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Männer in Freilandhaltung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
  19. Kapitel 15
  20. Kapitel 16
  21. Kapitel 17
  22. Kapitel 18
  23. Kapitel 19
  24. Kapitel 20
  25. Kapitel 21
  26. Kapitel 22

Über die Autorin

Michaela Thewes, geboren 1972, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Söhnen in der Nähe von Düsseldorf. Nach verschiedenen Tätigkeiten in der Verlags- und Werbebranche ist die gelernte Verlagsbuchhändlerin seit mehreren Jahren selbstständig. Sie arbeitet als freie Werbetexterin und Autorin.

Mehr Infos unter: www.michaela-thewes.de

Kapitel 1

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Seit Monaten hatte ich sehnlich darauf gewartet, dass Simon mich endlich fragen würde. Und eigentlich hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, doch nun war es tatsächlich passiert: Simon Reinsdorf, Topsteuerberater und begehrtester Junggeselle unserer Kanzlei, hatte mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen wollte! Zwar hatte es in der Realität ein wenig anders geklungen als in meinen verklärten Tagträumereien – darin war die Bitte um ein erstes Date kaum von einem Heiratsantrag zu unterscheiden –, aber das tat meiner Euphorie keinen Abbruch.

»Ich finde, wir sollten uns mal etwas ausführlicher unterhalten, Louisa«, hatte Simon gesagt und mir dabei so tief in die Augen geschaut, dass mir ganz schummerig wurde. »Bei einem Abendessen beispielsweise.«

Obwohl es mehr nach einer Feststellung als nach einer Frage geklungen hatte und er mein Einverständnis offenbar stillschweigend voraussetzte, nickte ich der Ordnung halber zustimmend mit dem Kopf. Mit feuchten Händen trat ich in der engen Aufzugkabine von einem Fuß auf den anderen. Kam es mir nur so vor, oder funktionierte die Klimaanlage nicht richtig? Irgendwie war es verdammt heiß hier drinnen.

Trotz der frühen Stunde – vor zehn Uhr morgens lagen etwa 90 Prozent meiner Organe, mein Gehirn eingeschlossen, gewöhnlich noch im Tiefschlaf – war ich plötzlich hellwach. Abgesehen von einer beachtlichen Pulsfrequenz, die ich normalerweise nicht einmal beim Treppensteigen, geschweige denn im Ruhezustand erreichte, produzierte mein Körper Glückshormone wie am Fließband. Hach, war das Leben nicht wundervoll?! Am liebsten hätte ich die ganze Welt – allen voran natürlich Simon – umarmt!

Meine Gedanken überschlugen sich. Ob Simon vorhatte, mich in ein schickes Restaurant auszuführen, oder würde er womöglich sogar selbst den Kochlöffel für mich schwingen? Erwartungsvoll schaute ich ihn an. Was meine Vorfreude und Begeisterung noch weiter anfachte, denn Simon sah einfach zum Anbeißen aus. Zu gerne hätte ich mit den Fingern seine blonden Haare durcheinandergewuschelt, die sich vorwitzig über den Hemdkragen kringelten. Mit seinen strahlend blauen Augen, dem gebräunten Teint und dem durchtrainierten Body hätte er sich ebenso gut ein Surfbrett anstelle der schwarzen ledernen Aktentasche unter den Arm klemmen können. Dazu noch knappe Shorts oder eine Badehose anstelle des grauen Designeranzugs …

Ich verbot mir, den Gedanken weiterzuspinnen oder gar bildlich auszuschmücken, denn Simon machte mich im züchtig verhüllten Zustand schon nervös genug. Damit meine unruhig hin und her zappelnden Hände mich nicht verrieten, steckte ich sie sicherheitshalber in die Jackentaschen.

Seit Simon vor etwa einem halben Jahr zum ersten Mal in der Steuerkanzlei aufgetaucht war, hätte ich am liebsten im Büro campiert, um mir ja nicht die Chance auf ein zufälliges Treffen auf dem Gang, ein kurzes Gespräch in der Kaffeeküche oder einen flüchtigen Blickkontakt entgehen zu lassen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass auch ich Simon nicht ganz gleichgültig war. Allerdings basierte diese Annahme lediglich auf Indizien – einen eindeutigen Beweis war er mir bislang schuldig geblieben.

Nun sah die Sache ganz anders aus. Endlich kam Bewegung in mein Liebesleben! Halleluja, die Sterne schienen es tatsächlich gut mit mir zu meinen. Simon wollte sich mit mir verabreden! Im Geiste durchforstete ich meinen Terminkalender, aber was konnte wichtig genug sein, um einem Date mit meinem Traummann im Wege zu stehen?

Wie gebannt starrte ich auf Simons sinnlich geschwungenen Mund und wartete auf einen Terminvorschlag. Als Simon gerade zum Sprechen ansetzte, ertönte plötzlich ein schriller Alarmton, der uns beide erschrocken zusammenfahren ließ. Ohrenbetäubende Technomusik oder das laute Brummen eines Rasenmähers hätte man zur Not ignorieren können, aber den durchdringenden Klingelton meines Handys längere Zeit zu ertragen, setzte schon ein hohes Maß an Schwerhörigkeit voraus.

Wider alle Vernunft hoffte ich, dass Simon, zielstrebig wie er war, das, was er einmal angefangen hatte, trotzdem zu Ende bringen würde. Komm, jetzt mach schon, flehte ich innerlich. Frag mich, ob ich Samstagabend Zeit habe! Oder Sonntag. Falls es Terminprobleme gibt, würde ich auch frühmorgens mit dir zu Abend essen …

»Ich glaub, dein Handy klingelt«, sagte Simon jedoch nur und starrte dabei wie gebannt auf meine rechte Brust, die wie Espenlaub zu zittern begonnen hatte. Schuld war nicht etwa die Aufregung, sondern der Vibrationsalarm meines Handys, das in der Innentasche meiner Jacke steckte. »Willst du nicht rangehen?«, fragte er, ohne dabei den Blick von meinem Busen abzuwenden.

Von Wollen konnte überhaupt keine Rede sein. Verdammt, welcher Idiot wagte es, mich ausgerechnet jetzt zu stören?! Der Anrufer musste schon einen verdammt guten Grund haben, mir die Tour zu vermasseln. Eine Invasion von Außerirdischen oder eine Tsunamiwarnung für die Kölner Bucht – alles andere würde ich als Entschuldigung nicht gelten lassen. Mittlerweile war der Aufzug in der dritten Etage angekommen, die Tür öffnete sich geräuschlos. Hier trennten sich unsere Wege. Simons Büro befand sich auf der rechten, meins auf der linken Korridorseite. Zum Abschied winkte er mir noch einmal zu. Da ging er hin …

Vor Enttäuschung schluckte ich schwer. Um ein Haar hätte ich mit diesem Wahnsinnstyp ein Date gehabt! Nun hieß es wieder warten, warten, warten. Widerwillig zog ich mein Handy hervor.

»Ja?!«, meldete ich mich, ohne vorher auf das Display gesehen zu haben. Zugegeben, meine Stimme hatte schon mal freundlicher geklungen, aber in Anbetracht der Situation fand ich es beinahe heldenhaft, dass ich den Störenfried nicht gleich zur Schnecke machte.

»Hallo, ich bin’s.«

Ich? Welcher Ich? Ichs Stimme war zweifelsfrei weiblich, was den Kreis der Verdächtigen zwar erheblich einschränkte, mich in Bezug auf die genaue Identität der Anruferin jedoch weiter im Dunkeln tappen ließ.

»Wer ist Ich?«, fragte ich dementsprechend ungehalten. Ich war einfach nicht in Stimmung für heitere Ratespielchen.

»Iiiich – Nina. Störe ich gerade?«

»Ja«, gab ich unumwunden zu. »Aber ist schon okay«, fügte ich, um einen versöhnlichen Tonfall bemüht, schnell hinzu.

Auch wenn der Zeitpunkt alles anderes als günstig war, so freute ich mich dennoch, dass meine Schwester sich endlich mal wieder meldete. Wir hatten seit Wochen – oder waren es bereits Monate? – nichts mehr voneinander gehört. Ich war in letzter Zeit noch mehr mit meiner Arbeit beschäftigt gewesen als sonst, denn ich hatte mich mächtig ins Zeug gelegt, um ein wichtiges Mandat für unsere Kanzlei an Land zu ziehen. Wenn meine Bemühungen Früchte trugen, konnte mich das beruflich einen großen Schritt vorwärtsbringen. Hans-Hermann, mein Boss, hatte mir über kurz oder lang eine Partnerschaft in der Kanzlei in Aussicht gestellt. Da mir »kurz« entschieden lieber wäre als »lang«, tat ich alles, was in meiner Macht stand, um die Sache zu beschleunigen.

