Logo weiterlesen.de
Made with Love (Bundle)

NICOLE MICHAELS

Made with Love

Alle 3 Bände in einem E-Book

Made with Love – Ein perfektes Stückchen Glück

Made with Love – Nur die Liebe gewinnt

Made with Love – Kuss für Kuss ins Glück

Zu diesem Buch

Sie sind ungeschlagen, wenn es darum geht, anderen mit ihrem Talent Freude zu bereiten und ihre Leser mit ihrem Lifestyle-Blog zu inspirieren, doch in der Liebe brauchen diese drei Freundinnen einen kleinen Schubs in die richtigen Richtung.

Made with Love – Ein perfektes Stückchen Glück

Egal, ob Partydeko, Blumenarrangements oder Kinderpartys – es gibt kein Projekt, das Anne Edmond nicht mit ihrer Klebepistole und etwas Kreativität in den Griff bekommt. Nur in Sachen Männer ist die alleinerziehende Mutter eine totale Niete. Bestes Beispiel: Mike Everett! In seiner Gegenwart bekommt sie den Mund einfach nicht auf. Doch Mike ist kein Mann, der so leicht aufgibt. Fest entschlossen, die hübsche Deko-Queen für sich zu gewinnen, lässt er seinen Charme spielen und startet einen verführerischen Eroberungsfeldzug …

Made with Love – Nur die Liebe gewinnt

Backen, Bloggen und Tanzen – mehr braucht Callie Daniels nicht in ihrem Leben – so glaubt sie zumindest, bis sie den attraktiven Footballtrainer Bennett Clark als Partner für einen Benefiz-Tanzwettbewerb rekrutiert und auf der Tanzfläche gewaltig die Funken fliegen.

Made with Love – Kuss für Kuss ins Glück

Lindsey Morales ist ein Deko-Genie und kann aus so ziemlich allem etwas Wunderschönes zaubern – ihr eigenes Liebesleben aufzumotzen ist jedoch eine ganz andere Sache. Als sie ihrer Freundin Anne dabei hilft, ein altes Farmhaus zu renovieren, holt ihre Vergangenheit sie ein – in Gestalt von Derek Walsh, der ihr einst das Herz gebrochen hat und nun als Architekt mit im Boot ist. All ihre Versuche, ihm aus dem Weg zu gehen, scheitern, denn Derek ist fest entschlossen, seinen Fehler von damals wiedergutzumachen und Lindsay davon zu überzeugen, dass man auch die Liebe in neuem Glanz erstrahlen lassen kann.

Made with Love

Ein perfektes Stückchen Glück

Ins Deutsche übertragen
von Stephanie Pannen

Für Michael,
unsere Liebesgeschichte wird mir
immer die liebste sein.

1

Einen gemütlichen Samstag mit viel Kaffee, einem Nickerchen auf der Couch und sinnlosem Fernsehkonsum kann man nur durch eines noch besser machen: Man lässt ihn mit einem Bier und einer schönen Frau ausklingen. Für Mike Everett war das zum Glück genau der Plan. Sein Kaffee war eine französische Röstung und richtig heiß, und die Frau heute Abend blond und noch heißer. In den vergangenen Wochen hatte er mal mehr, mal weniger unschuldig mit seiner attraktiven Nachbarin geflirtet. Letzten Samstag in der Spelunke neben seiner Autowerkstatt hatte sie schließlich angedeutet, dass Sex zwischen ihnen praktisch eine ausgemachte Sache war. Und das war auch gut so, denn das letzte Mal war für ihn eine Weile her.

Nach einem Schluck von seiner zweiten Tasse Kaffee wurde der gemütliche Rest des Tages jedoch von einem verzweifelten Anruf seiner Schwester Erin torpediert. Ihr Mann musste unvorhergesehen geschäftlich verreisen, und wie üblich sollte Mike ihr jetzt einen Gefallen tun. Er versuchte immer wieder mal, ihr etwas abzuschlagen, tat sich damit aber seit jeher schwer. Das erklärte, warum er eine halbe Stunde später auf einen kleinen gelben Bungalow zuging, Hand in Hand mit seiner sechsjährigen Nichte Bailey.

Das Grundstück wirkte penibel gepflegt. Ein Natursteinpflaster führte zur Veranda, und am Weg blühten kleine rosa Blumen. Alles an dem Haus schrie Märchenidylle. Nicht besonders ungewöhnlich für ein hübsches Städtchen wie Preston, Missouri, aber ziemlich einschüchternd für einen Kerl, der momentan in einer Art Lagerhalle hauste. Es war natürlich praktisch, direkt in seiner Werkstatt zu wohnen, aber das hier wirkte doch um einiges gemütlicher.

Das Geländer der Veranda war mit einer bunten Girlande und die Tür mit einem riesigen Strauß Luftballons in Blau und Rosa geschmückt. Die Party war nicht zu verfehlen.

»Das ist so hübsch!« Bailey hüpfte aufgeregt. »Findest du nicht, Onkel Mike?«

»Aber klar doch, Boo.« In Wahrheit fand er es für einen Kindergeburtstag ein bisschen übertrieben, aber was wusste er schon.

Neben der Haustür stand eine Staffelei mit einer selbst gemachten Kreidetafel, auch ganz in Rosa und Blau. Bailey las langsam und laut die Worte vor.

»Die … Parrrty ist … in vollleeeem Gannngee, wääählee dein Kost…« Es folgte eine lange Pause. Mike schob sich das lila Geschenkpäckchen unter den anderen Arm und befand, dass ihm seine Schwester wirklich mal erklären musste, was sie unter einem »kleinen Gefallen« verstand. Zu ihrem Glück vergötterte Mike seine Nichte, also bemühte er sich, seine Ungeduld zu ignorieren und die Vereitelung seines Plans, vor seinem Rendezvous mit Katie noch ein Nickerchen zu halten, nicht allzu schwerzunehmen.

»Wähle dein Kostü…«, half er weiter, dachte dabei aber an das verschlissene Sofa in seinem Büro, das nach ihm rief.

»Du sollst mir nicht helfen, Onkel Mike. Mama lässt es mich immer zuerst selbst lesen.« Sie stemmte eine kleine Faust in die Hüfte. Das hitzige Gemüt hatte sie von ihrer Mutter geerbt.

Unwillkürlich musste er schmunzeln. »Tut mir leid, Boo, du machst das toll.«

»Wääähle dein Kostüm … damit du … bleiben kannst.« Bailey drehte sich strahlend zu Mike um, worauf er sie stolz angrinste. Sie war momentan seine Lieblingsperson, und mit diesem süßen Gesicht konnte sie ihn zu fast allem bewegen. Sogar dazu, die Kiste unter der Tafel zu durchwühlen, die mit rosa, rosa und glitzernd rosa Accessoires gefüllt war. Auf dem Boden breiteten sich Plastikbrillen, Diademe, Federboas und Ballettröckchen aus, während er seiner Nichte beim Auswählen half.

Gerade als er Bailey den letzten Schliff verpasste – eine Kette aus lächerlich großen rosa Perlen –, schwang die Haustür auf, und fröhlicher Kinderlärm drang aus dem hinteren Teil des Hauses.

»Bailey!« Eine kleine Freundin warf sich in die Arme seiner Nichte. Ihr blondes Haar war über den Ohren zu kleinen Knoten frisiert. Im nächsten Moment riss sie Mike das Päckchen aus der Hand. »Ooh, mein Geschenk.«

Kinder.

