Logo weiterlesen.de
Mädchenmorde

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38
  45. Kapitel 39
  46. Kapitel 40
  47. Kapitel 41
  48. Kapitel 42
  49. Kapitel 43
  50. Kapitel 44
  51. Kapitel 45
  52. Anmerkungen der Autorin
  53. Danksagung

Über die Autorin

Alison Littlewood ist Autorin von Spannungsromanen, Dark Fantasy und Horror. Ihre Kurzgeschichten wurden bereits in zahlreichen Magazinen veröffentlicht. Ihr Debüt Winters Herz erfuhr aufgrund seiner Eindringlichkeit sehr positive Resonanz.

Littlewood lebt mit ihrem Partner in der Nähe von Wakefield in West Yorkshire. Für weitere Informationen besuchen Sie die Autorin auf: alisonlittlewood.co.uk

Alison Littlewood

Mädchenmorde

Roman

Aus dem Englischen
von Michael Krug

Für diejenigen, die wir verloren haben:

Marjorie und Miriam, Nev und Mark

Prolog

Als Alice Hyland erwachte, wusste sie, dass ein neues Jahr begonnen hatte. Dabei spielte es keine Rolle, dass es April und nicht Januar war. Für sie bedeutete ein neues Jahr neues Leben, und sie wusste, dass Narzissen ihre grünen Triebe durch die kalte, dunkle Erde schieben und die Sonne über die Wipfel des Waldes von Newmillerdam scheinen würde. Sie wusste es, weil Vogelgezwitscher ihr Schlafzimmer so klar und eindringlich erfüllte, dass sie sich nicht einmal darüber ärgern konnte, davon geweckt worden zu sein. Alice streckte sich, als sie mit leisen Schritten über den weichen, grauen Teppich im Zimmer ging, die Vorhänge aufzog und strahlendes Morgenlicht enthüllte.

Sie schloss die Lider und malte sich den Vogel aus, der so inbrünstig sang, dass es sich anhörte, als müsse sein Herz zerspringen. Mit einem Lächeln öffnete sie die Augen, und es wurde augenblicklich noch breiter. Alice hatte mit einem unscheinbaren, grau-braunen Geschöpf gerechnet, das die Federn gegen die frühmorgendliche Kälte aufplusterte. Stattdessen erwies sich der Vogel, der auf einem Ast des mit ersten Knospen gesegneten Apfelbaums mitten in Alices Garten saß, als so bunt, dass er beinah zu schillern schien. Der Kopf war türkis, der dunklere Körper hatte die Farbe des Himmels im sommerlichen Griechenland.

Das schien fast unmöglich.

Aus dem geöffneten Schnabel drangen die Töne durch die Luft zu Alice, eine Melodie der Freude, des Lebens, des ungebändigten Daseins.

Sie blinzelte. Das Tier sah weder wie ein aus einem Käfig entkommener Wellensittich noch wie ein Blauhäher oder sonstiger Vogel aus, von dem sie je gehört hatte. Sie hatte einmal einen Eisvogel gesehen und erinnerte sich an das Aufblitzen von strahlendem Blau, als er halb fliegend, halb stürzend auf das Wasser zugehalten hatte –Alice hatte geglaubt, er fiele. Der Vogel hatte die Oberfläche des Flusses allerdings nur gestreift und war dann auf einen Ast emporgeflattert, wo er seine rostorangefarbene Brust präsentiert hatte. Dieser Vogel hier wies keine derartige Färbung auf; er war auch kleiner als ein Häher, sogar kleiner als ein Eisvogel und war blau von Kopf bis Fuß; durchgehend und unbestreitbar blau.

Der blaue Vogel. Es schien, als wäre etwas aus einem Märchen zum Leben erwacht und sänge sich in ihrem Garten das Herz aus dem Leib wie ein gutes Vorzeichen. Sie hatte L’Oiseau Bleu schon längere Zeit nicht mehr in ihren Vorlesungen behandelt und sich stattdessen auf die Grundlagen konzentriert, auf Schneewittchen, Aschenputtel und Rotkäppchen, Geschichten, die ihre Studenten kannten. Vielleicht sollte sie L’Oiseau Bleu wieder in den Lehrplan aufnehmen. Als Alice das Fenster aufschob, stellte sie fest, dass der Vogel wirklich wunderschön war. Kühle Luft drang herein, und Alice vermeinte, darin den Frühling zu riechen.

L’Oiseau Bleu hieß ein Märchen, das Ende des siebzehnten Jahrhunderts entstanden war. Jeder Vogel verkörperte einen verzauberten Prinzen. »Sing weiter, süßer Prinz«, flüsterte sie und fragte sich, was ihre Studenten wohl denken würden, wenn sie Alice jetzt sehen könnten, wie sie sich, eben erst aus dem Schlaf erwacht, aus dem Fenster lehnte und mit einem Vogel redete, während ihr das zerzauste, helle Haar ums Gesicht baumelte. Sie sollte in die Wohnung zurückkehren … doch der blaue Vogel sah sie an. Er fixierte sie starr mit seinen winzigen, wasserklaren Augen. Beinah missfiel ihr dieser Blick. Vögel starrten doch nicht so, oder? Höchstens ein Raubvogel, der seine nächste Mahlzeit ins Auge fasste, aber kein so kleines, zaghaft wirkendes Geschöpf.

Tschiep, tschiep, tschiep. Der schrille Rhythmus wiederholte sich immer und immer wieder, entwickelte sich weiter, während Alice lauschte. Bald klangen die Laute wie Worte, bald wie ein Pfeifen, das unangenehm hoch anschwoll, dann wie eine Abfolge von pulsierenden Lauten, wie man sie von einem Insekt erwarten mochte. Tschiep, tschiep, tschiep.

Alice löste den Blick von dem Tier und legte die Hand auf den Fenstergriff. Sie sollte sich duschen, anziehen und mit all den normalen, alltäglichen Dingen beginnen. Vielleicht würde sie ihre Ausgangstexte durchstöbern und die Geschichte über den blauen Vogel suchen, der sich in einen Menschen verwandelt. Als sie aufschaute, sah sie, wie der Vogel, ein Gewirr aus Federn, Schnabel und Klauen, auf sie zuraste …

Jäh sog sie die Luft ein, wich erschrocken zurück, schlug das Fenster zu und beobachtete, wie der Vogel draußen kurz vor dem Aufprall abbog. Einen Moment lang sah sie einzelne gespreizte Schwanzfedern, das feinere, dunklere Gefieder an der Brust und wappnete sich schon für den dumpfen Knall von zerbrechlichen Knochen auf Glas.

Doch das Geräusch blieb aus; stattdessen trat Stille ein. Das Zimmer wirkte ohne die hohen, beständigen Vogellaute eigenartig leer.

Alice richtete sich auf, wischte sich Haarsträhnen aus dem Gesicht und spähte durchs Fenster. Sie konnte den Vogel nirgendwo entdecken. Als sie sich näher auf das Glas zu beugte, stieß sie mit der Stirn gegen die Scheibe. Das leise Geräusch ließ sie zusammenzucken. Nichts im Baum, nichts auf dem Boden, und nun, da der Vogel verschwunden war, fühlte sich die Begegnung unwirklich an, als hätte sie ihn vielleicht nie wirklich gesehen. Dann bemerkte sie, dass er etwas für sie zurückgelassen hatte, etwas Kleines und Blaues, das auf dem Fenstersims lag.

Sie öffnete das Fenster wieder und sah sich für den Fall um, dass der Vogel zurückkäme. Doch diesmal nahm sie nirgendwo eine Bewegung wahr, nur das leise Seufzen des Windes, der durch das Geäst im Waldland hinter ihrem Garten strich. Ihren Garten erreichte die Brise nicht; die Wipfel des Apfelbaums verharrten reglos. Alice streckte die Hand aus und ergriff die Feder. Sie erwies sich als klein, war aber vollständig und wunderschön ausgeformt. Das Blau war etwas heller. Die Feder stammte von einer höheren Stelle des Vogelkörpers. Sie hielt sie behutsam am Kiel und betrachtete sie. Sie fühlte sich wie ein Geschenk an, wie etwas Geweihtes; ein Hauch von etwas, das zugleich unmöglich, doch unbestreitbar und so blau wie der Himmel im Frühling war.

Kapitel 1

Angie Farrell wusste, dass sich das Foto unter ihrer Handtasche verbarg, der schwarzen Clutch mit den Silbernieten, die noch auf dem Tisch lag, wo Angie sie am vergangenen Abend gelassen hatte. Sie stellte ihre Schüssel mit Frühstücksflocken daneben, verschüttete dabei ein wenig fettarme Milch über den Rand und begann, sich Cornflakes in den Mund zu löffeln. Die knusprigen Flocken klangen zu laut, fühlten sich hart an ihrem Gaumen an und schüttelten ihren Schädel durch. Sie hatte sich einen Drink genehmigt, als sie angekommen war, danach noch einen. Das hatte sie so nicht geplant, doch sie war unschlüssig gewesen, ob sie zu Bett gehen oder aufbleiben und auf Chrissie warten sollte. Stattdessen war sie allein im Wohnzimmer geendet, wo sie ihr Spiegelbild angestarrt hatte. Im Haus hatten Stille und Kälte geherrscht – die Heizung war längst abgestellt worden, allerdings hatte der Winter seine Umklammerung noch nicht völlig aufgegeben.