Während ich fleißig an meiner Karriere bastelte, hatte Nina vermutlich ihr privates Glück genossen. Sie hatte erst vor Kurzem geheiratet und war mit einem Schlag dreifache Mutter geworden. Unschöne Schwangerschaftsstreifen, schmerzhafte Wehen und der obligatorische Babyblues waren ihr dabei erspart geblieben, denn die Kinder nebst Haus, Garten und diversen Zeitschriftenabos hatte ihr Mann Daniel mit in die Ehe gebracht. Sicher hatte Nina in den vergangenen Wochen alle Hände voll damit zu tun gehabt, in ihre Rolle als Ehefrau und Mutter hineinzuwachsen. Ich brannte darauf zu erfahren, wie sich das neue Leben meiner Schwester entwickelt hatte.

Auch wenn wir nicht täglich voneinander hörten oder gelegentlich, aus welchen Gründen auch immer, mal für eine Weile Funkstille herrschte, tat das unserem herzlichen Verhältnis keinen Abbruch. Ich wusste, dass ich jederzeit auf Nina zählen konnte. Wenn wir miteinander telefonierten, war es so, als hätten wir uns gestern erst zum Klönen in unserem Lieblingscafé getroffen. An diesem Tag kam die Unterhaltung jedoch nur sehr schleppend in Gang. Außerdem klang Ninas Stimme eigenartig gepresst. Kein Wunder, dass ich sie nicht sofort erkannt habe, dachte ich besorgt. Irgendetwas stimmte nicht.

»Schwesterherz, wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesprochen«, versuchte ich Nina aus der Reserve zu locken.

»Stimmt«, antwortete sie knapp. Besonders redselig schien sie nicht gerade zu sein.

Nach ihren Flitterwochen – streng genommen waren es Flittertage gewesen, denn mehr als ein langes Wochenende in Venedig war wegen der Kinder nicht drin gewesen – hatten wir das letzte Mal miteinander telefoniert. Wie eine gut geschüttelte Cola-Flasche war Nina vor Glück geradezu übergesprudelt, sie hatte fröhlich und rundherum zufrieden geklungen, ganz anders als jetzt.

»Wahnsinn, wie die Zeit verfliegt«, versuchte ich die Unterhaltung in Schwung zu bringen. »Wie lange ist eure Hochzeit schon wieder her?«

»Zwei Monate und siebenundzwanzig Tage«, antwortete Nina wie aus der Pistole geschossen. Dann schwieg sie wieder.

Im Vergleich zu ihr war eine Auster ein offenes Wesen. Was war bloß los?

»Und wie läuft es so?«, fragte ich in munterem Plauderton und versuchte, das beklommene Gefühl, das sich wie eine dunkle Wolke vor die Sonne zu schieben schien, abzuschütteln. Irgendetwas war hier faul. Wenn Nina nicht quatschen wollte, warum rief sie dann überhaupt an? Natürlich zeichnet sich eine enge Beziehung dadurch aus, dass man nicht nur gut miteinander reden, sondern auch schweigen kann. Aber am Telefon?! »Was machen die kleinen Rabauken? Und wie geht es …?«

»Lulu, ich brauche deine Hilfe«, unterbrach mich Nina plötzlich. Sie war die Einzige, die mich nicht Louisa, sondern Lulu nannte.

Als ich diesen Kosenamen hörte, stellte sich gleich die alte Vertrautheit wieder ein.

»Jederzeit. Was soll ich tun?« Unwillkürlich straffte ich die Schultern, bereit, meiner Schwester bei ihren Problemen, egal welcher Art sie auch sein mochten, tatkräftig zur Seite zu stehen. »Erzähl! Was ist los?«

»Es geht um Daniel …«

»Was ist mit Daniel?«, fragte ich alarmiert. Ich versuchte, meine Stimme nicht allzu hysterisch klingen zu lassen, was jedoch gründlich misslang. »Ist er krank?«

Seit unsere Mutter vor zwanzig Jahren an Krebs gestorben war, rechnete ich ständig damit, dass das Schicksal wie ein gefräßiges Raubtier, das irgendwo im Dickicht lauert, erneut zuschlagen würde. Als meine Mutter uns für immer verließ, war ich vierzehn und meine Schwester fünfzehn. Während sich andere Mädchen in der Pubertät mit existenziellen Sorgen wie Hautunreinheiten oder Liebeskummer herumschlugen, hatten wir mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Was aber keinesfalls bedeutete, dass uns die Pickel erspart geblieben wären. Der Verlust unserer Mutter hatte uns Schwestern jedoch einander noch näher gebracht. Als Teenager klebten wir ständig zusammen.

»Nein, Daniel ist kerngesund«, beruhigte mich Nina. Obwohl das doch eigentlich ein Grund zur Freude sein sollte, klang sie niedergeschlagen.

Mittlerweile war ich in meinem Büro angelangt, winkte meiner Freundin und Kollegin Pia, die bereits fleißig auf ihrer Computertastatur herumhackte, kurz zu und ließ meine Handtasche achtlos neben meinem Schreibtisch auf den Boden fallen. Während ich mir mit der linken Hand das Handy ans Ohr hielt, begann ich mit der rechten Hand im Stehen einige Dokumente und Schnellhefter zu sortieren, die Hans-Hermanns Sekretärin mir zur Durchsicht auf meinen Arbeitsplatz gelegt hatte.

»Und was ist dann mit Daniel?«

»Er … also wir … ich meine vielmehr, ich …«

Aus dem Gestammel wurde kein Mensch schlau. »Ninaaa! Könntest du mir jetzt endlich mal erzählen, was los ist?«

»Na schön.« Nina seufzte tiefer, als ein Pottwal tauchen kann. »Seit wir aus den Flitterwochen zurück sind, läuft es zwischen Daniel und mir nicht so besonders.« Nach einem kurzen Räuspern fügte sie hinzu: »Und das ist noch harmlos ausgedrückt. Ehrlich gesagt kriselt es gewaltig in unserer Ehe.«

Mit einem ungläubig gehauchten »Oh« ließ ich mich auf meinen Schreibtischstuhl sinken. Den Schock musste ich erst einmal verdauen. Achtlos schob ich den Papierkram auf meinem Schreibtisch zur Seite.

Wenn man den Erfahrungsberichten der verheirateten Pärchen in meinem Freundeskreis Glauben schenken durfte, gab es in jeder Ehe Höhen und Tiefen. Krisen gehören nun mal zum Bund fürs Leben dazu wie Menstruationsbeschwerden zum Leben einer Frau – schmerzhaft und lästig, aber völlig normal. Normal nach ein paar Jahren, aber doch nicht nach drei Monaten!

Hilfesuchend wanderte mein Blick zum Schreibtisch auf der anderen Seite des Raumes, wo Pia gerade mit flinken Fingern Zahlenkolonnen in ihren PC eingab. Als Langzeitsingle war meine Freundin zwar nicht unbedingt die ultimative Ratgeberin in Liebesangelegenheiten, allerdings schien an ihrem goldenen Beziehungsleitsatz tatsächlich etwas dran zu sein: Erst bist du im siebten Himmel, und dann fällst du aus allen Wolken … Ninas und Daniels Beziehung befand sich offenbar bereits im Sinkflug. Dabei war Nina sich so sicher gewesen, mit Daniel das ganz große Los gezogen zu haben. Und ich hatte ihr von Herzen gewünscht, dass sie richtig damit lag. Denn wenn es jemand verdiente, glücklich zu werden, dann meine Schwester! Beim Gedanken daran, dass Ninas Ehe womöglich bereits nach so kurzer Zeit vor dem Aus stand, bekam ich feuchte Augen.

