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Märchenhaft verführt

PROLOG

Lena West verstand die Frage nicht. Es hatte irgendwas zu tun mit der Eulerschen Formel und einer komplexen Zahl z, aber mehr begriff sie nicht. Seufzend ließ sie den Stift auf das Karopapier fallen und legte die Handflächen über die Augen. Jetzt musste sie zumindest das Meer nicht mehr sehen, das blau und verlockend durch das Fliegengitter der Eingangstür leuchtete.

Schule und Sommer, das passte einfach nicht zusammen. Vor allem dann nicht, wenn der Strand nur ein paar Meter vom Haus entfernt lag und ihr älterer Bruder sich direkt nach Schulschluss in die Wellen stürzte.

Es ist nicht gerecht, dass Jared seine Mathematikhausaufgaben nebenbei im Kopf rechnen kann, dachte die Siebzehnjährige. Und dass ihre beiden jüngeren Geschwister Wunderkinder waren, die diese Frage in weniger als zehn Sekunden beantwortet hätten, verbesserte Lenas Laune auch nicht gerade.

Die vierzehnjährige Poppy hätte ihr zweifellos geholfen, aber sie war in einer Hochbegabtengruppe an der Universität von Queensland angenommen worden und verbrachte deshalb die meiste Zeit in Brisbane. Und auch Damon, ein Jahr jünger als Poppy, war gerade nicht zu Hause. Er musste wieder einmal nachsitzen – er hoffte, wenn er genügend Unsinn in der Schule anstellte, könnte er es vermeiden, ebenfalls in den Hochbegabtenprogrammen zu landen. Lena unterstützte ihn in seiner Meinung, auch wenn sie nicht glaubte, dass er damit durchkam.

Wenn man so brillant war wie er, blieb das nicht unbemerkt.

Darüber zumindest musste sie selbst sich keine Gedanken machen.

Wieder seufzte sie, dann griff sie nach ihrem Stift. Frage sechs wartete immer noch auf sie und schien sie zu necken. Eine simple Frage, die jeder in ihrer durchgeknallten Familie im Schlaf hätte beantworten können.

„Schwachkopf“, murmelte sie.

„Wen meinst du?“, erklang eine angenehm tiefe Stimme hinter ihr, und Lena erschrak zu Tode. Sie hatte niemanden kommen hören, doch die Stimme war ihr bestens bekannt. Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich noch mehr, als sie sich umdrehte und Adrian Sinclair entdeckte. Er wohnte zwei Häuser weiter und war schon seit dem Kindergarten Jareds bester Freund.

„Kannst du nicht anklopfen?“, fuhr sie ihn an und wusste schon in dem Moment, als sie den Mund öffnete, dass das eine dumme Bemerkung war. Adrian musste nicht anklopfen – er wohnte quasi bei den Wests.

„Ich wollte deinen Gedankenfluss nicht stören.“

„Hast du aber.“

Adrians Grinsen wurde noch breiter. „Du hast ‚Schwachkopf‘ gemurmelt. Und ich habe angenommen, du meintest mich.“

„Schwachkopf.“

„Siehst du, genau das meine ich.“

Als Lena in Adrians fröhlich blitzende braune Augen sah, kostete es sie enorme Willenskraft, ernst zu bleiben. „Dein umwerfendes Lächeln wird dich nicht weiterbringen.“

„Das kannst du so nicht sagen“, entgegnete er unbekümmert. „Ist Jared zu Hause?“

„Draußen.“ Mit einem Kopfnicken deutete Lena Richtung Pazifik. Das Meer schimmerte noch immer verlockend blau. Jared kam gerade aus dem Wasser, sein Surfbrett unter dem Arm. „Warum seid ihr eigentlich nicht zusammen surfen gewesen?“

„Und warum sitzt du hier drinnen?“, gab Adrian zurück.

„Ich schreibe morgen eine Mathearbeit, Trigonometrie.“ Lena verdrehte die Augen. Adrian hatte die gleichen Fächer gewählt wie Jared, und damit auch nahezu die gleichen wie sie. Ihr Bruder und sein Freund waren eine Klasse über ihr. „Was weißt du über die Eulersche Formel und über komplexe Zahlen?“

Adrian kam ein Stück näher und blickte über ihre Schulter. „Welche Aufgabe verstehst du nicht?“

„Die sechste.“

„Das ist die Zusatzaufgabe, die kannst du auslassen.“

„Stell dir einfach vor, das ginge nicht.“ Und sie hatte tatsächlich keine Wahl. Nicht in dieser Familie.

