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Märchenfluch, Band 1: Das letzte Dornröschen

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Die Scheiben waren an vielen Stellen blind, und so konnte man von außen nicht in das alte Gewächshaus schauen, obwohl drinnen Licht brannte. Man hätte ohnehin nichts erkennen können, außer Blatt an Blatt der bis unter die Decke gewachsenen Rosenhecke.

Die feuchtwarme Luft war erfüllt vom schweren, süßen Duft der dunkelroten Blüten. Jede einzelne wandte sich dem jungen Mann zu, der das Gewächshaus betreten hatte und auf den halb in der Rosenhecke verborgenen Schreibtisch zuging.

Ein Bogen Papier lag vor ihm. Der junge Mann griff danach und las, was mit roten Buchstaben darauf geschrieben stand. Er legte das Papier zurück und vermied es, die Gestalt anzublicken, die hinter dem Schreibtisch saß.

Sie war von Rosenranken umschlungen und wirkte selbst wie ein Teil der Hecke. Die dichten Blätter lagen wie eine zweite Haut über Gesicht und Körper, nur eine Hand war frei. Eine zarte Ranke ringelte sich darüber, bohrte ihre Dornen in das Fleisch, bis Blut in dünnen Rinnsalen zu einer Schreibfeder zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger lief und wie rote Tinte von der Spitze tropfte.

Die Gestalt blieb vollkommen bewegungslos, nur die Hand führte die Feder kratzend über das Papier.

»Ja, ich weiß«, sagte der junge Mann und berührte eine besonders prächtige Rosenknospe sanft mit den Lippen. »Bald. Ich verspreche es dir.«

Er ging zu dem Klavier, das von der Hecke wie durch einen Pavillon überdacht wurde, setzte sich und spielte mit geschmeidigen Fingern Mozarts Lacrimosa. Er tat dies mit so viel Gefühl, dass die Rosen leise seufzten.

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Mit Tränen in den Augen öffnete ich die Schnur um den kleinen Karton. Ich hatte ihn im letzten Jahr immer wieder hervorgeholt, aber nie hineingeschaut. Es war, als gäbe ich erst durch das Aufmachen mein unwiderrufliches Einverständnis zum Tod meines Vaters. Ich hatte im vergangenen Jahr wirklich versucht, es zu begreifen. Er war tot, und ob ich diesen Karton, der ein paar persönliche Dinge von ihm enthielt, nun öffnete oder nicht, er würde es bleiben.

Meine Eltern waren nie verheiratet gewesen und hatten getrennt gelebt. Als Paläontologe war mein Vater auf Südamerika spezialisiert gewesen und hatte auch die meiste Zeit dort verbracht, weshalb wir uns nur selten gesehen hatten. Für ihn war das Ausgraben und Zuordnen versteinerter Knochen das Größte gewesen, und er hatte wenig Verständnis für Menschen gehabt, die nicht stundenlang darüber sprechen wollten.

Während unserer letzten Telefonate hatte er immer wieder gesagt, dass er mich irgendwann über die Ferien mitnehmen wollte. Damals hatte ich keine Lust gehabt, doch jetzt hätte ich auf der Stelle meine Koffer gepackt.

Ich blinzelte die Tränen weg und konzentrierte mich auf den Inhalt des Kartons.

Ganz obenauf lag ein in Zeitungspapier gewickelter schwerer Gegenstand. Vorsichtig schlug ich das Papier auf und hielt eine Kugel von der Größe einer Orange in der Hand.

Weiße Flocken trieben darin durch eine klare Flüssigkeit und rieselten träge auf die detailreich ausgearbeitete Miniatur eines Schlosses nieder.

Ich schüttelte die Kugel und sah zu, wie die Flocken zu wirbeln begannen und auf das Schloss niedergingen, bis kaum noch etwas von den Türmen und Zinnen zu erkennen war.

Ich erinnerte mich an diese Schneekugel. Bei einem der seltenen Besuche bei meinem Vater hatte ich sie auf seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer entdeckt und war ganz fasziniert davon gewesen, aber er hatte mir nicht erlaubt, damit zu spielen.

Mit dem Ärmel wischte ich mir über das Gesicht und kämpfte gegen das Ziepen in meiner Nasenspitze, mit dem sich erneute Tränen ankündigten. Ich suchte im Karton nach einer Halterung und fand, ebenfalls sorgsam eingeschlagen, einen soliden schwarzen Sockel. In zierlichen goldenen Buchstaben war Dornröschen darauf eingraviert.

Vorsichtig setzte ich die Kugel ein und trug sie zu meinem Regal, wo sie einen Platz zwischen meinen Lieblingsbüchern bekam.

Ich setzte mich wieder auf den Boden vor den Karton. Als nächstes lag ein Fotoalbum darin. Ich lehnte mich mit dem Rücken an mein Bett und klappte das Album auf. Die Bilder zeigten meinen Vater als Baby, als Kleinkind, bei der Einschulung und mit eingegipstem Bein. Es gab Fotos von längst vergangenen Weihnachtsfesten und Geburtstagen und Sportveranstaltungen.

In meinem Hals saß ein dicker Kloß. Es ging nicht, ich konnte mir die Fotos einfach nicht weiter anschauen und klappte das Album heftig zu. Meine Großmutter Gracia hatte mir diesen Karton am Tag der Beerdigung übergeben. Sie hatte ein Schild mit meinem vollen Namen darauf geklebt, Flora Anthea Allenstein, als müsse sie sichergehen, ihr einziges Enkelkind nicht mit jemand anderem zu verwechseln.

Andenken, hatte Gracia gesagt und dabei so kühl und distanziert wie immer geklungen. Den Rest werde sie entsorgen, hatte sie sachlich angefügt.

Ich war darüber so wütend geworden, dass ich sie angeschrien hatte. Im Nachhinein tat es mir ein bisschen leid, immerhin hatte sie ihr einziges Kind verloren, und es war wohl ihre Art, damit umzugehen. Dennoch war mir in diesem Augenblick ihre Gefühlskälte unerträglich gewesen. Seither hatte ich Gracia nicht mehr gesehen.

Ich kramte weiter in dem Karton und entdeckte ein in dunkelroten Samt gebundenes, dünnes Buch. Es war schon sehr alt, der Samt an den Ecken war abgestoßen und glänzte speckig.

Neugierig schlug ich es auf und wurde prompt enttäuscht. In einer kaum zu entziffernden Schrift waren dort jede Menge Namen und Daten aufgelistet. Langsam blätterte ich weiter und stieß auf immer mehr Namen und Daten, bis ich in der Mitte eine offensichtlich nachträglich eingefügte Seite bemerkte. Ein Bogen, der aufgeklappt ungefähr dreimal so groß wie das Buchformat war.

Ich schnappte erstaunt nach Luft. Vom unteren Bildrand aus war die wunderschöne Zeichnung eines Rosenbuschs zu sehen. Der Zeichner war offensichtlich überaus begabt gewesen, denn die prächtigen Rosenblüten, Dornen und gezackten Blätter wirkten mit ihren leuchtenden Farben vollkommen echt. Selbst die gemalten Tautropfen sahen aus, als könnten sie jeden Augenblick über die Blütenblätter rollen und aus dem Bild heraustropfen.

Von dem Busch gingen Ranken ab, die sich über die ganze Seite erstreckten und sich immer wieder unterteilten, bevor sie sich jeweils am Ende zierlich einrollten. Allerdings saßen nur verwelkte Blüten daran, und neben jeder befand sich ein Name in winziger Schrift.

Eine Ranke auf der rechten Seite fiel mir besonders auf. Sie schien ganz an den Bildrand gedrückt, bis in die obere Ecke. An ihrer Spitze hatte sie sich geteilt, und dieser dünne Ast trug drei Blüten. Sie waren nicht so vertrocknet wie all die anderen. Die Letzte sah sogar aus, als hätte sie gerade erst zu welken begonnen.

Ich sprang auf und holte mein Handy. Das musste ich fotografieren und es dann vergrößern, damit ich die winzigen Namen lesen konnte. Vor die ausgebreitete Seite gehockt, machte ich ein Foto. Es wurde nicht besonders gut, weil das alte Papier sich wellte, deshalb strich ich es für den zweiten Versuch glatt und spürte dabei plötzlich einen Stich. Mit einem überraschten Zischen zog ich die Hand zurück.