»Was läuft denn zwischen euch schief? Und warum erfahre ich davon erst jetzt?«, fragte ich streng und versuchte, mir meine Betroffenheit nicht anmerken zu lassen. »Warum hast du mir nicht schon früher von euren Beziehungsproblemen erzählt?«

»Irgendwie hatte ich wohl gehofft, dass es sich nur um ein paar Anfangsschwierigkeiten handelt und dass sich alles mit der Zeit einspielt«, sagte Nina, ohne meine Frage nach der Art der Probleme zu beantworten. »Außerdem weiß ich doch, dass du gegen die Hochzeit gewesen bist.« Ihre Stimme klang plötzlich nicht mehr verzagt, sondern trotzig wie die eines kleinen Kindes. »Du hast ja oft genug probiert, mir die Ehe mit Daniel auszureden.«

»Aber doch nur, weil ich der Meinung gewesen bin, dass dieser Schritt viel zu überstürzt war.« Um beurteilen zu können, ob Daniel der richtige Mann für Nina war, wusste ich gar nicht genug von ihm. Und Nina meiner Ansicht nach auch nicht! Als Nina und Daniel sich das Ja-Wort gegeben hatten, kannten sie sich gerade mal ein knappes Jahr. So viel Zeit benötigten weniger spontane Zeitgenossen – mich übrigens eingeschlossen –, um sich für einen Stromanbieter oder einen Mobilfunkbetreiber zu entscheiden. Über die Wahl des Lebenspartners sollte man möglicherweise ein paar Minuten länger nachdenken. »Große Liebe hin oder her, deine Stelle hier in Düsseldorf aufzugeben und zu Daniel ins Sauerland zu ziehen, hätte doch für den Anfang auch gereicht.«

Am anderen Ende der Leitung war ein empörtes Schnaufen zu vernehmen. »Und da fragst du noch, warum ich dir nicht früher erzählt habe, dass es in unserer Ehe kriselt? Wenn du jetzt noch ein ›Ich hab’s dir ja gleich gesagt‹ vom Stapel lässt, lege ich sofort auf.«

»Sorry«, sagte ich zerknirscht. »Ich wollte kein Klugscheißer sein. Du weißt, dass du jederzeit auf mich zählen kannst. Also: Was soll ich tun?«

»Ich brauche Abstand. Einfach mal ’ne Auszeit, um zu mir selbst zu finden und mir über einiges klar zu werden.«

»Klingt vernünftig. Aber wie kann ich dir dabei helfen? Möchtest du vielleicht zu mir nach Düsseldorf kommen, damit wir in Ruhe über eure Probleme reden können?«

Pia hob interessiert den Kopf. Ich hätte meinen Hintern darauf verwettet, dass sie sich keine Silbe des Telefonats entgehen ließ.

»Danke für das Angebot, aber ich muss wirklich mal allein sein, ganz allein, verstehst du?« Ninas Stimme zitterte ein wenig. »Die Sache ist bloß die: Ich hätte keine ruhige Minute, wenn ich wüsste, dass Daniel mit den Jungs allein ist.«

»Keine Angst, deine Männer verhungern schon nicht. So schwer ist es nicht, eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben. Mit ein wenig gutem Willen schaffen das sogar die Herren der Schöpfung.« Als Nina nichts darauf erwiderte, fuhr ich fort: »Weißt du, die Tiefkühlpizzen sind mittlerweile richtig gut.« Ich musste es schließlich wissen. Meinen Speiseplan konnte man mit Fug und Recht als ausgewogen bezeichnen: Er bestand zu etwa 50 Prozent aus Tiefkühlkost, die andere Hälfte setzte sich aus Fertiggerichten zusammen. »Die Hersteller müssen irgendwas an der Rezeptur verändert haben. Ich schätze, sie haben den Plastikanteil reduziert«, versuchte ich meine Schwester mit einem kleinen Scherz aufzumuntern.

Doch Nina schien gar nicht richtig zugehört zu haben. »Würdest du dich während meiner Abwesenheit um Daniel und die Kinder kümmern?«

»Ich könnte versuchen, Urlaub zu bekommen«, erwiderte ich zögernd. Nachdem wir in der Kanzlei monatelang in Arbeit fast ertrunken waren, hatte sich die Lage seit ein paar Tagen deutlich entspannt. Und Urlaub hatte ich noch reichlich. Selbst wenn ich nur den Resturlaub nahm, der sich angesammelt hatte, konnte ich im Sauerland bleiben, bis die Kinder volljährig waren. »Aber ich glaube nicht, dass ich für diese Aufgabe die Richtige bin. Du weißt doch, dass ich es mit diesem ganzen Hausfrauengedöns nicht so hab.«

»Keine Sorge, mir ist klar, dass du im Kochen, Waschen und Bügeln eine absolute Null bist«, brachte meine Schwester es wesentlich gekonnter auf den Punkt. »Aber das macht nichts. Lieber eine Null als eine unbekannte Variable. Mir kommt es vor allem darauf an, dass jemand, dem ich hundertprozentig vertraue, auf die Jungs und auf Daniel aufpasst.«

Die Art, wie sie dabei den Namen ihres Mannes betonte, ließ mich aufhorchen. »Meinst du nicht, Daniel ist alt genug, um auf sich selbst aufzupassen?«

»Wie ich bereits sagte: Unsere Ehe steckt ganz schön tief in der Scheiße. Da werden Männer bekanntlich leicht schwach.«

Es war nicht die derbe Ausdrucksweise, die mich nach Luft schnappen ließ. Was Nina da von mir verlangte, war ganz schön harter Tobak, denn mit »schwach werden« meinte sie vermutlich nicht, dass ihr Mann vor lauter Herzeleid deprimiert oder gar weinend zusammenbrechen würde und meine Aufgabe darin bestand, ihn zu trösten. Aber ich fragte, nur so zur Sicherheit, lieber noch mal nach: »Habe ich das richtig verstanden: Ich soll dafür sorgen, dass dein Daniel nicht fremdgeht, während du weg bist?«

»Du hast’s erfasst.«

Ob Ninas Eheprobleme etwas mit einer anderen Frau zu tun hatten? Auf jeden Fall schien es mit ihrem Vertrauen in Daniels Treue nicht so weit her zu sein …

Apropos Vertrauen: Und wer passt hier in der Zeit auf Simon auf?, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Er war ein äußerst attraktiver Vertreter der männlichen Spezies. Nicht, dass ihn mir womöglich eine andere Frau vor der Nase wegschnappte. Allerdings befand sich das Sauerland – zumindest geografisch – ja nicht am anderen Ende der Welt. Ich konnte also jederzeit in Düsseldorf vorbeischauen, um nach dem Rechten zu sehen.

»Wie lange brauchst du denn meine Dienste als Baby- und Männersitterin?«, fragte ich immer noch ein wenig unschlüssig und ertappte mich dabei, wie ich nervös an meiner Unterlippe herumknabberte.

»Keine Ahnung. Drei Wochen … vielleicht auch vier … höchstens fünf …«

Abgesehen von ein bis zwei Millionen wirklich schönen Dingen, gab es nichts, was ich lieber getan hätte, als wochenlang auf dem Land zu versauern und auf Ninas Mann und dessen Kinder aufzupassen. Aber Nina befand sich in Schwierigkeiten, nur das zählte. Ich war mir sicher, dass sie das Gleiche für mich getan hätte. Als ich Tag und Nacht für meine Steuerberaterprüfung gebüffelt hatte, war Nina sogar vorübergehend bei mir eingezogen, um mich in dieser stressigen Zeit zu unterstützen. Sie hatte für mich gekocht, meine Wäsche gewaschen, mir Mut zugesprochen, wenn ich mal wieder davon überzeugt gewesen war, es nicht zu schaffen, und hatte mich, wenn alles Zureden nicht half, mit Tequila abgefüllt.

»Bitte!«, flehte Nina. »Es ist wichtig.«

Entschlossen richtete ich mich in meinem Schreibtischstuhl auf. »Okay. Wann soll ich kommen? Sag mir, wann du mich brauchst, und ich werde da sein.«

Nina lachte gezwungen. »Sofort.«

»Oh.« Nina schien es wirklich eilig zu haben, von Daniel wegzukommen. »Willst du mir nicht endlich sagen, was vorgefallen ist?«, drängte ich sanft.

Wenn ich ihren Göttergatten beaufsichtigen sollte, musste sie mir schon mehr Informationen geben, damit ich mir ein möglichst genaues Bild von der Situation machen konnte. Ich wartete auf eine Antwort, die hoffentlich ein wenig Licht ins Dunkle bringen würde, doch stattdessen vernahm ich am anderen Ende der Leitung nur ein leises Schluchzen. Dann, endlich, begann Nina zu sprechen.

»Es ist wahnsinnig anstrengend, ständig mit einer anderen Frau konkurrieren zu müssen, noch dazu …« Der Rest des Satzes ging in unartikuliertem Schniefen unter. »Vergangene Nacht hat Daniel … vergangene Nacht hat er sogar im Schlaf ihren Namen gerufen.«

»Ach du heiliger Strohsack«, entfuhr es mir entsetzt.