Angie hatte die Lampe nicht eingeschaltet, doch das grelle, von der Seite aus der Küche einfallende Neonlicht hatte die Linien erhellt, die sich immer tiefer auf ihrer Stirn und um ihre Lippen einnisteten. Sie hatte sich nicht gerührt, und sie hatte sich auch das Foto nicht noch einmal angesehen. Sie kannte es bereits und musste es nicht zweimal betrachten. Allerdings hatte sie die Uhr im Auge behalten, und als sie festgestellt hatte, dass die Tanzveranstaltung zu Ende war, hatte sie beschlossen, eine Flasche Wein aufzumachen, auch wenn sie allein trinken würde. Maurice hatte sich vor Jahren verdrückt und mit seinem jungen Püppchen eine billige Kneipe an einem der weniger angesagten Küstenstriche Spaniens gekauft. Er war nicht einmal lange genug geblieben, um die Scheidung einzureichen; das war an Angie hängen geblieben. Angie hatte sich um alles kümmern müssen, als wäre Maurice plötzlich der Jüngere, als ob die Jugend seiner neuen Freundin auf ihn abgefärbt hätte. Es war Angie gewesen, die Chrissie mitteilen musste, dass sie nunmehr das Kind eines zerrütteten Elternhauses war, und sie hatte sich bemüht, die Worte nicht zu genießen, obwohl die Gehässigkeit in ihr gebrodelt hatte.

Es war Angie, die allein trinken musste.

Sie rührte sich, beugte sich über den Tisch und zog die Tasche zu sich heran. Dabei schleifte sie das Foto mit. Angie zog es unter der Tasche hervor und drehte es um. Einen Moment lang fühlte sie sich wie geblendet vom Lächeln ihrer Tochter.

Nein, nicht geblendet; sie zuckte zusammen.

Chrissie wurde von einem Kranz riesiger Narzissen und Gänseblümchen umrahmt. Die Stiele waren aus grünem Zwirn gesponnen, die weißen Blütenblätter aus schmalen Papierstreifen geschnitten, die gelben aus zartem Stoff, fast durchscheinend, wo die Strahlen sie durchdrangen. Die Lichter warfen einen warmen Schimmer auf die Haut ihrer Tochter und betonten helle Stellen an der Krone auf ihrem Kopf. Es war nichts als ein billiges Ding aus Plastik mit aufgeklebten Pailletten, aber in jenem Moment hatte ihre Tochter damit prunkvoll ausgesehen. Und das sprach auch aus ihren Augen – das Wissen um die eigene unbeschwerte Schönheit. Chrissie war von ihren Klassenkameraden umgeben, wenngleich sie niemanden davon ansah; vielmehr sahen sie Chrissie an, denn darin bestand ihre Aufgabe. Sie war Christina, vor ihnen allen zur Königin des Tanzes gekrönt, zur Königin des Frühlings in ihrem rot-gelben Kleid und ihrer billigen Krone. Alle anderen lächelten zu Chrissie empor, ihre bewundernden Höflinge.

Auch Angie war auf dem Bild zu sehen; sie hatte zu dem Zeitpunkt nicht gelächelt.

Sie ließ den Kopf hängen, als ihr Tränen in die Augen traten. Mit einem Finger fuhr sie über das Bild, fühlte jedoch weder glatte Haut noch ein Kleid aus Satin, nur eine kalte Oberfläche, die sie nicht durchdringen konnte. Angie strotzte vor Dingen, die sie sagen wollte, wusste jedoch nicht, worum es sich dabei handelte. Sie wusste nur, dass sie unglaublich stolz auf Chrissie war, auf ihr wundervolles kleines Mädchen – und gleichzeitig wollte sie das Foto mit den Zähnen zerreißen.

Es hatte mit Mr Cosgrove begonnen. Bei den Tanzveranstaltungen waren nicht viele Lehrer anwesend; darum kümmerten sich die als Helfer fungierenden Eltern; Mütter wie Angie, denen ihre Kinder nicht verbaten, hinzukommen, weil sie fürchteten, sich schämen zu müssen. Aber Mr Cosgrove war dort gewesen, und er hatte wie einer der coolen Lehrer gewirkt, wie einer derjenigen, die ihre Schüler auffordern, sie mit dem Vornamen anzureden. Angie kannte seinen Vornamen nicht, aber sie hatte die Tanzfläche überquert und sich unscheinbar neben ihn gestellt, als er sich Fruchtpunsch in einen Pappbecher schöpfte. Grinsend hatte er den Becher stattdessen ihr gereicht. Und der DJ hatte einen pulsierenden Beat aufgelegt.

»Starker Song. Groovy«, meinte er. Seine Wortwahl verriet Angie endgültig, dass er zu den coolen Lehrern gehörte. Der Name der Band fiel ihr nicht ein, aber sie kannte die Musik von den CDs, die Chrissie so gern in voller Lautstärke in ihrem Zimmer hörte, und sie nickte im Takt mit. Als sie einen Schluck von dem Punsch trank, verzog sie das Gesicht.

»Ich weiß«, sagte Mr Cosgrove. »Der Punsch könnte etwas Stärkeres vertragen.«

Sie drehte den Kopf, bedachte ihn mit ihrem besten strahlenden Lächeln und nickte. Immer noch bewegte sie sich zur Musik. Ihr Körper war bestens in Form zum Tanzen, immerhin trainierte sie viermal die Woche im Fitnesscenter – fünfmal, wenn sie es einrichten konnte. Ihr Haar schwang rings um ihr Gesicht, etwas dunkler als Chrissies helles Blond. Mr Cosgrove war vermutlich Ende dreißig. Er besaß gewöhnliche, wenngleich unrasierte Züge und strubbeliges Haar. Angie mochte strubbeliges Haar bei einem Mann, und einen Moment lang malte sie sich aus, was ihre Tochter sagen würde, wenn sie die Hand ausstreckte und mit den Fingern vor aller Augen durch die Strähnen ihres Lehrers fuhr. Beim Gedanken an das schockierte Kreischen, das ringsum einsetzen würde, lächelte sie. Chrissie befand sich irgendwo hinter ihr, zweifellos der Mittelpunkt einer Gruppe ihrer Freunde. Sie alle würden die Hände an den Mund reißen und sich gleichzeitig über die Musik hinweg ihren entrüsteten Klatsch zubrüllen. Zweifellos fragten sie sich, warum noch niemand Wodka in den Punsch geschmuggelt hatte. Allmählich stellte sich Angie dieselbe Frage.

»Sie müssen Chrissies Ma sein«, sagte Mr Cosgrove. Er streckte die Hand aus, und Angie schüttelte sie, ergriff sie nur an den Fingern. Sie konnte die Knochen unter der Haut fühlen.

»Angie«, stellte sie sich vor. »Mein Name ist Angie.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Angie. Ich bin Matt.«

Angie spürte, wie sich ihre Gesichtsmuskeln entspannten, und sie holte tief Luft. »Ist wirklich ein starker Song«, meinte sie. Er hob seinen Pappbecher an und berührte damit den ihren, bevor er einen ausgiebigen Schluck trank. Ein Impuls überkam sie, und sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, das sie beide an einen anderen Ort führen und echte Drinks in die Hände zaubern würde, und sei es nur für kurze Zeit. Dann kam er ihr zuvor. Der Impuls verkümmerte und erstarb. Sie konnte ihn förmlich schmecken wie etwas Schales, Abgestorbenes.

»Es ist so weit«, sagte er und verdrehte die Augen. »Der große Moment.«

Die Musik verstummte, und Angie konnte wieder ihren Herzschlag statt des steten, stampfenden Beats des Songs fühlen. Sie empfand leichte Enttäuschung und fragte sich, ob sie je wieder das Kribbeln im Bauch spüren würde, das mit einem neuen Mann einherging; gleichzeitig fragte sie sich, ob ihr Exmann dieses Gefühl mit seinem jungen Püppchen immer noch erlebte. Ihre Miene verfinsterte sich, als ein älterer Lehrer die Bühne betrat und das Mikrofon ergriff.

Er räusperte sich, und im Saal trat Stille ein. Eine kahle Stelle am Kopf des Mannes glänzte feucht im Schein der Spots, und er fasste mit der Hand hin, bevor er sie zum Mikrofon führte. Angie rümpfte die Nase und dachte an den nächsten, der kommen und das feuchte, kalte Metall ergreifen würde.

Zwei lächelnde Mädchen in tief ausgeschnittenen Kleidern gesellten sich auf der Bühne zu dem Lehrer und stellten sich zu seinen Seiten auf. Ihre Hüften präsentierten sich schmal und straff; noch nie von Fett gedehnt, bevor sie durch Stunden im Fitnesscenter bestraft werden mussten. Die Mädchen lächelten. Eines der beiden hielt einen Umschlag, das andere ein Samtkissen, das im trüben Licht dunkelviolett wirkte. Auf dem Kissen lag eine Krone.

