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Made with Love (01) – Ein perfektes Stückchen Glück

NICOLE MICHAELS

Made with Love

Ein perfektes Stückchen Glück

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Stephanie Pannen

Zu diesem Buch

Die alleinerziehende Anne Edmond betreibt einen erfolgreichen DIY-Blog und ist ein absolutes Dekogenie. Ob Blumenarrangements, Mottopartys oder Kinderzimmereinrichtungen, es gibt kein Projekt, das sie nicht mit etwas Kreativität und ihrer Klebepistole in den Griff bekommt. Doch wenn es um Dating und Beziehungen geht, ist sie eine totale Niete. Bestes Beispiel: Mike Everett. Der attraktive Junggeselle scheint ein Auge auf sie geworfen zu haben, aber Anne kann sich nicht vorstellen, dass der einige Jahre jüngere Mike ernsthaft an einer geschiedenen Frau (noch dazu mit Kind!) interessiert ist, zumal ihm der Ruf eines Frauenhelden vorauseilt. Mike wirkt allerdings fest entschlossen, sie vom Gegenteil zu überzeugen, und es fällt ihr zunehmend schwerer, die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrscht, zu leugnen …

1

Einen gemütlichen Samstag mit viel Kaffee, einem Nickerchen auf der Couch und sinnlosem Fernsehkonsum kann man nur durch eines noch besser machen: Man lässt ihn mit einem Bier und einer schönen Frau ausklingen. Für Mike Everett war das zum Glück genau der Plan. Sein Kaffee war eine französische Röstung und richtig heiß, und die Frau heute Abend blond und noch heißer. In den vergangenen Wochen hatte er mal mehr, mal weniger unschuldig mit seiner attraktiven Nachbarin geflirtet. Letzten Samstag in der Spelunke neben seiner Autowerkstatt hatte sie schließlich angedeutet, dass Sex zwischen ihnen praktisch eine ausgemachte Sache war. Und das war auch gut so, denn das letzte Mal war für ihn eine Weile her.

Nach einem Schluck von seiner zweiten Tasse Kaffee wurde der gemütliche Rest des Tages jedoch von einem verzweifelten Anruf seiner Schwester Erin torpediert. Ihr Mann musste unvorhergesehen geschäftlich verreisen, und wie üblich sollte Mike ihr jetzt einen Gefallen tun. Er versuchte immer wieder mal, ihr etwas abzuschlagen, tat sich damit aber seit jeher schwer. Das erklärte, warum er eine halbe Stunde später auf einen kleinen gelben Bungalow zuging, Hand in Hand mit seiner sechsjährigen Nichte Bailey.

Das Grundstück wirkte penibel gepflegt. Ein Natursteinpflaster führte zur Veranda, und am Weg blühten kleine rosa Blumen. Alles an dem Haus schrie Märchenidylle. Nicht besonders ungewöhnlich für ein hübsches Städtchen wie Preston, Missouri, aber ziemlich einschüchternd für einen Kerl, der momentan in einer Art Lagerhalle hauste. Es war natürlich praktisch, direkt in seiner Werkstatt zu wohnen, aber das hier wirkte doch um einiges gemütlicher.

Das Geländer der Veranda war mit einer bunten Girlande und die Tür mit einem riesigen Strauß Luftballons in Blau und Rosa geschmückt. Die Party war nicht zu verfehlen.

»Das ist so hübsch!« Bailey hüpfte aufgeregt. »Findest du nicht, Onkel Mike?«

»Aber klar doch, Boo.« In Wahrheit fand er es für einen Kindergeburtstag ein bisschen übertrieben, aber was wusste er schon.

Neben der Haustür stand eine Staffelei mit einer selbst gemachten Kreidetafel, auch ganz in Rosa und Blau. Bailey las langsam und laut die Worte vor.

»Die … Parrrty ist … in vollleeeem Gannngee, wääählee dein Kost…« Es folgte eine lange Pause. Mike schob sich das lila Geschenkpäckchen unter den anderen Arm und befand, dass ihm seine Schwester wirklich mal erklären musste, was sie unter einem »kleinen Gefallen« verstand. Zu ihrem Glück vergötterte Mike seine Nichte, also bemühte er sich, seine Ungeduld zu ignorieren und die Vereitelung seines Plans, vor seinem Rendezvous mit Katie noch ein Nickerchen zu halten, nicht allzu schwerzunehmen.

»Wähle dein Kostü…«, half er weiter, dachte dabei aber an das verschlissene Sofa in seinem Büro, das nach ihm rief.

»Du sollst mir nicht helfen, Onkel Mike. Mama lässt es mich immer zuerst selbst lesen.« Sie stemmte eine kleine Faust in die Hüfte. Das hitzige Gemüt hatte sie von ihrer Mutter geerbt.

Unwillkürlich musste er schmunzeln. »Tut mir leid, Boo, du machst das toll.«

»Wääähle dein Kostüm … damit du … bleiben kannst.« Bailey drehte sich strahlend zu Mike um, worauf er sie stolz angrinste. Sie war momentan seine Lieblingsperson, und mit diesem süßen Gesicht konnte sie ihn zu fast allem bewegen. Sogar dazu, die Kiste unter der Tafel zu durchwühlen, die mit rosa, rosa und glitzernd rosa Accessoires gefüllt war. Auf dem Boden breiteten sich Plastikbrillen, Diademe, Federboas und Ballettröckchen aus, während er seiner Nichte beim Auswählen half.

Gerade als er Bailey den letzten Schliff verpasste – eine Kette aus lächerlich großen rosa Perlen –, schwang die Haustür auf, und fröhlicher Kinderlärm drang aus dem hinteren Teil des Hauses.

»Bailey!« Eine kleine Freundin warf sich in die Arme seiner Nichte. Ihr blondes Haar war über den Ohren zu kleinen Knoten frisiert. Im nächsten Moment riss sie Mike das Päckchen aus der Hand. »Ooh, mein Geschenk.«

Kinder.

»Entschuldigen Sie. Claire ist ein wenig überdreht«, sagte eine sanfte Stimme, während Bailey nach drinnen gezogen wurde.

Mike sah auf und erstarrte. In der Tür stand eine hinreißende Blondine. Er hätte nicht vermutet, auf dieser Kinderfeier eine attraktive Frau anzutreffen, aber er würde sich darüber bestimmt nicht beschweren. Ihr Willkommenslächeln ließ nach, und ihr Blick wanderte an ihm hinab bis zu den Füßen. Dabei fiel ihm ein, dass er mit einer rosa Federboa um die Knöchel vor ihr stand wie ein Idiot. Er bückte sich danach und steckte sie in die Kiste zurück.

»Möchten Sie reinkommen?«, fragte sie, und er sah, wie sie sich das Lachen verkniff.

Er zögerte. Sollte er etwa? Erin hatte ihn lediglich gebeten, Bailey abzusetzen. Sie hatte sogar ausdrücklich gesagt, es gebe für ihn keinen Grund zu bleiben, wie er sich erinnerte. Aber plötzlich wollte er es. Nur für ein, zwei Minuten. Er musste zugeben, das rosa Ambiente und das Mädchengekreische waren ein starkes Männerabschreckmittel, sie dagegen eher ein Magnet.

»Sie müssen nicht. Sie können auch einfach um drei wiederkommen.« Auf sein offensichtliches Zögern machte sie Anstalten, sich ins Haus zurückzuziehen. Er legte einen Arm an den Türrahmen, um ihr anzuzeigen, dass sie die Tür nicht schließen sollte.

»Vielleicht ganz kurz. Um sicherzugehen, dass Bailey klarkommt«, sagte er. Ihr war anzusehen, dass sie das für Blödsinn hielt. Man musste nur ein paar Augenblicke mit Bailey verbringen und wusste schon, dass sie mit jedem Fremden und jeder Situation fertigwerden konnte, sehr zum Missfallen ihres überfürsorglichen Onkels.