Zugegeben, diese Form der Beileidsbekundung war nicht besonders aufbauend, aber was hätte ich sagen sollen? Das kommt in den besten Ehen mal vor? Zwar wollte ich meine Schwester trösten, aber doch nicht anlügen. Auf jeden Fall fand ich Ninas Verzweiflung durchaus nachvollziehbar. Daniel hatte einen derben Verstoß gegen die Spielregeln begangen. Was für ein Mistkerl. Ein Gentleman genießt und schweigt. Wenn ein Mann schon die Frechheit besitzt, von einer anderen Frau zu träumen, dann hat er dabei gefälligst die Klappe zu halten, dachte ich.

Während ich mir den Kopf darüber zermarterte, wie ich meine Schwester ein wenig aufrichten könnte, schwang die Bürotür auf und Hans-Hermann kam im Sturmschritt in den Raum geeilt. Vor meinem Schreibtisch bremste er abrupt ab. Hans-Hermann war ein toller Chef und verfügte über viele gute Eigenschaften. Er war fair, großzügig und verständnisvoll; Geduld gehörte jedoch zweifelsohne nicht zu seinen Stärken. Alles musste sofort sein. Ruhelos trommelte er mit seinen Fingern auf dem Aktenordner herum, den er bei sich trug, und scharrte ungeduldig mit den Hufen.

»Du, Nina, lass uns am besten später noch mal telefonieren. Ich muss jetzt Schluss machen«, erklärte ich hastig. »Mein Chef ist gerade ins Büro gekommen und hat etwas Dringendes mit mir zu besprechen.«

»Aber ich kann mich darauf verlassen, dass du kommst?«, drängte Nina.

»Natürlich. Versprochen ist versprochen.« Mit den wenig einfallsreichen Worten »Lass dich nicht unterkriegen, Schwesterherz, das wird schon wieder« beendete ich schnell das Telefonat.

Während ich mit meinem Chef die Akte durchging, hatte ich Mühe, mich zu konzentrieren. Statt um Zahlen und Bilanzen kreisten meine Gedanken unablässig um Ninas Ehekrise. Auf der Hochzeitsfeier hatten Nina und Daniel so glücklich gewirkt, dass sogar ich meine Vorbehalte gegen die überstürzte Heirat vergessen hatte. Was war schiefgelaufen? Was war das für eine Frau, die die Beziehung der beiden sabotierte und mit der Nina konkurrieren musste? Fast ein Jahr lang hatte Nina beinahe jedes Wochenende im Sauerland verbracht. Wie war es möglich, dass ihr diese Nebenbuhlerin nicht schon viel früher aufgefallen war? So blind vor Liebe konnte man doch gar nicht sein! Oder hatte Nina die Gefahr, die von dieser Frau ausging, einfach unterschätzt? Vielleicht war Ninas Konkurrentin ja auch erst nach der Hochzeit in Daniels Leben getreten. Natürlich war es müßig, darüber zu spekulieren, trotzdem konnte ich nicht anders, als unablässig an diese ominöse Frau zu denken.

Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl herum. Als wir gerade über einem komplizierten Abschreibungsmodell brüteten, platzte es aus mir heraus: »Hans-Hermann, ich brauch mal ’ne Pause.«

»Kein Problem, geh ruhig zur Toilette«, sagte mein Boss, der mein Herumgezappel offenbar falsch interpretiert hatte, gnädig. »Wir reden später weiter.«

»Äh … ich brauche eine längere Pause. Ich … hatte so an drei bis vier Wochen gedacht, höchstens fünf.«

Hans-Hermann sah mich fragend an.

»Chef, sie meint Urlaub«, kam Pia mir vom Schreibtisch gegenüber aus zu Hilfe.

Hans-Hermann, der wusste, dass mich normalerweise nur unaufschiebbare Termine vom Büro fernhalten konnten, genehmigte meinen Urlaub, ohne weitere Fragen zu stellen. Offenbar war ich in der Kanzlei keineswegs so unentbehrlich, wie ich gehofft hatte. Nun gut, darüber würde ich mir ein andermal Gedanken machen, im Augenblick wurde ich woanders dringender gebraucht. Auf ins Sauerland! Meinem Spezialauftrag als Männernanny stand nichts mehr im Wege.

Kapitel 2

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Gedankenverloren starrte ich aus dem Zugfenster. Auch wenn die Umstände nicht besonders glücklich waren, freute ich mich darauf, Nina wiederzusehen. Sie war mehr als nur ein Teil meiner Familie – sie war meine ganze Familie! Unser Vater war vor ein paar Jahren mit seiner zweiten Frau nach Amerika ausgewandert, wir sahen ihn nur selten, und unsere Großeltern waren schon vor langer Zeit gestorben. Quer übers Land verteilt gab es ein paar weitläufige Verwandte, deren Existenz ich sicherlich längst vergessen hätte, wenn nicht hin und wieder eine kitschige Weihnachts- oder Geburtstagskarte von ihnen eingetrudelt wäre.

Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück, massierte meine pochenden Schläfen, um die Kopfschmerzen zu vertreiben, und versuchte, mich zu entspannen. Für jemanden wie mich, der normalerweise jeden Einkauf im Supermarkt wie eine Marsexpedition plante, kam diese Reise ziemlich spontan. Gestern Morgen hatte ich noch mit Simon im Fahrstuhl gestanden, und jetzt saß ich im ICE Richtung Sauerland. Was Ninas ominöse Nebenbuhlerin betraf, war ich immer noch genauso schlau wie am Vortag. Denn obwohl ich mir zwischenzeitlich die Finger fast wund gewählt hatte, war es mir nicht gelungen, meine Schwester an die Strippe zu bekommen. Vermutlich steckte sie bis über beide Ohren in Reisevorbereitungen, und so hatte ich Nina die Ankunftszeit meines Zuges der Einfachheit halber auf ihrer Handymailbox hinterlassen.

Den größten Teil der Fahrt verbrachte ich in einer Art Dämmerzustand. Das lag zum einen am sanften Schaukeln des Zuges, das mich schläfrig machte, zum anderen am Chardonnay, den Pia und ich am Vorabend gemeinsam gebechert hatten. Schließlich musste mein morgendliches Fahrstuhlerlebnis mit Simon vor meiner Abreise noch ausgiebig diskutiert werden. Da wir dabei sehr gewissenhaft vorgingen und jedes Wort und jede Geste von allen Seiten beleuchteten, waren aus einem Glas Wein im Laufe des Abends zwei Flaschen geworden. Selbst wenn ich ein Auto gehabt hätte – was nicht der Fall war, denn in der Düsseldorfer Innenstadt ist es wahrscheinlicher, ein frisch gelegtes Straußenei als einen freien Parkplatz zu finden –, hätte ich mich an diesem Tag nicht hinters Steuer setzen dürfen. Der Restalkohol in meinem Körper war hoch genug, um jeden Blutsauger sofort außer Gefecht zu setzen.

Müde schloss ich die Augen. Ein kleines Nickerchen wäre genau das Richtige gewesen, doch jedes Mal, wenn ich kurz davor war einzuschlafen, klingelte irgendwo im Abteil ein Handy. Von wegen ICE, die reinste Bimmelbahn war das!

Nach der Begrüßung und dem obligatorischen »Ich sitze gerade im Zug« folgte meistens eine mehr oder weniger genaue Bestimmung des Streckenabschnitts oder des Reiseziels. Meine Güte, musste man denn wirklich immer und überall erreichbar sein? Manche Dinge waren offenbar so wichtig, dass sie keinen Aufschub duldeten – wie etwa die Frage, ob abends Schnitzel oder Buletten auf den Tisch kommen sollten. Als unfreiwilliger Zeuge dieser Telefonate bekam man weiß Gott nicht nur leichte Kost serviert. Zwei Reihen vor mir hatte eine junge Frau ihrer Freundin – sowie geschätzten zwanzig bis dreißig weiteren Mitreisenden im Abteil – gerade unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, dass sie einer gewissen Natascha den Kerl ausgespannt hatte. Mich schüttelte es. Wer brauchte noch Talkshows, wenn er hautnah und vor allem live am Leben seiner Mitmenschen teilhaben durfte?

