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Männer-Mix auf Eis

Über dieses Buch

Lulu Knospe ist eine unerschrockene Heldin des Alltags: allein erziehende Mutter und Fernsehmoderatorin. Zum Glück steht ihr ein attraktiver Männer-Mix zur Seite, vom Dauer-Ex-Lover mit Kuschel-Faktor über den smarten Medienagenten bis zum aktuellen Lover, von dem sie hochschwanger ist. Doch plötzlich gerät ihr Männer-Mix ins Wanken. Denn Nico tritt in ihr Leben, der sich sein Geld als »Rent-a-Nikolaus« verdient und ein Charmeur par excellence ist. Als Lulu nach Mallorca reist, erhitzen sich unter der südlichen Sonne die Emotionen. Sie rast auf einer Achterbahn der Gefühle dahin. Wie wird sie sich entscheiden?

Über die Autorin

Nina Kresswitz wurde 1960 in Regensburg geboren. Sie studierte in München Romanistik und Archäologie. 1996 kam ihre Tochter Anna zur Welt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich mag Männer geschüttelt, nicht gerührt. Aber manchmal sollte man sie einfach auf Eis legen. Wenn sie beispielsweise anfangen »weißt duuuu« zu sagen oder wenn sie beginnen, »holsmirmalnbier« zu knurren, nur weil im Fernsehen Fußball läuft.

Männer sind da, um Spaß zu haben. Wer mehr erwartet, hat entweder bald einen lustarmen Macho herangezüchtet oder einen weichgespülten Softie. Für beides fühle ich mich zu jung. Ich bin doch erst Anfang vierzig und da geht ja alles gerade erst los. Finden Sie nicht? Nein? Sehen Sie, das ist das Problem. Dann haben Sie garantiert den falschen Mann. Und wenn es der richtige ist, dann haben Sie ihn bereits zum Fernsehtyrann oder zum Küchenknecht mutieren lassen.

Und sooo haben Sie sich Prince Charming doch wohl nicht vorgestellt, oder? Sie brauchen nicht zu antworten, es reicht, wenn Sie den Kopf schütteln.

Ich jedenfalls suche keine starke Schulter zum Ausweinen, ich suche eine breite Brust, an die ich dann und wann lüstern sinken kann.

Mein Männermix ist perfekt. Ich bin glücklich. Naja, fast. Aber wie viel Glück darf man schon von einem Mann erwarten? Einen Fingerhut voll? Ziemlich großzügig geschätzt, finde ich. Sicher, ich liebe Sex, ich finde ihn unwiderstehlich, aber muss man für eine Stunde Seligkeit dreiundzwanzig Stunden Routine hinnehmen? Wir meinen: Nein!

»Mami, Mami, ich will zu Meckdoof, ich habe sooo’n Hunger und außerdem gibt es da Aus-Hirsche, die habe ich bei Julian gesehen, die sind voll cool!«

Lilli, das süßeste aller Kinder der Welt, kommt ins Badezimmer gestürzt und reißt mich aus meinem kleinen Monolog, den ich testhalber in den beschlagenen Spiegel gesprochen habe.

Heute Abend gehe ich wieder auf Sendung. Es ist eine Show, besser gesagt, die »Lulu-Knospe-Show«, und eine Menge Frauen sehen sie, wenn man den Quoten trauen kann. Die Männer dagegen gründen bereits Selbsthilfegruppen, heißt es, weil sie meine vorlauten Sprüche nicht mehr ertragen.

»Es heißt nicht: Aus-Hirsche, sondern Außerirdische«, berichtige ich meine Tochter.

»Mami, bei Meckdoof gibt’s doch Cola, darf das Baby Cola?«, fragt Lilli und lässt ihre kleinen rotblonden Zöpfe kreisen.

»Aber wo denkst du hin? Dann schlägt es noch Saltos da drinnen!«

Lilli streichelt meinen Bauch, der sich von Tag zu Tag höher wölbt.

»Darf ich da auch mal rein?«, fragt sie arglos.

