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Madrid Eine Stadt in Biographien

Wolfhart Berg

Madrid

Eine Stadt in Biographien

Herausgegeben von Norbert Lewandowski
Nach einer Idee von Marina Bohlmann-Modersohn

TRAVEL HOUSE MEDIA GmbH

INHALTSVERZEICHNIS

  • DER AUTOR
  • EDITORIAL
  • AUF EINEN BLICK
  • ORIENTIERUNG
  • ISABEL I DE CASTILLA
  • CARLOS I
  • FELIPE II
  • MIGUEL DE CERVANTES
  • FÉLIX LOPE DE VEGA
  • DIEGO VELÁZQUEZ
  • FRANCISCO DE GOYA
  • HERZOGIN VON ALBA
  • JOSÉ ORTEGA Y GASSET
  • FRANCISCO FRANCO
  • FEDERICO GARCÍA LORCA
  • JORGE SEMPRÚN
  • CAYETANA FITZ-JAMES STUART
  • LUIS MIGUEL DOMINGUÍN
  • ALFREDO DI STÉFANO
  • JUAN CARLOS I
  • FELIPE GONZÁLEZ
  • CARMEN TITA THYSSEN-BORNEMISZA
  • PEDRO ALMODÓVAR
  • JAVIER BARDEM

DER AUTOR

Wolfhart Berg, geboren in Königsberg, ist Journalist und leitete die Münchner »Abendzeitung« sowie das Frauenmagazin »Brigitte«. Er arbeitete sieben Jahre lang in Madrid als Chefredakteur und Herausgeber spanischer Zeitschriften und hat mehrmals König Juan Carlos I getroffen und interviewt. Heute lebt Berg in Hamburg, er hält sich aber mehrere Wochen im Jahr aus beruflichen Gründen in Spanien auf. Von ihm stammt auch der Band MERIAN porträts Barcelona.

Wenn im Sommer die Hitze langsam weicht und die untergehende Sonne die imperiale Stadt vergoldet, beginnt der wichtigste Tagesabschnitt – die Nacht. Dann schwebt Madrid in den Himmel, sagt ein Sprichwort.

Der politische und kulturelle Mittelpunkt Spaniens ist eine monumentale Stadt im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Vielzahl von Prachtbauten dokumentiert, dass sich hier das Zentrum einer Weltmacht befand. Doch auch Madrid wird nicht nur von Gebäuden geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in seinen Mauern geboren und gestorben sind oder entscheidende Jahre verbracht haben. In MERIAN porträts begleiten 20 Persönlichkeiten die Leser durch die Stadt. Sie führen direkt in das Innenleben der spanischen Metropole.

So erleben wir das »Goldene Jahrhundert«, als die Habsburger Carlos I und Felipe II auf dem Thron eines Weltimperiums saßen und einen Stadtteil – das Barrio de los Austrias – prägten. In dieser Epoche schrieben die Dichter Cervantes und Lope de Vega ihre unvergänglichen Werke.

Natürlich ist es schwer, die »richtigen« 20 Personen auszuwählen. Vermutlich ist es sogar unmöglich, schließlich wurde Madrid von weit mehr als 20 Menschen geprägt. Doch in der Summe soll die subjektive Auswahl jenes unverwechselbare Kaleidoskop ergeben – das Faszinosum Madrid.

Wir begegnen den Malern Velázquez und Goya, den Denkern und Schriftstellern Lorca, Ortega y Gasset und Semprún, wir erleben mit Franco eine der finstersten Epochen, mit Dominguín das blutige Ritual des Stierkampfs, mit König Juan Carlos I und Felipe González den Weg in die Demokratie. Alfredo Di Stéfano verkörpert das »weiße Ballett« von Real Madrid und der Regisseur Almodóvar, die Herzoginnen von Alba, Carmen Tita Thyssen-Bornemisza und Javier Bardem das impulsive, exzentrische Madrid. Verrückt, wild, leidenschaftlich und voller Fantasie.

AUF EINEN BLICK

Ohne ihre Bewohner wäre die Stadt eine andere. Ohne Felipe II, Francisco de Goya, Pedro Almodóvar … wäre Madrid nicht Madrid.

