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Männlich, zärtlich – unwiderstehlich

Brenda Harlen

Männlich, zärtlich – unwiderstehlich

PROLOG

Paige Wilder hatte nicht die geringste Erfahrung mit Kindern. Aber als Olivia Lowell, ihre Freundin und Kollegin bei Wainwright, Witmer & Wynne, sie bat, ihr bei der Entbindung zur Seite zu stehen, konnte sie es der alleinstehenden Mutter in spe nicht abschlagen. Trotz ihrer anfänglichen Bedenken war Emmas Geburt für sie eins der faszinierendsten Erlebnisse ihres Lebens.

Deshalb sagte sie auch sofort zu, als Olivia sie einige Monate später fragte, ob sie über Nacht auf das Baby aufpassen könne. Ashley und Megan – ihre Cousinen und besten Freundinnen – waren schwanger, da war dies eine gute Gelegenheit, sich als Babysitter zu versuchen.

Als sie Emma um fünf Uhr morgens in ihre Wiege legte und sich auf das Bett in Olivias Gästezimmer fallen ließ, hatte Paige ihre Entscheidung bereits bitter bereut. Gegen Mitternacht hatte sie die Scheidungsvereinbarung, an der sie gerade arbeitete, in ihre Aktentasche gesteckt und beschlossen, schlafen zu gehen. Doch genau dann erwachte das sonst so ruhige Baby und begann laut zu weinen. Das wiederholte sich zu jeder vollen Stunde.

Die anstrengende Nacht machte Paige mal wieder bewusst, warum sie nie ein eigenes Kind hatte haben wollen. Sie bewunderte Eltern, die nachts ein weinendes Baby trösten mussten und es trotzdem schafften, am nächsten Morgen pünktlich aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.

Als sie endlich einschlief, war sie heilfroh, dass sie ihre Freundin nur eine Nacht lang vertreten musste.

Drei Tage später erfuhr Paige, dass das Schicksal es anders wollte.

Owen Wynne war der Seniorpartner der Kanzlei, in der sie seit sechs Jahren als Anwältin arbeitete. Er legte das Dokument, aus dem er gerade vorgelesen hatte, zur Seite und hob den Kopf.

Schockiert starrte Paige ihn an. Hatte er ihr gerade mitgeteilt, dass ihre Freundin bei einem Verkehrsunfall getötet worden war? Sie versuchte zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. „Aber was bedeutet das?“

„Es bedeutet, dass Sie jetzt Emma Jane Lowells gesetzlicher Vormund sind“, erklärte er geduldig.

„Das kann nicht sein“, erwiderte sie verzweifelt und ungläubig zugleich.

Owen runzelte die Stirn. „Hat Olivia denn nicht mit Ihnen über ihr Testament gesprochen?“

Paige schüttelte den Kopf.

„Nun ja, dann haben Sie natürlich das Recht, ihre Bitte abzulehnen.“

Sie wusste, was passieren würde, wenn sie das tat – die neun Monate alte Emma würde vom Jugendamt in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Vielleicht hatte sie Glück und kam zu einem Paar, das sie wie ein eigenes Kind liebte. Ansonsten würde sie von einer Familie zur nächsten wandern, bis sie alt genug war, um aus der staatlichen Obhut entlassen zu werden.

In beiden Fällen würde Olivias Tochter nie etwas über ihre Mutter erfahren. Niemand würde ihr erzählen, wie sehr sie geliebt worden war.

Paige zögerte noch immer. „Ich weiß nichts über Kinder.“

„Ging mir genauso, als ich das erste Mal Vater wurde“, gab Owen zu.

„Was ist mit Emmas Vater? Sind Sie sicher, dass Olivia seinen Namen nie erwähnt hat?“

„Mir gegenüber nicht.“

Paige wusste auch nur, dass Olivia, seit sie schwanger war, keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Sie vermutete, dass Olivia so verschlossen gewesen war, weil der Mann schon eine Familie hatte.

„Sie müssen sich ja nicht heute entscheiden“, sagte der Seniorpartner.

