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Männer und andere Katastrophen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Samstag
  7. Sonntag
  8. Montag
  9. Immer noch Montag
  10. Freitag
  11. Dienstag
  12. Dienstag, Lichtjahre später
  13. Zwischen Donnerstag und Freitag
  14. Samstag
  15. Montag
  16. Der Tag danach
  17. Sonntag
  18. Obsttag
  19. Freitag
  20. Montag, wieder mal
  21. Freitag
  22. Mittwoch
  23. Scheißtag
  24. Donnerstag
  25. Freitag
  26. Samstag
  27. Und wieder mal Montag
  28. Sonntag
  29. Langer Donnerstag
  30. Feiertag
  31. Sonntag

Über die Autorin

Kerstin Gier, geboren 1966, hat als mehr oder weniger arbeitslose Diplompädagogin 1995 ihr erstes Buch MÄNNER UND ANDERE KATASTROPHEN veröffentlicht. Mit riesigem Erfolg. Es wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt. Inzwischen sind all ihre Romane, insbesondere FÜR JEDE LÖSUNG EIN PROBLEM und die MÜTTER-MAFIA-Romane Kult. Dank ihrer Jugendromane, der »Edelstein-Trilogie« und SILBER, ist ihre Fangemeinde noch größer geworden. Die sympathische Autorin lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen in der Nähe von Köln.

www.kerstingier.com

Handlung und Personen in diesem Roman sind reine Fantasie. Sollte sich trotzdem jemand wiedererkennen, wäre mir das sehr unangenehm.

Samstag

Ich ahnte nichts Gutes.

Auf einem Extrateller neben dem geblümten Platzdeckchen lag ein kleiner, undefinierbarer Klumpen. Er hatte die gleiche verdächtige Farbe wie die Fleischfetzen, die unter die Fettaugen in der Suppe abgetaucht waren. Die Suppe selber war ein hellgelber, tiefgefrorener Quader gewesen, bevor sie in der Mikrowelle dunkelgelb, trübe und flüssig geworden war.

»Ich bin gespannt, ob du raten kannst, was für Fleisch des ist«, sagte Susanna in ihrem pfälzisch angehauchten Dialekt und schöpfte mir den Teller randvoll.

»Ich bin auch gespannt«, gab ich zu, nahm einen Löffel und kaute tapfer auf einem Fleischfetzen herum.

»Und?«, wollte Bruno wissen und zog den Rotz in seiner Nase hoch.

Ich kaute noch. Es schmeckte ein bisschen eigenartig, aber das schob ich darauf, dass die Suppe sicher schon oft aufgetaut und wieder eingefroren worden war.

»Und?«, fragte Bruno wieder, wobei er erneut schniefte.

»Ziege?«, riet ich.

»Nein.« Susanna und Bruno freuten sich.

»Pferd?«, fragte ich. Ich traute ihnen mittlerweile alles zu.

»Nein!«

»Dann vielleicht Hirsch, Reh, Schwein, Rind, Tiger?« Pfui, Teufel, welches Viehzeug pflegte der Mensch denn noch alles zu verzehren?

»Nein!«

»Dann weiß ich es nicht.« Ich kapitulierte und nahm noch einen Löffel von dem trüben Zeug. Diesmal schluckte ich, ohne das Fleisch zu zerkauen. Sicher war sicher.

»Hase«, verriet Susanna schließlich.

Hase also nahm gekocht, tiefgefroren und wieder aufgetaut diese seltsame graue Farbe an. Na fein, dann hatte ich wieder etwas dazugelernt. Hätte ja auch was Schlimmeres sein können.

»Hase ist mein Lieblingsfleisch«, informierte mich Bruno in breitem Pfälzisch und machte sich daran, den mysteriösen, grauen Klumpen auf dem Extrateller zu verzehren.

Der Klumpen hatte mehrere Löcher, und obwohl ich versuchte, mich auf meine Suppe zu konzentrieren, beobachtete ich gleichermaßen gelähmt und fasziniert, wie Bruno ein paar graue Fetzen abzupfte und verschlang, um dann den Klumpen an den Mund zu setzen, daran herumzuschmatzen und etwas aus seinem Inneren zu schlürfen.

»Lecker«, sagte er und zog zufrieden den Rotz hinterher. »Daheim haben wir uns immer drum gestritten, wer’s Köpfle bekommt, aber die Suse mag’s halt net so gern wie ich.«

Ich ließ meinen Löffel in die Suppe sinken.

»Dabei ist das Beste und Gesündeste am ganzen Hasen das Hirn«, meinte Bruno und zog die Nase hoch.

Das also war Bruno. Warum hatte ich ihn mir bloß so anders vorgestellt?

Groß sei er, hatte Susanna geschrieben, und das stimmte auch. Groß und fett, mit einem doppelten Doppelkinn und über den Hosenbund quellenden Wanst.

Blond sei er, hatte Susanna geschrieben, auch das stimmte. Jedenfalls an den wenigen Stellen, an denen er noch Haare hatte. – Zum Beispiel in den Nasenlöchern.

Ein nettes Lächeln habe er, hatte Susanna geschrieben. Ich konnte mir zwar lebhaft vorstellen, wie sich bei dieser Gelegenheit seine Nasenhaare sträubten, aber wirklich beurteilen konnte ich es nicht, weil er bis jetzt noch kein einziges Mal gelächelt hatte.

Nein, so hatte ich ihn mir wirklich nicht vorgestellt.

Susanna und ich hatten uns eine Wohnung geteilt, als ich nach dem Abi von der ZVS in eine süddeutsche Kleinstadt verbannt worden war. Obwohl wir uns über eine Kleinanzeige gefunden hatten, war uns beiden schon bei der ersten Begegnung klar geworden, dass wir Seelenverwandte waren.

Außerdem war Susanna gewesen, was ich hatte werden wollen: flippig, lässig, völlig unkonventionell und ein paar Jahre älter. Sie hatte über beeindruckende Erfahrungen mit Männern, Ohrlöchern, Semesterjobs, aufdringlichen Vermietern und Drogen verfügt.

Mit Susanna hatte ich meinen ersten Joint geraucht. Wir brannten Räucherstäbchen ab und hörten Reggae dazu. Peter Tosh sang »Legalize marihua-a-ana, hu, hu, hu«, als ich beglückt meinen ersten Zug aus dem Pfeifchen tat und hu-hu-hu-keuchend zusammenbrach.

Es war mein erster und letzter Joint gewesen und nur einer von vielen nützlichen Lernprozessen, die ich Susanna zu verdanken hatte.