ORIENTIERUNG

ISABEL I DE CASTILLA

14511504

Sie wird als junge Königin in Madrid gekrönt. Das ist zu jener Zeit noch ein ziemlich trauriges Nest, erhebt sich aber zur Residenz des geeinten Spaniens, das immer mächtiger und reicher wird.

Es regnet Bindfäden auf das kastilische Dorf Madrigal de las Altas Torres, 150 Kilometer nordwestlich vom damaligen 4000-Seelen-Marktflecken Madrid gelegen. An diesem Donnerstagnachmittag des 22. April 1451 erblickt eine Prinzessin in einem heruntergekommenen Königspalast das Licht der Welt. Ihr Vater ist Juan II, König von Kastilien, ihre Mutter die Juan aus strategisch-friedlicher Absicht in zweiter Ehe angetraute Isabel von Portugal. Es ist eine lange Entbindung. Vater Juan schaut beim ersten Schrei von Isabel aus dem Fenster über den begrünten Innenhof hinüber zur Taufkirche San Nicolás de Bari, betet laut ein »Danket dem Allmächtigen« und ist zufrieden.

Schließlich hat er aus seiner ersten Pflichtehe (1419) mit Maria von Aragon schon einen Thronfolger, Enrique IV. Am Tag von Isabellas Geburt ist der schon 26 Jahre alt. Der im Volk ob seiner Homosexualität als »impotente« verschrieene intrigante Enrique lauert bereits auf die Macht und wird seiner Stiefschwester das Leben bis zu seinem Tod 1474 schwer machen.

Noch existiert kein Spanien auf der Iberischen Halbinsel. Das kleine väterliche Königreich Kastilien ist durch Korruption und Anarchie verarmt, durch Kleinkriege ausgeblutet und von vielen Provinzial-Königreichen umgeben. Im Norden Asturien und Navarra, im Nordosten die mächtige Königliche Grafschaft Cataluña. Dann die Königreiche Aragón und Valencia in östlicher Nachbarschaft sowie die Seemacht Portugal im Westen. Die eigentliche Bedrohung kommt aus dem Süden von dem Emirat Granada und dem Kalifat Córdoba. Spätestens nach der Vertreibung der Mauren aus Zentralspanien um 1212 wächst in Kastilien der Neid auf die Wirtschaftsmacht im Süden. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts beginnt die Rückeroberung, die »reconquista«.

Isabel wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Als ihr Vater 1454 stirbt, ist sie drei Jahre alt und muss mit ihrer Mutter und dem Bruder Alfonso in die Burg von Arévalo umziehen, die genau in dem Dreieck zwischen den kastilischen Königsresidenzen Segovia, Àvila und Valladolid steht. Dort aber sitzt nun ihr Stiefbruder Enrique auf dem Thron.

Das Mädchen mit den roten Haaren und den grünen Augen wird streng katholisch und zu persönlicher Bedürfnislosigkeit erzogen. Mit ihrem starken Körperbau fällt sie als Sportlerin auf, lernt früh das Reiten. Ihre Hauslehrer loben sie für ihre kastilische (spanische) Aussprache und ihre handwerkliche Begabung. Sie näht, stickt und webt sehr gern.

Mit elf Jahren endet ihre unbeschwerte Kindheit. Ihr Stiefbruder hat sich mehr und mehr nach Madrid orientiert. Er lässt dort, wo heute die Almudena-Kathedrale und der Palacio Real (Königlicher Palast) stehen, die alte maurische Festung oberhalb des Flusses Manzanares zur neuen Residenz ausbauen.

DIE URZELLE DER STADT

Man muss sich das im heutigen imperialen Stadtbild von Madrid so vorstellen: Da ist der Alcázar, das ehemalige maurische Burgschloss, daneben die Almudena-Kathedrale, die aus einer arabischen Zitadelle hervorgegangen ist und sich heute im neugotischen Stil präsentiert. Im Schatten der beiden Großbauten stehen Bauernhütten mit Misthaufen. Wo sich heute elegante Straßenzüge erstrecken, wird zu Isabels Zeiten noch gepflügt, gesät, geerntet. In den Sommermonaten liegt eine unerträglich riechende Dunstglocke über den Häusern. Und auf dem damals noch recht wilden Fluss Manzanares, der einem 2000 Meter hohen Schneefeld in der Sierra de Guadarrama entspringt und schließlich Madrid durchquert, werfen Fischer ihre Netze aus für ein billiges Essen.

