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Männer haben den IQ eines Grabsteins

Stephan Peters

Männer haben den IQ eines Grabsteins

Cassiopeiapress Kriminalgeschichten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

MÄNNER HABEN DEN IQ EINES GRABSTEINS

von STEPHAN PETERS

Schwarzhumorige Erzählungen und Novellen

„Männer machen alle Krach, stinken und können nicht mit Frauen umgehen! Sie sind Machos, größenwahnsinnig und ihr Charme kommt aus dem Gefrierschrank! Männer hören nicht zu und treiben ihre Frauen und Töchter in den Wahnsinn.“

Diese ebenso alte, wie traurige Weisheit, teilt uns der Autor in elf schwarzhumorigen Geschichten mit, wobei er kein Blatt vor den Mund nimmt. Leider …

Als Bonus: ein Katzenkrimi und drei blutige Weihnachtserzählungen!

EDITION BÄRENKLAU herausgegeben von Jörg Martin Munsonius (ViSdP)

© STEPHAN PETERS “MÄNNER HABEN DEN IQ EINES GRABSTEINS“ 2013 beim Autor

© Cover by Steve Mayer und Pixabay

© der Digitalausgabe 2013 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Oh wie schön ist Afghanistan!

Das Haus lag einsam und versteckt an einem kleinen Wald. Es schneite heftig, und Biggy Wallmann machte sich auf den Weg, um für ihren Mann Kay die Zutaten für ein leckeres Abendessen zu kaufen. Es war kurz vor Weihnachten, und Kay hatte ein paar Tage Urlaub. Er war Leutnant in Afghanistan und seit drei Monaten nicht zu Hause gewesen. Das Ehepaar wohnte in einem kleinen Dorf bei Brüggen, ganz in der Nähe von Mönchengladbach. Biggy nahm den Landrover, denn für das Fahrrad war es einfach zu kalt und die Schneedecke zu hoch. Mit roten Wangen betrat die junge Frau die türkische Fleischerei und wischte sich ein paar Schneeflocken aus den langen Haaren. Die Blondine stapfte mit ihren Juchtenstiefeln auf den Boden, um nicht noch mehr Schnee ins Geschäft zu schleppen. Biggy öffnete ihren Parka, unter dem sie einen roten Rentierpulli trug. Ahmed, der Inhaber lächelte ihr freundlich zu. Vor allem, als sie ihre Jacke geöffnet hatte, unter der sich ein wunderschöner Busen abzeichnete. Der Türke war um einen Kopf kleiner als sie, trug nur ein T-Shirt über der Jeans, und seine Brust waren mit schwarzen Haaren bewachsen. Auf seinen Armen sah man Tattoos, die Schlangen und Pferdeköpfe darstellten. Unter den dunklen lockigen Haaren glommen zwei hungrige Augen. „Was darf es sein, Frau Leutnant?“, begrüßte er seine Kundin. Sein Lächeln, das von zwei Grübchen auf seine Wangen vertieft wurde, tat ihr gut-

„Für dich immer noch Biggy“, antwortete sie und lächelte. „Mein Mann kommt nachher, und dann möchte ich etwas Gutes kochen. Hmm ... Wie wäre es mit einem dicken Schweineschnitzel, denn so etwas hat er bestimmt seit langem nicht mehr gegessen?“

„Schweineschnitzel bei einem Araber!“, antwortete Ahmed und lachte sie aus. „Oh - wie peinlich!“, sagte Biggy und wurde rot. Sie war etwas füllig, das Richtige für Herz und Hand und hatte ihre blonden Haare zu zwei kleinen Zöpfen geflochten. Aus ihrem Einkaufskorb ragten die Bunte und Gala hervor.

