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Märchenfluch, Band 2: Die Rache der Fee

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Dreizehn waren es …

Die Gardinen waren zugezogen, damit das Licht der aufgehenden Sonne nicht in den Raum dringen konnte. Auf dem abgewetzten Parkett lag ein schäbiger Teppich, die Tapeten lösten sich von den Wänden, und an der Decke hatten sich große schwarze Flecken gebildet. Die feuchte Luft roch nach Schimmel und modrigen Möbeln, und Jonathan konnte nur mit Mühe seinen Würgereiz unterdrücken.

Er hatte schon vor Stunden gehen wollen, doch als er auf die Tür zugegangen war, hatte ihn eine der Alten wie eine tollwütige Katze angefaucht.

Nun saß er auf einem wackligen Sessel und wartete. Seine Augen glitten immer wieder zu der Gestalt auf dem Sofa, die beim Atmen rasselnde und pfeifende Geräusche von sich gab. Drei Alte drückten sich um das Sofa herum, strichen Decken glatt, klopften Kissen auf und flüsterten im Kanon mit rauen Stimmen beruhigende Worte.

Mit ihren mageren, gebeugten Körpern, den Gesichtern wie Totenschädel und dem dünnen, langen Haar kamen sie ihm vor wie schaurige Krankenschwestern aus einem Horrorfilm.

Jonathan kannte die drei Alten aus dem Gewächshaus. Dort hatten sie die letzten Tage gehaust, verborgen zwischen den Blättern und Blüten, wie abscheuliche Parasiten, die seinen wunderschönen Rosenbusch befallen hatten.

Sie waren nur herausgekommen, wenn die Reguli wieder einen Gegenstand gebracht hatten. Dann waren sie darüber hergefallen, hatten die Magie aufgesaugt, um sich am Leben zu halten.

Er konnte ihren Anblick nicht länger ertragen. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten, um ihre zischelnden Stimmen nicht mehr hören zu müssen. Das alles hatte ihm diese Allenstein eingebrockt. Sie war schuld daran, dass er mit den Alten in dieser Bruchbude hockte. Sein Ziel, für das er in den letzten fünf Jahren alles getan hatte und das zum Greifen nah gewesen war, schien plötzlich unerreichbar.

Wenn er doch jetzt nur Klavier spielen könnte …

Er sehnte sich nach der Musik, der Schönheit der Rosen, ihrem Duft …

»Wo willst du hin?«

Jonathan zuckte zusammen. Er war ohne nachzudenken aufgestanden und zur Tür gegangen, doch nun blieb er stehen. Die drei Alten waren wie folgsame Hündchen vom Sofa zurückgewichen, und die Gestalt darauf hatte leicht den Kopf gehoben.

Er zog die Schultern zurück und stieß mit fester Stimme hervor: »Ich muss raus!«

»Komm her!«

Zögernd trat er näher an das Sofa. Eine Hand wie die Klaue eines Greifvogels streckte sich nach ihm aus, doch er ergriff sie nicht. Er betrachtete die alte Frau auf dem Sofa, und ein Schauder lief ihm über den Rücken.

Jonathan vernahm ein Geräusch, als würde man trockenes Herbstlaub zusammenrechen, und es dauerte, bis er begriff, dass die alte Frau lachte.

»Mein lieber, guter Junge …« Hustend setzte sie sich auf und sofort hielt ihr eine der Alten einen Becher an die Lippen. Sie trank einen Schluck und ließ Jonathan dabei nicht aus den schwarzen Augen. Mit einer ungeduldigen Geste scheuchte sie die Alte zurück. »Ich habe dir viel zu verdanken.«

Er nickte. »Ich gehe jetzt. Vielleicht komme ich morgen wieder.«

»Oh, das wirst du. Denn du musst mir etwas bringen, mein lieber Junge.«

»Ich?« Er spürte Widerwillen in sich aufsteigen. »Das können die Reguli machen.«

»Diese erbärmlichen Würmer? Nein, ich brauche dich, lieber Junge. Du bist klug und gerissen, auf dich kann ich mich verlassen.«

»Nenn mich nicht ›lieber Junge‹«, herrschte Jonathan sie an. »Ich bin kein Laufbursche. Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun.«

Die Greifvogelklaue streckte sich erneut aus und diesmal packte sie blitzschnell seine Hand. Überrascht wollte er sie abschütteln, doch die dürren Finger mit den langen, schmutzigen Nägeln lagen wie aus Eisen geschmiedet um sein Handgelenk.

»Ich bin dir zu Dank verpflichtet, deshalb lasse ich dir diese eine Frechheit durchgehen.«

Jonathan stöhnte auf und ging vor dem Sofa in die Knie, als sein Handgelenk unter ihrem Griff zu brechen drohte.

»Widersetzt du dich mir jedoch ein weiteres Mal, wirst du es bereuen. Ich bin Invidia, die dreizehnte Schwester, die mächtigste Fee seit Angedenken der Zeit. Du tust, was ich von dir verlange, mein lieber Junge.«

… dreizehn sind es. Und wenn eine von ihnen das Ufer der Zeit betritt …

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Eines hatte mich die leidige Erfahrung mit Scitus gelehrt: Ihm war nicht zu trauen. Ich konnte nicht abstreiten, dass mir seine Äußerung bezüglich Invidias Befreiung einen gehörigen Schreck eingejagt hatte, doch nach kurzem Nachdenken beruhigte ich mich wieder. Es war ganz eindeutig ein lächerlicher Einschüchterungsversuch, mit dem Scitus mir hatte weismachen wollen, ich sei auf ihn angewiesen. Wenn der hinterhältige Spiegel mich für so dumm hielt und glaubte, mir seinen fiesen Auftritt im Gewächshaus als großmütigen Akt meiner Rettung verkaufen zu können, hatte er sich geschnitten.

Laut Scitus hatte die Kröte verschwinden müssen, damit Salien wieder er selbst werden konnte. Soweit stimmte das auch, denn die Kröte hatte sich vor unseren Augen in einen Menschen verwandelt. Auch wenn ich das noch nicht ganz verdaut hatte und sicher noch mit einigen Leuten darüber würde reden müssen, war ich in einem Punkt sehr sicher, nämlich, dass es keine Krötenleiche gegeben hatte. Und genau das war der Knackpunkt, der Scitus überführte. Im Gewächshaus hatte es sehr wohl eine Art Leiche gegeben – die der Killerrose. Das mörderische Pflänzchen war bei meiner Berührung wie verbranntes Papier zu Staub zerfallen. Falls Invidia wirklich darin gefangen gewesen war, nun, dann war sie jetzt ebenfalls nichts weiter als ein Häufchen Staub und Asche. Sie hatte also gar keine Chance gehabt, sich in ihre menschliche Gestalt zurückzuverwandeln. Ich hatte mit der gefürchteten dreizehnten Fee kurzen Prozess gemacht.

Mit Scitus übrigens auch. Erst hatte ich ihn wieder in den fliederfarbenen Kosmetikspiegel rufen wollen, doch Scitus hatte für meinen Geschmack eine Spur zu breit dabei gegrinst und somit meinen Argwohn geweckt. Auf meine diesbezügliche Nachfrage räumte er zähneknirschend ein, dass dies in den letzten Jahren sein Gefängnis gewesen war, aus dem ich ihn ja nun, unwissend oder nicht, befreit hatte. Dieser Spiegel konnte Scitus nun nicht länger binden, was ihm schlussendlich auch erlaubt hatte, im Gewächshaus aufzutauchen.

Verärgert entsorgte ich den nutzlosen Kosmetikspiegel und rief Scitus kurzerhand wieder in die Puderdose meiner Mutter. Die wickelte ich in Zeitungspapier und stopfte das nörgelnde Päckchen in die unterste Schublade meiner Kommode. Dann ging ich müde zu Bett.