Ich musste mich an der Papierkante geschnitten haben. Aus der Fingerkuppe meines Zeigefingers quoll ein Tropfen hellroten Blutes und fiel auf die Seite, noch bevor ich die Hand wegziehen konnte.

Bestürzt sah ich, dass er direkt auf dieser obersten Ranke gelandet war. Das ärgerte mich, ich hatte die schöne Abbildung ruiniert. Bevor ich noch größeren Schaden würde anrichten können, faltete ich die Seite zusammen, verstaute das Buch und das Fotoalbum wieder im Karton und schob ihn unter das Bett.

Das war alles, was mir von meinem Vater geblieben war.

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Wie jeden Mittwoch verwandelte das Ende der letzten Stunde meine gesamte Klasse, die vom Geschichtsunterricht tödlich gelangweilt war, in eine hochmotivierte Truppe. Rucksäcke wurden geschultert, Stühle scheppernd hochgestellt, und man rannte aus dem Klassenraum, als zähle jede Sekunde.

Normalerweise war ich mit dabei, doch diesmal räumte ich meine Sachen ganz langsam zusammen. Auf dem Weg zur Schule war ich mit dem Fahrrad über einen Nagel gefahren, was mir einen Platten und echt miese Laune beschert hatte.

»He! Was ist los, Flora? Willst du hier übernachten?«

Ich sah auf. Neben meinem Tisch stand Anna. Offen gestanden war ich gar nicht sicher, ob wir miteinander befreundet gewesen wären, wenn unsere Mütter uns nicht schon als Zweijährige hartnäckig in den gleichen Sandkasten gesetzt hätten, weil sie Freundinnen und Kolleginnen waren.

Anna und ich waren im Kindergarten in der gleichen Gruppe, wir waren seit der Grundschule Klassenkameradinnen, und seit einem halben Jahr wohnten wir nun sogar im selben Haus.

Das war eigentlich okay, aber manchmal wünschte ich mir, ich könnte nach der Schule einfach tun, was ich wollte, ohne mir von Anna einen vorwurfsvollen Blick einzufangen. Anna hatte nämlich eine sehr nervige Einstellung, was Hausaufgaben betraf. Diese waren ihrer Meinung nach sofort und im vollen Umfang zu erledigen. Und wenn am nächsten Tag ein Test anstand, ließ sie nicht locker, bis ich mit ihr den ganzen Stoff mindestens ein Mal komplett durchgegangen war.

Das passte mir heute aber gar nicht in den Kram. Wenn ich mein Rad schon schieben musste, konnte ich auch gleich noch eine andere Sache klären, die mich seit einiger Zeit beschäftigte. Und das wollte ich lieber allein machen.

»Fahr schon mal, ich muss ja schieben.«

»Ich schieb auch«, bot Anna eifrig an. »Dann kann ich dich unterwegs Englisch abfragen.«

Das wünschte ich mir in etwa so sehr wie eine Katze sich ein heißes Vollbad, also griff ich zu einer Notlüge. »Ich brauch sowieso noch die Fotos. Für Kunst.«

Wir sollten bis Freitag Herbstimpressionen mit dem Handy einfangen, aus denen wir dann eine Collage erstellen würden. Außer einem Pilz, der direkt vor unserem Haus wuchs, hatte ich noch nichts fotografiert.

»Oh. Die Fotos«, sagte Anna. Sie hatte, wie ich zufällig wusste, bisher auch nur diesen Pilz fotografiert. Kunst war das einzige Fach, das Anna wirklich hasste, und sie zeigte erwartungsgemäß keinerlei Interesse mehr, mich zu begleiten.

»Okay.« Sie hatte die ganze Zeit mit etwas in ihrer Hand gespielt, das sie nun in ihre Tasche steckte. Im Davoneilen sagte sie: »Dann sehen wir uns später.«

»Ist gut. Bis dann!«

Ich ging allein zum Fahrradparkplatz, schloss mein Fahrrad los und schob es in Richtung Stadtwall.

Der Wall führte einmal um die Innenstadt herum und war bei Spaziergängern, Joggern und Radfahrern gleichermaßen beliebt, weil er wie ein Waldweg von Bäumen umgeben war. Auf seiner Länge von etwa drei Kilometern wurde er nur neunmal von Straßen unterbrochen, die aber gut zu überqueren waren. Es gab ein paar echte Sehenswürdigkeiten, die am Stadtwall lagen, so zum Beispiel das Bismarckhäuschen, der Alte Botanische Garten oder die historische Wassermühle am Leinekanal. Und die war mein Ziel.

Ich kannte die Mühle natürlich und hatte sogar mal ein Referat über sie gehalten. Sie hatte ihr Mahlrecht im Jahr 1305 erhalten, war durch die Wallbefestigung Mitte des sechzehnten Jahrhunderts in die Befestigungsanlage der Stadt einbezogen worden und hatte damals eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Stadtbevölkerung gespielt. Das Gebäude selbst war um 1766 herum erneuert, zuletzt in 2006 renoviert und mit einem neuen Mühlrad ausgestattet worden.

Warum mich das interessierte und ich unbedingt ohne Anna hierher wollte, hing nicht mit den Fotos für Kunst zusammen, sondern mit einem seltsamen Brief, den ich eine Woche zuvor erhalten hatte. Ich kannte ihn längst auswendig, so oft hatte ich ihn gelesen.

Sehr geehrte Flora Anthea Allenstein,

da Sie es versäumt haben, sich nach Ihrem sechzehnten Geburtstag im Haus der Genaver einzufinden, wurden Sie für die Dauer Ihrer Pflichtjahre der ASGA Agentur zugeteilt.

Bitte haben Sie Verständnis, dass Änderungswünsche nicht mehr berücksichtigt werden können.

Melden Sie sich innerhalb der nächsten vierzehn Tage in der Odilienmühle am Leinekanal. Das Schreiben ist unbedingt mitzuführen.

Ein Merkblatt für Absolventen der Pflichtjahre, das Sie bitte mit der nötigen Aufmerksamkeit studieren, erlauben wir uns beizulegen.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und hoffen auf eine gute Zusammenarbeit.

Hochachtungsvoll,
der Rat der Genaver

Ich hatte noch nie von einem Rat der Genaver gehört, und doch war der Brief eindeutig für mich, wie mein vollständiger Name und die oben auf dem Blatt eingefügte Adresse zeigten. Im Internet hatte ich nicht den kleinsten Hinweis auf diese Genaver gefunden, was mich zugegebenermaßen ziemlich neugierig gemacht hatte.

Der Brief war genau einen Monat nach meinem Geburtstag bei mir angekommen. Lange hatte ich darüber gegrübelt, ob sich vielleicht jemand einen Scherz mit mir erlauben wollte, schloss das mittlerweile allerdings aus. Kaum jemand wusste, dass ich einen Zweitnamen hatte, und dass in dem Schreiben kein fester Zeitpunkt angeben war, sprach ebenfalls dagegen. Wer sollte sich schon vierzehn Tage vor einer alten Mühle auf die Lauer legen wollen, bis ich eventuell dort eintrudelte?

Auch das fünfseitige, kleinbeschriebene Merkblatt war für einen blöden Streich zu detailliert. Ich hatte es zwar nicht studiert, sondern nur kurz überflogen, doch das hatte ausgereicht, um einige Fragezeichen zu produzieren.

Natürlich dachte ich nicht im Traum daran, mich in einer alten Mühle zu melden, was ja auch ziemlich schwachsinnig gewesen wäre, allerdings war ich seither viermal auf meinem Weg über den Stadtwall daran vorbeigeradelt. Dabei hatte ich das merkwürdige Gefühl, die Luft sei dünner, irgendwie elektrisch aufgeladen; und ein leichtes Kribbeln hatte auf meiner Haut gelegen.

Anna war immer dabei gewesen, und ihr war nichts dergleichen aufgefallen.

Als ich dann beim letzten Mal einen genaueren Blick auf das Gebäude riskiert hatte, war es mir anders, nein, fremd erschienen. Ich konnte es nicht genau bestimmen, aber ich hätte schwören können, es war plötzlich größer, so, als hätte man der alten Mühle über Nacht einen Anbau hinzugefügt, der sich so perfekt an das Fachwerkgemäuer schmiegte, dass er nicht weiter auffiel. Dieser Anbau hatte einen eigenen Eingang, und sosehr ich mir den Kopf zerbrach, ich hatte ihn nie zuvor bemerkt, obwohl die Tür in einem auffälligen Grün leuchtete.