Sie war es auch, die mir unter Zuhilfenahme einer Banane beibrachte, wie ein Kondom artgerecht benutzt wird, wie man aus alten, angegrauten Unterhosen mit etwas Textilfarbe in der Waschmaschine im Handumdrehen schwarze Reizwäsche macht und wie man Canabis oder Pflanzen, die beinahe genauso cool aussehen, im Blumentopf zieht.

Wir hausten glücklich und vollkommen genügsam in zwei verlotterten Zimmern im Souterrain, bis ich mich in Holger verliebte und, um in seiner Nähe zu sein, die freundliche Kleinstadt, den Studienplatz und das Souterrain mit Susanna aufgab. Ich war sicher, dass ich noch viel von ihr hätte lernen können, und sie fehlte mir sehr. Wir schrieben uns anfangs mehrmals wöchentlich, später mindestens einmal im Monat sehnsüchtige Briefe, und alles, was Susanna schrieb, war genau wie sie, flippig, witzig und spannender als Hite- und Kinsey-Report zusammen.

Seit geraumer Zeit hatte ich jedoch eine unheilvolle Veränderung in ihren Briefen bemerkt, erst beinahe unmerklich, dann immer deutlicher. Vor einigen Monaten nämlich war Bruno in Susannas Leben getreten. Zuerst hatte sie sich über ihn lustig gemacht und ihn mir als einen spießigen Langweiler ohne jeglichen Sex-Appeal geschildert.

Dann war aber plötzlich alles blitzschnell gegangen. Von einem Brief zum nächsten hatte Susanna ihr Studium abgebrochen, um Bruno in seinem dörflichen Eigenheim den Haushalt zu führen und halbtags in seiner Steuerkanzlei den Telefondienst zu machen. Seit einigen Wochen stand in den Briefen nur noch, dass es ihr gut gehe und es eigentlich nichts zu erzählen gebe.

Zutiefst beunruhigt hatte ich mich deshalb zu einem Wochenendbesuch im neuen Heim angekündigt – und siehe da, meine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet: Susanna hatte Lässigkeit und Witz mit ihren flippigen Klamotten ab- und mindestens fünfzehn Kilo zugelegt.

Und dieser Mensch, dieser hirnschlürfende, rotznasige Bruno sollte nun der Mann sein, von dem wir in unseren gemeinsamen Uni-Tagen – und mehr noch in den Nächten – geträumt hatten? Über der Suppe kamen mir beinahe die Tränen. Für Brunos Erscheinung in all ihren Dimensionen war »Albtraum« noch grob verharmlosend.

Oh, Susanna, wie konnte das nur geschehen?!

Nach dem Mittagessen wollte sie mir das Grundstück zeigen. Ich war einverstanden. Frische Luft würde helfen, die Hasensuppe zu verdauen.

Der Garten bestand aus einem großen Stück drahtgezäunten Rasens mit einer stacheligen Tanne in der Mitte. In einer Ecke stand ein kleiner Bretterverschlag, in dem ein großäugiges, geflecktes Kaninchen vor sich hin mümmelte.

»Ein Häschen, wie süß«, sagte ich, »wie heißt es denn?«

»Der heißt gar net«, antwortete Susanna. »Ich hätt ihn gern auch weg. Aber der Bruno will ihn unbedingt noch behalten.«

Dass Bruno der Typ war, der sein Herz an einen kleinen Hasen hängte, hätte ich nun nicht gedacht. Es machte ihn gleich sympathischer. Oder jedenfalls weniger unsympathisch.

»Wenn er so an dem Tier hängt, könnt ihr es doch auch behalten«, sagte ich zu Susanna.

»Schon«, meinte Susanna, »aber es ist nur noch ein Hase in der Kühltruhe, und wir haben halt gern Vorrat im Haus.«

»Ihr schlachtet das eigene Häschen?«, fragte ich, als könne mich das noch schrecken.

»Ja, aber das macht der Bruno«, antwortete Susanna. »Den letzten an Ostern. Du hast eben davon gegessen.«

Das hätte ich mir denken können.

Als wir wieder ins Haus kamen, lag Bruno auf dem Sofa vor dem Fernseher, sah sich eine Quiz-Show an und bohrte mit dem Zeigefinger in seinem Ohr.

»Ich mach schnell die Küche, dann zeig ich dir das Haus«, sagte Susanna geschäftig und füllte die Reste der Hasensuppe in eine Plastikdose. In der Tiefkühltruhe würde sie wieder in einen hellgelben Quader verwandelt und auf den nächsten Gast warten.

»Nachher wollten wir eigentlich aufs Tabakfest gehen«, sagte Susanna unheilverkündend, »wenn du Lust hast.«

Tabakfest hörte sich nicht sehr verlockend an.

»Kann Bruno da nicht allein hingehen?«, fragte ich.

»Ich würd gern mit ihm zusammen hingehen, weil wir sonst nicht oft aus dem Haus kommen«, sagte Susanna.

Seufzend half ich ihr, den Tisch abzuräumen und zu spülen. Die Einbauküche war schneeweiß und porentief rein.

»Sieht alles aus wie neu«, sagte ich unbehaglich.

»Ja, nicht wahr?«, rief Susanna erfreut. »Aber ich tu auch einiges dafür, dass es so bleibt.«

Ich stellte den blitzsauberen Suppentopf in den Schrank zu seinesgleichen.

»Meine Güte, wie viele Töpfe hast du?«, fragte ich wehmütig. »Weißt du noch, wie wir damals mit einem Topf und einer Pfanne herumhantiert haben?«

»Ja, furchtbar«, erinnerte sich Susanna, »wie wir gehaust haben.«

»Ich fand’s wunderbar«, verteidigte ich mich und die Susanna von früher. »Und geschmeckt hat’s auch immer.«

»Ich bin jedenfalls froh, dass es mir jetzt an nichts mehr fehlt«, sagte Susanna. »Komm, ich zeig dir das Haus.«

Alle Zimmer blinkten nur so vor Sauberkeit, waren aber ungefähr so reizvoll wie der Garten. Nur im Schlafzimmer überraschte ein modernes Bett im japanischen Stil mit einer schwarz überzogenen Matratze.

»Ein Wasserbett?«, fragte ich seltsam pikiert, als Susanna auf der Matratze auf und ab wippte.

Susanna nickte stolz. »Das ist super, das glaubst du nicht.«

Da hatte sie recht. Ich glaubte nicht, dass irgendetwas, was man mit Bruno auf einem Wasserbett tun konnte, weniger schlimm war, als das Hirn aus einem gekochten Hasenkopf zu schlürfen.

Ach, Susanna!

