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Mädchen zu verkaufen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kein Entkommen
  8. Ein Familienschnappschuss
  9. Zuflucht von kurzer Dauer
  10. Blick nach vorn
  11. Feste Familien
  12. Allein
  13. Die Kleine, die wartet
  14. Mum
  15. Schule ist aus
  16. Außer Kontrolle
  17. Egyptian Mo
  18. Zahltag
  19. Das verlorene Mädchen
  20. Auf Achse
  21. Vergewaltiger Sam
  22. Lara gegen Lauren
  23. Landauf, landab
  24. Ein Hoffnungsschimmer
  25. Noah
  26. Für das Leben
  27. Operation Dompfaff
  28. Der Prozess
  29. Schuldlos
  30. Dank

Über dieses Buch

Lara wächst in schrecklichen Verhältnissen auf – ihre Mutter ist drogen- und alkoholabhängig, ihr Vater gewalttätig. Zwischen Pflegefamilien hin und her gereicht, ist ihr Selbstwertgefühl völlig zerstört. Mit gerade mal dreizehn Jahren gerät Lara dann an einen Ring aus Mädchenhändlern. Die Männer umgarnen sie zunächst und ziehen sie immer tiefer in einen gefährlichen Strudel von Abhängigkeit und Gewalt. Sie geben ihr Alkohol und Drogen, um sie für die bereitstehenden Freier gefügig zu machen. Über Jahre hinweg wird Lara vergewaltigt und emotional sowie körperlich ausgebeutet. Doch sie gibt niemals auf – und findet schließlich die Kraft zu kämpfen, um ihrem Albtraum zu entkommen.

Die herzzerreißende Geschichte eines Mädchens, das niemals aufgab und für seine Freiheit kämpfte.

Über die Autorin

Lara McDonnell ist eine britische Autorin, die für ihr Buch »Mädchen zu verkaufen« weltweit Bekanntheit erlangte. Nachdem sie jahrelang grausamen Qualen durch einen Pädophilenring ausgesetzt war, fand sie die Kraft, als Hauptzeugin im Gerichtsverfahren gegen ihre Peiniger auszusagen. Seitdem hat sie sich in einer englischen Kleinstadt ein neues Leben mit ihrem Sohn und ihrer Adoptivmutter aufgebaut.

Lara McDonnell

MÄDCHEN ZU
VERKAUFEN

Mit dreizehn zur
Sexsklavin gemacht

Aus dem Englischen von
Sabine Schäfer

Kein Entkommen

Der schrille Klingelton ließ mich zusammenzucken, obwohl ich die SMS erwartet hatte. Ich musste sie nicht lesen, ich wusste auch so, um was es ging und von wem sie kam. Als ich diese Töne hörte und sah, wie das Display meines Handys aufleuchtete, begann mein Herz schneller zu schlagen. Anspannung, Unruhe und Angst drohten mich zu überwältigen, und noch während ich nach dem Hörer griff, ging mein Atem angestrengter.

»Komm um 10 her. Freunde sind hier.«

Nur ein paar knappe Worte. Meine Anweisungen. Mehr als das, was da geschrieben stand, musste ich nicht wissen. Der Absender war klug genug, sich vage auszudrücken, schließlich wollte er nichts Belastendes sagen. Ich wusste genau, was von mir erwartet wurde, und mir war auch klar, dass ich mich nicht weigern konnte. Ich schauderte und versuchte mich zu beruhigen. In meinem Kopf drehte sich alles, während ich das zu akzeptieren versuchte, was ich vorhatte.

Ich setzte mich auf mein Bett, auf dem die schöne Tagesdecke mit Blumenmuster lag. Ich versuchte mich zusammenzureißen.

»Du hast es schon früher gemacht, und in ein paar Stunden ist es eh wieder vorbei. Und die Drogen werden dabei helfen«, redete ich mir ein.

Ich umfasste meine Knie und schaukelte vor und zurück. Mein Schlafzimmer war warm und gemütlich. Es hätte mein Zufluchtsort sein sollen, doch es gab keinen Ort mehr, an dem ich mich sicher fühlte.

Mein Bett war sauber und bequem. Im Bücherregal standen all die Bücher mit meinen Lieblingsgeschichten, auf meinem Schreibtisch lag ein aufgeschlagener Zeichenblock. Bradley von der Popband S Club 7 sah mich vom Poster an der Wand an. Es war ein typisches Mädchenzimmer, nur war ich kein typisches junges Mädchen.

Der Ort, zu dem ich bestellt worden war, hätte kein krasserer Gegensatz zu dem Zimmer sein können, das ich gleich verlassen würde. Die heruntergekommene Wohnung war nur einen kurzen Spaziergang von dem dreistöckigen viktorianischen Haus entfernt, in dem ich lebte, aber es hätte genauso gut auf einem anderen Planeten sein können. Es war eine Crackhöhle. Der Rauch der Drogen stach mir immer in die Nase, wenn ich eintrat. Die Drogen rochen nach brennendem Plastik und weckten tief in mir ein Verlangen. Die Drogen betäubten mich auch, und ich wusste, sobald dieser Rauch in meine Lungen vorgedrungen war, würde das Nachfolgende – die Männer und der Missbrauch – für mich erträglicher werden.

Unten kochte meine Mum das Abendessen. Überall im Haus roch es nach selbst gemachtem Braten. Aber ich hatte keinen Appetit. Seit Wochen hatte ich keine richtige Mahlzeit mehr zu mir genommen. Ich begann zu überlegen, wie ich wohl aus dem Haus entwischen sollte. Einen Schlüssel hatte ich nicht, weil Mum mir keinen gab. Es war ihre Methode, mit der sie versuchte, mich im Auge zu behalten. Sie war außer sich vor Sorge. Fast täglich verschwand ich einfach, und immer dann, wenn ich eine SMS erhalten hatte. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was eigentlich los war. Sie wusste weder von den Drogen noch von den Männern, und ich hatte auch nicht vor, ihr davon ein Wort zu sagen.

Ich schämte mich, und ich hatte Angst. Wie hatte ich es nur zulassen können, dass ich in eine solche Lage geriet? Mein Leben war ein einziger Scherbenhaufen. Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte und wer meine Freunde waren. Ich wusste nur, wenn eine SMS einging, dann musste ich das Haus verlassen.

Der Mann, der mir diese Nachrichten schickte, nannte es Arbeit. Es war mein Job. Ich gehörte ihm und tat, was er mir sagte. Er gab mir Alkohol und versorgte mich regelmäßig mit Drogen. Im Gegenzug tat ich das, was er mir sagte. Ich war da, um seinen Kunden zu Diensten zu sein.

So war es nicht immer gewesen. Anfangs hatte ich geglaubt, ich könnte ihm vertrauen. Ich glaubte wirklich, dass er mein Freund wäre, aber mit der Zeit hatte ich immer größere Angst vor ihm. Ich wusste, wenn ich nicht tat, was er sagte, würde er kommen und mir wehtun. Es war ihm egal, ob die Polizei und die Sozialarbeiter davon wussten. Soweit es ihn betraf, konnten sie ihm gar nichts anhaben.

Ich fasste unter mein Bett und tastete nach dem Schraubenzieher, mit dem ich das Schloss am Fenster aufbrechen konnte. Meine Hände zitterten, als ich den Schraubenzieher zwischen Rahmen und Fenster schob, bis der Riegel aufsprang, von dem es zugehalten wurde. Langsam drückte ich das Fenster auf. Mum war unten immer noch mit Kochen beschäftigt. Das Klappern des Geschirrs und das Geräusch des Backofenventilators genügten, um jeden Laut zu übertönen, den ich dadurch verursachte, dass ich das Fenster öffnete. Ich war schon viele Male auf diesem Weg entkommen. Ich kletterte nach draußen und ließ mich am Fenster nach unten, bis ich auf dem Scheinwerfer stand, der aus Sicherheitsgründen montiert war. Von dort sprang ich in den Garten.

Der Scheinwerfer nahm meine Bewegung wahr und schaltete sich ein. Ich sah, wie Mum den Kopf hob und aus dem Fenster sah.

