltern die Tränen in seinen Augen gesehen. Dass sie beide selbst mit großer Mühe um Fassung rangen, änderte daran gar nichts.

Die Tür des kleinen Krankenzimmers ging auf und ein älterer Mann in einem blauen Kittel trat ein. Kim wagte es immer noch nicht, sich umzudrehen, sondern beobachtete ihn nur in der Spiegelung der Fensterscheibe vor sich. Trotzdem erkannte er, dass es sich nicht um einen der Ärzte handeln konnte, wie er im allerersten Moment angenommen hatte – und sein Vater offensichtlich auch, denn er drehte mit einem Ruck den Kopf und sah ein bisschen verwirrt aus, selbst in der blassen Spiegelung auf der Scheibe.

Der Mann würdigte weder seine Eltern noch die schlafende Gestalt in dem schmalen Bett eines Blickes, sondern nickte nur in die Runde und zog die Tür hinter sich zu. Ärzte, entschied Kim, trugen wahrscheinlich nicht einmal in diesem ganz besonderen Krankenhaus Blaumänner, und vermutlich trugen sie auch das Haar nicht rückenlang und zu einem weißen Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden.

Und außerdem zogen sie ganz bestimmt keine kleinen Wägelchen mit Putzeimer, Wischmopp und anderen Putzutensilien hinter sich her …

Sein Vater schien wohl zu demselben Schluss gekommen zu sein, denn er machte eine unwillige Geste und fragte leise, aber sehr scharf: »Das meinen Sie aber jetzt nicht wirklich ernst, oder? Sehen Sie nicht, dass wir hier …?«

Kims Mutter legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter und brachte ihn auf diese Weise nicht nur zum Schweigen, sondern hinderte ihn vermutlich auch daran, noch etwas viel Unhöflicheres zu sagen. Kim sah seinen Vater verwundert an. So kannte er ihn gar nicht. Aber schließlich waren sie ja auch noch nie in einer so schlimmen Situation wie dieser gewesen.

Sein Vater hatte sich sogleich wieder unter Kontrolle und beließ es lediglich bei einem abschließenden bösen Blick auf den Putzmann, der vollkommen ungerührt Eimer und Wischmopp von seinem Karren nahm und mit seiner Arbeit begann, als ginge ihn das alles hier gar nichts an. Kim drehte rasch den Kopf, als sein Vater nun in seine Richtung sah und seinen Blick in der Spiegelung auf der Fensterscheibe einzufangen versuchte. Er sagte nichts, aber Kim konnte seinen Blick fast körperlich spüren.

Er kam sich feige vor, und irgendwie war er es auch … aber verdammt, er hatte einfach nicht den Mut, sich umzudrehen und wieder an das schmale Bett heranzutreten, auf dem seine kleine Schwester mit dem Tode rang!

Allein der Gedanke trieb ihm schon wieder die Tränen in die Augen. Er biss sich auf die Zunge, um wenigstens ein Schluchzen zu unterdrücken, schluckte den bitteren Kloß herunter, der plötzlich in seiner Kehle war, und raffte schließlich all seine Kraft zusammen, indem er sich in Gedanken nicht nur einen Feigling nannte, sondern sich noch mit allerlei anderen und sehr viel unfreundlicheren Bezeichnungen belegte. Schließlich zog er hörbar die Nase hoch, fuhr sich noch einmal mit dem Handrücken über die Augen, um die Tränen wegzuwischen, und drehte sich vom Fenster weg. Er war noch mitten in der Bewegung, als etwas Unheimliches geschah: Wahrscheinlich war es nur ein Lichtreflex auf dem Fenster und das heiße Brennen seiner eigenen Tränen, die es ihm vorgaukelten – aber für einen ganz kurzen Moment glaubte er, ein schmales und schrecklich bleiches Gesicht zu sehen, das ihn aus dem spiegelnden Glas heraus ansah.

Dann blinzelte er, und der Spuk war so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Trotzdem blieb er mit klopfendem Herzen noch einen Moment stehen und fragte sich, ob es tatsächlich nur Einbildung gewesen war oder … na ja, etwas anderes eben. Er hätte wahrscheinlich noch länger darüber nachgedacht, hätte sich sein Vater nicht schließlich auf eine ganz bestimmte Art geräuspert und dann gefragt:

»Ist alles in Ordnung, Kim?«

Natürlich war rein gar nichts in Ordnung, aber Kim wusste, was sein Vater meinte, und beeilte sich nun, an Rebekkas Krankenbett heranzutreten. Jetzt brauchte er all seinen Mut, um den Anblick zu ertragen.