Der Fluss ist heute durch Wehre gezähmt, und von der Puente de Segovia bis zur Ermita de San Antonio de la Florida bildet sein Ufer eine gepflegte Flaniermeile, für Spaziergänger, Jogger, Skater, Radfahrer, mit eleganten Bars und Cafés. Jenseits dieser Urzelle von Madrid ist man zu Isabels Zeiten in wenigen Schritten im Brachland außerhalb der Stadtmauern; heute sind es 25 Kilometer bis an die Peripherie der 3,2-Millionen-Metropole.

Hier also hat der missgünstige Stiefbruder seine Stiefschwester Isabel und ihren Bruder Alfonso unter seiner Kontrolle. König Enrique fürchtet die Konkurrenz um die Thronfolge, da er ungeachtet seiner Scheinehe selbst keine Kinder hat. Der »Impotente« ist auch als Feldherr unfähig, kassiert bei Kreuzzügen gegen die Mauren Niederlagen. Sein Hof ist verschuldet und wird von korrupten Günstlingen beherrscht. Das Treiben mit Knaben im Schloss ist Stammtischthema in den Bodegas von Madrid.

Das dekadente Leben bekommt die sittsame Isabella durchaus mit. Und sie ist erschüttert über den moralischen Niedergang Kastiliens. Immer mehr Granden, Bischöfe und ritterliche Hidalgos (Junker) rebellieren gegen den König. Sie wollen lieber Isabellas Bruder, den 15-jährigen Alfonso, auf dem Thron sehen. Der aber stirbt 1468 an einer vergifteten Forelle.

König Enrique versucht jetzt, seine Halbschwester in andere Königreiche zu entsorgen, also zu verheiraten. Doch seine Kandidaten, der 30 Jahre ältere Prinz von Navarra und danach auch Herzog Pedro Girón, als Wüstling verschrien, sterben jeweils vor den Hochzeitsterminen.

Isabel hat genug von den Intrigen des Stiefbruders. 1469 bittet sie oppositionelle Granden um Beistand und ihren Berater, einen jüdischen Finanzier, dem Prinzen Fernando de Aragón einen geheimen Heiratsantrag zu übermitteln. Den kennt sie als gutaussehenden Thronfolger und tapferen Krieger. Fernando hat zwar schon zwei Kinder von einer Mätresse, aber das ist der zielstrebigen Isabel egal.

Fernando verkleidet sich und reist als Eselstreiber auf Schleichwegen am Río Duero entlang von Aragóns Hauptstadt Zaragoza nach Valladolid. Fernando und Isabel dürfen schon drei Tage vor ihrer Vermählung im Haus der befreundeten Adelsfamilie Viveros in einem Zimmer schlafen. Isabel muss Schmuck versetzen, um die Hochzeit zu finanzieren. Am 18. Oktober 1469 werden die beiden mit dem Segen des mächtigen Kardinals von Toledo vermählt.

Unter dem Druck fast aller kastilischen Granden akzeptiert der wütende König Enrique I endlich die Thronfolge seiner Stiefschwester. Umsichtig wie sie ist, hat die 18-Jährige ihren nur um ein Jahr älteren Ehemann einen Heiratsvertrag unterzeichnen lassen: Danach muss Fernando de Aragón im kastilischen Madrid residieren und darf nur mit Isabels Segen Kriege führen. Dieser Ehevertrag geht als seine »Capitulaciones« in die Geschichte ein.

Als König Enrique im Morgengrauen des 11. Dezember 1474 im Alcázar-Schloss an der Ruhr stirbt, hat Isabel bereits alle Pläne für geordnete Staatsgeschäfte per Dekret aufgeschrieben. Nur einen Tag nach der Trauerfeier reitet sie auf ihrem Schimmel vor dem Krönungszug vom Alcázar-Schloss durch die engen Gassen bis zur Plaza Mayor. Vor der Kathedrale setzt ihr Erzbischof Dávila die Krone auf. Unter den Hochrufen »viva la reina« übergibt ihr der Marqués de Moya den goldenen Schlüssel von Madrid.

Die 23-jährige Königin erlässt Anti-Korruptionsgesetze und ein neues Steuerrecht; sie sorgt für ein unabhängiges Gerichtswesen und stellt loyale Beamte ein, Händler und Handwerker werden gefördert. In den Städten sorgt die »Santa Hermandad«, die Heilige Bruderschaft, für Recht und Ordnung.