Aber irgendwas hatte ich vergessen …

Kaum hatte ich mich hingelegt, war ich auch schon eingeschlafen. Das war eigentlich kein Wunder, denn erst hatte ich ausgelassen auf einem magisch schönen Ball getanzt, dann um mein Leben gekämpft, anschließend noch schnell geholfen, einen Froschkönig zurückzuverwandeln, und zu guter Letzt meinen Traumprinzen erobert. Keine schlechte Bilanz für einen Frischling im Märchen-Business.

Gerade träumte ich davon, wie ich in meinem wunderschönen Kleid, einer Kreation aus dem Hause TaSch, mit Hektor tanzte. Es war ein langsames Lied, das nur für uns lief. Eng an Hektor geschmiegt lag ich in seinen Armen und hätte ewig so weitertanzen können, wenn mich nicht das schrille Läuten an der Wohnungstür erst aus dem Takt gebracht und schließlich geweckt hätte.

Im Flur hörte ich Ma, die fröhlich Jens begrüßte. Er sagte etwas von frischen Brötchen. Mein Magen hatte das wohl auch gehört, denn er begann sogleich munter draufloszuknurren und sabotierte damit meinen Plan, wieder in den herrlichen Traum mit Hektor zu versinken.

Aber warum träumen? Hektor hatte mich geküsst! Ganz real und in Farbe. Und das war gerade erst ein paar Stunden her.

Als ich an die zärtliche Berührung seiner Lippen dachte, kribbelte es in meinem ganzen Körper. Jemand hatte einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in meinem Bauch losgelassen, die mich mit ihrem stürmischen Flügelschlag ein paar Zentimeter in die Luft zu heben schienen. Hektor!

Meine Füße strampelten die Decke weg und ich sprang aus dem Bett, wobei ich ein lautes Lachen nur schwer unterdrücken konnte.

Meine Euphorie erhielt einen kleinen Dämpfer, als ich auf mein Handy sah. Keine neuen Nachrichten. Ich überlegte, ob Hektor überhaupt meine Nummer hatte. Meine Enttäuschung schwand, denn ganz offensichtlich war das der einzige Grund dafür, dass er sich noch nicht bei mir gemeldet hatte. Und da wir später verabredet waren, konnte ich diesen Missstand ein für allemal klären und mit Hektor Nummern tauschen. Er wollte mich um drei abholen. Dann waren wir wieder zusammen. Nur er und ich. Ohne Neva.

Mit ordentlich Herzklopfen schnappte ich mir frische Klamotten und huschte ins Bad. Erleichtert bemerkte ich, dass die Kratzer, die sich am Abend zuvor noch tief und verfärbt über mein Gesicht und den Körper gezogen hatten, verheilt waren. Nur auf der rechten Wange sah man noch einen roten Streifen. Nach dem Duschen musste ich ihm mit Mas Abdeckstift zu Leibe rücken.

Zwanzig Minuten später saß ich gut gelaunt und mit nassen Haaren bei Ma und Jens am Frühstückstisch.

»Guten Morgen, Flo«, sagte Ma und sah mich erwartungsvoll an. »Erzähl! Wie war es auf dem Ball?«

»Schön.«

»Ach, komm!« Ma schenkte mir ein Glas frisch gepressten Orangensaft ein. »Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Habt ihr richtig getanzt, du und Timus?«

Ich hatte jetzt keine Lust, über Timus zu sprechen, und nickte vage. »Ja. Die Musik war gut.«

»Habt ihr … Also, hat er dich …?«

»Ma!«

»Was denn? Ich will doch nur wissen, ob ihr …?«

»Mama!«

»Ich verstehe«, mischte Jens sich ein und zwinkerte mir zu, bevor er sich Ma zuwandte. »Vielleicht möchte dir Flo lieber unter vier Augen davon erzählen. Bestimmt ist es ihr sonst peinlich.«

Er nahm die Tageszeitung hoch und verschwand dahinter, als sei er so nicht mehr in der Lage, ein privates Gespräch zu verfolgen.

»Hört mal«, verärgert nahm ich ein Brötchen mit Sonnenblumenkernen, pickte ein paar davon herunter und steckte sie in meinen Mund. »Hier ist nur peinlich, dass ihr glaubt, mir müsste etwas peinlich sein. Okay?«

Ma grinste, und ich schüttelte den Kopf. Dabei fiel mir etwas ein, doch bevor ich diesen Gedanken fassen konnte, war er auch schon wieder fort. Seltsam. Dabei war ich sicher, es war etwas Wichtiges.

Die Aprikosenmarmelade stand vor Jens’ Teller. Ich machte mich lang, um nach dem Glas zu greifen, dabei fiel mein Blick auf die Titelseite der Zeitung.

UNTERKREUPEN IN FLAMMEN

»Und wann bist du nach Hause gekommen?«, wollte Ma wissen, doch ich murmelte nur eine unverständliche Antwort, da der Artikel auf der Titelseite meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Mit zusammengekniffenen Augen las ich den Artikel unter einem Bild, das die Luftaufnahme eines riesigen Erdlochs zeigte.

Für die Einwohner von Unterkreupen war die Nachtruhe jäh zu Ende, als die Feuerwehr gegen drei Uhr zwanzig mit vier Löschwagen …

Jens legte die Zeitung auf seinen Beinen ab, um einen Schluck Kaffee zu trinken. Das nutzte ich sofort aus und schnappte mir das Käseblatt, obwohl er verblüfft protestierte.

… anrückte. Ein seit Jahren leer stehendes Gewächshaus stand in Flammen und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Doch damit war der Schreck für die Unterkreupener noch lange nicht ausgestanden. Eine verheerende Katastrophe bahnte sich an. Lesen Sie weiter auf Seite 8.

Ich blätterte schnell zum Innenteil. Meine Augen rasten über den Artikel und blieben schließlich an dem Wort Explosion hängen.

… Drei Unterkreupener, die die nächtliche Löschaktion beobachtet hatten, und ein Feuerwehrmann wurden leicht verletzt, als es plötzlich zu einer heftigen Explosion kam. »Es ist wie ein Wunder«, sagte ein Polizeisprecher zu unserem Reporter vor Ort, »dass nichts Schlimmeres passiert ist. Nun müssen wir ermitteln, wie es überhaupt dazu kommen konnte.« Derzeit geht die Polizei davon aus, dass im Gewächshaus große Mengen gefährlicher Chemikalien gelagert wurden. Möglicherweise Pflanzendünger, der …«

Nachdenklich gab ich Jens die Zeitung zurück. Natürlich hatte ich nichts dagegen, dass dieses Gewächshaus dem Erdboden gleichgemacht worden war, dennoch glaubte ich nicht an die Erklärung mit den Chemikalien. Ich dachte an die vielen Genaver, die extra den Ball verlassen hatten. An ihre Schutzanzüge und die Container, mit denen die verkohlten Rosenüberreste abtransportiert worden waren. Zweifellos hatten die Genaver bei der Explosion ihre Finger im Spiel. Aber warum hatten sie das Gewächshaus gesprengt und dabei sogar ahnungslose Menschen gefährdet? Stimmte es also doch, was Scitus über Invidia erzählt hatte?

Natürlich hätte ich einfach Scitus fragen können. Ich hätte aber genauso gut versuchen können, brauchbare Informationen aus meinem Kopfkissen herauszubekommen. Das schwatzte zwar nicht so viel, verdrehte allerdings auch nicht die Wahrheit gerade so, wie es ihm passte. Außerdem hätte der hinterhältige Scitus sicher eine Entschuldigung von mir verlangt, weil ich ihm nicht geglaubt und ihn sogar noch samt Puderdose in die Kommode gestopft hatte. Und ich hatte wirklich keine Lust, für ein paar Antworten erst bettelnd auf den Knien herumzurutschen.

