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Märchen für Menschen mit Demenz

Angelika B. Hirsch (Hg.), Ursula Thomas, Veronika Uhlich

Märchen für Menschen mit Demenz

Sicher und kompetent in der Betreuung einsetzen

Dank

Unser tiefer Dank gilt den vielen Menschen mit Demenz, die wir über lange Jahre mit Märchen begleiten durften.

Ihre Freude an Märchen und ihr tiefes Empfinden für die Wahrheit im Märchen hat uns beeindruckt.

Sie waren der Anlass, dass wir uns derart intensiv mit dem Thema „Märchen und Demenz“ auseinandergesetzt haben.

Ihnen sei dieses Buch gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Buch

Das ist ein Märchen (A. Hirsch)

Was Märchen von anderen Geschichten unterscheidet

Die Bildsprache der Märchen

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Situation demenziell Erkrankter (V. Uhlich)

Verlauf der Demenz

Frühes Stadium

Mittleres Stadium

Spätes Stadium

Sinne und Emotionen

Sprache

Märchen – Sinne – Emotionen

Wie können die Sinne angeregt werden?

Kommunizieren mit demenziell Erkrankten

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Anleitung für die Praxis (U. Thomas)

Ermutigung – Märchen gehören uns allen!

Wie finde ich passende Texte? – Was ist ein passender Text?

Die Länge

Die Figuren

Die Handlungslinie

Der Inhalt des Märchens

Verse, Sprüche und Reime

Alter, Krankheit, Tod und Neubeginn

Märchen kürzen?

Unbedingt zu vermeiden

Märchen finden

Märchen erzählen – Märchen vorlesen

Das Erzählen

Das Vorlesen

Tipps für das bildgestaltende Sprechen

Zur grimmschen Märchensprache

Das Märchen selbst ist wichtig!

Requisiten – „Zutaten zu einer Aufführung“

Die Bedeutung von Requisiten

Zur Auswahl der Requisiten

Vom rechten Umgang mit Requisiten

Musik und Gesang

Das Musizieren

Das Singen

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Praktischer Teil – Die Märchen

Wegweiser durch den praktischen Teil

Das Konzept einer Märchenaktion im Überblick

Vorbereitung und Einleitung

Hauptteil

Abschluss der Aktion

Die Requisiten

Frau Holle (V. Uhlich)

Der Tempel der tausend Spiegel (V. Uhlich)

Der Bauer und der Teufel (U. Thomas)

Warum manche Bäume im Winter nicht kahl werden (V. Uhlich)

Der süße Brei (U. Thomas)

Der Hirte und die Fee (V. Uhlich)

Dornröschen (V. Uhlich)

Vom Hahn und der Zaubermühle (U. Thomas)

Die Königstochter in der Flammenburg (U. Thomas)

Die Bremer Stadtmusikanten (U. Thomas)

Die Geschichte vom Suppenstein (V. Uhlich)

Die Bienenkönigin (U. Thomas)

Der Fuchs und die Gänse (U. Thomas)

Der goldene Schlüssel (U. Thomas)

Die Maismutter (V. Uhlich)

Rumpelstilzchen (V. Uhlich)

Die Ratte, die sich in eine Fledermaus verwandelte (U. Thomas)

Rapunzel (U. Thomas)

Eine Aktion mit mehreren Märchen (U. Thomas)

Bereit sein für das Unerwartete - so kann nichts schief gehen (U. Thomas)

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Quellenverzeichnis

Märchenquellen

Sekundärquellen zum Nachschlagen und Weiterlesen

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Autorinnen

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Ergänzend zu diesem Buch bietet Ihnen Altenpflege Bonus-Material zum Download an.

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Buch-Code: AH8783Y

Zu diesem Buch

Es gibt viele Arten von Märchen: Kindermärchen, Märchen für Erwachsene, Kunstmärchen, von Dichtern geschriebene und spontan ausgedachte Märchen, uralte und moderne Märchen. Politiker erzählen Märchen und Deutschland erlebte mit der Fußball-Nationalmannschaft ein „Sommermärchen“. Wunderbare, fantastische Geschichten werden Märchen genannt; für positive, und überwältigende Ereignisse verwenden wir die Märchen-Metapher – für Lügen allerdings nicht selten auch. Wenn also von Märchen und Demenz die Rede sein soll, müssen wir zunächst einmal sagen, welche Art von Märchen wir meinen und warum wir davon ausgehen, dass sie in der Begleitung und Betreuung von demenziell Erkrankten von höchstem Wert sind.