Diesmal näherte ich mich von der anderen Seite. Ich kam von der Straße her und schob mein Fahrrad langsam über den Parkplatz vor der Mühle. Ein paar Autos standen darauf, eine schwarze Limousine, ein ziemlich rostiger und bemerkenswert verbeulter Kleinwagen und ein Cabrio, das zwar auch schon älter, aber sehr gepflegt war. Der Fahrer, ein junger Mann, saß darin und genoss bei geöffnetem Verdeck die letzten wärmenden Strahlen der Nachmittagssonne. Die Rückenlehne hatte er weit zurückgestellt und den Kopf auf die Nackenstütze gelegt. Er trug eine große, verspiegelte Sonnenbrille, und ich konnte nicht sagen, ob er mich ansah oder die Augen geschlossen hatte, jedenfalls schenkte er mir keinerlei Aufmerksamkeit. Er fuhr sich nur einmal durch sein volles dunkles Haar, als ich an ihm vorbeikam, mein Fahrrad ein Stück weiter an einen Pfeiler lehnte und daran abschloss.

Ich blieb noch eine Weile stehen und ließ das beschauliche Gebäude auf mich wirken. Das gewaltige Mühlrad stand still, doch das Holz knarrte leise im fließenden Wasser. Das Laub der Bäume, die den Stadtwall säumten, leuchtete gelb, orange und in sämtlichen Rottönen und rahmte die Mühle geradezu idyllisch ein. Ein paar Regentropfen, die sich hier und da in Spinnweben an der Mühle verfangen hatten, glitzerten wie Diamantsplitter. Es war ein wunderschöner Anblick, und ich holte mein Handy für ein paar Fotos hervor. Mein Kunstlehrer würde beeindruckt sein.

Vom Parkplatz aus führte ein schmaler Weg mit drei ausgetretenen Stufen zu der grünen Tür. Auf einer der Stufen lag eine hübsch gefleckte Katze und putzte sich ausgiebig. Sie wurde Model auf einem meiner Bilder. Ich ging zu ihr, kniete mich hin und ließ sie an meinen Fingern schnuppern. Sie schnurrte, und ich streichelte ihren Kopf.

»Du bist ja eine Schönheit«, sagte ich leise und strich über den dunklen Klecks zwischen ihren weißen Ohren. »Sieht aus, als würdest du ein Toupet tragen, weißt du das?«

Die Katze maunzte und betrachtete mich interessiert aus bernsteinfarbenen Augen.

Ein jäher Windstoß strich mir über den Kopf und wehte mir die Haare ins Gesicht, und ein buntes Laubblatt, das neben der Katze gelegen hatte, flog ein Stück in Richtung der grünen Tür. Das Blatt tänzelte über das sonnenbeschienene Gras, und ich schoss direkt das nächste Foto, da entdeckte ich ein Schild neben dem Eingang.

Außer dem dösenden Cabriofahrer war weit und breit niemand zu sehen, also schlenderte ich unauffällig den Weg entlang auf die Tür zu. Leider war das Metallschild fleckig angelaufen, ich musste mich direkt davorstellen, um es entziffern zu können.

Edgar Krämer, Agentur ASGA

Auffinden und Sicherstellen
von Gegenständen aller Art

Aha. Hier sollte ich mich also zum Absolvieren irgendwelcher Pflichtjahre melden. Bei einer Agentur für Gegenstände aller Art. Weil ich versäumt hatte, mich im Haus der Genaver einzufinden.

Na, das konnten die glatt vergessen! Was auch immer hier vorging, es war mir doch eine Spur zu merkwürdig und außerdem bekam ich von dem Knistern in der Luft, das ich nun sogar hören konnte, ziemliche Kopfschmerzen.

Kaum hatte ich mich umgedreht, da knackte es in der Sprechanlage, und eine weibliche Stimme sagte fröhlich:

»Oh, ein neues Gesicht.«

»Ich … Äh … Hallo«, stammelte ich überrumpelt und suchte nach der Kamera, die mein Eintreffen verraten hatte. Ein Summen ertönte, und mit einem Klicken sprang die grüne Tür einen Spalt weit auf.

Ich rührte mich nicht. Sollte ich wirklich da hineingehen? Andererseits war ich doch deshalb hergekommen, ich wollte die Angelegenheit klären. Außerdem hätte ich zu gern gewusst, seit wann es diesen Anbau gab und was die ASGA Agentur genau machte, denn Gegenstände aller Art schien mir ein doch recht weit gefasster Begriff.

Ich gab mir also einen Ruck und trat ein. Augenblicklich verflogen die Kopfschmerzen. Vor mir lag ein lang gezogener Raum, der trotz der niedrigen Decke mit Holzgebälk sehr viel heller und moderner wirkte, als man es sich im Allgemeinen im Innern eines so alten Fachwerkgebäudes vorstellte. An einer Wand befanden sich zwei Regale mit Aktenordnern und gegenüber davon eine wuchtige Standuhr mit Pendel. Sie tickte laut.

Ein Schreibtisch war so platziert, dass man von ihm aus jederzeit die Tür im Blick hatte, rechts daneben führte eine Holztreppe in ein oberes Stockwerk.

Hinter dem Schreibtisch saß eine ältere Dame, die mir mit freundlichem Interesse entgegensah.

Ihr graues Haar war zu einem adretten Pagenkopf geschnitten, und sie trug eine elegante hellblaue Bluse, die exakt den Farbton ihrer großen, dezent geschminkten Augen hatte. Auch die Spitzen ihrer Schuhe, die unter dem Schreibtisch hervorlugten, waren von diesem Blau.

Sie hatte eine Tageszeitung vor sich aufgeschlagen, in der ein Artikel mit Rotstift eingekreist war.

»Guten Tag«, sagte ich unsicher, steckte das Handy weg und zog den Brief aus meiner Tasche. Als ich ihn der Dame entgegenhielt, schlug sie die Zeitung zu. Sie legte sie zu den anderen, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten, nahm das Schreiben und las es aufmerksam durch.

»Hm«, machte sie und steckte sich einen Bleistift hinter das Ohr. »Ungewöhnlich. Ausgesprochen ungewöhnlich.«

»Ja. Ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass da wohl ein Fehler passiert ist.«

Sie hob den Blick. »Sieht so aus. Ich muss mich bei dir entschuldigen. Irgendwie scheint mir die Mitteilung des Rates entgangen zu sein, sonst wären wir natürlich vorbereitet gewesen. Du kannst solange im Wartezimmer …«

»Nein, Sie verstehen mich falsch. Ich habe kein Interesse, hier zu arbeiten.«

So, jetzt war es raus. Die Dame schien mir nett zu sein, und ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen, aber ich hatte herzlich wenig Lust, mich auf Pflichtjahre in einer dubiosen Firma einzulassen.

»Nun … Warum hast du dich denn dann nicht rechtzeitig beim Rat gemeldet? Sie hätten dich doch bestimmt woanders einsetzen können. Büroarbeiten, Inventuren, Botendienste?«

»Genau das ist doch das Problem«, erklärte ich mit wachsender Ungeduld. So verlockend es auch klang, neben der Schule und der ganzen Lernerei noch Botendienste zu verrichten, ich hatte keinen Bedarf. »Ich habe mich nie bei dem Rat der Genaver um einen Job beworben. Ich weiß ja nicht mal, wer diese Genaver überhaupt sind.«

»Oh.«

»Gut«, sagte ich zuversichtlich. »Dann gehe ich jetzt wieder.«

»Ich fürchte, darauf wird der Rat sich nicht einlassen, Flora. Der Vertrag ist bindend.«

»Wie bitte? Ich habe Ihnen doch gerade gesagt, dass ich mich nie bei denen beworben habe.«

»Das ist ein bisschen komplizierter, als du denkst.« Sie zog den Bleistift von ihrem Ohr, spielte gedankenverloren damit und fügte bedeutsam an: »Die Pflichtjahre.«

Ich starrte sie verärgert an. Woher hatten diese Leute eigentlich meine Daten? Von welchem Vertrag war hier die Rede und was sollte kompliziert daran sein zu akzeptieren, dass ich mir keinen Job unterjubeln lassen würde von einer Agentur, die wer weiß was machte?