Angie wusste bereits, was geschehen würde; es lag knisternd in der Luft, zeichnete sich in Chrissies geballten Händen ab. Ihre Tochter stand in der vordersten Reihe der Menschenmenge, die Haltung leger und unbeschwert, im Gesicht ein sorgloses Lächeln, das die Anspannung in ihren Fäusten Lügen strafte.

Der Lehrer schaltete das Mikrofon ein, achtete nicht auf das dumpfe Geräusch, das dabei durch den Saal hallte, und räusperte sich erneut. Er nuschelte etwas darüber, wie erfreulich es sei, dass sie alle hatten kommen können, und wie wunderschön sie alle aussähen und dass es trotzdem nur eine Königin der Frühlingstanzveranstaltung geben könne.

Er öffnete den Umschlag. Das Papier klebte an seinen klammen Händen, als er abermals verlegen hüstelte. »Ein eindeutiges Ergebnis«, verkündete er und sah sich um. »Unsere neue Königin ist Chrissie Farrell.«

Applaus brandete auf, gefolgt von Geschrei und vereinzelten, vom Rest übertönten spöttischen Bemerkungen. Angie lächelte oder glaubte zumindest, dass sie das tat, doch in ihrer Mimik lag auch Kummer – vor so langer Zeit … Sie spürte eine Hand am Arm; der Lehrer. An seinen Namen konnte sie sich nicht erinnern.

Er nickte in Richtung der Bühne, und sein Blick verharrte dort, als er sprach. »Ist das nicht Ihre Tochter? Kommen Sie, gehen Sie ruhig näher ran.«

Und natürlich wollte Angie das – welche Mutter würde es nicht wollen? Sie schaute auf und stellte fest, dass Chrissie wunderschön war, und endlich setzte Stolz ein. Ihre Augen brannten. Weinte sie etwa? Sie ließ sich zum Bühnenrand führen. Dort stand sie klatschend, als Chrissie ihre Krone erhielt und ihre ebenmäßigen, weißen Zähne zur Schau stellte. Ihre Haut wirkte glatt wie Buttercreme.

»Sie ist ein bezauberndes Mädchen«, merkte der ebenfalls applaudierende Lehrer an, nach wie vor an Angies Schulter. Mit seiner lockeren Haltung und seinem strubbeligen Haar strahlte er Lässigkeit aus.

Angie runzelte die Stirn, und auf der Stelle wurde alles weiß. Sie zuckte zusammen, dann kehrte schlagartig die Dunkelheit zurück. Sie schaute zu Chrissie und sah gelbliche Nachbilder um das Gesicht ihrer Tochter tänzeln. Als die verblassten, fiel ihr auf, dass Chrissie überhaupt nicht gezuckt und das Blitzlicht der Kamera wie etwas hingenommen hatte, das ihr gebührte. Mr … wie hieß er noch? Jedenfalls klatschte er nach wie vor, und dabei wanderte sein Blick den Körper ihrer Tochter auf und ab.

Als die Fotos später gedruckt wurden und Chrissie ihr das Bild in die Hände warf, sah Angie, was darauf festgehalten worden war: die von ihrem Gesichtsausdruck betonte Falte zwischen ihren Brauen, die trocken wirkende Haut, die schmalen, beinah verschlagen blickenden Augen. Alles, was sie denken konnte, war: Ich dachte, ich hätte gelächelt. Doch auf dem Foto lächelte sie nicht, bot nicht den Anblick der stolzen, glücklichen Mutter, die sie hätte sein sollen. Vielmehr sah sie neidisch aus, sah unglücklich aus. Sie sah alt aus.

Angie drehte sich dem Lehrer zu und wollte ihn doch noch zu einem Drink einladen. Nun, nicht an diesem Abend, denn Chrissie würde vermutlich wollen, dass sie bliebe. Aber vielleicht ein anderes Mal?

Doch die Stelle neben ihr war verwaist. Der Lehrer stand bei einer Gruppe Mädchen und bückte sich gerade, damit ihm eines davon etwas ins Ohr flüstern konnte. Er lächelte.

»Ma.«

Es war Chrissie. Ihre Tochter wirkte kleiner als zuvor auf der Bühne, und nicht nur wegen der erhöhten Plattform; sie schien irgendwie geschrumpft zu sein, verkörperte wieder nur Chrissie, ihre Tochter. Die Krone auf ihrem Kopf war nichts als billiger Tand aus Plastik. Angie erwiderte das Lächeln ihrer Tochter – diesmal mit einem echten Lächeln – und streckte sich ihr entgegen, um sie zu umarmen.

Chrissie wich einen Schritt zurück, schwankte auf ihren hohen Absätzen und hielt etwas hoch, um ihre Mutter abzuwehren: das Foto. »Ein paar Leute treffen sich nachher bei Kirsty«, sagte sie. »Ich komme noch zu spät.«

»Chrissie, darüber haben wir geredet.«

»Ma, fang nicht damit an.«

Angie schloss den Mund so abrupt, dass sie hörte, wie ihre Lippen schmatzend aufeinanderprallten, und ihr Lächeln verwandelte sich in eine finstere Miene. »Chrissie, ich bin heute Abend deinetwegen hergekommen – und jetzt willst du abhauen und …«

Ihre Tochter verdrehte die Augen und drängte Angie das Foto auf; sie musste es nehmen oder zu Boden fallen lassen.

»Ich muss, Ma. Alle gehen hin. Hör auf, mich wie ein Kind zu behandeln, okay? Und nimm das Foto mit nach Hause, ja?« Chrissie beugte sich vor, küsste ihre Mutter flüchtig auf die Wange und ging. Kurz blitzte noch ihr schillerndes, rot-gelbliches Kleid auf, als sie zwischen den anderen verschwand.

Angie drückte sich das Foto an die Brüste. Es dauerte eine lange Weile, bis sie es vor sich hielt und richtig betrachtete. Und ihr gefiel nicht, was sie sah; ganz und gar nicht. Sie schaute sich um. Der DJ spielte ein Lied, das sie nicht kannte, und der Tanzboden füllte sich. Ein Pärchen bewegte sich so nah an ihr vorbei, dass der Rock des Mädchens Angies Beine streifte. Der Lehrer mit dem strubbeligen Haar schien gegangen zu sein.

Mit dem Foto unter dem Arm bahnte sich Angie den Weg zurück zum Tisch mit den Erfrischungen und schenkte sich einen weiteren Becher mit Punsch ein. Ihre Tochter konnte sie nicht sehen, aber der Fotograf ging in einer Ecke noch seiner Arbeit nach, und die Mädchen stellten sich kichernd bei ihm an. Unter dem unablässigen Pulsieren der Musik konnte Angie das Surren eines Druckers hören. Sie steuerte darauf zu. Es würden weitere Bilder von Chrissie unter dem Rest sein – und von dir, flüsterte eine Stimme in ihrem Verstand; ein anderes Bild, um zu beweisen, dass sie nicht so war, wie sie auf dem Foto in ihrer Hand zu sein schien.

Es ist ein Foto. Es zeigt nur die Wahrheit.

Sie schüttelte den Kopf, um ihn freizubekommen, und trat an den Tisch, auf dem Bilder junger Mädchen ausgebreitet lagen: Mädchen in roten Kleidern, in schwarzen Kleidern, in rosa Kleidern, die Haare hochgesteckt oder um die Schultern wallend. Das Lächeln schien bei allen dasselbe zu sein.

»Kann ich das haben?«

Ein Foto wurde Angie aus der Hand genommen. Wie üblich war sie im Weg und dämpfte die Stimmung. Sie erkannte das Selbstmitleid in ihren Gedanken und gelangte zu dem Schluss, dass es ihr egal war. Dann hörte sie etwas, das sie innehalten und lauschen ließ.

»Cosgrove, ja, ganz ohne Scheiß!«

»Passt ja perfekt. Hast du seine Haare gesehen?« Quiekendes Gelächter.

Cosgrove. Das war er – der coole Lehrer.

»Und er ist Single.«

»Da hab ich was anderes gehört.«

Es entstand eine Pause zwischen den Worten – die Sprecherinnen waren weitergegangen oder hatten die Stimmen gesenkt. Dann sprachen sie weiter:

»Er vögelt diese Soundso in Beavers’ Gruppe.« Ein hohes Kichern ertönte, das Angie an klirrendes Glas denken ließ. Beavers; hieß nicht Chrissies Schulbetreuerin Beavers? Ja, Mrs Beavers, so lautete ihr Name.

Er vögelt diese Soundso in Beavers’ Gruppe.

»Dreckiger Mistkerl.« Diesmal ertönte von beiden Stimmen lautes, schrilles und lang anhaltendes Gelächter, bis plötzlich die Kamera blitzte und alles wieder in Weiß tauchte, Farben knallig und Gesichter blass werden ließ. Ein Blitzlicht, das alles erleuchtete, wenn auch nur für einen Wimpernschlag.

Er vögelt diese Soundso in Beavers’ Gruppe.