»Entschuldigen Sie. Claire ist ein wenig überdreht«, sagte eine sanfte Stimme, während Bailey nach drinnen gezogen wurde.

Mike sah auf und erstarrte. In der Tür stand eine hinreißende Blondine. Er hätte nicht vermutet, auf dieser Kinderfeier eine attraktive Frau anzutreffen, aber er würde sich darüber bestimmt nicht beschweren. Ihr Willkommenslächeln ließ nach, und ihr Blick wanderte an ihm hinab bis zu den Füßen. Dabei fiel ihm ein, dass er mit einer rosa Federboa um die Knöchel vor ihr stand wie ein Idiot. Er bückte sich danach und steckte sie in die Kiste zurück.

»Möchten Sie reinkommen?«, fragte sie, und er sah, wie sie sich das Lachen verkniff.

Er zögerte. Sollte er etwa? Erin hatte ihn lediglich gebeten, Bailey abzusetzen. Sie hatte sogar ausdrücklich gesagt, es gebe für ihn keinen Grund zu bleiben, wie er sich erinnerte. Aber plötzlich wollte er es. Nur für ein, zwei Minuten. Er musste zugeben, das rosa Ambiente und das Mädchengekreische waren ein starkes Männerabschreckmittel, sie dagegen eher ein Magnet.

»Sie müssen nicht. Sie können auch einfach um drei wiederkommen.« Auf sein offensichtliches Zögern machte sie Anstalten, sich ins Haus zurückzuziehen. Er legte einen Arm an den Türrahmen, um ihr anzuzeigen, dass sie die Tür nicht schließen sollte.

»Vielleicht ganz kurz. Um sicherzugehen, dass Bailey klarkommt«, sagte er. Ihr war anzusehen, dass sie das für Blödsinn hielt. Man musste nur ein paar Augenblicke mit Bailey verbringen und wusste schon, dass sie mit jedem Fremden und jeder Situation fertigwerden konnte, sehr zum Missfallen ihres überfürsorglichen Onkels.

»Okay, dann kommen Sie mal rein. Sie sind sehr tapfer. Von den anderen Vätern sind einige quasi davongerannt.« Sie lachte. Es klang echt und total sexy. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihn ein Lachen schon mal so angemacht hatte, und ihres … haute ihn einfach um.

Er betrat das Haus und wurde von einem blumigen Geruch empfangen, den er irgendwoher kannte. Auf zwei bequem wirkenden Sofas stapelten sich leuchtend rote und blaue Kissen praktisch bis zur Decke. Verdammt, er hätte nichts dagegen, hier und jetzt sein Nickerchen zu halten, aber nein, die schöne Gastgeberin war verlockender, und während sie ihn durch das Haus führte, bewunderte er jeden Zentimeter von ihr.

Sie hatte Kurven – eine schöne Taille und einen runden Hintern. Einen Körper, den die meisten Frauen idiotischerweise für verbesserungswürdig hielten, Kerle jedoch genau richtig fanden. In der Küche drehte sie sich zu ihm um und meinte, dass die Väter, die abgehauen waren, etwas verpassten, und er nickte, wobei er sich alle Mühe gab, sie nicht allzu auffällig zu begutachten.

Ihr rosa Kleid saß wie angegossen, und an ihrer wohlgeformten Brust prangte eine weiße Blume. War das ein Anstecksträußchen wie für einen Abschlussball? Oder ein x-beliebiges Accessoire? Er wusste es nicht, aber es war ihm auch egal, weil es seinen Blick direkt zu ihrem Ausschnitt lenkte. Sie hatte endlos lange, gebräunte Beine, und ihre rosa Sandalen waren ebenfalls mit Blüten besetzt. Mann, was hatte es mit diesen Blumen auf sich? Wieso fand er die plötzlich heiß? Sie nahm etwas vom Tisch, und er entdeckte eine weitere Blüte am Gummi ihres Pferdeschwanzes. Sie war sehr sorgfältig frisiert. Im nächsten Moment wurde ihm klar, was sie gesagt hatte und was sie annahm.

»Oh, ich bin nicht Baileys Vater. Ich bin Onkel Mike.« Ich bin Onkel Mike? Ja, und ganz offensichtlich ein Idiot. Bestimmt würde sie ihm gleich ihren Mann vorstellen, eine lebende Ken-Puppe, die wahrscheinlich einen Sportwagen fuhr, Sushi mochte und der ideale Vater war. Hoffentlich sieht mir keiner an, dass ich sie mir gerade nur mit ein paar Blüten bekleidet vorgestellt habe. Er musste sich zusammenreißen.

»Entschuldigen Sie. Ich habe es einfach angenommen. Aber schön, Sie kennenzulernen. Ich bin Anne Edmond, Claires Mutter. Wie man sich denken kann.« Sie öffnete die Fliegengittertür, die in den Garten führte, und hielt kurz inne, um über die Schulter zu schauen. Aus der Nähe wirkten ihre Augen strahlend blau. Sie sagte etwas, und ihre Lippen zogen seinen Blick an. Ihre Stimme senkte sich zu einem verschwörerischen Flüstern, das bestimmt nicht verführerisch gemeint war, aber einen gewissen Teil seines Körpers in einen Zustand versetzte, der problematisch werden konnte. »Sie machen sich jetzt besser auf was gefasst, Onkel Mike

Er betrat die Terrasse und damit einen Klein-Mädchen-Traum, der sich dankenswerterweise als sofortiges Heilmittel für das wachsende Problem in seiner Hose erwies. Er wusste jetzt, warum die anderen Väter abgehauen waren. Der Garten selbst war ansprechend gestaltet, was er würdigen konnte, doch die Partydeko war heillos übertrieben. Er wusste gar nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Überall bunter Schnickschnack.

An den Balken der Terrassenüberdachung hingen riesige Papierblumen in Rosa und Blau. Die Geschenke standen in einem alten, weiß lackierten Bollerwagen, die Bäume im Garten waren mit rosa Lichterketten behängt, und selbst der Rasen war mit gestreiften Windrädchen gesprenkelt. Alles wirkte aufeinander abgestimmt und als wäre es eigens für diesen Tag gebastelt worden.

Auf dem Büfett standen mehrere Etageren mit rosa und blauen Cupcakes, Schüsseln mit bunten Süßigkeiten, und in einem Zinkbottich warteten Tüten mit den Namen der Gäste darauf. Ernsthaft? Er hatte schon Hochzeiten erlebt, die mit weniger ausgekommen waren.

Die kleinen Mädchen wechselten sich damit ab, eine blumenförmige Piñata mit einem Stock zu bearbeiten, und ein lautes Schlaggeräusch holte ihn aus seinen Gedanken. Sowie er nicht mehr fassungslos in den Garten starrte, bemerkte er, dass ihn vier auf dem Rasen stehende Frauen beobachteten. Das waren offensichtlich die anderen Mütter. Verdammt. Warum hatte er sich entschieden zu bleiben? Dieser Kindergeburtstag lag völlig außerhalb seiner Welt. War es zu spät, um noch abzuhauen?

Jemand tippte ihm auf die Schulter. »Ich habe hier ein Erwachsenengetränk für Sie.«

Anne sagte es mit einem Augenzwinkern, das ihm eine Menge Erwachsenengedanken bescherte, bis er auf ihre ausgestreckte Hand blickte. Der Drink kam … in einem Einmachglas? Seine Großmutter hätte solche für Gurken, Okraschoten oder Tomatensauce benutzt. Doch dieses war mit einer leuchtend rosa Flüssigkeit gefüllt, in der ein blau-weiß-gestreifter Strohhalm steckte. Oh Mann, was tat er hier eigentlich?