Bevor ich meinen Ärger in Worte fassen konnte, blinkte auf ihrem Schreibtisch hektisch ein Lämpchen auf. Die Dame schnappte sich den Stapel Tageszeitungen und stand auf.

»Ich muss ins Büro. Edgar Krämer wird sich gleich Zeit für dich nehmen.«

Ein paar Zeitungen rutschten ihr vom Arm, und ich half, sie wieder einzusammeln. Es waren allesamt reißerische Blätter, die mit groß aufgemachten Schlagzeilen und gleichermaßen billigen wie eingängigen Bezeichnungen arbeiteten. Zum Beispiel hielt ich gerade eine Zeitung in der Hand, auf deren Titelblatt in lächerlich fetten Buchstaben stand:

UNSERE OMAS IN GEFAHR?
DER ROSENKAVALIER SCHLÄGT WIEDER ZU!

Die Dame nahm mir die Zeitung dankend ab und stieg voll beladen, doch mit leichtem, federndem Gang die Treppe hinauf.

Ich holte tief durch die Nase Luft. Sie hatte mich einfach stehen lassen.

Na, dieser Edgar Krämer konnte sich warm anziehen!

Wenn er nicht vor meinen Augen meine Daten aus seinem Computer löschte, würde ich ihm was erzählen.

Es war sonst nicht meine Art, so forsch aufzutreten, aber diese unseriöse Vorgehensweise machte mich echt sauer. Ich hatte keinen Vertrag abgeschlossen. Und dann gleich mit Pflichtjahren zu kommen! Es wäre mir neu, dass so etwas statthaft war. Ich konnte dieser Agentur vielleicht nicht das Handwerk legen, aber ich würde zumindest dafür sorgen, dass ich nie wieder von ihr belästigt wurde und sie es sich in Zukunft besser überlegten, arglose junge Menschen reinzulegen.

Eine Tür zu einem weiteren Raum stand offen. Ich nahm an, dies sei das erwähnte Wartezimmer, und weil ich nicht wie ein Bittsteller vor dem Schreibtisch stehen wollte, ging ich hinein.

Zu meiner Überraschung saßen dort zwei weitere Wartende auf den jeweils am weitesten voneinander entfernten Stühlen, wie es in den meisten Wartezimmern nun mal üblich war.

Beide waren weiblich, von der einen konnte ich nur ein paar schwarze Haare sehen, die über den Rand eines Modemagazins lugten, das sie so hielt, dass es ihr Gesicht verdeckte. Die langen Beine hatte sie von sich gestreckt und übereinander geschlagen.

Die andere war blond, hatte kurzes, strubbeliges Haar und trug eine Brille. Sie war etwa ein, zwei Jahre älter als ich und musterte mich neugierig.

Ich murmelte einen Gruß und platzierte mich so, dass zwischen den beiden und mir etwa der gleiche Abstand herrschte und ich noch den Schreibtisch im Blick hatte. Die Schwarzhaarige ignorierte mich komplett, doch die Blonde hob ihre Brille.

»Sag nichts … Ein Rotkäppchen, stimmt’s? Oder eine Jorinde. Hab ich recht?«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, und nickte höflich.

Sie rückte ihre Brille zurecht und lehnte sich vor. »Auf jeden Fall keine Prinzessin. Du siehst nicht aus wie eine Prinzessin.«

»Danke«, sagte ich, obwohl ich nicht wusste, ob das ein Kompliment war.

»Ich wollte nicht lauschen, aber ich habe gehört, was du zu Berta gesagt hast.«

Berta musste wohl die Dame hinter dem Schreibtisch sein, und ich nickte erneut. Mir stand der Sinn nicht nach Konversation, ich wollte mir lieber ungestört zurechtlegen, was ich diesem Krämer gleich erzählen würde, doch die Blonde ließ nicht locker. Sie stand auf, setzte sich neben mich und raunte mir zu: »Warum willst du denn nicht für die ASGA arbeiten? Du hast doch hoffentlich nichts mit den Reguli zu tun, oder?«

Ich überlegte, ob ich sie schon mal irgendwo gesehen hatte. Sie hatte strahlend grüne Augen, deren sanfter Ausdruck so sympathisch auf mich wirkte, dass ich beschloss, meinen Ärger nicht an ihr auszulassen.

»Re… ? Nein. Von denen hab ich genauso wenig gehört, wie von den anderen.«

»Ach, komm«, sagte sie lachend. »Das glaub ich dir nicht. Ich bin übrigens Val. Und das da«, sie zeigte auf die Schwarzhaarige, »ist Neva.«

Ich drehte den Kopf und sah, dass mich über den Rand der Zeitschrift zwei eisblaue Augen ins Visier genommen hatten. Es war ein derart kühler Blick, dass ich unwillkürlich ein Stück näher zu Val rutschte.

»Ich heiße Flora«, sagte ich.

»Freut mich, Flo.«

Gerade wollte ich dazu ansetzen, dass ich die Abkürzung Flo nicht sonderlich mochte, da kam Berta wieder die Treppe herunter.

»Na endlich. Das hat ja ewig gedauert«, sagte Neva schlecht gelaunt, erhob sich und warf das Magazin auf ein Tischchen, das in der Mitte des Raumes zwischen den Stühlen stand. Es schlitterte über die anderen Zeitschriften und fiel mir direkt vor die Füße.

Neva blieb noch einen kurzen Moment stehen, und wir sahen uns gegenseitig an. Ich schätzte sie etwa auf mein Alter. Ihr tiefschwarzes Haar war wie mit dem Lineal auf Kinnlänge geschnitten und brachte ihren langen Schwanenhals zur Geltung. Ihre Lippen waren rot, und die ansonsten schneeweiße Haut schimmerte unter den hohen Wangenknochen zartrosa, als wäre sie gerade von einem erfrischenden Spaziergang hereingekommen.

Man hätte sie makellos schön nennen können, beinahe unwirklich schön, wären da nicht die arrogant gehobene Braue und der eisige Blick gewesen. So wirkte sie wie Schneewittchens übellaunige Zwillingsschwester.

Neva drehte sich um und marschierte davon. Ich hörte, wie sie die knarrenden Stufen emporstieg und dabei jemandem Vorwürfe machte, dass sie nicht den ganzen Tag Zeit hätte. Dann fiel eine Tür hinter ihr ins Schloss.

»Eigentlich war ich ja zuerst dran«, seufzte Val.

Ein Telefon klingelte. Berta setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch und nahm das Gespräch entgegen.

Ich räusperte mich. Das war die Gelegenheit, Val ein bisschen auszuquetschen.

»Sag mal, was ist dieser Rat der Genaver denn eigentlich?«

Val nahm ihre Brille ab und ließ sie an einem Bügel schwingen. »Na ja. Die regeln eben alles. Und so. Du weißt schon.«

Da eine weitere Erklärung ausblieb, musste ich nachhaken: »Und diese Agentur hier, die gehört diesem Rat?«

Val lachte. »Lass das Krämer nicht hören. Der steht so ein bisschen auf dem Kriegsfuß mit denen.«

»Aha. Aber du arbeitest hier? Also, für die Agentur?«

»Ja, klar.« Val knabberte nun an dem Brillenbügel. »Ich bin eine Fabula.«

»Eine Fabula?«

»Ja. So nennen sich Krämers Agenten. Meine Eltern hatten für mich zwar schon einen Platz in der Bibliothek im Haus der Genaver organisiert. Aber das wäre für mich so gewesen, als hätte ich mich durch meine Pflichtjahre geschummelt. Da hab ich mich auf eigene Faust hier beworben, und Krämer war von meiner Gabe ganz hingerissen.«

»Gabe?«

»Ja! Ich bin schnurstracks in Krämers Büro marschiert und habe ihm gezeigt, was ich kann.« Nicht ohne Stolz fügte Val hinzu: »Seit ich meinen Führerschein habe, übernehme ich auch Spezialaufträge.«

»Ah ja.« Allmählich hatte ich es satt, jedes fünfte Wort als Frage zu wiederholen, und nahm hin, dass die Bedeutung von Spezialaufträge für mich wohl immer ein Geheimnis bleiben würde.