Paige würde nie verstehen, warum ihre Freundin ausgerechnet sie ausgesucht hatte, aber Olivia hatte die Entscheidung bereits für sie getroffen und ihren Letzten Willen konnte sie nicht ignorieren.

„Doch, das muss ich. Allein schon Emmas wegen.“

Sie wollte dafür sorgen, dass Olivias Baby die Geborgenheit bekam, die sie selbst nie gekannt hatte.

Doch als die Papiere unterschrieben waren und sie mit Emma im Arm Owens Büro verließ, war sie nicht mehr so sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

1. KAPITEL

Fünf Monate später

Als kleines Mädchen hatte Paige sich nirgendwo zu Hause gefühlt. Ihr geschiedener Vater war Colonel gewesen und häufig versetzt worden. Mit fünfzehn war sie zu seiner Schwester und deren Familie gekommen. In den ersten sechs Monaten weigerte sie sich, ihre Sachen auszupacken, weil sie sicher war, dass sie schon bald wieder ausziehen würde.

Aber aus den sechs Monaten waren erst ein Jahr, dann zwei geworden, und ihre Cousinen Ashley und Megan wurden ihre besten Freundinnen.

Trotzdem hatte Paige sich immer wie eine Besucherin gefühlt, und selbst ihr erste eigene Wohnung in Syracuse war für sie nicht mehr als ein Dach über dem Kopf. Aber in der Chetwood Street in Pinehurst stand das Haus, das Ashley und Megan einige Jahre zuvor gekauft hatten. Dort hatte Paige sich so wohl gefühlt wie an keinem anderen Ort, und deshalb fuhr sie nach Pinehurst, als ihr Leben aus den Fugen geriet.

Sie hatte ihre Cousinen angerufen und gefragt, ob sie eine Weile dort wohnen dürfe. Megan war im Vorjahr ausgezogen, als sie Gary Richmond geheiratet hatte. Erst vor einem Monat hatte Ashley es ihrer Schwester gleichgetan und lebte jetzt mit ihrem Ehemann Cameron Turcotte zusammen. Die beiden wollten das Haus verkaufen, hatten jedoch noch keinen Makler beauftragt, deshalb hatte Paige vorgeschlagen, es für den Sommer zu mieten.

Sie war nicht sicher, wie lange sie bleiben würde. Sie wusste nur, dass sie gründlich darüber nachdenken musste, was sie aus ihrem Leben machen wollte.

Bis vor fünf Monaten hatte sie nur ein Ziel gehabt – sie wollte Partnerin in der Kanzlei werden. Darauf hatte sie sechs Jahre lang hingearbeitet. Aber dann hatte sie an einem Mittwoch Emma bei ihrer Tagesmutter abgeholt, und plötzlich war ihr klar geworden, wie sehr das Kind, das sie von Herzen liebte, alles verändert hatte.

Jetzt war sie seit einer Woche in Pinehurst und wusste noch immer nicht, ob sie die angestrebte Karriere mit der Verantwortung für Emma vereinbaren konnte – oder wollte. Es war schlimm genug, dass Emma nie ihre Mutter oder ihren Vater kennenlernen würde, aber Paige hatte auch Schuldgefühle, weil sie sie die meiste Zeit in die Obhut einer Tagesmutter geben musste, wenn sie ihren Job behalten wollte.

Darüber zerbrach Paige sich auch am Donnerstagabend den Kopf, als es laut an der Haustür klopfte. Ein Blick auf die Uhr zeigte erst zwölf Minuten nach acht, aber weil Emma so lange zum Einschlafen gebraucht hatte, kam es ihr viel später vor.

Vorsichtig stand sie aus dem Sessel auf, um das Baby auf ihrem Arm nicht zu wecken, und ging nach vorn. Ashley und Megan hatten einen Schlüssel, also musste es jemand anderes sein.

Sie öffnete die Tür, bevor der ungebetene Gast erneut dagegen hämmern konnte.