Hier in diesem Buch soll es ausschließlich um ganz traditionelle, vertraute Märchen gehen – um sogenannte Volksmärchen, wie wir sie zum Beispiel durch die Sammlung der Brüder Grimm kennen. Sie gehören zu unserem kulturellen Erbe und jeder kennt mindestens fünf oder zehn – wenigstens so einigermaßen. Für ältere Menschen, deren Kindheit nicht von den Medien Film und Internet geprägt wurde, sind Märchen ein noch viel bedeutsamerer Erinnerungsschatz. Sie sind in ihnen häufig tief verankert, daher werden sie gern als Stimulus bei alten und hochaltrigen Menschen und demenziell Erkrankten eingesetzt. Die positive Wirkung der Märchen gleicht der des Singens und Musizierens. Wie aus den Erfahrungen und Forschungen im Musikbereich inzwischen eine Musikgeragogik als eigene Fachdisziplin entstanden ist, so möchten wir mit diesem Buch den Grundstein für eine „Märchengeragogik“ legen. Wir geben Ihnen unser Wissen und unsere Erfahrungen an die Hand, um selbst Erfahrungen zu sammeln, zu forschen, zu beobachten und das den Menschen am besten Dienende herauszufiltern.

Mit diesem Buch erhalten Sie ein Werkzeug, das Sie befähigt, Märchen sicher und kompetent in der Betreuung einzusetzen. Je vertrauter Ihnen als professionelle oder ehrenamtliche Betreuungskräfte die Märchen sind, desto spielerischer und souveräner werden Sie mit ihnen arbeiten können. Deshalb haben wir vor die praktischen Beispiele und Anleitungen drei kurze allgemeine Kapitel gesetzt, die Ihnen ein Basiswissen vermitteln möchten. Allerdings hoffen wir auf weit mehr: Wir möchten Sie anstecken und für Märchen begeistern. Dann haben Sie mit diesem Buch nicht nur ein Werkzeug in der Hand, sondern einen Schlüssel zur Welt!

Das ist ein Märchen (A. Hirsch)

Was Märchen von anderen Geschichten unterscheidet

»    Ein Märchen im engeren Sinne ist eine fantastische Geschichte, die von Mund zu Mund über Generationen hinweg weitergegeben und zurechtgeschliffen wurde. Es hat keinen Autor und keinen konkreten Herkunftsort.

»    Es wird nicht im Wortsinne geglaubt (obwohl Erzähler während des Erzählens immer wieder gern versichern, dass alles genauso geschehen sei!). Eine biblische Geschichte dagegen oder auch eine Sage wollen wirklich geglaubt werden.

»    In der Märchenwelt gibt es keine klare Trennung zwischen Diesseits und Jenseits. Die Märchenhelden verkehren selbstverständlich mit jenseitigen Wesen wie Hexen, Frau Holle oder Zwergen. Keiner wundert sich über sprechende Tiere, Siebenmeilenstiefel oder kleine Mädchen mit roter Kappe, die unversehrt wieder aus dem Wolfsbauch springen. Das Wunder, über das sich niemand wundert, gehört zum Grundbestand unserer Märchen.

»    Alle Figuren und Szenarien sind scherenschnittartig und zeitlos. Es gibt nur Gut oder Böse, schön oder hässlich. Während in einem Roman die Kunst darin besteht, die Handelnden differenziert und mit allen Ecken und Kanten glaubwürdig darzustellen, besteht die Kunst des Märchens in der Zuspitzung. Die Märchen zeigen uns nur die Oberfläche ihrer Helden. Wir hören nie etwas von ihrem Innenleben, ihrer Vorgeschichte, ihren Gedanken. Wir erfahren nur ein wenig über die äußeren Antriebe: Die Eltern von Hänsel und Gretel haben nichts mehr zu essen, also werden die Kinder im Wald ausgesetzt. Die Königstochter spielt am Brunnen mit einer goldenen Kugel, die Kugel fällt in den Brunnen und das Mädchen möchte sie unbedingt wieder haben. Die Geiß will Futter holen und lässt ihre sieben Kinder zu Hause, der Wolf kommt und will sie fressen. Das war‘s. Es werden keine Atmosphären oder differenzierte Gefühlswelten beschrieben.