»Okay, dann kommen Sie mal rein. Sie sind sehr tapfer. Von den anderen Vätern sind einige quasi davongerannt.« Sie lachte. Es klang echt und total sexy. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihn ein Lachen schon mal so angemacht hatte, und ihres … haute ihn einfach um.

Er betrat das Haus und wurde von einem blumigen Geruch empfangen, den er irgendwoher kannte. Auf zwei bequem wirkenden Sofas stapelten sich leuchtend rote und blaue Kissen praktisch bis zur Decke. Verdammt, er hätte nichts dagegen, hier und jetzt sein Nickerchen zu halten, aber nein, die schöne Gastgeberin war verlockender, und während sie ihn durch das Haus führte, bewunderte er jeden Zentimeter von ihr.

Sie hatte Kurven – eine schöne Taille und einen runden Hintern. Einen Körper, den die meisten Frauen idiotischerweise für verbesserungswürdig hielten, Kerle jedoch genau richtig fanden. In der Küche drehte sie sich zu ihm um und meinte, dass die Väter, die abgehauen waren, etwas verpassten, und er nickte, wobei er sich alle Mühe gab, sie nicht allzu auffällig zu begutachten.

Ihr rosa Kleid saß wie angegossen, und an ihrer wohlgeformten Brust prangte eine weiße Blume. War das ein Anstecksträußchen wie für einen Abschlussball? Oder ein x-beliebiges Accessoire? Er wusste es nicht, aber es war ihm auch egal, weil es seinen Blick direkt zu ihrem Ausschnitt lenkte. Sie hatte endlos lange, gebräunte Beine, und ihre rosa Sandalen waren ebenfalls mit Blüten besetzt. Mann, was hatte es mit diesen Blumen auf sich? Wieso fand er die plötzlich heiß? Sie nahm etwas vom Tisch, und er entdeckte eine weitere Blüte am Gummi ihres Pferdeschwanzes. Sie war sehr sorgfältig frisiert. Im nächsten Moment wurde ihm klar, was sie gesagt hatte und was sie annahm.

»Oh, ich bin nicht Baileys Vater. Ich bin Onkel Mike.« Ich bin Onkel Mike? Ja, und ganz offensichtlich ein Idiot. Bestimmt würde sie ihm gleich ihren Mann vorstellen, eine lebende Ken-Puppe, die wahrscheinlich einen Sportwagen fuhr, Sushi mochte und der ideale Vater war. Hoffentlich sieht mir keiner an, dass ich sie mir gerade nur mit ein paar Blüten bekleidet vorgestellt habe. Er musste sich zusammenreißen.

»Entschuldigen Sie. Ich habe es einfach angenommen. Aber schön, Sie kennenzulernen. Ich bin Anne Edmond, Claires Mutter. Wie man sich denken kann.« Sie öffnete die Fliegengittertür, die in den Garten führte, und hielt kurz inne, um über die Schulter zu schauen. Aus der Nähe wirkten ihre Augen strahlend blau. Sie sagte etwas, und ihre Lippen zogen seinen Blick an. Ihre Stimme senkte sich zu einem verschwörerischen Flüstern, das bestimmt nicht verführerisch gemeint war, aber einen gewissen Teil seines Körpers in einen Zustand versetzte, der problematisch werden konnte. »Sie machen sich jetzt besser auf was gefasst, Onkel Mike

Er betrat die Terrasse und damit einen Klein-Mädchen-Traum, der sich dankenswerterweise als sofortiges Heilmittel für das wachsende Problem in seiner Hose erwies. Er wusste jetzt, warum die anderen Väter abgehauen waren. Der Garten selbst war ansprechend gestaltet, was er würdigen konnte, doch die Partydeko war heillos übertrieben. Er wusste gar nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Überall bunter Schnickschnack.

An den Balken der Terrassenüberdachung hingen riesige Papierblumen in Rosa und Blau. Die Geschenke standen in einem alten, weiß lackierten Bollerwagen, die Bäume im Garten waren mit rosa Lichterketten behängt, und selbst der Rasen war mit gestreiften Windrädchen gesprenkelt. Alles wirkte aufeinander abgestimmt und als wäre es eigens für diesen Tag gebastelt worden.

Auf dem Büfett standen mehrere Etageren mit rosa und blauen Cupcakes, Schüsseln mit bunten Süßigkeiten, und in einem Zinkbottich warteten Tüten mit den Namen der Gäste darauf. Ernsthaft? Er hatte schon Hochzeiten erlebt, die mit weniger ausgekommen waren.

Die kleinen Mädchen wechselten sich damit ab, eine blumenförmige Piñata mit einem Stock zu bearbeiten, und ein lautes Schlaggeräusch holte ihn aus seinen Gedanken. Sowie er nicht mehr fassungslos in den Garten starrte, bemerkte er, dass ihn vier auf dem Rasen stehende Frauen beobachteten. Das waren offensichtlich die anderen Mütter. Verdammt. Warum hatte er sich entschieden zu bleiben? Dieser Kindergeburtstag lag völlig außerhalb seiner Welt. War es zu spät, um noch abzuhauen?

Jemand tippte ihm auf die Schulter. »Ich habe hier ein Erwachsenengetränk für Sie.«

Anne sagte es mit einem Augenzwinkern, das ihm eine Menge Erwachsenengedanken bescherte, bis er auf ihre ausgestreckte Hand blickte. Der Drink kam … in einem Einmachglas? Seine Großmutter hätte solche für Gurken, Okraschoten oder Tomatensauce benutzt. Doch dieses war mit einer leuchtend rosa Flüssigkeit gefüllt, in der ein blau-weiß-gestreifter Strohhalm steckte. Oh Mann, was tat er hier eigentlich?

Auf jeden Fall rosa Limonade aus einem Einmachglas trinken, denn die Gastgeberin wartete auf seinen ersten Schluck. Er schob den Strohhalm beiseite. »Ich bin nicht der Strohhalmtyp.«

»Oh … natürlich.«

Langsam hob er das Glas. Sein Blick war auf ihr Gesicht, ihr Blick auf seinen Mund geheftet, was ihn wünschen ließ, er hätte sich an diesem Morgen rasiert. Das Zeug schmeckte annehmbar, vielleicht ein bisschen zu süß für seinen Geschmack, aber hier mit ihr zu stehen war es wert, ein Mädchengetränk herunterzukippen. Er lächelte. »Sehr gut. Vielen Dank.«

»Ist ein Schuss Champagner drin. Es ist natürlich eine Kinderfeier, aber die Erwachsenen wollen auch ein wenig Spaß haben.«

»Ich bin beeindruckt. Sie haben an alles gedacht.« Er meinte es ernst. Die Kinderparty war beeindruckend.

Zufrieden legte sie eine Hand auf seinen Oberarm. Die unschuldige und doch vertrauliche Geste überraschte ihn. Als er hinsah, bemerkte er, dass ihre Nägel rosa und an den Spitzen blau lackiert waren – mit den Farbtönen der Party – und dass sich ihre Hand warm anfühlte. Instinktiv spannte er die Muskeln an und fühlte sich sofort wie der größte Mistkerl. Mit leichtem Druck lenkte sie ihn zu den Frauen auf dem Rasen. Er hatte eigentlich keine große Lust, sich zu den Mamis zu gesellen, aber solange sie ihre Hand an ihm hatte, würde er ihr folgen. Er sollte irgendwas mit ihr reden, um sie von den anderen abzulenken.