Nein, dachte Angie. Es muss nicht Chrissie sein, natürlich nicht. Es gab andere Mädchen in der Klasse und noch andere Gruppen; und es gab immer Gerüchte. Sie mussten nicht stimmen. Vielleicht schlief der Mann mit überhaupt niemandem, schon gar nicht mit einer Schülerin. Bestimmt würde er für etwas so Dummes und Flüchtiges nicht so viel aufs Spiel setzen. Dann jedoch erinnerte sie sich daran, wie der Lehrer ihre Tochter angesehen hatte, wie sein Blick ihren Körper hinauf- und wieder hinuntergewandert war, wie er sich wortlos von Angie entfernt hatte. Wie er sich gebückt hatte, damit ihm ein Mädchen ins Ohr flüstern konnte, so nah, dass er zweifellos den warmen Atem der Kleinen auf der Haut gespürt hatte.

Nein.

Wenn sie schon keinem Mann wie Cosgrove traute, dann musste sie Chrissie vertrauen. Ihre Tochter wäre nicht so dumm. Sie würde sich nicht so verschwenden. Natürlich hatten diese Mädchen nicht von Chrissie geredet; sie sollte wirklich eine höhere Meinung von ihrer Tochter haben. Chrissie konnte einen Raum betreten und ihn sich mit ihrem Tausend-Watt-Lächeln auf Anhieb unterwerfen. Meine Tochter.

»Möchten Sie fotografiert werden?«

Erschrocken schaute Angie auf und schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte nicht fotografiert werden; sie wollte nicht einmal mehr hier sein. Hastig wich sie zurück und überließ jemand anderem ihren Platz. Erneut sah sie sich im Saal um. Alles lief genauso ab, wie es ablaufen sollte. Sie brauchte nicht hier zu sein, nicht mehr. Es waren mehr als genug Erwachsene anwesend, und Chrissie würde es nicht einmal bemerken. Angie holte ihr Mobiltelefon hervor, um sich ein Taxi zu rufen, als sie zur Tür hinausging.

Wenn sie nach der Tanzveranstaltung nur nicht zu trinken angefangen hätte, dann hätte sie Chrissie in der vergangenen Nacht noch angerufen. Natürlich hätte das vermutlich nicht geholfen – das Mädchen hätte die Nummer erkannt und den Anruf ignoriert –, aber Angie hätte sich besser gefühlt. Selbstverständlich war ihr schon bald klar geworden, dass ihre Tochter nicht nach Hause kommen würde.

Vermutlich sollte sie wütend sein, doch es fiel ihr schwer, etwas anderes als Lethargie zu empfinden. Sie konnte Chrissie auch jetzt anrufen, doch sie fühlte sich nicht bereit dafür, konnte sich nicht dazu überwinden, sich der Feindseligkeit ihrer Tochter zu stellen. Chrissie hatte gesagt, sie würde bei ihrer Freundin Kirsty sein. Wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen war, hörte sie nie auf ihre Mutter.

Angie seufzte. Wenigstens war heute ihr freier Tag. Sie konnte jederzeit zurück ins Bett gehen. Sie würde den Knall der Tür hören, wenn Chrissie hereinkäme – ihre Tochter knallte die Tür immer zu. So könnte sie bis dahin Kraft für den Streit tanken, der ihnen zweifellos bevorstand.

Angie schob die halb aufgegessenen Cornflakes von sich. Plötzlich sah sie vor ihrem geistigen Auge klar und deutlich das Bild des Lehrers, Mr Cosgrove: eine Nahaufnahme seines Gesichts, die Züge angenehm angegraut wie bei einem Rockstar, der auf der Überholspur lebte. Dabei musste sie an die kichernden Mädchen denken. Rasch verdrängte sie den Gedanken. Chrissie würde sich niemals auf so jemanden einlassen; warum zum Geier hätten diese Mädchen ausgerechnet über sie reden sollen? Nicht alles drehte sich um ihre Tochter wie … wie eine Menschenmenge um eine Bühne.

Sie hörte ein Geräusch an der Tür und wartete auf das metallische Klicken von Chrissies Schlüssel im Schloss. Stattdessen vernahm sie das Scheppern des Briefschlitzes und gleich darauf den dumpfen Aufprall von irgendetwas auf dem Teppich.

Anfangs rührte sich Angie nicht; sie starrte nur auf den Brei, der ihr Frühstück gewesen war, dann stemmte sie sich aus dem Stuhl, um nachzusehen, worum es sich handelte.

Ein in braunes Papier gewickeltes Päckchen lag in einem Winkel von etwa dreißig Grad zur Tür auf dem Teppich von ihr abgewandt. Irgendetwas stimmte damit nicht. Es sollte verschnürt sein, dachte Angie. Denn ein solches Päckchen war es, sorgsam eingewickelt, sorgsam gefaltet. Zunächst wusste sie nicht, was ihr merkwürdig daran erschien – dann ging sie näher hin und erkannte es. Ihr Name und ihre Adresse standen ordentlich in schwarzem Filzstift darauf, aber es fehlten Briefmarken. Vielleicht stammte es von einem ihrer Nachbarn – aber warum dann die Adresse? Angie schüttelte den Kopf. Sie verhielt sich albern, eine Folge ihres Katers; immerhin sollte man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen.

Sie hob das Päckchen auf und betastete das trockene, saubere Papier. Wann hatte sie zuletzt ein in braunes Papier gewickeltes Päckchen erhalten? Sie fand das nett, etwas erfreulich Altmodisches.

Angie schüttelte das Päckchen und hörte, wie sich im Inneren etwas verlagerte. Sie betrachtete es weiter und drehte es in den Händen, als sie in die Küche ging. Dort holte sie die Schere und schnitt einen Falz entlang, öffnete die neu entstandenen Ränder und das durchtrennte Klebeband, strich das Papier glatt. Es wies eine leichte Körnung auf, ein diagonales Muster, das sich angenehm unter den Fingern anfühlte. Sie klappte die Schere auf, schob die Klinge unter die Verpackung und zog sie die Länge des Päckchens entlang.

Im Inneren befand sich eine Schachtel, neu und unbeschriftet; nicht wiederverwendet, wie es Angie mit alten Verpackungen tat, indem sie neue Adressen über die alten klebte. Um die hellbraune Schachtel waren schwarze Gummibänder angebracht. Als Angie die Bänder abstreifte, vermeinte sie, einen leichten Geruch wahrzunehmen, als wäre die Verpackung an einem muffigen Ort gelagert worden.

Sie hob den flachen Deckel ab. Zum Vorschein kam ein Gewirr von weißem Seidenpapier, und sie musste trotz allem unwillkürlich lächeln; trotz des Abends, den sie gehabt hatte, trotz der Kopfschmerzen, trotz des mulmigen Gefühls in ihrem Magen. Gute Dinge treffen in kleinen Päckchen ein, dachte sie, und noch bessere Dinge in Seidenpapier. Eingewickelt in etliche Lagen davon, knittrig wie …

… wie die Fältchen um deine Augen.

Angie verzog das Gesicht.

In der Schachtel befand sich ein glatter Gegenstand, ihre Finger identifizierten ihn als Glas. Sie zog die Seidenpapierlagen heraus und legte sie behutsam auf den Frühstückstisch. Mittlerweile konnte sie das Glas sehen – es war karmesinrot, zumindest sein Inhalt. Sie bemerkte, dass beim Transport etwas davon ausgelaufen war, ein dunkler, fast brauner Klecks verklebte die beiden letzten Seidenpapierlagen. Angie zog den Gegenstand mit einem frustrierten Zischen heraus und erkannte, worum es sich handelte.

Es war eine Flasche, alt und mit etlichen Rillen versehen – wie für Gift, dachte Angie. Was immer sie enthielt, war dunkel und klumpig, dieselbe zähe Flüssigkeit, die auf das Papier gesickert war. Sie bemerkte, dass sie etwas davon auf die Finger bekommen hatte, und zog die Hand zurück. Geruch ging davon aus, und sie konnte sich nicht erklären, warum er ihr nicht längst aufgefallen war, denn der Geruch war stark, süßlich, unrein und … stark. Sie wollte ihn aus der Nase bekommen, aus dem Haus haben. Als sie dazu ansetzte, die Schachtel wegzuschieben, wanderte ihr Blick nach oben, und sie sah, weshalb etwas aus der Flasche ausgelaufen war. Jetzt erst nahm sie wahr, was als Stöpsel diente. Ihr Mund klappte auf, und sie erstarrte. Dennoch hörte sie den Schrei, davon war sie überzeugt; sie hörte ihn in ihrem Kopf, und er setzte sich schier endlos fort, wiederholte sich immer und immer wieder. Sie wusste, dass der Schrei nie enden würde, nie geendet hatte …

Kein Laut ertönte, nicht der geringste. Als sie das Objekt anstarrte, herrschte völlige Stille, außer in Angies Verstand. Sie hörte und fühlte die Stille. Sie spürte, wie alles rings um sie weiterging – die Blätter draußen wuchsen weiter, die Blumen schoben ihre Köpfe weiterhin aus der Erde. Und Angie wollte, dass alles aufhörte, denn das konnte nicht geschehen. Es war schlichtweg nicht möglich, ganz und gar nicht.