»Komm, ich zeig dir noch das Gästezimmer«, sagte Susanna, und ich nahm meinen Rucksack und folgte ihr in den Keller.

Das Gästezimmer lag neben einem Hobbykeller, in dem Bruno Schmetterlinge und Käfer präparierte und auf Nadeln aufgespießt hinter Glas verwahrte.

»Die sind ein Vermögen wert«, sagte Susanna mit Stolz in der Stimme.

Ich schlurfte kommentarlos weiter zum Gästebett nach nebenan. Es stand weit genug vom Wasserbett und dem, was darauf passieren mochte, entfernt, und das war mir nur recht.

Als die Hausführung beendet war, scheuchten wir Bruno vom Sofa auf, um als Trio das örtliche Tabaksfest mit unserer Anwesenheit zu beehren.

Zu meiner großen Freude gab es dort einen Flohmarkt. Ich liebe Flohmärkte. Beinahe meinen ganzen Hausrat hatte ich auf diesen Märkten zusammengekauft. Aber der Flohmarkt hier war etwas ganz Besonderes. Die Leute nahmen horrende Summen für ausgediente Dampfbügeleisen, elektrische Rührgeräte, Barbiepuppen und Benjamin-Blümchen-Kassetten, wogegen sie einem die wirklich tollen Sachen beinahe hinterherschmissen.

Als ich das begriffen hatte, kaufte ich wie besessen einen wunderschönen Siphon aus echtem Kristall, ein nostalgisches Küchenbord mit Handtuchhalter, ein altes Spitzenunterhemdchen, ein Märchenbuch der Brüder Grimm von 1928 und eine blau-weiße Porzellandose, auf der »Mehl« stand. Ich wusste mich vor Freude nicht zu fassen.

In einer Bücherkiste unter einem Stand mit sündhaft teuren alten Toastern und Tischlampen fand ich schließlich ein ledergebundenes, verschlissenes Bändchen mit dem verheißungsvollen Titel: »Hexenbräuche und -sitten«. Ich blätterte es flüchtig durch und sah, dass es tatsächlich Rezepte und Zaubersprüche enthielt. Wie eine Hexe ihren Liebsten für alle Zeiten an sich bindet, wie eine Hexe ihre Haare frei von Grau hält, wie eine Hexe eine Rivalin aus dem Feld schlägt. Ich wollte das Buch unbedingt haben.

»Wie viel?«, fragte ich den Mann, der die Toaster bewachte, und hielt ihm das Bändchen unter die Nase.

»Zweefuffzisch«, sagte der.

»Gut«, sagte ich hastig, obwohl man doch auf Flohmärkten aus Prinzip immer feilschen soll.

»Zweefuffzisch für das gammlige Buch?«, empörte sich Bruno neben mir. »Do hinne hat’s viel dickere Bücher für fuffzisch Pfennige.«

Ich zitterte innerlich vor Angst, dass er den Händler verärgern könnte oder dass der doch noch den wahren Wert des Buches erkennen und es für sich behalten könnte. Deshalb hielt ich ihm flehentlich das Geld hin.

»Wir geben keinen Pfennig mehr als fünfzig«, sagte Bruno dessen ungeachtet.

»Zwei Mark«, lenkte der Händler ein.

»Fuffzisch«, sagte Bruno und zog drohend die Nase hoch.

»Eine Mark fünfzig«, sagte der Händler, auf seine Ehre bedacht. »Das ist Leder.«

»Gut, ich nehm’s«, rief ich verzweifelt. Wer hätte nicht auch zehn oder zwanzig Mark oder seine linke Hand dafür gegeben zu erfahren, wie man seinen Liebsten ewig an sich bindet?

»Fuffzisch, und keinen Pfennig mehr«, beharrte Bruno. Ich verstand jetzt, wie er es in so jungen Jahren zu einem repräsentativen Wohneigentum hatte bringen können.

»Eine Mark«, beharrte der Händler, »wenn sie’s doch bezahlen will.«

»Die kommt nicht von hier, aber deshalb könnt ihr sie noch lang nicht übers Ohr hauen«, sagte Bruno. »Fünfzig ist mein letztes Wort.«

»Also gut«, gab der Händler nach und klaubte fünfzig Pfennig von meiner schweißnassen Handfläche.

»Ich drückte das Buch dankbar an meine Brust, obgleich ich mir ein bisschen schäbig vorkam, weil ich Bruno erlaubt hatte, den Preis derart zu drücken. Es sah allerdings nicht so aus, als würde der Händler deswegen gleich am Hungertuch nagen. Das Geschäft mit Toastern und Tischlampen lief nämlich ganz ausgezeichnet.

Bruno und Susanna konnten nicht verstehen, weshalb ich so viel Interesse an altem Plunder hatte. Sie ließen sich ächzend an einem der vielen Biergartentische nieder, um hier den Rest des Tages zu verbringen. Ich setzte mich dazu, als ich den ganzen Flohmarkt abgeklappert hatte und um ein Dutzend Altertümchen reicher und um nur vierzehn Mark ärmer war.

Bruno und Susanna zeigten sich völlig unbeeindruckt von dem Leinentuch, auf das eine Hausfrau längst vergangener Zeiten in feinstem Kreuzstich »Ist der Gugelhupf gelungen, wird der Hausfrau Lob gesungen« gestickt hatte, und sie konnten auch meine Begeisterung für ein spitzenbesetztes, tadellos erhaltenes Bettjäckchen nicht teilen.

»Ich hab Hunger«, bekundete Bruno und zog die Nase hoch. Zuerst bestellte er Weißwürste und Weißbier, dann gab es Weißbier und Grumbeerekuchen. Letzteres entpuppte sich als Reibekuchen und hätte mir auch geschmeckt, wenn die Hasensuppe nicht immer noch so schwer in meinem Magen gelegen hätte.

Bruno konnte nicht genug davon bekommen. Er kaute, schlürfte und zog die Nase hoch, bis die Sonne am Horizont unterging.

»Von nichts kommt nichts«, sagte er zufrieden.

Ich vermutete, dass er auf seinen Bauch anspielte, und nickte zustimmend.

Als die Dämmerung anbrach, setzte sich ein Mann mit einem karierten Hemd neben mich auf die Bank.

»Schschleleschleschchle?«, fragte er mich freundlich.

»Tut mir leid, ich bin der Landessprache nicht mächtig«, sagte ich höflich.

»Das ist der Hebbet, unser Poschtier«, stellte Susanna vor. »Das ist die Judith, die kann kein Pfälzisch.«

»Bischt allää do?«, fragte das karierte Hemd.