Seine Augen fielen ihr als Erstes auf. Sie waren strahlend blau, intensiv und auf seltsame Weise vertraut. Und als ihre Blicke sich trafen, wurde ihr heiß, und sie fühlte ein Kribbeln, das sie nicht fühlen wollte.

Dann bemerkte sie die Uniform und erstarrte.

„Sind Sie Paige Wilder?“

Seine Stimme war tief und sexy, und wieder spürte sie das Kribbeln. Sie ignorierte es.

„Ja, die bin ich“, antwortete sie. „Aber ich frage mich, warum ein Lieutenant Colonel der United States Air Force sich für meine Person interessiert.“

Dass sie ihm seinen Offiziersrang ansah, schien ihn zu überraschen. Er zog die Brauen hoch, und erst jetzt registrierte sie, zu was für einem markanten Gesicht die ausdrucksvollen Augen gehörten. Das dunkle Haar war kurz geschnitten und schimmerte selbst im Halbdunkel vor der Haustür. Er war groß – fast eins neunzig, schätzte sie – und hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange Beine.

Sein Anblick erfreute jede Frau, und Paige war keine Ausnahme. Offenbar hatten selbst fünfzehn Jahre als Soldatenkind es nicht geschafft, sie gegen die Wirkung eines attraktiven Uniformträgers immun zu machen. Aber nach fünf Jahren als Anwältin war sie klug genug, um sich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken zu lassen.

„Ich bin nicht in offizieller Eigenschaft hier“, versicherte er.

„Warum dann?“

„Ich bin Sam Crawford.“ Er warf einen Blick auf das Baby an ihrer Schulter, bevor er sie wieder ansah. „Emmas Vater.“

Emmas Vater.

Die Worte hallten in Paiges Kopf wider, und obwohl es ein warmer Abend im Mai war, fror sie plötzlich, als hätte ein eisiger Windstoß sie getroffen. Instinktiv legte sie die Arme fester um das Baby und wich einen Schritt zurück.

Der Mann auf der Veranda deutete es als Einladung und wollte hereinkommen. Sie schüttelte den Kopf und verstellte ihm den Weg.

„Emma hat keinen Vater“, sagte sie.

Seine Augen glitzerten belustigt.

Plötzlich wusste Paige, woher sie sie kannte. Es waren Emmas Augen.

Verzweifelt wehrte sie sich gegen die Erkenntnis.

„Verstehen Sie wirklich so wenig von Biologie, Mrs. Wilder?“, fragte er mit spöttischem Unterton.

„Olivia hat mir erzählt, dass Emmas Vater kein Interesse an seinem Kind hat.“

„Dann hat sie gelogen“, erwiderte er unverblümt.

Paige schüttelte den Kopf. „Sie hat mich zu Emmas Vormund bestimmt, weil sie keine Angehörigen hatte. Weil Emma keine hat.“

„Das stimmt auch nicht ganz.“

Sie konnte es nicht glauben – sie wollte es nicht glauben. Warum hätte Olivia ihr das verschweigen sollen? Und noch wichtiger, was bedeutete das Auftauchen dieses Mannes für das kleine Mädchen, das in ihren Armen schlief?

„Ich sehe Ihnen an, wie überrascht Sie sind“, fuhr er fort. „Bestimmt haben wir beide viele Fragen, und wenn Sie mich hereinlassen, müssen wir die nicht unter den Augen der Nachbarn klären.“

Ein Blick über die Straße bestätigte, dass Melanie Quinlan, frisch geschieden und auf der Suche nach Ehemann Nummer zwei, in ihrem Vorgarten stand. Allerdings starrte sie gerade gebannt auf den uniformierten Fremden und wässerte daher nicht die Blumen, sondern die Hauswand.

„Gehen Sie, wenn ich Nein sage?“, fragte Paige ihn.

„Nein.“

Seufzend machte sie den Weg frei. „Ich muss Emma hinlegen.“

Zu ihrer Erleichterung protestierte er nicht.