Ich fügte mich in das Unvermeidliche, bis ein besonders durchdringender Handyklingelton meine Nerven malträtierte. Es klingelte und klingelte. Mein Gott! Konnte denn nicht endlich mal jemand rangehen?! Wie rücksichtslos! Ich blinzelte verschlafen, um den Störenfried ins Visier zu nehmen. Als ich die Augen geöffnet hatte, stellte ich fest, dass etliche Mitreisende das Gleiche taten: Sie bedachten mich mit giftigen Blicken. Recht hatten sie! Wer keinen Alkohol vertrug, sollte besser die Finger davon lassen. Offenbar war ich noch so angeschlagen, dass ich nicht mal meinen eigenen Klingelton erkannt hatte.

Mit glühenden Wangen kramte ich mein Handy aus meiner Handtasche hervor. Das war bestimmt Nina. Damit meine Sitznachbarn endlich aufhörten, mich anzustarren, nahm ich den Anruf schnell entgegen. Nachdem ich mich mit einem knappen »Hallo« gemeldet hatte, hörte ich eine tiefe Männerstimme, bei deren Klang mich unwillkürlich ein freudiger Schreck wie ein Stromstoß durchzuckte: »Hi, Louisa. Simon hier.«

»Simon … schön …«, stammelte ich völlig perplex, »… schön, dass du anrufst, meine ich.« Mist! Obwohl mein Kopf extrem gut durchblutet war – vermutlich leuchteten meine Ohren im Dunkeln sogar –, stellte sich mein Gehirn einfach tot.

»Sicher fragst du dich, wo ich deine Handynummer herhabe.«

»Äh … ja«, log ich, denn offen gestanden war ich kaum in der Lage, überhaupt zu denken, geschweige denn etwas, das auch nur ansatzweise mit Logik zu tun hatte. Ich war mir nicht sicher, wer mehr Schuld daran trug: mein Kater oder Simon.

»Pia war so nett, mir deine Nummer zu geben. Ich hoffe, das ist in Ordnung.«

»Aber sicher. Es sei denn, du hast vor, mir eine Versicherung oder einen Toaster aufzuschwatzen«, machte ich behutsam eine verbale Lockerungsübung.

»Was das betrifft, kann ich dich beruhigen.« Simon lachte leise, und ich meinte, das kleine Grübchen, das immer, wenn er sich über etwas amüsierte, auf seiner Wange erschien, vor mir zu sehen. »Die Toaster sind weggegangen wie warme Semmeln, es gibt nur noch Waschmaschinen. Aber eigentlich rufe ich aus einem ganz anderen Grund an. Wir sind gestern leider unterbrochen worden«, fuhr er fort. »Wir hatten gerade darüber gesprochen, dass wir ja mal gemeinsam essen gehen könnten.«

Mein Herz raste schneller als der ICE, der mit hoher Geschwindigkeit gen Sauerland preschte. »Gemeinsam essen gehen … ja, klasse.« Möglicherweise hatte das eine Spur zu begeistert geklungen, deshalb fügte ich noch wohltemperiert hinzu: »Ich meine, essen müssen wir schließlich alle mal, oder?!«

»Ich weiß, das ist ziemlich kurzfristig, aber was hältst du von heute Abend?«, schlug Simon vor.

Offenbar war Pia geizig gewesen und hatte außer meiner Handynummer keine weiteren Informationen rausgerückt. »Heute Abend wäre toll. Nur wird es leider nicht gehen, ich sitze nämlich gerade im Zug«, ließ ich Simon wissen und kam mir, als ich mich bei dem üblichen Handygesülze ertappte, ziemlich dämlich vor. Aber irgendetwas musste ich schließlich sagen. Tue Gutes und rede darüber, rief ich mir einen der Grundsätze erfolgreicher Eigen-PR ins Gedächtnis und legte gleich mal damit los. »Ich bin auf dem Weg zu meiner Schwester ins Sauerland. Sie hat familiäre Probleme und braucht meine Hilfe. Ich werde mich eine Weile um ihren Mann und die Kinder kümmern.«

»Schade. Aber aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben.«

Na bitte! Zufrieden nahm ich zur Kenntnis, dass Simons Stimme ein kleines bisschen enttäuscht geklungen hatte. »Vielleicht klappt’s ja nächste Woche«, tröstete ich ihn – und noch viel mehr mich selbst. »Ich weiß zwar noch nicht so genau, wie lange ich im Sauerland bleiben werde, aber ich muss ohnehin zwischendurch mal in meiner Wohnung nach dem Rechten sehen.« Das mit der Wohnung war natürlich gelogen. Meine Nachbarin hatte einen Schlüssel, um die Post aus dem Kasten zu nehmen und die Blumen zu gießen. Aber das musste ich Simon ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Denn auch wenn Vorfreude gemeinhin den Ruf genoss, die schönste Freude zu sein – drei, vier oder sogar fünf Wochen auf das Date mit Simon zu warten, war eindeutig zu viel des Guten. Und so ein großer Hallodri, dass ich ihn nicht mal für einen einzigen Abend unbeaufsichtigt lassen konnte, würde Ninas Mann schon nicht sein. Einer kleinen Spritztour nach Düsseldorf stand also nichts im Weg. »Lass uns am besten kurzfristig noch mal telefonieren, Simon«, sagte ich souverän. Gottlob, endlich hatte ich meine Fassung wiedergefunden. Wir quatschten noch ein bisschen über die Kanzlei, das Wetter und andere Belanglosigkeiten, dann musste ich das Telefonat leider beenden, denn wie der Zugschaffner über die Lautsprecheranlage verkündete, würden wir wenige Minuten später Lippstadt, mein erstes Etappenziel, erreichen.

Nachdem ich die lästige Prozedur des Umsteigens hinter mich gebracht hatte, ließ ich das Telefonat mit Simon im Geiste noch einmal Revue passieren. Im Nachhinein fielen mir reihenweise schlagfertige Kommentare ein, für die es nun leider Gottes zu spät war. Aber auch wenn ich am Telefon nicht gerade vor Geist und Witz gesprüht hatte, war das Gespräch im Großen und Ganzen recht gut gelaufen.

Je näher ich meinem Reiseziel kam, desto mehr rückte der Gedanke an Simon in den Hintergrund. Unruhig rutschte ich auf meinem Sitz herum. Nun dauerte es nicht mehr lange, bis ich da war! Was mich in den nächsten Wochen wohl erwarten würde? Ganz sicher kein All-inclusive-Urlaub mit Wellness- und Animationsprogramm. Vermutlich eher eine Mischung aus Ferien auf dem Bauernhof und Survivaltraining. Ob Daniel durchschaute, wofür Nina mich angeheuert hatte? Und ob mich die Kinder als Ersatzmami akzeptieren würden?

Endlich hielt die Bahn mit quietschenden Bremsen am Hasslingdorfer »Hauptbahnhof«. Voller Vorfreude hievte ich mein Gepäck aus dem Zug und hielt Ausschau nach meiner Schwester. Doch der Bahnsteig war wie ausgestorben. Ich ließ mich seufzend auf meine Reisetasche sinken und wartete. Und wartete. Und wartete.

Pünktlichkeit war bei Nina schon immer reine Glückssache gewesen. Meistens hatte sie – oder vielmehr derjenige, der mit ihr verabredet war – jedoch Pech. Zudem hatte Nina nun drei Kinder im Schlepp, da war es nur allzu verständlich, wenn sie sich ein bisschen verspätete. Ein bisschen, aber doch nicht eine halbe Stunde! Langsam kam mir das spanisch vor. Möglicherweise hatte Nina ihre Mailbox nicht abgehört. Zumindest war das die einzige plausible Erklärung, die mir einfiel.

Als meine Schwester nach fünfundvierzig Minuten immer noch nicht aufgetaucht war und ich sie weder auf ihrem Handy noch zu Hause erreicht hatte, setzte ich zum Schutz gegen die Sonne meine Baseballmütze nebst dunkel getönter Sonnenbrille auf und schulterte seufzend meine schwere Reisetasche. Für Mai war es bereits erstaunlich warm. Obwohl ich meinen Pullover ausgezogen und um die Hüften gebunden hatte, schwitzte ich unter der Last des Gepäcks bereits nach wenigen Schritten aus allen Poren.