Ich sah zu Berta, die noch immer telefonierte, ihre Finger währenddessen über eine Tastatur rasen ließ und dabei insgesamt sehr kompetent wirkte. Zu kompetent für eine Hinterhofagentur. »Was genau macht diese Agentur denn so?«

»Wir kümmern uns um die Gegenstände.«

»Was für Gegenstände?«

»Um die besonderen.«

»Mhmh.« Ich hatte nicht das Gefühl, der Sache näher zu kommen, und gab auf. Val war zwar nett, aber auch ein bisschen schräg.

Mein Blick fiel auf Nevas Magazin. Es war so gelandet, dass eine Doppelseite Hochglanzwerbung für das neueste Produkt der Edelmarke Rapushoo aufgeschlagen war.

Ich hob das Magazin auf und betrachtete die Werbung. Ich hatte mal ein Rapushoo Shampoo geschenkt bekommen, es war schlicht der Wahnsinn. Leider war das Zeug so teuer, dass ich es mir nicht leisten konnte. Ma arbeitete zwar viel, verdiente aber gerade genug, um die laufenden Kosten zu decken. Ich hatte ihr angeboten mir einen Job zu suchen, selbstredend was Anständiges und nicht in so einer suspekten Agentur, aber Ma bestand darauf, dass ich mich auf die Schule konzentrierte. Seit einiger Zeit knapste sie sogar jeden Monat etwas ab, das sie für mein Studium zurücklegte. Sie war stolz auf meine guten Noten und sagte oft, mir solle es später mal besser gehen. Ich versicherte ihr dann immer, dass es mir doch gar nicht schlecht ginge. Ich würde mit niemandem auf der Welt tauschen wollen, auch wenn ich bei meinen Klassenkameradinnen in Sachen Mode und Kosmetik nicht mithalten und selten mal mit ins Café oder gar ins Kino gehen konnte. Zum Glück legte auch Anna kaum Wert auf solche Unternehmungen.

Val hatte ihre Brille wieder aufgesetzt und schaute wie selbstverständlich mit in das Magazin. Sie fragte: »Was hältst du so von Rapushoo?«

Ich zuckte mit den Schultern: »Die sagen, sie benutzen nur natürliche Inhaltsstoffe.«

»Und am wichtigsten«, ergänzte Val, »Rapushoo verzichtet auf Tierversuche.«

»Ja? Wenn das mal keine leeren Werbeversprechungen sind.«

»Nee. Ich schwöre«, sagte Val mit so viel Nachdruck, dass ich lächeln musste.

»Wenn es nicht so teuer wäre, würde ich es auch benutzen«, gestand ich und wollte umblättern, doch Val hinderte mich daran, indem sie ihre Hand auf die Seite legte. Sie blinzelte angestrengt hinter ihrer Brille und biss sich auf die Lippe.

»Also … Ich … Wenn du mir einen kleinen Gefallen tust, könnte ich dir eine Geschenkbox mit der gesamten neuen Pflegeserie überlassen. Limited Edition.«

»Echt?«

Das wäre ja großartig. Ma hatte nämlich im nächsten Monat Geburtstag, und ich hätte mir ein solches Luxusgeschenk niemals zusammensparen können. Begeistert wollte ich zusagen, da erinnerte ich mich daran, dass ich im Wartezimmer einer zwielichtigen Agentur saß.

Empörung überrollte mich. Ein fantastisches Lockangebot bringt Leute dazu, einen unkündbaren Vertrag zu unterschreiben, der sie verpflichtet, über einen langen Zeitraum überteuerten Müll zu kaufen. »Moment mal! Geht es darum? Verkauft diese Agentur Abos für Kosmetikartikel?«

»Was? Quatsch!« Val riss ihre Brille von der Nase und sah mich schockiert an. »Ich arbeite sozusagen nebenbei für Rapushoo.«

»Ach ja?« Verwundert legte ich die Stirn in Falten. »Und als was?«

»Ich bin das Versuchskaninchen.«

Ich konnte nicht nachhaken, denn oben flog krachend eine Tür auf, Schritte polterten die Treppe herunter, und eine erboste Neva war zu vernehmen:

»… können Sie mit mir nicht machen, Krämer! Ich denke ja gar nicht daran!«

Sie stürmte an Bertas Schreibtisch vorbei, ein kleiner, leicht untersetzter Mann folgte ihr.

Das war also dieser Krämer?

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Ich musterte ihn verstohlen. Er trug ein weißes Hemd mit hochgerollten Ärmeln, das ordentlich in den Bund seiner Stoffhose gesteckt war. Sein Gürtel passte zu den Schuhen, die wie frisch poliert glänzten. An den Seiten war sein Haar ergraut und oben so licht, dass die Kopfhaut durchschimmerte.

»Das ist auf dem Mist des Rats gewachsen, und ich muss mich daran halten. Es gibt keine Ausnahmen. Basta!«

»So? Gibt es nicht?« Neva verschränkte die Arme und sah Krämer herausfordernd an. »Dann werden meine Eltern wohl sehr bald mal mit der entscheidenden Stelle im Genaverbüro sprechen müssen.«

»Können sie gerne tun«, erwiderte Krämer. »Bis dahin gilt für dich, was für alle gilt. Oder dein Einsatz ist gestrichen.«

»Was?« Neva schnappte nach Luft. »Jetzt gehen Sie aber zu weit!«

Krämer rieb sich das Gesicht, atmete tief durch und setzte nun allem Anschein nach auf Diplomatie. »Neva, niemand weiß besser als ich, dass du kein Back-up nötig hast. Und wenn diese verfl…« Er unterbrach sich und blickte rasch zu Berta. »Wenn der Rat der Genaver nicht darauf bestehen würde, käme mir so was nie in den Sinn. Aber es ist nun mal so. Du bildest mit Timus ein Team. Hab ich mich klar ausgedrückt?«

Neva stemmte die Arme in die Seiten und warf Krämer einen wutfunkelnden Blick zu. Dann sah sie zu mir herüber. Eine ihrer Augenbrauen zuckte leicht, und ein honigsüßes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. »Nein. Wenn ich schon ein Back-up akzeptieren muss, dann will ich es mir selbst aussuchen. Ich nehme Flo.«

»Wen?« Krämers Augen sprangen von Neva zu Val und blieben schließlich an mir hängen. »Wer zum Teufel ist das?«

Berta kam hinter ihrem Schreibtisch hervor. »Edgar, das ist Flora Anthea Allenstein. Der Rat der Genaver hat sie der ASGA zugeteilt.«

Krämer sah mich an wie jemand, der soeben ein unappetitliches Insekt in seinem Essen entdeckt hatte. Es dauerte, bis er seinen Blick von mir lösen konnte und sich wieder an Berta wandte.

»Wie kommen diese hirnlosen, zuckergepuderten Idi… Genaver dazu, mir jemanden zuzuteilen? Was bilden die sich eigentlich ein?«

»Nun, Flora kann zumindest nichts dafür. Der Rat hat ihr einen Brief geschickt«, sagte Berta, nahm das Schreiben vom Schreibtisch und wedelte kurz damit.

»Macht hier denn plötzlich jeder, was er will? Ich entscheide noch immer selbst, wer in meiner Agentur Agent wird! Und ich entscheide, wer mit wem ein Team bildet«, ereiferte sich Krämer und zeigte auf Neva. »Du und Timus.«

»Flo«, beharrte Neva, von dem Wutausbruch vollkommen unbeeindruckt. »Soviel ich weiß, dürfen Sie Wünsche bezüglich der Teamzusammenstellung nicht übergehen. Leitfaden für Agenturen, überarbeitete Ausgabe, Paragraf acht, Absatz drei: ›Wechselwirkung oder wie die Teamchemie den Erfolg beeinflusst‹.«

Ich hatte diese Auseinandersetzung aufmerksam verfolgt und erwartete regelrecht, Krämer platzen zu sehen. Er war tiefrot angelaufen, und seine Nasenflügel bebten. Aber statt zu platzen, presste er seine Kiefer aufeinander, machte kehrt, stieg die Stufen hinauf und knurrte über die Schulter: »In mein Büro! Sofort!«

Neva blieb, wo sie war, Val nahm das Modemagazin von meinem Schoß und blätterte darin, Berta ging wieder hinter ihrem Schreibtisch in Deckung. Als unsere Blicke sich trafen, wies Berta mit dem Kopf in Richtung Treppe.