Eine Zehe verstöpselte die Flasche, so kräftig in den schmalen Hals gedrückt, dass sich die Haut zurückgeschoben und gerunzelt hatte. Es handelte sich um keine große Zehe. Die hätte auch nicht hineingepasst, dachte Angie, ohne zu wissen, warum sie das dachte, warum es überhaupt eine Rolle spielen sollte. Sie wusste jedoch sehr wohl, um wessen Zehe es sich handelte; sie erkannte den hellen Orangeton des Nagellacks. Die Farbe war so sorgsam ausgewählt, so sorgsam aufgetragen worden. Nun aber wirkte der Ton zu grell, geradezu lächerlich im Vergleich zu der gräulichen, absterbenden Haut. Tot, ging es Angie durch den Kopf, die Haut war tot, aber das Wort wollte sich nicht festsetzen, konnte keine Verbindung mit irgendetwas in ihrem Verstand herstellen. Was daran lag, dass sie nicht wollte, dass es das tat, noch nicht. Überhaupt nie.

Die Farbe war Anlass für eine ihrer kleinen Streitigkeiten gewesen. Sie waren in Leeds gewesen, waren extra hingefahren, um das Kleid und das Make-up zu kaufen, damit Chrissie es nicht von Angie stibitzen musste – was ohnehin noch nie funktioniert hatte. Stundenlang hatten sie im Laden gestanden und bald diesen, bald jenen Farbton ausprobiert. Es hatte so lange gedauert, sich für einen zu entscheiden, und es war dennoch bei Orange geblieben. Angie hatte zu Chrissie gesagt, dass die Farbe hässlich sei. Doch Chrissie hatte darauf bestanden, dass es gar nicht Orange, sondern Rotgelb sei und deshalb sehr wohl zu ihrem Kleid passe.

Es passt aber nicht zu deiner toten Haut, ging Angie durch den Kopf, und Gelächter stieg wie eine dicke Blase in ihr auf. Ihre Hand schoss zu ihrem Mund hoch, erfasste ihre Lippen und verdrehte sie, um das Lachen in sich zu behalten.

Der Nagel wirkte auf einer Seite beinah zerdrückt – es sah aus, als wäre er von etwas gequetscht worden, vielleicht von einer Zange.

Angie wandte den Kopf ab. Sie spürte Tränen auf den Wangen, wenngleich sie nicht gefühlt hatte, wie sie ihr in die Augen getreten waren.

Sie schaute zurück zu dem Gegenstand auf dem Tisch, betrachtete das Seidenpapier, das ihn wie Schnee umgab, die glatten Seiten der Schachtel. Die war neu, dachte sie. Keine Spuren. Und wieder wollte sie lachen. Plötzlich gaben ihre Beine nach, und sie fand sich auf dem Boden wieder, klammerte sich am Tischrand fest. Da lachte sie tatsächlich, doch das Lachen drang als merkwürdiges Geräusch aus ihr hervor, und Angie begann zu weinen.

Es ist nicht sie, ging ihr durch den Kopf.

Jemand hat ihr nur wehgetan. Es ist bloß eine Zehe. Zorn stieg in ihr auf, eine jähe, kalte Wut darüber, dass jemand ihre Tochter verletzt, ihre weiche Haut mit einer dicken Blechschere bearbeitet hatte. Kälte durchströmte sie. Ihre Schultern zitterten vor plötzlichem Frost, der sie überfiel und nicht mehr loslassen wollte. Sie war allein. Angie hoffte auf eine Art Zorn darüber, auf die alte, behagliche Verbitterung, die vielleicht all das an einen anderen Ort verdrängen würde.

Aber sie war weg. Chrissie war weg, und Angie wusste nicht, wohin, denn sie hatte die Tanzveranstaltung verlassen, hatte ihrer Tochter gestattet, alleine weiterzuziehen, als wäre sie nicht mehr Angies kleines Mädchen, Angies Baby.

Ein Schmerz durchzuckte sie, riss die Mitte ihrer Brust auf. Sie beugte sich vor und schlang die Arme eng um ihren Körper. Angie wiegte sich hin und her, und ein Stöhnen drang über ihre Lippen. Wie seltsam, dachte sie. Wie seltsam, dass ich ein solches Geräusch laut von mir gebe, wo ich doch allein hier bin. Sie wusste, dass sich die Schachtel immer noch über ihr auf dem Tisch befand. Sie konnte nicht real sein, und Angie wollte sie nicht mehr ansehen, wollte sie nicht noch einmal real werden lassen. Irgendwo hörte sie einen Vogel singen und hob halb den Kopf. Ihre Sicht verschwamm. Sie glaubte, sich übergeben zu müssen, ihr musste doch übel sein, aber nein, ihr Magen hatte sich beruhigt. Er fühlte sich verräterisch gefestigt an, während der Rest von ihr nur aus einer taumelnden Leere zu bestehen schien.

Sie musste die Polizei anrufen.

Angie hielt sich an der Tischfläche fest, achtete darauf, die Schachtel nicht zu berühren – nie wieder –, und zog sich hoch. Mittlerweile empfand sie ihre Beine als unstet, nicht ihren Magen. Sie durchquerte den Raum zum Telefon und fühlte sich wie damals, als Chrissie noch klein gewesen war und sie dazu überredet hatte, rollerskaten zu gehen. Während sie mit den anderen Leuten auf der Bahn ihre Runden gedreht hatten, war alles in Ordnung gewesen. Erst als sie die Rollschuhe ausgezogen hatte, da hatte sie angefangen, sich wackelig zu fühlen, als hätte sich die Welt zu etwas gewandelt, dem man das eigene Gewicht nicht anvertrauen konnte.

Sie nahm nicht bewusst wahr, was sie der Polizei meldete. Allerdings erinnerte sie sich daran, dass sie es dreimal wiederholen musste und am liebsten geschrien hätte, als sie aufgefordert wurde, es noch einmal auszusprechen. »Ihre Zehe«, stieß sie immer wieder hervor. »Es ist ihre Zehe.« An das Blut dachte sie erst, als sie um eine Erklärung ersucht wurde – davor hatte sie nicht bewusst erkannt, was sich in der Flasche befand. »Es ist Blut«, sagte sie, und da begann sie zu weinen, heftig und unkontrollierbar. Weinen macht hässlich, hatte sie sich immer eingeredet, doch nun war es ihr völlig egal. Sie würde gern für immer hässlich sein, wenn nur Chrissie zurückkäme; gesund, unversehrt und nach Pfirsichen duftend.

Angie stellte fest, dass sie neben dem Telefon saß und vor Schluchzen zitterte. Der Hörer lag in der Halterung, und sie wusste nicht mehr, ob sie das Gespräch beendet oder einfach aufgelegt hatte. Sie versuchte, sich zu erinnern, ob sie ihre Adresse angegeben hatte, doch es gelang ihr nicht. Dennoch fühlte sie, dass die Polizei kommen würde. Sie musste kommen, denn wenn sie es nicht täte, würde sie einfach hier sitzen, bis irgendjemand auftauchte. Sie hoffte – hoffte –, dass diese Person Chrissie sein würde.

Der Gedanke an ihre Tochter ließ ihr Zittern enden. Sie durfte nicht einfach hier sitzen – sie musste stark sein, sie musste ihr kleines Mädchen finden und nach Haus holen, gesund und wohlbehalten, wie sie es immer gewesen war. Dann erinnerte sie sich an Chrissies Handy und griff erneut zum Telefon, drückte die 1 – die Kurzwahl, die eine Verbindung zu ihrem einzigen Kind herstellen würde. Natürlich würde es so sein. Chrissie würde abheben, ihr Tonfall lässig und respektlos wie immer, aber diesmal würde es Angie nicht stören, überhaupt nicht. Und wenn sie nicht ranginge – dann würde Chrissie sie lediglich ignorieren, wahrscheinlich mit verzogener Miene ihr Handy betrachten und mit ihren Freundinnen lachen, während sie den Anruf ihrer Voicemail überließ, weil sie ihre Mutter nicht brauchte, weil sie sich bei ihren Freundinnen aufhielt und immer noch Spaß hatte. Immer noch gesund, immer noch unversehrt.

Es klingelte nicht.

Angie saß mit dem Telefon in der Hand da und schaute zurück zum Tisch. Die Schachtel befand sich noch dort. Die Wolke aus Seidenpapier rings um das Päckchen wirkte mittlerweile wie ein böser Zauber. Angie richtete den Blick stattdessen aufs Fenster und stellte überrascht fest, dass alles wie immer zu sein schien. Die Hecke ihres Nachbarn musste gestutzt werden. Hellgrüne Knospen sprenkelten die Büsche, und der Himmel präsentierte sich hellblau; es würde ein klarer Tag werden. Irgendwo zwitscherte ein Vogel. Nur langsam erreichten die Töne ihr Bewusstsein. Sie hörte, wie das Zwitschern kräftiger wurde, bevor es erstarb und erneut zu einem schrillen Refrain anschwoll. Die Tür der Fullers brauchte einen neuen Anstrich; die Farbe blätterte bis zum Holz ab, und Angie hatte sich schon immer gefragt, warum diese Leute nichts dagegen unternahmen. Ihre eigene Auffahrt sah unordentlich aus, die Steinplatten wirkten ungleichmäßig. Ihr Blick wanderte die Linien entlang, die Stellen, an denen die Erde von unten nach oben drückte. Angie bemühte sich, an gar nichts zu denken und sich nur daran zu erinnern, zu blinzeln und zu atmen.