»Lara!«, rief sie. »Wohin willst du?«

Aber ich war längst auf dem Weg. Es war für sie völlig unmöglich, mich noch aufzuhalten. Es war dunkel, und als ich losrannte, schlug mir kalte Nachtluft entgegen. Ich trug nur mein Kapuzenshirt und meine Jeans. Alle übrige Kleidung würde mir dort zur Verfügung gestellt werden, wo ich gerade hinlief. Ich würde wieder irgendwelche nuttige Unterwäsche tragen müssen, auf der die Männer beharrten. Allein schon bei dem Gedanken bekam ich eine Gänsehaut, aber mir blieb keine andere Wahl.

Wieder klingelte mein Handy. Während ich die Brücke überquerte, sah ich auf das Display. In der Ferne leuchteten die angestrahlten Türme der Oxford University.

»Wo bist du?«

»Unterwegs«, schrieb ich hastig zurück.

Ich lief um die Ecke des Grundstücks und entdeckte ein paar gefährlich aussehende Teenager, die da rumhingen und mich argwöhnisch musterten. Als ich an ihnen vorbeilief, sagten sie kein Wort.

Als ich ankam, stand die Tür offen, und ich ging sofort durch bis in das dreckige große Zimmer. Eine mit Flecken übersäte Couch stand mitten im Raum, davor ein Flachbildfernseher. Die verräucherte Luft roch nach Crack. Mohammed wartete bereits auf mich.

»Wo zum Teufel warst du?«, zischte er mir zu. Seine Augen waren dunkel und blutunterlaufen.

»I… i… ich musste erst mal aus dem Haus raus«, stammelte ich.

Mit einem knappen Nicken deutete er auf das kleine vollgestellte Schlafzimmer. »Geh da rein und zieh das an«, wies er mich an. Durch die offen stehende Tür konnte ich die Unterwäsche sehen, die auf dem Bett ausgebreitet lag. Es war billige, nuttige Reizwäsche.

Auf dem Sofa hinter Mohammed saßen zwei Männer, die mich mit ihren Blicken verfolgten. Nachdem ich das Zimmer betreten hatte, versuchte ich zu begreifen, wieso mein Leben eigentlich zu einem solchen Elend geworden war. Ich war eine Sklavin, ich war verkauft worden. Und ich war erst dreizehn.

Ein Familienschnappschuss

Meine leibliche Mutter starrt mir mit leeren Augen aus dem Foto entgegen. Das Bild ist mit Tesafilm zusammengeklebt, nachdem ich es vor ein paar Jahren in einem Wutanfall einfach durchgerissen hatte. Auf dem Foto hält sie mich in ihren Armen, aufgenommen wurde es, als ich erst ein paar Monate alt war. Ich trage einen schmuddeligen Strampler, der schon völlig verschossen war, lange bevor das Foto entstand. Auf dem Kopf habe ich einen Hut gegen die Sonne. Ich sitze auf ihrem Knie, ihre Hände halten mich, aber sie geben mir keinen Halt. Mein Kopf hängt von ihr unbeachtet schief zur Seite. Mit leerem Blick und ohne jegliches Interesse starrt sie in die Kamera.

Sie ist Theresa Jenkins – Terri. Geboren im Nordwesten Englands, gleich nach der Geburt adoptiert. Nach allem, was ich weiß, waren ihre Eltern noch sehr jung, als sie sie bekamen, und beide waren sie alkoholabhängig. Als Terri zur Welt kam, existierten längst noch nicht die Vorkehrungen zum Schutz von Kindern, wie wir sie heute kennen. Daher kann ich mir nur denken, dass ihre Eltern in keiner Weise in der Lage gewesen waren, ein Kind großzuziehen, sonst hätte man es ihnen nicht weggenommen.

Aber ich nenne Terri nicht »Mum«. Ich habe das gemacht, als ich noch ganz klein war. Doch als ich älter wurde, begriff ich irgendwann, dass »Mum« ein Titel ist, den man sich verdienen muss, der einem aber nicht automatisch verliehen wird.

Als Terri starb, war sie zweiundvierzig. Sie hatte sieben Kinder. Zwei davon waren nicht von meinem leiblichen Vater Shane Long. Die Älteste in meiner Familie ist ein Mädchen, sie heißt Isobel. Ich habe sie nie kennengelernt, denn sie wurde zur Adoption freigegeben, bevor ich zur Welt kam. Bis zu meinem achten Lebensjahr wusste ich nicht, dass sie existiert. Mit allen Halbbrüdern und Halbschwestern habe ich elf Geschwister, da Shane aus einer früheren Ehe mehrere Kinder hatte. Die habe ich auch nie kennengelernt, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass Shane sie jemals besucht hat. Unsere Familie war bereits zerbrochen, lange bevor ich zur Welt kam. Die Einstellung meiner leiblichen Eltern zum Thema elterliche Verantwortung war nicht vorhanden.

Das Foto sagt mir alles, was ich über meine Verbindung zu Terri wissen muss. Sie ist völlig ausdruckslos und wirkt so, als hätte sie keinen Bezug zu mir, dem Baby auf ihrem Schoß, und zu ihrer gesamten Umgebung. Es sieht so aus, als hätte man mich gegen ihren Willen da hingesetzt. Ihre Körpersprache scheint zu schreien: »Nehmt dieses Ding weg!« Jede normale Mutter würde in einer ähnlichen Situation vor Stolz platzen und jedem ihr Kind zeigen wollen. Sie würde ihr Kind ansehen, es an sich drücken und es knuddeln. Aber Terri fühlt sich sichtlich unbehaglich, sie will weg von mir. Auf jedem Foto, auf dem wir gemeinsam zu sehen sind, ist es genau das Gleiche. Sie wirkt immer distanziert und so, als würde es ihr an allem fehlen: an Liebe, Zuneigung und mütterlichem Stolz. Ihr Blick erfasst stets irgendetwas anderes, die Haltung ist immer gleich, und uns hat man nur wie eine Auswahl Puppen nach und nach auf ihr Knie gesetzt. Da ist keinerlei Nähe, sie drückt niemanden liebevoll an sich.

Niemand kann sich wirklich an seine gesamte Kindheit erinnern. Mit Hilfe von Fotos, Erinnerungsschnipseln und den Dingen, die wir von unseren Verwandten erzählt bekommen, bauen wir uns eine Geschichte zusammen, die davon berichtet, wie wir aufgewachsen sind. Manche Erinnerungen sind sehr lebendig, andere werden durch das verstärkt, was ich über die Jahre hinweg in einer dicken Akte lesen konnte, die zwischen den Behörden hin und her gereicht wurde.

Was sich in diesen frühen Jahren im Leben eines Kindes ereignet, ist extrem wichtig. Von der Geburt bis zur Vorschule bilden diese Ereignisse die Grundlage dafür, wie wir unsere Welt sehen und welche Vorstellungen wir mit Blick auf Bindungen und Beziehungen haben. Ich kann mich nur lebhaft an Angst, Gewalt und Schmerzen erinnern. Terri war Trinkerin und Junkie, Shane war ein brutales Monster. Die wenigen Erinnerungen, die ich mit ihm verbinde, drehen sich um Prügel und Blutvergießen.

Terri hatte lange dunkle Haare und eine schiefe Nase. Eine attraktive Frau war sie nun wirklich nicht. Sie machte auch nie etwas aus sich. Sie trug nie schöne Kleidung, sie fing nichts mit ihren Haaren an, und sie schminkte sich auch nicht.

Sie sah aus wie eine geprügelte und misshandelte Frau, und genau das war sie auch. Sie wirkte geplagt. Sie hatte es schwer gehabt in diesem Leben, was sich in ihren Gesichtszügen widerspiegelte. Selbst wenn sie zu lächeln versuchte (was nicht sehr oft vorkam), wirkte es bei ihr gequält. In den wenigen Jahren, die ich bei Terri verbrachte, verfiel sie körperlich zusehends. Heute weiß ich, dass das durch das Crack und das Heroin kam, nach dem sie süchtig war.

Außer dem Foto, auf dem ich als Baby zu sehen bin, gibt es noch eines, auf dem ich vier bin. In dieser Zeit was sie äußerlich um zehn Jahre gealtert. Die Augen sind verquollen, und geplatzte Äderchen sorgen dafür, dass Nasen und Wangen bläulich verfärbt sind. Ihr Gesicht insgesamt ist nur fahl. Auf diesem neueren Foto ist sie einunddreißig, wirkt aber wie eine Frau von Anfang fünfzig. Sie hatte sehr schlechte Zähne. Ich vermute, das kam vom Trinken und Rauchen (sie war eine starke Raucherin und hatte immer Husten). Sie hatte Übergewicht, und schon vor den Kindern, die sie in kurzen Abständen bekam, hatte sie es aufgegeben, sich zu pflegen.