„Ja, dann nehme ich mal ...“

„Was hältst du von gebackene Lammschenkeln mit Reis und Fladenbrot?.“ Biggy fragte zaghaft:

„Und als Nachtisch? Vielleicht Tiramisu?“

„Tiramisu!“, unterbrach sie Ahmed frech. „Ist dein Mann schwul? Er ist doch Soldat und kommt aus Afghanistan! Tiramisu ist was für Lafers, Liefers, Lufers, die sich ihre Bärte gegenseitig in den warmen Hintern stecken! Sie machen alles, außer kochen. Nein, serviere deinem Mann Reispudding mit Zimt und Rosenwasser. Dabei wird er sofort alle Schlachten vergessen! Da fällt mir ein: Was hörst du, wenn du dir eine Muschel ans Ohr hältst?“

Biggy antwortete: „Das Meeresrauschen?“

„Richtig! Und was hörst du, wenn du dir einen Döner von mir ans andere Ohr hältst?“ Biggy schüttelte den Kopf, und Ahmed antwortete:

„Das Schweigen der Lämmer! Kleiner Scherz am Rande!“ Biggy Wallmann hatte artig zugehört, und am Abend gab es tatsächlich Lammschenkel und Reispudding. Allerdings erst, nachdem sich das Ehepaar heftig im Bett geliebt hatte, denn beide waren ausgehungert. Nicht nur nach gutem Essen. Kay kam pünktlich um 20 Uhr an, und ein Taxi hatte ihn vom Mönchengladbacher Flugplatz nach Hause gebracht. Biggy flog ihm förmlich um den Hals, und er knöpfte bereits ihre Bluse auf. Kay war an die zwei Meter groß, hatte blonde, kurz geschorene Haare und liebte Biggy über alles. Nachdem sie zu Abend gegessen hatten, landeten sie noch einmal im Bett, aber dieses Mal nicht mehr so gierig, sondern ruhig, sanft und zart.

„Ich weiß nicht, wie ich all die Monate ohne dich ausgehalten habe“, sagte Biggy leise. „Diese Einsamkeit hier, dann das Weihnachtsfest, alle sind glücklich, nur ich nicht.“

„Es ist doch alles vorbei“, tröstete sie Kay und küsste sie auf die Stirn.

„Ja, es ist alles vorbei, aber in ein paar Tagen musst du wieder nach Afghanistan zurück“, sagte sie traurig. Kay nahm sie in seine muskulösen Arme und flüsterte:

„In drei Monaten bin ich wieder da; diesmal für immer. Und dann habe ich genug verdient, dass wir das Haus abbezahlen können.“ Biggy seufzte und antwortete:

„Dann wünsche ich mir Kinder. Endlich Kinder.“

„Soviel du willst“, sagte er. ,,Von mir aus eine ganze Kompanie. Übrigens war das Abendessen gerade ausgezeichnet Wenn ich da an die miese Kantine drüben denke …“ Biggy ging zum CD-Spieler, legte eine romantische Scheibe auf Es war Only You. von The Platters.

Biggi seufzte:

„Dieses Lied höre ich nur mit dem Mann, den ich am meisten liebe Der Leutnant war gerührt und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

Die nächsten Tage bestanden ebenfalls aus Sex und Leidenschaft, aber auch aus häuslicher Fürsorge, denn Kay war das Haus zu unsicher. Seine Frau sollte sich niemals fürchten. Er ließ doppelte Fensterscheiben einbauen und alles mit Gittern verriegeln. Man konnte gut nach draußen sehen, aber selbst ein Panzer würde die Gitter nicht überwältigen können. Als Abschluss setzte Kay sogar eine Eisenklinge vor die Haustür, an der man die Schuhe vom Schnee sauber machen konnte. Dann kaufte er noch ein Vogelhäuschen für den Garten, denn die Vögel sollten nicht hungern. Alles perfekt, denn er war ein Mann der Perfektion, der als Oberleutnant nach Hause kommen würde. Aber am letzten Abend war die Stimmung im Hause Wallman bedrückt. In drei Stunden sollte Kay bereits in den Wolken sein, und übermorgen war Weihnachten. Biggy wäre wieder allein. Sie stand oben in der zweiten Etage und malte mit dem Zeigefinger „Oh wie schön ist Afghanistan“ auf die beschlagene Fensterscheibe. Ihr Mund hatte einen bitteren Ausdruck.

„Versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst!“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Er streichelte ihr über das blonde Haar und roch das schwere Parfüm darin.