»Da kommt keiner mehr rein, ist schon besetzt!«, rufe ich und sause mit Kind und Babybauch los. Lange passe ich nicht mehr zwischen Lenkrad und Lehne, es sei denn, ich montiere den Vordersitz heraus und setze mich gleich auf die Rückbank. An alles denken die Autokonstrukteure, an ABS und Zigarettenanzünder, an Scheibenwischer-Intervallschaltung und andere männliche Spielereien, aber schwangere Autofahrerinnen sind in Kleinwagen nicht vorgesehen.

Das große gelbe M leuchtet verheißungsvoll. Drinnen ist es drangvoll gefüllt. Komisch eigentlich. Da wachsen zu Hause Kochbuchsammlungen zu dickleibigen Bibliotheken heran, und dennoch stehen alle weiterhin auf diese frittierten Dinger, die nach gesalzenem Zement schmecken und so schwer im Magen liegen wie Betonplatten. Häuser sollte man daraus bauen, statt zu behaupten, das Zeug sei zum Verzehr geeignet.

»Ich möchte Schinken mit Matjes!«, ruft Lilli quer durch den gekachelten Raum. Alle Köpfe drehen sich nach uns um.

»Chicken McNuggets«, dolmetsche ich und ernte ein mattes Lächeln von dem jungen Mann hinter dem Tresen.

»Sonst noch was?«, fragt er grinsend und starrt auf meinen Bauch.

»Klar doch, wann machen Sie denn Feierabend?«, frage ich zurück. Der junge Mann versteinert.

Wer schwanger ist, hat jeden unzüchtigen Gedanken gefälligst zu unterdrücken, denke ich seufzend. Oh je, die Menschheit wäre schon längst ausgestorben, wenn die Unzucht eine so verabscheuenswerte Sache wäre.

Wortlos schiebt der Youngster das Tablett über den Tresen und nimmt mit gesenktem Blick meinen Geldschein entgegen.

»Also, bis später«, sage ich fröhlich und zwänge mich durch das überbevölkerte Plastikmobiliar zum einzigen freien Tisch, der verschwenderisch mit Ketchup dekoriert ist.

Lilli lässt mit der einen Hand die Außerirdischen über den Tisch hoppeln und stopft sich mit der anderen Hand die knusprigen Hühnchendinger rein, während ich brav an meiner Milch nippe. Was wohl Lillis Waldorfverein sagen würde, wenn er uns so sehen könnte?

Lilli geht nämlich in einen ökologisch korrekten Kindergarten. Und das ist gut so. Aber zuweilen auch etwas anstrengend. Denn Lilli hat keine von mütterlicher Hand gestrickten Pullover vorzuweisen, geschweige denn Holzspielzeug aus der Dritten Welt. Lilli hat eine Barbiesammlung. Aber weder »Disco-Barbie« noch das Exemplar mit den Rastalöckchen findet Gnade vor Sonjas Blick. Sonja ist die gestrenge Herbergsmutter der Öko-Truppe. Von den Kindern wird sie geliebt und von den Müttern gefürchtet.

»Äh, darf ich mal?«

Ein junger Mann lässt sich schwer atmend auf den Plastikstuhl gegenüber fallen. Er balanciert ein überfülltes Tablett, auf dem die Getränke längst übergeschwappt wären, wenn nicht die hier üblichen Plastikdeckel größere Überschwemmungen verhindern würden.

Mein Männerfrühwarnsystem meldet sich. Achtung, funkt es, groß, dunkel, kleidsam verwirrtes Haar, kokettes Lächeln, insgesamt Kategorie künstlerisch wertvoller Softiesingle. Lecker beim Erstkontakt, sahnig im Geschmack, doch leider meist ein wenig holzig im Abgang.

»Guten Appetit!«, schiebt der junge Mann hinterher und mustert erst Lilli und dann meinen Babybauch, um schließlich seinen Blick kurz in meine Augen zu senken. Er hat grüne Augen. Obacht. Bei grünen Augen werde ich schwach.

Ich knülle das Verpackungsmaterial zusammen und mache Platz.