Auf jeden Fall rosa Limonade aus einem Einmachglas trinken, denn die Gastgeberin wartete auf seinen ersten Schluck. Er schob den Strohhalm beiseite. »Ich bin nicht der Strohhalmtyp.«

»Oh … natürlich.«

Langsam hob er das Glas. Sein Blick war auf ihr Gesicht, ihr Blick auf seinen Mund geheftet, was ihn wünschen ließ, er hätte sich an diesem Morgen rasiert. Das Zeug schmeckte annehmbar, vielleicht ein bisschen zu süß für seinen Geschmack, aber hier mit ihr zu stehen war es wert, ein Mädchengetränk herunterzukippen. Er lächelte. »Sehr gut. Vielen Dank.«

»Ist ein Schuss Champagner drin. Es ist natürlich eine Kinderfeier, aber die Erwachsenen wollen auch ein wenig Spaß haben.«

»Ich bin beeindruckt. Sie haben an alles gedacht.« Er meinte es ernst. Die Kinderparty war beeindruckend.

Zufrieden legte sie eine Hand auf seinen Oberarm. Die unschuldige und doch vertrauliche Geste überraschte ihn. Als er hinsah, bemerkte er, dass ihre Nägel rosa und an den Spitzen blau lackiert waren – mit den Farbtönen der Party – und dass sich ihre Hand warm anfühlte. Instinktiv spannte er die Muskeln an und fühlte sich sofort wie der größte Mistkerl. Mit leichtem Druck lenkte sie ihn zu den Frauen auf dem Rasen. Er hatte eigentlich keine große Lust, sich zu den Mamis zu gesellen, aber solange sie ihre Hand an ihm hatte, würde er ihr folgen. Er sollte irgendwas mit ihr reden, um sie von den anderen abzulenken.

»Ihre Nägel sind rosa und blau. Passend zum Rest. Ein guter Einfall.«

»Eigentlich Himbeer und Aqua, aber …« Sie stockte und nahm ihre Hand weg. »Du meine Güte, Sie halten mich bestimmt für albern, aber das ist einfach … keine Ahnung, mein Ding

Sie zuckte mit den Schultern, legte den Kopf schief und strahlte ihn an. Mit diesem Lächeln würde sie einen Mann für jedes Hobby begeistern können. Er grinste zurück und schaute dabei auf ihre aufregend vollen Lippen. »Nein, das ist überhaupt nicht albern. Mir gefällt … Ihr Ding

Mann, er war ja so ein Arschloch. Da flirtete er mit einer Mutter und Ehefrau auf dem Geburtstag ihrer Tochter. Er sollte gehen. Aber das Funkeln in ihren Augen und ihr Gesichtsausdruck verrieten ihm, dass sie nicht ganz abgeneigt war, und sein Körper reagierte. Er spannte sich von Kopf bis Fuß an. Sie schien überhaupt nichts dagegen zu haben. Er hatte in seinem Leben eine Menge Dinge getan, auf die er nicht besonders stolz war, Ehebruch gehörte jedoch nicht dazu. Er würde jetzt dieses klebrige Zeug austrinken, von hier verschwinden und erst um Punkt drei zurückkommen, genau so, wie Erin gesagt hatte. Er hatte genug Geschichten über gelangweilte Vorstadthausfrauen gehört, und es war nicht seine Art, sich für Seitensprünge herzugeben.

»Ich möchte Sie gern den anderen vorstellen.« Sie gab ihm keine Gelegenheit, abzulehnen, also ging er mit ihr zu den Frauen, die schon vor Neugier brannten und sich sehr auffällig bemüht hatten, die Unterhaltung zwischen ihnen nicht zu belauschen. Wenn er eines über Frauen wusste, dann, dass ihnen niemals etwas entging.

Anne stellte ihm die vier vor und zeigte auf das jeweils zugehörige Kind. Er würde das gleich wieder vergessen haben, und es war ihm auch total egal. Denn er konnte nicht aufhören, Anne anzusehen, während sie mit den anderen redete und lachte. Ihre großen blauen Augen strahlten. Sie war hinreißend.

Alles an ihr wirkte mühelos und anmutig. Sie konnte ihn glatt dazu bringen, eine Mutter und Ehefrau in seinem Leben haben zu wollen. Eine interessante Entdeckung für einen neunundzwanzigjährigen Junggesellen, der zwar vorhatte, eines Tages zu heiraten, es aber bisher nie ernsthaft ins Auge gefasst hatte. Normalerweise war sein nächstes Bier, der nächste Restaurierungsauftrag und die nächste Sexpartnerin das Einzige auf seiner Tagesordnung. Aber Anne ließ dieses ganze Vorstadtidyll erstrebenswert erscheinen.

Wie nett wäre es, auf einem Sofa mit passenden Kissen zu liegen statt auf einer Couch, die nach verschüttetem Bier stank? Annes Haus war warm und gemütlich, perfekt für Nickerchen und andere schöne Aktivitäten. Er hatte verheiratete Freunde, und sie kamen ihm durchaus glücklich vor, aber beneidet hatte er sie nie. Anne war Betty Crocker, Martha Stewart und Pin-up-Girl in einem, verpackt in gestreiftes aquablaues Geschenkpapier mit einer himbeerroten Blume darauf. Welcher Mann fände das nicht anziehend?

All diese Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, während er geistesabwesend zusah, wie eine überwältigende Menge Geschenke ausgepackt, Spiele gespielt und Cupcakes gegessen wurden. Es gelang ihm sogar, mehreren unangenehmen Gesprächen mit den neugierigen Mamis aus dem Weg zu gehen. Er versuchte ihre Stimmen auszublenden, während sie über Lehrer, Elternzeit und Annes »Tablescaping« plauderten. Was zum Teufel sollte das überhaupt heißen? Er hatte das Wort noch nie gehört, vermutete aber, dass es etwas mit der Dekoration zu tun hatte.

Bei einem Blick auf seine Uhr stellte er fest, dass es bereits Viertel nach zwei war und es keinen Sinn hatte, jetzt noch zu gehen und um drei wiederzukommen. Außerdem machte es ihn glücklich, Bailey lachen zu sehen, auch wenn ihm das kollektive »Oh-oh« der Frauen, jedes Mal wenn sie ihn »Onkel Mike« nannte, ein wenig auf die Nerven ging.

Außerdem störte es ihn, dass sie über ihre Gastgeberin redeten, sobald sie mal ins Haus verschwand, wie jetzt, wo sie einen Mülleimerbeutel für das Geschenkpapier und die Pappteller holen ging.

»Ich habe wirklich keine Ahnung, wie sie das alles schafft. Habt ihr das Zickzackmuster auf den Präsenttüten für die Kinder gesehen? Alles handgemacht. Ich bin froh, wenn ich es schaffe, im Supermarkt rechtzeitig eine Torte zu bestellen.« Die Sprecherin nahm einen großen Schluck von ihrem Einmachglas, während die anderen Damen zustimmend nickten.