Dass er das Kind nicht halten oder wenigstens genauer betrachten wollte, erstaunte sie. Sie spürte seinen Blick, als sie die Treppe hinaufging. Im Kinderzimmer legte sie Emma vorsichtig in die Wiege, gab ihr einen Gutenachtkuss auf die Wange und atmete den Duft des Babyshampoos ein. Plötzlich brannten Tränen in ihren Augen. Dieses abendliche Ritual war ihr zur Gewohnheit geworden. Aber der Fremde, der unten auf sie wartete, drohte damit, ihr diesen Moment zu nehmen. Und die Zukunft, die sie sich für sie beide ausgemalt hatte.

An ein eigenes Kind hatte sie nie gedacht, dazu war sie viel zu sehr mit ihrer Karriere beschäftigt gewesen. Ihre Kollegin Karen Rosario hatte ihr Baby erst bekommen, nachdem sie Partnerin in der Kanzlei geworden war – mit zweiundvierzig. Und dann hatte Karen ein Kindermädchen eingestellt, das das Kind großzog, das sie sich angeblich so sehr gewünscht hatte.

Als Jurastudentin hatte Paige sich keine Gedanken darüber gemacht, ob sich ihr Beruf irgendwann mal mit einer Familie vereinbaren lassen würde. Darüber hatte sie erst nachgedacht, als Olivia verkündete, dass sie schwanger war. Ihre Freundin musste alle Opfer bringen, während der Mann, von dem sie das Baby bekam, einfach vor seiner Verantwortung davongelaufen war.

Das machte Paige so wütend, dass sie ihn am liebsten aufgespürt und mit einer Vaterschaftsklage dazu gebracht hätte, wenigstens seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

„Bist du ganz sicher, dass du es allein schaffen willst?“, fragte sie Olivia. „Vielleicht ist der Vater …“

„Nein“, unterbrach Olivia sie. „Das hier geht ihn nichts an.“

„Du bist Anwältin wie ich und weißt, dass es auch sein Baby ist. Das bedeutet, er hat sowohl Rechte als auch Pflichten.“

„Er trägt auch so schon genug Verantwortung. Ich will ihn nicht mit einem Kind belasten, das keiner von uns geplant hat.“

„Ist er verheiratet?“, fragte Paige.

Ihre Freundin lachte. „Nein, er ist nicht verheiratet. Und er ist nicht der Typ, der seine Frau betrügen würde, wenn er es wäre.“

„Aber er ist der Typ, der die Frau, die sein Kind bekommt, im Stich lässt?“

Olivia wich ihrem Blick aus. „Hör auf, Paige. Bitte.“

Sie hatte das Thema gewechselt und nicht mehr über Emmas Vater erfahren. Nicht mal seinen Namen. Was bedeutete, dass sie eine Menge Fragen an Lieutenant Colonel Sam Crawford hatte.

Fest entschlossen, einige Antworten darauf zu bekommen, ging sie nach unten.

Sam Crawford stand noch immer dort, wo Paige ihn zurückgelassen hatte. Als sie in die Küche ging, folgte er ihr. Sie hatte Stunden darin verbracht, meistens mit Ashley oder Megan oder beiden, und nie war ihr der Raum klein vorgekommen. Aber etwas an Sams Gegenwart … ließ das Zimmer schrumpfen. Sie war sich seiner Nähe viel zu bewusst – seiner Größe, der athletischen Figur, der überwältigenden Männlichkeit.

Als sie die leere Kanne aus der Kaffeemaschine nahm, schaute sie kurz über die Schulter – direkt in seine atemberaubend blauen Augen. Hastig wandte sie sich ab und schluckte. Dass sie diesen Mann so attraktiv fand, verblüffte und ärgerte sie zugleich.

Mussten ihre Hormone ausgerechnet jetzt verrückt spielen? Es war lange her, dass sie mit jemandem geschlafen hatte, aber Sam Crawford war ganz sicher nicht der Mann, mit dem sie die Auszeit beenden würde. Nicht nur wegen der Uniform, sondern auch weil er mit einer ihrer besten Freundinnen intim gewesen war.