»Gleichfalls«, nuschele ich und schlage die Augen nieder.

Man sollte eigentlich nur hobbykompatibel ausgehen, denke ich und finde, dass das ein wichtiges Thema für die nächste Lulu-Knospe-Sendung sein könnte. Konkrete Lebenshilfe. Also. Sie können sich natürlich auch auf dem Fußballplatz herumtreiben, obwohl Sie lieber Jazz-Konzerte hören. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dann demnächst ein Fan-Schal auf Ihrem Sofa herumliegt statt eines Saxophons, steigt dann leider dramatisch. Und eine McDoof-Bekanntschaft kann einfach nichts Gutes verheißen.

Oder doch? Die Vier-Sterne-Variante erweist sich schließlich auch manchmal als Mogelpackung. Die wollen dann Krebsschwanzragout an Wachtelschaum, wenn sie zu Besuch kommen. Selber kochen aber können sie im Allgemeinen nicht.

»Wann ist es denn soweit?«, fragt der junge Mann und packt seinen Royal mit Käse aus.

»Solange können Sie sicher nicht warten«, sage ich.

Er streift mich mit einem überraschten Blick.

»Worauf?«, fragt er amüsiert.

»Auf die babyfreie Zone«, antworte ich.

»Ich mag Kinder«, sagt der nette McDoofianer.

»Ich auch«, sage ich prompt. »Deshalb finde ich Sie ja auch ausgesprochen sympathisch.«

Nun schweigt er verstockt. Er ist Anfang dreißig. Hugh! Mama Lulu hat gesprochen. Stumm beißt er in seinen Royal.

»Uahhhh!«, ruft Lilli und lässt ihren Außerirdischen vor seinen Augen kreisen.

»Sieht aus wie deine Mama«, brummelt der junge Mann.

»Holla, soll das etwa ein Flirt sein?«, frage ich.

»Ich heiße Nikolaus. Aber Sie können auch Niko sagen Und wenn Sie mal was Anständiges essen möchten, dann stehe ich mit Bratkartoffeln zu Diensten!«

Während ich noch überrumpelt dasitze, hat er bereits etwas auf die ChickenMcNuggets-Pappschachtel gekritzelt. Er reicht mir die fleckige Pappe und lächelt.

»Ich liebe Bratkartoffelverhältnisse«, erklärt er und winkt an mir vorbei.

»Sind die etwa anständig?«, frage ich spitz.

»Papa, Papa, kuck doch mal, Aliens!«, rufen zwei Jungen, die einander frappierend ähnlich sehen und weitere Außerirdische herumschwenken. Raumschiff an Bodenstation! Eine Invasion steht bevor!

»Darf ich vorstellen? Das sind Max und Moritz, meine Zwillinge«, sagt Niko und teilt mit geübten Griffen seine Fastfoodbeute aus.

Die Jungs sind etwa zehn Jahre alt. Wie hat er das denn hingekriegt? Unzucht in der Mathematikstunde? Schäferstündchen im Landschulheim?

»Sollte eigentlich das doppelte Lottchen werden«, verrät mir Niko, »aber nun sind die beiden Buben mein ganzer Stolz!«

Ich falte vorsichtshalber die Pappe mit der Telefonnummer zusammen. Man kann ja nie wissen. Dann stehe ich auf.

»Aber nicht wegschmeißen. Ich bin nämlich slow food«, sagt Niko. Ich schweige verwirrt, während er mich erwartungsvoll angrinst.

»Mit Butter oder mit Öl?«, frage ich schließlich.

Nun ist auch er verwirrt.

»Die Bratkartoffeln«, helfe ich nach.

»Mit Öl anbraten, dann eine Spur Knoblauch, ein wenig Salbei und zum Schluss einen Stich Butter«, erläutert er seine Kochkünste.

»Unwiderstehlich«, sage ich und ziehe meine Jacke an.

»Und wie heißen Sie?«

»Lulu.«

»Unwiderstehlich«, echot meine Fastfoodbekanntschaft.

