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Märchen von Liebe und Mut

Harald Stollmeier

Märchen

von Liebe und Mut

mit Zeichnungen von Esther Wesemann

Inhalt

Mann und Frau im Paradies

Der Eisvogel

Der große und der kleine Bruder

Das Geheimnis der Eule Nocturna

Das Landschaftsbild

Der gläserne Würfel

Freund und Feind

Mann und Frau im Paradies

Vor sehr langer Zeit lebten eine Frau und ein Mann in einem wunderschönen fruchtbaren Garten. Sie nannten ihn das Paradies. Sie waren die einzigen Menschen dort, und sie hatten überreichlich von allem, was sie brauchten. Angst vor wilden Tieren brauchten sie nicht zu haben, denn alle Tiere waren friedlich und zahm.

„Esst von allen Bäumen in diesem Garten“, sagte Gott, der die Menschen, die Tiere und den Garten erschaffen hatte, „nur von diesem einem nicht! Denn wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, dann müsst ihr sterben.“ Und die Frau und der Mann achteten das Verbot.

Eines Tages sagte die Frau zu dem Mann: „Ich bin sehr unglücklich, weil wir nicht vom Baum der Erkenntnis essen dürfen.“

Der Mann verstand sie nicht. Doch sie erklärte es ihm und wies auf interessante Andeutungen der Schlange hin, denen zufolge Gott sein Verbot nur unzureichend begründet habe. „Die Schlange sagt, er hält uns dumm, damit er seine Macht nicht mit uns teilen muss. Sie sagt auch, dass wir frei sein werden, wenn wir von diesem Baum essen.“

„Dann ist das Essen der Früchte gar nicht automatisch ein Handeln gegen Gott“, erwiderte der Mann, „dann können wir also, wenn wir nur erst alles wissen, genauso redlich in seinem Dienst stehen wie bisher! Das klingt gut! Aber ich bin noch nicht ganz sicher.“

Da weinte die Frau und sagte zu ihm: „Die Schlange hat auch noch von anderen Dingen gesprochen, von der Schöpferkraft Gottes, an der wir Anteil hätten. Denke dir nur: Selber schöne Dinge zu schaffen. Oder Kinder in den Armen zu halten …“

Der Mann nahm die Frau in den Arm: „Ja, das alles wäre schön. Aber sollten wir nicht warten, bis wir mit Gott darüber sprechen können?“

„Ach“, seufzte die Frau, „er ist nun schon seit Wochen nicht mehr hier gewesen. Und dann gibt er vielleicht trotzdem keine Erlaubnis, oder er nimmt den Baum sogar fort, und ich werde niemals Kinder in den Armen wiegen.“ Und wieder weinte sie.

Da stand der Mann auf und sagte: „Komm, ich gehe mit dir. Vielleicht ist es auch meine einzige Chance, jemals einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht, oder ein Fahrzeug, das bis in den Himmel fliegt.“

Und die Frau und der Mann gingen zum Baum der Erkenntnis und aßen, zuerst die Frau, dann der Mann. Und als sie gegessen hatten, da starben sie nicht, und sie fühlten große Macht und großen Stolz. Aber sie schämten sich auch, und sie versteckten sich voreinander und vor Gott.

Wenig später hörten sie seine Schritte und sein Rufen. Schließlich trat der Mann zögerlich vor ihn. „Was ist denn mit dir los?“, fragte Gott den Mann, „warum versteckst du dich vor mir, wo ist deine Frau, und vor allem: Was soll dieses Röckchen aus Blättern?“

Da fürchtete sich der Mann, und stotternd erklärte er, er habe nicht länger nackt sein wollen. „Aha“, sagte Gott ruhig, „ihr habt also vom Baum der Erkenntnis gegessen, obwohl ich das verboten hatte. Nun sage mir rasch, wessen Schuld das ist, damit ich ihn zur Rede stellen kann. Oder sie …“

Der Mann überlegte einen Moment. Dann straffte er den Rücken und sagte leise: „Es ist meine Schuld, Herr. Ich wollte Wissen, Macht und Freiheit, und ich wollte nicht riskieren, dass du womöglich den Baum fortnimmst, wenn ich dich frage.“

Gott runzelte die Stirn: „Es gibt da etwas, was du nicht richtig verstanden hast: Ich bin allwissend. Und deshalb weiß ich, dass zuvor die Schlange mit deiner Frau gesprochen hat und deine Frau mit dir. Deswegen darfst du hier bleiben, und deine Frau muss fort. Ich mache dir eine neue. Willst du das?“

„Nein, Herr“, sagte der Mann, „ich habe vom Baum der Erkenntnis gegessen und kenne jetzt Böse und Gut. Und ich weiß, dass es nicht richtig wäre, wenn meine Frau allein für etwas büßen müsste, bei dem ich freiwillig mitgemacht habe, ja, das ich sogar hätte verhindern können. Außerdem will ich keine andere. Ich liebe sie.“

Da lachte Gott, und die Erde bebte. Der Mann fürchtete sich, aber Gott klopfte ihm auf die Schulter und strahlte ihn an. „Das ist das Beste, was ich seit der Erschaffung der Welt gehört habe“, sagte er mit dröhnender Stimme, „komm, ich will dir mein Urteil verkünden: Du und deine Frau, ihr habt mein Gebot übertreten. Aber da du zu deiner Frau gehalten hast, als es für dich bequemer gewesen wäre, sie im Stich zu lassen, braucht ihr beide nicht zu sterben und dürft im Paradies bleiben. Und Häuser bauen und Kinder haben dürft ihr auch.“