Vielleicht hatte Olivia ihr nichts über ihn erzählt, weil er Soldat war. Weil sie gewusst hatte, dass Paige sie davor warnen würde, sich mit einem Mann einzulassen, dem sein Beruf immer wichtiger sein würde als seine Familie.

„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte sie Sam.

„Sehr gern. Ich bin seit null-fünfhundert unterwegs.“

Auch sie war seit null-fünfhundert – fünf Uhr morgens für Zivilisten – auf und wäre lieber ins Bett gegangen, anstatt sich mit Koffein aufzuputschen. Aber sie wusste, dass sie kein Auge zubekommen würde. Erst musste sie Antworten auf die Fragen bekommen, die sie quälten, seit Sam Crawford die zwei Worte ausgesprochen hatte, die noch immer in ihrem Kopf widerhallten.

Emmas Vater.

Wenn das stimmte, wenn er tatsächlich der Mann war, von dem Olivia das Baby bekommen hatte, änderte das alles.

Nachdenklich löffelte Paige den Kaffee in den Filter. Sie konnte verstehen, warum Olivia ihn attraktiv gefunden hatte. Er sah nicht nur blendend aus, er besaß auch eine Ausstrahlung, die jeder Frau ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gab.

Sie nahm zwei Becher aus dem Schrank und füllte sie.

„Sahne? Zucker?“

„Schwarz, bitte.“

Sie gab ihm einen Becher und goss Milch in den anderen.

Er wartete, bis sie am Tisch im Esszimmer saß, und nahm ihr gegenüber Platz.
 „Sie und Olivia waren Kolleginnen bei Wainwright, Witmer & Wynne?“

Paige nickte.

„Sie waren auch befreundet?“

„Seit dem Jurastudium.“

„Sie hat Sie nie erwähnt.“

„Sie auch nicht“, erwiderte Paige. „Sie hat nie etwas über Emmas Vater erzählt.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Überhaupt nichts?“

„Nur dass er nicht daran interessiert ist, im Leben seines Kindes eine Rolle zu spielen.“

Sam runzelte die Stirn. „Vielleicht wäre ich nicht gerade begeistert gewesen, wenn sie mir erzählt hätte, dass sie schwanger ist. Aber sie musste doch wissen, dass ich mein Kind niemals im Stich lassen würde.“

„Wenn Olivia Ihnen nichts von der Schwangerschaft erzählt hat, wie haben Sie es herausgefunden? Und woher wissen Sie, dass Sie Emmas Vater sind?“

„Na ja, hundertprozentig sicher kann ich natürlich nicht sein“, gab er zu. „Aber ich habe einen Brief von Olivia, in dem steht, dass ich es bin. Und ich habe keinen Grund, ihr nicht zu glauben.“

„Sie haben gerade behauptet, dass Olivia gelogen hat.“

„Sie hat Sie belogen, wenn sie behauptet hat, dass ich mein Kind nicht kennenlernen will“, erklärte er. „Denn ich wusste nichts von dem Baby. Den Brief, den sie mir hinterlassen hatte, habe ich erst nach meiner Rückkehr vom Auslandseinsatz gefunden.“

„Olivia ist vor fünfeinhalb Monaten gestorben.“

Ein Schatten verdunkelte die strahlend blauen Augen einige Sekunden lang. Trauer? Oder Reue? Dann war es vorbei, und er nickte. „Ich erfuhr von dem Unfall, als ich mich in der Kanzlei nach ihr erkundigte. Mein Vermieter informierte mich, dass eine junge Frau an meiner Tür geläutet hat. Er hat ihr gesagt, dass ich in Übersee bin, und sie hinterließ einen Brief.“

„Haben Sie den Brief dabei?“

Er nahm ihn aus der Jackentasche und schob ihn über den Tisch.

Mit zitternden Fingern zog Paige ihn aus dem Umschlag.