Fröhlich vor mich hin transpirierend und nicht gerade bester Laune lief ich über den Marktplatz, vorbei an einer Bäckerei, einem Tante-Emma-Lädchen, einem Friseursalon und einer Dorfschenke. Wenn mich nicht alles täuschte, war das hier so etwas wie die Amüsiermeile des Ortes, wobei das kulinarische Angebot im Wesentlichen aus Backwaren und Tütensuppen zu bestehen schien, denn die Dorfschenke wurde nicht bewirtschaftet. Unschlüssig, welche Richtung ich jetzt einschlagen sollte, blieb ich stehen. Zum Glück kam in diesem Moment ein älterer Herr auf einem klapprigen Fahrrad vorbeigeradelt.

»Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo sich der nächste Taxistand befindet?« Der Mann stieg von seinem Fahrrad und musterte mich verständnislos von oben bis unten. Vielleicht war er schwerhörig oder sprach kein Deutsch. Ich ging einen Schritt auf ihn zu und wiederholte sehr laut und sehr deutlich: »T-A-X-I?«

Der ältere Herr zuckte erschrocken zusammen. »Warum schreien Sie denn so?«, brummte er vorwurfsvoll. »Hier gibt es keine Taxis.«

Und fließendes Wasser und Kabelfernsehen vermutlich auch nicht, dachte ich genervt. Laut sagte ich: »So was in der Art habe ich schon fast befürchtet. Sind Sie dann vielleicht so freundlich, mir den Weg zum Wiesengrund zu erklären?«

Wäre meine Laune ein wenig besser und mein Gepäck nicht ganz so schwer gewesen, hätte ich der ländlichen Idylle möglicherweise mehr abgewinnen können als die Erkenntnis, dass Kleinvieh tatsächlich auch Mist macht. Scheiße! Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes … Nachdem es mir endlich gelungen war, die stinkenden Exkremente von meinen Schuhen abzukratzen, erreichte ich nach einem gut zehnminütigen Fußmarsch mein Ziel. Obwohl ich nur ein einziges Mal, zur Hochzeit meiner Schwester, hier gewesen war, erkannte ich das hübsche weiß getünchte Haus, das Ninas neues Zuhause war, sofort wieder.

Eine gut aussehende Rothaarige zupfte im Vorgarten gegenüber verwelkte Blüten von einem Margeritenstrauch. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass man hier auf dem Land politisch, musikalisch, modisch, ja eigentlich in allem ein wenig hinterherhinkte. Was die Mode betraf, belehrte mich Ninas Nachbarin sogleich eines Besseren. Sie trug eine trendige Chinohose und ein fliederfarbenes, unter dem Busen zusammengerafftes Top, das allem Anschein nach ebenfalls aus der neuesten Sommerkollektion stammte. Als sie mich sah, hielt sie kurz in ihrer Arbeit inne und beäugte mich misstrauisch. Es war nicht anzunehmen, dass sich oft Fremde in dieses gottverlassene Nest verirrten, insofern war ihre Neugier verständlich. Ob Nina und sie befreundet waren? Ich nahm mir vor, meine Schwester später danach zu fragen.

»Guten Tag«, grüßte ich im Vorbeigehen artig.

Ich wollte von Anfang an ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis pflegen. In Düsseldorf kannte ich kaum die Gesichter, geschweige denn die Namen der meisten Nachbarn, in Hasslingdorf würde das vermutlich etwas anders laufen. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Landbevölkerung waren ja fast schon sprichwörtlich.

»Tag«, grüßte die Rothaarige kurz angebunden zurück.

Nun ja, an den rauen Charme der Dorfbewohner musste man sich als Stadtmensch wohl erst gewöhnen.

Mit einem tiefen Seufzer stellte ich meine Reisetasche vor der Haustür des Einfamilienhauses ab, in dem Nina, Daniel und die Kinder wohnten, atmete kurz durch und drückte dann energisch die Klingel. Kurze Zeit später wurde die Haustür geöffnet, und Daniel stand vor mir. Hat er bei der Hochzeit auch schon so gut ausgesehen?, fragte ich mich unwillkürlich, als ich zu ihm aufblickte. Zumindest war anzunehmen, dass er seither nicht mehr gewachsen war. Plötzlich kam ich mir mit meinen eins dreiundsiebzig fast wie ein Zwerg vor, denn Daniel überragte mich um mindestens anderthalb Köpfe. Sein markantes Gesicht wurde von auffallend schönen bernsteinfarbenen Augen beherrscht, die mich freundlich, aber distanziert musterten.

»Ja bitte?«

Ich wartete darauf, dass er den Scherz auflösen und mich lachend hereinbitten würde, doch er schien gar nicht daran zu denken, den Weg ins Haus freizugeben.

»Ich bin’s, Louisa, deine Schwägerin.«

»Oh, Louisa, sorry! Ich hab dich gar nicht erkannt.«

Lag das an dem Baseballkäppi? An der Sonnenbrille? Oder vielleicht daran, dass wir uns, abgesehen von der Hochzeit, bislang erst fünf- oder sechsmal getroffen hatten? Andererseits brauchte Daniel doch nur eins und eins zusammenzählen. Sofern Nina außer mir nicht noch mehr Babysitter angeheuert hatte, sollte er auf mein Kommen vorbereitet sein.

»Was für ein Pech. Deine Schwester ist nicht da.« Daniel lächelte und hob bedauernd die Hände. »Du hättest vorher anrufen sollen.«

Ich verdrehte die Augen. »Das habe ich, du Witzbold, etwa hundert Mal. Nur ist bei euch leider niemand ans Telefon gegangen.«

»Nicht schon wieder!« Daniel seufzte und schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. »Dann war das Telefon bestimmt nicht eingestöpselt. Wir predigen den Jungs täglich, dass sie das Telefonkabel nicht als Feuerwehrschlauch benutzen sollen. Aber du weißt ja, wie kleine Kinder sind.«

Nein, das wusste ich nicht, aber ich hatte genug Fantasie, um es mir vorzustellen.

Während ich noch versuchte, mir aus Daniels merkwürdigem Verhalten einen Reim zu machen, winkte dieser seiner Nachbarin zu, die immer noch ihren üppig blühenden Margeritenstrauch malträtierte. Hut ab! Offenbar hatte die Frau wirklich ein Händchen für Blumen. Ein Händchen, mit dem sie blind ertasten konnte, welche Blüten bereits verwelkt waren, denn sie gaffte während der Arbeit ununterbrochen zu uns herüber.

»Hallo, Hannah! Alles klar bei euch?«, rief Daniel quer über die Straße.

»Hallo, Daniel. Ja, danke. Alles bestens. Bei dem traumhaften Wetter!«

Na sieh mal einer an, wenn sie wollte, konnte sie sogar lächeln.

»Wann kommt Nina denn zurück?«, fragte ich Daniel, als er mir wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Bestimmt war meine Schwester nur mal eben auf einen Sprung zu einer Freundin oder kurz in den Ort gegangen, um vor ihrer Abreise noch eine Tube Zahnpasta oder Ähnliches zu besorgen.

»Äh … das weiß ich nicht so genau … Vermutlich nicht so bald.« Sichtlich unbehaglich trat Daniel von einem Fuß auf den anderen. »Kann es sein, dass ihr schon länger nicht mehr miteinander gesprochen habt?«

Warum ließ er mich nicht endlich rein?! Was sollte das ganze Affentheater? Entweder stellte er sich absichtlich dumm, oder er hatte keine Ahnung, warum ich hier war. Verflixt, Nina musste Daniel meinen Besuch doch angekündigt haben. Es sei denn, zwischen den beiden herrschte absolute Funkstille … Am liebsten hätte ich meinen Schwager einfach zur Seite geschubst, um ins Haus zu gelangen. Nach der Zugfahrt und dem unfreiwilligen Fußmarsch sehnte ich mich nach einer erfrischenden Dusche, denn ich hatte das Gefühl, wie ein Iltis zu stinken.

Die Nachbarin von gegenüber verfolgte die Szene weiter interessiert. Na, dann wollte ich mal nicht so sein! Da nicht zwingend davon auszugehen war, dass sie die hohe Kunst des Lippenlesens beherrschte, sprach ich nun absichtlich laut. »Nina hat mich gestern angerufen und gebeten zu kommen. Ich soll auf die Jungs aufpassen, während sie weg ist.« Dass ich auf den größten der Jungs ein besonderes Augenmerk richten sollte, behielt ich lieber für mich. Das ging weder Daniel noch die neugierige Nachbarin etwas an.

»Oh.« Daniels Begeisterung über meine spontane Hilfsaktion hielt sich offenbar in Grenzen. Aber immerhin trat er einen Schritt zur Seite, um mich passieren zu lassen. »Na, dann komm erst mal rein.«

»Zu gütig. Ich dachte schon, du wolltest mich hier draußen übernachten lassen.«

Erneut schulterte ich meine schwere Reisetasche, denn Daniel machte keine Anstalten, mir mit meinem Gepäck behilflich zu sein. Eine herzliche Begrüßung stellte ich mir irgendwie anders vor.

»Deine Schwester ist heute Morgen bereits abgereist«, geruhte Daniel mich endlich aufzuklären, während er ins Haus voranging.

Das verschlug mir glatt die Sprache. Meine Güte, Nina hatte es aber eilig gehabt! Natürlich war ich davon ausgegangen, dass sie bei meiner Ankunft noch da sein würde, um mir den richtigen Umgang mit der Waschmaschine und den Kindern zu erklären und mir noch ein paar Insiderinformationen für meinen Spezialauftrag zu geben. Nina konnte mich doch nicht einfach so ins kalte Wasser schubsen! Na, die war vielleicht lustig! Solange ich nichts Genaues über ihre Nebenbuhlerin wusste, war jede Frau in Daniels Nähe per se verdächtig.

Bevor ich die Haustür hinter mir schloss, drehte ich mich noch einmal kurz um. Die Rothaarige starrte immer noch herüber. Als sich unsere Blicke trafen, winkte ich ihr zu. Peinlich berührt schaute sie zur Seite.

Das Erste, was mir im Inneren des Hauses ins Auge stach, war eine Garderobe, die unter der Last unzähliger Jacken in den verschiedensten Farben und Größen fast zusammenbrach. Hier durchzusteigen würde in den nächsten Tagen wohl noch das kleinste Problem werden, nahm ich an. Ich folgte Daniel einen großzügigen, mit Einbauschränken gesäumten Flur entlang, von dem aus eine breite Holztreppe in die erste Etage führte.

»Weißt du, wo Nina hingefahren ist?«, fragte ich Daniel vorsichtig.

»Nein«, antwortete er schroff und fügte, als er meine leicht pikierte Miene sah, ein wenig freundlicher hinzu: »Aber ich bin sicher, sie wird es uns bald wissen lassen.«

Das klang nicht so, als hätte er Lust, das Thema weiter zu vertiefen. Na schön, für den Moment würde ich es dabei bewenden lassen.

Durch eine weiß lackierte Holztür betraten wir das Wohnzimmer. Wenn ich nicht vorgewarnt gewesen wäre, hätte ich womöglich angenommen, dass die zwei Flaschen Chardonnay immer noch Wirkung zeigten, denn ich sah das gleiche Kind doppelt.

»Hallo!«, brüllten die beiden Jungs, obwohl ich ihnen direkt gegenüberstand, wie aus einem Mund. »Wer bist du denn?«

Langsam begann ich mich daran zu gewöhnen, dass ich bei den Herren dieses Hauses offenbar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Im Gegensatz zu ihrem Vater waren die zwei jedoch entschuldigt. Bei der Hochzeit war das Haus so voll gewesen, dass die Kinder sich unmöglich an jeden einzelnen Gast erinnern konnten. Dafür erinnerte ich mich umso besser an sie.

»Hallo. Ich bin die Schwester von …«

Von eurer Mama, hatte ich eigentlich sagen wollen, biss mir jedoch im letzten Moment auf die Lippe, als mir klar wurde, dass ich keine Ahnung hatte, wie die Jungs Nina nannten. Sie war schließlich gar nicht die Mutter der Kinder, zumindest nicht die leibliche.

»Das ist eure Tante Lulu«, half Daniel mir netterweise aus der Klemme.

Ich lächelte die Zwillinge an und schickte zeitgleich ein kleines Stoßgebet gen Himmel, in dem ich den lieben Gott um viel Kraft und unbegrenzten Nachschub an Nussschokolade bat. Die Nervennahrung würde ich brauchen, denn wenn mich mein Gefühl nicht täuschte, würde ich mit den zwei Jungs noch viel Spaß bekommen. Rein äußerlich konnte man die beiden Fünfjährigen nicht voneinander unterscheiden: Sie waren gleich groß, hatten die gleiche Strubbelmähne, nach meiner groben Schätzung eine identische Zahl Sommersprossen auf der Nase und zudem allem Anschein nach gleichermaßen viel Schalk im Nacken. Als die Zwillinge auf mein Lächeln mit einem breiten Grinsen antworteten, stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass bei einem der beiden eine Ecke vom rechten oberen Schneidezahn fehlte. Gott sei Dank! Ein Unterscheidungsmerkmal gab es zum Glück.

Ich tippte dem kleinen Jungen mit der abgebrochenen Zahnecke auf die Brust. »Du musst Lukas sein«, sagte ich, während ich angestrengt überlegte, ob man mit fünf Jahren noch seine Milchzähne hat. Keinen blassen Schimmer! Rasch wandte ich mich an Lukas’ Zwillingsbruder: »Und du bist Finn.«

»Och Mann, dieser blöde Zahn«, schmollte Lukas, der genau wie sein Bruder offenbar gehofft hatte, dass ich ihn und Finn verwechseln würde. Nun hatte ich den beiden den Spaß verdorben, und sie zogen lange Gesichter.

»Hey, keine Sorge, ich hab dich nicht an deinem Zahn erkannt«, beruhigte ich Lukas schnell.

Der Kleine legte den Kopf schief. »Nein? Woran denn?« Sein Gesicht hatte sich wieder ein wenig aufgehellt. »Kannst du etwa hellsehen? So wie die böse Hexe aus dem dicken Buch, das Oma uns geschenkt hat?«

»So ähnlich«, flüsterte ich mit verschwörerischer Miene. Einen Moment war ich versucht, die Jungs in dem Glauben zu lassen, dass ich über besondere spirituelle Kräfte verfügte. Sicher würde das den Umgang mit den kleinen Rabauken erheblich erleichtern. Wer hat die Schokolade stibitzt? Gesteht, Tante Lulu könnt ihr nichts vormachen … Irgendwie hätte es mir gefallen, mit dem allwissenden Nikolaus und dem Weihnachtsmann auf eine Stufe gestellt zu werden. Da ich jedoch von nun an als Vorbild fungieren musste und Ehrlichkeit meiner Meinung nach eine Tugend war, die man von Kindesbeinen an erlernen sollte, entschied ich mich für die Wahrheit. »Aus einer Kristallkugel lesen kann ich nicht, dafür aber den Aufdruck auf euren T-Shirts.« Lukas trug ein hellblaues T-Shirt mit dem Schriftzug »Bruder von Finn«. Finns T-Shirt war konsequenterweise mit dem Aufdruck »Bruder von Lukas« versehen. Ich hoffte inständig, dass die beiden noch ein halbes Dutzend solcher T-Shirts im Schrank liegen hatten, das würde mir die Unterscheidung um einiges leichter machen.

»Scheiß T-Shirts! Die ziehen wir nicht mehr an.«

Okay, das mit den T-Shirts hatte sich wohl erledigt.

»Hey, hey, mein Lieber, du weißt genau, dass man das böse Sch-Wort nicht sagt.«

Überrascht sah ich auf. Die junge Frau, die die Zwillinge tadelnd ansah, hatte ich bei all dem Trubel gar nicht bemerkt.

Sie trat einen Schritt vor und reichte mir die Hand. »Hallo, ich bin Rebecca.«

»Ich heiße Louisa«, stellte ich mich ebenfalls vor. Nicht, dass diese Rebecca womöglich auf die Idee kam, mich Lulu zu nennen.

In Sekundenbruchteilen scannte ich die Unbekannte: mittelgroß, schlank, ebenmäßige Gesichtszüge, heller Teint, dunkelbraune Rehaugen und eine wunderbare Lockenmähne, die ihr wie ein Wasserfall über die Schultern fiel. Leicht aus der Fassung gebracht, erwiderte ich ihren festen Händedruck. Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen, Daniel dabei einen fragenden, möglicherweise auch leicht vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Jedenfalls fühlte dieser sich veranlasst, postwendend eine Erklärung abzugeben.