Neva wollte ich nicht fragen. Dass ich eventuell die gefährlichste Fee seit Menschengedenken freigelassen hatte, war nichts, womit man vor seinen Freunden angeben konnte. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als zur Mühle zu fahren. Oder ich könnte meine … Verflixt! Schon wieder war mir entfallen, was mir nur einen Augenblick vorher durch den Kopf gegangen war. Es fühlte sich an, als hätte ich eine geradezu brillante Idee gehabt, an die ich mich nun einfach nicht mehr erinnern konnte.

Ich seufzte. Da immerhin die klitzekleine Möglichkeit bestand, Hektor schon vor unserer Verabredung am Nachmittag über den Weg zu laufen, wenn ich zur Mühle fuhr, ging ich erneut ins Bad und warf den Haartrockner an.

Danach stand ich eine Weile vor meinem Kleiderschrank und wählte sorgfältig ein Oberteil aus. Mein Lieblingsshirt würde ich später tragen, wenn Hektor mich abholte, jetzt brauchte ich etwas Unauffälliges, Alltagstaugliches, das trotzdem phänomenal aussah. Das war eine schwierige Aufgabe, und ich ließ mir Zeit. Schließlich zog ich ein schwarzes Shirt mit langen Ärmeln hervor, das prima unter meine gefütterte graue Strickjacke passte. Zusammen mit den schwarzen Stiefeln und der dunklen Jeans kam es meiner Vorstellung zufriedenstellend nahe.

Ma fiel natürlich auf, dass ich nichts dem Zufall überlassen hatte. Als ich mich im Flur von ihr verabschiedete, sagte sie: »Du siehst richtig gut aus, Flo. Man sieht dir an, dass du verliebt bist. Du strahlst so!«

»Ach ja?« Ich warf einen prüfenden Blick in den Garderobenspiegel. Die bloße Aussicht, vielleicht schon in wenigen Minuten Hektor zu sehen, ließ mich aufgekratzt an meinen Haaren herumzupfen.

Ma beobachtete mich grinsend und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Ich kann es kaum erwarten, diesen Timus endlich kennenzulernen.«

Ich musste nicht in den Spiegel schauen, um zu wissen, dass mein Strahlen in diesem Augenblick erheblich nachließ.

»Ja ja«, murmelte ich. Das mit Timus würde ich Ma später in Ruhe erklären. Bisher hatte ich noch nicht mit den anderen über Timus’ bescheuerte Aktion, uns am Gewächshaus stehen zu lassen, gesprochen. Bestimmt war ich nicht die Einzige, die deshalb angefressen war.

»Bin nicht lange weg. Bis dann!«

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Es stand in der Zeitung. Das Gewächshaus war explodiert, angeblich wegen gefährlicher Chemikalien.

Vor Zorn verkrampften sich seine Finger. Er zerknüllte das Papier und zerriss es. Mit einem unterdrückten Schrei warf er die Fetzen von sich.

Er sprang vom Stuhl und lief auf und ab, dabei biss er sich auf die Knöchel seiner rechten Hand.

Es hatte keine Chemikalien gegeben. Das war eine weitere Lüge dieser widerlichen Genaver. In seinem Gewächshaus waren nur seine Rosen und das Klavier gewesen. Das Klavier …

Seine Fingerspitzen kribbelten vor Verlangen, als er sich wünschte, sie auf die Tasten zu legen.

Jonathan ging mit festen Schritten zur Musikanlage und drehte sie noch lauter. Er hatte Mozarts Requiem aufgelegt und ließ es nun schon zum vierten Mal an diesem Vormittag laufen. Die Nachbarin über ihm hatte bereits ein paar Mal geklingelt, doch das kümmerte ihn nicht. Er hatte andere Probleme.

Alles war aus dem Ruder gelaufen. Invidia war wieder zu Fleisch und Blut geworden. Falls man das über diese abstoßende, vertrocknete Mumie sagen konnte, die sich mit rasselnden Atemzügen an ihrem jahrhundertealtem Leben festklammerte.

Schaudernd dachte er an den abgedunkelten Raum, den Invidia und die anderen Alten mit dem Gestank von Tod und Verwesung füllten. Er hatte fast eine Stunde geduscht, um ihn aus seinen Haaren zu waschen und von seiner Haut zu schrubben. Und jetzt musste er wieder dort hin. Sie warteten auf ihn. Ließen ihn nicht mehr aus ihren Klauen.

Jonathan biss fester in die Knöchel, bis der Schmerz sein rasendes Gedankenkarussell verlangsamte. Er musste Ruhe bewahren. Tun, was sie von ihm verlangte.

Als er die Wohnungstür hinter sich zuwarf, lief das Requiem noch immer und war im ganzen Haus zu hören.

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Mein Fahrrad hatte sich noch immer nicht von allein repariert, deshalb nahm ich weiterhin das von Anna. Sie hatte es mir erlaubt, da sie die nächste Zeit ohnehin zur Kur auf einer Insel sein würde. Traurig dachte ich an sie, freute mich aber gleichzeitig, weil sie laut Wassermann durch Ruhe und Entspannung wieder ganz auf die Beine kommen würde. Eine Magische Vergiftung allein war ja schon kein Pappenstiel, aber eine Magische Blutvergiftung … Anna hätte daran sterben können. Wassermanns Entscheidung, sie für ein paar Wochen ganz aus dem Verkehr zu ziehen, war garantiert nicht übertrieben.

Die Herbstsonne schien von einem hellblauen Himmel, und bei der Fahrt über den Stadtwall wurde mir richtig warm.

Als ich an der Mühle ankam, schloss ich das Fahrrad an und machte meine Strickjacke auf. Ich sah mich hoffnungsvoll nach dem roten Cabrio um, doch es war leider nirgends zu entdecken, ebenso fehlte Krämers Limousine. Dafür war ein mintgrüner Motorroller so dämlich abgestellt, dass er gleich zwei Parkplätze blockierte.

Mir ging auf, dass ich vielleicht niemanden in der Mühle antreffen würde, denn Berta musste sicher noch länger in Wassermanns Klinik bleiben, und Krämer hatte sich die halbe Nacht mit Goldhaar um die Ohren schlagen müssen. Dennoch probierte ich mein Glück und marschierte zur grünen Tür. Sofort ging sie auf.

»Hallo?«, rief ich vorsichtig und trat ein. Jemand saß an Bertas Schreibtisch. Meine erste Hoffnung, es könne sich dabei um Berta handeln, zerschlug sich rasch. Eine mir gänzlich unbekannte junge Frau saß da. Sie erhob sich und kam mir entgegen, wobei sie mich anstrahlte.

»Du bist Flora Anthea Allenstein, nicht wahr? Ich habe schon viel von dir gehört.«

»Ach ja?«

Sie streckte mir beide Hände entgegen, und verblüfft reichte ihr ihr meine, die sie mit gespielter Herzlichkeit drückte.

»Ich bin Lavina Tiefenbach. Ich freue mich, dich und all die anderen kennenzulernen. Oder wiederzutreffen.« Ein vielsagendes Zwinkern unterstrich die letzte Aussage.

Sie war älter als ich, so in Vals Alter, aber eigentlich zu jung, um ihre Pflichtjahre schon hinter sich zu haben.

»Dann bist du eine ehemalige Fabula?«

»Nein.« Sie lachte. »Ich bin auch noch eine Pflichtlerin. Leider sind meine Fähigkeiten eher organisatorischer Natur. Ich würde jeden Einsatz durch meine reine Anwesenheit ruinieren, glaub mir. Aber ich kann mich darum kümmern, dass vorher, während und danach alles reibungslos abläuft. Darin bin ich absolut spitze.« Sie lachte erneut. »Deshalb haben die Genaver mich hergeschickt. Bis unsere Berta wieder auf dem Damm ist, greife ich Herrn Krämer und euch Fabulae unter die Arme.«

»Das ist … toll«, sagte ich und rang mir ein Lächeln ab. ›Unsere Berta‹?