„Gut.“ Adrian nahm das Schulbuch und blätterte gezielt, als wüsste er genau, wo er suchen müsste. Er hatte breite Handgelenke. Große, kräftige Hände. Muskulöse Finger, schwielig vom Kitesurfen. Plötzlich spürte Lena den unwiderstehlichen Drang, ihre Handfläche auf seine zu legen und den Größenunterschied zu messen. Sie wollte wissen, wie warm und groß und rau sich seine Hände anfühlten …

Das Buch landete wieder auf ihrem Schreibtisch, sie spürte Adrians Brustkorb an ihrer Schulter. Verdammt, wie heiß es hier im Haus war.

„Nimm dir einen Stuhl“, bot sie an. Es war besser, ein bisschen Abstand zu ihm zu gewinnen.

„Ich hab den ganzen Tag gesessen“, lehnte er ab.

Unruhig rutschte Lena auf ihrem Stuhl hin und her und nahm Adrians Duft wahr, der so besonders war, würzig und verlockend. Er wirkte frisch und sauber – und das nach einem Nachmittag mit Sportunterricht. Als hätte er sich die Zeit genommen zu duschen, ehe er hergekommen war. Aber das konnte nicht sein, schließlich hatte er geplant, mit Jared aufs Wasser zu gehen.

„So“, begann er, sein Tonfall ruppiger als sonst. „Aufgabe sechs.“

Ach ja, Aufgabe sechs. Lena konzentrierte sich wieder auf das Buch. Nicht auf die Hände! Auf das Buch! „Ich habe versucht, eine …“

„Was ist denn hier los?“, erklang eine Stimme von der Terrassentür. Lena kannte jede Nuance dieser Stimme so gut, dass sie nicht einmal hochschauen musste, um zu wissen, dass Jared seine finsterste Miene aufgesetzt hatte.

Dennoch sah sie auf und begegnete dem Blick ihres Bruders mit einer gewissen Neugier. Er hatte widerspenstiges schwarzes Haar, ebenso wie sie, allerdings war ihres länger und noch ungebändigter als seins. Seine Augen waren von einem unglaublichen Blau, während ihre manchmal grau wirkten. Beide Geschwister waren groß und sportlich. Lena hoffte noch immer, dass sie ein paar weiblichere Formen bekommen würde, bisher jedoch vergeblich. Und auch sie konnte so finster blicken wie ihr Bruder gerade. Die Familienähnlichkeit war verblüffend.

„Was ist los mit dir? Sind nicht genug Mädchen vom Jared-West-Fanclub am Strand?“ Jared war ein Frauenschwarm, und viele Mädchen freundeten sich nur mit Lena an, um ihren Bruder kennenzulernen. Das wäre nicht schlimm gewesen, wenn Jared seine Freundinnen nicht im rasenden Tempo gewechselt hätte. Die meisten von ihnen gaben dann auch die Freundschaft zu Lena auf.

„Ihr Problem“, hatte Jared schulterzuckend gemeint, als sie sich bei ihm über die Treulosigkeit ihrer Freundinnen beschwert hatte. Wenigstens hatte er verstanden, dass er schuld war an ihrer Misere, und seither nahm er sie häufiger mit. Wenn auch vielleicht nur aus Mitleid.

Auf sein Mitleid hätte sie gern verzichtet, aber sie hatte keine Wahl.

„Ich habe gefragt, was hier los ist“, wiederholte er jetzt mit eisiger Stimme.

„Wir machen Trig…“, erklärte Lena und hoffte, die klare Antwort werde ihn besänftigen.

Jared musterte seinen Freund. „So nennt sie dich also?“

Mit unergründlicher Miene hielt Adrian dem Blick stand. „Wenn dir irgendwas nicht passt, J, spuck’s aus.“

Immer wieder ließ Jared den Blick zwischen seiner Schwester und Adrian hin und her wandern. Fast unmerklich straffte Adrian sich, und es schien etwas zwischen den jungen Männern vorzugehen, für das Lena keine Antenne hatte.