Isabels Mann Fernando hält ihr als Kriegsherr den Rücken frei, Kastilien und Portugal schließen 1479 Frieden. Isabella und Ferdinand vereinen Kastilien und Aragón und herrschen bald von Sizilien bis Valencia, von Barcelona bis Toledo und Sevilla. Das Volk liebt sie, weil man nun sicherer und auskommender lebt.

Dass Isabella und Ferdinand während der vielen regionalen Kriege gegen die letzten Mauren in Andalusien auch noch Zeit für persönliche Liebesbeweise haben, davon zeugen vier Töchter und Sohn Juan, der allerdings schon als Jugendlicher stirbt. Isabella lässt die Kinder am Madrider Hof streng erziehen. Sie beginnt und beendet ihren Arbeitstag jeweils mit einem Gottesdienst in der Kapelle ihres Madrider Palastes.

Ihre vier Töchter verheiratet sie erfolgreich in englische, deutsche und portugiesische Königshäuser. Ganz besonders prunkvoll ist die Hochzeit der Thronerbin Juana mit dem Habsburger Philipp dem Schönen am 20. Oktober 1496. Da ahnt Isabella noch nicht, dass Philipp »el Hermoso« ihrer Tochter Juana (»la Loca«) später die spanische Krone entreißen wird.

MADRID WÄCHST AUF 9000 EINWOHNER

Acht Jahre zuvor hat die Visionärin einem Seefahrer namens Cristóbal Colón ein Projekt für die Entdeckung Westindiens finanziert. An der Finanzierung zum Schiffbau der »Santa Maria« beteiligt sich auch die Kirche. Dafür darf sie ab 1488 im Namen Gottes und der Königin die Inquisition starten. Es beginnt ein regelrechter Völkermord an Ungläubigen, Muslimen und Juden. Dafür erhält das katholische Königspaar vom Kardinal in Toledo den Titel »Reyes Católicos« (»Katholische Könige«).

1492 erringen Fernandos Truppen den entscheidenden Sieg gegen die Mauren bei Granada. Spanien ist jetzt vereint. Und der Abenteurer Kolumbus entdeckt Amerika, das Gold und die Sklaven. In den nächsten Jahren wird Spanien reicher und mächtiger. Madrid wächst um das Jahr 1500 auf 9000 Einwohner.

Königin Isabella wird ob ihrer vereinten Nation, der starken Seemacht und ihres Reichtums von allen europäischen Fürstenhäusern beneidet und gefürchtet. Am Ende ihres Lebens hat sie ihr Haus bestellt und den Weg bereitet für das berühmte »Goldene Jahrhundert« (»Siglo de Oro«) 1550 bis 1680. Allerdings bekommt sie noch mit, wie das Gold aus Westindien ihre Beamten und Offiziere korrumpiert. Auch macht sie ihr starker Glaube blind für die Grausamkeiten der Inquisition. Sie stirbt am 26. November 1504 in Medina del Campo an Herzschwäche.

Ihre letzten Worte gelten den Granden und dem Bischof: »Wahrt mir die guten Rechte aller Spanier! Und behandelt mir die Indios gerecht, macht entstandenen Schaden wieder gut.« Nach ihrem letzten Willen wird Isabella dort, wo sie 1492 die Mauren endgültig aus Spanien vertrieb, beigesetzt – in der Krypta der Capilla Real in Granada.

Wer die koloniale, kolumbianische Zeitreise unter Isabel I und den darauf folgenden kulturellen Höhenflug des »Goldenen Jahrhunderts« nachvollziehen will, sollte in Madrid unbedingt das Museo de América besuchen.

MUSEO DE AMÉRICA

Avenida de los Reyes Católicos 6, Ciudad Universitaria

www.museodeamerica.mcu.es

Metro: Moncloa, Islas Filipinas

CARLOS I

15001558

Der spanische König war gleichzeitig als Karl V. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Der mächtigste Herrscher des ausklingenden Mittelalters regierte von Madrid aus ein Weltreich.