Sam,

bestimmt wunderst du dich darüber, dass ich mich nach so langer Zeit bei dir melde. Zumal ich diejenige war, die den Kontakt abgebrochen hat. Deshalb komme ich sofort zur Sache. Du hast eine Tochter …

Paige stockte der Atem, denn Olivias Zeilen bestätigten den Anspruch des Fremden auf das kleine Mädchen in ihrer Obhut. Am liebsten hätte sie Sam Crawford zusammen mit dem Brief aus dem Haus geworfen, aber sie zwang sich weiterzulesen.

Als sie fertig war, steckte sie den Brief wieder in den Umschlag und schob ihn zurück. Sie griff nach ihrem Kaffeebecher und stellte ihn ab, ohne zu trinken. Ihr war übel.

„Ich habe nicht vor, auf das Sorgerecht für Emma zu verzichten, nur weil Sie hier mit einem Brief auftauchen, in dem steht, dass Sie ihr Vater sind.“

„Mit einem Brief, den ihre Mutter geschrieben hat“, ergänzte er.

Da sie die Handschrift ihrer Freundin nicht kannte, konnte sie nicht absolut sicher sein, dass der Brief tatsächlich von Olivia war.

„Olivia hat Sie nicht als Vater in die Geburtsurkunde eintragen lassen.“

„Hat sie jemand anderen eintragen lassen?“

Paige ignorierte die Frage. „Ich bin mit ihr zum Schwangerschaftskurs gegangen und war bei der Entbindung dabei. In der ganzen Zeit hat Olivia kein einziges Mal Ihren Namen erwähnt. Sie hat behauptet, dass der Vater von der Schwangerschaft weiß, aber mit seinem Kind nichts zu tun haben will.“

„Das war gelogen.“

Sie gab nicht auf. Wenn er ihr Emma wegnahm, würde es ihr das Herz brechen.

„Trotzdem finde ich, Sie sollten einen Vaterschaftstest machen.“

Er stand auf und füllte seinen Becher nach. „Wie schnell geht das?“

„Ich rufe gleich morgen an. Aber wahrscheinlich bekommen Sie erst in der nächsten Woche einen Termin.“

Seine Miene verfinsterte sich.

„Und Sie werden einen Anwalt brauchen.“

„Sie sind doch Anwältin.“

„Ja, aber ich vertrete Sie nicht.“

„Warum um alles in der Welt muss ich mich vertreten lassen?“

„Weil …“ Paige zögerte. Sie wollte ihn nicht auf die Idee bringen, vor Gericht um das Sorgerecht zu kämpfen. Vielleicht wollte er Emma gar nicht zu sich nehmen, sondern sie nur kennenlernen. „Weil Sie sich über Ihre Rechte und Pflichten im Klaren sein sollten.“

„Das bin ich“, versicherte Sam. „Und ich will meiner Tochter ein Vater sein.“

Die Antwort verriet ihr nicht, ob er das volle Sorgerecht, ein elterliches Besuchsrecht an jedem zweiten Wochenende oder nur gelegentliche Besuche in seinem Urlaub wollte.

„Für wie lange?“, fragte sie.

„Was meinen Sie?“

„Wann müssen Sie sich wieder zum Dienst melden?“

„Am siebten Juli.“

Das war später, als sie erwartet hatte, aber viel zu früh, um eine ernsthafte Beziehung zu seiner Tochter zu entwickeln. „Warum sind Sie überhaupt hier?“

„Ich verstehe nicht.“

„Warum haben Sie den weiten Weg auf sich genommen und tun so, als wären Sie an dem Kind interessiert, das angeblich von Ihnen ist, wenn Sie in ein paar Wochen wieder verschwinden?“

„Ich tue nicht so, als wäre ich interessiert“, widersprach er. „Ich bin es. Und ich ‚verschwinde wieder‘, weil das mein Beruf ist.“

„Und falls Emma wirklich Ihre Tochter ist, wer kümmert sich um sie, während Sie Ihren Beruf ausüben?“

Sam zuckte zusammen. Nicht nur wegen Paiges Frage, die bewies, wie wenig er nachgedacht hatte, bevor er hierher aufgebrochen war. Viel mehr traf ihn ihr vorwurfsvoller Ton.