»Ihre Nägel sind rosa und blau. Passend zum Rest. Ein guter Einfall.«

»Eigentlich Himbeer und Aqua, aber …« Sie stockte und nahm ihre Hand weg. »Du meine Güte, Sie halten mich bestimmt für albern, aber das ist einfach … keine Ahnung, mein Ding

Sie zuckte mit den Schultern, legte den Kopf schief und strahlte ihn an. Mit diesem Lächeln würde sie einen Mann für jedes Hobby begeistern können. Er grinste zurück und schaute dabei auf ihre aufregend vollen Lippen. »Nein, das ist überhaupt nicht albern. Mir gefällt … Ihr Ding

Mann, er war ja so ein Arschloch. Da flirtete er mit einer Mutter und Ehefrau auf dem Geburtstag ihrer Tochter. Er sollte gehen. Aber das Funkeln in ihren Augen und ihr Gesichtsausdruck verrieten ihm, dass sie nicht ganz abgeneigt war, und sein Körper reagierte. Er spannte sich von Kopf bis Fuß an. Sie schien überhaupt nichts dagegen zu haben. Er hatte in seinem Leben eine Menge Dinge getan, auf die er nicht besonders stolz war, Ehebruch gehörte jedoch nicht dazu. Er würde jetzt dieses klebrige Zeug austrinken, von hier verschwinden und erst um Punkt drei zurückkommen, genau so, wie Erin gesagt hatte. Er hatte genug Geschichten über gelangweilte Vorstadthausfrauen gehört, und es war nicht seine Art, sich für Seitensprünge herzugeben.

»Ich möchte Sie gern den anderen vorstellen.« Sie gab ihm keine Gelegenheit, abzulehnen, also ging er mit ihr zu den Frauen, die schon vor Neugier brannten und sich sehr auffällig bemüht hatten, die Unterhaltung zwischen ihnen nicht zu belauschen. Wenn er eines über Frauen wusste, dann, dass ihnen niemals etwas entging.

Anne stellte ihm die vier vor und zeigte auf das jeweils zugehörige Kind. Er würde das gleich wieder vergessen haben, und es war ihm auch total egal. Denn er konnte nicht aufhören, Anne anzusehen, während sie mit den anderen redete und lachte. Ihre großen blauen Augen strahlten. Sie war hinreißend.

Alles an ihr wirkte mühelos und anmutig. Sie konnte ihn glatt dazu bringen, eine Mutter und Ehefrau in seinem Leben haben zu wollen. Eine interessante Entdeckung für einen neunundzwanzigjährigen Junggesellen, der zwar vorhatte, eines Tages zu heiraten, es aber bisher nie ernsthaft ins Auge gefasst hatte. Normalerweise war sein nächstes Bier, der nächste Restaurierungsauftrag und die nächste Sexpartnerin das Einzige auf seiner Tagesordnung. Aber Anne ließ dieses ganze Vorstadtidyll erstrebenswert erscheinen.

Wie nett wäre es, auf einem Sofa mit passenden Kissen zu liegen statt auf einer Couch, die nach verschüttetem Bier stank? Annes Haus war warm und gemütlich, perfekt für Nickerchen und andere schöne Aktivitäten. Er hatte verheiratete Freunde, und sie kamen ihm durchaus glücklich vor, aber beneidet hatte er sie nie. Anne war Betty Crocker, Martha Stewart und Pin-up-Girl in einem, verpackt in gestreiftes aquablaues Geschenkpapier mit einer himbeerroten Blume darauf. Welcher Mann fände das nicht anziehend?

All diese Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, während er geistesabwesend zusah, wie eine überwältigende Menge Geschenke ausgepackt, Spiele gespielt und Cupcakes gegessen wurden. Es gelang ihm sogar, mehreren unangenehmen Gesprächen mit den neugierigen Mamis aus dem Weg zu gehen. Er versuchte ihre Stimmen auszublenden, während sie über Lehrer, Elternzeit und Annes »Tablescaping« plauderten. Was zum Teufel sollte das überhaupt heißen? Er hatte das Wort noch nie gehört, vermutete aber, dass es etwas mit der Dekoration zu tun hatte.

Bei einem Blick auf seine Uhr stellte er fest, dass es bereits Viertel nach zwei war und es keinen Sinn hatte, jetzt noch zu gehen und um drei wiederzukommen. Außerdem machte es ihn glücklich, Bailey lachen zu sehen, auch wenn ihm das kollektive »Oh-oh« der Frauen, jedes Mal wenn sie ihn »Onkel Mike« nannte, ein wenig auf die Nerven ging.

Außerdem störte es ihn, dass sie über ihre Gastgeberin redeten, sobald sie mal ins Haus verschwand, wie jetzt, wo sie einen Mülleimerbeutel für das Geschenkpapier und die Pappteller holen ging.

»Ich habe wirklich keine Ahnung, wie sie das alles schafft. Habt ihr das Zickzackmuster auf den Präsenttüten für die Kinder gesehen? Alles handgemacht. Ich bin froh, wenn ich es schaffe, im Supermarkt rechtzeitig eine Torte zu bestellen.« Die Sprecherin nahm einen großen Schluck von ihrem Einmachglas, während die anderen Damen zustimmend nickten.

»Wenn Ellen denkt, dass sie auch so eine Party bekommt, hat sie sich aber geschnitten«, meinte eine andere Frau. »Habt ihr die Fotos auf Annes Webseite gesehen? Es ist unfassbar, was manche Leute dafür zu zahlen bereit sind.«

»Absolut«, bekräftigte die erste. »Auf Pinterest teile ich so was gerne, aber ich würde solchen Aufwand garantiert niemals selbst betreiben.«

Was Mikes Gesprächsbeteiligung anbetraf, hätten diese Frauen ebenso gut in einer Fremdsprache reden können, und ihr abfälliger Tonfall verärgerte ihn immer mehr. Warum? Er hatte keine Ahnung, für ihn waren sie jedenfalls bloß neidische Weiber. Wenn er sah, was Anne für ihre Tochter getan hatte, empfand er Respekt und Bewunderung, aber er war eben keine Frau, und wie jeder Mann wusste, konnten Frauen ein bisschen verrückt sein. Eine der Bemerkungen machte ihn allerdings neugierig, wahrscheinlich zu neugierig, aber er wollte mehr wissen. Er neigte sich zu der Frau, die neben ihm stand, worauf sie breit lächelnd den Kopf drehte.

»Anne hat eine Webseite?«, fragte er.

»Oh ja.« Ihre Augen leuchteten auf. »Sie betreibt mit zwei Freundinnen einen wirklich tollen Blog. Mein Perfektes Kleines Leben heißt er. Da berichtet sie über sämtliche Partys, die sie ausstattet. Und zwei ihrer Freundinnen schreiben über andere Themen. Es geht um dieses ganze total verrückte kreative Zeug, das jeder machen würde, wenn er bloß Zeit dazu hätte, wissen Sie, was ich meine?«

Er wusste es nicht, aber er nickte und täuschte Begeisterung vor. »Das klingt interessant.«

»Ja, wirklich, es ist total interessant, Sie sollten mal … na ja, ich weiß nicht, ob es einem Mann wie Ihnen gefallen würde, aber Sie würden bestimmt ein paar tolle Anregungen für Bailey finden.«

Er überlegte gerade, was sie mit »einem Mann wie ihm« meinte, als Anne mit einem neuen Gast zurückkehrte, einer süßen Blondine in Jeans und einem rosa T-Shirt. Sie hatte ihre Locken zu einem unordentlichen Knoten gebunden, und an ihrem Oberteil klebte Mehl und etwas Braunes, das hoffentlich nur Schokolade war. Als sie näher kamen, konnte er lesen, was auf dem T-Shirt stand: Callies Konfekt. Er war sich ziemlich sicher, den Namen von einer Ladenmarkise auf der Main Street zu kennen.