Da passiert es. Obwohl ich eine alte Baseballkappe trage und eine hellblaue Sonnenbrille, was mich eigentlich planvoll hatte entstellen sollen, stürzt eine resolute Mittfünfzigerin auf mich zu.

»Lulu! Das geht aber nicht! Schwangere sollten auf ihre Ernährung achten. Äh, kann ich ein Autogramm haben?«, rügt sie mich kauend.

Ich signiere schweigend die Papierserviette, die mir die Dame hinhält, während Niko mich stirnrunzelnd ansieht.

»Muss man Sie kennen?«, fragt er mich.

»Dat Lulu? Klar, die ist doch ein Star!«, weist ihn die Dame zurecht und ruft quer durch das Kachelrestaurant: »Herrmann, nun kuck doch mal, wer hier ist, die Lulu ausm Fernseh, schick mal die Kinder rüber!«

Ich lasse die Pappe unauffällig in meinem Rucksack verschwinden und greife zur Jacke.

»Wir sehen uns wieder. Spiegelei gibt es auch«, sagt Niko und lächelt. Seine Grübchen sind allerliebst. Endlich mal ein Nikolaus ohne Bart und Mütze.

»Spiegelei, Spiegelei an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?«, rufe ich und flüchte.

*

Zu Hause ist die Hölle los. Naja, eigentlich nichts Besonderes, einfach nur der ganz normale Alltagswahnsinn. Aus dem Faxgerät quellen eng beschriebene Blätter, der Müll stapelt sich säuberlich getrennt im Flur, die Bauklötze stauen sich vor der Waschmaschine.

Auf dem Küchenstuhl entdecke ich Lillis rote Socke mit der Mickeymaus, die ich schon seit Tagen suche. Na endlich. Aber eigentlich geht das Spiel jetzt erst richtig los. Ich nenne es das »Socken-Memory«. Dauernd findet man einzelne Socken. Und hat man dann endlich den passenden zweiten gesichtet, ist der erste schon längst wieder verschwunden. Wo war noch das Gegenstück? Im Badezimmer? Im Kinderzimmer? Im Schuhregal? Memory! So was hält Muttern fit im Gehirn. Brainjogging de luxe.

Irgendwie habe ich die Waschmaschine im Verdacht, heimlich Socken zu verschlingen. Keine Slips, keine BHs, keine T-Shirts, nur Socken. Vielleicht rächt sie sich damit für den Dauerbetrieb, der ihr in diesem Haushalt auferlegt ist.

Ich nehme den roten Socken und klemme ihn an der Pinnwand fest.

»Jung, ledig, rot, mit Mickeymaus-Aufdruck sucht Gleichgesinnten …«, murmele ich.

»Seit wann führst du denn Selbstgespräche?«

Tim stapft in die Küche und setzt schwer atmend seine Gießkanne ab. Er sieht süß aus. Sein gutartiges Jungsgesicht mit den blauen Augen strahlt vor Arglosigkeit. Seit er nicht nur Lilli und mich, sondern auch noch den Garten betreut, sind seine Nägel tiefschwarz und seine Gemütsverfassungen deutlich aufgehellt. Er hält das Wässern von Stiefmütterchen für eine zenbuddhistische Übung, und ich werde mich hüten, es ihm auszureden.

»Hallo, mein Timmi«, begrüße ich ihn.

Timmi ist mein Dauer-Ex-Lover mit Kuschelfaktor. Er gehört sozusagen zur Familie. Irgendwie hat er es geschafft, alle meine Flirts und Affären zu überdauern. Er ist das personifizierte Überlebensprinzip. Und das alles völlig unaufgeregt. Hingebungsvoll wischt er sich die erdigen Hände an seinem Bayern-München-T-Shirt ab.

»Der Garten ist entspannt«, sagt er stolz.

»Uaaah!«, antwortet Lilli.

»Wart ihr etwa wieder in diesem Gruselladen?«, fragt Timmi mit Blick auf Lilli, die gerade ihre Barbies mit Außerirdischen erschreckt.