Dabei sah Rebekka so friedlich aus, als schliefe sie nur … aber vielleicht war es ja gerade das, was es so schlimm machte. Ein Teil von ihm war beinahe erleichtert gewesen, als er hereingekommen war und seine Schwester nicht in dicke Verbände eingewickelt oder totenbleich und mit vor Krankheit ausgezehrtem Gesicht in ihrem Bett liegend vorgefunden hatte – und zugleich wünschte er sich fast, dass es so wäre. So schrecklich der Gedanke auch sein mochte … es wäre fast leichter zu ertragen, als sie so vermeintlich schlafend zu sehen, eingesponnen in ein Netz aus Schläuchen und Drähten und von piepsenden und blinkenden Apparaten umgeben, die sie zu belagern schienen wie eine Armee bizarrer verchromter Ungeheuer.

»Hat der Arzt gesagt, wann sie wieder aufwacht?«, fragte er. »Ungefähr wenigstens?«

Seine Mutter schüttelte stumm den Kopf. Auch sie hatte jetzt Tränen in den Augen, und die Stimme seines Vaters klang belegt, als er an ihrer Stelle antwortete: »Das wissen wir nicht. Und die Ärzte auch nicht. Sie geben es nicht zu, aber sie stehen genauso vor einem Rätsel wie wir.«

Kim hatte ein seltsames Gefühl bei diesen Worten. Sie klangen … falsch in seinen Ohren. Der Kloß in seinem Hals war wieder da, noch schmerzhafter und bitterer als zuvor, und ganz plötzlich hatte er das Gefühl, angestarrt zu werden.

Alarmiert sah er auf, aber da war nichts. Sie waren allein im Zimmer, abgesehen von der seltsamen männlichen Reinigungskraft. Der Mann sah aber nicht einmal in ihre Richtung, sondern konzentrierte sich ganz auf die Arbeit.

Kim musste wieder an das bleiche Gesicht denken, das ihn – scheinbar – von der Fensterscheibe aus angesehen hatte. So verrückt ihm der Gedanke auch vorkommen mochte, er hatte mehr und mehr das Gefühl, dass es Rebekkas Gesicht gewesen war.

Unsinn!

»Aber es war doch nur eine harmlose Blinddarmoperation«, murmelte er nun in Richtung seines Vaters. »Wieso wacht sie dann nicht wieder auf?«

Weil ich gefangen bin! Weil mich jemand festhält. Du musst mir helfen, Kim!

Jetzt kostete es ihn wirklich all seine Willenskraft, nicht herumzufahren und zum Fenster zu sehen, aus dessen Richtung das unheimliche Flüstern zu kommen schien.

Natürlich wusste Kim, dass es diese Stimme so wenig gab wie Rebekkas Gesicht im Glas. Beides war nichts als ein böser Spuk, mit dem ihn seine eigene Fantasie quälte – als ob die Wirklichkeit nicht schon schlimm genug wäre!

»Es gibt keine harmlosen Operationen«, sagte seine Mutter leise. Sie streckte die Hand aus, um Rebekkas bleiche Wange zu streicheln. Einer ihrer verchromten Wächter begann protestierend zu piepsen, und sie zog den Arm so erschrocken wieder zurück, als hätte sie sich verbrannt.

»Jede Narkose birgt ein gewisses Risiko«, bestätigte sein Vater traurig. »Sie weisen einen darauf hin, und man muss es sogar unterschreiben und tut es natürlich auch, weil man der Meinung ist, dass es sowieso immer nur die anderen trifft …«

»Aber dann trifft es einen doch selbst«, führte Kims Mutter den Satz zu Ende. Ihre Stimme war ganz leise. Tränen liefen über ihr Gesicht. »Ich fühle mich so schrecklich hilflos! Niemand kann ihr helfen!«

»Sie wacht einfach nicht auf?«, fragte Kim, obwohl er die Antwort längst kannte. Doch er konnte einfach nicht begreifen, was mit seiner Schwester passierte. Auch seine Stimme zitterte jetzt, und plötzlich liefen ihm die Tränen über die Wangen. Aber er schämte sich ihrer nicht.