Die anderen Mütter begannen sofort, die Cupcakes und Cakepops zu loben, als ob sie nicht gerade noch über die Gastgeberin gelästert hätten. Selbst ihr Tonfall hatte sich verändert. Konnten sich alle Frauen so gut verstellen? Er hatte von solchem Verhalten gehört, aber es persönlich mitzuerleben war echt verrückt.

Während er zu Anne sah, griff sie an ihre Halskette und spielte damit, und dabei fiel ihm etwas auf: Sie trug keinen Ehering. Hm. Das war jetzt interessant. Der Gedanke, dass sie Single war, ließ alles in anderem Licht erscheinen. All das Rosa und – nein, all das Himbeer und Aqua wirkte mit einem Mal viel ansprechender. Ganz zu schweigen davon, dass ihm das Schuldgefühl wegen eines potenziellen Ehebruchs von den Schultern genommen war und sich viele neue Möglichkeiten auftaten. Sie bemerkte seinen Blick und schenkte ihm ein kleines Lächeln, bevor sie wegsah. Wie lange war es her, dass ihm allein das Lächeln einer Frau einen Ständer zu verpassen drohte?

Weiter hinten im Garten entdeckte er einen Grill, und schon sah er sich dort das Abendessen machen und danach mit ihr an einem Sommerabend im Garten sitzen, ein eiskaltes … Einmachglas in der Hand. Verdammt, er musste damit aufhören. Diese Frau und ihr Lebensstil, der direkt aus einem Einrichtungsmagazin zu stammen schien, benebelten seinen Verstand. Sie war atemberaubend schön und elegant, und anstatt daran zu denken, wie erregend sie ohne dieses Kleid wäre, stellte er sich ein Leben vor, das mehr bot als kaltes Bier und heiße Verabredungen, und sah sich in einem Zuhause mit einer Familie. Die Art, wie Anne dafür sorgte, dass alles und jeder zu etwas Besonderem wurde – verdammt, das war einfach wahnsinnig anziehend.

Dieser Gedanke brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Er selbst war weder elegant noch stilbewusst. Er stand für dreckige Autos, Dreitagebart und Bier aus der Flasche. Kleine Kinder und Partys mit handgemachten Gastgeschenken waren überhaupt nicht seine Welt. Er trug gerade eines seiner besseren T-Shirts und ordentliche Jeans, und dennoch fühlte er sich vollkommen fehl am Platz. Diese Frau war ein guter Fang – so viel war offensichtlich –, aber nicht für jemanden wie ihn bestimmt.

Als die Party ihrem Ende entgegenging, entschuldigte sich Mike vom Tisch und wollte sich gerade Bailey schnappen, um zu gehen, als alle Mädchen ins Haus verschwanden. Er folgte ihnen und sah gerade noch, wie sie die Treppe hinaufrannten. Er hatte nicht vor, in den privateren Bereich einzudringen. Also kehrte er zurück und lief Anne in dem engen Flur zwischen Wohnzimmer und Küche direkt in die Arme. Sie blieben stehen, sehr nah beieinander. An ihrem Ausschnitt und ihren Schläfen hatte sich ein leichter Schweißfilm gebildet. Er bemerkte den blumigen Duft nun auch an ihr selbst.

»Hey, das war eine wirklich nette Party, Anne. Bailey hatte viel Spaß«, sagte er.

»Danke, dass Sie sie hergebracht haben. Bailey und Claire sind seit diesem Schuljahr beste Freundinnen. Ich meine auch, dass die Party gut gelaufen ist.« Sie wirkte über seine Bemerkung aufrichtig erfreut, was bei ihm ein paar unanständige Fantasien auslöste, für die er sich gerne bei ihr revanchieren würde. Er atmete tief durch und bemühte sich, seinen primitiveren Trieben standzuhalten und nicht noch näher an sie heranzutreten. Es drängte ihn, sie um eine Verabredung zu bitten, sie durch irgendeine Bemerkung wissen zu lassen, dass er auf sie stand.

Nein, er hatte sich bereits dagegen entschieden. Ganz abgesehen davon, dass ihn seine Schwester umbringen würde, wenn er eine Mutter von Baileys Freundinnen flachlegte. Als ob Anne überhaupt der Typ für so etwas wäre. Nein, sie war die Art Frau, mit der man Liebe machte. Jeden Augenblick erwartete er, dass sie sich umdrehen und ein wenig Abstand zwischen sie beide bringen würde, stattdessen überraschte sie ihn, indem sie ein wenig näher kam. »Ich … hab Ihnen Kuchen eingepackt.«

Da erst sah er die rosa Schachtel mit dem Logo von Callies Konfekt in ihren Händen. Er zog eine Augenbraue in die Höhe, und sofort wirkte sie verlegen. »Nun ja, es waren so viele Cupcakes übrig … und das Letzte, was ich in diesem Haus brauche, ist noch mehr Süßkram.«

Sie biss sich auf die Unterlippe und kräuselte ihre Nase. Es war die hinreißendste nervöse Angewohnheit, die er je gesehen hatte. Er war sicher, dass sie mit ihm zu flirten versuchte und ihm deshalb die Cupcakes mitgab. Den Frauen hatte sie keine angeboten. Zumindest glaubte er das. In diesem Moment wollte er sie nur noch von ihrer Verlegenheit befreien und ihr versichern, dass er es nicht nur begrüßte, wenn sie mit ihm flirtete, sondern dass es ihn auch total anmachte.

»Sie sind perfekt. Ich finde, Sie sollten so viel Süßes essen, wie Sie wollen.« Er kam ein wenig näher und legte seine Finger auf ihre Hand mit der Schachtel. Sie schnappte leicht nach Luft und er wurde kühner. Dabei ignorierte er den Einwurf seines Verstandes, dass das alles keine gute Idee sei. Doch Anne biss sich erneut auf die Unterlippe, und der Anblick sandte unangebrachte Signale durch seinen ganzen Körper. Ach, scheiß drauf. »Und vielen Dank, ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben, köstlich ist«, murmelte er.

Sie riss schockiert den Mund auf, und er fragte sich, ob er etwas falsch gedeutet hatte und zu weit gegangen war. Manche Frauen waren bloß darauf aus, den Mann im Raum zu füttern. Aber dann wurde ihr Gesichtsausdruck weich. Ihr Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln, und Mike entspannte sich wieder. Sie spielte so weit über seiner Liga und für die Rolle des perfekten Stiefvaters wäre er sowieso eine Fehlbesetzung. Zumindest hoffte er das. Also was war ihre Motivation? Vielleicht war sie ja doch an Spaß interessiert.

»Wissen Sie.« Sie neigte den Kopf zur Seite und senkte die Stimme. »Claire und ich wollten in etwa einer Stunde zum Settlers Park … Sie können gerne mit Bailey dazukommen, wenn Sie möchten. Ich meine, weil die Mädchen beste Freundinnen sind und heute bestimmt noch gern zusammen spielen möchten …«

»Oh, Anne, das würde ich liebend gerne, aber …« Mist, es gab nichts, was er lieber tun würde, als mit Anne in den Park zu gehen, was ihn fast so sehr überraschte wie die Tatsache, dass sie ihn fragte. Aber er war mit Katie verabredet. Und er brachte es nicht einmal über sich, Anne das zu sagen. »Ich kann nicht.«

»Ja, natürlich. Entschuldigen Sie, war eine dumme Idee, so kurzfristig zu fragen …« Wieder machte sie diese süße zerknirschte Miene, und es tat ihm furchtbar leid, sie in diese Situation gebracht zu haben. Es wäre schade, wenn sie bereute, diesen Schritt gewagt zu haben. Zum Teufel, sie war sehr mutig gewesen, aber warum hatte sie ausgerechnet heute vorschlagen müssen? »Es ist Samstag, da haben Sie wahrscheinlich … und Sie gehen bestimmt gar nicht in Parks. Macht nichts, die Mädchen sehen sich ja dann in der Schule oder beim Turnunterricht oder … irgendwo.«

»Onkel Mike hat heute Abend eine heiße Verabredung. Das hat er mir selbst gesagt.« Bailey kam die Treppe heruntergehüpft, und jeder Sprung auf das knarzige alte Holz klang wie das Wummern seines Herzens, als er sah, wie sich in Annes Gesicht erst Erkenntnis und dann Scham abmalte.