»Hajo«, sagte ich.

Die anderen lachten. Sogar Bruno verzog irgendwie das Gesicht. Ich sah genau hin, konnte aber nicht finden, dass er dadurch netter aussah.

»So, die Judith«, sagte Herbert, der Postler, sichtlich um hochdeutsche Aussprache bemüht. »Wie spricht man denn, wo du herkommst?«

»Wie Willi Millowitsch«, erklärte ich.

»Pfui Deibel, des isch ja e fürchtäliche Dialekt!«, waren sich die anderen einig. »Des kennt ich net jede Tach hern, wecklich net.«

Aber ich, Willi, ich schon! Wenn du wüsstest, wie gern ich gerade jetzt deine Stimme gehört hätte.

Bruno bestellte noch mehr Grumbeerekuchen und Weizenbier. Jetzt schien es hier erst richtig loszugehen. Dabei wurde es langsam ungemütlich kalt und klamm. Ich nieste.

»Wir essen nur noch was und trinken eine Runde mit«, sagte Susanna zu mir, »dann geh’n wir auch heim.«

Bruno rülpste lauthals, als er den letzten Reibekuchen mit einem Bier heruntergespült hatte.

»Hauptsache, die Vorderzähne halten’s aus«, sagte ich mechanisch. So hatte mein Vater immer die Rülpser unserer Kindertage gerügt. Der Postler lachte sich schlapp.

»Schkrrrleschlekrrrschle«, sagte er anerkennend zu mir.

»Meinst du?«, fragte ich und versuchte, durch erneutes Niesen Susannas Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

»Wenn du heimwillst, sag’s halt«, sagte Susanna.

Ich sagte es halt, aber da stimmten Bruno und Herbert ein fröhliches Lied an: »Liewer Gott im Himmel drin, loss uns Pälzer wie mer sinn, un erhalt uns alle Zeit unser Pälzer Fröhlichkeit!«

»Lieber Gott im Himmel drin, lass mich bloß nicht, wo ich bin«, sang ich, wenn auch nur ganz leise.

Sonntag

Über Nacht hatte mich eine Sehnsucht nach Holger gepackt wie schon sehr lange nicht mehr. Ich war fest entschlossen, Brunos Eigenheim bereits am Vormittag zu verlassen und so schnell wie möglich nach Hause zu fahren.

Als ich um kurz vor neun leise die Kellertreppe hinaufstieg, kam Susanna mir entgegen.

»Du hast aber lang geschlafen«, sagte sie. »Der Bruno und ich, wir haben schon vor einer Stunde gefrühstückt.«

Ich folgte ihr in die Küche.

»Ich hab schon alles weggeräumt und sauber gemacht«, sagte sie und wies mit der Hand auf die makellose Reinheit ringsum, »aber wenn du noch etwas willst, sag’s halt.«

Ich sagte es lieber nicht. Stattdessen deutete ich an, dass ich gern schon einen früheren Zug nehmen wollte, wenn’s denn ginge.

Susanna freute sich wider Erwarten über alle Maßen.

»Ja, wir haben schon gedacht, wir müssten die Lindenstraße auf Video aufnehmen, weil’s doch genau in der Zeit kommt«, sagte sie. »Wann sollen wir dich zum Bahnhof fahren?«

Ich seufzte und sagte, ich müsse nur noch duschen und meine Sachen packen. Susanna folgte mir ins Bad und legte mir ein Handtuch und drei verschiedene Putzlappen heraus.

»Pass auf«, sagte sie, »wenn du fertig bist, nimmst du den Lappen und fährst damit von oben bis unten an der Duschkabine lang. Die Ränder kannst du mit dem Tüchle nachwischen. Für die Armaturen nimmst du das da. Mit dem immer kreisförmig wischen.«

Ich hatte schon begonnen, meine Hose aufzuknöpfen, hielt nun aber verunsichert inne und musterte die Putzlumpen mit gemischten Gefühlen. Susanna schien es nicht zu merken. Neben die drei Lappen stellte sie drei verschiedene Flaschen Putzmittel.

»Also«, begann sie, »das ist speziell für die Kalkflecken an den Kacheln, das für die Kalkflecken an den Armaturen. Und das kannst …«

»Warum?«, unterbrach ich sie heftig.

Warum, Susanna? Warum musste es ausgerechnet Bruno sein?

»Damit’s so sauber bleibt, wie’s jetzt ist«, antwortete Susanna ernsthaft.

Ich seufzte.

»Wenn du mal dein eigenes Bad hast, wirst du’s genauso machen, wirst schon sehen«, prophezeite Susanna und demonstrierte mir die Öffnung des kindergesicherten Drehdruckhebelknickverschlusses von Putzmittelflasche Nummer drei, deren Inhalt für die fleckenlose Reinigung der Plexiglasduschkabinenwände verantwortlich war.

»Das Schöne ist«, sagte sie, »man muss wirklich nicht mehr nachwischen.«

Der eigenartig verklärte Ausdruck, den ihr Gesicht bei diesen Worten annahm, alarmierte mich aufs Höchste.

»Bist du glücklich, Susanna?«, fragte ich mit trauriger Stimme.

»Mir geht’s viel besser als früher«, antwortete Susanna, »und als dir.«

Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Ach, Susanna.

»Ehrlich, Judith«, sagte sie ernst, »ich wünsch dir auch so einen Mann wie Bruno.«

Ich zuckte zusammen. So weit war es also zwischen uns schon gekommen! Susanna wünschte mir die Pest an den Hals!

»Weißt du was, ich dusche besser zu Hause«, sagte ich kurzentschlossen und knöpfte meine Hose wieder zu. Das Gefühl, dass für Susanna jede Hilfe zu spät kam, wurde geradezu übermächtig.

Auf den Weg nach Mannheim zum Bahnhof machten wir uns ohne Bruno. Er wollte den Sonntagvormittag lieber dazu nutzen, den Rasen zu mähen. Sicher fanden ihn die Nachbarn genauso sympathisch wie ich.

»Tschüß«, sagte er und zog zum Abschied noch einmal die Nase hoch.

»Tschüß«, sagte ich und hatte das sichere Gefühl, ihn nie wieder sehen zu müssen.

»Dir hat der Bruno nicht so gut gefallen, nicht wahr«, sagte Susanna plötzlich nüchtern, als der Intercity mit dem schönen Namen »Rheingold« einfuhr.

»Nein«, gab ich trübsinnig zu und raffte die Gepäckstücke mit meinen Flohmarktfunden zusammen.