»    Nur Personen oder Gegenstände, die für die Handlung gebraucht werden, tauchen auf. Werden sie nicht mehr gebraucht, dann verschwinden sie einfach. Das Märchen schildert nichts ausführlich, es benennt die Situationen und Dinge nur knapp – deshalb kann man es sich auch so gut merken. Es liebt Formeln und Wiederholungen – die bleiben uns am besten und bis ins hohe Alter hinein im Gedächtnis: „Ach wie gut ist, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“ „Königstochter, Jüngste, mach mir auf!“ „Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum … “

»    Die Märchenhelden und ihre Handlungen stehen seltsam isoliert da – es wird so erzählt, als gäbe es auf der Welt nur sie und alle Figuren, die sonst noch für das Märchen notwendig sind. Jedes „Bühnenbild“ fehlt. Die Helden haben keinen Freundeskreis, es wird nichts von ihren Vorlieben und nichts aus ihrem Umfeld erzählt – es sei denn, das wäre für die Handlung wichtig. Auch ist ihr Handeln oft nur innerhalb einer Episode folgerichtig. Sie machen immer wieder dieselben Fehler – so dass man sich manchmal die Haare rauft. Wem gesagt wird: „Schlaf ja nicht ein!“, der tut es garantiert – und nicht nur einmal! Gleichzeitig zeichnet die Helden aber eine grenzenlose Beziehungsfähigkeit aus. Sie knüpfen und lösen Kontakte, wie es gerade erforderlich ist. Das ist sogar ihr hervorragendes Merkmal, denn die bösen Gegenspieler können das nicht. Die meinen immer schon, über alles Bescheid zu wissen, lassen sich nicht auf überraschende Begegnungen ein, teilen nicht mit einem seltsamen Zwerg den letzten Bissen Brot. Die Gegenspieler sind hochmütig und davon überzeugt, alles ganz alleine im Griff zu haben. Helden dagegen nehmen Hilfe an, lassen sich beraten und beschenken. Sie machen längst nicht alles richtig, aber sie gehen offenen Sinnes durch die Welt.

»    Märchen verdichten Wesentliches und Grundsätzliches des menschlichen Lebens und der Welt zu poetischen Bildern, die nahezu zeitlos werden und allgemeingültig sind.

»    Märchen gehen davon aus, dass die Welt gut ist, so wie sie ist – trotz des Bösen, das Menschen zustößt. Deshalb halten sie am guten Ende fest.

Alle diese Merkmale machen die Volksmärchen zu etwas ganz Besonderem und Unverwüstlichem. Gerade weil so viel offengelassen wird, überspitzt und undifferenziert ist, kann sich jeder Hörer oder Leser im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Bild machen. Jeder sieht seinen eigenen Froschkönig oder bösen Wolf, sein eigenes Aschenputtel oder Dornröschen. Jeder kann seine eigenen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle in das Märchen hineinhören und sich im Märchen spiegeln. So kann ein und dasselbe Märchen für verschiedene Menschen eine völlig unterschiedliche Bedeutung haben. Es gibt keine richtige oder falsche Interpretation!

Die Konflikte, von denen erzählt wird, sind sehr grundsätzlich und allgemein: materielle Not, Eifersucht, Ablösung von den Eltern, Konflikte mit den Eltern, Suche nach dem eigenen Platz im Leben, nach einem Partner, nach Abenteuer … Wer ähnliche Konflikte erlebt hat – und wer hat das nicht? – kann sich selbst in den Märchen wiederfinden. Jedes Mal, wenn wir ein Märchen hören oder lesen, erleben wir innerlich die Not der Helden und das gute Ende mit. So wird ganz nebenbei die Hoffnung auf ein gutes Ende der eigenen Lebensgeschichte gestärkt.