„Ich verspreche es hoch und heilig! Und meine Kompanie ist ja nicht direkt in Kabul. Eigentlich ist dort noch nie etwas passiert. Die Amerikaner wollen Afghanistan schützen, aber sie haben aus Versehen inzwischen so viele Einheimische getötet, dass man sich wundert, dass überhaupt noch ein Afghane lebt. Aber ich bin, glaube ich, zu dumm, die Zusammenhänge zu verstehen.“ Sie lächelte müde. Dann holte Biggy einen Schal aus der Handtasche. Kay sagte begeistert:

,,Für mich? Danke! Ein weißer Seidenschal. Und was hast du dort darauf geschrieben? `Ich liebe dich - deine Biggy! ` Das war doch nicht nötig.“ Er wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht.

„Für dich ist mir nichts zuviel!“, sagte sie. „Ich habe drei Wochen daran gearbeitet.“ Dann fuhren sie mit dem Wagen zum Flugplatz Mönchengladbach und küssten sich leidenschaftlich zum Abschied. „Ich werde eine Kerze für dich in der Kirche opfern!“, rief Biggy, als er in die Maschine stieg.

„Und ich werde für dich beten!“, Kay winkte und schluckte heftig, dann hatte sich die Flugzeugtür geschlossen. Als Biggy durch den dunklen Wald nach Hause fuhr, kam ein Schneesturm auf. Die eisige Faust des Winters hatte alles im Griff, und das Leben war eingefroren. Sie musste langsam fahren, kam aber wohlbehalten an. Plötzlich sah sie einen Opel, der vor ihrem Haus parkte. Sie stieg aus ihrem Auto und sah, dass der Schnee die Spuren von vorhin bedeckt hatte, aber dafür gab es neue schwere Schuhabdrücke, die nicht älter als zehn Minuten sein konnten. Licht warf Schatten auf den Schnee, obwohl sie vorhin alle Schalter ausgemacht hatte. Die Haustür hatte sie zweimal abgeschlossen, doch nun ließ sie sich sofort öffnen, aber Biggy hatte überhaupt keine Angst, ging flott ins Haus hinein und rief:

„Ahmed - bist du schon da?“ Und Ahmed, der Metzger antwortete:

„Na klar bin ich da! Ich liege halb nackt in eurem Bett und warte auf meine süße, kleine Biggy-Maus!“

Biggy rannte wie verrückt ins Zimmer und küsste Ahmed wie ausgehungert. Dann sagte er:„Ist die Pfeife endlich weg?“

„Ja, die Pfeife ist im Flugzeug“, sagte Biggy und begann sich auszuziehen. „Hast du ihm den Schal geschenkt?“, erkundigte sich Ahmed.

„Natürlich! Kay, das alte Weichei, bekam feuchte Augen. Dabei habe ich das dämliche Ding aus der Altkleidersammlung geholt. Stell dir vor, Ahmed-Liebling: mein Mann in der Wüste, der Himmel ist blau, und der weiße Schal flattert an seinem Hals.“ Ahmed antwortete:

„Meine Brüder Tarik und Youssouf werden ein leichtes Ziel mit ihren Gewehren haben. Den knallt ein Blinder ab!“

,,Oh- ja!“, frohlockte Biggy. „Dann bin ich Witwe, und uns gehört das ganze Haus, von der Lebensversicherung und Pension mal ganz abgesehen. Deine Brüder sollen uns den albernen Schal zuschicken. Den nehmen wir als Reliquie!“ Plötzlich fragte Ahmed misstrauisch:

„Sag mal, Biggy, hast du mit Kay etwa geschlafen?“

,,Oh - nein, um Gottes willen! Schon der Gedanke daran bereitet mir Übelkeit“, log Biggy, dass sich die Balken bogen. „Ich habe Kay gesagt, dass ich mir im Schwimmbad eine Infektion zugezogen habe, und der Trottel hat alles geglaubt. Ich habe mich ganz rein gehalten, nur für meinen kleinen Ahmed-Schatz!“ Ahmed sagte lüstern:

„Du bist lange genug rein geblieben.“

„Ja - bitte!“, seufzte Biggy. „Nimm mich!“ Der Metzger suchte nach einem passenden Kosenamen auf Deutsch für sie. Er sagte:

„Du bist ... du bist ... mein geliebter Pleitegeier!“ Biggy antwortete:

„Du meinst bestimmt Unschuldsengel.“

,,Ja, genau. Du bist mein geliebter Unschuldsengel.“

Dann warf er sich auf seine vor Lust bebende Beute.