»Wenn Ellen denkt, dass sie auch so eine Party bekommt, hat sie sich aber geschnitten«, meinte eine andere Frau. »Habt ihr die Fotos auf Annes Webseite gesehen? Es ist unfassbar, was manche Leute dafür zu zahlen bereit sind.«

»Absolut«, bekräftigte die erste. »Auf Pinterest teile ich so was gerne, aber ich würde solchen Aufwand garantiert niemals selbst betreiben.«

Was Mikes Gesprächsbeteiligung anbetraf, hätten diese Frauen ebenso gut in einer Fremdsprache reden können, und ihr abfälliger Tonfall verärgerte ihn immer mehr. Warum? Er hatte keine Ahnung, für ihn waren sie jedenfalls bloß neidische Weiber. Wenn er sah, was Anne für ihre Tochter getan hatte, empfand er Respekt und Bewunderung, aber er war eben keine Frau, und wie jeder Mann wusste, konnten Frauen ein bisschen verrückt sein. Eine der Bemerkungen machte ihn allerdings neugierig, wahrscheinlich zu neugierig, aber er wollte mehr wissen. Er neigte sich zu der Frau, die neben ihm stand, worauf sie breit lächelnd den Kopf drehte.

»Anne hat eine Webseite?«, fragte er.

»Oh ja.« Ihre Augen leuchteten auf. »Sie betreibt mit zwei Freundinnen einen wirklich tollen Blog. Mein Perfektes Kleines Leben heißt er. Da berichtet sie über sämtliche Partys, die sie ausstattet. Und zwei ihrer Freundinnen schreiben über andere Themen. Es geht um dieses ganze total verrückte kreative Zeug, das jeder machen würde, wenn er bloß Zeit dazu hätte, wissen Sie, was ich meine?«

Er wusste es nicht, aber er nickte und täuschte Begeisterung vor. »Das klingt interessant.«

»Ja, wirklich, es ist total interessant, Sie sollten mal … na ja, ich weiß nicht, ob es einem Mann wie Ihnen gefallen würde, aber Sie würden bestimmt ein paar tolle Anregungen für Bailey finden.«

Er überlegte gerade, was sie mit »einem Mann wie ihm« meinte, als Anne mit einem neuen Gast zurückkehrte, einer süßen Blondine in Jeans und einem rosa T-Shirt. Sie hatte ihre Locken zu einem unordentlichen Knoten gebunden, und an ihrem Oberteil klebte Mehl und etwas Braunes, das hoffentlich nur Schokolade war. Als sie näher kamen, konnte er lesen, was auf dem T-Shirt stand: Callies Konfekt. Er war sich ziemlich sicher, den Namen von einer Ladenmarkise auf der Main Street zu kennen.

Die anderen Mütter begannen sofort, die Cupcakes und Cakepops zu loben, als ob sie nicht gerade noch über die Gastgeberin gelästert hätten. Selbst ihr Tonfall hatte sich verändert. Konnten sich alle Frauen so gut verstellen? Er hatte von solchem Verhalten gehört, aber es persönlich mitzuerleben war echt verrückt.

Während er zu Anne sah, griff sie an ihre Halskette und spielte damit, und dabei fiel ihm etwas auf: Sie trug keinen Ehering. Hm. Das war jetzt interessant. Der Gedanke, dass sie Single war, ließ alles in anderem Licht erscheinen. All das Rosa und – nein, all das Himbeer und Aqua wirkte mit einem Mal viel ansprechender. Ganz zu schweigen davon, dass ihm das Schuldgefühl wegen eines potenziellen Ehebruchs von den Schultern genommen war und sich viele neue Möglichkeiten auftaten. Sie bemerkte seinen Blick und schenkte ihm ein kleines Lächeln, bevor sie wegsah. Wie lange war es her, dass ihm allein das Lächeln einer Frau einen Ständer zu verpassen drohte?

Weiter hinten im Garten entdeckte er einen Grill, und schon sah er sich dort das Abendessen machen und danach mit ihr an einem Sommerabend im Garten sitzen, ein eiskaltes … Einmachglas in der Hand. Verdammt, er musste damit aufhören. Diese Frau und ihr Lebensstil, der direkt aus einem Einrichtungsmagazin zu stammen schien, benebelten seinen Verstand. Sie war atemberaubend schön und elegant, und anstatt daran zu denken, wie erregend sie ohne dieses Kleid wäre, stellte er sich ein Leben vor, das mehr bot als kaltes Bier und heiße Verabredungen, und sah sich in einem Zuhause mit einer Familie. Die Art, wie Anne dafür sorgte, dass alles und jeder zu etwas Besonderem wurde – verdammt, das war einfach wahnsinnig anziehend.

Dieser Gedanke brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Er selbst war weder elegant noch stilbewusst. Er stand für dreckige Autos, Dreitagebart und Bier aus der Flasche. Kleine Kinder und Partys mit handgemachten Gastgeschenken waren überhaupt nicht seine Welt. Er trug gerade eines seiner besseren T-Shirts und ordentliche Jeans, und dennoch fühlte er sich vollkommen fehl am Platz. Diese Frau war ein guter Fang – so viel war offensichtlich –, aber nicht für jemanden wie ihn bestimmt.

Als die Party ihrem Ende entgegenging, entschuldigte sich Mike vom Tisch und wollte sich gerade Bailey schnappen, um zu gehen, als alle Mädchen ins Haus verschwanden. Er folgte ihnen und sah gerade noch, wie sie die Treppe hinaufrannten. Er hatte nicht vor, in den privateren Bereich einzudringen. Also kehrte er zurück und lief Anne in dem engen Flur zwischen Wohnzimmer und Küche direkt in die Arme. Sie blieben stehen, sehr nah beieinander. An ihrem Ausschnitt und ihren Schläfen hatte sich ein leichter Schweißfilm gebildet. Er bemerkte den blumigen Duft nun auch an ihr selbst.

»Hey, das war eine wirklich nette Party, Anne. Bailey hatte viel Spaß«, sagte er.

»Danke, dass Sie sie hergebracht haben. Bailey und Claire sind seit diesem Schuljahr beste Freundinnen. Ich meine auch, dass die Party gut gelaufen ist.« Sie wirkte über seine Bemerkung aufrichtig erfreut, was bei ihm ein paar unanständige Fantasien auslöste, für die er sich gerne bei ihr revanchieren würde. Er atmete tief durch und bemühte sich, seinen primitiveren Trieben standzuhalten und nicht noch näher an sie heranzutreten. Es drängte ihn, sie um eine Verabredung zu bitten, sie durch irgendeine Bemerkung wissen zu lassen, dass er auf sie stand.

Nein, er hatte sich bereits dagegen entschieden. Ganz abgesehen davon, dass ihn seine Schwester umbringen würde, wenn er eine Mutter von Baileys Freundinnen flachlegte. Als ob Anne überhaupt der Typ für so etwas wäre. Nein, sie war die Art Frau, mit der man Liebe machte. Jeden Augenblick erwartete er, dass sie sich umdrehen und ein wenig Abstand zwischen sie beide bringen würde, stattdessen überraschte sie ihn, indem sie ein wenig näher kam. »Ich … hab Ihnen Kuchen eingepackt.«

Da erst sah er die rosa Schachtel mit dem Logo von Callies Konfekt in ihren Händen. Er zog eine Augenbraue in die Höhe, und sofort wirkte sie verlegen. »Nun ja, es waren so viele Cupcakes übrig … und das Letzte, was ich in diesem Haus brauche, ist noch mehr Süßkram.«

Sie biss sich auf die Unterlippe und kräuselte ihre Nase. Es war die hinreißendste nervöse Angewohnheit, die er je gesehen hatte. Er war sicher, dass sie mit ihm zu flirten versuchte und ihm deshalb die Cupcakes mitgab. Den Frauen hatte sie keine angeboten. Zumindest glaubte er das. In diesem Moment wollte er sie nur noch von ihrer Verlegenheit befreien und ihr versichern, dass er es nicht nur begrüßte, wenn sie mit ihm flirtete, sondern dass es ihn auch total anmachte.