Lavina war ein paar Zentimeter kleiner als ich. Sie hatte riesige blaue Augen, lange geschwungene Wimpern und die entzückendsten Sommersprossen, die ich je gesehen hatte. Das Auffälligste an ihr waren aber ihre Haare, auf die sogar Val hätte neidisch sein können. Sie waren dicht, leicht gewellt und glänzten in einem warmen Kupferton. Sie hatte sie zu einem lockeren Zopf gebunden, der über die rechte Schulter nach vorne fiel und in einer einzigen üppigen Locke endete.

Endlich ließ Lavina meine Hände los und ging zurück zum Schreibtisch. Dabei hatte ich Gelegenheit, ihren Gang zu bewundern, der ausgesprochen selbstbewusst wirkte.

Sie trug einen cremefarbenen Pulli, der zwar weit geschnitten war, dessen weicher Stoff sich dennoch an ihre bemerkenswert gute Figur schmiegte. Dazu enge Jeans und hellbraune Stiefeletten. Eine lange Kette aus Holzperlen reichte ihr bis zum Bauchnabel und schwang rasselnd bei jedem Schritt hin und her.

Ich konnte mir nicht helfen, aber irgendetwas störte mich an ihr. Ganz gewaltig sogar.

»Also, Flora«, sagte sie und ließ sich mit einer elegant fließenden Bewegung auf Bertas Stuhl nieder. »Womit kann ich dir helfen?«

Sie sah mir direkt in die Augen, und ich bemerkte, dass ich noch immer lächelte. Auf eine sehr verkrampfte Art.

»Oh. Ja … eigentlich …«, begann ich. Als mir klar wurde, dass ich auf Lavina wie eine Idiotin wirken musste, nahm ich entschlossen die Schultern zurück und setzte neu und mit festerer Stimme an. »Ich muss mit Krämer sprechen. Es ist dringend.«

»Leider ist Herr Krämer nicht in der Mühle.«

»Ist er in der Klinik?«, fragte ich sofort, was sie mit einem bedauernden Schulterzucken und einem kleinen Seufzer beantwortete.

»Du verstehst hoffentlich, dass ich darüber nicht sprechen kann.«

»Natürlich«, sagte ich, verstand es jedoch ganz und gar nicht. Berta hätte nicht so ein Geheimnis daraus gemacht. »Hat er gesagt, wann er zurück ist?«

»Oh, das kann dauern.«

»Hm.« Meine Augen wanderten über den Schreibtisch, der eigentlich Berta gehörte. Ich erinnerte mich an das Chaos, das Krämer in den letzten Tagen darauf angerichtet hatte; doch nun war alles blitzblank sauber und aufgeräumt. Das kuschelige Katzenbett war weg, dafür stand eine kleine Vase mit hübschen Blumen dort.

Ein Buch, in dem Lavina offenbar vor meinem Eintreffen gelesen hatte, lag aufgeschlagen vor ihr. Wahrscheinlich stammte es aus der Bibliothek der Mühle, denn die Tür zu dem kleinen Raum stand offen und das Licht darin brannte.

Als sie meinen neugierigen Blick bemerkte, klappte sie das Büchlein zu und schob es zur Seite.

Magische Versprechen, ihre Vorzüge und Gefahren stand darauf.

»Nun …« Sie ließ das Wort wie eine Hinweistafel zwischen uns in der Luft hängen. Ich begriff und nickte.

»Okay. Danke. Ich melde mich dann später wieder.«

Auf dem Weg nach draußen ärgerte ich mich über Lavina. Ich konnte nicht mal sagen, warum. Bestimmt lag es daran, dass sie Bertas Platz eingenommen hatte. Dabei wollte sie bestimmt nur helfen und Krämer unterstützen; und wenn Berta erst zurück war, würde sie wieder verschwinden. Bis dahin musste ich mich echt mal in den Griff bekommen und ihr offen und ohne alberne Vorbehalte entgegentreten. Dass mir ein paar Fragen unter den Nägeln brannten und Krämer sich gerade nicht in der Mühle aufhielt, war ja nicht Lavinas Schuld.

Ich trat hinaus, blieb nach ein paar Schritten stehen und ließ mir mit geschlossenen Augen die Herbstsonne aufs Gesicht scheinen. Jetzt musste ich wohl oder übel doch mit Scitus sprechen und hoffen, dass ich ein bisschen mehr aus ihm herausbekam als seine übliche homöopathische Dosis Wahrheit.

Ich stutzte. Mir war gerade ein Einfall gekommen, der mir absolut richtig erschienen war – da war er auch schon wieder weg. Sosehr ich auch grübelte, er wollte mir nicht mehr in den Sinn kommen.

Ich stand da, die Stirn in Falten gelegt, und dachte darüber nach, was ich jetzt machen sollte, da hörte ich ein leises Maunzen.

Zur grünen Tür gelangte man über eine Treppe, die vom Parkplatz hoch und über ein Stück Rasen führte. Von da aus lief ein schmaler Weg am Haus entlang, der in einen kleinen Garten direkt am Leinekanal mündete. Das Gras war kaum unter dem vielen Laub zu erkennen, die Bäume vom Stadtwall hatten mittlerweile fast alle ihre Blätter verloren.

Ich folgte dem Miauen und entdeckte unter einen Busch geduckt den hübsch gefleckten Kater.

»Matz!« Er streckte den Kopf vor und rieb sein Köpfchen an meinen Fingern, blieb aber unter dem Busch. Ich fragte mich, wer sich eigentlich um die Katzen kümmerte, solange Berta nicht da war. Gerade wollte ich ihm vorschlagen, in der kleinen Küche der Mühle nach einer Dose Katzenfutter zu suchen, da vernahm ich eine Frauenstimme. Sie kam näher und klang sehr verärgert.

Instinktiv brachte ich mich hinter dem Busch in Deckung und sah Karin Goldhaar, diesmal ohne Yuki. Goldhaar steuerte auf die grüne Tür zu, blieb jedoch davor stehen. Sie telefonierte und machte dabei weite Gesten.

»… mir vollkommen egal, wie Sie das bewerkstelligen! Ich will, dass die Angelegenheit noch heute erledigt wird. Ich arbeite seit Jahren jedes Wochenende. Beklage ich mich?«

Ihr Gesprächspartner setzte wohl zu einer Erklärung an, doch Goldhaar ließ ihm keine drei Sekunden, da lachte sie höhnisch auf. »Hören Sie, ich habe genug von Ihren dummen Ausflüchten. Sie haben bis heute Mittag Zeit, sonst räumen Sie Ihren Posten. Verstanden?« Goldhaar steckte das Handy weg und zischte verächtlich: »Dieser Cretin.«

Dann richtete sie den Sitz ihres anthrazitfarbenen Wollkostüms, das für meinen Geschmack ein bisschen zu eng und zu kurz war, und betätigte den Klingelknopf der Agentur. Die grüne Tür wurde beinahe im gleichen Moment von innen aufgerissen.

»Meine Liebe«, rief Goldhaar. »So eine Freude, dich zu sehen!«

Lavina umarmte Goldhaar. »Gut, dass Sie da sind. Ich habe alles erledigt.«

Die beiden verschwanden in der Mühle. Ich blieb noch ein, zwei Minuten hinter dem Busch hocken und streichelte Matz, während ich darüber nachdachte, was ich da eben gesehen und gehört hatte.

Goldhaar hatte wohl mit einem Mitarbeiter aus dem Büro der Genaver telefoniert, weil sie der armen Person mit Verlust des Postens gedroht hatte. Offenbar verlangte sie von ihren Untergebenen Dinge, die diese nicht so ohne Weiteres tun konnten oder wollten.