»Oh … freut mich für Sie. Es ist so ein schöner Tag. Perfekt für eine … eine Verabredung.« Anne klang aufgeregt und übertrieben fröhlich, was die Situation noch unangenehmer machte.

»Es tut mir leid …«, begann er.

»Ach herrje, nicht doch.« Sie hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und lächelte. »Dafür gibt es überhaupt keinen Grund, lassen Sie mich kurz … ähm. Lassen Sie mich schnell Baileys Präsenttüte holen, damit Sie aufbrechen können.«

Mit wehendem Rock stürmte sie davon. Er sah, wie sie sich die Schläfe rieb, als sei sie aufgebracht oder peinlich berührt, und ärgerte sich, weil die Situation so schnell umgeschlagen war. Es war nur ein erster Eindruck, aber er nahm an, dass Anne Edmond nur selten den ersten Schritt machte. Nach diesem Erlebnis würde sie es wohl eine ganze Weile lang bleiben lassen.

Andererseits machte es ihr ja vielleicht gar nichts aus. Verdammt, bei einem gewöhnlichen Arbeitertypen, der zum ersten Mal auf der Geburtstagsfeier ihrer Tochter aufkreuzte, war sie ja bestimmt nicht auf etwas Ernstes aus. Wahrscheinlich hatte sie es für ungefährlich gehalten, mit ihm zu flirten, und hatte ihre Wirkung ein wenig testen wollen, bevor sie sich an jemanden aus ihrer Liga wagte, jemanden, mit dem sie in diesem hübschen Haus eine Familie gründen könnte. Er hatte ohnehin kein Recht, über mehr Zeit mit Anne nachzudenken, weil sie vollkommen unterschiedlich waren und sie den Sushi-liebenden Vorzeigemann mit Krawatte brauchte. So ein Mann war Mike nicht. Nein, er war der Mann, der Ölflecken auf ihre farblich passenden Kissen machen würde. Langfristig waren sie einfach nicht füreinander bestimmt, und das hatte er schon in dem Augenblick gewusst, als sie an die Haustür gekommen war.

Er hatte seine Aufgabe erfüllt, war für Erin eingesprungen, hatte einen Tag lang den Vater ersetzt, und nun war es Zeit, wieder zu seinem eigenen Leben zurückzukehren, ganz ohne Himbeer, Aqua und Partyschnickschnack. Er hatte eine Verabredung mit Katie und war sich ziemlich sicher, dass deren Hobbys … nicht nur was fürs Auge waren. Und genau das brauchte er jetzt, um sich Anne Edmond aus dem Kopf zu schlagen.

2

Die letzten Gäste waren endlich gegangen. Claire war oben und nahm ihre Beute unter die Lupe. Anne gesellte sich in der Küche zu Callie, die an der großen Landhausspüle die Etageren abwusch, die sie für die Cupcakes benutzt hatte. Sie dankte dem Himmel für Freunde, die ungefragt beim Aufräumen halfen. Anne wusste nicht, was sie ohne Callie und auch Lindsey getan hätte. Nicht nur, dass beide kreative Genies waren, die zum Erfolg ihres Blogs beitrugen. Sie waren auch für Annes persönliches Glück unerlässlich geworden, wirklich die besten Freundinnen, die sie jemals gehabt hatte, und immer zur Stelle, um ihr Mut zuzusprechen, wenn es nötig war. So wie jetzt.

»Callie, ich glaube, ich muss mich übergeben.« Anne hielt sich den Bauch und ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. Es war an der Zeit, die Formunterwäsche aus- und ihre Yogahose anzuziehen. Aber zuerst musste sie sich in der Peinlichkeit suhlen, die sie gerade dank ihrer eigenen Blödheit erlitten hatte.

»Was ist denn los?« Callie tupfte eine Kuchenplatte aus Milchglas mit einem Trockentuch ab. »Alles sah unglaublich aus, und dieser Vater mit seinen Muskeln war ja wohl eine nette Beigabe zum Fest. Hast du seinen Hintern in diesen Jeans gesehen? Wenn du den in deinem Partypaket mit anbietest, wirst du bis ins nächste Jahrtausend ausgebucht sein.«

Anne unterdrückte ein Stöhnen. Warum war er geblieben? Wenn er sich wie jeder andere normale Kerl direkt wieder abgesetzt hätte, wäre jetzt alles in Ordnung. Aber er war geblieben. Das allerdings ungeplant, da war sie sich ziemlich sicher. Und darum dachte sie, er sei … vielleicht an ihr interessiert. An ihr. Er hatte diese Bemerkung über ihr Ding gemacht – war sie wirklich so alt und realitätsfremd, dass sie eine harmlose Bemerkung für einen Flirt hielt? Aber sie hatte seinen Tonfall noch im Ohr und hätte schwören können, dass er es zweideutig gemeint hatte. Aber das war verrückt. Sie war zweiunddreißig, eine alleinerziehende Mutter und ihre Figur jenseits von kurvig.

»Ich hab etwas total Dämliches gemacht. Ich möchte es am liebsten gar nicht erzählen.« Anne ließ den Kopf in die Hände sinken.

»Also hast du Kelly Hobbs endlich beigebogen, dass sie keine Skinny Jeans tragen sollte«, folgerte Callie. Anne sah ruckartig auf.

»Oh mein Gott, ja, oder? Keine Frau, die fünf Kinder zur Welt gebracht hat, sollte Skinny Jeans tragen, besonders keine gelben. Ich glaube, sie kauft sie sich in sämtlichen Farben. Aber nein, nein, nein, nein, nein.« Anne wedelte mit den Händen. »Es ist schlimmer, viel schlimmer, und es hat mit dem heißen Typen zu tun. Er ist übrigens nicht Baileys Vater, sondern Onkel Mike.«

Sie schielte zu Callie, die beim Abtrocknen innegehalten hatte. Mit großen Augen und einem Schmunzeln sah sie Anne an.

»Onkel Mike, was? Das ist irgendwie scharf.« Callie ging um die Kücheninsel herum und gesellte sich zu Anne an den Esstisch. »Was hast du getan?«

»Ich hab ihm Kuchen gegeben.« Anne stöhnte gequält auf. Sie griff unter ihr Kleid, kämpfte einen Moment mit ihrer Unterwäsche und zog erleichtert das Formhöschen herunter. Callie ignorierte das alles auf eine liebevoll vertraute Art. Anne warf die Hose auf den nächsten Stuhl und lehnte sich erleichtert zurück.

»Na ja, Schatz, den anderen doch auch. Das war eine … Rudelfütterung«, sagte Callie.

»Nein, ich habe ihm eine deiner schicken kleinen Schachteln voll mit Cakepops und einem Cupcake gegeben. Außerhalb der Rudelfütterung, für daheim.«

»Oh wow, also eine persönliche Fütterung. Ich meine, nicht so persönlich, als hättest du ihm den Cupcake hingehalten, damit er abbeißt. Aber ziemlich exklusiv. Ein Angebot nach dem Motto: ›Ich will, dass du heute Abend an dieser Buttercreme leckst und dabei an mich denkst.‹ Übrigens ist meine Buttercreme fantastisch, also guter Schachzug.«

»Oh nein, du hast recht! Gott, ich bin so bescheuert. Und er hat so etwas Ähnliches gesagt.«

»Ehrlich? Was genau hat er denn gesagt?«

Anne machte ein gequältes Gesicht, als sie sich an den Wortlaut erinnerte. »Er sagte: ›Ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben, köstlich ist.‹«

Callie riss Augen und Mund auf. »Machst du Witze? Warte, wie hat er es gesagt? War es: ›Ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben, köstlich ist.‹ Oder war es: ›Ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben … köstlich ist.‹ Da besteht ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied.«

»Keine Ahnung, es gab eine Pause davor und …«

»Hat er dich dabei schmachtend angesehen?« Callie saß jetzt praktisch auf dem Rand ihres Stuhls und gab ihre Version eines schmachtenden Blicks zum Besten. Leider kannte sie noch nicht den Schluss der Geschichte, weil es ab da so total schiefgelaufen war.