Anschließend legte Biggy eine CD in den Player ein. Es war wieder Only You von The Platters.

Ahmed war gerührt und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Biggy sagte::

„Dieses Lied höre ich nur mit dem Mann, den ich am meisten liebe.“ Am nächsten Morgen war das Haus von Nebelschwaden umhüllt. Ein paar Raben krächzten auf den blattlosen Bäumen, aber sonst herrschte vollkommene Stille. Biggy war längst in der Küche und bereitete ein leckeres Frühstück. Die Kaffeekanne dampfte, und vier Eier brutzelten auf dem Herd. Die Hausherrin hatte außer einer Schürze nichts an, und Ahmed, der gerade erwacht war, starrte gierig auf ihren nackten Po. „Ich hol schon mal die Zeitung herein“, sagte er gähnend. Er sprang in Hose und Schuhe und schlüpfte in seinen schwarzen Pulli. Dann verschwand Ahmed aus dem Haus. In der Zwischenzeit deckte Biggy den Tisch und machte drei Kerzen an, die einen gemütlichen Schein in die winterliche Küche warfen. Zum ersten Mal machte ihr die Hausarbeit Freude! Bei Kay war jeder Griff bleischwer, aber bei Ahmed ging alles viel leichter. Sie trällerte ein frohes Lied, als sie die Spülmaschine ausräumte. Wo bleibt Ahmed?, dachte Biggy. Dann hüpfte und tänzelte sie vor dem Küchenregal herum, als sie das Geschirr einsortierte und war ganz von Sinnen vor Glück. Aber Ahmed kam nicht zurück. Biggy wurde misstrauisch und öffnete die Haustür um nachzusehen, wo er bleibt. Dann schrie sie so laut, dass die Raben davonflogen. Vor ihr lag der tote Körper von Ahmed. Blitzschnell erkannte Biggy, was geschehen war: Ahmed war auf dem Eis ausgerutscht und so unglücklich gefallen, dass er mit dem Nacken auf den eisernen Fußabtreter gefallen war. Nun blickten Ahmeds tote Augen auf Biggy, und eine Blutlache breitete sich auf dem Schnee aus. Die Zeitung hatte er noch in der verkrampften Hand, auf deren Titelseite stand: ,,Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest!“ Darunter war das Gesicht von Guido Westerwelle abgebildet, der eine Nikolausmütze aufhatte und einem schwarzen Waisenjungen einen Kuss gab. Biggy war vor Grauen erstarrt, aber auch vor Kälte. Außer der Küchenschürze trug sie ja nichts auf dem nackten Leib. Und genau in diesem Augenblick schlug die Tür zu! Biggy kreischte noch ein Mal, aber sie wusste genau, dass niemand zuhörte. Sie wohnte ja in der absoluten Einsamkeit. Sie konnte ihren Atem sehen, und schon kroch ihr die Kälte über die Haut, denn es war acht Grad minus. Die Leiter!, schoss es Biggy durch den Kopf. Wenn ich auf der Leiter in die zweite Etage komme, bin ich gerettet. Ich schlage einfach das Fenster ein. Sie kletterte die ersten Sprossen hinauf und blickte ängstlich nach unten, ob die Leiter halten würde. Sie stand auf Eis und Biggy hatte keine Lust, tot neben ihrem Geliebten zu liegen. Der blickte ihr aus starren und leblosen Augen hinterher. Plötzlich rutschte die Leiter leicht nach rechts, und Biggy schnürte es vor Schreck den Atem zu. Trotz der Kälte hatten sich Schweißperlen auf ihrer Haut gebildet. Biggy dachte daran, was der Briefträger wohl denken mag, wenn er sie auf der Leiter sah, den nackten Po unter der Schürze in die Winterluft gestreckt. Der Po war inzwischen blau angelaufen. Doch dann hatte es Biggy doch geschafft. Sie atmete schwer, als sie auf dem schrägen Dach war und ihre nackten Füße auf den Schindeln Halt suchten. Die beiden Raben auf dem Schornstein blickten sie verblüfft an und sahen wie Aasgeier aus, die sich gleich auf Biggys totes Fleisch stürzen würden. Dann drehte sie sich auf den Bauch, um die Fensterscheibe mit den bloßen Fäusten einzuschlagen. Ihre Brüste froren beinahe am Dach fest. Raab, raab!, hörte sie über sich. Dann fiel ihr etwas Entsetzliches ein. Kay, ihr Ehemann, hatte ja vor kurzem doppelte Scheiben einbauen lassen! Oh Gott - nicht das noch! Und plötzlich kippte die Leiter nun doch zur Seite und fiel scheppernd auf die steif gefrorene Leiche von Ahmed. Sie hörte ihr Herz wie verrückt hämmern. Das Grauen hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Aus lauter Verzweiflung schlug sie gegen die Fensterscheibe, die härter als das Eis war. Ich muss sterben! dachte sie voller Panik. Was ist dann? Der Tod ist doch nur für die anderen Menschen da! Wer denkt dann meine Gedanken zu Ende - was ist die Welt ohne mich?! Und dann brach die Glasscheibe doch noch! Es war zwar nur ein kleines Loch, aber es genügte, dass Biggy zu einem neuen Schlag ausholen konnte. Dann schneite es wieder und sie stellte fest, dass ihr rechter Fuß bereits steif gefroren war. Bitte nicht - oh Gott. Ich will auch immer ... Als sie ihre Hand zurückziehen wollte, blieb diese im Glas stecken und ritzte ihr die Schlagader auf. Eine gewaltige Blutfontäne schoss über Biggys Gesicht. Sie rutschte vor Schrecken aus und wurde nur noch von der Scheibe am Handgelenk festgehalten. Die Scherben rissen ihren Arm noch mehr auf.