Na ja, dass Goldhaar über Leichen ging, war für mich keine echte Überraschung. Umso weniger passte es mir, dass Lavina scheinbar zu ihren Lieblingen gehörte. Ein direkter Draht von der Agentur ins Haus der Genaver. Und was meinte Lavina damit, sie hätte alles erledigt? Hatte sie in der Mühle herumspioniert?

Ich versprach Matz dafür zu sorgen, dass er und Ruby von irgendjemand gefüttert wurden, und verließ mein Versteck. Vom Busch waren es nur wenige Schritte zur grünen Tür, die ich auf Zehenspitzen hopsend und mit eingezogenem Kopf zurücklegte. Auf keinen Fall wollte ich Goldhaar in die Arme laufen und erklären müssen, was ich da im Busch zu suchen gehabt hatte.

Eilig lief ich zum Fahrrad und schob es zum Stadtwall hinauf, wo ich sofort mein Handy zückte.

»He, Flo«, meldete sich Neva. »Was gibt’s?«

Von einer lächerlichen Vorsicht gepackt, sprach ich leise und hastig, obwohl ich schon ein gutes Stück von der Mühle entfernt war.

»Ich komme gerade von der Mühle. Krämer ist nicht da.«

»Hm.«

»Weißt du, dass es bereits einen Ersatz für Berta gibt?«

Neva machte ein abfälliges Geräusch. »Berta kann man nicht ersetzen.«

»Natürlich nicht. Hab die Neue gerade kennengelernt. Scheinbar hat Goldhaar sie …«

»Sag mal, kannst du nicht ein bisschen lauter sprechen? Dein Geflüster nervt.«

Bevor ich wagte, in normaler Lautstärke zu sprechen, sah ich über meine Schulter nach hinten. »Ich denke, die Neue arbeitet direkt für Goldhaar. Sie schnüffelt rum!«

»Na, toll. Hat die feine Vorsitzende es endlich geschafft und eine Laus in den schönen Agenturpelz gesetzt«, sagte Neva wütend. »Krämer wird in die Luft gehen! Er wollte die Genaver immer aus der Mühle raushalten. Weißt du schon was über die Neue? Vielleicht ihren Namen?«

Damit konnte ich dienen. »Lavina Tiefen…«

Ein echt unanständiges Wort unterbrach mich, ein Poltern und Knacken ertönte, und dann war am anderen Ende alles still.

»Hallo? Neva?«

Das konnte doch nicht wahr sein! Ich drückte noch zweimal auf die Wahlwiederholung, bekam jedoch nur die Ansage zu hören, dass mein gewünschter Gesprächspartner nicht zu erreichen sei. Dabei hatte ich nicht mal Gelegenheit gehabt, nach Hektor zu fragen.

Mies gelaunt kam ich zu Hause an. Ma und Jens saßen immer noch in der Küche.

»Oh, Flo! Das passt ja«, rief Ma aufgeregt und winkte mich zu sich.

Sie hatten einen Schreibblock vor sich aufgeklappt und mit Kugelschreiber irgendetwas aufgemalt. Zumindest hatten sie wohl schon eine Weile darüber gebrütet, wie die vielen kreuz und quer hingekritzelten Randnotizen bewiesen.

»Was ist das?«, fragte ich misstrauisch.

»Schweden«, erklärte Ma und schrieb das auch gleich oben auf das Blatt. »Zwei Wochen! Nur wir drei und vielleicht noch der ein oder andere Elch. Was sagst du dazu?«

Wenig begeistert starrte ich auf die Zeichnung. »Ernsthaft?«

»Ein Freund von mir hat ein Wohnmobil. So ein Modell mit allen Extras: Richtige kleine Küche, Duschkabine und fünf bequeme Betten auf zwei Etagen«, sagte Jens so euphorisch, dass man hätte vermuten können, er kassiere eine Maklerprovision. »Das leiht er uns für einen Urlaub.«

»Aha«, sagte ich lahm. »Und wann soll das sein?«

»In den nächsten Ferien.« Ma zupfte an meinem Ärmel. »Wenn du willst, kannst du ein Bett oben haben. Wir schlafen dann unten, und du hast deine Privatsphäre.«

Ich hatte den Eindruck, es war schon beschlossene Sache. »Kann ich da vielleicht auch noch mitreden? Vielleicht will ich meine Ferien ja lieber hier verbringen?«

Ziemlich sicher wollte ich das sogar. Was sollte ich auch mit Ma und Jens in einem Wohnmobil durch Schweden gurken, wenn ich mich hier mit Hektor treffen konnte?

»Siehst du«, sagte Jens an Ma gewandt. »Sie hat keine Lust.«

»Unsinn«, gab Ma voller Überzeugung zurück. »Wie soll man denn bitte schön keine Lust auf Urlaub haben?«

»Liegt es an Schweden?«, fragte Jens. »Wenn du lieber woanders …«

»Nein. Es hat nichts mit Schweden zu tun. Es ist nur, dass ich einfach keine Lust habe, die ganzen Ferien über unterwegs zu sein. Da will ich lieber rumhängen, meine Ruhe haben, und so.«

Jens kratzte sich verlegen am Kopf. »Und was, wenn wir alleine fahren?«

»Was?« Ma verschluckte sich beinahe an ihrem Tee, doch Jens ließ nicht locker.

»In Flos Alter hätte ich auch keine Lust gehabt, mit meinen Eltern wochenlang in ein Wohnmobil gesperrt zu sein. Das ist exakt das Gegenteil von Spaß. In Teenageraugen, meine ich.«

Ma und Jens sahen sich lange an. Noch zögerte Ma, den Urlaub einfach ohne mich zu planen. Zur Entscheidungshilfe steuerte ich bei: »Ich hätte von morgens bis abends schlechte Laune.«

»Wir lassen sie einfach hier«, sagte Jens daraufhin.

»Nein!«, rief Ma.

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Weil ich dich nicht so lange allein lassen kann«, erklärte Ma.

»Ähm … Du hast mich schon öfter lange allein gelassen.«

»Ja. Aber da war ich immer so gut wie um die Ecke und hätte sofort hier sein können, falls was gewesen wäre.«

»Es war aber nie was.«

»Darum geht es nicht, Flo. Ich kann nicht tausend Kilometer weit wegfahren, wenn ich hier niemanden habe, der wenigstens mal nach dir sieht.«

»Ich finde schon, dass du mir ein bisschen mehr vertrauen könntest.«

»Das hat nichts mit Vertrauen zu tun. Es geht um meine Verantwortung für dich.«

»Ja. Aber Nadine ist doch auch noch da. Die wird …«

»… sich bedanken«, grätsche mir Ma erbarmungslos dazwischen. »Nadine hat wirklich gerade genug eigene Sorgen. Da kann ich ihr nicht auch noch aufhalsen, sich um dich zu kümmern, während ich mit Jens Urlaub mache.«

»Aufhalsen?«, meckerte ich. »Sie muss mir ja nicht wie einem kleinen Kind das Händchen halten.«

»So meinte ich das nicht«, sagte Ma und strich mir entschuldigend über die Wange. »Es ist nur … Nadine wird ja auch nicht die ganze Zeit hier sein. Sie will Anna so oft wie möglich besuchen. Vielleicht auch mal ganz spontan, mit ihrem Wunderdoktor.«

Womit wohl Wassermann gemeint war. Mein Mund war zur Widerrede schon halb geöffnet, da schlug Jens vor: »Fragt doch Flos Oma.«

Ich warf Ma einen irritierten Blick zu, doch auch sie runzelte nur die Stirn. »Wen?«

»Deine Oma«, wiederholte Jens und sah mich erwartungsvoll an. Als ich nicht reagierte, wandte er sich an Ma. »Deine Beinahe-Schwiegermutter? Die mit dem Französisch-Tick?«

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte Ma nachdenklich. Offensichtlich hatte sie genauso wenig Ahnung wie ich, wovon Jens da sprach.

»Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?« Er wirkte verunsichert und zerdrückte einen Krümel, der noch vom Frühstück liegen geblieben war. »Die Mutter von Flos Vater!«

»Also, ich …« Ma bekam einen glasigen Blick und verstummte, woraufhin Jens es wieder bei mir versuchte.

»Gracia, glaub ich. Gracia … Irgendwas mit Land am Ende.«

Das war interessant. Es kam mir vor, als hätte Jens mich an etwas erinnert, das ich vor langer Zeit mal gewusst hatte, doch es war so unbedeutend und nebensächlich, dass ich es mir einfach nicht merken konnte.

Ma zuckte die Achseln, was Jens nun scheinbar echt sauer machte.

»Das ist nicht lustig«, knurrte er.

»Jetzt hör schon auf.« Ma lächelte beschwichtigend, doch er ließ nicht locker.

»Ich will ja nur wissen, was das soll. Habt ihr beide euch einen Scherz ausgedacht? Falls ja, finde ich ihn blöd.«

Ma begann mit dem Kugelschreiber herumzuspielen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihr dieses Gespräch nicht gefiel. Sie lächelte angespannt.

»Worüber regst du dich denn so auf?«

»Du hast mir doch erst gestern wieder von ihr erzählt. Sie wäre in letzter Zeit noch seltsamer geworden, hast du gesagt.« Jens verschränkte die Arme vor der Brust und murmelte: »Entweder, dein Gedächtnis ist sehr schlecht, oder meins.«

Als Ma den Kugelschreiber auf den Block knallte, wurde mir die Luft endgültig zu dick, und ich verließ einigermaßen verwirrt die Küche.

Das hatte mir gerade noch gefehlt! Dass Ma mit Jens Pläne schmiedete, war super. Ehrlich! Nur sollten sie mich bitte da rauslassen. Jens war ja ganz nett, aber zwei Wochen mit ihm in einem Wohnmobil zu verbringen, während es draußen kalt, nass und höchstwahrscheinlich den ganzen Tag dunkel sein würde, das ging mir dann doch ein wenig zu weit.

»Das ist doch kompletter Unsinn!«, hörte ich Ma rufen. Sie klang nun echt gereizt.

Na ja. Wenn Jens weiterhin so komisches Zeug redete, hatte sich das mit dem Urlaub ohnehin bald erledigt. Zumindest hatten Ma und er sich jetzt ordentlich in den Haaren, weil er nicht aufhörte, von irgendeiner fremden Frau mit Land am Ende zu sprechen.

Ich schloss die Tür zu meinem Zimmer und ging zur Kommode. Krämer war nicht anzutreffen gewesen, da blieb mir also nur der gute, alte Scitus.

Nachdem ich ihn aus dem Zeitungspapier ausgewickelt hatte, gab er feierlich die beleidigte Leberwurst, eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert war. Er schmollte funkelnd, bis ich mich mit zusammengebissenen Zähnen bei ihm entschuldigte.

»Es tut mir wirklich leid, Scitus. Aber stell dir vor, es wäre andersherum gewesen. Du, bis zum Hals in Schwierigkeiten, und ich tauche auf, nur um dich auszulachen. Das hättest du auch nicht gerade lustig gefunden, oder?«

Nachdem er zuvor stur an mir vorbeigeblickt hatte, richtete er seine schmalen Augen nun auf mich.

»Soll das Eure Entschuldigung sein? Etwas mickrig.«

»Ich bitte dich um Verzeihung. Mit allem drum und dran. Ich könnte auch einen Luftballon aufblasen, wenn du willst.«

»Nicht nötig«, sagte Scitus, doch ich sah ihm an, dass er das gern gesehen hätte. Ich wollte lieber nicht warten, bis er sich anders entschied.

»Was du über die Rosen gesagt hast, ist das wirklich wahr? Das mit Invidia, meine ich.«

»Also wirklich, Teuerste!« Scitus schnitt eine genervte Grimasse. »Wann begreift Ihr endlich, dass ich Euch niemals anlüge?«

»Okay«, sagte ich, mehr zu mir selbst. »Deshalb haben die Genaver das Gewächshaus also gesprengt. Sie wussten, dass Invidia darin gefangen war.«

Er wirkte überrascht, dann kicherte er: »Goldhaar macht keine halben Sachen, was? Sie hat das Gewächshaus sprengen lassen? Eine sehr interessante Maßnahme. Nur leider absolut nutzlos.«

»Ach ja?« Ein magerer Strohalm, an den ich mich sofort klammerte. »Nutzlos, weil die dreizehnte Fee zu diesem Zeitpunkt schon mit den Rosen verbrannt war?«

Er kostete den Moment aus, in dem ich gebannt auf seine Antwort wartete. Schließlich sagte er fidel: »Ich würde die Sprengung als reinste Verzweiflungstat bezeichnen. Es ist nämlich so: Die Genaver wussten natürlich sehr wohl, dass Invidia in einen Rosenstrauch gebannt worden war.«

»Hm.«

»Ja. Heimtückisch und hinterlistig hatte man ihr diese Falle gestellt. Genau nach meinem Geschmack.«

»Und dann?«

»Den Genavern genügte das nicht. Ihnen schwebte eine etwas härtere Bestrafung für die dreizehnte Fee vor. Todesstrafe, oder etwas in der Art. Sie wollten Invidia ein für allemal loswerden.«

Mir kamen die grässlichen Ranken in den Sinn, die mich beinahe erwürgt hatten, und das Gift, das mich gelähmt hatte. Die Stellen, wo sie meine Haut aufgerissen hatten, brannten mit einem Mal heftig, und ich fasste mir unwillkürlich an den Hals.

»Nachvollziehbar«, flüsterte ich schaudernd.

»Außerdem befürchteten sie, die Schwestern könnten eines Tages Mitleid bekommen und die arme Invidia wieder befreien. Feen haben eine sehr unbekümmerte Einstellung, wenn es um Nahestehende geht, wie Ihr ja nur zu gut selber wisst. Blut ist dicker als Wasser und so.«

»Ja?« Ich wusste zwar nicht, warum ich das wissen sollte, aber ich wollte Scitus keinesfalls unterbrechen, bevor er endlich zum Punkt kam.

Er betrachtete mich mit einer leicht gehobenen Augenbraue und schien über etwas nachzugrübeln.

»Wie dem auch sei«, fuhr er fort, ohne den forschenden Blick von mir zu nehmen, »deshalb wollten die Genaver diesen Strauch unbedingt in ihre Gewalt bringen. Nur waren die Feen plötzlich unauffindbar. Alle weg! Die Genaver wussten also weder, wo sich der vermaledeite Strauch befand, noch wo die übrigen zwölf Schwestern steckten.«

»Sie haben sich vor den Genavern versteckt?«

»Wie Regentropfen im Meer. Bis heute ist es den Genavern nicht gelungen, auch nur eine einzige Fee aufzutreiben.« Er lächelte über dieses Kabinettstückchen der Feen, dann schwieg er, und sein Blick wurde noch eindringlicher.

Um ihn davon abzubringen, drängte ich: »Und dann?«

»Mehr kann ich Euch bedauerlicherweise auch nicht sagen.«

»Was soll das heißen?«

»Ihr erinnert Euch? Ich hockte jahrelang in einem Kosmetikspiegel. Das war nicht nur demütigend, sondern vor allem ausgesprochen langweilig. Abgeschnitten von der Welt, habe ich allerhöchstens Gerüchte und Gemurmel vernommen.«

Ja, richtig. Aber ich würde Scitus kein Mitgefühl vorheucheln, denn ich war überzeugt, wofür auch immer er bestraft worden war, er hatte es redlich verdient.