Schließlich hörte sie ein Fahrzeug, das den Hügel heraufkam. Es befand sich noch außer Sicht, doch sie wusste, das Auto würde weiß sein und Neonstreifen an den Seiten tragen. Sie beobachtete die Biegung der Straße, aber es war kein Auto, das sie um die Kurve kommen sah, jedenfalls nicht gleich – es handelte sich um den Postboten, der seine Tasche locker an der Seite trug und ein Bündel Briefe in der Hand hielt. Er steuerte auf das Gartentor der Sandersons zu. Seine Lippen wirkten gespitzt, als pfeife er vor sich hin. Angie wusste es, weil er in Gedanken das jeweilige Lied mitsang, das auf seinem iPod lief – das tat er immer. Er ist noch gar nicht hier gewesen, ging ihr durch den Kopf. Der Postbote hatte das Päckchen nicht geliefert. Das hatte jemand anderer getan – jemand, den sie vielleicht gesehen hätte. Wenn sie nur hinausgeschaut hätte. Wenn sie nicht verkatert am Tisch gesessen und sich in Selbstmitleid geaalt hätte, während ihre Tochter litt.

Hoffentlich, dachte sie und versuchte, die Alternative weit von sich zu schieben.

Schließlich bog das Auto um die Kurve, und sie sah, dass es tatsächlich weiß war, dass es einen Neonstreifen an der Seite aufwies. Auch blaue Lichter besaß es, und sie drehten sich, färbten kurzzeitig die Tür der Fullers und das Gartentor der Sandersons ein, sprenkelten Angies eigene, gesprungene Auffahrt.

Sirenen ertönten keine. Zu spät, dachte sie und zwang sich, zur Tür zu gehen.

Kapitel 2

Sandal Magna war ein merkwürdiger Ort, hatte Wachtmeisterin Cate Corbin gedacht, als sie die Straße entlang darauf zusteuerte. Man fuhr nur nach Sandal, nie in die Ortschaft oder ins Dorf. Das lag daran, dass Sandal Magna kein Zentrum besaß. Es gab keine Dorfwiese, keine Hauptstraße, keine Einkaufszeile, nicht einmal eine Kirche als Mittelpunkt. Stattdessen handelte es sich um ein erstklassiges Pendlergebiet, um einen Ort, an dem die Menschen zwischen Fahrten nach Wakefield, Leeds, Sheffield oder mit dem Hochgeschwindigkeitszug der East Coast Main Line sogar bis nach London ihre Köpfe zur Ruhe betteten.

Sandal bestand nur aus einigen gewundenen Straßen, die zwischen einer Reihe von Feldern und Denkmälern verliefen, und Cate kam der Gedanke, dass der Ort vielleicht doch Mittelpunkte hatte; es lag wohl nur daran, dass sie bereits seit Jahrhunderten existierten und deshalb ihre einstige Kraft und Bedeutung verloren hatten.

Mittlerweile tauchte Sandal Castle auf, eine zerklüftete Ruine, die stets kurz nach Sonnenaufgang am besten aussah, wenn sich der rosa-blaue Himmel im See spiegelte, der am Fuß des Hügels lag und zu Bootsfahrten einlud. Wenn man am anderen Ende dieses Straßenabschnitts nach rechts abbog, gelangte man nach Newmillerdam, zu jenem ländlichen Park, der Tagesausflügler aus dem gesamten Bezirk anlockte. Vor Hunderten Jahren war er von Jägern genutzt worden. Heute wanderten die meisten Besucher einfach gemächlich um den See und folgten dem Flachlandpfad, wie Cate ihn insgeheim nannte, bevor sie einen von mehreren Pubs aufsuchten, um sich als Belohnung ein Pint zu gönnen. Nur wenige wagten sich in das dunkelgrüne Waldland dahinter.

Es war eine ruhige Gegend, ein einfaches Patrouillengebiet. Zwischen den Durchgangsstraßen und den Ansammlungen von Wohngebäuden erstreckten sich weitläufige Grünstreifen. Gelegentlich kam es zu Einbrüchen oder Fahrzeugdelikten; manchmal kreuzten Autodiebe auf und staubten schwarze Audis oder BMWs aus günstig gelegenen Auffahrten ab.

Cate betrachtete den entgegenkommenden, auf die Autobahn zusteuernden Verkehr – Menschen auf dem Weg zu anderen Orten, größeren Städten, wo Dinge geschahen. In ein paar Jahren würde sie unter ihnen sein, die kleine Wohnung verlassen, die sie am Rand von Wakefield gemietet hatte. Vielleicht würde sie nach Manchester ziehen oder sogar nach London. Vorläufig aber würde reichen müssen, was sie hatte.

An diesem Ort war sie aufgewachsen. Doch seit ihre Eltern ihn verlassen und sich in einer noch grüneren Gegend zur Ruhe gesetzt hatten, konnte sie fühlen, wie die Bande, die sie hier festhielten, zunehmend dünner wurden. Sobald sie eine solide Grundlage für eine Laufbahn bei der Polizei geschaffen haben würde, konnte sie mit den Überlegungen darüber beginnen, endgültig weiterzuziehen.

Sie dachte noch, diese Schicht würde wie jede andere verlaufen, als plötzlich das Funkgerät knisternd zum Leben erwachte. Sie bestätigte, schaltete das Blaulicht ein und wechselte den Fahrstreifen, um zu überholen.

Cate holte tief Luft, als sie neben das Haus rollte. Sie war schnell gefahren, hatte sich aber dazu gezwungen, auf dem Weg zur Zieladresse konzentriert zu bleiben und bei jedem Abbiegen auf die Straßenschilder zu achten – eine sorgfältig gepflegte Gewohnheit. Du musst immer wissen, wo du bist, hatte ihr Lehrmeister, Wachtmeister Len Stockdale, ihr eingetrichtert, und es schien noch gar nicht so lange her zu sein. Manchmal hatte er sie auf die Probe gestellt und sie mitten in einer Unterhaltung nach dem Namen der Straße gefragt, in der sie sich gerade befanden. Es war seine Art gewesen, ihr etwas beizubringen, und es hatte funktioniert; sollte sie je Unterstützung anfordern müssen, würde sie genau wissen, wo sie sich aufhielt. Diesmal wäre es nicht unbedingt notwendig gewesen, da sie wusste, dass bereits Verstärkung angefunkt wurde.

Das Haus stand inmitten einer Reihe weiterer Gebäude im oberen Bereich eines Hanges. Die gesamte Gegend säumten Holztore und Gärten, die man als hübsch beschreiben konnte. Die Häuser präsentierten sich gepflegt und voneinander abgegrenzt. Nummer 17 wirkte so ruhig wie der Rest. Cate schaute hin. Aus dem größten Fenster blickte zwischen Jalousien mit breiten Lamellen ein Gesicht in ihre Richtung.

Sie nahm sich die Zeit, über Funk ihre Ankunft zu melden, bevor sie ausstieg und die Hand nach der Türklingel ausstreckte. Für einen Augenblick ging ihr die Frage durch den Kopf, ob es nicht ohnehin besser war, dass sie den Ort als Erste erreicht hatte. Wachtmeister Stockdale mochte ein alter Hase sein, aber sein Auftreten des Typs Leg-dich-bloß-nicht-mit-mir-an – vielleicht ebenfalls sorgfältig gepflegt, wahrscheinlicher jedoch ein Ergebnis seiner Erfahrung – eignete sich besser für den Umgang mit Trunkenbolden an Samstagabenden als mit einer aufgelösten Frau in einer Notlage. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, wie er die Anruferin ansehen würde, wenn sie die Tür öffnete. Nein, das Gesicht, das sie am Fenster gesehen hatte, konnte im Augenblick mit Stocky sicher nichts anfangen. Cate hingegen … sie holte erneut tief Luft, als sich die Tür öffnete.

Die Frau erwies sich als älter, als Cate zuerst gedacht hatte. Die Haut nahm sich sogar im Vergleich zu dem übertrieben gebleichten Haar blass aus, und die Hände umklammerten klauenartig den Morgenrock, den sie trug – glänzende Seide, bedruckt mit lila Bougainvilleen. Cate roch Kaffee, altes Parfum und darunter vielleicht einen unschönen Hauch von schalem Wein. Sie stellte sich vor, und die Frau nickte, wenngleich sie die Worte nicht zu verstehen schien, dann trat sie zurück, und Cate folgte ihr ins Haus.

Die Frau ging voraus in eine geräumige Küche und zeigte auf den Tisch. Eine Schachtel stand darauf, umgeben von verstreutem Seidenpapier, den Überresten eines Frühstücks und einem leeren Weinglas. Cate betrachtete es und bemerkte automatisch den Lippenstiftabdruck am Rand. Sie war nicht sicher, weshalb sie das tat, und wusste nur, dass sie nichts übersehen wollte.

»Da.« Die Frau weinte, leise und ohne Aufhebens. Tränen strömten aus ihren Augen, als wäre Weinen etwas, das sie ständig tat.