Shane sah aus wie ein Verbrecher. Das einzige Foto, das ich von ihm habe, stammt aus dem Internet und gehört zu einer Meldung, wonach er im Gefängnis gelandet war, weil er Frauen geschlagen hatte. Es wunderte mich gar nicht, dass so etwas über ihn berichtet wurde, und auch nicht, dass in dem Bericht darüber geschrieben wurde, dass er sich auch einem Kind gegenüber aggressiv verhalten haben sollte und dass eines seiner Opfer im Krankenhaus behandelt werden musste. Was mich allerdings erstaunte, war die Tatsache, dass er als Vater bezeichnet wurde. Bei mir hatte er sich nie um diesen Titel verdient gemacht, so wie Terri nie meine Mum hatte werden können.

Auf dem Foto zum Artikel sah er bösartig aus. Bevor er Terri kennengelernt hatte, war er verheiratet gewesen, doch Terri und er heirateten nie. Anders als Terri versuchte Shane zumindest, auf sein Aussehen zu achten. Er duschte und versuchte, seine schwarzen Haare mit Gel nach hinten zu kämmen. Als Kind habe ich ihn immer als Riesen wahrgenommen, als einen großen, wütenden Oger. Er hatte eine tiefe Stimme und sprach mit einem Akzent aus dem Norden des Landes.

Ich kam 1992 im North Staffs Hospital zur Welt. Mein Geburtsname lautete Lauren Long, und wie ich später erfuhr, wog ich bei der Geburt gerade einmal gut fünf Pfund. Während der gesamten Schwangerschaft hatte Terri nicht ein einziges Mal eine Ultraschalluntersuchung vornehmen lassen, von allen anderen Vorsorgeuntersuchungen ganz zu schweigen. Ich war ein sehr schwächliches Neugeborenes, aber ich konnte wohl von Glück reden, da einige meiner Geschwister mit Meningitis zur Welt kamen. Ich weiß nicht, wieso sie daran erkrankt waren, aber ich bin mir sicher, dass die häuslichen Lebensumstände alles andere als hilfreich waren. Ich musste mich nur mit bedenklich geringem Gewicht und einem fetalen Alkoholsyndrom abplagen, zu dem es gekommen war, weil Terri während der Schwangerschaft ohne Unterbrechung weitertrank. Aus den Unterlagen über mich ist zu entnehmen, dass sie zu keiner Vorsorgeuntersuchung gegangen ist. Meine Eltern waren beide Raucher, und es gibt für mich keinen Grund zu der Annahme, sie könnten während der Schwangerschaft das Rauchen eingestellt oder zumindest die Anzahl der täglichen Zigaretten reduziert haben. Von Geburt an hatte ich Atemprobleme, die später als Asthma diagnostiziert wurden, außerdem Ekzeme und Herzgeräusche.

Wir lebten in einer heruntergekommenen Stadt in Staffordshire, die nichts Markantes aufwies und in der es von Sozialbauten nur so wimmelte, die alle gleich aussahen. Die Arbeitslosenquote war hoch, der Ehrgeiz der Menschen entsprechend niedrig. Ich lebte dort mit Terri und Shane, mit meinem älteren Bruder Jayden, meiner älteren Schwester Kirsten und meinen jüngeren Brüdern Harry und Jamie. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Terri jemals arbeiten gegangen ist, aber das Gleiche kann ich auch über alle unsere Nachbarn sagen.

Shane fuhr jeden Tag mit seinem gelben Van zur Arbeit, ich glaube, er war irgendeine Art von Bauarbeiter. Terri blieb bei uns Kindern und trank bis fast zur Besinnungslosigkeit, nur um von Shane geprügelt zu werden, wenn er heimkehrte. Üblicherweise schlug er auf sie ein, weil sie betrunken war. Mit der Zeit wurde sie immer besser darin so zu tun, als sei sie nüchtern, doch Shane durchschaute sie immer. Sie versuchte, die leeren Flaschen im Haus zu verstecken, hinter Kartons, in Schränken und Schubladen. Je später es am Tag war, umso nervöser wurde sie, da sie sich vor seinen Schlägen fürchtete. Es war eine sehr brutale Beziehung, und Shane versuchte gar nicht, seine grausame Art vor uns Kindern zu verbergen.

Wir lebten in Dreck und Armut. Der Sozialbau, der unser Zuhause darstellte, war einfach nur abscheulich – schmutzig, feucht, muffig und düster. Von außen war es ein schmuckloser Ziegelsteinbau mit einem schäbigen Garten davor und einem Hof dahinter. Draußen gab es eine alte stillgelegte Toilette. Alles an dem Gebäude war grau, schmutzig und deprimierend. In der schäbigen Straße in einem verwahrlosten Viertel war es das am schlechtesten erhaltene Objekt. Terri war kein bisschen stolz darauf, und Shane schien sich nur gerade lange genug dort aufzuhalten, um die Mutter seiner Kinder zu verprügeln.

Im Haus hatten die ursprünglichen weißen Küchenschränke einen bräunlichen Farbton angenommen, der von Fett und Nikotin hervorgerufen wurde. Essen fand sich nur selten in ihnen. Der Herd war verdreckt und wurde kaum einmal benutzt. Im Wohnzimmer lag ein abgetretener grauer Teppich, darauf stand ein dull-coloured Sofa. Die Vorhänge waren vor Dreck stehende Stofffetzen, die vor verschmierten Fenstern hingen. Oben gab es ein Badezimmer und ein einzelnes Schlafzimmer mit einem Doppelbett. Wir alle teilten uns dieses Zimmer und das Bett. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Shane jemals da geschlafen hat. Ich vermute, dass er oft nachts noch unterwegs war oder unten auf dem Sofa schlief. Auf dem Schlafzimmerboden lag der gleiche mattgraue Teppich wie im Wohnzimmer, er war mit schmutziger Kleidung übersät. Es gab nichts Tröstendes und auch nichts, was einem das Gefühl gab, willkommen zu sein. Es war zwar ein Haus, aber es war ganz sicher nicht das Zuhause einer Familie. Ich kann mich gut daran erinnern, dass es mich sehr an ein Horrorhaus erinnerte, wie man es in einem Gruselfilm zu sehen bekommt.

Glücklicherweise sind die Erinnerungen an diesen Ort sehr begrenzt, denn mit meiner frühen Kindheit verbinden mich überhaupt keine glücklichen Erinnerungen. Die wenigen Erinnerungen kommen nur schubweise. So weiß ich noch, dass ich Wasser aus Schuhen getrunken habe, weil es weder Tassen noch Gläser gab. Ich erinnere mich an den Geschmack von Leder auf meiner Zunge. Gemeinsame Mahlzeiten sind mir nicht im Gedächtnis geblieben, dennoch muss Terri von Zeit zu Zeit etwas gekocht haben, da ich noch genau weiß, wie Shane einmal in der Küche eine Gabel nach ihr warf, weil ihm das servierte Essen nicht geschmeckt hatte (er verfehlte sie und traf stattdessen meinen jüngeren Bruder Jamie). Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals als Familie irgendwo hingegangen sind. Einen Fernseher hatten wir nicht. Ich kann mich auch nicht an Spielzeug erinnern. Die meiste Zeit liefen wir nur in Windeln umher, die mit Urin und Kot vollgesogen und so schwer waren, dass sie uns in den Kniekehlen hingen. Die Kleidung, die wir besaßen, wurde geteilt. Jeder zog sich was von den Sachen an, die auf dem Boden lagen. Manchmal hatten die Jungs Mädchenkleidung an und umgekehrt. Auf einem anderen Foto ist Harry ein Kleinkind und trägt schmutzige Mädchensachen.

Ich weiß noch, dass Shane einmal versuchte, mich in der Badewanne zu ertränken. Er war sehr betrunken und drückte mich unter Wasser. Jayden kam zu uns und schlug ihn mit dem Kehrblech nieder. An dem Tag kam die Polizei zu uns. Ich weiß nicht, wer sie alarmiert hatte, üblicherweise tat das Jayden oder ein Nachbar. Sie wickelten mich in ein Handtuch und brachten mich zu ihrem Wagen. Ich kann mich daran erinnern, dass mir die ganze Zeit über kalt war. Die Winter waren brutal, wir lagen im Bett und drängten uns dicht aneinander, um die Feuchtigkeit und die Kälte von uns fernzuhalten.