»Ein bisschen Junk muss sein. Außerdem haben wir Max und Moritz getroffen.«

»Was du nichts sagst«, sagt Tim. »Sonst noch was?«

»Eine Autogrammjägerin. Halali!«

»Selbst schuld«, spöttelt Tim. »Wärst du zu Hause geblieben, hätte ich euch einen schönen Salat gemacht und Pasta bis zum Abwinken. Aber du brauchst ja immer das Bad in der Menge.«

»Hör mal, Timmilein, ich versuche einfach, Lilli ein wenig Normalität angedeihen zu lassen«, verteidige ich mich.

»Normalität? Also, normal ist das nicht«, grantelt Tim und zeigt auf Lillis Horrorkabinett.

»Kind, es wird Zeit, dass du mal Luftveränderung bekommst«, schaltet sich jetzt eine Dame ein, die ihre schrille Existenz ebenfalls unter unserem Hausdach führt. Noch vor wenigen Monaten gab sie Orgasmuskurse auf Mallorca, doch neuerdings hat sie das Familienleben entdeckt. Sie trägt handbemalte Seidenschals und bevorzugt Männer, deren Alter das ihre locker halbiert. Sie ist meine Mutter.

»Das ist doch Stress, dein Leben als Fernsehstar, und auch für Hieronymus ist das Gift!«, ruft sie.

Hieronymus ist der Arbeitstitel für den kleinen Mann in meinem Bauch. Irgendwann hat sie das werdende Leben so genannt, und nun reden alle nur noch von Hieronymus.

»Was soll ich denn machen? Perücke und Bart umhängen?«

»Aussteigen«, schlägt meine Mutter vor. »Und einsteigen in den Flieger. Ab nach Mallorca. Meine Finca ist völlig verwaist. Du könntest gleich mal nach dem Rechten sehen. Und Hieronymus kommt endlich mal zur Ruhe.«

»Ich komme mit«, beschließt Tim.

»Flieger? Ich höre immer nur Flieger!«, schaltet sich nun Robert ein.

Robert ist der Vater von Hieronymus. Aber es gibt noch einen Robert, Robert zwo, der meine Karriere managed. Ich nenne ihn zwecks besserer Unterscheidung Roberto, weil er eine Vorliebe für rasend elegante italienische Anzüge hat. Zuviel auf einmal? Alles ein bisschen verwirrend? Finde ich manchmal auch.

Also gut, dann noch mal ganz von vorn.

Ich heiße Lulu Knospe. Ein Kunstname. Denn eigentlich haben sich meine Eltern in einem Anfall akuter Kalauerei den Namen Rosemarie Knospe für mich ausgesucht. Da muss Alkohol im Spiel gewesen sein, keine Frage. Nachdem meine Kindheit geprägt war von dummen Bemerkungen, habe ich dann mit achtzehn beschlossen, die elterliche Willkür zu korrigieren. Und Lulu klingt doch nicht schlecht, oder?

Bis vor kurzem war ich alleinerziehende Mutter. Naja, fast. Denn, wie gesagt, Timmi gehört seit Jahren irgendwie dazu. Ein Lebenskünstler, wie er im Buche steht. Er fährt Taxi, wenn es an Barem mangelt, und ansonsten ist er eine Art guter Geist in Hosen. Eine Haushälterin ohne Spitzenhäubchen. Die Idylle war perfekt. Doch dann beschloss ich mit einer Freundin, einen Babysitter zu engagieren. Und statt der kleinen Schülerin, die sich angekündigt hatte, marschierte Robert an. Dass er der Vater der Schülerin war und mal sehen wollte, wo seine Tochter so landen würde, das konnten wir nicht ahnen. Und Robert fand dermaßen Gefallen an mir, dass er das Missverständnis nicht aufklärte. Ich war natürlich entzückt über den attraktiven Babysitter, und so kam es, wie es kommen musste: Wir verliebten uns heftig und zeugten im Überschwang Hieronymus. Nun gehört auch Robert zur Familie.