»Rebecca ist die Patentante der Jungs und eine gute Freundin.« Als ihm bewusst wurde, dass das womöglich ein wenig missverständlich klang, fügte er noch hinzu: »Eine Freundin des Hauses.«

»Dann kann das Haus sich ja glücklich schätzen.« Diese spitze Bemerkung konnte ich mir beim besten Willen nicht verkneifen. Eigentlich sah Rebecca auf den ersten Blick sehr sympathisch aus. Wie gesagt: eigentlich. Was mich jedoch auf Anhieb gegen sie aufbrachte, war die Tatsache, dass sie eine Frau war und als solche in Daniels Nähe nichts zu suchen hatte. Schließlich war es gerade mal ein paar Stunden her, dass Nina das Feld geräumt hatte, und schon befand Daniel sich in weiblicher Gesellschaft. Äußerst verdächtig! Es gab jedoch noch etwas, was mir gründlich an Rebecca missfiel: ihre Haare. Schon immer hatte ich von solch einer Lockenmähne geträumt und abwechselnd den lieben Gott und den Friseur angefleht, mir auch dazu zu verhelfen. Doch beide hatten passen müssen. Bei dieser Frau hingegen schien einer der zwei – ich tippte auf den lieben Gott, denn für eine Dauerwelle sah mir die Haarpracht viel zu natürlich aus – sich weitaus mehr ins Zeug gelegt zu haben. Das war unfair! Zähneknirschend riss ich mich von Rebeccas Haaren los und wandte mich wieder den Kindern zu.

»Fehlt da nicht einer?«

Ich wollte mir nicht gleich am ersten Tag nachsagen lassen, dass ich nicht bis drei zählen konnte. Den dritten im Bunde, Christopher, er musste acht oder neun Jahre alt sein, entdeckte ich mit einem Nintendo in der Hand im hinteren Teil des Wohnzimmers, der über zwei abwärtsführende Treppenstufen zu erreichen war. Hier standen der Fernseher und eine Couchecke, die genug Platz für eine ganze Fußballmannschaft bot. Fröhlich grinsend winkte Christopher mir vom Sofa aus zu. Wie ich aus Ninas Erzählungen wusste, war Christopher ein kluger, aufgeweckter Junge, der mir hoffentlich wenige Probleme bereiten würde.

»Möchtest du einen Kaffee?«, fragte Rebecca, die sich in der Rolle der Hausherrin und Gastgeberin zu gefallen schien, und machte eine einladende Geste Richtung Esstisch.

»Ja, gern«, sagte ich, obwohl es mich eigentlich viel mehr nach einer kalten Dusche als nach einem heißen Kaffee gelüstete. Aber schließlich war ich nicht zum Vergnügen hier.

Als ich vom Wohnzimmer aus beobachtete, wie selbstverständlich Rebecca sich in der offenen Küche bewegte, Tassen aus dem Schrank nahm und die Kaffeemaschine bediente, sprangen in meinem Kopf sämtliche Alarmglocken an.

»Lass nur, ich mach das schon.«

Daniel war Rebecca in die Küche gefolgt und nahm ihr das Tablett aus der Hand. Mit Argusaugen beobachtete ich, wie die beiden miteinander umgingen. Natürlich mussten sie sich das Tablett nicht zuwerfen – immerhin war der Kaffee heiß und das Porzellan zerbrechlich –, aber war es wirklich nötig, dass sie bei der Übergabe sekundenlang miteinander Händchen hielten? Und dann dieser Blick, den Daniel Rebecca dabei zuwarf. Schmachtend? Sehnsüchtig? Vielleicht steigerte ich mich aber auch bloß in etwas hinein, und Daniels Blick hatte in Wirklichkeit gar nicht Rebecca, sondern dem Kaffee gegolten. So oder so: Es war sicher nicht verkehrt, die beiden weiter im Auge zu behalten. Nina konnte sich auf mich verlassen. Und wenn ich wochenlang nicht duschen und wie ein Clochard stinken würde – Daniel und Rebecca allein zu lassen war viel zu riskant.

Als wir uns am Esstisch gegenübersaßen und ich Rebecca gerade ein wenig auf den Zahn fühlen wollte – schließlich war sie bislang meine Hauptverdächtige –, wurde ich von den Zwillingen ausgebremst.

»Duuu, Tante Lulu?« Lukas hatte sich unbemerkt herangepirscht und stand nun, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, vor mir. Man sah ihm an, dass er etwas auf dem Herzen hatte.

»Ihr braucht mich nicht Tante zu nennen. Lulu oder Louisa reicht.«

Das war mir lieber. Ich fand, dass die Anrede Tante irgendwie alt machte, und, was fast noch schlimmer war, sie erinnerte mich an unsere Tante Martha. Wenn sie mal wieder telefonisch einen Besuch angedroht hatte, war Nina und mir sofort klar gewesen, was das bedeutete: Großwaschtag. Vor ihrem Auftauchen waren Nina und ich von unserer Mutter in die Wanne gesteckt und von Kopf bis Fuß geschrubbt worden, damit wir auch ja sauber und gepflegt aussahen. Danach hatten wir uns freiwillig gewaschen, um die Spuren von Tante Marthas feuchten Küssen wieder loszuwerden.

»Du, Lulu?«, kam Finn seinem Bruder nun zu Hilfe. »Hast du uns was mitgebracht?«

Ach du heiliger Bimbam! Ich war tatsächlich um keinen Deut besser als Tante Martha. Die war auch immer mit leeren Händen bei uns aufgekreuzt. Wenn sie uns wenigstens was Süßes oder eine Kleinigkeit zum Spielen zugesteckt hätte, wäre die Abschlabberei sicher um einiges leichter zu ertragen gewesen.

Ich dachte fieberhaft nach. Plötzlich fiel mir die Tüte Gummibärchen ein, die ich am Düsseldorfer Bahnhof für die Fahrt erstanden hatte. Da ich unterwegs keinen richtigen Appetit gehabt hatte, war sie noch fast unberührt, lediglich ein paar Bärchen hatten zwischen Bochum und Dortmund ihr Leben ausgehaucht. Unter Lukas’ und Finns erwartungsvollem Blick kramte ich in meiner Handtasche herum und überreichte den Kindern schließlich stolz die Gummibärchen. Das war ja gerade noch mal gut gegangen. Zumindest fast …

»Die ist ja offen«, stellte Lukas anstelle eines Dankeschöns vorwurfsvoll fest.

»Ups, na so was«, tat ich überrascht. »Die Tasche ist so voll. Als ich darin herumgewühlt habe, muss die Tüte aufgegangen sein«, flunkerte ich ungeniert. Es war nicht anzunehmen, dass Nina gleich morgen zurückkehren würde. Ich hatte also noch genügend Zeit, in die Vorbildrolle hineinzuwachsen … »Aber teilt die Gummibärchen mit eurem Bruder.« Zumindest das hatte in meinen Ohren pädagogisch wertvoll geklungen.

Lukas und Finn gaben sich mit der Erklärung zufrieden, schnappten sich ihre Beute und verkrümelten sich mit den Gummibärchen in die Sofaecke. Vermutlich würden sie nicht eher wieder auftauchen, bis die Tüte leer war.

Als ich meine Aufmerksamkeit erneut auf die Erwachsenen lenkte, bemerkte ich Rebeccas tadelnden Blick. Und irgendwie hatte ich den leisen Verdacht, dass es nicht die aufgerissene Tüte war, durch die ich bei ihr in Ungnade gefallen war.

Rebecca strich sich mit einer anmutigen Geste eine Locke aus dem Gesicht. Schwer zu sagen, ob die Strähne sie wirklich gestört hatte oder ob sie einfach nur mit ihren tollen Haaren angeben wollte.

»Wir versuchen, den Kindern möglichst wenig Süßkram zu geben«, erklärte sie dann.

Wir?!? Dass sie so unverhohlen in der Wir-Form sprach, schlug dem Fass nun wirklich den Boden aus!

Aber sie war noch nicht fertig. Mit einem zuckersüßen Lächeln fügte sie noch hinzu: »Wir legen im Kindergarten viel Wert auf eine gesunde, ausgewogene Ernährung und begrüßen es sehr, wenn die Eltern auch zu Hause mit uns gemeinsam an einem Strang ziehen.«

»Rebecca ist Erzieherin in dem Kindergarten, den Lukas und Finn besuchen«, klärte Daniel mich auf.

»Wie schön.«

Falls Daniel und Rebecca die Ironie in meiner Stimme aufgefallen war, ließen sie es sich nicht anmerken. Dass der Weg zum Herzen des Vaters nicht über den Magen, sondern über seine Kinder führte, war nicht besonders schwer zu erraten. Aber sicherheitshalber fuhr Rebecca offenbar zweigleisig. Daniel nahm sich einen Keks von dem Teller, den Rebecca in die Tischmitte gestellt hatte. Beim Anblick der Plätzchen begann mein Magen zu knurren. Kein Wunder, ...

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