»Sie sind perfekt. Ich finde, Sie sollten so viel Süßes essen, wie Sie wollen.« Er kam ein wenig näher und legte seine Finger auf ihre Hand mit der Schachtel. Sie schnappte leicht nach Luft und er wurde kühner. Dabei ignorierte er den Einwurf seines Verstandes, dass das alles keine gute Idee sei. Doch Anne biss sich erneut auf die Unterlippe, und der Anblick sandte unangebrachte Signale durch seinen ganzen Körper. Ach, scheiß drauf. »Und vielen Dank, ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben, köstlich ist«, murmelte er.

Sie riss schockiert den Mund auf, und er fragte sich, ob er etwas falsch gedeutet hatte und zu weit gegangen war. Manche Frauen waren bloß darauf aus, den Mann im Raum zu füttern. Aber dann wurde ihr Gesichtsausdruck weich. Ihr Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln, und Mike entspannte sich wieder. Sie spielte so weit über seiner Liga und für die Rolle des perfekten Stiefvaters wäre er sowieso eine Fehlbesetzung. Zumindest hoffte er das. Also was war ihre Motivation? Vielleicht war sie ja doch an Spaß interessiert.

»Wissen Sie.« Sie neigte den Kopf zur Seite und senkte die Stimme. »Claire und ich wollten in etwa einer Stunde zum Settlers Park … Sie können gerne mit Bailey dazukommen, wenn Sie möchten. Ich meine, weil die Mädchen beste Freundinnen sind und heute bestimmt noch gern zusammen spielen möchten …«

»Oh, Anne, das würde ich liebend gerne, aber …« Mist, es gab nichts, was er lieber tun würde, als mit Anne in den Park zu gehen, was ihn fast so sehr überraschte wie die Tatsache, dass sie ihn fragte. Aber er war mit Katie verabredet. Und er brachte es nicht einmal über sich, Anne das zu sagen. »Ich kann nicht.«

»Ja, natürlich. Entschuldigen Sie, war eine dumme Idee, so kurzfristig zu fragen …« Wieder machte sie diese süße zerknirschte Miene, und es tat ihm furchtbar leid, sie in diese Situation gebracht zu haben. Es wäre schade, wenn sie bereute, diesen Schritt gewagt zu haben. Zum Teufel, sie war sehr mutig gewesen, aber warum hatte sie ausgerechnet heute vorschlagen müssen? »Es ist Samstag, da haben Sie wahrscheinlich … und Sie gehen bestimmt gar nicht in Parks. Macht nichts, die Mädchen sehen sich ja dann in der Schule oder beim Turnunterricht oder … irgendwo.«

»Onkel Mike hat heute Abend eine heiße Verabredung. Das hat er mir selbst gesagt.« Bailey kam die Treppe heruntergehüpft, und jeder Sprung auf das knarzige alte Holz klang wie das Wummern seines Herzens, als er sah, wie sich in Annes Gesicht erst Erkenntnis und dann Scham abmalte.

»Oh … freut mich für Sie. Es ist so ein schöner Tag. Perfekt für eine … eine Verabredung.« Anne klang aufgeregt und übertrieben fröhlich, was die Situation noch unangenehmer machte.

»Es tut mir leid …«, begann er.

»Ach herrje, nicht doch.« Sie hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und lächelte. »Dafür gibt es überhaupt keinen Grund, lassen Sie mich kurz … ähm. Lassen Sie mich schnell Baileys Präsenttüte holen, damit Sie aufbrechen können.«

Mit wehendem Rock stürmte sie davon. Er sah, wie sie sich die Schläfe rieb, als sei sie aufgebracht oder peinlich berührt, und ärgerte sich, weil die Situation so schnell umgeschlagen war. Es war nur ein erster Eindruck, aber er nahm an, dass Anne Edmond nur selten den ersten Schritt machte. Nach diesem Erlebnis würde sie es wohl eine ganze Weile lang bleiben lassen.

Andererseits machte es ihr ja vielleicht gar nichts aus. Verdammt, bei einem gewöhnlichen Arbeitertypen, der zum ersten Mal auf der Geburtstagsfeier ihrer Tochter aufkreuzte, war sie ja bestimmt nicht auf etwas Ernstes aus. Wahrscheinlich hatte sie es für ungefährlich gehalten, mit ihm zu flirten, und hatte ihre Wirkung ein wenig testen wollen, bevor sie sich an jemanden aus ihrer Liga wagte, jemanden, mit dem sie in diesem hübschen Haus eine Familie gründen könnte. Er hatte ohnehin kein Recht, über mehr Zeit mit Anne nachzudenken, weil sie vollkommen unterschiedlich waren und sie den Sushi-liebenden Vorzeigemann mit Krawatte brauchte. So ein Mann war Mike nicht. Nein, er war der Mann, der Ölflecken auf ihre farblich passenden Kissen machen würde. Langfristig waren sie einfach nicht füreinander bestimmt, und das hatte er schon in dem Augenblick gewusst, als sie an die Haustür gekommen war.

Er hatte seine Aufgabe erfüllt, war für Erin eingesprungen, hatte einen Tag lang den Vater ersetzt, und nun war es Zeit, wieder zu seinem eigenen Leben zurückzukehren, ganz ohne Himbeer, Aqua und Partyschnickschnack. Er hatte eine Verabredung mit Katie und war sich ziemlich sicher, dass deren Hobbys … nicht nur was fürs Auge waren. Und genau das brauchte er jetzt, um sich Anne Edmond aus dem Kopf zu schlagen.

2

Die letzten Gäste waren endlich gegangen. Claire war oben und nahm ihre Beute unter die Lupe. Anne gesellte sich in der Küche zu Callie, die an der großen Landhausspüle die Etageren abwusch, die sie für die Cupcakes benutzt hatte. Sie dankte dem Himmel für Freunde, die ungefragt beim Aufräumen halfen. Anne wusste nicht, was sie ohne Callie und auch Lindsey getan hätte. Nicht nur, dass beide kreative Genies waren, die zum Erfolg ihres Blogs beitrugen. Sie waren auch für Annes persönliches Glück unerlässlich geworden, wirklich die besten Freundinnen, die sie jemals gehabt hatte, und immer zur Stelle, um ihr Mut zuzusprechen, wenn es nötig war. So wie jetzt.

»Callie, ich glaube, ich muss mich übergeben.« Anne hielt sich den Bauch und ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. Es war an der Zeit, die Formunterwäsche aus- und ihre Yogahose anzuziehen. Aber zuerst musste sie sich in der Peinlichkeit suhlen, die sie gerade dank ihrer eigenen Blödheit erlitten hatte.