Millionen deutscher Spanienurlauber kennen »Carlos Primero« in flüssiger Form, ein Brandy, voluminös wie sein Namensgeber: Wenn einer mit sechs Jahren Herzog Karl II. von Burgund ist, als 16-Jähriger König Carlos I von Spanien wird, nur vier Jahre später am 23. Oktober 1520 im Aachener Dom zum römisch-deutschen Herrscher Karl V. gekrönt und schließlich von Papst Leo X. zum Kaiser geweiht wird, dann ist das eine weltbewegende Sensation. Sie kommt durch einen dynastischen Zufall zustande: Karls Großeltern väterlicherseits sind Kaiser Maximilian I. und Herzogin Maria von Burgund und regieren mit Österreich, Burgund und den Habsburger Niederlanden eine europäische Großmacht. Karls Großeltern mütterlicherseits sind die »Katholischen Könige« Isabel I und Fernando I Ihnen ist mit der Einigung des Landes, der Vertreibung der Mauren und der Entdeckung Amerikas der Aufstieg Spaniens zur Weltmacht zu verdanken. Beide Herrscherhäuser setzen mit der Verheiratung ihrer Kinder einer europäischen Universalmonarchie die Krone auf. Drei Jahre nach der Hochzeit des Habsburgers Philipp der Schöne mit Isabels Tochter Juana kommt am 24. Februar 1500 der Thronerbe Karl in Gent zur Welt.

Er wächst französischsprachig – kein Deutsch, kein Spanisch – und mit den besten Erziehern auf. Der spätere Papst Hadrian VI., Adrian von Utrecht, übernimmt den Religionsunterricht in einer moderat-modernen Version. Das wird Karl später helfen, Martin Luthers Reformbewegung im Augsburger Religionsfrieden zu respektieren.

Schon mit sechs Jahren erbt Karl das nördliche Burgund, Belgien und die Niederlande. Als Kind liebt er Ritterspiele und die Jagd. Er ist ein kräftig gebauter blonder Jüngling mit langen Beinen, die er durch modische Strumpfhosen betont. Etwas eitel und sehr eigensinnig sei er, meinen seine Erzieher. Charakteristisch ist sein starker Kiefer mit hängendem Kinn und dem meist offen stehenden Mund.

1504 stirbt Großmutter Königin Isabella I. Ihr Mann Ferdinand hat wenig Lust auf den spanischen Thron, heiratet die viel jüngere Germaine de Foix, Nichte des französischen Königs Franz I., und zieht sich in die Provinz zurück. Thronfolgerin ist jetzt Karls Mutter Johanna. Die aber leidet an Depressionen und Schizophrenie. Johanna die Wahnsinnige – Juana la Loca – überlässt ihrem Mann, Karls Vater Philipp dem Schönen, die Verwaltung des spanischen Königreiches. Philipp stirbt 1506 überraschend in Burgos, nachdem er sich beim baskischen Pelota-Spiel eine Lungenentzündung geholt hat.

Karls Mutter Johanna ist zwar formal weiterhin Königin, wird aber von Kardinal Cisneros für unzurechnungsfähig erklärt. Jiménez de Cisneros regiert jetzt für den minderjährigen Karl. Er lässt sich in Madrid an der Plaza de la Villa einen repräsentativen Palast bauen, die Casa de Cisneros 9 ( D 5). Der königliche Alcázar-Palast steht nur 800 Meter weiter westlich.

DAS VIERTEL DER ÖSTERREICHER

Rund um dieses Machtzentrum wachsen im Barrio de los Austrias (Viertel der Österreicher, der Habsburger) 5 ( E 5) die Paläste der Herzöge und Kaufleute, die der Albas, der Mendozas und Guzmans. Am 18. März 1516, Carlos ist schon zum Thronerben ernannt, wird dem loyalen Cisneros ein Geheimpapier aus Flandern zugespielt. Darin beschreibt Karls Vertrauter Manrique de Lara den Prinzen: »Seine Hoheit hat gute Eigenschaften und einen festen Charakter. Aber er versteht wenig Spanisch, was von Übel ist, wenn er nach Spanien kommt.«

Dem Großkanzler schwant Böses. Er kennt die Abneigung des Hochadels und der Kirchenfürsten gegen den »Ausländer«, den in Flandern erzogenen »Flamenco«. Bevor er den Königlichen Rat und die wichtigsten Männer des Landes in Madrid zur Beratung zusammenruft, lässt Cisneros rund um die Plaza de la Villa Soldaten aufmarschieren. Im Saal befiehlt er allen »Ihr habt dem König Carlos den Treueeid abzulegen«. So geschieht es. Im Gegengeschäft muss Carlos I den Cortes vertraglich versichern, in Spanien wichtige Ämter nicht mit »Flamencos« zu besetzen und »kein Gold oder Silber ins Ausland zu schaffen«.