»Vielleicht, ich meine, ich dachte, da wäre etwas, aber du weißt das Schlimmste ja noch nicht. Ich habe ihn gefragt … ob er nachher mit uns in den Park gehen will.« Anne warf verzweifelt die Hände in die Luft. Ihr idiotisches Verhalten war unentschuldbar und unglaublich peinlich. Normalerweise fragte sie Männer allerhöchstens, ob sie nach der teuren Kinderparty einen Scheck ausstellten. Und er hatte abgelehnt, mit einem mitleidigen Blick in seinem attraktiven, stoppelbärtigen Gesicht. Wer hätte gedacht, dass ein unrasiertes Kinn so anziehend wirken konnte? Mehr als alles andere hatte sie diesen Stoppelbart auf ihrer Haut spüren wollen. Aber das würde bestimmt nicht passieren. Mist.

»In den Park? Das ist nicht der heißeste Vorschlag. Ach Schatz, was hast du dir nur dabei gedacht?« Callies ungläubiger, mitleidsvoller Ton war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Anne lehnte sich vor und wurde zunehmend hysterisch. »Ja, ich weiß! Ich bin so ein Idiot. Ein muskulöser junger – wahrscheinlich viel zu junger – total sexy aussehender Typ kommt zu meiner Party, und ich frage ihn, ob er … mit mir und meinem Kind in den verdammten Park mitkommen will. Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?«

Den letzten Teil flüsterte sie nur, da sie nicht wollte, dass Claire sie fluchen hörte. Anne fluchte höchst selten – normalerweise nur, wenn sie von ihrem Ex sprach oder in sehr drastischen oder traumatischen Situationen. Diese war eindeutig traumatisch. Sie versuchte, nicht an seine zerzausten dunklen Haare und den harten Bizeps zu denken. Oder an seine tief sitzende Jeans, die bei ihr die Assoziation weckte, er wäre gerade erst aus seinem großen maskulinen Bett gesprungen und hätte sie sich hastig übergestreift. Er war so sexy wie ein Filmstar, gebaut wie ein Athlet, und das dunkle Blau seiner Augen hatte sie magisch angezogen. Wie war sie bloß auf die Idee gekommen, er könnte zu einem so dämlichen Vorschlag Ja sagen?

»So jung sah er gar nicht aus, aber da wir diese Unterhaltung haben, nehme ich an, dass er Nein gesagt hat.«

»Natürlich hat er Nein gesagt, Cal. Sieh mich an! Ich bin eine mollige Mutti, die seine Farbbezeichnungen korrigiert.
›Nein, Mr Schärfster-Typ-der-jemals-mein-Haus-betreten-hat, das ist kein Rosa, sondern Himbeer, und hier ist Ihr Erwachsenengetränk mit einem blöden Strohhalm. Haben Sie übrigens Lust auf ein Spieltreffen im Park?‹« Nun war Anne vollkommen verzweifelt und wütend auf sich selbst. Ein Blick auf ihn hätte eigentlich reichen müssen, um zu kapieren, dass er sich auf keinen Fall für sie interessierte. »Wahrscheinlich findet er mich total lächerlich. Warum musste mir das passieren, Callie, warum?«

»Meine Güte, Anne, sei doch nicht so hart zu dir. Ich bin stolz auf dich, weil du es versucht hast. Es war eine gute Übung. Lass dich nicht entmutigen. Erwähne nächstes Mal nur keine Parks und kleinen Kinder. In Ordnung?« Callie stand auf, um weiter abzutrocknen.

»Danke für die Unterstützung, aber das war echt traumatisch. Ich frage Männer nie, ob sie mit mir ausgehen wollen. Und aus gutem Grund, wie man jetzt sieht. Normalerweise treffe ich ja noch nicht mal welche. Ich plane Partys für Menschen unter achtzehn und habe dadurch mit Ehemännern oder Großvätern zu tun.«

»Hey, sag niemals nie«, erwiderte Callie lachend. Anne warf ihr einen bösen Blick zu. Callie fuhr fort: »Ich nehm dich doch nur auf den Arm. Hör zu, es ist Samstagabend, was bedeutet, dass ich eigentlich große Pläne habe, aber ich glaube, Downton Abbey und meine neueste Flasche Muskateller können noch ein bisschen warten.«

Callie schnappte sich die übrig gebliebene Flasche Champagner, ein Glas und einen Cupcake und stellte sie vor Anne auf den Tisch. »Wie wär’s, wenn du damit nach oben gehst, dir ein Bad einlässt und deine Sorgen ertränkst, während ich mit Claire in den Park gehe. Wird ihr guttun, sich nach den acht neuen Barbies, die sie geschenkt bekommen hat, ein wenig abzureagieren.«

Anne sank auf dem Stuhl zusammen. »Du bist wunderbar!«

»Und du auch. Vielleicht machen wir auch noch einen Zwischenstopp bei Tomatillos für ein ungesundes Abendessen. Wenn ich Downton Abbey schon vernachlässige, dann gleich richtig. Wenn du willst, bringe ich dir ein paar Hähnchentacos mit.«

»Mit extra Käse und Guacamole?«, fragte Anne leise. Sie fühlte sich schon besser.

»Sollst du haben. Dieses Ausmaß an Selbstmitleid erfordert extreme Maßnahmen.«

Anne lächelte schwach, während Callie ihre Handtasche und die Leihartikel zusammensuchte, die sie am Morgen zusammen mit dem Gebäck gebracht hatte. Callie war die Inhaberin von Callies Konfekt auf der kleinen Main Street in Preston, einer trendigen Gegend voller Boutiquen, Restaurants und Antikläden. Außerdem gehörte sie zum Team von Mein Perfektes Kleines Leben. MPKL – wie die drei Frauen es liebevoll nannten – war der Blog, mit dem Anne vor vier Jahren spontan begonnen hatte, nachdem sie für ihre damals zweijährige Tochter eine Geburtstagsfeier organisiert
hatte.

Zu der Zeit begann ihre Ehe auseinanderzubrechen, und anstatt das Problem anzugehen, stürzte sich Anne einfach auf die Dinge in ihrem Leben, die sie noch im Griff hatte. Sie dachte, es müsse ja niemand erfahren, dass es zwischen Scott und ihr schlecht lief, besonders wenn sie dafür sorgte, dass der Schein gewahrt blieb. Sie hoffte, die Illusion eines perfekten Lebens könne wieder zur Wirklichkeit werden, wenn sie sie nur beharrlich aufrechterhielt. Anne war in einem Haushalt aufgewachsen, wo sich die Menschen geliebt und geschätzt gefühlt hatten. Daher wollte sie nichts mehr, als ihrer Tochter die gleichen Voraussetzungen zu bieten, ganz egal, was zwischen ihr und Scott passierte. Dazu gehörten auch fantastische Geburtstagspartys, erinnerungswürdige wunderschöne Tage, an denen sich Claire wie eine Prinzessin fühlen sollte.