»Was ist denn los?« Callie tupfte eine Kuchenplatte aus Milchglas mit einem Trockentuch ab. »Alles sah unglaublich aus, und dieser Vater mit seinen Muskeln war ja wohl eine nette Beigabe zum Fest. Hast du seinen Hintern in diesen Jeans gesehen? Wenn du den in deinem Partypaket mit anbietest, wirst du bis ins nächste Jahrtausend ausgebucht sein.«

Anne unterdrückte ein Stöhnen. Warum war er geblieben? Wenn er sich wie jeder andere normale Kerl direkt wieder abgesetzt hätte, wäre jetzt alles in Ordnung. Aber er war geblieben. Das allerdings ungeplant, da war sie sich ziemlich sicher. Und darum dachte sie, er sei … vielleicht an ihr interessiert. An ihr. Er hatte diese Bemerkung über ihr Ding gemacht – war sie wirklich so alt und realitätsfremd, dass sie eine harmlose Bemerkung für einen Flirt hielt? Aber sie hatte seinen Tonfall noch im Ohr und hätte schwören können, dass er es zweideutig gemeint hatte. Aber das war verrückt. Sie war zweiunddreißig, eine alleinerziehende Mutter und ihre Figur jenseits von kurvig.

»Ich hab etwas total Dämliches gemacht. Ich möchte es am liebsten gar nicht erzählen.« Anne ließ den Kopf in die Hände sinken.

»Also hast du Kelly Hobbs endlich beigebogen, dass sie keine Skinny Jeans tragen sollte«, folgerte Callie. Anne sah ruckartig auf.

»Oh mein Gott, ja, oder? Keine Frau, die fünf Kinder zur Welt gebracht hat, sollte Skinny Jeans tragen, besonders keine gelben. Ich glaube, sie kauft sie sich in sämtlichen Farben. Aber nein, nein, nein, nein, nein.« Anne wedelte mit den Händen. »Es ist schlimmer, viel schlimmer, und es hat mit dem heißen Typen zu tun. Er ist übrigens nicht Baileys Vater, sondern Onkel Mike.«

Sie schielte zu Callie, die beim Abtrocknen innegehalten hatte. Mit großen Augen und einem Schmunzeln sah sie Anne an.

»Onkel Mike, was? Das ist irgendwie scharf.« Callie ging um die Kücheninsel herum und gesellte sich zu Anne an den Esstisch. »Was hast du getan?«

»Ich hab ihm Kuchen gegeben.« Anne stöhnte gequält auf. Sie griff unter ihr Kleid, kämpfte einen Moment mit ihrer Unterwäsche und zog erleichtert das Formhöschen herunter. Callie ignorierte das alles auf eine liebevoll vertraute Art. Anne warf die Hose auf den nächsten Stuhl und lehnte sich erleichtert zurück.

»Na ja, Schatz, den anderen doch auch. Das war eine … Rudelfütterung«, sagte Callie.

»Nein, ich habe ihm eine deiner schicken kleinen Schachteln voll mit Cakepops und einem Cupcake gegeben. Außerhalb der Rudelfütterung, für daheim.«

»Oh wow, also eine persönliche Fütterung. Ich meine, nicht so persönlich, als hättest du ihm den Cupcake hingehalten, damit er abbeißt. Aber ziemlich exklusiv. Ein Angebot nach dem Motto: ›Ich will, dass du heute Abend an dieser Buttercreme leckst und dabei an mich denkst.‹ Übrigens ist meine Buttercreme fantastisch, also guter Schachzug.«

»Oh nein, du hast recht! Gott, ich bin so bescheuert. Und er hat so etwas Ähnliches gesagt.«

»Ehrlich? Was genau hat er denn gesagt?«

Anne machte ein gequältes Gesicht, als sie sich an den Wortlaut erinnerte. »Er sagte: ›Ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben, köstlich ist.‹«

Callie riss Augen und Mund auf. »Machst du Witze? Warte, wie hat er es gesagt? War es: ›Ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben, köstlich ist.‹ Oder war es: ›Ich bin sicher, dass alles, was Sie anzubieten haben … köstlich ist.‹ Da besteht ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied.«

»Keine Ahnung, es gab eine Pause davor und …«

»Hat er dich dabei schmachtend angesehen?« Callie saß jetzt praktisch auf dem Rand ihres Stuhls und gab ihre Version eines schmachtenden Blicks zum Besten. Leider kannte sie noch nicht den Schluss der Geschichte, weil es ab da so total schiefgelaufen war.

»Vielleicht, ich meine, ich dachte, da wäre etwas, aber du weißt das Schlimmste ja noch nicht. Ich habe ihn gefragt … ob er nachher mit uns in den Park gehen will.« Anne warf verzweifelt die Hände in die Luft. Ihr idiotisches Verhalten war unentschuldbar und unglaublich peinlich. Normalerweise fragte sie Männer allerhöchstens, ob sie nach der teuren Kinderparty einen Scheck ausstellten. Und er hatte abgelehnt, mit einem mitleidigen Blick in seinem attraktiven, stoppelbärtigen Gesicht. Wer hätte gedacht, dass ein unrasiertes Kinn so anziehend wirken konnte? Mehr als alles andere hatte sie diesen Stoppelbart auf ihrer Haut spüren wollen. Aber das würde bestimmt nicht passieren. Mist.

»In den Park? Das ist nicht der heißeste Vorschlag. Ach Schatz, was hast du dir nur dabei gedacht?« Callies ungläubiger, mitleidsvoller Ton war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Anne lehnte sich vor und wurde zunehmend hysterisch. »Ja, ich weiß! Ich bin so ein Idiot. Ein muskulöser junger – wahrscheinlich viel zu junger – total sexy aussehender Typ kommt zu meiner Party, und ich frage ihn, ob er … mit mir und meinem Kind in den verdammten Park mitkommen will. Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?«

Den letzten Teil flüsterte sie nur, da sie nicht wollte, dass Claire sie fluchen hörte. Anne fluchte höchst selten – normalerweise nur, wenn sie von ihrem Ex sprach oder in sehr drastischen oder traumatischen Situationen. Diese war eindeutig traumatisch. Sie versuchte, nicht an seine zerzausten dunklen Haare und den harten Bizeps zu denken. Oder an seine tief sitzende Jeans, die bei ihr die Assoziation weckte, er wäre gerade erst aus seinem großen maskulinen Bett gesprungen und hätte sie sich hastig übergestreift. Er war so sexy wie ein Filmstar, gebaut wie ein Athlet, und das dunkle Blau seiner Augen hatte sie magisch angezogen. Wie war sie bloß auf die Idee gekommen, er könnte zu einem so dämlichen Vorschlag Ja sagen?

»So jung sah er gar nicht aus, aber da wir diese Unterhaltung haben, nehme ich an, dass er Nein gesagt hat.«

»Natürlich hat er Nein gesagt, Cal. Sieh mich an! Ich bin eine mollige Mutti, die seine Farbbezeichnungen korrigiert. ›Nein, Mr Schärfster-Typ-der-jemals-mein-Haus-betreten-hat, das ist kein Rosa, sondern Himbeer, und hier ist Ihr Erwachsenengetränk mit einem blöden Strohhalm. Haben Sie übrigens Lust auf ein Spieltreffen im Park?‹« Nun war Anne vollkommen verzweifelt und wütend auf sich selbst. Ein Blick auf ihn hätte eigentlich reichen müssen, um zu kapieren, dass er sich auf keinen Fall für sie interessierte. »Wahrscheinlich findet er mich total lächerlich. Warum musste mir das passieren, Callie, warum?«

»Meine Güte, Anne, sei doch nicht so hart zu dir. Ich bin stolz auf dich, weil du es versucht hast. Es war eine gute Übung. Lass dich nicht entmutigen. Erwähne nächstes Mal nur keine Parks und kleinen Kinder. In Ordnung?« Callie stand auf, um weiter abzutrocknen.