»Wenn du ihn näher kennen würdest«, fuhr Susanna fort und folgte mit meinem Rucksack in ein leeres Abteil, »würdest du auch seine guten Seiten sehen.«

»Welche guten Seiten?«, fragte ich und umarmte sie traurig, als die Lautsprecher die Abfahrt ankündigten.

Susanna musste den Zug verlassen. Sie stellte sich vor das Abteilfenster und lächelte.

»Komm gut heim.«

»Welche guten Seiten?«, wiederholte ich.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Susanna begann zu winken. Ich winkte zurück.

»Welche guten Seiten?«, schrie ich gegen den Fahrtwind an. Aber Susanna winkte stumm.

Während der Fahrt dachte ich über Männer und Frauen im Allgemeinen und über Bruno und Susanna im Besonderen nach. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, mit Holger gar nicht so gestraft zu sein, wie ich mir immer einredete. Vielleicht, dachte ich erschrocken, vielleicht ist Holger noch der Besten einer, und ich muss am Ende froh sein, ihn zu haben. Was ist, wenn alles, was noch kommen sollte, nur schlechter sein würde? Ein trostloser Gedanke. Ich blätterte fahrig in dem Hexenbuch vom Flohmarkt.

Es gab darin Zaubermittel für beinahe jeden Zweck. Gegen Fußpilz zum Beispiel, gegen sexuelle Unlust, gegen Angst in Prüfungssituationen, sogar gegen Haarausfall. Ich würde Holger gleich morgen eine solche Tinktur zusammenmixen. Er lebte in ständiger Angst vor Glatzenbildung und zählte jedes einzelne Haar, das sich in seinem Kamm verfing. Interessiert studierte ich das Rezept. Man brauchte Kampfer, Birkensaft, Marillenschnaps und Spinnenbeine … nein, Holger würde wohl doch darauf verzichten müssen. Außerdem konnte es ihm nicht schaden, mit jedem Haar in seinem Kamm an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert zu werden.

Kein Mensch war daheim, als ich ankam, und deshalb fuhr ich, nachdem ich meine neuerworbenen Besitztümer abgestellt hatte, mit dem Fahrrad gleich weiter zu Holger. Er war auch nicht zu Hause, aber ich hatte seine Wohnungsschlüssel und beschloss, in jedem Fall auf ihn zu warten.

In Holgers Wohnung roch es modrig.

Da er tagsüber in der Regel schlief und erst am späten Nachmittag zum Basketballtraining ging oder Taxi fuhr, wenn er ausnahmsweise ein Seminar an der Sporthochschule besuchte, waren vor den Fenstern schwarze Jalousien angebracht, die jegliches Tageslicht abhielten. Das war im Sommer ganz angenehm, im Winter konnte es sehr deprimierend sein.

Von Rechts wegen hätten hier nur Flechten und Moose gedeihen dürfen, aber in einem Winkel vegetierte seit Jahren eine Yuccapalme in einem schwarzen Übertopf vor sich hin, die wider jedes Naturgesetz immer noch grüne, wenn auch mit einer dicken Staubschicht überzogene, Triebe hatte.

Möbel gab es nicht allzu viele. In der Wohnküche standen ein schwarzes Sofa, ein selbst gebauter schwarzer Tisch, dessen Platte mir bis unters Kinn reichte, und zwei schwarze Barhocker. Holger duldete keine andere Farbe in seiner Umgebung. Er hatte sogar die Küchenzeile schwarz lackiert, und nachdem ich ihn in Susannas Kunst des Wäschefärbens unterrichtet hatte, waren auch die Küchentücher schwarz geworden.

Die Wohnung war in keinem guten Zustand. Überall lagen Klamotten rum, in der Spüle stand das Geschirr der letzten drei Wochen, im Bad hatte seit Monaten niemand mehr durch das Waschbecken gewischt, und hier und da watete man knöcheltief durch Müll.

Ich musste an Susanna und an Rotznasen-Brunos properes Häusle denken und wurde plötzlich von einem irrsinnigen Putztrieb erfasst. Zuerst zog ich die Jalousien hoch und riss die Fenster auf, um den modrigen Geruch aus der Wohnung zu vertreiben. Anschließend nahm ich mir den Geschirrberg vor, widmete mich ausgiebig dem verkrusteten Herd, räumte alle Klamotten, Zeitschriften und Schuhe an Ort und Stelle, fegte den Schmutz gleich kehrblechweise zusammen, scheuerte Badewanne, Klo und Waschbecken, polierte Armaturen, wienerte Spiegel, staubte Bilderrahmen und Fensterbänke ab und wischte zum Schluss den Fußboden feucht.

Als ich mir anschließend das Schlafzimmer vornehmen wollte, entdeckte ich eine riesige Spinne an der Wand, direkt über dem Bett. Es war eine dunkelbraune von der haarigen, huschenden, handtellergroßen Sorte. Na, vielleicht war die hier nicht ganz handtellergroß, aber auf jeden Fall zu groß, um sich im selben Raum mit mir aufzuhalten.

Ich schloss die Tür deshalb ganz schnell wieder und ließ, statt dem Schlafzimmer die gleiche Behandlung zukommen zu lassen wie dem Rest der Wohnung, heißes Wasser in die frisch gescheuerte Badewanne ein, um den Dreck der letzten Tage von mir abzuwaschen. Ich summte ein Lied und freute mich auf Holger wie selten zuvor in meinem Leben.

»Lieber Gott im Himmel drin, danke, dass ich hier jetzt bin, und verschon mich alle Zeit vor den Brunos weit und breit«, sang ich, als Holger die Wohnungstür aufschloss und überwältigt auf der Schwelle stehen blieb.

Er freute sich in angemessener Weise über den ungewohnten, frischen Duft, die blank gescheuerten Oberflächen und den von Algen, Moosen und Kleinstlebewesen befreiten Fußboden.

Er freute sich auch, mich zu sehen. Ganz besonders freute er sich, mich in der Badewanne anzutreffen.

Aber als er mit mir ins Schlafzimmer gehen wollte, fiel mir die Spinne wieder ein. Holger gruselte sich beinahe noch mehr als ich, als er das Untier sah. Es saß immer noch an der gleichen Stelle auf der weißen Wand, direkt über dem Bett.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Holger und schüttelte sich angeekelt.

»Wir könnten sie wegsaugen, wenn du einen Staubsauger hättest«, flüsterte ich.

»Oder wir könnten den Zoo anrufen«, sagte Holger.

Dann kam ihm eine andere gute Idee. Er holte das Eau de Toilette im Zerstäuber aus dem Bad, das ich ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, und wollte die Spinne damit betäuben. Zu diesem Zweck musste er sich dem Vieh aber schon ziemlich weit nähern.