Auch wenn von den „Märchen der Brüder Grimm“ gesprochen wird, haben diese die Märchen nicht „erfunden“. Sie haben sie gesammelt, im Stile ihrer Zeit bearbeitet und dabei mitunter kräftig eingegriffen. Trotzdem ist der Charakter mündlich überlieferter Texte erhalten geblieben. Hans Christian Andersen ist dagegen eindeutig der Autor seiner Märchen. Wenn Sie Märchen der Brüder Grimm und Andersens miteinander vergleichen, werden Sie bemerken, dass die „Kunstmärchen“ viel länger, verschachtelter und deutlich von der individuellen Handschrift ihres Autors gekennzeichnet sind.

Volksmärchen und Kunstmärchen sind verschiedene literarische Gattungen, so wie Novelle und Roman verschiedene Gattungen sind.

Die Bildsprache der Märchen

Es ist spannend zu fragen, wie Märchen es immer wieder schaffen, junge und alte Menschen so zu berühren. Auch Erwachsene, die längst wissen, dass es „in Wirklichkeit“ keine Siebenmeilenstiefel, sprechende Füchse oder siebenköpfige Drachen gibt, rufen mitunter nach dem Hören eines Märchens aus: „So ist es mir auch schon ergangen!“

Märchen erzählen von uns – und sie tun dies in der Sprache der Bilder, der Symbole. Wir alle benutzen diese Sprache und zwar immer dann, wenn wir mit der „2 x 2 = 4 Sprache“ nicht weiterkommen. „Wir treffen uns Donnerstag um 19.30 Uhr vor dem Kinoeingang“, ist eine präzise Aussage, die keiner Interpretation bedarf. Wenn Sie dann aber Ihrer Freundin erzählen wollen, dass Sie in der letzten Woche etwas Unglaubliches erlebt haben, greifen Sie zu Bildern: „Ich dachte mich tritt ein Pferd, als der Chef mich plötzlich anblafft. Wie ein begossener Pudel stand ich da. Plötzlich fängt er an zu lachen, sagt, dass ich nicht immer alles so ernst nehmen sollte und er mich als Abteilungsleiterin vorschlagen würde. Ich schwebe immer noch auf Wolken …“ Diese Erzählung ist alles andere als präzise und trotzdem – oder gerade deshalb! – erleben wir die emotionale Achterbahnfahrt geradezu mit. Die Bildsprache „malt“ sinnliche Bilder für komplexe Erfahrungen, die wir anders nicht fassen können. Hier in dem Beispiel geht es eben nicht nur um eine sachliche Information („Mir wurde eine neue Stelle angeboten.“), sondern um das Beschreiben der heftigen Emotionen, die damit verbunden waren.

Die Bildsprache ist unsere erste und tiefste Sprache. In der Entwicklungspsychologie wird sogar von einer regelrechten „magischen Phase“ zwischen dem zweiten und fünften bis achten Lebensjahr gesprochen. Dies ist die Phase des bildhaften Denkens, des Alles-ist-Möglich und die Zeit, in der Kinder einen direkten Zugang zu Märchen haben.

Aber auch wer meint, dem „Märchenalter“ längst entwachsen zu sein, hat zum Beispiel in seinen Träumen regelmäßig Kontakt mit dieser Bildsprache. Oft ist sie rätselhaft und die Traum-Symbole müssen entschlüsselt werden, wenn wir die „Botschaft“ unseres Unbewussten verstehen wollen. Jedes Bild hat ja unendlich viele Deutungsmöglichkeiten. Nur ich selbst kann spüren, welche Deutung für mich die richtige ist. Wenn ich träume, dass ich durch einen Wald laufe und mich dabei geborgen fühle, bedeutet das Bild des Waldes etwas ganz anderes, als wenn ich träume, dass ich durch einen Wald laufe und schreckliche Angst habe.