»Bestimmt wacht sie wieder auf«, widersprach seine Mutter. »Sie ist stark! Sie wird kämpfen!«

Aber meine Kraft reicht nicht. Du musst mir helfen, Kim! Du bist der Einzige, der das kann!

»Ja, das wird sie«, sagte Kims Vater leise. Es klang nicht wie etwas, woran er selbst glaubte, und Kim sah ihm an, dass auch er die Tränen kaum noch zurückhalten konnte.

Hinter ihnen polterte es, und Kim und sein Vater fuhren gleichzeitig herum und sahen, dass der Putzmann mit dem Mopp gegen seinen Eimer gestoßen war und einen Teil des Inhalts verschüttet hatte. Die Pfütze schimmerte wie ein kleiner See im Licht eines verzauberten Mondes.

»’tschuldigung«, murmelte er und begann, gemächlich die Pfütze aufzuwischen.

»Muss das jetzt wirklich sein?«, fragte Kims Vater scharf. »Passen Sie doch wenigstens auf!«

»Er macht nur seine Arbeit«, erwiderte Kims Mutter.

»Ja, aber muss das jetzt sein? Ein bisschen mehr Respekt vor …«

»Wenn Rebekka von dem Lärm aufwacht, soll’s mir recht sein«, sagte Kims Mutter. Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Wenn du zu Hause staubsaugst, dann hält sie sich immer die Ohren zu«, meinte Kim. Einer der wachsamen Computer ließ ein zustimmendes Piepsen hören und Kims Vater lächelte ebenso traurig.

»Dann solltest du morgen vielleicht deinen Staubsauger mitbringen.«

»Und den Mixer, den Rasenmäher, die Stereoanlage und die Waschmaschine, wenn sie davon aufwacht«, antwortete seine Mutter. Sie tauschte ein kurzes, erschöpftes Lächeln mit ihrem Mann, und der Putzmann hörte für einen Moment auf, die schmuddelige Pfütze mit dem Mopp gleichmäßig auf dem Fußboden zu verteilen.

Besonders talentiert war er nicht, fand Kim. Eigentlich machte er es noch schlimmer.

Der Mann sah ihn auf eine wirklich seltsame Art an. Kim konnte nicht sagen, wie. Seltsam eben, aber nicht unfreundlich. Eher, als wüsste er etwas und wundere sich ein bisschen, dass er der Einzige war.

Das wird mir nicht helfen. Du musst mich finden, Kim! Du bist der Einzige, der stärker ist als er!

»Er?«, fragte Kim.

Seine Mutter sah ihn fragend an und sein Vater runzelte verwirrt die Stirn. »Wer?«, fragte er. Und täuschte er sich, oder sah der angebliche Putzmann jetzt irgendwie … zufrieden aus?

»Nichts«, antwortete Kim hastig. Das fehlte noch, dass seine Eltern ihn für verrückt hielten.

Wenn er es nicht schon war.

Der Putzmann lächelte und fuhr fort, das Zimmer unter Wasser zu setzen.

»Wir sollten jetzt gehen«, sagte sein Vater leise. »Wir können im Moment nichts für deine Schwester tun. Sie schläft. Vielleicht träumt sie ja.«

»Ein schöner Traum«, murmelte Kim bitter. »Er muss ja ganz besonders sein, wenn sie gar nicht mehr daraus aufwachen will!«

Ich will ja. Aber ich kann nicht! Er lässt mich nicht!

»Erinnert ihr euch an die Geschichten, die sie immer erzählt hat? Von ihrem eigenen Land? Der Welt, die sie in ihren Träumen besucht?«

»Märchenmond«, sagte seine Mutter leise. Sie seufzte. Vielleicht war es auch ein unterdrücktes Schluchzen. »Sie ist mir manchmal richtig damit auf die Nerven gegangen. Ständig hat sie diese verrückten Geschichten erzählt.«

»Von Burgen und Schlössern«, sagte Kim. »Ich weiß.« Ihm war Rebekka manchmal mehr als nur ein bisschen auf den Wecker gegangen mit ihrem ständigen Geplapper von Elfen und Zwergen und Riesen und Feen und all dem anderen Kleinkinder-Humbug.