Ich zögerte. Bestimmt konnte ich mein Anliegen, die Daten löschen zu lassen, auch auf schriftlichem Wege durchsetzen und musste das nicht persönlich mit Krämer besprechen. Er war offensichtlich ein viel beschäftigter Mann. Trotzdem setzte ich mich automatisch in Bewegung, als er donnernd nach unten rief:

»Wo bleibt diese Allenstein?«

Das Büro war eher ein Besprechungsraum, der die gesamte obere Etage einzunehmen schien. Die Deckenbalken waren freigelegt und wurden von einer mir gänzlich unbekannten Art blühendem Efeu umschlungen.

Ein großer Tagungstisch stand vor den Fenstern, der mindestens zwölf Personen Platz bot. Der Blick wurde beim Hereinkommen jedoch auf einen mächtigen Schreibtisch gelenkt, vor dem zwei Stühle standen und ein bequem aussehender Ledersessel dahinter. In diesen ließ sich Krämer gerade fallen, als ich eintrat.

»Alleinstein … Allenstein? Nie gehört«, brummte er und rollte seine Ärmel noch ein Stück weiter auf. Er drehte sich mir zu. In seinen dunklen Augen lagen Scharfsinn und Abgeklärtheit, mir war sofort klar, dass Krämer kein Mann war, dem man etwas vormachen konnte. Er wirkte trotz seiner kleinen Gestalt einschüchternd, und ganz gegen meinen Willen war ich von seiner Ausstrahlung beeindruckt.

»Setz dich! Es macht mich ganz nervös, wie du da in der offenen Tür rumstehst, als ob du gleich wieder rauslaufen willst.«

Ja, das kam meinem Plan sehr nahe. Dennoch schloss ich die Tür hinter mir und setzte mich ihm gegenüber hin.

»Welche Linie?«, fragte er und legte die verschränkten Hände auf der Schreibtischplatte ab. In der Annahme, er meine, welchen Bus ich genommen hatte, antwortete ich:

»Ich bin mit dem Fahrrad gekommen.«

»Auch das noch.« Krämer fuhr sich schnaubend durch das schüttere Haar. »Punktzahl?«

»Ich habe keine Zeugnisse dabei«, sagte ich in der Hoffnung, es endgültig richtigstellen zu können, »weil es nie eine Bewerbung meinerseits gab.«

»Mich interessieren deine Zeugnisse nicht. Ich will das Ergebnis vom Test.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.«

»Der Rat schickt dich her, ohne dich vorher dem Test unterzogen zu haben?«

Ich zuckte verunsichert mit den Schultern. Offenbar hatte man genau das getan.

»Diese feinen Sesselpupser glauben wohl, sie könnten …« Er griff zum Telefon, nahm den Hörer ab und knallte ihn gleich wieder auf. »Darum kümmere ich mich später.«

Sein Blick huschte durch den Raum, dann schien er einen Einfall zu haben. Er öffnete eine Schublade und förderte eine kleine gelbe Pappschachtel zutage. Er betrachtete sie andächtig, bevor er sie öffnete und mir den Inhalt unerwartet entgegenschleuderte. Reflexartig fing ich das blöde Ding. Es war eine schrumpelige Erbse. Zuerst starrte ich sie nur erschrocken an, dann knallte ich sie mit der flachen Hand auf den Tisch.

»He, sachte!«, ermahnte mich Krämer.

Ich sprang auf. »Was soll der Blödsinn?«

»Das ist der Test. Nicht ganz so professionell, wie die Genaver ihn durchführen können, aber ausreichend. Setz dich wieder.«

»Nicht ganz so professionell? Soll das ein Scherz sein? Sie haben mich gerade mit einer gammligen Hülsenfrucht beworfen.«

Krämer beobachtete mich aufmerksam, und ich hatte allmählich wirklich genug von diesem ganzen Theater.

Er legte behutsam den Deckel über die Erbse und zog sie über den Schreibtisch zu sich heran. Dann ließ er sie in die Schachtel fallen und verstaute diese wieder in der Schublade.

»Jetzt müssen wir erst mal rausfinden, aus welcher Märchenlinie du stammst.«

»Märchen?« Ich stand einen Augenblick wie versteinert da und stieß dann ein hohes Lachen aus. »Sie sind verrückt.«

Er machte das Gesicht eines Mannes, der das nicht zum ersten Mal zu hören bekam.

Hatte Val nicht schon von Rotkäppchen, Jorinde und Prinzessinnen gefaselt? Wo war ich hier bloß hineingeraten? In eine Selbsthilfegruppe für gescheiterte Märchenliebhaber?

»Wissen Sie was? Das wird mir hier zu dumm. Da spiele ich nicht mit.«

Ich hatte schon ein paar energische Schritte vom Schreibtisch weg gemacht, da fiel mir ein, weshalb ich eigentlich mit dem sogenannten Agenturleiter hatte sprechen wollen. »Ah, und löschen Sie gefälligst meinen Namen und meine Adresse aus Ihrer Datenbank.«

»Anthea?«, fragte Krämer ungerührt. »Sagte Berta nicht vorhin, das sei dein Zweitname?«

Ich war schon halb bei der Tür. »Richtig. Den löschen Sie bitte auch.«

»Ich erinnere mich an eine Anthea Hoss.«

»Wie schön.« Meine Hand lag auf der Türklinke.

Da fuhr Krämer fort: »Anthea hat so einen Burschen geheiratet. Wie hieß der noch gleich?«

Ich war zwar wild entschlossen, Krämer seinen Selbstgesprächen zu überlassen, doch was er dann sagte, ließ mich innehalten.

»Wieland! Ja, das war sein Name. Sie hieß später Anthea Wieland. Sagt dir das was?«

Meine Hand glitt von der Klinke. Ja, das sagte mir durchaus etwas.

Wieland war der Nachname meines Vaters gewesen. Und meinen Zweitnamen hatte ich seiner Großmutter, also meiner Urgroßmutter zu verdanken. Das wusste ich allerdings erst seit Kurzem, weil ich Ma gefragt hatte, warum um alles in der Welt sie mich so genannt hatte. Der Name Anthea war zwar nicht Spitzenreiter auf der Scheußlichkeitsskala, aber definitiv darauf vertreten.

Meine Urgroßmutter Anthea Wieland musste, wenn ich es richtig überschlagen hatte, irgendwann in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren worden sein, und ich wusste so gut wie nichts von ihr, durfte aber mit Fug und Recht bezweifeln, dass Krämer sie gekannt hatte.

Meine Gedanken waren noch nicht wieder zur Ruhe gekommen, da legte Krämer noch eins drauf. »Sie hat für diese Agentur gearbeitet.«

»Okay. Dann reden wir hier nicht von derselben Anthea Wieland. Meine ist schon seit Ewigkeiten tot.«

»1967«, sagte Krämer kühl.

»Wie bitte?«

»Sie ist 1967 gestorben, wenn ich recht informiert bin. Anthea war eine der klügsten Agentinnen, die je für die ASGA gearbeitet haben. Und sie hat es weiß Gott nicht verdient, einfach so vergessen zu werden. Schon gar nicht von ihrer eigenen Nachfahrin.«

Ich fühlte mich schuldig, weil ich so kaltherzig von ihrem Tod gesprochen hatte, trotzdem wollte mir nicht einleuchten, warum ein längst verstorbenes Familienmitglied ausgerechnet in der Agentur ASGA ein Thema sein sollte.

Als Krämer auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch wies, kam ich der Aufforderung nach. Er drückte einen Knopf der Sprechanlage vor sich.

»Berta, seien Sie doch bitte so nett, und bringen Sie mir den Ordner mit den Ehemaligen, Jahrgang 1920/21.«

Mir schwirrte der Kopf. Natürlich war das alles blanker Unsinn. Dieser sonderbare Mann vor mir konnte meine Urgroßmutter nicht gekannt haben. Wie alt müsste er dann sein? Er sah nicht älter aus als fünfzig. Und bestimmt war Anthea keine Agentin gewesen. Agentin für was überhaupt? Versicherungen? Geheimdienst? Sammelalben für Märchenbilder? Das war doch absurd.

Krämer sagte: »Weißt du, weshalb ich dich nicht sofort zuordnen konnte?«

Da ich keinen Schimmer hatte, was er jetzt schon wieder meinte, konnte ich ihn nur fragend anschauen.