Diese Ambivalenz der Bildsprache bringt mit sich, dass ich niemals genau weiß, was ein Märchen, das ich anbiete, in einem anderen Menschen auslöst. In mir selbst können beim Hören des altvertrauten Rotkäppchen schönste Kindheitserinnerungen aufsteigen – etwa ein Gemisch aus wohligem Gruseln, Freude an der Übertreibung und der Erfahrung von Geborgenheit. In einem anderen Menschen kann die Geschichte vom „bösen Wolf“ an schmerzliche Erfahrungen rühren, die lieber nicht erinnert werden wollen. Im Allgemeinen haben wir dann gute Schutzmechanismen und „mögen das Märchen einfach nicht“ oder ordnen es der leichten Unterhaltung zu und verspüren keine Lust, uns länger mit ihm zu beschäftigen. Und das Schöne ist, dass das Märchen es uns mit seiner indirekten Bildersprache auch leicht macht zu entscheiden, ob und wie wir uns in ihm wiederfinden wollen oder nicht. Deshalb sollte beim Erzählen oder Vorlesen von Märchen immer im Hinterkopf behalten werden: Auch wenn alle um mich herum ein Märchen ganz wunderbar zu finden scheinen, kann und darf es sein, dass es Menschen gibt, denen es anders ergeht. Und sie liegen damit genauso „richtig“ wie die, die dieses Märchen lieben.

So unpräzise die Symbolsprache ist, so überwältigend reich an Ausdrucksmöglichkeiten ist sie auch. Sie spricht nicht nur den Verstand, sondern den ganzen Menschen an. Und wir verstehen das Gemeinte intuitiv oft sofort. Niemals haben Menschen geglaubt, dass das Mädchen in „Die sieben Raben“ tatsächlich zu Sonne, Mond und Sternen geht. Verstanden haben Menschen aber immer, dass in diesen Bildern von einer unendlichen Mühe und Geduld erzählt wird. Keiner glaubte jemals ernsthaft, dass der Sprung in einen Brunnen in das Reich der Frau Holle führt oder dass ein Mädchen 100 Jahre hinter einer Dornenhecke schläft. Aber an der Wahrheit, dass sich in höchster Verzweiflung plötzlich ein Ausweg auftut oder es ewig dauern kann, bis der Richtige kommt, wurde trotzdem nicht gezweifelt.

Die Bilder der Märchen helfen, das eigene Leben zu verstehen und zu deuten:

»    „So ist das Leben, so geht es zu, man darf die Hoffnung einfach nicht aufgeben!“

»    „Mit Drachen habe ich auch schon gekämpft!“

»    „Mir ist auch einmal im richtigen Moment eine Fee begegnet!“

»    „Ich kenne das Gefühl, von einem Wolf verschlungen zu werden.“

»    „Ja, gelegentlich ist es mir in meinem Leben auch schon gelungen, Stroh zu Gold zu spinnen.“

Viele dieser Bilder begleiten uns ein Leben lang, sie sind seit Kindertagen fest in uns verankert. Weil sie mit Gefühlen und Erfahrungen verknüpft sind, bleiben sie auch für Menschen, deren Erinnerung schwindet, sehr lange noch Trost, Freude und Stimulus.

Es ist schon oft die Beobachtung gemacht worden, dass gerade Menschen im letzten Abschnitt ihres Lebens wieder ganz besonders stark in der Bilderwelt leben und auf die Bildsprache zurückgreifen. Sie reden zum Beispiel von einer bevorstehenden Reise, packen Koffer oder suchen nach dem Pass – das sind eher sinnvolle Bilder für die bevorstehende „letzte große Reise“ als sinnlose Zeichen von Verwirrtheit.

Märchen speisen und beleben den eigenen inneren Bildervorrat. Sie helfen ganz nebenbei, einen Ausdruck für namenlose Gefühle zu finden: für Abschied, Schmerz, Verlust genauso wie für Dankbarkeit, Freude und Zuversicht.