„Du kennst die Regeln“, sagte Jared kurzum.

„Welche Regeln?“, gab Lena zurück.

„Er glaubt, ich wolle dich anmachen“, erklärte Adrian schließlich nach einem unerträglich langen Schweigen. „Und das gefällt ihm nicht.“

„Wie bitte?“ Seine knappe Antwort barg gleich doppelt Zündstoff: Zum einen stellte sich die Frage, ob Adrian sie wirklich so sehr mochte, dass er sie anmachen wollte. Aber das machte die zweite Behauptung nicht besser. „Jared West, hast du vor, meine potenziellen Freunde zu vergraulen? Wenn das so ist … und wenn ich es herausfinde …“ Wütend funkelte sie ihn an. „Hat Ty Chester mich deshalb nicht gefragt, ob ich mit ihm zum Schulball gehen will? Ich weiß nämlich, dass er es vorhatte. Und dann hat er es doch nicht getan.“

„Nein, das lag ganz allein an dir“, gab Jared zurück. „Er befürchtete, du würdest im Gegenzug von ihm verlangen, mit dir Drachenfliegen zu gehen. Und soweit ich weiß, hat er Höhenangst.“

„Eigentlich hat er sogar Angst vor seinem eigenen Schatten“, ergänzte Adrian.

„Na ja, vielleicht hätte ich diesen zurückhaltenden, attraktiven Typen trotzdem gern näher kennengelernt.“ Denn Ty Chester war ungewöhnlich hübsch, das war eine Tatsache. Und es hätte sie nicht umgebracht, den Abend mit einem Jungen zu verbringen, den sie nicht seit ihrer Geburt als Helden verehrte.

„Den hättest du doch zum Frühstück verspeist“, meinte Jared.

„Ja, genau das hatte ich vor. Jared, ich schwöre dir, sollte ich jemals erfahren, dass du dich in mein Liebesleben einmischst, mache ich dir das Leben zur Hölle. Und deins auch“, wandte sie sich an Adrian.

„Meins ist bereits die Hölle“, murmelte Adrian und erntete ein verächtliches Schnauben von Jared. Wieder so ein geheimer Austausch zwischen den beiden, den Lena nicht verstand. Das kannte sie schon, und meistens störte es sie nicht. Heute aber war das anders.

„Verzieht euch, ihr zwei.“

„Ja, Trig“, neckte Jared seinen Freund, „komm, wir verziehen uns.“

„Pass auf, dass ich dich nicht beim Surfen ertränke“, drohte Adrian.

Ungerührt zeigte Jared ihm den Mittelfinger.

„Seid ihr noch beim Vorspiel?“, erkundigte sich Lena. „Wenn ja, macht es bitte woanders. Ich versuche, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren.“ Dummerweise lenkte sie damit Jareds Aufmerksamkeit wieder auf das Buch.

„Seit wann brauchst du Hilfe in Mathe?“, wollte er wissen.

„Seit es so schwierig geworden ist“, gab Lena zurück. „Was für eine blöde Frage.“

„Ernsthaft – verstehst du wirklich die Grundlagen der Trigonometrie nicht?“

„Genau deshalb vermute ich, dass ich nicht wirklich mit dieser Familie verwandt bin“, wandte sich Lena an Adrian. „Wahrscheinlich hatte meine Mutter ein Verhältnis mit dem Postboten.“

„Vielleicht. Aber du bist verdammt taff“, erwiderte Adrian. „Wen interessiert es schon, ob du ein bisschen länger brauchst für deine Hausaufgaben als deine Geschwister? Letztendlich wirst du es schaffen.“

„Ja, aber nicht schnell genug. Und dann werden sie mich verstoßen. So ist das, wenn man nicht mithalten kann.“

„Wann hast du jemals nicht mithalten können?“, kam es jetzt von Jared, der sich in seinem Leben noch nie hatte anstrengen müssen. Er war stets an vorderster Front, immer der Anführer. Lena dagegen schaffte es gerade so, nicht den Anschluss zu verlieren.