»Danke für die Unterstützung, aber das war echt traumatisch. Ich frage Männer nie, ob sie mit mir ausgehen wollen. Und aus gutem Grund, wie man jetzt sieht. Normalerweise treffe ich ja noch nicht mal welche. Ich plane Partys für Menschen unter achtzehn und habe dadurch mit Ehemännern oder Großvätern zu tun.«

»Hey, sag niemals nie«, erwiderte Callie lachend. Anne warf ihr einen bösen Blick zu. Callie fuhr fort: »Ich nehm dich doch nur auf den Arm. Hör zu, es ist Samstagabend, was bedeutet, dass ich eigentlich große Pläne habe, aber ich glaube, Downton Abbey und meine neueste Flasche Muskateller können noch ein bisschen warten.«

Callie schnappte sich die übrig gebliebene Flasche Champagner, ein Glas und einen Cupcake und stellte sie vor Anne auf den Tisch. »Wie wär’s, wenn du damit nach oben gehst, dir ein Bad einlässt und deine Sorgen ertränkst, während ich mit Claire in den Park gehe. Wird ihr guttun, sich nach den acht neuen Barbies, die sie geschenkt bekommen hat, ein wenig abzureagieren.«

Anne sank auf dem Stuhl zusammen. »Du bist wunderbar!«

»Und du auch. Vielleicht machen wir auch noch einen Zwischenstopp bei Tomatillos für ein ungesundes Abendessen. Wenn ich Downton Abbey schon vernachlässige, dann gleich richtig. Wenn du willst, bringe ich dir ein paar Hähnchentacos mit.«

»Mit extra Käse und Guacamole?«, fragte Anne leise. Sie fühlte sich schon besser.

»Sollst du haben. Dieses Ausmaß an Selbstmitleid erfordert extreme Maßnahmen.«

Anne lächelte schwach, während Callie ihre Handtasche und die Leihartikel zusammensuchte, die sie am Morgen zusammen mit dem Gebäck gebracht hatte. Callie war die Inhaberin von Callies Konfekt auf der kleinen Main Street in Preston, einer trendigen Gegend voller Boutiquen, Restaurants und Antikläden. Außerdem gehörte sie zum Team von Mein Perfektes Kleines Leben. MPKL – wie die drei Frauen es liebevoll nannten – war der Blog, mit dem Anne vor vier Jahren spontan begonnen hatte, nachdem sie für ihre damals zweijährige Tochter eine Geburtstagsfeier organisiert hatte.

Zu der Zeit begann ihre Ehe auseinanderzubrechen, und anstatt das Problem anzugehen, stürzte sich Anne einfach auf die Dinge in ihrem Leben, die sie noch im Griff hatte. Sie dachte, es müsse ja niemand erfahren, dass es zwischen Scott und ihr schlecht lief, besonders wenn sie dafür sorgte, dass der Schein gewahrt blieb. Sie hoffte, die Illusion eines perfekten Lebens könne wieder zur Wirklichkeit werden, wenn sie sie nur beharrlich aufrechterhielt. Anne war in einem Haushalt aufgewachsen, wo sich die Menschen geliebt und geschätzt gefühlt hatten. Daher wollte sie nichts mehr, als ihrer Tochter die gleichen Voraussetzungen zu bieten, ganz egal, was zwischen ihr und Scott passierte. Dazu gehörten auch fantastische Geburtstagspartys, erinnerungswürdige wunderschöne Tage, an denen sich Claire wie eine Prinzessin fühlen sollte.

Die erste große Party, die Anne für Claire organisierte, wurde ein großer Erfolg. Ihre und Scotts Freunde äußerten sich begeistert über ihre Kreativität und ihr Stilgefühl, und sie wollte das Geschaffene für die Ewigkeit festhalten. Noch am gleichen Abend stellte sie die Fotos ins Internet, schrieb ein paar Anleitungen dazu, und der Blog Mein Perfektes Kleines Leben war geboren.

Sie postete Ideen für Partys, Basteleien und das Auffrischen alter Möbel, und nach nur vier Monaten hatte sie bereits tausend Follower erreicht. Kurz darauf wurde der Blog der totale Renner. Unternehmen traten an sie heran und boten an, ihr Produkte kostenlos zu überlassen, wenn sie darüber bloggte, und zahlten sogar für Werbefläche. Zwei Monate später wurde sie von einem Journalisten des Kansas City Star für den Lokalteil interviewt, und danach bot man ihr eine wöchentliche Kolumne in der Sonntagsausgabe an. Doch je erfolgreicher sie wurde, desto widerwärtiger benahm sich ihr Mann.

Er warf ihr vor, ihn wegen ihrer so genannten Internetfreunde zu vernachlässigen. Aber sie wussten es beide besser. Lange bevor sich Anne dem Internet zuwandte, hatte es in ihrer Ehe gekriselt. Er warf ihr oft vor, dass sie nie mit ihm zufrieden sei, weil sie einen perfekten Mann haben wolle, und dass es keinen Spaß mehr mache, mit ihr zusammen zu sein. Sie war bestürzt.

Ausgerechnet der Blog, der ihr Glück darstellen sollte, brachte sie immer weiter auseinander. Was als Versuch begonnen hatte, ihre Familie zu retten, wurde zu ihrer Fluchtburg. Die Onlinebeziehungen gaben ihr etwas, das sie von ihrem Mann nicht bekam. Die Frauen, die ihre Seite besuchten, waren freundlich und ermutigend, lobten sie für ihre Kreativität und gaben ihr das Gefühl, ein wertvoller Mensch und eine gute Mutter zu sein.

An dem Tag, als sie Scott in ihrem Schlafzimmer beim Ehebruch erwischte, war sie ungeheuer wütend … und erleichtert. Kurz darauf ließen sie sich scheiden, und was ihr daran am meisten zusetzte, war das Gefühl, versagt zu haben.

Aber sie fühlte sich von ihren treuen Bloglesern gestärkt, während der Scheidung, ihres Umzugs und der Gründung ihres Partyplanungsunternehmens, und auch die Aufnahme ihrer beiden Freundinnen, die jeweils ihre eigene kreative Stärke in den Blog einbrachten, wurde bereitwillig angenommen. Zuerst war Callie mit ihren Backkünsten gekommen, dann Lindsey mit ihrem Talent fürs Upcycling. Anne hatte mit ihnen eines gemeinsam: den Wunsch, ihr Leben hübscher und bedeutungsvoller zu machen, und durch ihre Freundschaft und Unterstützung war sie nach der Scheidung richtiggehend aufgeblüht. Sie bedauerte nichts. Nicht den Blog, nicht die Trennung, nicht die harte Arbeit.

Leider sehnte sie sich manchmal noch nach einem Mann in ihrem Leben, einem, der ihre Leidenschaft, Dinge zu etwas Besonderem zu machen, zu schätzen wusste, nach einem Mann, der sie begehrte, durch den sie sich schön und begehrenswert fühlen konnte. Ein bisschen hatte sie sich so gefühlt, als Mike sie im Garten angesehen hatte. Aber jetzt war sie verunsichert. Sie war eben doch die prüde und ordentliche Anne. Warum konnte sie nicht mal etwas lockerer werden und die Art Frau sein, die ein Mann wollte?