Das gute Ende, an dem die Märchen festhalten, kann durchaus als Bild des endgültigen Todes verstanden werden. Und das ist nicht nur auf den oder die Menschen zu beziehen, die ich gerade betreue! Wer demenziell Erkrankte begleitet, ist nebenbei immer auch herausgefordert, sich selbst mit dem Tod auseinanderzusetzen. Was ist ein gutes Ende für den Menschen, den ich begleite – wie stelle ich mir mein gutes Ende vor? Wir alle sind Künstler im Verdrängen des Todes! Die Märchen halten es anders. Sie thematisieren ihn in ihrer fantastischen Sprache dauernd, denn er gehört nun einmal zur Wirklichkeit unseres Lebens. Aber sie tun es nicht moralisierend, sie predigen und belehren nicht. Märchen stellen uns alle Spielarten des Bösen vor Augen, aber immer nur, um es gemeinsam mit den Helden bei jedem Hören oder Lesen aufs Neue zu besiegen. So sind die Märchen, wie der Märchenforscher Max Lüthi es formulierte, „Unterhaltung und Existenzerhellung in einem“1. Sie regen an, spenden Trost, machen Mut und Hoffnung. Das kann eigentlich jeder gebrauchen.

Das Wort „Symbol“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Zusammengefügtes, Zusammengeworfenes.“ Ein Gefühl oder eine Erfahrung, die sich nicht exakt definieren lassen, werden mit etwas sinnlich Wahrnehmbaren ausgedrückt. Unfassbares wird mit einem fassbaren Bild zusammengefügt: wie das Phänomen Liebe (wer könnte sie exakt definieren?) mit dem Bild des Herzens oder „Schmetterlingen im Bauch“ oder dem Bild eines Rings. Die Begriffe „Bildsprache“ und „Symbolsprache“ werden synonym verwendet.

Symbole können nicht willkürlich festgelegt werden (wie Verkehrszeichen oder Piktogramme), ihr Ursprung liegt im Dunkeln. Sie entstehen durch allgemeinen Gebrauch. Und gerade weil Symbole nicht exakt sind, sind sie unendlich (auch gegensätzlich!) interpretierbar und geben jedem Menschen Raum, innere Erfahrungen auszudrücken.

Immer, wenn wir einander komplexe Erfahrungen mitteilen wollen, greifen wir automatisch zu Symbolen. Achten Sie einmal im Alltag darauf, wie bildlich unsere Sprache ist!

1

Lüthi, Max, Das europäische Volksmärchen. S.85, Tübingen 1992

Situation demenziell Erkrankter (V. Uhlich)

Der Begriff „Demenz“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „weg vom Geist“ oder auch „weg vom Verstand“.2 Demenziell Erkrankte sind in einer für sie und ihre Umgebung ungewohnten Situation. Die Erkrankung wirkt sich nicht nur körperlich aus, sondern auch auf Gefühle, Verhalten und Orientierung. Umso wichtiger ist es, etwas über diese Krankheiten zu wissen, wenn man mit Menschen, die Demenz haben, zusammen ist.

Aber was ist Demenz? Wer an einer sogenannten „Demenz“ leidet, kann viele Krankheiten haben. Dazu gehört mit zwei Dritteln der Betroffenen die Alzheimer Demenz. Aber auch die vaskuläre Demenz, die frontotemporale Demenz (Morbus Pick), Parkinson und die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit gehören dazu. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht heilbar oder umkehrbar sind und dass sie von außen gesehen ähnliche Symptome aufweisen. Diese Krankheiten gehören alle zu der Primären Demenz, während eine Sekundäre Demenz durch andere Krankheiten entsteht und heilbar sein kann.

Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen steigt jedes Jahr und so geht eine Studie von 20153, davon aus, dass gegenwärtig auf der Welt alle drei Sekunden ein Mensch an Demenz erkrankt. Alleine in Deutschland leiden nach der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. 1,5 Millionen Menschen an Demenz, und diese Zahl soll jedes Jahr um 40.000 zunehmen.4 Dabei handelt es sich überwiegend um ältere Menschen, die meisten davon sind schon über 80 Jahre alt. Eine Demenz in jungen Jahren ist sehr selten.

In diesem Buch kann nicht auf die medizinischen Aspekte eingegangen werden, aber weiterführende Informationen sind immer bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. und in vielen anderen Publikationen erhältlich. So werden in den folgenden Abschnitten nur die Themen berührt, die beim Erzählen und Vorlesen für Menschen mit Demenz wichtig sind.