Die erste große Party, die Anne für Claire organisierte, wurde ein großer Erfolg. Ihre und Scotts Freunde äußerten sich begeistert über ihre Kreativität und ihr Stilgefühl, und sie wollte das Geschaffene für die Ewigkeit festhalten. Noch am gleichen Abend stellte sie die Fotos ins Internet, schrieb ein paar Anleitungen dazu, und der Blog Mein Perfektes Kleines Leben war geboren.

Sie postete Ideen für Partys, Basteleien und das Auffrischen alter Möbel, und nach nur vier Monaten hatte sie bereits tausend Follower erreicht. Kurz darauf wurde der Blog der totale Renner. Unternehmen traten an sie heran und boten an, ihr Produkte kostenlos zu überlassen, wenn sie darüber bloggte, und zahlten sogar für Werbefläche. Zwei Monate später wurde sie von einem Journalisten des Kansas City Star für den Lokalteil interviewt, und danach bot man ihr eine wöchentliche Kolumne in der Sonntagsausgabe an. Doch je erfolgreicher sie wurde, desto widerwärtiger benahm sich ihr Mann.

Er warf ihr vor, ihn wegen ihrer so genannten Internetfreunde zu vernachlässigen. Aber sie wussten es beide besser. Lange bevor sich Anne dem Internet zuwandte, hatte es in ihrer Ehe gekriselt. Er warf ihr oft vor, dass sie nie mit ihm zufrieden sei, weil sie einen perfekten Mann haben wolle, und dass es keinen Spaß mehr mache, mit ihr zusammen zu sein. Sie war bestürzt.

Ausgerechnet der Blog, der ihr Glück darstellen sollte, brachte sie immer weiter auseinander. Was als Versuch begonnen hatte, ihre Familie zu retten, wurde zu ihrer Fluchtburg. Die Onlinebeziehungen gaben ihr etwas, das sie von ihrem Mann nicht bekam. Die Frauen, die ihre Seite besuchten, waren freundlich und ermutigend, lobten sie für ihre Kreativität und gaben ihr das Gefühl, ein wertvoller Mensch und eine gute Mutter zu sein.

An dem Tag, als sie Scott in ihrem Schlafzimmer beim Ehebruch erwischte, war sie ungeheuer wütend … und erleichtert. Kurz darauf ließen sie sich scheiden, und was ihr daran am meisten zusetzte, war das Gefühl, versagt zu haben.

Aber sie fühlte sich von ihren treuen Bloglesern gestärkt, während der Scheidung, ihres Umzugs und der Gründung ihres Partyplanungsunternehmens, und auch die Aufnahme ihrer beiden Freundinnen, die jeweils ihre eigene kreative Stärke in den Blog einbrachten, wurde bereitwillig angenommen. Zuerst war Callie mit ihren Backkünsten gekommen, dann Lindsey mit ihrem Talent fürs Upcycling. Anne hatte mit ihnen eines gemeinsam: den Wunsch, ihr Leben hübscher und bedeutungsvoller zu machen, und durch ihre Freundschaft und Unterstützung war sie nach der Scheidung richtiggehend aufgeblüht. Sie bedauerte nichts. Nicht den Blog, nicht die Trennung, nicht die harte Arbeit.

Leider sehnte sie sich manchmal noch nach einem Mann in ihrem Leben, einem, der ihre Leidenschaft, Dinge zu etwas Besonderem zu machen, zu schätzen wusste, nach einem Mann, der sie begehrte, durch den sie sich schön und begehrenswert fühlen konnte. Ein bisschen hatte sie sich so gefühlt, als Mike sie im Garten angesehen hatte. Aber jetzt war sie verunsichert. Sie war eben doch die prüde und ordentliche Anne. Warum konnte sie nicht mal etwas lockerer werden und die Art Frau sein, die ein Mann wollte?

Callie kam wieder in die Küche, nachdem sie netterweise ein paar Mülltüten rausgebracht hatte. »Okay, ich hole Claire, damit sie sich verabschieden kann. Ich schreib dir, wenn wir auf dem Heimweg sind, damit du deinen Vibrator wegpacken kannst.« Callie grinste und lief aus der Küche, bevor Anne ihre Empörung zum Ausdruck bringen konnte.

Nachdem sie Claire mit einem Kuss verabschiedet hatte, riss sich Anne zusammen und entschied, dass sie die Zeit allein lieber nutzen wollte, um ein paar Dinge zu erledigen. Sie lud die Fotos von ihrer Kamera, postete einen Teaserbeitrag über die Party – eine gute Werbung für ihr wachsendes Unternehmen – und überlegte sich den vollständigen Artikel, den sie morgen schreiben würde. Ihre Leser würden die Fotos für Ideen pinnen, und das würde weitere Klicks generieren. Das Tolle an einem webbasierten Geschäft war, dass sich alles wie von selbst entwickelte – wenn man es richtig machte. Denn jeder Beitrag und seine Metainformationen erweiterten die Leserschaft und steigerten damit die Werbeeinnahmen. Diesen Prozess und die Freiheit, von daheim arbeiten zu können, wo sie sich gleichzeitig um Claire kümmern konnte, fand sie sehr befriedigend.

Innerhalb einer Stunde leerte Anne die Champagnerflasche, aß den Cupcake und ließ sich in ihrer alten freistehenden Badewanne zu einer Rosine verschrumpeln, ein Luxus, den sie sich nicht oft genug gönnte. Sie war gerade dabei, sich einen Tee zu machen, den sie bei einem Buch – und wahrscheinlich einem weiteren Cupcake – auf der Terrasse trinken wollte, als ihr Handy summte. Okay, so früh waren sie also schon auf dem Heimweg. Sie konnte es Callie kaum übel nehmen. Claires unaufhörliches Geplapper ging irgendwann jedem auf die Nerven. Sie nahm ihr Handy und las Callies SMS.

CALLIE: Du wirst nicht glauben, wer gerade am Park vorbeigefahren ist, als wir gehen wollten.

CALLIE: Onkel Mike.

3

Mike war sich ziemlich sicher, dass die Cupcake-Frau ihn gesehen hatte, was ihn wirklich ärgerte, weil er jetzt wie ein Stalker dastand. Er wusste selbst nicht, warum er sich entschieden hatte, am Settlers Park vorbeizufahren. Zu seiner Verteidigung musste gesagt werden, dass der bei der Fahrt von seiner Schwester nach Hause praktisch auf dem Weg lag … na ja, wenn man ein paar Nebenstraßen nahm. Aber trotzdem, verdammt, was hatte er sich dabei gedacht? Er hatte nicht mal Bailey dabei, damit es nicht so seltsam aussah. Er benahm sich wie ein verknallter Teenager.

Er hatte heute Abend ein Date, das fast mit Sicherheit einen angenehmen Ausgang nehmen würde. Darauf sollte er sich jetzt konzentrieren, nicht auf Anne. Sie hatte ein Kind, beruflich plante sie überdekorierte Partys, und alles an ihr schrie, dass sie auf der Suche nach einem Ehemann war – was für einen Kerl wie ihn, der nicht vorhatte, sich in nächster Zeit langfristig zu binden, nur eines bedeutete: Lauf um dein Leben! Aber er hatte einfach noch einen Blick auf sie werfen wollen. Hätte sie das Kleid auch im Park angehabt? Wie sah sie aus, wenn sie sich nicht aufgebrezelt hatte? Und was ihn brennend interessierte: Wie sah sie nackt aus? Nackt mit ihm in ihrem Bett, mit offenen Haaren, gerötetem Gesicht und vollkommen erledigt.

Nachdem er in die Gasse hinter seiner Werkstatt gefahren war, parkte er den Wagen, lehnte sich zurück und stieß seinen Hinterkopf gegen den Sitz. Dieser Tag hatte so normal begonnen und jetzt konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Im Kopf hatte er bloß noch Bilder von Anne, Annes Kleid, Annes Haaren und Annes Lippen, die sich um einen rosa Cakepop schlossen. Verdammt.