Cate zog einen Stift aus ihrer Tasche. Sie streckte den Arm aus, um die Schachtel damit zu sich zu ziehen. Ihr war schon klar, dass selbst dadurch etwaige Beweise beeinträchtigt werden konnten, und so beugte sie sich über den Tisch, um in die Schachtel zu spähen. Ihre Augen weiteten sich. Sie nahm einen Küchengeruch wahr, der sie an Messer denken ließ. In der Schachtel konnte sie eine Glasflasche ausmachen – das Licht fing sich in den Rillen auf der Oberfläche. Flüchtig ging Cate durch den Kopf, dass aufgrund der Beschaffenheit wahrscheinlich nur bruchstückhafte Fingerabdrücke darauf vorhanden sein würden, dann konzentrierte sie sich auf das, was die Flasche enthielt. Sie konnte die Zehe sehen. Es hatte Probeschnitte gegeben, das erkannte sie auf Anhieb; die Haut war an mehreren Stellen durchtrennt und gequetscht, wo die Klinge daraufgepresst worden war. Oder jemand hatte es nicht geschafft, die Zehe ganz zu durchschneiden, und hatte von vorn angefangen. Sie wandte den Blick davon ab und ließ ihn stattdessen über das zerknitterte, über den Tisch verstreute Papier wandern.

»Haben Sie es angefasst?« Eine unnötige Frage, doch Cate stellte sie trotzdem. Sie musste ruhig bleiben und sich Zeit zum Nachdenken verschaffen. Es folgte nichts als Stille. Als sie sich zu Mrs Farrell umdrehte, sah sie, dass die Frau starr ins Leere blickte, die Pupillen ein helles, zerbrechlich wirkendes Blau. Sie litt unter entsetzlicher Angst. Natürlich hatte sie Angst, und Cate wusste, dass sie dringenden Trost, nein Beschwichtigung suchte. Schon gut, Ma’am, wir erleben so etwas ständig. Das ist nur jemand, der sich einen Spaß erlaubt. Das da drin ist keine echte Zehe. Sie haben doch nicht wirklich geglaubt …

»Und Ihre Tochter ist nicht nach Hause gekommen?«, hakte Cate erneut nach. Die Frau schüttelte den Kopf, wenngleich aus ihren Augen nach wie vor keinerlei Anzeichen von Verständnis sprachen, einzig jene nackte Angst. »Gibt es jemanden, der Ihnen beistehen kann? Einen Ehemann oder eine Freundin – jemanden, den ich für Sie anrufen kann?«

Mrs Farrell antwortete nicht. Cate streckte die Hand aus und berührte sie am Arm. Die Frau zuckte zusammen. Cates Verstand raste. Sie musste die Kriminalpolizei herbekommen, die Tatorttechniker; sie musste sich vergewissern, dass Verstärkung unterwegs war. Der gesamte Bereich gehörte gesichert – die Küche, der Gang, jeder Ort, an dem das Päckchen gewesen sein konnte. Eine Beschreibung des Kindes musste in Umlauf gebracht werden. Für die Mutter musste ein Beamter der Familienbetreuung verständigt werden. Und Mrs Farrell – sie musste selbst untersucht werden, und man musste ihre Fingerabdrücke nehmen, um Spuren ausschließen zu können, die sie an den Gegenständen hinterlassen hatte. Die Gedanken stürmten geradezu auf sie ein. Cate spürte ein leichtes Kribbeln wie von einem Anflug statischer Elektrizität auf der Haut.

Auch das Haus würde so diskret wie möglich überprüft werden müssen. Vielleicht gab es irgendwelche Anzeichen auf einen Kampf … Die meisten Morde wurden im heimischen Umfeld begangen, und die meisten Mörder erwiesen sich als Familienmitglieder. Abermals blickte sie in Mrs Farrells ausdruckslose Augen. Die Frau wirkte traumatisiert – aber in welchem Ausmaß und weswegen? Lag es nur an der Vorstellung, was ihrem Kind zugestoßen sein mochte, oder an etwas anderem?

Cate dachte an die Haut um die abgetrennte Zehe, daran, wie sie gequetscht und zerschnitten worden war, und sie schauderte. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn Stocky hier wäre – er hätte nicht darüber nachdenken müssen, was zu tun sei oder was er sagen sollte.

»Kommen Sie mit«, sagte sie und ergriff Mrs Farrells Arm. Cate führte sie zu einer offenen Tür, die in ein dunkles Wohnzimmer mündete. In dem Raum roch es ein wenig stickig, die Vorhänge erwiesen sich als geschlossen. Ein schwarzes Paar Riemenschuhe mit Glitzersteinen an den Zehen war nach dem Abstreifen mitten auf dem Boden zurückgeblieben. Cate brachte Mrs Farrell zum Sofa, wo sich die Frau hinsetzte wie ein gehorsames Kind, ohne ein Wort von sich zu geben. Sie blieb einfach, wo sie platziert wurde.

Cate kehrte in die Küche zurück und sprach in ihr Funkgerät. Das Haus wirkte stiller als je zuvor, weshalb Cate die eigene Stimme als zu laut empfand. Doch als sie wieder das Wohnzimmer betrat, ließ Mrs Farrell kein Anzeichen dafür erkennen, sie gehört zu haben. Sie schien überhaupt nicht in der Lage zu sein, irgendetwas wahrzunehmen. Cate sah sich erneut um und erblickte neben dem Fernseher ein Foto in einem Silberrahmen.

Das Bild zeigte Mrs Farrell in besseren Tagen mit frisch toupierten Haaren und einem roten Lippenstiftlächeln. Auf ihren Wangen schimmerte Rouge, die Wimpern waren mit einer stahlblauen Tusche bemalt, wie sie einst in Mode gewesen war. Neben ihr befand sich ein junges Mädchen, blond, hübsch, unbeschwert grinsend. Cate starrte das Foto an. Was ihr mehr als die Ähnlichkeit der Gesichtsformen, der Nasen und der Lippen auffiel, war der Umstand, dass beide das gleiche Kleid trugen. Das der Tochter war gelb, das der Mutter weiß, dennoch handelte es sich um das gleiche Modell. Meine Güte, ging es Cate durch den Kopf, dann verdrängte sie den Gedanken. Sie ergriff den Bilderrahmen und drehte sich Mrs Farrell zu.

»Ist das Ihre Tochter?«, fragte sie mit sanfter Stimme. Sie hielt der Frau das Bild ins Blickfeld. »Wie alt ist sie jetzt?«

Langsam drehte Mrs Farrell den Kopf, ohne das Foto anzusehen. Sie nickte.

»Kann ich das Bild nehmen?«

Die Frau antwortete nicht, fing nur wieder lautlos zu weinen an, und eine Weile ließ Cate sie gewähren. »Mrs Farrell?«

»Das ist Chrissie«, antwortete die Frau schließlich. »Sie ist fünfzehn.«

Unverhofft ertönte ein Geräusch, als jemand an die Tür klopfte, und sie zuckten beide zusammen. Cate eilte hin, erleichtert darüber, dass Kollegen mit mehr Erfahrung eingetroffen waren. Eines Tages würde sie selbst solche Fälle übernehmen. Sie würde diejenige sein, die eintrat, Befehle erteilte und alles so geschehen ließ, wie es geschehen sollte. Doch vorerst war sie gerne bereit, diesen Ort – und Mrs Farrell – jemand anderem zu überlassen.

Erst viel später ging der zweite Funkspruch ein. Cate befand sich wieder im Auto und umklammerte das Lenkrad, als könnte sie so die alltägliche Routine zurückholen, die gewöhnlichen Häuser, Straßen und Orte, die sie noch an jenem Morgen gekannt hatte. Alles seither schien in einem Dämmerzustand an ihr vorbeigezogen zu sein – die Dinge, die sie gesehen hatte, die Ankunft der erfahreneren Beamten. Cate hatte ihre Anweisungen mit einer stillen Ruhe befolgt, die sie innerlich nicht empfunden hatte.

Mittlerweile befand sie sich auf dem Weg zurück in ihre Zuständigkeiten. Doch statt die geplante Route einzuschlagen, fuhr sie vor der Kreuzung, der sie sich gerade näherte, an den Straßenrand und lauschte. Anfangs war sie nicht sicher, was sie hörte.

Als Cate diesmal auf den Funkspruch antwortete, mischte sich in ihre Nervosität ein Schauer von Erregung, der ihren Rücken hinabwanderte.

Kapitel 3

Cate raste durch die Kurven. Das Blaulicht blitzte über die niedrigen Steinmauern, als sie in südlicher Richtung auf das Dorf Ryhill zuhielt. Diesmal achtete sie nicht auf die Straßenschilder – dafür fuhr sie viel zu schnell, und außerdem gab es in dieser Gegend ohnehin kaum Schilder. Ringsum erstreckten sich nur weitläufige grüne Felder ohne irgendeinen Hinweis, der darüber informierte, wohin eine Abzweigung führte. Sie schlingerte in weitem Bogen durch eine weitere Neunziggradkurve und holperte über die Schlaglöcher. Es war keine besonders gut gewartete Straße – sie wurde eben wenig befahren. Cate vermeinte, eine andere Sirene neben dem Klang ihrer eigenen zu hören, und als sie auf einen geraden Abschnitt gelangte, stellte sie fest, dass sie damit recht hatte: Um die nächste Kurve verschwand ein weiteres Polizeifahrzeug.