Raab – raab machten die Vögel und stierten sie gierig an. Biggy blickte gegen die zweite, heile Glasscheibe und sah das, was sie noch vor wenigen Stunden mit dem Finger darauf geschrieben hatte. Als die den Satz las, fing sie plötzlich an, hysterisch zu lachen. Sie rutschte aus, und das Glas fraß sich noch tiefer in ihr Fleisch hinein. Der Satz lautete:

„Oh wie schön ist Afghanistan!“ Das waren auch Biggys letzte Worte, denn nach ein paar Minuten hing sie tot und steif am Fenster, und rotes Blut tropfte vom Dach in Ahmeds Gesicht. Auf einmal erhoben sich die Raben vom Schornstein, denn sie hatten zwei rote und süße Kirschen entdeckt, genau auf der Brust von Biggy.

Raab ... raab ... raab, raab ...

Zwei Tage später lagen die Brüder von Ahmed, dem Metzger, auf der Lauer. Sie wollten Kay über den Haufen schießen. Als die Sonne allmählich unterging, erschien eine englische Patrouille und knallte die Verbrecher einfach ab. Aus die Maus! Die Leichen von Tarik und Youssouf wurden von Hyänen aufgefressen. Wenig später stieg Kay Wallman aus seiner Maschine in Kabul. Plötzlich rannte ein Unteroffizier auf ihn zu und sagte:

„Herr Leutnant, Ihre Truppe wurde soeben aufgelöst! Die Bundeswehr muss sparen. Sie können also wieder zurück nach Deutschland fliegen! Dort werden Sie zum Innendienst abkommandiert! Ist das nicht wunderbar?“ Kay strahlte vor Freude und flog wieder zurück nach Mönchengladbach. Dort stieg er in einen Jeep und fuhr schnurstracks nach Hause. Er dachte: Was wird sich meine Biggy freuen! Meine süße, meine treue, kleine Biggymaus! Als Kay nach Hause kam, und die entstellte Leiche seiner Frau sah, eine Eisskulptur - und Ahmeds toten Körper vor der Tür erblickte, traf ihn der Schlag. Auf dem Dach knabberten die Raben an zwei Brustwarzen und vier Augäpfeln herum. Raab, raaab ... Am kommenden Morgen entdeckte der Briefträger Anton Kowalski den Ort des Grauens. Die Haustür war halb offen, was bei Wallmanns eher untypisch war. Der Postbote war jung, drahtig und trug lange schwarze Koteletten, zudem einen Zwirbelbart. Zweieinhalb Leichen waren einfach zu viel für den Beamten. Zudem hatte er noch nichts gegessen, was andererseits eigentlich ganz gut für seinen Magen war. „Herr Wallmann, ist alles ok mit Ihnen?“ Kay lag auf dem Boden und brabbelte dummes Zeug. Sein Gesicht war aschfahl, und er glich einer Leiche. Herr Kowalski rannte zum Telefon und rief den Notarzt an. Aber sogar dieser musste sich hinterher selbst eine Beruhigungsspritze setzen, denn so viele Leichen unter solch entsetzlichen Umständen hatte er noch nie gesehen. Kein Wunder, denn er war erst seit drei Tagen in der Klinik als Assistenzarzt tätig. Für die Polizei war der Fall klar: Der böse Ahmed hatte Biggy überfallen und vergewaltigt. Die treue Frau wollte sich aufs Dach retten, doch das wurde ihr zum Verhängnis. Und da alles offensichtlich war, wurden auch keiner weiteren ärztlichen Gutachten eingeholt. Man war halt auf dem Dorf, in der Nähe von Brüggen und hatte noch Wichtigeres zu tun, denn Silvester stand zum Beispiel vor der Tür. Aber nach zwei Monaten etwa fühlte sich Kay Wallmann etwas besser und hängte Biggys Schal als Reliquie über den Kamin. Auf dem Schild darüber stand: „Ein Zeichen ewiger Treue!“ Aber was sollte er alleine in so einem großen Haus machen? Erneut heiraten? Nicht bei dem Schock. Wallmann bekam nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr eine hohe Abfindung ausgezahlt. Er verkaufte das Haus und übernahm die große Metzgerei von Achmed. Kay baute sie zu einem Wirtshaus um, denn im Dorf gab es noch keine. Und erst jetzt bemerkten die Einwohner, dass ihnen schon lange eine Kneipe gefehlt hatte! Sie waren halt nicht die Schnellsten, aber dafür die Treuesten. Kay zimmerte aus dem Speicher eine gemütliche Wohnung. Es gab einen Stammtisch, eine Kegelbahn, und die Möbel waren aus guter, alter Eiche. An jeder Wand hingen Bilder von Hirschen und drallen Mägden, zwischen denen Regale mit Zinnkrügen standen. Am liebsten hörten die Gäste Heino aus der Box „Hier kommt die Sonne!“ röhren. Trotz des Erfolges als Kneipier, war Kay immer noch traurig und weinte oft in muffige Kissen hinein, wenn er an seine Biggy dachte. Das fiel Briefträger Anton Kowalski auf, der den Wirt alle paar tage tröstete. Mit Worten, mit Taten, später – mit Küssen! Denn beide hatten ihre schwule Ader entdeckt, die sie durch machohafte Berufe verschleiern wollten. Da der evangelische Geistliche des Dorfes selber schwul– und die Einwohner sehr liberal waren, gab es bald eine Hochzeit zwischen Kay und Anton zu feiern! Biggy war nun endgültig vergessen, und das Wirtshaus bekam endlich einen Namen. Es hieß:

„Zum warmen Krug“.