Und dann waren da auch noch die Mäuse. Im Haus wimmelte es von ihnen. Es war der Dreck, der sie anlockte. Nachts konnte ich sie sehen, wenn das Licht eines vorbeifahrenden Autos das Schlafzimmer erhellte. Dann waren sie für einen Moment wie Silhouetten an der Bettkante zu erkennen, kleine ölig glänzende Körper, die hastig nach Deckung suchten. Ich tat so, als wären sie gar nicht da, und versteckte mich unter dem schmutzigen Bettlaken oder presste mein Gesicht gegen den Rücken eines meiner Geschwister. In der Stille konnte ich sie über den Fußboden rennen hören. Für mich klang es immer so, als wären Hunderte von ihnen unterwegs.

Weihnachten war weder von fröhlichem Gelächter noch von Warmherzigkeit geprägt gewesen. Wir hatten nie einen Weihnachtsbaum. Nur in einem Jahr hängte Shane im Wohnzimmer einen Duft-Tannenbaum fürs Auto auf, was von ihm nichts weiter als ein perverser Witz gewesen war. Geschenke waren eine Seltenheit. Einmal, als ich so etwa drei war, bekam ich zu Weihnachten eine wunderschöne rosa Barbie-Armbanduhr geschenkt. Ich liebte sie über alles, und soweit ich mich erinnern kann, war sie das erste Teil, das ich ganz allein besaß. Ich trug die Uhr ständig, sogar im Bett. Aber dann beging ich eines Abends den Fehler, die Uhr auszuziehen und auf den Boden zu legen, ehe ich schlafen ging. Am Morgen musste ich dann jedoch feststellen, dass die Nagetiere, mit denen wir uns das Haus teilten, das Armband und sämtliches Plastik vom Gehäuse abgefressen hatten. Mir brach es das Herz, aber niemand zeigte auch nur einen Funken Mitleid mit mir.

Das schönste Weihnachtsfest war in dem Jahr, als Shane mit Hunden als Geschenk nach Hause kam. Ich muss wohl drei gewesen sein. Ich liebte Tiere, und es war einfach wunderbar. Nicht nur der Gedanke, Tiere zu haben, sondern auch die Tatsache, dass uns Zuneigung zuteilwurde. Es war der erste Weihnachtsfeiertag, und wir wurden nach unten ins Wohnzimmer gerufen. Noch bevor ich die Tür aufmachte, hörte ich schon Winseln und Bellen. Am liebsten wollte ich gar nicht glauben, was ich hörte, weil es vielleicht gar nicht wahr war. Woher die Hunde kamen, wusste ich nicht, aber heute habe ich einen bestimmten Verdacht: Es waren keine Welpen. Draußen schneite es, und für einen Moment war alles perfekt. Meine Schwester und ich teilten uns Brandy, einen Golden Retriever mit langem Fell. Die Jungs bekamen von Shane den Mischling Mitch, um den sie sich gemeinsam kümmern sollten. Er selbst behielt einen Staffordshire Bull Terrier namens Tyson, der sich als bösartiges Tier entpuppte.

Die nächsten Wochen über waren wir von unseren Haustieren ganz begeistert. Wir spielten im Garten mit ihnen und gingen mit ihnen spazieren. Shane ließ seinem Hund mehr Zuneigung zukommen, als sich seine Frau und seine Kinder je erhoffen konnten. Ich vermute, der Hund war für ihn ein Statussymbol, der sein Image als harter Kerl fördern sollte, das er so sorgfältig hegte und pflegte.

Eines Nachmittags hörte ich Lärm aus dem Garten und sah aus dem Fenster, gerade als Tyson auf Mitch losging. Jayden schrie und versuchte Tyson von seinem Hund wegzuzerren. Alles war voller Blut, da der Staffie den armen Mitch förmlich in Stücke riss und immer wieder nach dessen Kehle schnappte. Die Verletzungen des Mischlings waren so schwer, dass er noch im Garten starb. Tyson wurde umgehend eingeschläfert.

Dieses Zuhause war die Hölle, egal ob man Kind oder Tier war.

Routine gab es keine. Ins Bett gingen wir, wenn uns noch zeitig einfiel, nach oben zu gehen und sich schlafen zu legen. Ansonsten ließ man uns einfach auf dem Sofa oder auf dem Fußboden liegen, je nachdem, wo wir einschliefen. Wir waren uns weitgehend selbst überlassen. Oft gingen wir nicht vor Mitternacht schlafen. Manchmal kümmerte sich Jayden darum, uns ins Bett zu bringen. Ich weiß noch, wie ich in seinen Armen aufgewacht bin, nachdem ich irgendwo im Haus eingeschlafen war. Es war normal, dass wir ganz allein waren, weil Shane den ganzen Tag über weg war und Terri für längere Zeiträume einfach verschwand. Wohin, das wussten wir nie. Oft kamen Fremde ins Haus und gingen kurz darauf wieder. Rückblickend würde ich sagen, dass es sich bei ihnen um Drogendealer handelte. Erst viele Jahre später begriff ich, was Terri da eigentlich machte, wenn sie ein Stück Alufolie über ein Feuerzeug hielt.

Terri hörte nie auf zu trinken. Wenn ich morgens aufstand, war sie schon betrunken. Oft kam ihre beste Freundin aus der Nachbarschaft zu Besuch, und dann tranken sie gemeinsam. Je länger das so ging, umso lauter wurden sie. Dann, kurz bevor Shane nach Hause kam, versuchte ihre Freundin – die selbst ein Kind hatte – Terri wieder herzurichten, damit sie nüchtern wirkte. Ironischerweise benutzte Shane die Tatsache, dass wir von ihr vernachlässigt wurden, als Argument, um sie zu schlagen. Die Freundin brachte Zahnbürste und Zahnpasta mit, um damit den Alkoholgeruch in Terris Atem zu überdecken. Außerdem half sie ihr, die leeren Wein- und Wodkaflaschen verschwinden zu lassen.

Zwischen Shane und Terri konnte ich nie Anzeichen von Zärtlichkeit oder Zuneigung entdecken, sondern immer nur Anspannung und Hass. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie jemals zusammen ausgegangen wären und für uns einen Babysitter engagiert hätten. Sie redeten nicht miteinander, sie brüllten sich gegenseitig an. Jeden Tag gab es Streit, oft sogar mehr als nur einmal am Tag. Irgendwann lernte ich es auszublenden und für normal zu halten. Ich dachte, das machen die Leute so.

Ich kannte keine anderen Familien mit kleinen Kindern, um einen Vergleich anstellen zu können, wie es dort zuging. Shanes Privatleben bestand darin, mit seinen Freunden trinken zu gehen, während Terri die Zeit damit verbrachte, sich daheim zu betrinken.

Jeder von uns war auf seine Weise von der ständigen Gewalt betroffen. Wir klammerten uns aneinander und weinten, und als wir älter wurden, versuchten wir Shane zu stoppen, der auch oft betrunken war. Aber er wischte uns einfach beiseite, als wären wir bloß Fliegen. Die Prügel waren wirklich brutal. Für gewöhnlich stieß er Terris Kopf gegen die Ziegelsteine des kleinen Türbogens, der Wohnzimmer und Küche miteinander verband. Betrunken, wie sie war, konnte sie ohnehin keine Gegenwehr leisten, aber sie hatte auch schon früh begriffen, dass es besser war, ihn gewähren zu lassen.

Sie wurde so oft ins Krankenhaus eingeliefert, und trotzdem ließen die Behörden zu, dass fünf Kinder bei ihr im Hause lebten. Die Behörden wussten genau, was los war, denn oft genug riefen besorgte Nachbarn die Polizei an. Wenn Shane auf Terri losging, dann immer nur mit den Fäusten, hart und brutal. Es gab nie nur mal eine Ohrfeige. Manchmal fragte ich mich, warum sie sich eigentlich nie verteidigte und zurückschlug. Immerhin war sie von großer, kräftiger Statur, während er viel kleiner war. Ich dachte immer, wenn sie es versuchen würde, wäre sie bestimmt in der Lage, auf ihn einzuprügeln. Aber Gegenwehr hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Er war sehr stark, und er hatte auch etwas Wildes, Ungestümes an sich.

Eigentlich hätte sie mir leidtun sollen. Ich kann auch verstehen, dass sie ein Opfer war und schrecklich misshandelt wurde, aber selbst, als sie es endlich schaffte, sich von Shane zu befreien, ließ sie mir gegenüber weder Zuneigung noch Verantwortung erkennen. Sie war kein netter Mensch.

Eine Erinnerung aus diesen frühen Jahren sticht ganz besonders hervor. Wenn ich später von Therapeuten nach meiner allerersten Erinnerung gefragt wurde, kam mir jedes Mal diese eine Begebenheit in den Sinn: das Bild, wie ein aufgebracht fauchender Shane Terris blutiges und angeschwollenes Gesicht in das Auswringsieb für den Mopp drückte, als wollte er den Alkohol aus ihr herauspressen. Während er sie so traktierte, liefen meine völlig verängstigten Brüder in Windeln kreischend um die beiden herum. Wir alle versuchten ihn zu stoppen, aber er war wie besessen.

Was zu diesem speziellen Streit geführt hatte, wusste ich nicht, aber ich nehme an, er kam nach Hause und traf sie volltrunken an. Der Streit spielte sich in der Küche ab, wo ein altmodischer Eimer mit Auswringsieb und ein Mopp standen. Shane schlug mehrmals auf Terri ein, bis sie zu Boden ging. Dann packte er sie an den Haaren, zerrte sie hinter sich her und drückte sie mit dem Gesicht voran in das Auswringsieb. Ich hörte, wie Knochen brachen. Mir wurde übel. Er presste mit seinen Händen so fest auf ihren Hinterkopf, dass die Sehnen an seinen Armen hervortraten. Dann schlug er ihr den Mopp auf den Kopf.

Es war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sie schrie: Sie schrie aus Angst um ihr Leben. Zwischendurch kniete er sich auf ihren Rücken, wodurch sie sich so unnatürlich verdrehte, dass ich davon überzeugt war, er wollte ihr das Genick brechen. Blut lief an den Seiten des Eimers nach unten. Ihr Gesicht war so angeschwollen, dass sie im Eimer feststeckte, als er endlich von ihr abließ. Sie lag schluchzend und blutend auf dem Boden, den Eimer auf dem Kopf, der Körper verdreht wie bei einer kaputten Puppe.

Entsetzt und traumatisiert kauerten meine Geschwister und ich in einer Ecke und weinten. Shane stand vor ihr und zeigte keine Regung. Erst das Geräusch der Polizeisirenen holte ihn aus seiner Starre. Immer wenn die Polizei anrückte, wurde er zum Feigling und verschwand durch die Hintertür, um in die Gasse hinter dem Hof zu entkommen. Ein Nachbar musste die Polizei gerufen haben.

Als sie eintraf, musste Terri erst einmal aus dem Eimer freigeschnitten werden. Ihre Nase war verdreht und blutete. Terri musste für mehrere Tage im Krankenhaus bleiben, wir kamen vorübergehend in Pflege, doch als Terri dann entlassen wurde, wurden wir auch wieder nach Hause geschickt. Sie erstattete keine Anzeige, und Shane wurde nicht angeklagt.

Ich hasse Shane für das, was er uns und Terri angetan hat. Aber ironischerweise begann er sich später für seine Familie zu interessieren. Nachdem wir bei Pflegefamilien untergekommen waren, brachte er an den Besuchstagen immer Süßes und Limonade mit. Dann unterhielt er sich mit uns und wollte wissen, wie es uns geht. Von Terri kam nichts in der Art. Sie erschien betrunken zum Termin, sah immer wieder auf ihre Armbanduhr und fragte, ob es schon Zeit war zu gehen, als könnte sie es nicht erwarten, endlich wieder wegzukommen. Ich habe nie zu meiner leiblichen Mutter aufgesehen, und ich hatte schnell gelernt, niemals etwas von ihr zu erwarten. Als wir als Familie zusammengelebt hatten, war da nie auch nur eine Spur von Normalität gewesen. Ich kann mich nicht an einen einzigen ganz normalen Tag erinnern. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich zu Hause jemals sicher gefühlt hatte. Ich wusste ja nicht mal, was das eigentlich bedeutete. Hätte ich damals eine Wahl gehabt, dann hätte ich gern woanders gelebt, nur nicht in diesem Haus.

Ich erinnere mich daran, dass ich mir damals die Frage stellte, warum wir eigentlich in diesem Haus waren und warum wir überhaupt jemals zur Welt gekommen waren.

Zuflucht von kurzer Dauer

Inmitten dieses schrecklichen Lebens gab es einen Ort, an dem ich mich sicher fühlen konnte, wenn auch immer nur vorübergehend. Das Haus meiner Großeltern auf dem Land in Cheshire war uns allen eine Zuflucht, eine Oase der Ruhe mitten in diesem allgegenwärtigen Chaos. Terris Adoptiveltern Anne und Malcolm Evans waren die Einzigen, an die wir uns wenden konnten. In vieler Hinsicht waren sie die Eltern, die wir nie gehabt hatten. Sie passten auf uns auf, und sie wussten auch über einige der Probleme Bescheid, denen wir zu Hause ausgesetzt waren. Schließlich blieben wir manchmal eine Weile bei ihnen, wenn es wieder mal Ärger gab. Während unsere leiblichen Eltern uns jede Zuneigung verweigerten, gaben die beiden sich alle Mühe, dieses Vakuum zu füllen. Wenn Terri im Krankenhaus behandelt wurde oder wenn nach einem Streit die Polizei bei uns gewesen war, begab sich Granddad auf die lange Reise zu uns, um uns mit zu sich in sein friedliches Zuhause zu nehmen.

So wie ein grauhaariger Superheld tauchte er auf, um uns zu retten. Seine Rettungsmissionen unternahm er oft erst spät in der Nacht, nachdem er am Telefon Terris schleppende Sprechweise gehört und gemerkt hatte, dass sie wieder mal betrunken war. Oder wenn der Anruf von der Polizei kam, weil die Situation einmal mehr aus dem Ruder gelaufen war. Nan und Granddad waren zu der Zeit die zuverlässigste Größe in meinem Leben. Wenn sie nicht vorbeikamen, um uns nach einem von Shanes Ausfällen abzuholen, dann besuchten sie uns zumindest und brachten uns Essen und Kleidung mit. Sie wussten, dass wir nie genug zu essen bekamen und nichts Richtiges anzuziehen hatten, daher brachten sie oft selbst gebackenen Kuchen und Taschen voll mit Lebensmitteln mit, dazu warme Kleidung sowie Unterwäsche und Schlafanzüge.

Solange ich zurückdenken kann, sah Nan mit ihrer Dauerwelle wie die typische Großmutter aus. Ich weiß nicht, wie alt sie war, als sie sich diese Dauerwelle machen ließ, aber ich habe sie ausschließlich mit dieser Frisur in Erinnerung. Wie sie als jüngere Frau ausgesehen haben mochte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sie war klein und zierlich, ungefähr eins sechzig groß, und sie schien immer ihre Schürze zu tragen. Granddad kam ursprünglich aus Manchester, er war sehr groß, und von meinem Blickwinkel aus wirkte er wie ein Riese. Aber er war immer ein freundlicher Riese, so wie die Riesen aus den Kinderbüchern.

Das Haus von Nan und Granddad war das genaue Gegenteil von dem Haus, in dem wir lebten. Es war sehr gemütlich, hell und warm, und damit war es Welten von den düsteren, feuchten Räumen entfernt, an die wir gewöhnt waren. Die Polstergarnitur war weich und bequem, alles war dort sauber, und aus der Küche duftete es nach köstlichen Gerichten. Und es war sehr kindgerecht.

Auch wenn wir nur ab und zu dort waren, taten meine Großeltern alles, was sie konnten, damit wir uns bei ihnen zu Hause fühlten. Ihr Haus war ein Bungalow, und auch wenn die altmodischen Möbel und die ganze Dekoration keinen Zweifel daran ließen, dass hier alte Leute lebten, war es ein Ort, an dem wir uns heimisch fühlen konnten. Wenn wir dort waren, mussten wir nicht ständig auf der Hut sein. Es gab Spielzeug für uns, außerdem Betten, in denen wir schlafen konnten. Betten mit warmen Decken und sauberen Laken. Wir fühlten uns da sicher, als könnte uns nichts und niemand etwas anhaben, wenn wir dort waren.

Nan bereitete für uns immer ein selbst gemachtes Essen zu, und schon wenn wir ins Haus kamen, duftete es nach Braten oder Kuchen. Sie machte für uns Bananenmuffins, und wir hatten jeder unsere Teetasse mit kleinen Clownsgesichtern darauf. Üblicherweise kamen wir zu ihnen, wenn Shane besonders schlimm zugeschlagen hatte. Dann setzte uns Nan an den Tisch, schenkte uns heißen Tee ein und servierte uns Muffins, ehe wir todmüde ins Bett fielen.

Draußen gab es einen wunderschönen Garten mit einem gepflegten Rasen und bunten Blumenbeeten an den Rändern. Nan und Granddad liebten es zu gärtnern, und bei warmem Wetter gingen sie mit uns raus. Sie ermutigten uns zum Spielen und dazu, jene sorglosen Kinder zu sein, die wir daheim nicht sein konnten. Ihr Bungalow lag an einer ruhigen Straße, unser Haus an einer hektischen Hauptverkehrsstraße, auf der immer irgendjemand rumschrie und brüllte. Im Haus unserer Großeltern war immer alles ruhig, und es lag in einem Gebiet, in dem viele Rentnerpaare lebten. Oft waren bei den Nachbarn die Enkel zu Besuch, und dann spielten wir mit ihnen.

Wie lange wir bei unseren Großeltern blieben, hing von der Situation bei uns zu Hause ab. Wenn Terri im Krankenhaus war, blieben wir länger, manchmal sogar eine Woche lang. Es war so, als würden wir Urlaub machen. Wenn wir wieder zurückmussten, wurde ich nervös. Der Gedanke daran, nach Hause zurückzukehren, erfüllte mich mit Ungewissheit, und ich fühlte mich zwischen zwei Welten hin und her gerissen: meinem eigenen Zuhause und dem meiner Großeltern. Auch wenn ich schon früh begriffen hatte, dass mir die Dinge Angst machten, die sich zu Hause abspielten, war ich noch zu jung, um zu begreifen, wie sehr wir doch alle vernachlässigt wurden. Für mich waren all diese entsetzlichen Vorfälle etwas ganz Normales. In einem gewissen Maß verspürten wir alle eine eigentlich völlig deplatzierte Loyalität gegenüber Shane und Terri, und deshalb spielten wir nach der Rückkehr von unseren Großeltern immer herunter, wie viel Spaß wir dort gehabt hatten. Anfangs, als wir noch ganz begeistert von dem vielen Spielzeug und den Spielen erzählt hatten, wurde uns gesagt, dass wir nur verwöhnt wurden. Vor allem meine kleinen Brüder wollten nicht meinen Eltern das Gefühl geben, dass sie weniger geschätzt wurden als die Großeltern.

Wenn wir nicht von meinen Großeltern beschützt wurden, fiel diese Aufgabe meinem älteren Bruder Jayden zu. Er war vier Jahre älter als ich, während Kirsten elf Monate älter war. Jayden kümmerte sich von Anfang an um uns und rettete uns einige Male das Leben. Er war schon ein großer Junge gewesen, und er hatte schnell erwachsen werden müssen. Schon als er erst fünf oder sechs war, achtete er darauf, dass wir in Sicherheit waren, wenn ein Streit anfing. Als er sieben war, stellte er sich Shane in den Weg. Jayden ließ ihn nicht in unsere Nähe, was dazu führte, dass er viel Prügel einstecken musste. Einmal versuchte er Terri zu beschützen, indem er Shane in die Weichteile trat, und als sich der Zorn unseres Vaters dann gegen uns richtete, bugsierte Jayden uns alle in die Vorratskammer und schloss uns dort ein, ehe er loslief, um die Polizei zu rufen. Er hatte schon in jungen Jahren gelernt, den Notruf zu wählen.

Als ich etwas älter war, erfuhr ich, dass Jayden gar kein richtiger Bruder war. So wie es sich für das chaotische Leben von Terri und Shane gehörte, war sein wirklicher Vater Shanes Bruder, weshalb er mein Cousin und mein Bruder gleichzeitig ist. Mein Onkel hatte mit Terri geschlafen, bevor die etwas mit Shane angefangen hatte, aber das hat mich nie gekümmert, und es hat auch nichts daran geändert, wie ich zu Jayden stehe. Wir hatten unsere Probleme, und im Lauf der Jahre haben wir uns überworfen. Jayden musste sich seinen eigenen Dämonen stellen, die ihn wegen unserer Kindheit genauso plagten wie mich. Aber ich habe ihn immer nur als Bruder gesehen, und ich war ihm stets dankbar dafür, dass er so auf uns aufgepasst hat. Wir standen uns immer nah, und später, nachdem man uns endlich unseren Eltern weggenommen hatte, wurde er von Nan und Granddad adoptiert, um die er sich rührend kümmerte, als sie älter wurden.

Jayden war ein süßes Kind gewesen. Wegen seiner Größe hatte er schon als Kleinkind älter gewirkt. Er sah gut aus, er hatte dunkle Haare, und er war immer von stämmiger, aber nie fetter Statur. Er war sehr aktiv und liebte Sport in allen Variationen. Der Sport bot ihm eine Möglichkeit, der Brutalität zu entkommen, und ich bin mir sicher, dass er den Sport auch nutzte, um den Frust abzubauen, der sich daheim aufstaute. Er spielte Fußball, aber vor allem gefiel ihm, wie rau es beim Rugby zuging. Der stets furchtlose Jayden schien sich nicht darum zu kümmern, ob er sich dabei verletzen konnte. Jeder von uns wurde später im Leben auf seine Weise immun gegen Schmerz und Angst, und wir hatten deswegen alle unsere Probleme, damit zurechtzukommen. Wir gingen große Risiken ein, jeder von uns entwickelte sein eigenes, verdrehtes Sicherheitsgefühl.

Trotz der Last, die daheim auf Jaydens Schultern lastete, konnte er immer lächeln. Er schaffte es, in jedem Menschen das Beste zu sehen, oder zumindest versuchte er es. Es war so, als würde er den Mutterinstinkt besitzen, den Terri hätte haben sollen. Neben den Fotos mit Terri habe ich auch Fotos von Jayden, als er noch klein war. Auf vielen davon ist er zu sehen, wie er mich als Kleinkind in den Armen hält. Er hat einen trotzigen Ausdruck in den Augen, so wie eine Löwenmutter, die ihren Nachwuchs beschützt. Wenn ich mir heute diese Fotos ansehe, werde ich sehr traurig, weil sie mich daran erinnern, wie schnell wir alle hatten erwachsen werden müssen und wie viel wir dadurch versäumt haben. Wir hatten eigentlich weder eine Mutter noch einen Vater, denn die Erwachsenen, die uns hätten großziehen sollen, waren gar nicht fähig, elterlichen Pflichten nachzukommen. Wir waren praktisch unsere eigene Familie, und manchmal war Jayden für uns Mum und Dad. Wir passten gegenseitig aufeinander auf, und Jayden tat sein Bestes, um für unsere Sicherheit zu sorgen. Wenn es im Winter bitterkalt war, passten wir gut auf, dass es unseren jüngeren Brüdern warm genug war. Wir schmiegten uns an sie, und wir teilten unsere Decken und Tagesdecken mit ihnen, wenn es im Haus so kalt war, dass man seinen eigenen Atem sehen konnte. So wie bei einem Rudel wilder Tiere kannte jeder seinen Platz in der Hierarchie unserer gestörten Familie. Jayden war der Beschützer, und zusammen mit Kirsten und mir passte er auf unsere beiden kleinen Brüder auf. Jamie kam ein Jahr nach meiner Geburt zur Welt, Harry ein Jahr später.

Kirsten hatte von Terri das dunkle Haar geerbt, was auch für Jamie galt. Ihr Gesicht war schmal, und sie war ein schmächtiges kleines Ding, das fast nur aus Haut und Knochen bestand. Im Bett bekam ich von ihr oft ein spitzes Knie oder einen genauso spitzen Ellbogen in den Rücken, sobald sie sich drehte, um bequemer liegen zu können.

Das Verhältnis zwischen Kirsten und mir war ein anderes als das zu Jayden. Da wir in so kurzem Abstand zur Welt gekommen waren, kamen wir uns fast schon gleichaltrig vor, wodurch sich unsere Rollen im Lauf der Jahre immer wieder veränderten. Als ich ganz klein war, gab sie die ältere Schwester und brachte mir die Dinge bei, für die eigentlich meine Eltern zuständig gewesen wären, zum Beispiel, wie man Schuhe schnürte oder mit einem Besteck umging. Wenn wir nach einem heftigen Streit daheim vorübergehend bei Pflegefamilien einquartiert wurden, kamen Kirsten und ich fast zwangsläufig zusammen bei einer Familie unter, während die Jungs gemeinsam woanders hingeschickt wurden. Es war dem Jugendamt einfach nicht möglich, eine Familie zu finden, bei der wir alle fünf unterkommen konnten. In den ersten Jahren wurden wir unseren Eltern dreimal weggenommen und wieder zurückgeschickt. Dazu kamen aber auch die Male, wenn wir von unseren Großeltern einfach mitgenommen wurden.

Das Jugendamt wurde immer dann automatisch aktiv, wenn die Polizei zu einem Vorfall gerufen wurde. Vor allem die Betreuer passten über Nacht auf uns auf, während Terri ins Krankenhaus ging, um sich da zusammenflicken zu lassen. Es war jedes Mal ein Abenteuer, wenn wir anschließend zusammenkamen und uns gegenseitig ganz aufgeregt erzählten, wo wir gewesen waren und was wir erlebt hatten. In jedem der Häuser, in denen wir untergebracht wurden, hatte man uns warmherzig empfangen und uns mit Spielzeug versorgt. Als wir etwas älter wurden, tauschten Kirsten und ich unsere Rollen, denn mit einem Mal war sie diejenige, die Angst hatte und die nachts zu mir kam, um sich von mir trösten zu lassen.

Wir alle lernten, uns hinter Masken zu verstecken. Nach außen hin waren wir lächelnde, freundliche Kinder. Ich kann mich daran erinnern, wie ich über alle Maßen versuchte, anderen Leuten zu gefallen. Vielleicht dachte ich, wenn ich lächle, fühle ich mich glücklicher, und wenn ich mir ganz viel Mühe gab, anderen Leuten zu gefallen, würden sie mir womöglich die Liebe und die Zuneigung schenken, die ich von meinen Eltern nicht bekam. Kirsten war so wie ich – ein lächelndes, freundliches Kund. Aber sie war auch sehr aufgedreht. Sie konnte keine fünf Minuten stillsitzen, sie war fast schon hyperaktiv.

Sobald sie sich frei bewegen konnte, rannte sie unentwegt umher, bis sie vor Erschöpfung aufhören musste. Sie verlangte ständig nach Aufmerksamkeit, weil sie die zu Hause nicht bekam. Sie konnte sich für alles begeistern und stundenlang über ein Thema reden, wenn jemand mit ihr ein Gespräch anfing.

Schon in frühen Jahren entwickelten wir alle Verhaltensauffälligkeiten. Wir waren von unseren Eltern nie dazu erzogen worden, aufs Töpfchen zu gehen, was sich bei jedem von uns bemerkbar machte. So trug ich mit vier Jahren immer noch Windeln. Unser Umgang mit der Körperhygiene war erschreckend. Wir wuschen uns nur selten und mussten uns gegenseitig das Zähneputzen beibringen. Kirsten entwickelte die seltsame Angewohnheit, Essig zu trinken. Wenn eine Flasche Essig im Vorratsschrank stand, klaute sie ihn und trank ihn aus. Und wenn wir irgendwo unterwegs waren und es gab kleine Beutelchen Essig, dann kannte sie keine Hemmungen, sondern stürmte hin und stopfte sich die Taschen damit voll. Einmal, als wir bei einer Pflegefamilie waren, gingen wir zusammen essen, und mittendrin verschwand Kirsten. Wir fanden sie schließlich unter einem Tisch wieder, wo sie sich versteckt hatte, um eine Flasche Essig zu trinken. Einmal musste sie sogar ins Krankenhaus, weil sie es maßlos übertrieben hatte.

Unser Leben begann sich zu verändern, als meine Großeltern veranlassten, dass wir ganz in der Nähe eine Kita besuchten. Es war das erste Mal, dass unser Tagesablauf Struktur erhielt. Wahrscheinlich hatten sie begriffen, dass wir ein Leben im freien Fall verbrachten, und sie wollten uns helfen, eine gewisse Normalität zu erlangen. Vielleicht war ihnen auch klar geworden, dass es umso gesünder für uns war, je länger wir dem Elend unseres Hauses entkommen konnten.

Der Besuch der Kita war so, als würden wir einen anderen Planeten betreten. Die Zimmer waren in hellen Farben gestrichen, man fühlte sich wohl, es gab Spielzeug. Die Leute, die dort arbeiteten, empfingen uns mit offenen Armen. Sie liebten Kinder, sie mochten es, von Kindern umgeben zu sein. Kinder waren ihnen wichtig. Zu Hause waren wir uns selbst überlassen worden, aber in der Kita hatte jeder Tag Struktur, und wir waren mit allen möglichen Aktivitäten beschäftigt. Es war eine sichere Umgebung, niemand schrie uns an, und wir bekamen etwas Warmes zu essen.

Ich kann mir kaum ausmalen, in welcher Verfassung wir in der Kita eintrafen. Unsere Kleidung wird verdreckt gewesen sein, und sie muss gestunken haben. Etliche Male wurden wir in den Sachen nach Hause geschickt, die andere Kinder vergessen und nie wieder abgeholt hatten. Das war immer noch besser als das, was wir am Leib trugen. Wir schlangen alles runter, was uns an Essen vorgesetzt wurde. Als ich schon viel älter war, erfuhr ich aus den Unterlagen des Jugendamts, dass ich an Krätze litt, einer ansteckenden Hautkrankheit, die dadurch ausgelöst wurde, dass sich Milben in der Haut festsetzten. Das in Verbindung mit meinem Asthma und den Ekzemen muss mich zu einem ziemlich armseligen Anblick gemacht haben. In der Kita wurden die Leute erstmals darauf aufmerksam, dass wir verwahrlost waren, denn in meiner Akte ist zu lesen, dass zu dieser Zeit die für unser Viertel zuständige Abteilung im Jugendamt sich aktiv für mich zu interessieren begann. Es muss auf den ersten Blick erkennbar gewesen sein, und wer eine Weile unser Verhalten beobachtete, der musste einfach feststellen, dass bei uns zu Hause einiges nicht so richtig lief. Ich kam erst mit drei oder vier in die Kita, und bis dahin hatte ich mit anderen Kindern keinen Kontakt gehabt. Daher wusste ich nicht, wie ich mich einem anderen Kind mitteilen oder mit ihm reden sollte, wenn es nicht eines meiner Geschwister war. Anfangs konnte ich mit keinem Erwachsenen reden, ohne dabei auf den Boden zu starren. Aber die Mitarbeiter waren so nett und freundlich, und sie ermunterten mich dazu, sie doch beim Reden anzublicken. Wenn ich in der Kita war, dann fühlte sich das jedes Mal wie Urlaub an. Ich war von der fürsorglichen Art dieser Leute so überwältigt, dass sich bei mir der Wunsch festsetzte, selbst irgendwann auch in diesem Beruf zu arbeiten. Die einzigen bedeutsamen Kontakte mit anderen Erwachsenen als meinen Großeltern waren die mit Polizisten, Rettungswagenfahrern, die Terri abholten, und mit den Mitarbeitern der Kita. Ich habe immer andere Leute beschützen oder ihnen helfen wollen.

Die Kita machte mich auch mit der Welt der Wörter, der Zahlen und der Geschichten vertraut. Zu Hause wurde uns nie etwas vorgelesen, und wir hatten auch keine Bücher. In der Kita begannen wir das Alphabet zu lernen und erfuhren, wie man Buchstaben aneinanderreiht, um einfache Wörter zu bilden. Zu Hause verbrachten Kirsten und ich viel Zeit damit, uns gegenseitig beim Lernen zu helfen und die Dinge ins Gedächtnis zu rufen, die man uns in der Kita beigebracht hatte. Terri und Shane zeigten nie Interesse an dem, was wir machten, und es kümmerte sie auch nicht, ob wir irgendetwas lernten. Ich erinnere mich, dass Terri mehr und mehr Zeit damit verbrachte, irgendwelche Drogen zu nehmen, als ich älter war. Damals hatte ich keine Ahnung, was da los war, aber ich sehe es noch ganz deutlich, wie sie ein Feuerzeug unter einen Löffel hielt und mit einem Strohhalm die aufsteigenden Dämpfe inhalierte. Da wir viele Stunden am Tag in der Kita waren, mussten ihr Drogen- und ihr Alkoholkonsum schlimmer geworden sein, weil sie mehr Zeit zur Verfügung hatte. Sie war oft völlig neben sich, wenn sie uns abholte und nach Hause brachte. Dann verbrachte sie eine Ewigkeit damit, die Flaschen zu verstecken, die sie den Tag über geleert hatte (mit Gläsern hielt sie sich gar nicht erst auf, stattdessen trank sie Wein und auch die härteren Sachen direkt aus der Flasche). Sie hatte etwas fast Kindliches an sich, wenn sie ihre Spuren zu verwischen versuchte. Sie wickelte Papier um die Flaschen und hoffte, Shane würde sie dann schon nicht bemerken. Es war völlig surreal, weil sie kein bisschen Vernunft erkennen ließ. Ich weiß noch, wie sie mit einer Flasche in der einen Hand und einem Joint in der anderen durch das Haus wankte, überall Asche verteilte, aber nicht das Bewusstsein verlor.

Terri machte nie etwas mit uns. Sie setzte sich nie zu Kirsten und mir, um uns die Haare zu frisieren oder um mit uns zu spielen. Fakt ist, dass es sie einfach nicht kümmerte, und je älter ich wurde, umso weniger bedauerte ich sie. Ich hasste sie dafür, dass sie mit Shane zusammen war, und ihn hasste ich dafür, dass er auf sie losging.

Es ist schwierig, diese Situation als traurig wahrzunehmen, weil es niemals irgendwelche Zuneigung gab. Also gab es auch nichts, dem man hätte nachtrauern können.

Blick nach vorn

Oft kamen fremde Männer ins Haus. Heute vermute ich, dass es sich um Drogendealer handelte, die Terri mit Nachschub versorgten. Normalerweise hielten sich nämlich die Leute von unserem Haus fern, weil es einfach kein Ort war, den man besuchen wollte, da man sich dort nicht wohlfühlen konnte. Ein Besucher, der einigermaßen regelmäßig vorbeikam, war ein entfernter Verwandter namens Pat. Mit wem er verwandt war, wusste ich nicht, aber ich fürchtete mich vor ihm, wenn er zu uns kam. Oft brachte Shane ihn mit, nachdem sie zusammen irgendwo was getrunken hatten. Sie platzten zur Tür herein, brachten Dosen Skol mit und terrorisierten uns in ihrem betrunkenen Zustand die ganze Nacht hindurch. Erst drehten sie die Musik auf, dann kommandierten sie Terri herum, damit sie ihnen etwas zu essen und mehr Alkohol brachte. Manchmal wurde sie geschlagen, wenn sie nicht das tat, was sie ihr sagten, oft gesellte sie sich aber auch zu ihnen.

Pat war ein großer verschwitzter Kerl mit einem losen Mundwerk, den es nicht kümmerte, ob Kinder im Zimmer waren. Er fluchte und brüllte, und je nach Laune wurde er auch aggressiv. Er war fast eins achtzig groß und hatte einen sehr dicken Bauch, der oft unter den T-Shirts und Westen hervorlugte, die er vorzugsweise trug. Ich sah ihn immer nur in einer Polyester-Jogginghose. Er stank nach Bier, hatte Mundgeruch, und seinen ganzen Körper umgab eine Wolke aus Schweiß und anderen üblen Gerüchen. Er hatte eine Glatze, beide Arme waren tätowiert, und er schien sich nie zu waschen. Seine Zähne sahen aus wie vergilbte Grabsteine; sie waren krumm und schief und lugten verfault aus dem blutigen Zahnfleisch hervor.

Ich hatte Angst vor ihm, und sobald ich hörte, dass er ins Haus kam, versteckte ich mich unter der schmutzigen Decke, die manchmal von demjenigen auf dem Sofa zurückgelassen worden war, der in der Nacht zuvor dort geschlafen hatte. Während ich betete, dass er mich dort nicht bemerken würde, kniff ich die Augen zu und versuchte, ganz unter der Decke zu verschwinden und zwischen den Kissen zu versinken. Aber Pat fand mich immer, und dann fasste er mich an.

Es begann, als ich ungefähr drei war. Glücklicherweise kann ich mich nur an Bruchstücke erinnern. Ich weiß nicht, wo meine Eltern waren, wenn es passierte, und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass meine Brüder oder meine Schwester mit dabei waren. Ich weiß nur, dass ich oft mit ihm allein war. Er fixierte mich mit einem abwesenden Blick, seine Augen wurden dabei ganz dunkel.

»Komm her«, knurrte er. »Alle Kinder machen das. Dein Dad sagt, dass es erlaubt ist.«

Ich wusste nicht, ob das stimmte oder nicht, aber er war ein Erwachsener, und als Kind glaubte ich das, was Erwachsene sagten.

Sein Atem stank, als er sich zu mir rüberbeugte. Ich war so verwirrt, dass ich nicht verstand, was er mit mir machte und warum er es machte. Ich wusste nur, es gefiel mir nicht. Ich versuchte, mich aus seinem Griff zu winden, doch er lachte nur und hielt mich mit seinen dreckigen, groben Händen fest. Manchmal hörte ich Shane irgendwo im Haus betrunken lachen, dann wieder schrie Terri. Oft konnte ich hören, wie meine Geschwister oben im Zimmer herumliefen, und ich wünschte, Jayden würde hereinkommen und mich retten. Ich wollte unsichtbar sein, ich wollte einschlafen und erst wieder aufwachen, wenn alles vorbei war.

Es gab Momente, da versuchte ich Terri zu sagen, was mit mir gemacht wurde. Ich wusste nicht die richtigen Worte, um zu beschreiben, was er tat, und stattdessen sagte ich ihr, ich hätte Schmerzen. Entweder konnte sie nicht verstehen, was ich ihr zu erklären versuchte, weil ihr Gehirn so mit Schnaps getränkt war, oder aber sie wollte mich nicht verstehen, um sich damit nicht auseinandersetzen zu müssen. Mal sah sie mich nur stumm an, mal meinte sie, dass es mir bald wieder besser gehen würde.

Als ich älter wurde, geschah dieser Missbrauch häufiger als zuvor. Ich sagte mir, dass das ganz normal ist. Dass Erwachsene sich Kindern gegenüber eben so verhalten. Ich war mein Leben lang von Erwachsenen enttäuscht und geschlagen worden, ich erwartete von ihnen gar kein anderes Verhalten.

Ich wurde größer, und Shanes aggressives Verhalten mir und meiner Familie gegenüber steigerte sich noch. Noch heute habe ich die Narben, die mich daran erinnern. Als ich vier war, brachte ich genügend Mut auf, es ihm ins Gesicht zu sagen, wenn ich fand, dass er besonders gemein gewesen war. Diese trotzige Art, so sagte er mir, würde an meiner »spitzen Zunge« liegen.

Eines Tages beschloss er im Alkoholrausch, mir die Zunge abzuschneiden. Er drückte meine Arme nach unten und fuchtelte mit einem Messer vor meinem Gesicht hin und her. Ich versuchte mich zu wehren und fing an zu weinen, doch das schien ihn erst recht anzuspornen.

»Ich werde mein Messer an deiner spitzen Zunge schärfen«, erklärte er in schleppendem Tonfall.

Er fing an mit der Klinge über meinen Mund und das Kinn zu kratzen.

»Zeig mir diese Zunge«, beharrte er.

Da ich entschlossen war, ihn nicht gewähren zu lassen, presste ich die Lippen fest zusammen. Ich war einer Panik nah.

Auf einmal spürte ich einen brennenden Schmerz unter dem Kinn. Er hatte die Klinge fest genug gegen meine Haut gedrückt, um sie zu durchstechen. Ich merkte, wie mir das Blut am Hals entlanglief, und ich wimmerte. Ich konnte einfach nicht begreifen, wie ein Erwachsener ein Kind so behandeln konnte – und schon gar ...

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