»Du bist so mutig«, versuchte ich ihn voll ehrlicher Bewunderung anzuspornen.

»Ich weiß«, meinte Holger, zielte und sprühte eine Ladung Egôıste an die Tapete, sodass das Spinnentier zusammenzuckte und ungeheuer schnell an der Wand entlanghuschte.

Holger und ich schrien vor Angst in den höchsten Tönen. Während ich mich aber geistesgegenwärtig mit einem Sprung aus dem Zimmer in Sicherheit bringen konnte, blieb Holger vor Schreck gelähmt stehen, wo er war. Er hatte unwahrscheinliches Glück, dass die Spinne ihn nicht angriff, sondern nach einem Meter wieder still an der Wand stehen blieb.

»Lass uns zu mir gehen«, schlug ich vom Flur aus vor, aber Holger war jetzt von jenem Jagdtrieb gepackt worden, der seit der Steinzeit in jedem Mann steckt und dem Überleben gilt. Er lief zu seinem Auto und holte das Schloss-Enteiserspray aus dem Handschuhfach. Ich wagte mich zurück in die Tür, um die Spinne in der Zwischenzeit nicht aus den Augen zu lassen. Nicht auszudenken, wenn sie sich jetzt in den Spalt zwischen Wand und Bett zurückziehen würde!

Das Enteiserspray vertrug sie nicht so gut wie das Eau de Toilette. Sie machte sich ganz klein und sah plötzlich fast harmlos aus. Holger sprühte trotzdem die ganze Dose leer, bis sich die Spinne nicht mehr rührte.

»Jetzt können wir ihr den Rest geben«, erklärte Holger mit überschnappender Stimme und befahl mir, ihm ein Buch zu bringen.

Ein Buch zu finden, war in Holgers Wohnung normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Aber auf dem Schreibtisch lag ein Leihbuch aus dem Sportwissenschaftlichen Institut. Die Spinne wurde zwischen »Basketball – Training und Taktik« und der Wand zerquetscht. Buch und Wand bekamen einen grässlichen Fleck.

Holger kratzte die Spinnenbeine von der Wand. Ich vergaß zu sagen, dass er sie mir bitte aufbewahren sollte, für den Zauber gegen Haarausfall.

»Ich bin doch ein wirklich tapferer Spinnenjäger«, bemerkte er zufrieden und zog mich aufs Bett. »Wenn man überlegt, dass ich nur tausendmal größer bin als das Untier.«

Jetzt, da sie tot war, tat mir die Spinne leid.

»Die arme, harmlose Spinne. Auf der Suche nach Futter für ihre Babys hatte sie sich verirrt, und draußen im Efeu sitzt ihr Mann und weiß nicht, dass sie von einem Riesen zerquetscht wurde«, sagte ich.

»Hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, sie hier zu suchen«, sagte Holger und zog seinen Pulli aus.

Die ungewohnte Hausarbeit, das heiße Bad und die aufregende Spinnensafari harten mich schläfrig gemacht. Holger hingegen schien hellwach, von jenem Trieb gepackt zu sein, der seit der Steinzeit in jedem Mann steckt. Oder in jedem zweiten. Dagegen musste ich was unternehmen.

»Wo sollen wir heute Abend hingehen?«, fragte ich hinterhältig.

»Ich für meinen Teil will hierbleiben und Sex haben«, sagte Holger. Er konnte sehr direkt sein, wenn es darum ging. Ich für meinen Teil wollte keinen Sex haben, aber ich konnte nicht so direkt sein, wenn es darum ging. Deshalb versuchte ich, Holger abzulenken. Ich fragte ihn, warum er Sex wolle.

»Weil ich Lust dazu habe«, sagte Holger.

»Auf mich?«, fragte ich.

»Auf wen sonst?«, fragte Holger zurück und entledigte sich seiner Socken.

»Weil du mich umwerfend schön findest?«, fragte ich und wickelte mich in die Decke.

»Nicht schön, aber eigenartig«, sagte Holger lüstern.

»So was hört man gern«, sagte ich und schlief zur Strafe auf der Stelle ein.

Meine Schuld war es wirklich nicht, dass er nach all den Jahren immer noch nicht wusste, wie er mich wach halten konnte.

Montag

»Ich muss jetzt aufstehen«, sagte ich. Es war kurz nach neun.

»Dann tu’s doch«, murmelte Holger in sein Kopfkissen. Er war noch sauer wegen gestern Abend.

»Soll ich uns frische Brötchen holen?«, fragte ich munter.

»Keinen Hunger«, sagte Holger zu seinem Kissen.

»Ich könnte uns auch nur Kaffee machen«, schlug ich vor.

»Keinen Durst«, nuschelte Holger und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.

Es war vielleicht ungerecht, aber ich hasste ihn dafür, dass er liegen bleiben konnte, während ich aufstehen musste. Es gab vielleicht noch mehr Paare auf der Welt, die sich nicht jeden Morgen beim gemeinsamen Frühstück verliebt über ihr Marmeladenbrötchen in die Augen sahen. Die anderen Männer wünschten ihrer Freundin aber immerhin einen schönen Tag, nannten sie »Liebling« oder »Mausi«. Oder wenigstens »Schatz«.

Wären wir in meiner Wohnung gewesen, hätte ich Holger jetzt aus dem warmen Bett schmeißen können, so aber blieb mir nichts anderes übrig, als möglichst geräuschvoll aufzustehen.

Als ich aus dem Bad kam, rührte sich Holger immer noch nicht.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte ich.

»Dann tu’s doch«, klang es dumpf aus dem Kissen.

»Sehen wir uns am Mittwoch?«

»Von mir aus!«, brummte Holger und zog sich die Decke über den Kopf. Deswegen konnte er nicht hören, wie ich den Tag verfluchte, an dem ich ihn kennengelernt hatte, und die Wohnungstür hinter mir zuknallte.

Nicht überhören konnte man allerdings das Geschepper, mit dem ich und mein Fahrrad die Treppe runterfielen. Keine Bettdecke der Welt konnte so dick sein! Es rührte sich aber nichts in Holgers Wohnung, obwohl er nicht wissen konnte, welch schwerwiegende Verletzungen ich mir bei dem Sturz zugezogen hatte.

Ich rappelte mich mühsam auf, richtete das Schutzblech mit ein paar gezielten Fußtritten und machte mich schlecht gelaunt auf den Weg zur Uni.