Ende

Mein alter Freund Brutus

Wie schön ist es, Kriminalautor zu sein und sein Hobby als Beruf ausüben zu können! Aber auch wir Künstler müssen früh aus dem Bett, und um 15 Uhr klingelt gnadenlos der Wecker! Dann heißt es frühstücken, durch den nahe gelegenen Park gehen, die Zeitungen studieren, um hernach zwei Stunden am Computer zu sitzen. Nachmittags wird Tee gebrüht, Kuchen gegessen, und danach ruhe ich etwa eine Stunde auf der Couch aus. Das Leben ist schon hart …

Nachts wird dann richtig gearbeitet, der Kopf läuft auf Hochtouren, und im Hintergrund spielt Chopin. Und während das Fenster geöffnet ist, weht frische Abendluft ins Wohnzimmer hinein. Dort steht eine durchgehangene Couch mit zahllosen Kissen, die sehr gut zu dem schweren Schreibtisch passt, der von Ohrensesseln aus dem 19. Jahrhundert umgeben ist. Die Tapete ist aus grünem Leinen, ein Kamin ist in der hinteren Ecke, auf dem Pfeifen, Karaffen und drei Totenköpfe stehen. Dann entzünde ich zahllose Kerzen und schlurfe wie ein mittelmäßiger Schauspieler auf einer Dorfbühne in einem alten Morgenrock als Graf Dracula herum. Ich wollte eigentlich Chemie studieren, um später in Oxfort als Professor von Jedermann bewundert werden. Ich sah mich schon wallendes Haares und Gewandes durch die heiligen Hallen gehen, und alle Studentinnen würden mir zu Füßen liegen. Aber dann bin ich dahinter gekommen, dass das Studium mehr als beschwerlich ist und ich nicht einmal die Prinz Reife habe. Somit kaufte ich mir einen Chemiebaukasten, stellte Phiolen und Mikroskop auf den Kamin und hängte Fotos von großen Chemikern an die morsche Wand. Es waren Richard Heck und Brian Kobilka, die Nobelpreisträger in diesem Fach. Das hatte mir völlig genügt. In meiner Fantasie bin ich seitdem tatsächlich Professor in Oxfort, der ab und an einen Krimi schreibt. Leider ohne die mich vergötternden Studentinnen …