Ach ja, und dann ist da ja auch noch besagter Roberto. Er war Roberts erbitterter Konkurrent. Ein Fernseh-Produzent, der mich als Moderatorin entdeckt hatte, und mich dann in seinem Loft verführte. Nach allen Regeln des Designs, vom edlen Sushi bis zum wohltemperierten Wasserbett. Roberto ist wirklich sehr stilbewusst, aber als Mutter weiß man, dass Stil nicht ausreicht, um den Alltag zu wuppen. Windelnwechseln und Näschen putzen und Breichen kochen ist nicht eine Frage des Designs.

Voilà, das ist sie, meine Familie.

»Darf ich bitte auch ein Wörtchen mitreden?«, rufe ich in das allgemeine Palaver hinein.

»Uaaah!«, schreit Lilli, die ihre Außerirdischen gerade im Backofen deponiert.

»Wir könnten natürlich …«, setzt Robert an, während Mutter sagt: »Ich würde auch so gern mal wieder …«, doch ich halte es nun nicht mehr aus.

»Wir? Was heißt hier wir? Ich soll mich doch erholen! Wenn hier einer fliegt, dann ich. Und Lilli natürlich.«

Betretenes Schweigen.

»Na ja, wenigstens eine Woche, okay? Und dann kommt ihr alle nach.«

Timmi zuckt die Achseln, Mutter ist beleidigt, und Robert wölbt seine Unterlippe vor wie ein Zweijähriger.

Ich liebe meine komische kleine Familie. Ich liebe sie wirklich. Aber manchmal möchte ich einfach frühstücken ohne Dialoge, die aus einer drittklassigen Soap zu stammen scheinen. Denn schon beim ersten Toast erläutert Mutter die Liebeskünste ihrer gerade aktuellen Lover, räsonniert Robert über Chakren-Tai-chi, philosophiert Tim über die Stiefmütterchenzucht.

Ich sehe auf die Uhr.

»Ach, du liebes bisschen, schon sechs. In einer Stunde muss ich im Studio sein. Und ich muss noch die ganzen Faxe lesen. Die Briefings über die Gäste und …«

»Stress, Stress, Stress, du brauchst wirklich mal eine Auszeit«, ermahnt mich Robert, der Kindsvater.

»Ab in die Sonne! Pedro kocht dir eine schöne Paella, und dann ist alles paletti«, pflichtet Mutter ihm bei.

Mallorca. Mädels in nassen T-Shirts tauchen vor meinem geistigen Auge auf, Rudel abenteuerhungriger Teenager, gerötete Senioren und Eimer voll Sangria.

»Auf Mallorca ist doch Megaparty, was soll ich denn da?«

»Weit gefehlt«, widerspricht Timmi, »Mallorca ist doch mittlerweile das Austeigerparadies par excellence. Das ganze Sortiment hängt da ab, vom gestressten Art Director bis zur durchgeknallten Handarbeitslehrerein. Einfach Kult.«

»Papperlapapp«, sagt Mutter und beginnt, Salatblätter zu zerfetzen, »in meinem Orangenhain ist es völlig ruhig. Wenn ich nicht jahrelang dort meditiert hätte, wäre ich bei weitem nicht so gut beieinander.«

Mutter ist in der Tat ein Knaller. Obwohl sie die Sechzig längst überschritten hat, würde man nicht gerade auf Seniorenheim tippen, wenn man sie sieht. Von den steingrauen Popelinemänteln und den versprayten Dauerwellen ihrer Generation jedenfalls ist sie Lichtjahre entfernt. Sie trägt verwegene Fransenfrisuren mit bunten Strähnchen und verschleiert ihre Neigung zur Korpulenz mit rasanten Gewändern. Ihre Meditationsphase allerdings war wohl weniger von nonnenhafter Einkehr bestimmt als von einer Affaire mit Pedro, ihrem spanischen Hausgehilfen.

Ich mustere ihr Kleid. Ungewöhnlich hübsches Teil eigentlich. Ein äußerst dezenter, dunkelgrauer Stoff, ein Schnitt, der alle Pölsterchen wegzaubert, ein … Moment mal, das ist ja mein Kleid! Mein funkelnagelneues Umstandskleid! Das Teil, das ich heute Abend in der Sendung tragen wollte.