Von zehn bis zwölf hatte ich ein Seminar in Literaturwissenschaft über Astrid Lindgrens »Ronja Räubertochter«. Da ich mir einbildete, mir mein kindliches Gemüt bewahrt zu haben, hatte ich den Kurs in der Hoffnung belegt, die an die Kinder gerichteten Botschaften unverschlüsselt zu empfangen.

Leider war ich sehr schnell eines Besseren belehrt worden. Zwar hatte ich mir mein kindliches Gemüt bewahrt, aber offensichtlich nichts mehr gemein mit den kindlichen Gemütern, für die das Buch geschrieben worden war.

Nach zwei Sitzungen wusste ich, was die anderen schon vorher gewusst hatten, dass nämlich Astrid Lindgren hier das heikle Thema der vorpubertären Sexualität aufgegriffen und in kindgerechter Form zu einem psychologisch hochbrisanten Stoff verarbeitet hatte. Ich wollte nicht glauben, dass die skurrilen Fantasiewesen, die Dunkeltrolle, Wilddruden und Rumpelwichte, Symbole für Sadismus, Masochismus, Voyeurismus und Exhibitionismus darstellten, obgleich im Seminar jeder außer mir das auf den ersten Blick erkannt hatte.

Anfangs saß ich verblüfft, später enttäuscht und schließlich trotzig, in jedem Fall aber stumm dabei, wenn über die offenkundig zutiefst inzestuöse Vater-Tochter-Beziehung gesprochen wurde oder – wie heute – über die Rolle der Mutter in der psychosexuellen Entwicklung der Räubertochter.

Ich weigerte mich auch in dieser Stunde bockig, an derartig entarteten Betrachtungen teilzuhaben, was aber gar nicht weiter auffiel, weil ich für die anderen diesbezüglich sowieso nicht als kompetent galt.

Gleich in der ersten Sitzung, als es um das Thema sexuelle Belästigung bei Ronja Räubertochter im Allgemeinen und den Seminarteilnehmerinnen im Besonderen gegangen war, hatte man mich nämlich als zurückgebliebene Außenseiterin entlarvt.

Ich hatte gar nicht gewusst, dass die Welt und die Männer so schlecht waren! Busengrapscher und Exhibitionisten in der Straßenbahn, im Hausflur, zwischen Supermarktregalen, hinter jeder verfluchten Laterne von hier bis Hamburg. Als die Reihe an mir gewesen war, war es mir fast peinlich gewesen, zugeben zu müssen, keine persönlichen Erfahrungen auf diesem Gebiet vorweisen zu können. Daraufhin war ich mit ungläubigen und verachtungsvollen Blicken bedacht und für immer in meiner Ecke vergessen worden.

Zumal ich auch nicht rothaarig war.

In der Reihe mir gegenüber saßen allein sechs Frauen, die sich einen dieser modischen Rottöne ins Haar gewaschen hatten. Es gab alle Nuancen Rot, vom Hersteller mit ebenso fantasievollen wie offenbar kauffördernden Namen bedacht. Besonders beliebt waren Obst- und Gemüsesorten aus dem sonnigen Süden wie Mandarine, Paprika, Aubergine, Papaya und Granatapfel. Die Frau ganz außen hatte die Farbe Flamingo ausprobiert, die ich deshalb sofort beim Namen nennen konnte, weil ich sie selbst einige Wochen auf meinem Kopf herumgetragen hatte. Von wegen auswaschbar nach fünf bis sechs Wäschen! Fünf- bis sechsmal hatte ich die Haare sofort gewaschen, kaum dass ich das verheerende Ergebnis gesehen hatte. »Flamingo« klingt auch entschieden kaufanzreizender als »Pavianhintern«, was der zutreffendere Name gewesen wäre. Ich bin mir fast sicher, dass ich von einer Farbspülung dieses Namens die Finger gelassen hätte.

Direkt neben dem Pavianhintern saß eine Mutige, die sich an Wildpflaume herangewagt hatte und deren Haar so lila geworden war wie ihre Gesinnung. Ihre Freundin daneben war eine ehemals Dunkelbraune, die es – den Möglichkeiten, die die Shampooindustrie einem heute in jedem Supermarkt offeriert, zum Trotz – mit einer ganz brutalen, guten, alten Hennamischung versucht hatte. Garantiert nicht auswaschbar.

Nachdem sich alle Seminarteilnehmerinnen ausgiebig zur Bedeutung ihrer Mütter für die Wahl ihrer Haarfarben und ihre psychosexuelle Entwicklung geäußert und Parallelen zu Ronja Räubertochter gezogen hatten, versuchte die Dozentin – Granatapfel oder Blutbuche – sichtlich widerwillig, das Augenmerk zurück auf literaturwissenschaftlich relevante Bereiche zu lenken. Sie fragte, ob jemand bei der Namensgebung der Frauengestalten etwas Besonderes erkennen könne. Klar, dass allen außer mir schon längst aufgefallen war, dass auch die Namen eine versteckte sexuelle Botschaft transportieren.

Henna-for-ever ließ wissen, dass Astrid Lindgren hier mit der Sprache bereits den Charakter der beiden Frauen Undis und Lovis, eine nämlich kalt, hart und lieblos, die andere dagegen mütterlich, warm und weich, ausdrücke.

Eine zottelige Mandarine in der Mitte äußerte, dass ihr das auch sofort ins Auge gefallen sei. Sie hauchte »LLLLLooowwwwissss« mit ganz weichem S und fauchte dann »Undißßßß« in die Runde.

Die Dozentin nickte begeistert. Bei Astrid Lindgren träfe man sehr häufig auf derartige Lautmalereien, bestätigte sie.

»Man kann es aber auch umgekehrt machen«, hörte ich zu meiner großen Überraschung ein dünnes Stimmchen ausrufen. Es war mein eigenes. Ich hatte spontan mein Schweigegelübde gebrochen, weil ich überhaupt keine Lautmalerei erkennen konnte, sondern der Meinung war, dass ein Zusammenhang zwischen den Eigenschaften und den Namen lediglich durch die Aussprache geschaffen wurde. Wenn man es umgekehrt machte, argumentierte ich, klänge eben Lovis hart und Undis weich. Zur Untermalung meiner Worte peitschte ich »Lovißßßß« in den Raum, säuselte »Unnnndhisss« hinterher und sah mich herausfordernd um.

Mein Einwand wurde aber lediglich mit befremdeten Blicken unter roten Haaren quittiert, und als meine Stimme im Raum verhallt war, ergriff Henna-for-ever wieder das Wort, als hätte ich mich niemals in meiner Ecke gemuckt.