Es kostete sie immer mehr Mühe. Mit Schrecken sah sie, wie die Kluft zwischen dem, was ihre Geschwister konnten, und ihren Talenten immer weiter auseinanderklaffte. Sie war ein ganz gewöhnlicher Mensch in einer außergewöhnlichen Familie.

„Würdet ihr mich verstoßen, wenn ich versagte?“, fragte sie. Sprachlos sah Jared sie an.

Adrian betrachtete sie mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck. Als wüsste er nicht recht, warum sie all das gerade jetzt zur Sprache brachte. Und tatsächlich wusste Lena das selbst nicht genau. Eigentlich ging es nur um Mathematik.

„Nimm’s mir nicht übel“, bat sie verlegen.

„Du wirst nicht versagen.“ Jared hatte seine Sprache wiedergefunden. „Dafür sorge ich schon.“

Er hatte es immer noch nicht verstanden. „Aber vielleicht ist das einfach mein ganz persönliches Level.“

„Unsinn. Mach dich selbst nicht so schlecht“, widersprach ihr Bruder.

„Keiner wird zulassen, dass jemand zurückbleibt“, mischte sich Adrian diplomatisch ein. „Und Jared wird dich ganz gewiss nicht verstoßen. Du stehst unter seinem ganz persönlichen Schutz. Hast du nicht bemerkt, dass er mich keulenschwingend wie ein Höhlenmensch verfolgt, sobald ich dich nur von der Seite ansehe?“

„Ich glaube, er will eher dich beschützen als mich“, widersprach Lena.

„Habt ihr je darüber nachgedacht, dass ich vielleicht euch beide beschützen will?“, kam es von Jared.

„Ein Kontrollfreak“, stöhnte Lena, und Adrian nickte zustimmend. Daraufhin brach sie in lautes Gelächter aus, und der Bann war gebrochen.

„Wie wär’s, wenn wir noch mal von vorne anfingen?“, schlug sie vor.

„Aber ohne deine Gefühlsduselei“, beschwor Jared sie.

„Du willst die nackten Tatsachen?“ Lena tippte sich mit dem Stift gegen die Brust. „Diese geistig minderbemittelte junge Frau braucht ein wenig Hilfe in Mathematik, ehe sie surfen gehen kann. Und zwar bei Aufgabe sechs.“

So hatte Lena in diesem Sommer zwei Nachhilfelehrer und Adrian Sinclair bekam den Spitznamen Trig.

Und er war ziemlich glücklich in dieser Zeit.

1. KAPITEL

Wahrscheinlich bin ich wirklich schon grün vor Neid, und jeder sieht es mir an, dachte Lena. Voller Einsamkeit betrachtete sie die Menschen um sich herum, die unbekümmert und fröhlich umherliefen. Sie versuchte, ihre Verbitterung unter Kontrolle zu halten, aber der Neid hat einflussreiche Freunde wie Selbstmitleid und Wut, und als die auch noch auftauchten, konnte Lena sich nicht mehr von ihrer Schokoladenseite zeigen. Als sie vor neunzehn Monaten angeschossen und dabei schwer verletzt worden war, hatte das ihre schlechtesten Eigenschaften ans Tageslicht gebracht.

„Konzentrieren Sie sich auf die positiven Dinge“, hatte ihr die überarbeitete Physiotherapeutin geraten, die sie während der Erholungsphase betreute. „Sie leben. Sie können gehen.“ Dann hatte sie ihr an den Kopf getippt. „Sie sind stark. Hier oben.“

Diese letzte Aussage hatte Lena als Kompliment aufgefasst. Doch als die Krankengymnastin ihr riet, nicht so verbissen zu trainieren, sondern ihrem Körper Zeit zu geben für den Heilungsprozess, hatte Lena das geflissentlich überhört.

Die Physiotherapeutin hatte ihr vorgeworfen, stur und uneinsichtig zu sein. Und wahrscheinlich hatte sie recht. Aber diese Sturheit hatte Lena zumindest heute Morgen zum Flughafen geführt und sie in der Warteschlange aushalten lassen. Jetzt sank sie mit einem erleichterten Stöhnen in einen der weichen Sessel in der Abfertigung.

Sie hatte es geschafft.