»Mutter, was hast du da an?«, frage ich so beherrscht wie möglich.

Ertappt. Schuldbewusst rührt sie an einer Salatsauce herum. Der Schneebesen fliegt durch die Schüssel.

»Es war immer mein Traum, dass ich mit meiner Tochter den Kleiderschrank teile«, verteidigt sie sich. »Geteilte Garderobe ist doppelte Garderobe! Und seit du schwanger bist, ist dieser Traum endlich Wirklichkeit geworden! In deine winzigen Jeans, die du sonst so trägst, passe ich ja leider nicht mehr hinein.«

»Aber das ist mein Outfit für heute Abend!«, rufe ich entnervt.

»Das WAR dein Outfit für heute Abend«, sagt Robert und deutet auf die gleichmäßig verteilten Spritzer aus Essig und Öl, die die mütterliche Kochveranstaltung auf meinem Kleid hinterlassen hat.

Ich lasse mich auf das Küchensofa fallen.

»Schätzchen, halb so schlimm, ich revanchiere mich natürlich«, flötet meine Mutter. »Ich habe da ein pinkfarbenes Chausuble, ist so gut wie ungetragen, und …«

»Think pink!«, grinst Robert und holt sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Einer aus der rechtsdrehenden Abteilung. Robert ist stolz auf seine intakte Darmflora. Er ist überhaupt sehr intakt. Ein Fels in der Brandung. Ein ruhiger Beobachter. Und zum Glück auch ein stiller Genießer. Ach, Robert.

»Was stinkt hier eigentlich so komisch?«, will Tim wissen.

»Meine Salatsauce ist das nicht«, sagt Mutter schnippisch.

Tim öffnet den Backofen. Ein Schwall stechend riechenden Rauchs kommt ihm entgegen.

»Ich fürchte, das sind gegrillte Außerirdische«, ächze ich.

Wahnsinn. Willkommen bei Familie Fürchterlich.

Lilli strahlt.

»Meine Aus-Hirsche sind im Spaß-Schattel verglüht!«, verkündet sie.

Scotty, beam me up. Und zwar ganz weit weg.

»Space-Shuttle«, dolmetsche ich für die staunende Restfamilie. Dann schleppe ich mich ins Wohnzimmer und greife zu den Faxen, die verdächtig unvollständig wirken. Wo ist denn die Seite drei? Ach so. Lilli kann neuerdings Papierflieger basteln, das begabte Kind.

Warum hat mich keiner gewarnt? Warum hat mir keiner gesagt, dass das Familienleben ein Extremsport ist? Lulu Knospe, die patente Beraterin in allen Lebensfragen, dass ich nicht lache. Chaos, wohin das Auge blickt.

Robert bringt mir Tee.

»Aura-Tee«, raunt er, »mit Ingwer, Zimt und Kardamom, der bringt alles wieder in Ordnung.«

Er hockt sich auf den Teppich und umschlingt seine Knie. Sein schönes, schmales Gesicht mit dem weichen Mund, der so sensationell küsst, ist sorgenvoll zerfurcht.

»Alles in Ordnung, meine Kleine?«, fragt er.

»Geht schon«, sage ich und fange an zu lesen. Ich bin nicht klein. Aber er meint es gut.

»Die Idee mit der Auszeit ist wirklich nicht schlecht«, sagt er leise. »Ich mache mir auch ein wenig Sorgen um Hieronymus.«

»Du kannst ja ein Räucherstäbchen für ihn anzünden«, schlage ich vor. Robert ist Chakrenberater und Aurareiniger, eine Art seelische Reinigungskraft, oder sagen wir mal, ein auratechnischer Putzmann, der statt mit Kehrblech und Aufnehmer mit allerlei esoterischem Schnickschnack arbeitet. Ich kann immer wieder darüber staunen, wie erfolgreich er damit ist. Seine Praxis in unserem Gartenhaus ist eine Pilgerstätte für verzagte Studienräte und ausgebrannte Werbetexterinnen, die ihn als ihren Retter verehren. Zu seinem großen Kummer bin ich weitgehend therapierestistent. Aber der Tee schmeckt gut. Ingwer wärmt so angenehm.