Gedankenverloren wollte ich den Deckel der Puderdose schließen, da rief Scitus: »Eine Kleinigkeit dürfte Euch vielleicht noch interessieren, Teuerste.«

»Und das wäre?«

»Ich bin nicht sicher, wer Euch das angetan hat oder warum, aber ich bin in aufrichtiger Sorge um Euer Wohlergehen.«

Mir wurde etwas angetan? Das wäre mir neu gewesen. »Du willst mir doch nur Angst einjagen.«

»Nicht doch! Jemand hat Euch verzaubert, Teuerste. Und ich spreche nicht vom edlen Hektor Falkenfeder, treuer Gefolgsmann meiner ehemaligen und wundervollen Herrin Neva Bruderherz, Enkelin der anbetungswürdigen Dame Patricia Schneetal, Mutter der …«

»Willst du jetzt alle Leute aufzählen, mit denen du jemals zu tun hattest?«, rief ich und schüttelte den Puderdosendeckel ungeduldig durch. »Wovon sprichst du? Raus damit!«

»Ist ja gut, Teuerste. Hört auf, mir wird ja noch ganz schwindelig davon!« Er rümpfte beleidigt die Nase. »Ein sehr starker Zauber liegt auf Euch. Wirklich ausgesprochen stark. Und dunkel wie die tiefe Nacht. Wie fühlt Ihr Euch?«

»Ähm«, erwiderte ich verblüfft, »eigentlich ganz gut.«

»So. Nun. Na ja. Ich an Eurer Stelle wäre dennoch vorsichtig.«

»Danke. Ich kann schon auf mich aufpassen.« Ich schraubte den Deckel zu und vernahm dabei ein leises Lachen aus der Dose.

Als ich aus meinem Zimmer kam, saß Ma allein am Küchentisch. Sie hob den Kopf, und ich sah, dass sie geweint hatte.

»Flo«, sagte sie und lächelte traurig. »Ich hoffe, wir waren nicht zu laut?«

Die Fetzen waren geflogen, und ich hatte auch ein Türknallen gehört, war jedoch zu sehr in das Gespräch mit Scitus vertieft gewesen, um weiter darauf zu achten.

»Ist Jens gegangen?«, fragte ich und bemerkte ein zusammengeknülltes Blatt vor Ma, eindeutig die Reiseroute durch Schweden. Die Sache mit dem Urlaub war also vorerst vom Tisch.

Mit schlechtem Gewissen, weil ich mich darüber freute, setzte mich neben Ma und legte ihr den Arm um die Schultern.

»Er ruft bestimmt nachher an und entschuldigt sich«, tröstete ich.

»Das glaube ich nicht. Keine Ahnung, was in ihn gefahren ist. Weißt du, was er behauptet hat?«

»Was denn?«

»Dass wir beide uns abgesprochen hätten.«

Ich stand auf, riss ein paar Blätter von der Küchenrolle ab, drückte sie Ma in die Hand und wartete, bis sie sich die Nase geputzt hatte.

»Und was meint er damit?«

»Na, dass wir uns einen Plan überlegt hätten, damit wir bloß nicht mit ihm zusammen in Urlaub fahren müssen.« Sie schnäuzte sich kräftiger. »Dass wir nur so tun, als wüssten wir nicht, von welcher komischen Frau er da dauernd spricht.«

Ganz kurz durchzuckte mich ein Gedanke, der aber genauso blitzartig wieder verschwand. »Tja. Das ist wirklich seltsam.«

Sie begann wieder zu weinen. »Er hat Schluss gemacht.«

»Nur wegen …?«, rief ich ungläubig, doch Ma schüttelte den Kopf.

»Nein. Das war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.«

»Welches Fass?«

»Ich glaube, manchmal ist er einfach überfordert mit uns.«

»Wieso das denn?« Ich war mir keiner Schuld bewusst. Seit Ma mir Jens vorgestellt hatte, versuchte ich, ihm das Gefühl zu geben, dass es okay für mich war. Er war der neue Mann an Mas Seite, und ich akzeptierte das, obwohl er so seine Macken hatte.

»Na ja. Er hat noch nie mit einer Frau zusammengelebt. Und irgendwie scheint es ihm manchmal noch schwerzufallen, sein Leben nicht mehr nach Lust und Laune führen zu können.«

»Aha.«

»Schau«, erklärte Ma nachsichtig, »jetzt muss er nicht nur ständig auf eine Partnerin Rücksicht nehmen, sondern auch noch auf deren Tochter.«

»Auf mich muss er keine Rücksicht nehmen«, sagte ich, doch Ma erwiderte: »Doch, klar muss er das. Wenn ich alleinstehend wäre, ohne Kind und so, dann könnten Jens und ich …«

»Ja, okay. Hab verstanden«, unterbrach ich. Trotzdem fand ich, Jens könne ruhig ein bisschen dankbarer sein, mit einer so tollen Frau wie meiner Mutter zusammen sein zu dürfen. Die auch noch so verständnisvoll war, dass sie ihn in Ruhe ließ, wenn er sich mal ein, zwei Tage nicht meldete.

»Was ich nur nicht verstehe«, Ma weinte verzweifelt, »warum sucht er einen Grund, diesen blöden Urlaub nicht mit uns machen zu müssen? War doch seine Idee. Hat er kalte Füße bekommen, weil ich wirklich mitfahren wollte? Versteh einer die Männer!«

Ich sah auf die Uhr. In einer halben Stunde wollte Hektor mich abholen, und ich konnte es kaum erwarten, ihn zu sehen. Allerdings konnte ich Ma unmöglich alleine lassen, wenn sie so unglücklich war.

»Weißt du was? Ich sage meine Verabredung ab und bleibe hier. Dann können wir über alles quatschen.«

»Flo, du bist so lieb«, schniefte Ma und zog mich in ihre Arme. »Aber ich will jetzt gerne allein sein.«

»Das sagst du jetzt doch nur, damit ich kein schlechtes Gewissen habe.« Ich wollte aufstehen. »Wirklich. Ich bleibe hier und …«

»Nein«, unterbrach sie mich. »Ich bin ganz froh, wenn ich gleich meine Ruhe habe. Ich nehme ein heißes Bad, und dann kuschle ich mich mit einem guten Buch ins Bett.«

»Wirklich?«

»Nichts auf der Welt kann mich davon abhalten.«

»Es würde mir wirklich nichts ausmachen …«, wollte ich Ma versichern, aber sie ließ mich nicht mal diesen Satz beenden.

»Flo! Es ist besser, wenn du nicht da bist. Zu deiner eigenen Sicherheit, glaub mir.« Sie nickte bei jedem Wort. »Wenn ich in der Wanne liege, wird laute Musik durch diese Wohnung schallen. Und ich werde mitsingen. Es wird schrecklich, das verspreche ich dir.«

Ich kannte Mas Singstimme und zweifelte nicht einen Augenblick an diesem Versprechen.

Wir blieben trotzdem noch zusammen sitzen, und ich hörte Ma zu, wie sie sich Luft machte. Sie war nun wirklich wütend auf Jens, der ihrer Meinung nach verrückt geworden sein musste.

Das war gut! Wütend sein tat weniger weh, als traurig zu sein. Außerdem war ich überzeugt, dass Jens sich spätestens am Abend bei Ma melden und entschuldigen würde.

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Auf die Minute pünktlich klingelte es um drei. Hektor!

Seit unserem Kuss konnte ich nicht mal an Hektor denken, ohne dass ein heftiges Kribbeln von meinem Kopf bis zu den Zehenspitzen und wieder zurück lief.