So kam es, dass die Frau und der Mann nicht aus dem Paradies vertrieben wurden. Und da sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

Der Eisvogel

Martin war erst sieben Jahre alt, als sich sein Leben in einem einzigen Augenblick für immer veränderte. Es geschah beim Radfahren, auf dem Schulweg, der ein gutes Stück am Fluss entlang führte und durch den Wald. Es war Sommer, und die Sonne hatte den Morgennebel bereits von den Flussufern vertrieben. Martin fuhr dahin und tat nichts Besonderes. Es ging ihm gut. Plötzlich sah er schräg hinter sich eine Bewegung. Er wandte den Kopf nach rechts und sah, wie ein leuchtend blauer Vogel im Sturzflug ins Wasser hinabtauchte. Martin bremste und hielt an. Minutenlang blickte er auf das Wasser, dort wo der kleine Vogel eingetaucht war. Aber er sah ihn nicht wieder.

Am Abend erzählte er seiner Mutter von diesem Erlebnis. „Es war das schönste, was ich je gesehen habe“, sagte er, „so einen Vogel wünsche ich mir.“ Die Mutter schlug Martin vor, am folgenden Sonntag gemeinsam mit ihr an den Fluss zu gehen und nach dem blauen Vogel Ausschau zu halten. Und so geschah es auch, sieben Sonntage hintereinander. Als sie am siebten Sonntag aufgaben und sich auf den Heimweg machten, sah Martin eine blaue Bewegung aus dem Augenwinkel. Er drehte sich um und sah, wie beim ersten Mal, einen kleinen blauen Vogel ins Wasser hinabtauchen. Seine Mutter sah den Vogel nicht. Sie glaubte ihrem Sohn, aber sie hatte keine Hoffnung mehr, einen Vogel wie den gesuchten für ihn gewinnen zu können.

Martin war traurig, aber er sprach nicht mehr darüber. In den folgenden Jahren sah er den leuchtend blauen Vogel nur selten, und nie war es anders als beim ersten Mal. Nie sah er den Vogel länger als für einen Augenblick. Aber jeder dieser Augenblicke hinterließ in seinem Herzen eine Sehnsucht, die so gewaltig war wie ein Herbststurm an der See.

Als Martin fünfzehn Jahre alt war, fand er auf dem Dachboden eine Kiste mit alten Notizbüchern. Er nahm eines davon in die Hand, und als es sich öffnete, sah er eine Buntstiftzeichnung, die ihn gefangen nahm. Dort stürzte sich ein leuchtend blauer Vogel kopfüber von einem dünnen Ast herab. An den Notizen sah Martin, dass sein Vater das Bild gemalt hatte. Aufgeregt sprach er ihn an, als er am Abend von der Arbeit nach Hause kam.

„Das ist ein Eisvogel“ sagte der Vater, „ich habe ihn gezeichnet, als ich ein Junge war.“ Martin war begeistert: „Ich habe einen gesehen, und es ist das Schönste, was es überhaupt gibt. Ich wünsche mir einen solchen Vogel mehr als alle Schätze der Welt.“

Da setzte sich der Vater und sah seinen Sohn an: „Ich will dir ein Geheimnis verraten. Ich habe einen solchen Vogel einmal für mich gewonnen. Aber ich habe viele Jahre dafür einsetzen müssen – das ist vielleicht das Schwierigste, was es auf der Welt gibt. Denn einen Eisvogel kannst du nicht fangen – dazu ist er viel zu schnell. Und er wird sterben, wenn du ihn in einen Käfig sperrst. Du kannst einen Eisvogel nur gewinnen, wenn du so lange ruhig und still auf dem Waldboden sitzen bleibst, bis er zu dir kommt. Dabei musst du ein Nest mit deinen Händen formen. Wenn der Vogel dort landet und sich in deine Hände kuschelt, dann ist das Wunder geschehen. Erst dann darfst du den Eisvogel ansehen. Wenn du es vorher tust, ist er gleich wieder fort. Die Kunst dabei ist, genau neben den Eisvogel zu blicken, damit man weiß, wo er ist, ihn aber nicht erschreckt. Und eines noch: Wenn ein Eisvogel in deiner Nähe ist, darfst du dich durch nichts ablenken lassen! Wenn du dich bewegst, während ein Eisvogel dich beobachtet, dann fliegt er fort und kommt nie wieder.“

Martin entschloss sich, diesen schwierigen Weg zu gehen. Immer wieder übte er es, völlig still auf dem Waldboden zu sitzen und zu warten. Der Vater warnte ihn: „Viele Vögel werden zu dir kommen und Vertrauen zu dir fassen. Du darfst freundlich zu ihnen sein. Aber du musst sie fortschicken. Bedenke, mein Sohn, wenn eine Amsel oder Meise oder Nachtigall in deiner Hand sitzt, kann der Eisvogel nicht landen.“

Martin übte sich viele Jahre darin, still zu sitzen und nicht direkt anzusehen, was ihn am meisten interessierte. Bei schlechtem Wetter übte er im Haus, bei gutem Wetter im Wald. Das Stillsitzen lernte er bald, und mit der Zeit gelang es ihm immer besser. Das half ihm auch in der Schule, wo die Lehrer ihn immer mehr lobten. Schwieriger war es, das mit dem Hinsehen zu lernen.

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