Als Karl-Carlos 1517 erstmals spanischen Boden betritt, liegt Madrid mit 10 000 Einwohnern immer noch im Dornröschenschlaf. Aber es liegt als Verkehrsknotenpunkt zwischen der kastilischen Königsstadt Valladolid, der Ständevertretung Cortes in Segovia und dem mächtigen Kardinalssitz in Toledo. Karl lässt den Alcázar-Palast mit Empfangsräumen, Stallungen und Kapelle ausbauen. Dieser brannte 1734 nieder; an dieser Stelle entstand der Neubau des Palacio Real, heute eine zentrale Institution von Madrid. Der König empfängt hier seine Staatsgäste, ein Teil der Räumlichkeiten ist zu besichtigen, noch beliebter ist bei Einheimischen und Touristen der Wachwechsel jeden Mittwoch um 12 Uhr.

Hinter dem Palast jenseits des Río Manzanares geht Karl in der Casa de Campo auf die Jagd. Die Plaza del Arrabal, heute Plaza Mayor 24 ( E 5), lässt er mit Rats- und Krankenhaus, Altenheim und Gericht in rechteckiger Form umbauen und für größere Volksfeste inklusive Stierkampf rundum befestigen.

Die Plaza Mayor, zu Karls Zeiten ein zum Himmel stinkendes Ortszentrum ohne Kanalisation, wo jeder seinen Unrat aus dem Fenster auf die Gasse wirft, ist heute eine der touristischen Hochburgen von Madrid, mit Flamencoclubs und Tapasbars in den Seitenstraßen. Das Touristenaufkommen ist durchaus mit dem des Markusplatzes in Venedig zu vergleichen. Wo früher nur drei Kilometer entfernt noch Äcker gepflügt wurden, durchschneidet heute die Stadtautobahn M 30 das Häusermeer.

Weil der Hof oft auf Reisen ist, installiert der König in Madrid Appellationsgerichte und den »Alcalde de Casa y Corte«. Immer wenn der König mit 1000-köpfiger Begleitung in seine Hauptstadt einzieht, hat dieser »Bürgermeister des Hofes« alle Vollmachten. Die Hoflieferanten aus der Vorstadt, den heutigen Vierteln Salamanca, Retiro, Chamberí und Chamartín, werden von der Bevölkerung des damals schon überfüllten Zentrums beneidet.

Der junge König bereist von Madrid aus das ganze spanische Reich, besucht seine Vizekönige auf Mallorca, Sardinien, Sizilien und in Neapel. Bis 1519 sein Großvater Kaiser Maximilian I. stirbt. Sofort jagen Karls Kutschen nach Deutschland. Um den Habsburger Thron kandidieren neben ihm noch Frankreichs König Franz I., sein jüngerer Bruder Friedrich sowie Heinrich VIII. von England. Machtbewusst leiht sich Karl von der Augsburger Handelsdynastie Fugger eine halbe Million Gulden und besticht die wahlberechtigten, durch Kleinkriege verarmten deutschen Herzöge und Kurfürsten. Nach der Krönung in Aachen 1520 zieht es Karl V. als Carlos I wieder nach Spanien.

1520 erobert Hernán Cortés in Mexiko das Aztekenreich, in den Folgejahren machen sich die Spanier ganz Südamerika untertan. Dank des Goldes beginnt Spaniens »Goldenes Jahrhundert«, das »Siglo de Oro«. Zunächst sichert sich Carlos I nach Westen ab und heiratet 1526 die portugiesische Prinzessin Isabella. Sie ist seine große Liebe. Mit ihr hat er fünf eheliche Kinder. Isabella stirbt 1539 nach der Geburt ihres fünften Kindes. Der 1527 Erstgeborene Felipe II ist der Kronprinz. Folgenreiche Liebschaften leistet sich Karl als Junggeselle mit Johanna aus Flandern, mit der er die Tochter Margarethe von Parma hat, und später als Witwer mit Barbara Blomberg in Regensburg. Dieser Liaison entstammt der Sohn J

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