In einer halben Stunde würde sie nach Istanbul fliegen, und dort würde sie sich auf die Suche nach Jared machen, ihrem eigensinnigen Bruder, und ihn zu Weihnachten nach Hause schleppen. Es musste einfach klappen. Auch wenn sie nur langsam vorankam.

Sie stützte den Kopf in die Hände und rieb sich die Augen. Jede Frau weiß, dass diese Bewegung Gift für die Wimperntusche ist, aber Lena trug keine. Ihre Wimpern waren so dunkel und dicht, dass sie es nicht nötig hatte, Mascara zu benutzen. Auch ihr Haar war schwarz und kräftig, und dank eines guten Schnitts war es einigermaßen glatt und gebändigt. Im Moment wirkte sie nicht krank, sondern vernünftig und zielstrebig. Und das war gut so, denn sie hatte eine Mission.

Jemand setzte sich neben sie, und Lena sah kurz auf. Als sie erkannte, wer neben ihr Platz genommen hatte, stöhnte sie auf. Es war Adrian Sinclair, und den konnte sie hier am allerwenigsten gebrauchen.

Trig war groß, knapp zwei Meter, und perfekt gebaut. Schon mit sechzehn hatte er riesige Hände und breite Schultern gehabt, jetzt hatte sein gesamter Körper dem nachgeeifert. Nichts wirkte mehr ungelenk, alles passte genau zusammen.

Lena war fast einen Kopf kleiner als er. Aber sie war zufrieden mit ihrer Durchschnittsgröße. Es war nichts Verwerfliches, Durchschnitt zu sein.

„Verschwinde“, sagte sie statt einer Begrüßung.

„Vergiss es“, gab er zurück. „Ich habe gehört, dass du deinen Termin bei der Physiotherapeutin schwänzt.“

„Dafür gibt es einen guten Grund. Ich hole den Termin nach.“

„Das bringt doch nichts. Lena …“

„Was immer du über meinen derzeitigen Gesundheitszustand sagen willst, lass es“, unterbrach sie ihn. „Ich will nichts hören.“

„Wann geht es endlich in deinen Dickschädel, dass du deinen Job nicht mehr machen kannst?“, fuhr er unbeirrt fort.

Wortlos betrachtete sie ihn von der Seite. Er hatte ausgeprägte Wangenknochen, kantig, männlich. Sie bildeten einen Kontrast zu seinen sanften braunen Augen.

„Das heißt doch nicht, dass du nicht in einem anderen Bereich erfolgreich sein kannst.“

„Hinter einem langweiligen Schreibtisch?“

„Du könntest die Geschäftsführung übernehmen. Im Zentrum der Macht. Das kann Spaß machen.“

„Wenn das so toll ist, warum machst du es dann nicht?“, schoss sie zurück.

„Was, glaubst du, habe ich die vergangenen neunzehn Monate lang gemacht? Abgesehen davon, dass ich mich um dich gekümmert habe. Warum, meinst du, stehe ich nicht mehr an vorderster Front?“

Zumindest hatte Lena den Anstand zu erröten, stellte Trig zufrieden fest. Gemeinsam mit ihr und Jared hatte er zu einer Eliteeinheit gehört. Und ebenso wie Lena hatte er diesen Job geliebt. Die körperliche Herausforderung. Die Gefahr und die ständige Anspannung. Das Gefühl, in letzter Sekunde zu entkommen und den Adrenalinschub, den all das mit sich brachte. Kein Wunder, dass er seine Arbeit vermisste.

„Du hättest das nicht tun müssen“, widersprach Lena. „Sie hatten dir schließlich angeboten, in ein anderes Team zu wechseln. Keiner hat dich gezwungen, einen Schreibtischjob anzunehmen. Und ich brauch definitiv keinen Babysitter.“

„Ich hätte nichts dagegen, wenn du mich davon überzeugen könntest.“ Trig streckte die Beine aus und versuchte, es sich in dem viel zu schmalen Sessel bequem zu machen. Er war groß, sein Körper gestählt. Das attraktive Gesicht und das charmante Lächeln allerdings waren eindeutig für friedliche Zwecke vorgesehen.

„Adrian, was machst du hier?“ Wenn Lena ihn mit seinem richtigen Namen ansprach, wurde es ernst, wusste er. „Woher weißt du eigentlich, dass ich hier bin?“

„Damon hat mich angerufen. Er hatte deine Spur in dem Moment, als du eingecheckt hast.”