Verlauf der Demenz

Jeder Krankheitsverlauf ist individuell, doch lassen sich bei allen Demenz-Erkrankungen drei Stadien festmachen, die fließend ineinander übergehen und die fast jeder Betroffene durchläuft. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht nur Gedächtnisprobleme hervorrufen, sondern auch Orientierungsschwierigkeiten und Persönlichkeitsveränderungen.

Frühes Stadium

Meist merkt der Betroffene zuerst selbst, dass etwas nicht stimmt. Sogenannte kleine „Vergesslichkeiten“ werden unter den Tisch gekehrt und überspielt. Diese Phase zwischen dem Vergessen und dem Wissen, etwas zu vergessen, ist mit Scham, Wut und Trauer besetzt. So kann es zu starken emotionalen Ausbrüchen kommen, die für die Umwelt unverständlich sind.

Aus der Sicht der Umgebung haben die Betroffenen kurze Konzentrationsphasen, Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis und Orientierungsstörungen in Zeit und Raum. Die Planung von Abläufen fällt immer schwerer, auch macht sich eine Antriebsschwäche breit. Die Betroffenen zeigen keine Initiative mehr und ziehen sich immer weiter zurück. Da die sozialen Umgangsformen verloren gehen, meiden die demenziell Erkrankten wegen der für sie nicht verständlichen Reaktionen die Gesellschaft. Im Gespräch fällt auf, dass Wortfindungsstörungen vorhanden sind, die durch Umschreibungen kaschiert werden. Sind mehrere Personen an dem Gespräch beteiligt, können die Betroffenen nicht mehr folgen. Da Routinehandlungen noch bewältigt werden, wird selten schon in diesem Stadium eine Diagnose gestellt.

Aber wie empfindet der Betroffene?

Trauer, Wut, Scham und auch Nicht-wahr-haben-Wollen mischen sich mit Erkenntnis und Entsetzen. Es ist eine Zeit der Heimlichkeiten, des Versteckens und doch Nicht-mehr-Könnens. Gerade korrekte Menschen, die ihr Leben immer gut organisiert hatten, trifft es besonders hart. Sie fühlen sich missverstanden von der Umwelt, hinzu treten durch die Orientierungslosigkeit Gefühle der Einsamkeit und Angst auf, welche in eine Depression münden können. Aus dieser Sicht ist es verständlich, dass manche Betroffene emotional laut reagieren und nicht immer sozial verträglich agieren.

Mittleres Stadium

Die Gedächtnisstörungen nehmen zu, planvolles Handeln ist nicht mehr möglich, auch das abstrakte Denken ist stark eingeschränkt. So kommt es, dass bekannte Menschen nicht mehr erkannt und eingeordnet werden können. Durch die Orientierungslosigkeit in Zeit und Raum ergeben sich Störungen im Tag-/ Nachtrhythmus und bei Tages-, Wochen- und Jahresabläufen. Dies zeigt sich unter anderem in einer ständigen Suche nach irgendetwas, das Halt gibt. Zielloses Umherwandern kann eine Folge davon sein. Viele Betroffene nesteln an ihrer Kleidung, knöpfen sie auf und zu, kratzen mit den Fingern über die Tischdecke, nur um sich selber besser spüren zu können. Sie sind noch da.

Sprachlich werden die Störungen stärker, die Worte werden floskelhaft mit vielen Wiederholungen. Alltagsgegenstände und ihre Bedeutung werden nicht mehr erkannt. Durch diese Veränderungen kann der Alltag nicht mehr alleine bewältigt werden, Waschen und Anziehen etc. gehen nur mit Hilfe. Für die Umgebung wird es immer schwerer, den Betroffenen und seine Reaktionen zu verstehen.