»Nun bleib doch mal ernst, Lulu«, sagt Robert vorwurfsvoll.

»Ernst? Also wenn ich dieses ganze Durcheinander ernst nehmen würde, dann könnte ich mich auch gleich einliefern lassen in die Geschlossene!«

Robert schweigt eine Weile.

»Aber vor dem Schlafengehen möchte ich Hieronymus noch eine Geschichte vorlesen«, sagt er.

Hieronymus. Ich höre immer nur noch Hieronymus. Von mir spricht keiner mehr. Sicher, ich liebe dieses kleine Wesen in mir, aber manchmal ist es schon seltsam, wie alle über ihn reden, als sei ich gar nicht mehr da, als sei ich nur noch ein Container für das werdende Leben.
Erwartungsvoll sieht Robert mich an.

»Könntest du ausnahmsweise auch mal was vorlesen, was Kind UND Mutter erfreut?«, frage ich.

Robert liest nämlich immer Geschichten in einer undefinierbaren Babysprache, die sein indischer Guru für die Sprache der Ungeborenen hält. Sie ist vokalreich und garantiert sinnfrei.

Während ich im Bett liege und mir die Fingernägel lackiere – die Fußnägel schaffe ich nicht mehr –, kniet Robert dann immer mit seinem Buch neben meinem Bauchnabel und raunt hinein: »Laila, banuai bilena, muulia wooo …«

»Für den ›Kleinen Prinzen‹ ist es einfach noch zu früh«, sagt er bekümmert.

»Aber für den großen Prinzen ist es nie zu spät«, erwidere ich ein wenig vorlaut. Niko fällt mir ein, der Vater von Max und Moritz, doch sogleich rufe ich mich wieder zur Ordnung. Robert ist wunderbar. Und meine Neigung zu kleinen Flirts ist wirklich unmöglich.

Robert fixiert mich misstrauisch.

»Ist schon gut«, sage ich und küsse sacht seine Stirn. »Du bist mein großer Prinz. Und ein toller Vater. Also her mit dem Vokalkrempel. Wir machen es uns später ganz doll gemütlich, und dann liest du wieder vor, okay?«

»Okay, mein hyperaktiver Hase«, sagt Robert zärtlich und streichelt meinen Bauch.

Das Telefon klingelt. Es ist Roberto.

»In zehn Minuten holt dich der Fahrer ab. Bist du gut drauf? Hast du die Faxe bekommen? Hast du was gegessen?«

Ich nicke brav, obwohl Roberto es nicht sehen kann, und antworte: »Läuft alles super. Mein Kleid ist im Eimer, zum Essen gab es gebackene Außerirdische, mein IQ reicht so gerade fürs Sockenmemory, und die Faxe kann ich ganz in Ruhe im Auto lesen, wenn ich sie wiedergefunden und entknittert habe.«

Am anderen Ende der Leitung ist es eine Weile still.

»Lulu?«, sagt Roberto schließlich. »Das … das war gerade nicht dein Ernst, oder?«

»Nein, das war mein Hieronymus«, antworte ich und schließe die Augen.

»Dann mach dich mal auf die Socken. Apropos – was ist übrigens Sockenmemory?«

»Ein überaus wichtiges Thema für die nächste Sendung«, sage ich. »Ciao, bis gleich!«

*

»Das Kleid ist ja ein Brüller. Da winselt selbst der Blindenhund. Lulu, du siehst wirklich heiß aus, warum trägst du nicht öfter Pink?«

Werner, der Aufnahmeleiter, hebt den Daumen und umarmt mich dann vorsichtig. Nach einer eher zickigen Anfangsphase, in der er den vergrantelten Profi gab, der es der Anfängerin mal zeigte, haben wir ...

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