»Lasst uns gehen«, sagte sein Vater noch einmal. »Hier können wir sowieso nichts mehr tun.«

»Und Drachen und Riesen«, fuhr Kim fort.

»Der Oberarzt hat mir versprochen, uns sofort anzurufen, wenn sie aufwacht oder sich irgendetwas tut«, sagte sein Vater.

»Berge so hoch wie der Himmel.«

Seine Mutter beugte sich vor und hauchte Rebekka einen Kuss auf die Stirn. »Komm zurück«, flüsterte sie.

»Und Zauberer und Ritter«, schloss Kim. »Und reißende Flüsse und schattige Wälder.«

Der Putzmann hielt abermals in seinem Tun inne und maß ihn nun mit einem eigentümlichen Lächeln. Das Flüstern tief unter seinen Gedanken klang jetzt schon fast verzweifelt. Du bist ganz nah dran! Ja! Gib nicht auf, Kim!

»Kommst du, Kim?«, fragte sein Vater. »Es ist spät.«

»Kann ich … noch eine Weile bleiben?«, bat Kim stockend. Er war so durcheinander, dass es ihm schon fast schwerfiel, zu sprechen. In seinem Kopf ging alles drunter und drüber, und seine Knie begannen zu zittern. Sein Verstand beharrte darauf, dass er sich das alles nur einbildete und es ganz und gar unmöglich war. Aber zugleich war es auch so echt, und fast meinte er, das Rauschen der Blätter im Wind zu hören und das Zwitschern der Vögel, das Plätschern von kristallklarem Wasser in Bächen, die noch keines Menschen Fuß überschritten hatte …

»Also gut«, seufzte sein Vater. »Fünf Minuten. Wir können ja schon mal den Wagen aus dem Parkhaus holen.«

Kim hörte gar nicht richtig hin, sondern nickte nur und trat noch näher an Rebekkas Bett heran, um sich über sie zu beugen. Eine ganze Batterie von Computern und Monitoren begann protestierend zu piepsen und blinken, aber darauf achtete er gar nicht. »Wie war das mit den Zauberern und Rittern?«, fragte er.

Sein Vater seufzte noch tiefer. »Also gut. Aber in fünf Minuten kommst du zum Haupteingang. Verstanden?«

Kim nickte geistesabwesend und murmelte irgendeine Antwort, die er nicht einmal selbst verstand, und seine Eltern verließen das Krankenzimmer. Neben ihm hielt der Putzmann in seiner Arbeit inne und wartete, bis sein Vater die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann sagte er ruhig:

»Es ist kein trauriger Ort.«

Kim sah ihn an, blinzelte, sah ihn noch einmal an, blinzelte erneut und sah – nein, starrte – ihn dann noch einmal an. Etwas an dem Mann war anders, aber es war so anders, dass Kim im allerersten Moment einfach zu perplex war, um den Unterschied zu begreifen.

»Dieser Ort ist nicht traurig«, sagte der Putzmann, der plötzlich kein Putzmann mehr war, sondern eine sehr große, in ein langes weißes Gewand gekleidete Gestalt. Das Haar fiel ihm jetzt offen bis weit über die Schultern, und statt eines Wischmopps hielt er einen knorrigen weißen Stab in den Händen. Auf eine schwer zu beschreibende Art war er älter geworden und hatte ein gütiges, von einem schlohweißen langen Bart eingerahmtes Gesicht.

»Es sollte eigentlich ein Ort der Hoffnung sein«, fuhr er fort, als Kim nicht antwortete, sondern ihn nur weiter mit offenem Mund anstarrte. »Es sind die Menschen, die ihre Furcht und ihren Kummer mit hierherbringen. Dabei bräuchten doch die, die sie hier besuchen, nichts mehr als ein bisschen Hoffnung und Mut.«

Er lächelte das Lächeln eines gütigen und weisen Großvaters und fuhr dann fort: »Deine Schwester ist in großer Gefahr. Aber das weißt du ja sicher schon.«

»Wer … wer sind Sie?«, stammelte Kim.