Was wir wohl unternehmen würden? In seinem Cabrio herumfahren? Uns in ein Café setzen? An den Schillerwiesen spazieren gehen? Ach, es war total egal, Hauptsache, wir waren endlich allein. Nur er und ich.

Nach einem letzten Check vor dem Spiegel im Badezimmer verließ ich umgezogen und gestyled und mit gehörig klopfendem Herzen die Wohnung. Ich flog die Stufen nur so hinunter und rannte zur Haustür, wo ich jedoch einen Augenblick innehielt, um wieder zur normalen Atemfrequenz zurückzufinden. Gleich würde ich Hektor in die Arme fallen, da wollte ich nicht schon vorher hyperventilieren.

Dann riss ich die Tür auf und stand endlich …

… Neva gegenüber.

Es war, als wäre ich mit Anlauf vom Dreier gesprungen und hätte erst dann bemerkt, dass im Becken kein Wasser war.

Ein Stück hinter Neva stand Hektor. Er sah zerknirscht aus und vermied es, mir direkt in die Augen zu blicken.

»He, Flo«, sagte er leise.

He, Flo? Sonst nichts? Mein Mund wurde trocken. Gerade schlug ich im leeren Becken auf.

»Okay, okay«, sagte Neva und zeigte Richtung Straße. »Wollt ihr den ganzen Tag hier rumstehen?«

Sie drehte sich um und stapfte schnell zum Cabrio. Ich blickte Hektor in Erwartung einer Erklärung an. Der fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, hob dabei die Schultern und wirkte wie ein zu großer Schuljunge, der seinem Lehrer gestehen musste, warum er seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

»Es tut mir leid.« Geknickt ließ er die Arme sinken und zögerte, als wüsste er nicht, was er nun tun sollte.

In meinem Kopf ging alles durcheinander. Wie sehr ich mich auf Hektor gefreut hatte! Auf ein paar Stunden, in denen es nur ihn und mich geben sollte. Und was tat er? Brachte zu unserer ersten Verabredung eine Anstandsdame mit. Wollte er nicht mit mir alleine sein? Langweilte ich ihn? Bereute er unseren Kuss?

Ich war noch immer nicht in der Lage, etwas zu sagen, und als Neva ungeduldig nach uns rief, ging ich mit brennenden Wangen einfach an Hektor vorbei. Dabei achtete ich ziemlich kindisch darauf, ihn nicht zu berühren.

Neva war auf die Rücksitzbank geklettert und hatte mir den Platz vorn neben Hektor überlassen. Vor wenigen Minuten war ich noch ganz scharf darauf gewesen, neben ihm im Cabrio zu sitzen, doch jetzt stieg ich nur widerwillig ein. Ich gab Hektor keine Gelegenheit, die Tür für mich zu schließen, sondern machte sie selbst zu. Ich war sauer, und er durfte es ruhig wissen.

Hektor blieb kurz auf dem Bürgersteig stehen, dann ging er ums Auto zur Fahrerseite. Neva streckte ihren Kopf zwischen den Sitzen hervor.

»Du fragst dich sicher, warum ich …«

»Lass gut sein«, schnitt ich ihr das Wort ab. Ich brannte auf eine Erklärung. Und wie! Aber nicht von Neva, ich wollte sie von Hektor hören. Der war nun auch eingestiegen und ließ den Motor an. Ihm war deutlich anzumerken, dass auch er die Situation als unangenehm empfand. Das war ja wohl das Mindeste.

»Und jetzt? Fahren wir zur Mühle?«, fragte ich in bemüht gleichgültigem Ton.

»Nein!«, antworteten Hektor und Neva gleichzeitig, wobei Hektor etwas energischer klang.

Neva erklärte: »Krämer will uns sehen. Aber nicht in der Mühle.«

»Ein Einsatz?« Ich drehte mich zu ihr um. Das würde ihre Anwesenheit zumindest ein klitzekleines bisschen entschuldigen.

»Würde ich nicht so nennen. Er hat nicht genau gesagt, um was es geht, aber er hat es dringend gemacht.« Sie brachte sich in eine bequemere Sitzposition und streckte die langen Beine auf der Rücksitzbank aus. »Du kennst ihn ja.«

Meine Augen streiften Hektor. Er hielt das Lenkrad mit beiden Hände fest, als würde es sich ansonsten selbständig machen.

Dann war es also nicht seine Idee gewesen, Neva zu unserem ersten Date mitzubringen?

»Warum hast du vorhin eigentlich aufgelegt? Ich hab noch tausend Mal versucht, dich anzurufen«, fragte ich.

»Mir ist das dämliche Handy hingefallen. Total kaputt!«

Wir fuhren weiter, und keiner von uns sagte etwas, bis wir in eines der ruhigeren Wohngebiete abbogen. Ich erkannte die Gegend, hier wohnte Berta. Tatsächlich fuhren wir zu ihrem Haus. Ich entdeckte Krämers Limousine in der Straße.

Verdutzt fragte ich: »Wohnt Krämer bei Berta?«

»Vorübergehend.«

»Und wo wohnt er sonst?«

»In der Mühle, natürlich.«

Warum das natürlich war, wusste ich nicht, beließ es aber dabei. Es gab so vieles, was ich nicht über Krämer wusste und sicher irgendwann herausbekommen wollte, jedoch war dies nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Wir hielten an, und Hektor sprang aus dem Wagen. Ich schnallte mich noch ab, da legte Neva ihre Hand auf meine Schulter.

»Du, hör mal. Ich weiß, dass du dir das heute anders vorgestellt hast«, sagte sie schnell.

Ja, das konnte man so sagen. Hektor hielt mir die Beifahrertür auf, und ich stieg aus, ohne Neva zu antworten. Ich klappte den Sitz nach vorn, und sie kam ohne die Verrenkungen, die ich üblicherweise vollführen musste, vom Rücksitz. Kaum auf dem Bürgersteig, lief sie auch schon zur Haustür weiter. Gerade wollte ich ihr folgen, da griff Hektor sanft nach meiner Hand.

»Flo, es war nicht …« Er suchte offensichtlich nach den richtigen Worten und sah dabei so bedrückt aus, dass mein ohnehin schon geschrumpfter Ärger endgültig verflog.

Neva und ich waren Fabulae, und auch Hektor gehörte im weitesten Sinne zur Agentur. Wenn Krämer uns rief, mussten wir springen und eben alle privaten Angelegenheiten zurückstellen, ob es uns nun gefiel oder nicht. Das war nicht Hektors Schuld, und es wäre ungerecht von mir gewesen, ihm deshalb böse zu sein.

Bevor ich etwas in der Art zu ihm sagen konnte, legte er einen Arm um meine Taille und zog mich an sich. Seine Lippen legten sich auf meine. Ein Kuss, der weich und zärtlich war und mich dennoch mit seiner Leidenschaftlichkeit überraschte. Ich schlang meine Arme um ihn, spürte seinen kräftigen Herzschlag und atmete seinen Duft ein. Als hätte jemand einen dicken grauen Vorhang zurückgezogen, war plötzlich alles hell und warm um mich herum.

»Los jetzt, ihr Turteltauben! Dafür habt ihr später noch Zeit!«

Hektor flüsterte mir ins Ohr: »Wenn wir hier fertig sind, hast du dann noch Lust, dass wir was trinken gehen?«

Mir war von seinem Kuss noch ganz schwindelig, und als er mir jetzt tief in die Augen sah, verlor ich beinahe das Gleichgewicht. Ich hielt mich an ihm fest und konnte nur nicken.

Neva stand in der geöffneten Tür und winkte uns mit beiden Armen heran, bevor sie den Hausflur betrat. Hektor nahm wieder meine Hand, diesmal etwas fester, als wir zur Haustür gingen. Diese schloss sich langsam, und damit sie nicht vor unserer Nase ins Schloss fiel, begannen wir zu rennen.

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