„Ich hasse das.“ Warum nur musste sie einen Bruder haben, der sich in jeden Computer hacken konnte! „Habe ich gar keinen Anspruch auf Privatsphäre?“

„Das ist durchaus nützlich“, gab Trig zurück. „Also, was hast du vor in Istanbul, Lena?“

„Ich muss Jared finden.“

„Was macht dich so sicher, dass er noch dort ist?“

„Sicher bin ich nicht. Aber Istanbul ist mein einziger Anhaltspunkt. Seit neunzehn Monaten hat niemand etwas von ihm gehört. Was ist, wenn er Hilfe braucht?“

„Dann wird er Bescheid sagen.“

„Und wenn er das nicht kann? Jared steckt in Schwierigkeiten, das spüre ich. Er würde niemals so lange einfach verschwinden, ohne jemanden zu benachrichtigen.“

„Oh doch. Wenn er befürchtete, es sei zu riskant, die Tarnung aufzugeben, würde er das.“

„Wenn sein Auftrag so gefährlich ist, sollte er erst recht nicht allein dort sein“, gab Lena zu bedenken.

Trig zuckte die Schultern. „Jared will Antworten finden. Ich glaube nicht, dass er besonders erfreut wäre, wenn du dich da einmischst.“

„Du traust mir viel zu wenig zu.“

„Das ist nicht wahr. Es wäre ein Fehler, dich zu unterschätzen. Aber dir zu viel Freiraum zu lassen, wäre andererseits …“

„Macho.“

„Keineswegs.“

„Also hast du nicht vor, mich über deine Schulter zu werfen und aus dem Flughafen zu schleppen?“

„Das wäre zu auffällig“, meinte Trig und zog unbekümmert sein Handy aus der Hosentasche.

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, sie rutschte unruhig in ihrem Sitz herum und zwang sich, woanders hinzusehen. Schon immer hatte sie eine Schwäche für Trigs Hände gehabt. Eine Zeit lang hatte sie sich vorgestellt, wie ihr Körper auf diese kräftigen und doch sensiblen Hände reagieren würde. Aber anscheinend hatte Trig noch nie einen Gedanken daran verschwendet.

„Wir haben eine Abmachung getroffen, Damon, Poppy und ich“, erklärte Trig. „Für den Fall, dass ich dich nicht überzeugen kann, vernünftig zu sein und hierzubleiben, werde ich dich begleiten. Auch wenn das verrückt ist. Damon hat mir schon ein Ticket besorgt. Du kannst ihm später dafür danken.“

„Danke zu sagen ist nicht genau das, was mir dabei vorschwebt.“

„Damon macht sich Sorgen um dich, Lena. Sein Bruder ist verschwunden. Er will nicht, dass seine Schwester auch noch wie vom Erdboden verschluckt ist. Und ich habe keine Lust, Jared gegenüber zu verantworten, dass ich dich allein nach ihm habe suchen lassen. Es wird schon schwierig genug, ihm zu erklären, warum wir dich überhaupt haben reisen lassen.“

„Anscheinend ist es für dich okay, was er tut“, entgegnete Lena heftig. „Dir ist es egal, wie es ihm geht. Hauptsache, er entlarvt den Attentäter von Osttimor.“

„Da hast du verdammt noch mal recht.“

„Wie habt ihr das geregelt? Habt ihr eine Münze geworfen, wer fahren darf und wer sich um die kranke Lena kümmert?“

„Das mussten wir nicht. Es war klar, dass er fährt.“ Trig sah ihr in die Augen, bis Lena den Blick senkte. Sie wusste selbst, dass es nicht einfach gewesen war mit ihr in den vergangenen anderthalb Jahren. Unter dem Einfluss der Schmerzmittel und voller Selbstmitleid war sie keine sonderlich angenehme Begleitung gewesen. All ihre Gedanken hatten sich nur darum gedreht, wie sie den Tag überstehen sollte. Darum, ob sie jemanden mit ihrem Verhalten verletzte, hatte sie sich nicht gekümmert. Das hatte Trig nicht verdient. Und ihre Familie auch nicht.