»Deine Haarfarbe.«

»Aha.«

»Alle Dornröschen, die ich kannte, hatten flammend rotes Haar. Deines ist braun.« Er kratzte sich am Kinn. »Bin davon ausgegangen, dass die Dornröschen-Linie ausgestorben ist, bis du hier aufgetaucht bist.«

Ich dachte an die Schneekugel und das goldene Dornröschen auf dem Sockel.

Das war doch nur ein Zufall. Das musste einer sein! Mein Mund wurde trocken, und ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder im Griff hatte.

Die Masche war gut, das musste ich schon sagen. Welches Mädchen hatte nicht schon mal davon geträumt, in Wahrheit eine Prinzessin zu sein? Blöd nur, dass die meisten das zwischen acht und zehn Jahren taten, nicht mit sechzehn.

»Sie wollen mir doch nicht ernsthaft weismachen, ich sei Dornröschen? Wozu das Ganze? Soll ich Mitglied in ihrer blöden Märchensekte hier werden?«

Ich stand auf und bewegte mich rückwärts und sehr behutsam vom Schreibtisch weg. Krämer schwieg, ließ mich aber nicht aus den Augen. Komischerweise hatte ich das Gefühl, dass er mich für genauso verrückt hielt, wie ich ihn.

»Behalten Sie meine Adresse ruhig«, sagte ich. Sollte dieser Rat der Genaver mir ruhig weiterhin Briefe schicken. Ich würde mit denen einfach verfahren, wie ich es mit dem ersten auch schon hätte tun sollen: ungelesen in den Papierkorb stopfen.

An der Tür angekommen, traf diese mich im Rücken. Berta hatte sie schwungvoll aufgestoßen. Ich ächzte und rieb die Stellen, die ich erreichen konnte.

»Oh! Pardon, meine Liebe«, sagte Berta und schleppte einen überquellenden Aktenordner an mir vorbei zum Schreibtisch. Sie legte ihn vor Krämer ab, und der blätterte nur kurz darin, bis er gefunden hatte, was er suchte.

Berta hatte ihm dabei über die Schulter geblickt und schüttelte nun erstaunt den Kopf. »Meine Güte, was für eine Ähnlichkeit. Du bist Anthea ja wie aus dem Gesicht geschnitten, Flora.«

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich wieder zum Schreibtisch gegangen war. Krämer drehte mir den Ordner zu, und ich starrte mit klopfendem Herzen auf das postkartengroße Schwarzweißporträt, das die junge Anthea Wieland zeigte.

Anthea hielt ihren Kopf leicht nach vorn geneigt und lächelte. Mit großen, dunklen Augen blickte sie dem Betrachter geradezu übermütig entgegen. Das dichte Haar trug sie an einer Seite zurückgesteckt, am Oberkopf lag es in weichen Wellen, ganz wie es ab Mitte der 1930er-Jahre Mode gewesen war. Ihre Wangen waren voll und die Form ihres Gesichts oval. Die schöne, hohe Stirn war ganz glatt und die Nase schmal. Sie hob auf der Fotografie nur einen Mundwinkel zu einem verschmitzten Lächeln, dennoch waren die geschwungene Linie ihrer Lippen und das ausgeprägte Lippenherz gut zu erkennen.

Mir war sofort ein winziges Grübchen in ihrem Kinn aufgefallen, das gleiche Grübchen, das auch ich hatte. Bei mir empfand ich es immer als störend, doch bei ihr sah es sehr hübsch aus.

Laut Krämer hatte sie rotes Haar gehabt, während meines kastanienbraun war. Meine Stirn war nicht ganz so hoch, mein Gesicht etwas schmaler und meine Nase vielleicht einen Tick breiter. Doch abgesehen davon war die Ähnlichkeit überwältigend, die Frau auf dem Bild hätte meine Schwester sein können.

Meine Beine wurden weich, und ich ließ mich auf den Stuhl fallen. »Woher …?«

»Das ist das Foto, mit dem Anthea sich damals hier beworben hat.« Krämer zog den Ordner wieder zu sich heran und betrachtete Anthea mit unergründlicher Miene.

Unten läutete ein Telefon und Berta lief, eine Entschuldigung murmelnd, eilig hinaus. Krämer blätterte noch ein wenig in den Aufzeichnungen herum, die meine Urgroßmutter betrafen. Als er zu sprechen begann, klang er müde.

»Das ist alles, was von ihr geblieben ist. Ein paar Blätter in einem verstaubten Ordner und eine Urenkelin, die nicht einmal weiß, dass es sie gegeben hat.«

»Das ist nicht fair«, protestierte ich leise. »Niemand hat mir je von ihr erzählt.«

»Wieso nicht?«

»Keine Ahnung.«

Krämer sah nachdenklich zur Decke. »Allenstein ist der Nachname deiner Mutter? Deine Eltern sind nicht verheiratet?«

Ich musste schlucken. Vor mir lag der Ordner mit dem Bild. Mein Vater hatte natürlich ein viel männlicheres Gesicht gehabt, Kinn und Nase breiter und kräftigere Brauen, dennoch war die Ähnlichkeit unverkennbar. Wir stammten beide zweifellos von Anthea ab. Leise sagte ich: »Er ist letztes Jahr gestorben.«

»Verstehe. Tut mir leid.« Nach kurzem Schweigen fragte Krämer: »Er war Antheas Enkel … Und seine Mutter? Wer war sie?«

»Seine Mutter lebt noch.«

»Wie heißt sie?«

»Gracia Wieland.«

Krämer dachte nach. »Ihr Mädchenname?«

Ich machte eine abwehrende Geste. Meine Großmutter war eine, vorsichtig formuliert, grässliche Frau. Darüber war ich mir schon vor der Sache mit dem Karton im Klaren gewesen. Gracia Wieland war steinreich, anstrengend vornehm, achtete auf Manieren, als hinge ihr Leben davon ab, und führte Unterhaltungen gern auf Französisch. Sie wohnte in einer anderen Stadt und hatte uns nie besucht, dafür war sie sich zu fein. Und sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass Ma in ihren Augen nicht gut genug für ihren Sohn gewesen war. Ich machte jede Wette, es ging auf ihr Konto, dass Ma und er sich getrennt hatten, bevor ich laufen konnte.

Pünktlich zu meinem Geburtstag und an Weihnachten kam immer eine Karte mit einem Geldschein darin. Ich hasste das, weil ich dadurch gezwungen war, Gracia anzurufen und mich zu bedanken. Zum Glück hatte sie so wenig Interesse an mir, dass sie keine Fragen stellte, und ich konnte stets nach zwei Minuten, die hauptsächlich aus Schweigen bestanden, wieder auflegen.

»Weiß ich nicht«, gab ich ohne schlechtes Gewissen zu. Mein Hirn arbeitete wieder normal und ermahnte mich, misstrauisch zu bleiben. »Und ich verstehe auch nicht, warum Sie das alles wissen müssen.«

»Vielleicht muss ich das gar nicht.« Krämer lehnte sich zurück. »Kommen wir zum nächsten Punkt. Welche Gabe?«

Ich war ganz gut in Mathe und Naturwissenschaften, jedoch wäre ich nicht so weit gegangen, es als Gabe zu bezeichnen.

»Was kannst du?« Krämer machte eine ungeduldige Geste, die mir leider nicht auf die Sprünge half. Verständnislos legte ich die Stirn in Falten. Krämers Finger trommelten auf die Tischplatte, bis er mit der flachen Hand draufschlug.