Denn er war fest entschlossen, das Richtige zu tun. Und das bestand darin, seiner Tochter ein guter Vater zu sein.

„Ich weiß es nicht“, gab er zu. „Aber ich werde dafür sorgen, dass sie betreut wird.“

„Von einer Tagesmutter.“

„Sie haben sie doch auch zu einer Tagesmutter gegeben.“

„Olivia hat eine gefunden, die in der Nähe der Kanzlei wohnt. Emma fühlt sich bei ihr sehr wohl.“

„Das freut mich“, sagte Sam. „Aber ich lebe in New Jersey.“

Paige senkte den Kopf. Doch bevor ihr das kupferfarbene Haar ins Gesicht fiel, sah er die Tränen in ihren Augen.

Sam verfluchte sich. Diese Frau zog Emma seit fünfeinhalb Monaten groß. Sie kümmerte sich um sein Kind, und er hatte gerade mit ein paar achtlosen Worten gedroht, es ihr für immer wegzunehmen.

Ohne zu überlegen, legte er eine Hand auf ihren Arm.

Die unerwartete Berührung ließ sie zusammenzucken. Oder war es der Funke, der zwischen ihnen übergesprungen war?

Sie sah ihn an, und in den Tiefen ihrer braunen Augen nahm er sowohl Vorsicht als auch Überraschung wahr. Sie hatten die Farbe von kräftiger, dunkler Schokolade, und jeder Blick war eine einzige Verführung. Er schaute auf ihren Mund, auf die rosigen, anmutig geschwungenen Lippen und fragte sich unwillkürlich, wie sie sich an seinen anfühlen würden.

Was fiel ihm ein?

Diese Frau war der gesetzliche Vormund seiner Tochter. Er kannte sie keine zwei Stunden. Mit ihr zu flirten oder ihr sogar Avancen zu machen würde ihm weder ihr Vertrauen noch ihre Sympathie einbringen.

Sicher, er war anderthalb Jahre in Übersee und noch länger mit keiner Frau zusammen gewesen. Seit dem letzten Wochenende mit Olivia … an dem er vermutlich ihre Tochter gezeugt hatte.

Der Gedanke erinnerte ihn daran, warum er hier war, und er nahm die Hand von Paiges Arm.

„Ich will nicht, dass wir Gegner sind“, sagte er leise.

„Wie können wir etwas anderes sein, wenn Sie vorhaben, Emmas Leben auf den Kopf zu stellen?“

„Ich will meine Tochter kennenlernen. Was ist denn daran so schlimm?“

„Sie stellen ihr Leben auf den Kopf, wenn Sie so abrupt daraus verschwinden, wie sie darin aufgetaucht sind.“

Sie klang vollkommen überzeugt, deshalb vermutete er, dass sie mit einem Vater aufgewachsen war, der wenig Zeit für sie gehabt hatte. Gegen ihre Vergangenheit konnte er wenig ausrichten. „Vielleicht sollten wir dieses Gespräch morgen fortsetzen“, schlug er vor.

„Warum?“

„Weil ich erst gestern Abend nach Hause gekommen bin. Ich habe Olivias Brief heute Morgen gelesen, bin von Trenton über Syracuse nach Pinehurst gefahren und habe die ganze Zeit versucht zu begreifen, dass ich ein vierzehn Monate altes Kind habe. Ein Kind, von dem ich bis heute nichts wusste.“

„Ich dachte, Sie fahren morgen nach New Jersey zurück. Vielleicht sogar früher.“

„Sie meinen, Sie haben es gehofft.“

Paige bestritt es nicht.

„Ich bleibe hier, bis wir eine Lösung gefunden haben“, sagte Sam.

„Es sei denn, die Pflicht ruft.“

„Ich habe fast zwei Monate frei.“

Ihr skeptischer Blick bewies, dass sie ihm das Versprechen nicht abnahm. „Dann sehen wir uns morgen.“

„Wann passt es Ihnen?“

„Nicht um null-fünfhundert.“

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