Noch können die demenziell Erkrankten erzählen, wie sie sich fühlen. Da das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, das Langzeitgedächtnis aber nicht mehr willentlich abgerufen werden kann, kommen die Erinnerungen spontan. Und so kann es passieren, dass die Vergangenheit und Gegenwart mit der Zukunft vermischt wird und der demenziell Erkrankte sich mit vollem Wissen und einer selbstverständlichen Eigenwahrnehmung in einer anderen Zeit befindet. Er ist dann für sich dort! Nach außen reagiert er/sie vielleicht so, als sei er im besten Mannesalter oder müsse noch das Essen für die Kinder kochen. In solchen Situationen fühlen sich Menschen mit Demenz weder hilflos, gebrechlich noch krank, sondern gesund und lebenstüchtig. Erklärt jemand in solch einem Moment die Realität, reagiert der Betroffene häufig aggressiv. Er/sie empfinden sich souverän und selbstständig, und dann kommt jemand Fremdes und sagt, das wäre nicht so! Auf diesem Hintergrund kann eine vehemente Ablehnung von Seiten des Betroffenen besser verstanden werden. Die demenziell Erkrankten fühlen sich möglicherweise also gut, sie haben kein Problem – ihre Umgebung empfindet das häufig anders.

Spätes Stadium

Im späten Stadium kommt es zum vollständigen Verlust des Gedächtnisses und der Orientierungsfähigkeit. Die demenziell Erkrankten ziehen sich in eine Apathie zurück. Durch den vollständigen Sprachverlust können die Betroffenen nicht mehr sagen, was sie benötigen oder bewegt und so kaum noch Kontakt zur Umwelt aufbauen. Der völlige Verlust der praktischen Fähigkeiten wie zum Beispiel Kartoffeln schälen, Reparieren oder Helfen im Haushalt führt mit sich, dass sie sich nutzlos fühlen. Um sich auszudrücken, laufen sie, wenn dies körperlich noch möglich ist, häufig weg, sind unruhig und schreien. Typisch für diese Phase ist der vornüber geneigte kleintripplige Gang. Schwierig wird die Nahrungsaufnahme, da durch die Reduzierung der Reflexe auch Schluckstörungen auftreten können. Auch tritt vermehrt Inkontinenz auf. Am Ende kommt es zu einer Bettlägerigkeit. In diesem Stadium sind die demenziell Erkrankten rund um die Uhr pflegebedürftig.

Die Betroffenen können in dieser Phase nicht mehr Auskunft geben, wie sie sich fühlen. Doch kann man sie vielleicht ein bisschen verstehen, wenn man bedenkt, dass sie ihre Gefühle nicht äußern können, keine Person mehr erkennen und so nur mit Fremden leben, in einem fremden Haus, in welchem die Menschen ihnen etwas sagen, was sie nicht verstehen. Auffällig ist, dass Menschen mit Demenz in diesem späten Stadium ein verstärktes Bedürfnis nach Nähe und Berührung haben. Die emotionale Zuwendung ist von hoher Bedeutung.

1.1: Ablauf der Stadien

 

Frühes Stadium

Mittleres Stadium

Spätes Stadium

Äußere Merkmale

Konzentrationsphasen werden kürzer

Gedächtnisstörungen nehmen zu, Menschen werden nicht mehr erkannt

Verlust des Gedächtnis

 

erste Probleme mit der Orientierung

Orientierungslosigkeit, kein Tag/Nacht Rhythmus, dadurch ständiges Suchen nach Halt

Verlust der Orientierung

 

erste Anzeichen vom Verlust des Kurzzeitgedächtnis

Worte werden gesucht, Sprache wird floskelhaft mit Wiederholungen

Sprachverlust

 

Planung von Abläufen fällt schwer

Planvolles Handeln ist nicht mehr möglich

Verlust aller praktischen Fähigkeiten

 

soziale Umgangsformen schwinden

Soziale Umgangsformen sind verloren

Wer laufen kann, läuft viel herum, schreit, versucht Kontakt aufzunehmen

 

Betroffenen zeigen keine Initiative, sind antriebsschwach

Gegenstände werden nicht mehr erkannt, auch nicht der Sinn hinter den Dingen

Typischer nach vorn gebeugter „Trippelgang“

 

Routinehandlungen funktionieren noch gut

Langzeitgedächtnis kann nicht mehr gewollt geholt werden, kommt spontan hoch

Probleme bei Nahrungsaufnahme wegen reduziertem Schluckreflex

 

 

 

Häufige Inkontinenz

Wie die Betroffenen dies empfinden

Betroffene spüren, dass etwas nicht stimmt, wollen dies aber nicht wahrhaben, versuchen es zu vertuschen oder auch zu überspielen.

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