»So kommen wir nicht weiter. Diese Agentur ist kein Kinderspielplatz. Ich sag dir mal was«, sein Tonfall wurde schärfer. »Hier gehen jeden Monat zig Bewerbungen ein, und ich habe schon Pflichtler abgelehnt, die ordentlich was auf dem Kasten hatten, nur weil mir ihre Nasen nicht gefallen haben. Wer kommt denn da auf die dämliche Idee, ausgerechnet DICH zur ASGA zu schicken? Nur damit du den hohen Genavern in ihrem schicken Bürogebäude nicht im Wege stehst? Tut mir leid, Allenstein, aber du scheinst mir nicht besonders rege im Kopf zu sein, und so jemanden kann ich hier einfach nicht gebrauchen.«

Mein Mund stand offen. Was bildete sich dieser unverschämte Krämer eigentlich ein? »Nur weil ich noch nie von diesen bekloppten Genavern gehört habe und nicht weiß, was Sie sich unter Gaben vorstellen, haben Sie noch lange nicht das Recht, mich zu beleidigen, ja? Sie leiten hier eine Agentur für Gegenstände,« mit der einen Hand klammerte ich mich an der Armlehne fest, während ich mit der anderen unmissverständliche Zeichen vor meiner Stirn machte, »faseln von Märchenfiguren und bezeichnen mich als dumm?« Wütend sprang ich auf und zischte: »Löschen Sie einfach meine Daten, dann sind wir alle zufrieden.«

Ich stürmte aus dem Büro, schlug die Tür krachend hinter mir zu, polterte die Treppe hinunter und wollte geradewegs auf den Ausgang zusteuern, da verstellte mir Berta den Weg. »Meine Güte, was war denn los?«

»Nichts!«, behauptete ich und blieb stehen, da ich Berta schlecht umrennen konnte. »Ich will nur noch raus hier.«

»Nein. So lasse ich dich nicht gehen. Du musst dich erst mal ein bisschen beruhigen. Komm mit!«

Meinen Widerworten zum Trotz nahm Berta mich am Arm. Sie zog mich mit sich zu einem Raum, dessen Eingang um die Ecke hinter dem Schreibtisch versteckt lag.

Es war eine gemütlich eingerichtete Küche. Auf einem altmodischen Herd, dessen Ofenrohr sich über die halbe Wand schlängelte, stand ein Teekessel, der leise zu pfeifen begann, kaum dass wir eingetreten waren. Sie schob mich zu einem dick gepolsterten Sofa, auf dessen Rückenlehne eine rotgetigerte Katze zusammengerollt war und mich so schläfrig und gleichzeitig aufmerksam beäugte, wie nur Katzen es können.

»Womit hat Edgar dich denn so verärgert?«, fragte Berta und machte sich daran, eine Kanne Tee zuzubereiten. Sie klang weniger neugierig als mitfühlend, und so ließ ich Dampf ab.

Ich berichtete ihr fassungslos von Krämers Aussage meinen Kopf betreffend, und Berta lauschte schweigend, während sie Tassen und einen Teller mit Schokoladenkeksen auf einen wackligen, runden Tisch stellte.

Sie zeigte auf das Sofa. »Setz dich. Aber pass auf die Katze auf. Sie mag Fremde nicht und beißt und kratzt.«

»Da kenn ich noch jemanden«, erwiderte ich finster und dachte an einen gewissen Herrn im oberen Stockwerk. Er schien auf und ab zu gehen, zumindest bewegten sich über uns knarzende Geräusche gleichmäßig von rechts nach links und wieder zurück.

Berta sah betrübt zur Decke auf. »Edgar kann manchmal – wie soll ich sagen? – sehr ruppig sein. Aber er meint es nicht so. Er tut alles für die ASGA und ist stolz auf seine Fabulae. Er sucht die Pflichtler sorgfältig aus, musst du wissen. Der Rat der Genaver versucht schon lange, Einfluss zu nehmen, aber Edgar lässt sich nicht reinreden. Er nimmt nur die Besten. Dabei legt er keinen Wert auf Abstammung und Rang der Eltern, sondern nur auf das Können seiner zukünftigen Agenten.«

Die Katze erhob sich, streckte sich und schärfte ihre Krallen am Sofabezug. Dann setzte sie zum Sprung an, und ich zuckte zusammen, als sie auf meinem Schoß landete. Sie blickte mich mit orangefarbenen Augen an, rieb ihr Köpfchen an meinem Arm und schnurrte friedlich. Ich blieb still sitzen, da ich keine Lust hatte, mir einen Hieb mit der Kralle einzufangen.

»Nanu«, sagte Berta. »Das hast du ja noch nie gemacht, Ruby.« Und zu mir gewandt: »Sie scheint dich zu mögen. Hast du auch eine Katze? Ich hänge so sehr an meinen beiden Samtpfoten.«

»Als Kind wollte ich immer eine haben.«

Aber mein Vater war strikt dagegen, dabei hatte er ja nicht mal bei uns gewohnt. Er hatte Ma eingeredet, in seiner Familie seien alle gegen Katzen allergisch, besonders seine Mutter Gracia. Obwohl ich es nicht nur jedes Mal überlebt hatte, eine Katze zu streicheln, sondern nie auch nur kleinste Anzeichen einer Allergie gezeigt hatte, war Ma stur geblieben, sie wollte eben kein Risiko eingehen.

Mir konnte Gracia nichts vormachen. Sie konnte Katzen einfach nur nicht ausstehen, genauso wenig wie Kinder oder Frauen, die sich an ihren geliebten Sohn herangemacht hatten.

Ich bemerkte Bertas Blick, der forschend auf mir lag, und schüttelte den Gedanken an Gracia ab. Ich atmete tief durch; bevor ich diese Agentur nach einer schnellen Tasse Tee verlassen und nie wieder betreten würde, wollte ich wenigstens ein paar Fragen beantwortet haben. Immerhin hatte meine Urgroßmutter hier gearbeitet, und ich wollte ein für allemal ausschließen, dass sie genauso weltfremd und realitätsfern war wie Krämer und seine lustige Märchencrew.

»Bitte, sagen Sie mir ehrlich: Was ist das hier? Was macht diese Agentur?«

»Es ist selten, dass ein M-Gen Träger nichts von seiner Abstammung weiß«, sagte Berta gedankenverloren. »Junge Pflichtler wachsen normalerweise in Familien auf, in denen mindestens ein Elternteil ebenfalls M-Gen Träger ist.«

Schon wieder ein Wort, das mir nichts sagte. So langsam hatte ich wirklich die Nase voll davon.

»M-Gen Träger?«

»Oje. Bei dir müssen wir ja ganz von vorne anfangen. Das vergesse ich immerzu.« Berta lachte, ohne vergnügt zu wirken. »Kurz gesagt, dieses M-Gen ist sozusagen als natürliche Abwehrreaktion des Körpers entstanden. Nur Personen, die einem starken Zauber ausgesetzt waren, haben es gebildet und an ihre Nachkommen weitervererbt.«

Sie schenkte uns Tee ein. »Dornröschen zum Beispiel, deine Stammmutter. Du erinnerst dich, dass das arme Kind von einer bösen Fee verflucht worden ist?«

»So heißt es zumindest im Märchen«, erwiderte ich matt; Berta hatte doch so vernünftig auf mich gewirkt.

»Den Fluch verdankte Dornröschen übrigens Invidia. Das ist die böse Fee, die für alle Flüche, Verwünschungen und überhaupt alles Leid der Märchenfiguren verantwortlich ist.«

»Moment«, hakte ich besserwisserisch nach. »In den Märchen, die ich kenne, gibt es auch Hexen, böse Schwiegermütter, eifersüchtige Königinnen und so.«

»Ja. Das alles war Invidia. Sie konnte ihre Gestalt nach Belieben verändern. Invidia hasste es, wenn eine junge Frau schöner war als sie, und ertrug es nicht, wenn zwei Herzen in echter Liebe zueinander fanden. Das trieb sie regelrecht an, Schmerz und Kummer zu erzeugen. Aber, machen wir uns nichts vor, es hat Invidia auch einfach Spaß gemacht, arme Bauersleute zu schikanieren.«

»Klingt ja reizend«, sagte ich. »Invidia hat also Dornröschen verflucht.«

»Richtig. Dornröschen wurde aber nicht nur von dem Fluch selbst mit voller Wucht getroffen, als er sich erfüllte. Sie hat diesen bösen Zauber sogar schon ihre ganze Kindheit hindurch mit sich herumgetragen. Ihr Körper war der schwarzen Magie von kleinauf ausgesetzt. Deshalb hat Dornröschen ein besonders starkes M-Gen ausgebildet, das sie an ihre weiblichen Nachkommen weitergegeben hat. Auch an deine Urgroßmutter Anthea und natürlich auch an dich.«

»Ah ja.« Es gelang mir nicht, zu verbergen, wie lächerlich mir das alles erschien. »Und Anthea hat diesen ganzen Unsinn geglaubt, ja?«

»Das ist kein Unsinn. Und Anthea wusste das.«

Besorgt fuhr ich mir durchs Haar. Gab es in meiner Familie etwa eine erbliche Form von Wahnvorstellungen?

Ich saß hier in einem Gebäude, an dem ich schon tausend Mal vorbeigefahren war, ohne es bemerkt zu haben, und sprach mit einer Frau, ...

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