Schnell stieg er aus dem Wagen und eilte mit seiner rosa Kuchenschachtel zur Tür. Es war kurz vor fünf, und er musste noch duschen, bevor er sich um sechs mit Katie traf. Sie würde einfach herüberkommen, da sie und ihre Mitbewohnerin in einer Doppelhaushälfte auf der anderen Straßenseite wohnten. Er sollte jetzt an Katie denken. Sie war nett und supersexy. Sobald er sie sah, würde sich das Problem von selbst lösen. Aber als er seinen Schlüssel ins Schloss steckte, kam ihm eine brillante Idee. Okay, vielleicht war es doch eher eine furchtbare Idee, aber er nahm an, dass es am besten war, wenn er sich jetzt von dieser Sache befreite.

Er warf den Schlüsselbund auf seinen chaotischen Schreibtisch, stellte die Kuchenschachtel behutsam ab und bewegte die Maus, damit sich der Computer einschaltete. Er öffnete eine Suchmaschine und tippte … wie hieß es noch mal? Hübsches Kleines Leben? In der Vorschlagsliste sah er es dann. Mein Perfektes Kleines Leben.

Ein Klick und er starrte auf die Webseite der süßen, hübschen, kleinen Anne. Die Titelleiste war so, wie er erwartet hatte, gedämpfte Farben, Pünktchenmuster und Mädchenmist. Willkommen auf unserem Lifestyle-Blog. Was sollte so ein Lifestyle-Blog überhaupt sein? Ihn interessierte im Internet nur Männerkram. Er suchte nach Oldtimern auf Craigslist, lud Musik herunter und guckte sich dämliche YouTube-Videos an. Für sein eigenes Geschäft hatte er eine Seite eingerichtet, auf der nicht mehr als sein Name und seine Kontaktinformationen standen. Was an diesen ganzen Blogs so toll sein sollte, kapierte er nicht.

Auf der Startseite waren bereits Fotos von Claires Party zu sehen. Er überflog die Bilder und ließ das viele Rosa und Blau erneut über sich ergehen. Nahaufnahmen von den Cupcakes, der Dekoration und seinem persönlichen Favoriten, dem »Erwachsenengetränk« in den Einmachgläsern, sowie ein Gruppenfoto der Mädchen in ihren Prinzessinnenkleidern. Mike lächelte, als er Baileys breites Grinsen sah. Sie hatte einen Arm um Claires Schulter gelegt und Mike entdeckte, wie sehr Claire ihrer Mutter ähnelte. Sie war ein wirklich wunderschönes kleines Mädchen, ein Plappermaul, aber süß.

Die Feier war erst ein paar Stunden her. Unglaublich, dass sie die Fotos bereits hochgeladen hatte. Anne nahm die Sache offensichtlich sehr ernst. Aber warum auch nicht? Das war ihr Beruf. Ihm kam der Gedanke, dass er vielleicht mehr Energie in seine eigene Seite stecken sollte. Er könnte zum Beispiel ein paar Vorher-Nachher-Fotos hochladen. Andererseits fragte er sich, ob sich seine potenzielle Kundschaft so etwas überhaupt anschaute. Er bezweifelte, dass es einen großen Unterschied machen würde, und sein Geschäft lief ohnehin ziemlich gut. Aber er konnte ja mal darüber nachdenken. Er scrollte weiter nach unten und fand etwas anderes, das ihn überraschte … dreiundsechzig Kommentare. Gab es wirklich so viele Leute, die sich für die Geburtstagsfeier einer Fremden interessierten? Es war Samstagabend, um Himmels willen, und diese Fotos konnten noch nicht lange online stehen.

Er surfte weiter über die Seite und stieß auf eine Anleitung, wie man einen alten Stuhl lackierte (warum sich die Mühe machen?), Schokolocken herstellte (wofür?) und auf eine weitere Mottoparty. Diese drehte sich um Star Wars, was Mike ziemlich cool fand. Es gab sogar Fotos von Leuten, die als Darth Vader und Boba Fett verkleidet waren. Mannomann. Wer hatte so viel Geld? Ein weiteres Foto zeigte die »Tablescape« – er wusste jetzt, was das bedeutete – mit Kuchen, Lichtschwertern und grünen Getränken. Das letzte Bild zeigte die Gäste der Party, lauter Jungs in Padawan-Kostümen. Das war doch verrückt. In seiner Kindheit war es das absolut Größte gewesen, bei McDonalds zu feiern. Er überflog weiter die vielen Fotos, Werbeanzeigen und klickbaren Buttons, bis er einen sah, auf dem Unser Team stand. Oh ja. Das klickte er sofort an.

Ein professionelles Foto von drei Frauen in hohem Gras erschien. Alle drei sahen sehr gut aus, aber sein Blick wanderte sofort zu Anne. Ihr Haar war offen und umspielte ihre nackten Schultern, und hey, sie sah in dem weißen trägerlosen Kleid, das ihre Brüste perfekt formte, einfach umwerfend aus. Er scrollte nach unten und das nächste Foto zeigte nur sie. Ihr Lächeln war so breit und glücklich, dass neben ihren Mundwinkeln ein Grübchen entstanden war. Er starrte mindestens fünf Minuten darauf.

Daneben gab sie über sich selbst Auskunft und erzählte, dass sie den Blog nach einer Prinzessinnenparty für ihre Tochter begonnen habe, blablabla. Sie sei ein Familienmensch und lege Wert darauf, die kleinen Alltagsmomente erinnerungswürdig zu machen – ja, er hatte in ihrer Anwesenheit tatsächlich einige ziemlich denkwürdige Momente erlebt, so viel stand fest. Obwohl da viel von Familie die Rede war, sprangen ihm die Worte alleinerziehende Mutter ins Auge. Da stand es ganz offiziell: Sie war Single. Der Gedanke, dass sie eine schlechte Ehe oder Schlimmeres hinter sich hatte, gefiel ihm nicht, aber er war erleichtert, weil sie keine lüsterne Ehefrau war, die ihren Ring abzog und auf der Geburtstagsfeier ihrer kleinen Tochter Männer anbaggerte. Vielleicht war sie ja doch aufrichtig interessiert gewesen.

Nein, nein, zum Teufel, nein. Mike fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Auf keinen Fall würde er noch einen Gedanken daran verschwenden. Er stand auf und ging ins Badezimmer, um zu duschen. Er musste sich unter den heißen Strahl stellen und die Erinnerung an sie wegbrennen, sie durch die Poren verdampfen lassen.

Eine halbe Stunde später trug er seine beste Jeans und ein gebügeltes Hemd, seine Haare waren ordentlich gekämmt. Er fühlte sich besser, bereit für Katie. Sie war Friseurin in einem kleinen Salon auf der Main Street, und weil sie so nah beieinander wohnten, hatte er sie öfter im Smokey’s gesehen, der Kneipe nebenan. Er hatte sich mit Aiden, dem Besitzer, angefreundet. In den letzten Wochen hatte Mike an mehreren Abenden mit Katie geflirtet, und sie schien das Gleiche im Sinn zu haben wie er: unkomplizierten Spaß.

Um zehn vor sechs klingelte sein Handy. Er ging dran, bereute es aber sofort, als er die Stimme Dan Monsers hörte, seines ältesten, anspruchsvollsten – aber auch reichsten – Kunden. Mike hatte gerade mit der Restaurierung eines 1965er Mustang Fastback für Dans Tochter begonnen, die fast sechzehnjährige Jessica. Er hatte kein Problem damit, das Geld des Mannes anzunehmen, aber es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass dieses unglaubliche, seltene Stück amerikanischer Automobilgeschichte in den Händen eines jungen Mädchens landen ...

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