Vor ihr erblickte sie flüchtig eine Reihe roter Ziegelsteinhäuser, die den äußersten Rand von Ryhill kennzeichneten. Es handelte sich um ein ehemaliges Bergbaugebiet, in dem die blühenden Grubendörfer früherer Tage nunmehr inmitten üppigen Grüns vor sich hin schlummerten. Das alte Tagebauland war umgewidmet und in den Anglers’ Country Park verwandelt worden. Staubecken, die früher einen Kohlentransportkanal versorgt hatten, boten heute ein ideales Naturreservat. Nicht weit entfernt lag das Vogelbrutgebiet, ein Seepfad mit Plätzen für Vogelbeobachter und einem eigenen Besucherzentrum. Als Kind war sie öfter dort gewesen, um die Enten zu füttern. Sie erinnerte sich noch lebhaft an das Quaken und Krächzen der Tiere, an das Schnappen ihrer Schnäbel.

Cate bog in die Richtung des Vogelbrutgebiets, weg von den Häusern und vom Dorf, fuhr durch eine Linkskurve und gelangte in den Wald. Die Straße fiel sofort ab, und sie geriet in Schatten, dennoch konnte sie sehen, wo das andere Fahrzeug angehalten hatte. Dessen Sirene war verstummt, aber das Blaulicht färbte immer noch rhythmisch die Unterseite der Blätter und Äste.

Zwei Männer standen neben dem Auto. Einer war vielleicht Mitte fünfzig, der andere jünger, noch grün hinter den Ohren. Beide trugen Öljacken und hielten Angelruten. Neben ihnen lag ein schwarz-weißer Hirtenhund mit dem Kopf auf den Pfoten. Ein zuckendes Ohr verriet, dass er nicht schlief. Der ältere Mann hob eine Hand und streckte den Zeigefinger hoch. Die Handbewegung erinnerte Cate an die in der Gegend verbreitete Geste, mit der sich einander entgegenkommende Autofahrer grüßten. Dann zeigte er in Richtung der Bäume. Auf einer kleinen Lichtung prangten zwischen den Stämmen kahle Erdstreifen. Es handelte sich um eine Problemzone: Die Menschen kamen her, um alte Kühlschränke und Matratzen im Schutz der Bäume abzuladen. Müll türmte sich dort; ein Haufen Plastiktüten, die nackten Spiralen von Bettfedern, die aus den konturlosen, verrottenden Formen hervorragten.

Cate drehte den Kopf und erblickte erschrocken den Angler aus nächster Nähe. Er beugte sich über die Motorhaube. Jede Ader seiner Nase und seiner Wangen zeichnete sich deutlich ab. Seine Züge wirkten immer noch ausdruckslos. Sie ertappte sich bei der Frage, wann er vergessen hatte, wie man lächelte. Er streckte den Arm bedeutungsvoll geradewegs in Richtung der Bäume. Cate öffnete die Tür und hörte ein einziges Wort: »Da.« Er sprach es als zwei Silben aus: Da-a.

Ihr Blick folgte seiner Geste, und sie sah eine Gestalt, die im Filigranmuster der Schatten stand. Cate erkannte ihren alten Lehrmeister, Len Stockdale, auf Anhieb; was sie hingegen nicht kannte, war der Glanz in seinen Augen. Als sie sich ihm näherte, konnte sie spüren, dass es in ihm kochte; es ging eine Intensität von ihm aus, die sie beinah sehen konnte. Dann bedeutete er ihr: »Wir sind die Ersten hier.« Als hätten sie etwas gewonnen.

Cate spähte an ihm vorbei. Sie sah verschiedene Farben, das schmutzige Weiß und das knallige Blau von Müllsäcken … Und etwas anderes, ein sauberes, leuchtendes Rotgelb. Auch einen aufdringlichen Geruch nahm sie wahr, der sich zugleich süßlich und bitter vom Gestank verrottenden Mülls und dem leichten Mief von Chemikalien abhob. Stockdale schüttelte den Kopf. »Es ist ein Mädchen, ein Teenager. Für alle Fälle habe ich sie auf Lebenszeichen untersucht – kein Glück. Ist nicht nötig, dass du das auch zu Gesicht bekommst, meine Liebe.« Er griff nach seinem Funkgerät und begann, Meldung zu erstatten.

Cate trat zur Seite, um besser sehen zu können. Der saubere rotgelbe Farbton, den sie flüchtig erblickt hatte, stammte vom Kleid eines Mädchens. Lang und wallend breitete es sich über und um eine Gestalt aus, die auf dem Boden lag. Der Stoff war dünn und glänzend, Satin, vielleicht auch Seide, zu zart, um Wärme zu spenden. Die Farbe hob sich deutlich von den stumpfen Grau- und Brauntönen der Baumstämme, des kahlen Untergrunds und des Mulchs von zertrampeltem Müll ab. In der Nähe befanden sich ein Haufen öliger Lappen und ein halb gegessener, braun gewordener Apfel.

Das Gesicht konnte Cate noch nicht erkennen, aber sie erinnerte sich an das Foto eines unbeschwerten jungen Mädchens in einem gelben Kleid, dessen Züge seiner Mutter so sehr ähnelten. Und sie erinnerte sich an Mrs Farrell, der Tränen aus den Augen getreten waren. Der Gesichtsausdruck der Frau hatte von hohlem, leerem Schock gezeugt; das Leiden einer Frau, die erfahren musste, was ihrer Tochter zugestoßen war.

Cate schaute Len Stockdale an und näherte sich dem Fundort.

Sie war schon des Öfteren mit dem Tod konfrontiert worden. Das gehörte zu ihrer Arbeit, kam regelmäßig vor, und häufig handelte es sich um einen grausamen, unschönen Tod: Körper, die durch einen Unfall mit einem Motorrad zerfetzt wurden, oder Leichen, verheert von Verwesung, bevor man sie in einer stillen Wohnung fand. Deshalb konnte sie sich ihr Zögern nicht erklären, als sie sich verhalten vorbeugte, um sich das Gesicht des Mädchens anzusehen.

Die Haut war blass, wirkte im Vergleich zum grellroten Lippenstift totenbleich. Als Erstes jedoch fielen Cate die Haare auf, die ebenfalls die Blässe der Haut betonten, denn die Haare waren schwarz – schwarz. Cate verspürte einen Anflug von Erleichterung, als sie den gefühllos gestutzten Ponyschnitt betrachtete. Chrissie Farrell, die sie auf dem Foto gesehen hatte, besaß üppige blonde Locken, die ihr über die Schultern fielen.

Aber natürlich war auch dieses Mädchen irgendjemandes Tochter gewesen.

Cate verengte die Augen. Die Haare waren nicht geschnitten, sondern regelrecht abgesäbelt worden. Rings um das Gesicht wirkten sie ausgefranst und so dunkel, dass sie beinah bläulich anmuteten. Keine natürliche Farbe, und die Frisur war bestimmt nicht bewusst so gestylt worden. Sie schnupperte die Luft und versuchte, den chemischen Geruch einzuordnen, dachte dabei an künstliche Haarfarbe. Cate glaubte schon, es zu haben, dann verlor es sich im Aroma von Bleiche. Dennoch war sie überzeugt davon, dass die Haare des Mädchens gefärbt worden waren.

Sie begutachtete das Gesicht eingehender. Die Haut war so blass, ausgebleicht wie bei anderen Leichen, die Cate gesehen hatte, und zugleich ganz anders. Allerdings vermeinte sie, die Form wiederzuerkennen; die Linien der Nase, der Wangen, der Lippen des Mädchens. Wieder dachte sie an Mrs Farrell, an das Bild der Frau und ihrer Tochter im gleichen Kleid, die Gesichter nah beisammen. Cate zog unwillkürlich eine Grimasse.

Sie holte tief Luft und zwang sich, den Rest der Szene auf sich wirken zu lassen. Die Leiche – Chrissie – hatte eine Hand auf der Brust, die Finger um einen Gegenstand geschlungen, den sie umklammerten. Es sah aus wie ein Handspiegel. Er lag mit der Vorderseite nach unten, weshalb Cate nicht sicher sein konnte, dennoch hielt sie es für genau das – einen altmodischen Spiegel, dessen geschnitzter Griff sich zu einem Holzoval verbreiterte. Sie fand es unwahrscheinlich, dass ein Mädchen dieses Alters so etwas besitzen würde.

Ihr Blick wanderte zurück zu den schwarzen Haaren. Sie hatte geglaubt, dass sich etwas darin verheddert hatte, irgendwelcher Müll, aber sie erkannte, dass sie sich geirrt hatte – das war kein Müll, sondern eine Krone aus Kunststoff mit unechten Juwelen und Pailletten, die in dem Licht, das sich den Weg durch das Blätterdach bahnte, nur stumpf wirkten.

Und die Lippen des Mädchens – der grelle Lippenstift darauf sah plump aufgetragen und billig aus.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mädchenmorde" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen