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Mädchen versenken

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1: Lara
  8. Kapitel 2: Maud
  9. Kapitel 3: Maud
  10. Kapitel 4: Lara
  11. Kapitel 5: Maud
  12. Kapitel 6: Maud
  13. Kapitel 7: Maud
  14. Kapitel 8: Lara
  15. Kapitel 9: Maud
  16. Kapitel 10: Maud
  17. Kapitel 11: Maud
  18. Kapitel 12: Lara
  19. Kapitel 13: Maud
  20. Kapitel 14: Maud
  21. Kapitel 15: Lara
  22. Kapitel 16: Maud
  23. Kapitel 17: Maud
  24. Kapitel 18: Maud
  25. Kapitel 19: Lara
  26. Kapitel 20: Maud
  27. Kapitel 21: Maud
  28. Kapitel 22: Lara
  29. Kapitel 23: Maud
  30. Kapitel 24: Maud
  31. Kapitel 25: Maud
  32. Kapitel 26: Lara
  33. Kapitel 27: Maud
  34. Kapitel 28: Lara
  35. Kapitel 29: Maud
  36. Kapitel 30: Lara
  37. Kapitel 31: Maud
  38. Kapitel 32: Maud
  39. Kapitel 33: Lara
  40. Kapitel 34: Maud
  41. Kapitel 35: Maud
  42. Kapitel 36: Lara
  43. Kapitel 37: Maud
  44. Kapitel 38: Lara
  45. Kapitel 39: Maud
  46. Kapitel 40: Lara
  47. Kapitel 41: Maud
  48. Kapitel 42: Lara

Über das Buch

Als Lara ihre Augen öffnet, ist alles um sie herum schwarz. Träumt sie? Ist sie tot? Und was hat es mit den Stimmen auf sich, die sie aus dem Dunkeln hört? Ihr wird klar: Offenbar hat es jemand auf ihre beste Freundin Maud abgesehen. Aber wie soll sie Maud warnen, wenn niemand sie hört? Maud macht sich schreckliche Vorwürfe. Warum hat sie Lara an dem verhängnisvollen Abend, als das Unglück passierte, nicht nach Hause begleitet? Die Ärzte halten Lara für hirntot und wollen die lebenserhaltenden Maschinen abstellen. Doch Maud kann ihre Freundin nicht einfach aufgeben – sie muss um Laras Leben kämpfen! Denn Maud glaubt nicht an einen Unfall und will herausfinden, was in jener Nacht wirklich geschah. Dabei ahnt sie nicht, dass sie schon längst selbst in Gefahr schwebt …

Über den Autor

Mel Wallis de Vries, geboren 1973, ist in den Niederlanden DIE Autorin für Psychothriller im Jugendbuch. Ihre Titel finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten wieder und werden von Jugendlichen wie Erwachsenen gerne gelesen, wie die verschiedenen Preise beweisen, mit denen die Bücher der Autorin ausgezeichnet wurden.

MEL WALLIS DE VRIES

MÄDCHEN VERSENKEN

Übersetzung aus dem Niederländischen
von Verena Kiefer

 

Für Pien.

Die Welt ist deine Bühne.

Und ich bin dein allergrößter Fan.

Kuss, Mama.

Kapitel 1

Lara

Erinnerungen. Es gibt sie, aber ich bekomme sie nicht zu fassen. Wie Seifenblasen schweben sie in meinem Kopf. Ungreifbar und durchsichtig. Wie alt ich bin? Ich weiß es nicht. Wie ich heiße? Keine Ahnung. Da sind zwar Buchstaben, aber ich kann kein logisches Ganzes daraus formen. Wo ich wohne? Vielleicht in einer Villa, vielleicht in einem Apartment. Es fühlt sich an, als wäre mein Kopf zu einem Wichtelsack ohne Geschenke geworden: Es ist nur Sägemehl darin. Plötzlich muss ich kichern. Alles scheint so unwichtig.

Wer ich bin, beschränkt sich auf diesen Augenblick. Es gibt kein Gestern und auch kein Morgen. Es gibt nur noch Dunkelheit. Über mir, unter mir, neben mir. Ich treibe in einem schwarzen, warmen Meer ohne Geräusche. Meine Arme und Beine sind schwerelos. Eigentlich weiß ich nicht einmal mehr genau, ob ich noch Arme und Beine habe. Mein Körper scheint verschwunden. Ich könnte einen Quadratzentimeter groß sein, aber auch so groß wie ein Fußballfeld.

Vielleicht war das früher als Baby auch so. Dümpeln im lauwarmen Dunkeln im Bauch meiner Mutter, ohne jedwede Vorstellung davon, wie es draußen aussehen könnte. Bilder einer Frau huschen durch meinen Kopf. Sie hat lange braune Haare und zartrote Lippen. Ist das meine Mutter? Ihre grünen Augen leuchten mit einer seltsamen Intensität. Auf einmal ist es, als würde sie neben mir stehen. Ich möchte sie berühren und ihre warme Haut mit meiner Hand spüren.

Aber ich habe meinen Arm verloren. Irgendwo in diesem schwarzen Meer muss mein Arm treiben, aber wo? Mein Kopf sendet Signale an meine Muskeln: bewegen, bewegen, bewegen, oh bitte, bewegt euch doch! Es geschieht nichts. Hilflos schaue ich zu der Frau hinüber. Sie lächelt, und ihre Hand kommt auf mich zu, immer näher. Noch einen Meter, noch ein paar Zentimeter. Mir treten Tränen in die Augen. Ich möchte so gern, dass sie mich berührt. Ich möchte so gern von ihr gehalten werden.

Plötzlich zuckt ihre Hand zurück. Ihr Kopf dreht sich nach links und rechts, und ihre Augen sind weit aufgerissen. Offenbar erschrickt sie vor etwas. Auch ich werde unruhig. Die Dunkelheit lastet auf mir. Mir wird schwindelig. Die Frau ruft mir etwas zu. Es sind leere Worte ohne Ton. Ich glaube, sie versucht mich vor etwas zu warnen, denn ihre Lippen bewegen sich schnell und panisch. »Was ist los?«, will ich fragen. Aber die Dunkelheit quillt in meinen Mund und füllt meine Lunge. Ersticke ich jetzt? Seltsamerweise kann ich ganz normal weiteratmen, wie ein Fisch im Wasser.

Ihr Blick wird traurig. Wieder sagt sie etwas. Ich glaube, es ist »Sorry«. Dann dreht sie sich um.

»Nein, nicht weggehen, bleib bei mir!«, schreie ich, aber es kommt kein Laut über meine Lippen. Mit großen Schritten entfernt sie sich von mir, bis sie schließlich im Nichts verschwindet. Plötzlich fühle ich mich so müde. Wer war diese Frau? Warum möchte ich so gern bei ihr sein? Die Fragen kreisen in meinem Kopf, spielen Fangen, ohne sich zu kriegen. Nach einer Weile gebe ich es auf. Die Erinnerung an die Frau verschwimmt. Die Dunkelheit scheint allem die scharfen Ecken und Kanten zu nehmen.

Ich denke an das Meer. An azurblaues Wasser, das um meine Beine schwappt. Sand zwischen meinen Zehen. Bin ich je in einem solchen Meer geschwommen? Dieser Gedanke macht mich traurig. Ich blinzele. Das Wasser wird grün und verwandelt sich in Bäume. Die Bäume werden zu einem Wald. Ich kann die nassen Blätter auf dem Erdboden fast riechen, so lebensecht wirkt alles. Plötzlich fange ich an zu weinen. Die Tränen rollen über meine Wangen, tropfen ins schwarze Nichts, fließen über, wie eine Regenrinne, die das Wasser nicht mehr bewältigen kann. Zum ersten Mal denke ich: Was mache ich hier eigentlich?

Kapitel 2

Maud

Klick. Das Schwarz hinter meinen Augen verschwindet und wird rot. Jemand hat eine Lampe eingeschaltet.

»Wach werden, Mau-haud«, höre ich meinen kleinen Bruder sagen.

Ich kneife die Augen fest zusammen. Schwarze Flecken tanzen durch das Rot. Stocksteif bleibe ich liegen. Ich bin erst gegen vier eingeschlafen. Wieder dieser Traum, wieder bin ich in Panik aufgewacht und gegen halb sieben endlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken. Und jetzt steht mein Bruder schon vor meinem Bett.

»Du bist wach, ich sehe es doch«, sagt er mit einem klagenden Tonfall in der Stimme.

Warum hält er nicht den Mund? Ich höre auf zu atmen. Vielleicht glaubt er dann, ich wäre tot.

Ich bekomme einen Knuff in die Rippen und schnappe nach Luft. Durch die Wimpern sehe ich, dass mein Bruder wie ein Boxer vor meinem Bett steht, mit erhobenen Fäusten. Hat er mich geschlagen? Was denkt der sich eigentlich?

»Geh weg!«, zische ich.

»Nein.«

Meine Decke wird weggezogen.

»Gib sie her, David.«

»Nein.«

Meine Körperwärme, die sich unter ihr angestaut hat, verfliegt. Zitternd winkele ich die Knie an. Ich habe große Lust, meinen Daumen in den Mund zu stecken, so wie früher. Und dann spüre ich etwas Nasses unter meinen Füßen. Mit einem Schrei sitze ich aufrecht im Bett. Das Gesicht meines Bruders grinst mich an.

»Was …?«, stammele ich.

David hält einen nassen Waschlappen in den Händen. So ein gemeiner Kerl!

»Nicht witzig?«, fragt er.

»Nicht witzig«, schnauze ich. Am liebsten würde ich ihm mit dem Waschlappen den scheinheiligen Ausdruck vom Gesicht wischen. Aber in dem Moment ruft meine Mutter von unten: »Ist sie schon wach?«

»Ja«, brüllt mein Bruder zurück. »Sie ist wach!«

»Sag ihr, sie soll sich beeilen.«

Sie? Sie? Warum nennt Mama mich nicht einfach Maud?

Den Namen hat sie sich schließlich mit meinem Vater ausgedacht, als ich vor sechzehn Jahren und neun Monaten geboren wurde.

»Du sollst dich beeilen«, sagt David zu mir.

»Ich bin nicht taub.« Seufzend stehe ich auf. »Verschwinde.«

Er bleibt stehen.

»David, ich meine es ernst. Ich gehe duschen, verzieh dich.«

»Bist du wieder dicker geworden?«, fragt er plötzlich.

Einen Moment lang bin ich sprachlos. David schafft es immer, haargenau die Dinge zu sagen, die mich wahnsinnig verletzen. Jetzt fühle ich mich wie ein Elefant mit einem viel zu kurzen T-Shirt. Unbeholfen ziehe ich am Saum.

»Oh, sorry, hab ich was Falsches gesagt? Du machst auf einmal so ein komisches Gesicht.« Er lächelt. »Weißt du, so dick bist du nun auch wieder nicht. Sara aus deiner Klasse – die ist erst richtig dick! Ihre Beine sind wie Baumstämme. Dagegen hast du nur Stämmchen.«

Mit Daumen und Zeigefinger macht er einen Kreis und zeigt, wie dünn meine Beine seiner Ansicht nach sind. Die Art, wie er es sagt, mit diesem triezenden Unterton, und die viel zu großen, unschuldigen blauen Augen sagen mir, dass er nichts davon wirklich meint. Gott, wie ich ihn hasse! Ich werfe mein Kopfkissen in seine Richtung. Es trifft die Wand.

»Ich geh ja schon, ich geh ja schon!«, sagt er grinsend und schlägt die Zimmertür mit einem Knall hinter sich zu.

Wütend drehe ich mich um. Ich hoffe, er fällt die Treppe runter. Ich hoffe, dass er an seinem Frühstück erstickt. Ich hoffe, dass ich ihn nie wiedersehe. Ich gehe zum Fenster. Die Innenseiten meiner Oberschenkel reiben gegeneinander. David hat leider recht – ich habe zugenommen. Die Tüten mit Chips, Twix, KitKat und M&M’s, die ich seit den Sommerferien gegessen habe, habe ich schon lange aufgehört zu zählen.

Plötzlich fühle ich mich so schmutzig. Breitbeinig stelle ich mich vor das Fenster und ziehe den Vorhang auf. Über dem Garten hängt eine seltsame Stille. Nichts bewegt sich, nicht mal ein Zweig. Zwischen den kahlen Bäumen hat sich grauer Nebel verfangen. Alles wirkt tot. Der Nebel wabert durch das geöffnete Fenster hinein, und über meine nackten Arme zieht sich eine Gänsehaut. Auch in meinem Kopf wird es kalt und neblig. Ich trete einen Schritt zurück. Und noch einen.

»Maud!« Die Stimme meiner Mutter klingt jetzt verärgert. »Es ist halb acht. In einer Dreiviertelstunde fängt die erste Stunde an.«

Der Nebel hebt sich und zieht wieder hinaus. »Jahaaa«, rufe ich heiser und laufe ins Badezimmer.

Sieben Minuten und zwanzig Sekunden später betrete ich die Küche. Ein neuer Rekord.

»Guten Morgen, Schatz«, sagt mein Vater. Er zwinkert mir über den Zeitungsrand zu.

»Hi Paps.« Ich schiebe einen Stuhl zurück und setze mich an den Küchentisch.

»Da bist du ja endlich«, sagt meine Mutter. Auf dem Weg zur Anrichte klackern ihre Absätze auf dem Parkett. Sie trägt einen Rock, in den nicht mal ein Bein von mir passt. Es ist mehr als deutlich, dass ich Papas Gene geerbt habe. Und David die von Mama.

Meine Mutter stellt mir sofort einen Teller vor die Nase, zwei Scheiben dunkles Brot mit Wurst. Auf einmal habe ich keinen Hunger mehr. Unauffällig schiebe ich den Teller von mir.

»Hast du heute Nacht ein wenig schlafen können?«, fragt mein Vater.

»Na ja, nicht so gut, ich …«

»Kannst du David heute mit dem Auto in die Schule bringen?«, unterbricht meine Mutter unser Gespräch. Sie steht mit dem Rücken zur Anrichte und starrt meinen Vater an.

Er runzelt die Stirn. »Entschuldige, was sagtest du?«

»Ob du David heute in die Schule bringen kannst«, wiederholt sie gereizt.

Das Stirnrunzeln wird tiefer. Die Enden von Papas Augenbrauen berühren sich, und er sieht aus wie ein Comic-Schurke. Ob er noch weiß, dass er gerade mit mir gesprochen hat? Offenbar nicht, denn er sagt zu meiner Mutter: »Ich muss um neun im Büro sein, wir haben eine Besprechung wegen eines neuen Kunden in China.«

»David hat in der ersten Stunde eine wichtige Klassenarbeit. Mir wäre lieber, dass er nicht den ganzen Weg in die Schule mit dem Rad fährt.« Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht ihn eindringlich an.

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass ich jemand ganz anderes bin. Ein Popstar oder, noch besser, eine berühmte Schauspielerin. Dass ich Zehntausende Fans habe, die allesamt ein Autogramm von mir haben wollen. Dass mir alle zuhören.

»War das nicht die Klassenarbeit in Griechisch?« Der Ton in der Stimme meines Vaters sagt mir, dass sein Widerstand bröckelt.

»Ja«, antwortet meine Mutter. »Wenn er wieder eine gute Note schreibt, darf er mit auf die Studienreise nach Athen. Nur die zehn besten Schüler aus der Unterstufe bekommen einen Platz.«

»Na, dann los«, sagt mein Vater zögernd. »Wenn ich David jetzt wegbringe und danach sofort weiterfahre, wird es schon klappen.«

Ich öffne die Augen. Es ist immer dasselbe Lied. David ist so klein. David strengt sich so an, David bekommt so gute Noten, David bekommt immer seinen Willen.

»Danke schön, Papa«, sagt David und grinst.

Zum Glück gehen David und ich nicht zur selben Schule. Er ist in der Achten auf dem Gymnasium, ich bin in der letzten Klasse der Fachoberschule. Es muss eine große Erleichterung für meine Eltern gewesen sein, dass es wenigstens einer von uns aufs Gymnasium geschafft hat.

Mein Vater steht auf. »Wir müssen los, sonst schaffe ich es nicht rechtzeitig zu meiner Besprechung.«

David springt auf. Er kann seine Zufriedenheit kaum verbergen. Wie ein junger Hund läuft er hinter meinem Vater her – fehlt nur noch die hechelnde Zunge! Sie verschwinden durch die Seitentür der Küche in die kleine Diele.

»Beeilst du dich auch, Maud?«, fragt mich meine Mutter. »Hier, vergiss dein Pausenbrot nicht.«

Ich bekomme einen Frühstücksbeutel mit zwei dunklen Brotscheiben in die Hand gedrückt. Schnell stopfe ich ihn in meine Tasche.

»Bis wann hast du Schule?«, fragt meine Mutter, während sie den Tisch abräumt.

»Bis zwei.«

»Ich bin heute den ganzen Tag zu Hause.«

Meine Mutter arbeitet als Juristin bei einer Bank. Zu Hause sein bedeutet für sie, dass sie den ganzen Tag beruflich herumtelefoniert und mailt. David und ich dürfen dann keinen Lärm machen, sonst wird sie sauer. Wenn meine Mutter zu Hause ist, bin ich lieber nicht da. Zum Glück kommt das auch nicht so oft vor.

»Tschüs, mein Schatz.« Sie gibt mir einen Kuss. Ziemlich sicher habe ich jetzt einen Abdruck ihrer roten Lippen auf meiner Wange. Schnell wische ich mit dem Handrücken darüber.

»Fahr vorsichtig mit dem Rad!«

»Ja, klar.« Ich ziehe die Tür der Diele hinter mir zu. Es ist kaum genug Platz für mich. Ich zwänge mich zwischen Papa und David durch zur Garderobe.

»Tut mir leid, dass ich dich heute nicht wegbringen kann«, sagt mein Vater.

»Macht nichts, Paps.«

Er macht ein erleichtertes Gesicht. »Nächstes Mal bringe ich dich in die Schule.« Sanft zwickt er mich in die Wange.

»Heute Nacht hatte ich wieder diesen Traum«, sage ich und verstehe nicht, weshalb ich das jetzt plötzlich sage.

Einen Moment bleibt es still. Erst nach ein paar Sekunden nickt Papa.

»Es ist gerade erst passiert, Schätzchen. Die Wunde ist noch so frisch.«

»Das weiß ich, aber …«

»Wo ist mein Schal?«, nörgelt David.

»Hier.« Mein Vater nimmt einen blauen Schal von der Garderobe.

An mich gewandt sagt er: »Wir reden heute Abend weiter, okay?«

»Ja.« Am liebsten würde ich heulen.

»Hast du alles?«, fragt er David. »Jacke? Rucksack? Brotdose? Bücher?«

»Der Schal kratzt«, jammert David.

»Dann zieh ihn wieder aus.« Mein Vater seufzt. »Wir fahren jetzt, sonst schaffe ich das nie mit der Besprechung. Bis heute Abend!«

»Tschüs.« Ich winke, aber sie sind schon zur Haustür raus.

Plötzlich ist die kleine Diele ganz groß und ganz still.

Als würde ich einen Film anschauen, aus dem die Hauptpersonen verschwunden sind. Was mache ich hier eigentlich noch? Ich nehme meine Jacke von der Garderobe. Durch den Briefkastenschlitz rieche ich den Herbst: feuchter Dreck und welke Blätter. Ich öffne die Haustür, und winzige Regentropfen treffen mich im Gesicht. Sehen kann ich sie kaum, aber spüren. Wahrscheinlich bin ich patschnass, bis ich in der Schule ankomme. David nicht, der hockt schön warm und trocken bei Papa im Auto. Ich wische ein Spinnennetz vom Sattel und schwinge mich auf das Rad meiner Mutter. Mein eigenes ist letzte Woche geklaut worden, obwohl es abgeschlossen im Vorgarten stand. Nach langem Quengeln durfte ich mir das von meiner Mutter leihen. Langsam trete ich in die Pedale. Bei jeder Bewegung denke ich: Könnte ich die Zeit doch nur zurückdrehen.

Kapitel 3

Maud

Der Korridor ist wie ein Trichter, durch den alle Schüler müssen, um ihre Klassenräume zu erreichen. Nasse Jacken kleben an mir, Ellbogen piksen in meine Seiten, Stimmengewirr wird hohl und unverständlich von den Wänden zurückgeworfen, wie in einem überfüllten Schwimmbad. Ich lasse mich mit der Menge treiben und verlasse den Strom beim Raum 7A.

Es ist, als hätte ich eine Abzweigung in eine andere Welt genommen. Schüler sitzen an ihren Tischen und reden leise miteinander. Graues Tageslicht fällt durch die hohen Fenster des Klassenzimmers. Einen Moment bleibe ich stehen, als wüsste ich plötzlich nicht mehr, was ich machen soll.

»Hi Maud«, höre ich Nicole rufen.

Ich schaue zu ihr hinüber. Sie sitzt neben Christine und winkt. Christine lächelt mich an.

»Hi«, antworte ich und setze mich wieder in Bewegung.

»Wir dachten schon, du kämst nicht«, sagt Nicole.

Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf. »Warum?«

»Na ja, du weißt schon«, sagt sie vorsichtig. »Letzte Woche bist du auch ein paar Tage zu Hause geblieben.«

»Ach ja?« Heute habe ich keine Lust, es ihr leicht zu machen; ich tue so, als wüsste ich nicht, wovon sie spricht.

Sie seufzt. »Hör zu, ich habe mich gestern Abend auch in den Schlaf geweint. Du bist wirklich nicht die Einzige, die es momentan nicht leicht hat. Es war nur nett gemeint.«

Nicole ist manchmal wie Wasser: Wenn es nicht weiterkommt, fließt es eben in eine andere Richtung. Ob ich den Hahn auch irgendwo zudrehen könnte?

»Sorry«, murmele ich und setze mich an den Tisch hinter ihnen.

Christine dreht sich zu mir um. »Gibt es schon was Neues?«

»Nein.«

Kapieren Christine und Nicole denn nicht, dass ich jetzt nicht darüber reden möchte?

»Ich finde es so schlimm.« Ihr Kummer schimmert durch ihre Augen, als wären sie transparent.

»Hm-m«, sage ich und nicke.

Sie legt ihre Hand auf meinen Arm, und wo ihre Finger liegen, prickelt meine Haut. Unbehaglich ziehe ich meinen Arm zurück. Ich muss das hier beenden, sonst fange ich gleich an zu heulen.

»Was ist das für ein Nagellack?«, frage ich.

»Hä?« Sie sieht mich verblüfft an.

»Die Farbe.« Ich zeige auf ihre Finger. »Welche ist das?«

»Was?«

Nicole versteht schneller, was ich meine. »Nr. 57 von Etos, Misty Blue. Schön, oder? Ich hab den gleichen.«

»Ich leihe ihn dir gern«, sagt Christine. Trotzdem sieht sie mich ein wenig verletzt an, weil ich so schnell das Thema gewechselt habe.

»Guten Morgen!« Herr Woudstra kommt rein. Sein graues, gewelltes Haar klebt nass und strähnig an seiner Stirn, und die Brillengläser sind voller Wassertropfen. Er schaut sich um, ob wir alle da sind. »Und? Seid ihr alle bereit für eine Runde Mathe?«

Keiner antwortet.

»Schön«, murmelt er, während er seine Brille mit einem Taschentuch putzt. Am Pult zieht er ein Buch aus der Tasche. Und einen Stift. Und einen Stapel Papier. Im Fenster verfolge ich die Bewegungen seines Spiegelbilds. Regentropfen bedecken die Scheibe.

»Seht ihr den Papierstapel?«, zischt Nicole. »Hoffentlich lässt er keinen unangekündigten Test schreiben. Integralrechnung ist wirklich sauschwierig.«

»Hast du was gesagt, Nicole?« Woudstras Kopf dreht sich wie eine Radarantenne zu ihr. »Möchtest du es vielleicht mit dem Rest der Klasse teilen?«

Sie sieht ihn mit knallroten Wangen an. »Nein, nein. Ich habe nichts gesagt. Jedenfalls nichts Wichtiges. Ich, äh, ich habe nach einem Stift gefragt.«

»Tja, ohne Stift kannst du tatsächlich nicht schreiben, und du möchtest dir natürlich sehr gern Notizen machen während meines Unterrichts. Dein Einsatz gefällt mir. Hast du auch genauso viel Einsatz bei den Hausaufgaben gezeigt?«

Der Blick in ihren Augen ist verzweifelt. »Ja.«

»Würdest du dann mit Aufgabe 1 anfangen? Wie lautet das Integral einer Funktion f(x)? Das war nicht so schwierig, oder?«

Unter vielen Seufzern schlägt Nicole ein rosafarbenes Heft auf. »Ich, äh, die Antwort ist … Ich dachte …«

Während ich Nicoles Gestammel zuhöre, geht meine Hand automatisch zum leeren Platz neben mir. Hier saß sie immer. Er fühlt sich kalt an. Tot. Als wüsste selbst das Holz, was passiert ist.

Ich versuche, an etwas anderes zu denken, aber das will mir nicht so recht gelingen. Ich fange an zu schreiben. Willkürlich. Nagellack. Taschentuch. Die Buchstaben sind zittrig. Socken, Schwimmbad. Es hilft, ich werde etwas ruhiger.

»Maud, ich habe dich schon dreimal gefragt, ob du vielleicht die Antwort zu Aufgabe 1 weißt.«

Woudstra sieht mich sehr ernst an.

Nicole und Christine sehen mich an.

Alle in der Klasse sehen mich an.

Es dauert eine Ewigkeit, bis ich etwas erwidern kann.

»Ich … ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht«, bringe ich heraus.

Es wird still. Ich weiß, was jetzt kommen wird. Woudstra wird sauer. Er wird mich vor dem Rest der Klasse bloßstellen. Er gibt mir eine Strafarbeit auf. Aber es bleibt still. Woudstra starrt mich an, als hätte er plötzlich unglaubliches Mitleid mit mir.

»Geht es denn?«, fragt er auf einmal.

Ich will es nicht, aber meine Lippe fängt an zu zittern. »Ja, danke«, sage ich mit brüchiger Stimme – ich höre mich an, als wäre ich mindestens achtzig!

Er kommt näher. Ich kann die Rippen seiner Cordhose zählen.

»Du kannst gern kurz zu den Waschräumen und einen Schluck Wasser trinken, wenn du willst.« Er tut ja gerade so, als wäre ich krank. Ich spüre etwas in mir aufsteigen. Plötzlich wird mir klar, dass ich gleich weinen werde. Nein, nicht hier. Nicht jetzt. Bitte nicht. Hinter meinen Lidern stauen sich Tränen an, und ich stehe auf.

»Soll dich jemand begleiten?«

»Nein«, flüstere ich.

»Ich gehe gern mit«, sagt Nicole schnell und dreht sich hoffnungsvoll zu mir um.

»Nein«, sage ich noch leiser. Langsam bewege ich mich Richtung Tür. Das Linoleum quietscht unter den Sohlen meiner Stiefel, und ich höre meinen eigenen Herzschlag, schnell und laut. Noch drei Schritte, noch zwei, noch einen. So beherrscht wie möglich drücke ich die Türklinke hinunter. Lautlos trete ich über die Schwelle. Noch leiser ziehe ich die Tür hinter mir zu. Dann fange ich an zu rennen, immer schneller. Keuchend stürme ich die Treppe hinauf. Meine Stiefel poltern über die Steinstufen. Ich biege um die Ecke und pralle gegen einen Jungen.

»Pass doch auf, wo du hinläufst.«

»Sorry«, murmele ich. Ich habe Seitenstechen.

»Blöde Kuh«, ruft er noch, aber ich bin schon im Waschraum verschwunden.

Im Spiegel sehe ich, wie die Tränen über meine Wangen laufen. Geräuschvoll ziehe ich die Nase hoch. Meine Ohren summen, mein Darm grummelt, Galle steigt mir im Hals auf – es ist, als wollte sich der Schmerz aus allen Körperöffnungen pressen.

Kapitel 4

Lara

Wie lange bin ich schon hier? Ein paar Tage? Oder erst ein paar Stunden? Ich weiß es wirklich nicht. Ich schlafe, und ich werde wach, aber eigentlich ist es egal, denn es bleibt doch alles schwarz.

Erst dachte ich, dass ich träume. Manchmal will ich aus einem Traum aufwachen, aber es klappt nicht. Das fühlt sich ein wenig so an, als wäre man unter Wasser. Wie die letzten Zentimeter, die man schwimmen muss, bevor man die Wasseroberfläche durchbricht: Man weiß, dass dort oben eine Welt ist, aber sie ist noch nicht zu sehen. Meistens läutet dann der Wecker. Oder Mama weckt mich. Oder meine Augen gehen von selbst auf. Aber nie bleibt es schwarz.

Dann bekomme ich Angst. Ein Traum kann doch nicht so lange dauern, oder? Vielleicht bin ich ja krank und habe hohes Fieber? Aber das ist keine Erklärung für die Dunkelheit. Hatte ich möglicherweise einen Unfall? Wer weiß, vielleicht habe ich mich mit einem Auto überschlagen und liege jetzt in einer Schlucht. Oder, oder, oder … bin ich mit einem Flugzeug abgestürzt?

Ich muss ständig daran denken, die Schlagzeilen sehe ich förmlich vor mir. EINZIGE ÜBERLEBENDE NACH FLUGZEUGABSTURZ GEFUNDEN.

Aber ein Flugzeugabsturz bedeutet Schmerzen. Und ich habe keine Schmerzen. Ich spüre gar nichts. Wie groß ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei einem Flugzeugunglück dabei war? Eins zu fünfzehn Millionen? Sehr klein jedenfalls. Bin ich vielleicht erblindet? Ja, das ist es! Ich muss fast über den Einfall lachen, so erleichtert bin ich. Ich muss einfach zu einem Augenarzt. Dann wird das Problem im Handumdrehen gelöst.

Aber wenn ich blind wäre, dann würde ich doch mit meinen Händen noch Dinge ertasten können? Warum spüre ich nichts? Die Dunkelheit zieht mich runter. Und dann steigt dieser Gedanke plötzlich in meinem Kopf auf. Bumm, einfach so. Bin ich vielleicht tot? Es fühlt sich an, als hätte man mir die Luft aus der Lunge gesogen. All meine Gedanken vor diesem Gedanken sind unwichtig. Bin ich vielleicht tot? Ich ersticke fast, so groß ist meine Angst.

Nein! Hör auf!, rede ich mir selbst gut zu. Natürlich bist du nicht tot. Es muss eine logische Erklärung für die Dunkelheit geben, du hast sie nur noch nicht gefunden. Und tot kannst du nicht sein, denn, na ja, es fühlt sich einfach nicht so an … Du lebst noch!

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz wiederhole. Schließlich fange ich an, daran zu glauben.

Plötzlich höre ich etwas. Ganz leise und sehr weit weg. Ist es ein Flüstern? Gibt es vielleicht noch mehr Menschen im Nichts?

Ich versuche zu rufen. »Hier bin ich!« Aber es kommt kein Ton aus meinem Mund.

Ich bin hier! Ich bin hier!, rufe ich in Gedanken. Hört ihr mich? Kommt ihr mich holen? Ich kann mich nicht bewegen.

»Nicht bewegen.«

Habe ich das gesagt?

Oder war das jemand anders?

War es das Echo meiner eigenen Gedanken?

Angestrengt lausche ich. Es bleibt totenstill.

Kapitel 5

Maud

»Kommt ihr mit, einen Kaffee trinken?«, fragt Nicole und zündet sich eine Zigarette an.

»Gute Idee«, antwortet Christine. »Was für eine ätzende Stunde – wer braucht denn bitte Gewinn-und-Verlust-Rechnung?«

»Das kannst du laut sagen«, brummt Nicole, die Zigarette zwischen den Lippen.

»Darf ich mal ziehen?«, fragt Christine.

Nicole stößt den Rauch durch die Nase aus. »Klar. Hier.«

»Danke.« Christine schaut schüchtern über die Schulter zum Hausmeisterfenster, das zum Fahrradschuppen zeigt.

»Entspann dich«, sagt Nicole. »Das merkt der Typ eh nicht. Wahrscheinlich guckt er sich gerade versaute Bilder am Computer an.«

Christine grinst. »Allein die Vorstellung. Der Kerl ist so grau und verstaubt. Sex mit Schildkröten ist wahrscheinlich das Spannendste, was er je im Leben gesehen hat.«

Wir kichern alle drei.

»Willst du auch?«, fragt Christine und wedelt mit der Zigarette vor meiner Nase.

»Gern.« Ich nehme einen tiefen Zug. Der Filter ist weich und feucht.

»Du kommst doch auch mit Kaffee trinken, Maud?«, sagt Nicole und übernimmt die Zigarette von mir.

Ganz langsam blase ich den Rauch aus. »Ich weiß noch nicht.«

»Wieso nicht?«, fragt Nicole.

Weil ich müde bin. Weil ich Kopfschmerzen habe. Weil ich heute Nacht nur drei Stunden geschlafen habe. Weil ich auf dem Klo geheult habe. Weil ich allein sein will. Aber ich sage: »Ich muss noch Hausaufgaben machen.«

Sie sieht mich nachdenklich an. »Seit wann sind dir Hausaufgaben wichtig?«

»Weißt du was«, sagt Christine lächelnd, »ich gebe einen aus. Du bekommst einen leckeren Latte macchiato von mir, mit ganz viel Milchschaum. Und einen Schokodonut.«

Hoffnungsvoll schaut sie mich an. Sie weiß, dass ich normalerweise für einen Schokodonut wirklich alles tue. Aber nicht heute.

»Ein anderes Mal gern«, antworte ich.

»Maud«, seufzt Nicole vorwurfsvoll, als hätte ich etwas Dummes gesagt.

»Es ist zwei Uhr. Was willst du nach deinen Hausaufgaben machen? Zu Hause auf dem Sofa herumhängen? Fernsehen? Mit deinem kleinen Bruder spielen? Komm doch einfach mit uns.«

Zu Hause. Plötzlich fällt mir wieder ein, dass meine Mutter zu Hause ist. Das ändert alles.

Ich zucke mit den Schultern und seufze. »Okay, dann komme ich eben mit.«

»So gefällst du uns«, sagt Nicole zufrieden und schnipst ihre Zigarette weg. »Let’s go, Ladys.«

Es ist viel los im Café. Die Fenster sind beschlagen, und überall sitzen Leute. Ganz hinten am Fenster ist noch ein Tisch frei.

»Der ist für uns«, zischt Nicole. »Schnell, sonst setzt sich noch jemand anders hin. Die Leute dahinten wollen auch einen Platz.« Sie zeigt zu einem Mann und einer Frau hinüber, die gleichzeitig mit uns hereingekommen sind und sich suchend umschauen.

»Setzt euch schon mal, dann hole ich Kaffee«, sagt Christine.

»Bringst du mir Süßstoff mit?«, ruft Nicole. Ein paar Leute schauen verärgert zu uns hinüber.

»Die haben ja gute Laune«, sagt Nicole, eine Spur zu laut.

Wir zwängen uns zwischen den Stühlen zu dem kleinen Tisch durch.

»Geschafft.« Nicole plumpst auf die Bank an der Fensterseite, als hätte sie gerade einen Marathon gewonnen.

Ich setze mich auf einen Stuhl auf der anderen Tischseite und ziehe meine Jacke aus.

»Hast du vielleicht ein Haargummi für mich?«, fragt Nicole, während sie in ihrer Handtasche kramt. »In dem Chaos hier kann man echt nichts finden.«

»Nein, tut mir leid.«

»Meine Haare machen mich noch verrückt. Sie hängen mir immer in die Augen.« Sie schüttelt ihre braunen Locken zurück. »Vielleicht lasse ich sie doch abschneiden.«

Ich glaube ihr kein Wort. Nicole hat die schönsten Haare von uns allen: lang, glänzend und gelockt, wie aus einer Shampoowerbung. Und das weiß sie auch.

Sie fischt eine Haarklammer aus der Tasche und schiebt damit eine Strähne zurück. »So, schon viel besser.«

»Kaffee.« Christine stellt das Tablett auf den Tisch und setzt sich neben mich. Der Platz neben Nicole bleibt leer. Dort hätte Lara sitzen müssen. Es fühlt sich an, als würden wir auf einer Wippe sitzen, die nicht mehr im Gleichgewicht ist.

Nicole legt ihre Jacke und Tasche sehr umständlich auf den leeren Platz. Ob sie dasselbe denkt?

»Danke, Chris«, sagt sie und nimmt einen Kaffee vom Tablett. Christine reicht mir auch ein Glas, und ich verbrenne mir fast die Finger.

»Das war echt ein ätzender Tag.« Nicole schlürft geräuschvoll den Schaum von ihrem Kaffee. »Der blöde Veldhuizen wollte nach der Stunde mit mir reden.«

»Warum?«, fragt Christine.

»Weil ich diesen Monat zwei Sechsen in Englisch kassiert habe. Wenn das so weitergeht, schaffe ich meinen Abschluss nicht, meint er.«

»Woher will er das denn wissen?«

Sie beißt sich auf die Lippen. »Es ist nicht nur Englisch. In Mathe und Niederländisch stehe ich auch auf Sechs.«

»Ist nicht dein Ernst.« Christine macht ein erschrockenes Gesicht. »Du darfst nicht durchfallen, Mensch. Letztes Jahr auf deiner vorigen Schule bist du doch auch schon hängen geblieben.«

»Und dann hab ich euch kennengelernt. Alles Schlechte hat auch immer was Gutes.« Sie zwinkert uns zu. »Ich weiß sowieso noch nicht, was ich nächstes Jahr machen soll.«

»Pflegefachschule mit mir?«, schlägt Christine vor.

»Ja, tschüühüüs, echt nicht! Das Lernen hängt mir zum Hals raus. Und ich habe auch keinen Bock, Krankenschwester zu werden. Soll sich doch jeder den eigenen Hintern abwischen. Du willst bloß wie dein Pa was mit Medizin machen. Na, mein Vater ist Makler, das ist auch nicht wirklich mein Ding.«

Stille tritt ein. Plötzlich ist es, als hätten wir keine Gesprächsthemen mehr. Und über das eine, an das wir alle denken, wollen wir nicht reden. Ich jedenfalls nicht.

Christine trommelt mit den Fingernägeln an ihr Glas. »Hast du eigentlich noch was von Mees gehört, Nicky?«

»Nein«, schnaubt sie. »Was für ein Arsch, oder?«

»Du mochtest ihn, gib’s zu.«

»Küssen konnte er. Aber ich habe ihm dieses Wochenende zweimal eine WhatsApp geschickt, und er hat nicht reagiert.«

»Dann ruf ihn doch mal an!«, schlägt Christine wie selbstverständlich vor.

»Bestimmt nicht.« Sie nimmt einen großen Schluck von ihrem Kaffee und wischt sich über den Mund. »Dann glaubt er noch, ich renne ihm nach. Ich bin doch nicht sein Schoßhündchen. Von mir aus kann er sich sonst was einfangen, und ich sehe ihn nie wieder.« Nicole seufzt. »Genug von Mees. Hast du noch was von dem Typen gehört, den wir vor zwei Wochen getroffen haben? Ihm hast du jedenfalls gut gefallen.«

»Er hat mich ein paarmal angerufen«, sagt Christine langsam.

»Was?« Nicole fallen fast die Augen aus dem Kopf. »Und das erzählst du mir erst jetzt? Ich will alles wissen. Was hat er gesagt? Habt ihr euch verabredet?«

Christine zuckt die Schultern. »Es gibt nichts zu erzählen, denn ich bin nicht ans Telefon gegangen.«

»Oh my God, das ist nicht dein Ernst!? Der war wirklich zum Anbeißen!« Nicole nimmt noch einen großen Schluck Kaffee. »Es wird Zeit, dass du über deinen Ex hinwegkommst. So wirst du nie mehr einen Neuen finden!«

Auf ihrer vorigen Schule war Christine von irgendeinem Idioten in den Wind geschossen worden. Offenbar hatte er sie wahnsinnig verletzt, denn sie wollte nie über ihn reden.

Und dieses Mal auch nicht, denn sie sagt: »Was hast du Mees eigentlich geschrieben?«

»Du meinst: Ich will nicht über meinen Ex reden?« Nicole grinst. »Ich hab dich durchschaut.«

»Nein, nein, ich will es wirklich wissen«, sagt Christine. »Oder ist das geheim?«

»Natürlich nicht. Guck, das hab ich geschrieben.« Nicole zeigt Christine ihr Handy.

Ich versuche, dem Gespräch zu folgen. Aber sie hätten genauso gut Russisch sprechen können. Die WhatsApps von Nicole an Mees, der Ex von Christine, wen interessiert’s? Mit meinem Löffel rühre ich einen Strudel ins Getränk. Sturm im Kaffeeglas.

Jemand tritt mich unter dem Tisch. Erschrocken lasse ich den Löffel los. Nicole sieht mich grübelnd an.

»Wo bist du mit deinen Gedanken?«, sagt sie. »Ich habe dich was gefragt.«

»Was? Oh, äh …«, stammele ich. »Sorry, ich habe, äh, gerührt.« Es klingt idiotisch.

»Ich sagte«, seufzt Nicole, »dass ich Laras Unfall im Schlaf gespürt habe.«

Bumm. Es fühlt sich an, als wäre ich von hinten angefahren worden. Lara!

»W-Wie meinst du das?«, stottere ich.

»Wie ich es sage.« Nicole senkt die Stimme. »Ich glaube, dass ich genau weiß, um wie viel Uhr Lara den Unfall hatte.«

Ein paar Sekunden bleibt es still. Ich starre auf meine Hand, die wieder im Kaffee rührt. Der Löffel kratzt über den Boden.

Nicole fährt flüsternd fort. »Meine Mutter sagt, ich hätte letzte Woche Samstag gegen drei Uhr ganz laut im Schlaf geschrien. Sie dachte erst, ich wäre aus dem Bett gefallen, so laut war es.«

»Echt?!« Christine runzelt die Stirn. »Laras Unfall war doch auch gegen drei Uhr nachts, oder?«

»Yep.« Nicole nickt. »Die Polizei vermutet, dass sie zu dem Zeitpunkt ins Wasser gefallen ist. Sie wissen es natürlich nicht ganz genau, aber so ungefähr können sie es aus der Körpertemperatur schließen. Das habe ich jedenfalls mal im Fernsehen gesehen. Alle fünfzehn Minuten in kaltem Wasser sinkt die Körpertemperatur um 0,1 Grad Celsius, oder so.«

»Ja, ja, klar.« Christine winkt ab, zum Zeichen, dass sie genug gehört hat. »Weißt du denn noch, was du geträumt hast?«

Wieder tritt eine Stille ein. Ich fange Gesprächsfetzen von anderen Tischen auf. Jemand lacht über etwas, ein Baby weint im Kinderwagen, ein Mann spricht laut in sein Telefon. Ich würde alles dafür geben, jetzt an einem anderen Tisch zu sitzen. Bitte, Nicole, sag es nicht, sag es nicht, sag es nicht.

Aber sie kann keine Gedanken lesen.

Als Nicole anfängt zu reden, klingt ihre Stimme traurig. »Es war ganz dunkel in meinem Traum, als würde ich durch einen Tunnel laufen. In der Ferne sah ich Lichtblitze. Und dann wurde es auf einmal ganz dunkel, und ich spürte Wasser. Ich konnte nicht mehr atmen.«

»Lieber Himmel«, flüstert Christine.

»Ja.« Nicole legt die Arme um sich, als wäre ihr kalt.

»Das ist wirklich ganz schön heftig, Nicky.«

»Ich habe mich nicht getraut, es jemandem zu erzählen«, sagt sie leise. »Ich kann schon seit ein paar Nächten nicht mehr richtig schlafen. Stell dir vor, ich würde wieder von Laras Unfall träumen.«

Christine beißt sich auf die Lippe. »Solltest du das nicht der Polizei erzählen? Vielleicht hilft das bei der Untersuchung?«

»Darauf hat die Polizei noch gewartet«, sagt Nicole. »Mädchen mit paranormalen Fähigkeiten träumt über Freundin. Die lachen mich eiskalt aus.«

»Paranormale Fähigkeiten?« Christines Augen weiten sich. »Hast du das vorher schon mal gehabt?«

»Ja, als mein Opa starb. In dem Moment, als er seinen letzten Atemzug machte, wurde mir total komisch. Wenig später kam mein Vater und sagte, mein Opa sei tot.«

»Shit aber auch.« Christine weiß eindeutig nicht mehr, was sie noch sagen soll.

Opa tot.

Lara.

Unfall.

Ihr Traum.

Mein Traum.

Das Wasser.

Meine Gedanken rasen. Der Sturm in meinem Glas ist wieder da. Kaffeewellen spritzen über den Rand.

»Maud?«, höre ich Christine plötzlich sagen.

Erschrocken schaue ich auf.

»Was machst du?«

Überall Kaffeespritzer. Auf der Untertasse, dem Tisch. Ungeschickt wische ich die Tropfen mit der Hand weg.

»Sorry«, murmele ich.

»Vielleicht sollten wir lieber über etwas anderes reden«, sagt sie.

»Warum?«, fragt Nicole. »Ist was?«

Christine nickt mit dem Kopf in meine Richtung. »Ich glaube, dieses Thema ist gerade nicht so angebracht.«

Nicole schaut mich jetzt auch an. »Oh, ich verstehe.«

Wieder diese Stille. Mein Herz hämmert in den Ohren.

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