Ich war trotzdem der Meinung, dass ich recht hatte, und beschloss missgestimmt, das Seminar fortan zu boykottieren. Man würde meine Abwesenheit ebenso wenig bemerken wie meine Anwesenheit.

Draußen erschlug mich fast die Hitze. Der Vorteil dieser fensterlosen Mauerzellen, in denen man an der Philosophischen Fakultät studieren darf, ist ihre ganzjährige Temperaturbeständigkeit, der Nachteil, dass man nie sieht, ob es draußen schneit oder regnet, Tag oder Nacht ist. Heute jedenfalls war es heiß wie an einem Hochsommertag. Dabei war es erst Anfang Mai.

Meine Freundin Katja sonnte sich mitten auf dem Albert-Einstein-Platz.

Ich fuhr mit der Hand über ihr Haar und seufzte: »Ach, wie tut das gut, einmal einen Menschen ohne rote Haare zu treffen.«

Katja lachte. Sie fand es hier an der Uni mindestens so schlimm wie ich, und wie ich studierte sie Germanistik und hatte, wenn möglich, noch abstrusere Nebenfächer gewählt.

Wir hatten uns in unserem ersten Semester kennengelernt, als wir uns gegen einen dieser Sektenmitgliedsanwerber wehren mussten.

Als einsames, desorientiertes Erstsemester war man besonders leichte Beute für diese Sorte Rattenfänger, die mit süßlichem Lächeln auf ein verloren aussehendes Menschenkind zugingen, sich daneben setzten und unmittelbar ein Gespräch über Nächstenliebe und Glaubensgemeinschaft anfingen, das in der Regel mit dem Versprechen des Opfers endete, zur nächsten Zusammenkunft zu erscheinen. Was passierte, wenn man wirklich dorthin ging, wusste ich nicht, nur, dass man seines Lebens nicht mehr froh wurde, wenn man den Sektenmitgliedsanwerbern aus lauter Höflichkeit, Langeweile oder Angst – manche waren groß und stark – Rede und Antwort stand.

Wenn man zu den Mutigen gehörte, die in diesem Verhör stumm blieben oder dem Sektenmitgliedsanwerber oder der Anwerberin deutlich machen konnten, dass man an keinerlei Gespräch mit ihm oder ihr interessiert war, dann gehörte man wahrscheinlich auch zu den Glücklichen, die in ihrem ersten Semester nicht bei jedem Telefonklingeln in Schweiß ausbrachen und nur noch als höheres Semester getarnt durch die Uni-Flure liefen. Katja gehörte zu diesen Mutigen.

Der Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegneten, war ein besonders trüber Herbsttag zu Beginn unseres ersten Semesters an der Uni. Wir saßen im Foyer, etwa fünf Meter voneinander entfernt, schwänzten ein Seminar und lasen.

Ihr Buch hatte den Titel »Romanze auf der Intensivstation«, meines hieß »Glühende Küsse in Louisiana«. Wir hatten beide mit Beginn unseres Germanistikstudiums einen Hang zu Trivialliteratur entwickelt, was durchaus ein Kriterium der Seelenverwandtschaft sein kann, wie wir später feststellten.

Von links steuerte uns ein verdächtig nach Sektenmitgliedsanwerber aussehender Asiate an. Er taxierte uns kurz und entschied sich, sein Glück bei uns zu versuchen.

»Du Elstsemestel?«, fragte er Katja, deren Name ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte.

»Nein, drittes, warum?«, sagte Katja und blickte nur kurz von der »Romanze auf der Intensivstation« auf. Ich fand sie sehr hübsch. Sie hatte braune Locken und braune Augen und ein bisschen Ähnlichkeit mit der Schönen auf dem Titelbild von »Glühende Küsse in Louisiana«. Ich kannte sie vom Sehen bereits aus dem Sprachwissenschaft-Seminar von Professor Jahnson und war eigentlich der Meinung, dass sie Erstsemester sei wie ich.

»Nur so«, sagte der Sektenmitgliedsanwerber und ließ seinen Blick wieder suchend durch das Foyer gleiten.

Ich schluckte verblüfft. So einfach war das also. Eine schlichte, kleine Lüge, und man hatte die Zecke wieder vom Hals.

»Du Elstsemestel?« Der Sektenmitgliedsanwerber hatte sich mir zugewandt.

»N-nein«, stotterte ich. »Wieso fragst du?«

»Nur so«, antwortete der Sektenmitgliedsanwerber und musterte mich unschlüssig. Ich schaute abwartend zu ihm auf.

»Nur so«, wiederholte er schließlich und zog von dannen, ohne uns weiter zu belästigen.

»Bist du wirklich schon drittes Semester?«, fragte ich Katja, als er um die Ecke gebogen war.

»Nein, aber das darf man denen nicht sagen.« Katja grinste fröhlich. »Bist du nicht auch in dem Jahnson-Seminar?«

»Doch«, gab ich zu. »Es hat aber schon vor einer halben Stunde begonnen.«

Katja nickte. »Ich weiß«, sagte sie. »Ich wollte auch hingehen, aber das Buch war so spannend.«

»Genau wie meins.« Ich lachte. Katja lachte zurück.

Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Katja und ich teilten die Vorliebe für kitschige Filme mit Happy End und die Abneigung gegen rot gefärbte Kommilitoninnen und Seminare über Ältere Deutsche Sprache. Außerdem hatten wir beide einen kleinen Bruder, eine große Schwester und Probleme mit kleinen und großen Pickeln und Mitessern, die sich entgegen aller Prognosen auch ein Jahrzehnt nach Beginn der Pubertät noch hartnäckig in unseren Gesichtern breitmachten. Wie sich herausstellte, litt auch Katja unter einem Freund, der – genau wie Holger – glaubte, allein die Gnade, mit ihm befreundet zu sein, entschädige voll und ganz für die Ignoranz partnerschaftlicher Werte, insbesondere denen von Treue und Ehrlichkeit. Katjas Freund spielte sogar mit Holger in derselben Basketballmannschaft. Ein Wunder, dass wir uns nicht schon viel früher begegnet waren.

Gemeinsam quälten wir uns von diesem Tag an durch die Verserzählungen der mittelhochdeutschen Dichtung und die sprachwissenschaftlichen Barrieren bis zur Zwischenprüfung. Beide schworen wir uns, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit das Studium hinzuschmeißen.

Leider hatte sich bis zu diesem Tag keine Gelegenheit geboten.

Besonders hartnäckig bestärkten wir uns gegenseitig darin, dass es besser sei, diverse Seminare ausfallen zu lassen und stattdessen etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Wir gingen vormittags ins Kino, lagen an warmen Tagen ...

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