Alles in allem recht plüschig, und meine Einrichtung hat nichts von der modernen, eisigen Kälte aus Metall und der Farbe Weiß zu schaffen, wie in einer Leichenhalle. Das hört sich für Sie vielleicht recht angenehm an und Sie denken: Oh, der gute Mann ist gut bei Kasse! Leider ist das nicht der Fall, denn meine Bücher verkaufen sich eher mäßig. Oder sie dienen wesentlich erfolgreicheren Autoren, als ich es bin, als Grundlage für deren Schreibseminare „Wie darf ich als Autor NICHT schreiben? Diese Seminare erfreuen sich großer Beliebtheit. Meine Artikel über Tischtennis in diversen Sportmagazinen machen mich auch nicht zum reichen Mann. So habe ich einen Nebenjob als Hausmeister in dieser alten Villa, aber die Arbeit ist leicht und besteht nur aus dem Auswechseln von Glühbirnen, Rasenmähen und den Weg muss ich von Laub und Eis freihalten. Manchmal darf ich auch einen Hund Gassi führen, oder einer alten Dame die Einkaufstasche tragen. Aber – man hat schon von schlimmeren Schicksalen gehört, meinen Sie nicht auch? Der Hund war ein Basset und hörte auf den Namen Alfons. Sein Gang war gemächlich, und Alfons` Bauch hing beinahe über dem Boden. Die Schlappohren ließen auch nicht auf eine große Aktivität schließen Die Dame hieß Fräulein Iltis und war eine studierenswerte Person. Ich schätzte sie um die fünfzig Jahre. Jahre, deren Motto `Himmel, Hölle und Hormone` heißt. Sie war groß, hager und trug gerne mit verkniffenem Gesicht Kleider vom Trödelmarkt. Am liebsten lange, weite Röcke, darüber eine rote Jacke samt Schal mit Jagdmotiven. Fräulein Iltis hatte häufig Angstzustände, wie sie viele ältere, alleinstehende Damen haben. Ihre große Bibliothek durfte ich ab und zu bei einer Tasse Kaffee nebst Gin bewundern. Die kleine Wohnung bestand aus uralten Möbeln vom Trödel oder Sperrmüll, und an jeder Wand hingen Fotos von der englischen Königin. Ihr gegenüber grinste Prinz Charles und wedelte mit den Ohren und sein Vater, Prinz Philip, lächelte wohlwollend auf uns herab. Nur Kate und William waren nicht zu sehen, da sie einfach `zu jung! ` sind. Ja, meine Freundin war anglophil wie vormals Voltaire, ohne indes seine Kenntnisse über die Insel zu besitzen. In der Bibliothek gab es Dutzende Biografien über das englische Königshaus. Aber vor allem Sachbücher für Lebensberatung. Sorge dich nicht, lebe! Zum Beispiel stand ganz oben in ihrer persönlichen Hitparade und war vom vielen (erfolglosen) Lesen ganz abgegriffen. Dutzende von Merkzetteln ragten zwischen den Seiten hervor, und vom vielen Studieren über gelassenes Leben, wurde Fräulein Iltis immer nervöser. Die Dame war in einem Geschäft für Hörgeräte tätig, aber ihr Name allein schon verriet, dass sie solch ein Gerät gar nicht nötig hatte. Nur ihre Augen waren nicht die besten – was wiederum nicht zu Iltis passte. Trotzdem trug sie ihre große Brille aus den Dreißiger Jahren, stolz wie eine Lady aus den Romanen von Jane Austen. Doch auch dieser Vergleich hinkt, da Fräulein Iltis keinerlei Schwestern hatte, die, wie in den Romanen, vom genervten Vater unter die Haube zu bringen sind. Fräulein Iltis hatte bereits vor Jahren beschlossen, sich nicht den Gefahren des Lebens hinzugeben, denn in ihren Lebenshilfebüchern standen furchtbare Fallbeispiele von gescheiterten Partnerschaften, sinnlosen Auswanderungen ins Ausland, die fast alle in Pleite und Scheidung endeten. Sie las von One-Night-Stands (das musste sie erst einmal nachschlagen), die zu lästigen Babys oder zu Mord und Totschlag in der Partnerschaft führen konnten. Dieses ganze Grauen, das man `Leben` nennt trug sie als Schatten auf der Schulter. Fräulein Iltis beobachtete lieber als sadistische Zuschauerin, die am Fluss des Lebens sitzt, dasselbe, und sah lächelnden Mundes die Leichen derjenigen im Wasser vorbei schwimmen, die sich dort hinein gestürzt hatten. Ins Leben. Ins so genannte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Menschen verzweifelt nach Liebe rufend, die sie später auch bekamen. Aber als alles an Habsucht, Gier und Langeweile auseinander ging (wie Fräulein Iltis bereits höhnisch prophezeit hatte), erblickte sie heulende, vor nicht erfüllter Lust verkrampfte Visagen, die erneut nach dem verlangten was sie Liebe nannten und nie ans Ziel kamen, um eines Tages jämmerlich von den sinistren Fluten des Styx verschlungen zu werden. Und über all dem Seelenschmerz der Menschheit, stand, aufrecht, wie eine Galionsfigur, Fräulein Iltis auf einem Marmorfelsen und lachte sie aus. Wenn alle so leben würden, wie ich, dachte sie, wäre es ums Lebensglück der Menschheit besser bestellt. Bescheiden in der Lebensführung in einem Akustikladen, umgeben von Büchern und Alfons. Und ab und zu die Gesellschaft eines skurrilen Zeitgenossen, der Hunde spazieren führte und mit Fräulein Iltis einem Tennismatch zusah. Und nach dieser erfreulichen Feststellung, genehmigte sie sich drei Glas Gin und fütterte Alfons mit Nussecken.

Das Fräulein ging nach getaner Arbeit gerne ins nahe gelegene Schloss-Cafe` mit Blick auf den Park. Der Park lag an den Ausläufern von Düsseldorf, und ich gesellte mich bei schönem Wetter gerne hinzu. Wir zwei redeten dann über die vergangenen Tage, die neuesten Bücher und Kochrezepte, oder kommentierten mit feurigen Wangen das letzte Spiel unseres heimischen Tischtennisvereins „Sparta Knack“. In diesem sind wir auch nur passive Mitglieder, und der Verein hat leider vor drei Jahren das letzte Match gewonnen. Für meine Hundedienste entlohnte mich Fräulein Iltis, indem sie die Rechnung beim Kellner beglich und steckte mir dann großzügig noch ein paar Euro zu.

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