„Tut mir leid“, murmelte sie und erhielt als Antwort einen leichten Stups seines Knies. „Tut mir echt leid.“

„Ich weiß.“

Aber solange sie ihr Verhalten nicht änderte, war eine Entschuldigung nicht mehr als eine hohle Phrase.

„Sitzt du auf dem Flug neben mir?“, erkundigte sie sich.

Während Trig nickte, musterte er die anderen Passagiere.

„Damon hat unsere Tickets nicht zufällig auf die erste Klasse umgebucht, als er sich in den Computer der Fluggesellschaft gehackt und deren Sicherheitssystem überprüft hat?“, wagte Lena einen Scherz.

„Doch, natürlich“, gab Trig ernsthaft zurück. „Er meinte, wir brauchen Beinfreiheit. Wahrscheinlich wirst du gleich gebeten, dein Ticket umschreiben zu lassen.“

Genau in diesem Moment wurde ihr Name aufgerufen.

„Soll ich die Formalitäten für dich erledigen?“, bot Trig an.

„Nein, das mache ich schon selbst.“ Lena erhob sich.

Sie wusste es zu schätzen, dass Trig ihr kaum Beachtung schenkte, als sie langsam zum Schalter ging und ihr Flugticket auf die erste Klasse umbuchen ließ.

Doch wenig später stand er wie nebenbei auf, schlenderte auf sie zu, legte ihr den Arm fürsorglich um die Taille und führte sie zurück zu ihrem Platz.

Diese Geste wusste sie keineswegs zu schätzen.

Sie hasste ihn für seine Kraft und seine stille Anteilnahme.

Schon mehrfach waren sie zusammen geflogen. Sie hatten zusammen gegessen, Seite an Seite am Strand geschlafen oder auch in unwegsamem Gelände. Trigs Duft war Lena vertraut, ebenso die gerade Linie seines Rückens, die breiten Schultern. Schultern, die wie geschaffen waren, um sich daran auszuweinen. Allerdings hatte sie das fast nie getan. Er war stark genug, um jemanden zu tragen. Sie aber hatte er nie tragen müssen.

Bis zu dem Moment, als sie angeschossen wurde.

Ein Teil von ihr war wütend, dass sie ihm nicht mehr ebenbürtig war. Nie wieder würde sie sich mit ihm messen können, ihre Schnelligkeit und Wendigkeit gegen seine unglaubliche Stärke einsetzen. Doch ein anderer Teil von ihr wünschte sehnlichst, sich einfach an seine Schulter zu lehnen, den Schmerz zu vergessen und sich geborgen zu fühlen.

Ihr Flug wurde aufgerufen.

„Lena …“, begann Trig, und sie wusste genau, was er sagen wollte. Mit einer knappen Handbewegung schnitt sie ihm das Wort ab, denn sie wollte nicht schon wieder hören, dass sie längst noch nicht fit genug war für diese Reise und ihn lieber allein fliegen lassen sollte.

„Ich werde meine Meinung nicht ändern“, sagte sie und ärgerte sich, wie verzagt ihre Stimme klang. „Ich muss Jared finden und wissen, dass es ihm gut geht. Sobald ich Gewissheit habe, fliege ich zurück, versprochen. Aber ich muss mich vergewissern, dass er okay ist. Und er soll sehen, dass ich wieder gesund bin.“

Wortlos griff Trig nach Lenas Rucksack, der neben ihr auf dem Sitz lag. Im gleichen Moment streckte auch sie die Hand danach aus.

„Das kann ich …“

„Lena, wenn du mich nicht dein Gepäck tragen lässt, werde ich hier und jetzt gewalttätig“, warnte er sie betont freundlich. „Ich will dir nur helfen. Es ist für mich ebenso wichtig wie für dich, deinen Bruder zu sehen. Also lass den verdammten Rucksack los.“

Sie gab nach, allerdings nicht, ohne zu widersprechen. „Du würdest mir kein Haar krümmen.“

„Sei dir nicht zu sicher. Ich kann rücksichtslos sein und brutal. Vergiss das nicht.“

Vielleicht hätte sie ihm sogar geglaubt, wenn sie ihn nicht so gut gekannt hätte. Aber sie wusste zu genau, dass er sich eher die Hände abhacken würde als ihr etwas anzutun.

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