»Gandalf«, antwortete der alte Mann lächelnd. »Oder auch Merlin, Imhotep … man hat mir schon viele Namen gegeben. Manche davon hast du wahrscheinlich noch nie gehört und ein paar könntest du nicht einmal aussprechen.« Er lachte, leise und sehr gutmütig. »Du kannst dir einen Namen aussuchen, wenn du es möchtest. Aber bei ihren Reisen durch Märchenmond hat mich deine Schwester immer Themistokles genannt.«

»Märchenmond«, murmelte Kim. Plötzlich war ihm ganz kalt.

»Das ist das Land deiner Träume«, sagte Themistokles. »Und der deiner Schwester.«

»Dann ist Rebekka … jetzt dort?«, fragte Kim stockend.

»Sie hat das Schattengebirge überquert«, sagte Themistokles traurig.

»Was ist das?«

Sein Reich, Kim! Er hält mich dort gefangen! Du bist der Einzige, der mich retten kann!

»Niemandem zuvor ist es gelungen, das Schattengebirge zu überqueren«, fuhr Themistokles fort. »Es trennt das Reich des Lichts von dem der Dunkelheit. Der schwarze Zauberer Boraas hält deine Schwester dort gefangen.«

»Reich der Dunkelheit?«, wiederholte Kim. »Schwarze Zauberer? Hast du es … ich meine: Haben Sie es vielleicht ein bisschen weniger dick?«

Der Zauberer – er hatte es nicht gesagt, aber Kim wusste einfach, dass er ein Zauberer war – lächelte sanft, seine Augen jedoch blieben ernst. »Du weißt, dass ich recht habe, nicht wahr? Lausche in dich hinein, und du wirst erkennen, dass ich die Wahrheit sage.«

Kim tat nichts dergleichen, doch er sah wieder auf seine schlafende Schwester hinab, und es war seltsam: Da war nicht einmal eine Spur von Zweifel. Er wusste einfach, was er zu tun hatte. Sie war seine Schwester.

»Und wie kann ich ihr helfen?«, fragte er.

»Es ist ganz einfach.« Themistokles lächelte. »Du musst es nur wollen. Aber jeder muss seinen eigenen Weg nach Märchenmond finden.«

 

Es war so dunkel, dass ihm die Finsternis beinahe wie etwas vorkam, das er anfassen konnte. Sie hüllte ihn ein wie eine kalte, unzerreißbare Decke und machte ihm das Atmen schwer. Gleichzeitig hatte er das unheimliche Gefühl, dass in dieser Dunkelheit etwas lauerte. Möglicherweise etwas, das ihm nicht wohlgesonnen war.

Wo war er überhaupt? Mit klopfendem Herzen sah sich Kim um und erblickte genau dasselbe wie zuvor – nämlich nichts. Also konzentrierte er sich stattdessen auf die Frage, wie er hierhergekommen war – wo immer dieses Hier sein mochte. Er hatte eine vage Erinnerung, aber sie war so verrückt, dass es nur ein Albtraum sein konnte. Er hatte sich in schwindelerregende Höhen hinaufgeschwungen, über Berge und Täler, in den Weltraum und die tiefsten Schluchten, bis zur Sonne und wieder zurück …

Nein, beschloss er. Es konnte nur ein Traum gewesen sein.

»Hallo?«, rief er.

Er bekam keine Antwort, aber nach einem Moment meinte er, das Echo seiner eigenen Stimme zu hören – verzerrt und so unheimlich kalt wie von einer Mauer aus hartem Stein zurückgeworfen. War er … gefangen? Und wenn ja, warum?

Kim versuchte, sich mit aller Gewalt noch einmal an den letzten Moment im Krankenzimmer zu erinnern, erreichte damit aber nur, dass das Durcheinander hinter seiner Stirn noch schlimmer wurde. Da war allerdings noch etwas. Etwas, was der vermeintliche Putzmann gesagt hatte: Jeder muss seinen eigenen Weg nach Märchenmond finden … oder etwas in dieser Art.

Und was sollte dieser Unsinn jetzt bitte schön wieder heißen?

»Themistokles?«, rief Kim. »Bist du da?«

Wieder bekam er nur dieses unheimlich verzerrte Echo zur Antwort, und dann meinte er etwas wie Schritte zu ...

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