Callie kam wieder in die Küche, nachdem sie netterweise ein paar Mülltüten rausgebracht hatte. »Okay, ich hole Claire, damit sie sich verabschieden kann. Ich schreib dir, wenn wir auf dem Heimweg sind, damit du deinen Vibrator wegpacken kannst.« Callie grinste und lief aus der Küche, bevor Anne ihre Empörung zum Ausdruck bringen konnte.

Nachdem sie Claire mit einem Kuss verabschiedet hatte, riss sich Anne zusammen und entschied, dass sie die Zeit allein lieber nutzen wollte, um ein paar Dinge zu erledigen. Sie lud die Fotos von ihrer Kamera, postete einen Teaserbeitrag über die Party – eine gute Werbung für ihr wachsendes Unternehmen – und überlegte sich den vollständigen Artikel, den sie morgen schreiben würde. Ihre Leser würden die Fotos für Ideen pinnen, und das würde weitere Klicks generieren. Das Tolle an einem webbasierten Geschäft war, dass sich alles wie von selbst entwickelte – wenn man es richtig machte. Denn jeder Beitrag und seine Metainformationen erweiterten die Leserschaft und steigerten damit die Werbeeinnahmen. Diesen Prozess und die Freiheit, von daheim arbeiten zu können, wo sie sich gleichzeitig um Claire kümmern konnte, fand sie sehr befriedigend.

Innerhalb einer Stunde leerte Anne die Champagnerflasche, aß den Cupcake und ließ sich in ihrer alten freistehenden Badewanne zu einer Rosine verschrumpeln, ein Luxus, den sie sich nicht oft genug gönnte. Sie war gerade dabei, sich einen Tee zu machen, den sie bei einem Buch – und wahrscheinlich einem weiteren Cupcake – auf der Terrasse trinken wollte, als ihr Handy summte. Okay, so früh waren sie also schon auf dem Heimweg. Sie konnte es Callie kaum übel nehmen. Claires unaufhörliches Geplapper ging irgendwann jedem auf die Nerven. Sie nahm ihr Handy und las Callies SMS.

CALLIE: Du wirst nicht glauben, wer gerade am Park vorbeigefahren ist, als wir gehen wollten.

CALLIE: Onkel Mike.

3

Mike war sich ziemlich sicher, dass die Cupcake-Frau ihn gesehen hatte, was ihn wirklich ärgerte, weil er jetzt wie ein Stalker dastand. Er wusste selbst nicht, warum er sich entschieden hatte, am Settlers Park vorbeizufahren. Zu seiner Verteidigung musste gesagt werden, dass der bei der Fahrt von seiner Schwester nach Hause praktisch auf dem Weg lag … na ja, wenn man ein paar Nebenstraßen nahm. Aber trotzdem, verdammt, was hatte er sich dabei gedacht? Er hatte nicht mal Bailey dabei, damit es nicht so seltsam aussah. Er benahm sich wie ein verknallter Teenager.

Er hatte heute Abend ein Date, das fast mit Sicherheit einen angenehmen Ausgang nehmen würde. Darauf sollte er sich jetzt konzentrieren, nicht auf Anne. Sie hatte ein Kind, beruflich plante sie überdekorierte Partys, und alles an ihr schrie, dass sie auf der Suche nach einem Ehemann war – was für einen Kerl wie ihn, der nicht vorhatte, sich in nächster Zeit langfristig zu binden, nur eines bedeutete: Lauf um dein Leben! Aber er hatte einfach noch einen Blick auf sie werfen wollen. Hätte sie das Kleid auch im Park angehabt? Wie sah sie aus, wenn sie sich nicht aufgebrezelt hatte? Und was ihn brennend interessierte: Wie sah sie nackt aus? Nackt mit ihm in ihrem Bett, mit offenen Haaren, gerötetem Gesicht und vollkommen erledigt.

Nachdem er in die Gasse hinter seiner Werkstatt gefahren war, parkte er den Wagen, lehnte sich zurück und stieß seinen Hinterkopf gegen den Sitz. Dieser Tag hatte so normal begonnen und jetzt konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Im Kopf hatte er bloß noch Bilder von Anne, Annes Kleid, Annes Haaren und Annes Lippen, die sich um einen rosa Cakepop schlossen. Verdammt.

Schnell stieg er aus dem Wagen und eilte mit seiner rosa Kuchenschachtel zur Tür. Es war kurz vor fünf, und er musste noch duschen, bevor er sich um sechs mit Katie traf. Sie würde einfach herüberkommen, da sie und ihre Mitbewohnerin in einer Doppelhaushälfte auf der anderen Straßenseite wohnten. Er sollte jetzt an Katie denken. Sie war nett und supersexy. Sobald er sie sah, würde sich das Problem von selbst lösen. Aber als er seinen Schlüssel ins Schloss steckte, kam ihm eine brillante Idee. Okay, vielleicht war es doch eher eine furchtbare Idee, aber er nahm an, dass es am besten war, wenn er sich jetzt von dieser Sache befreite.

Er warf den Schlüsselbund auf seinen chaotischen Schreibtisch, stellte die Kuchenschachtel behutsam ab und bewegte die Maus, damit sich der Computer einschaltete. Er öffnete eine Suchmaschine und tippte … wie hieß es noch mal? Hübsches Kleines Leben? In der Vorschlagsliste sah er es dann. Mein Perfektes Kleines Leben.

Ein Klick und er starrte auf die Webseite der süßen, hübschen, kleinen Anne. Die Titelleiste war so, wie er erwartet hatte, gedämpfte Farben, Pünktchenmuster und Mädchenmist. Willkommen auf unserem Lifestyle-Blog. Was sollte so ein Lifestyle-Blog überhaupt sein? Ihn interessierte im Internet nur Männerkram. Er suchte nach Oldtimern auf Craigslist, lud Musik herunter und guckte sich dämliche YouTube-Videos an. Für sein eigenes Geschäft hatte er eine Seite eingerichtet, auf der nicht mehr als sein Name und seine Kontaktinformationen standen. Was an diesen ganzen Blogs so toll sein sollte, kapierte er nicht.

Auf der Startseite waren bereits Fotos von Claires Party zu sehen. Er überflog die Bilder und ließ das viele Rosa und Blau erneut über sich ergehen. Nahaufnahmen von den Cupcakes, der Dekoration und seinem persönlichen Favoriten, dem »Erwachsenengetränk« in den Einmachgläsern, sowie ein Gruppenfoto der Mädchen in ihren Prinzessinnenkleidern. Mike lächelte, als er Baileys breites Grinsen sah. Sie hatte einen Arm um Claires Schulter gelegt und Mike entdeckte, wie sehr Claire ihrer Mutter ähnelte. Sie war ein wirklich wunderschönes kleines Mädchen, ein Plappermaul, aber süß.

Die Feier war erst ein paar Stunden her. Unglaublich, dass sie die Fotos bereits hochgeladen hatte. Anne nahm die Sache offensichtlich sehr ernst. Aber warum auch nicht? Das war ihr Beruf. Ihm kam der Gedanke, dass er vielleicht mehr Energie in seine eigene Seite stecken sollte. Er könnte zum Beispiel ein paar Vorher-Nachher-Fotos hochladen. Andererseits fragte er sich, ob sich seine potenzielle Kundschaft so etwas überhaupt anschaute. Er bezweifelte, dass es einen großen Unterschied machen würde, und sein Geschäft lief ohnehin ziemlich gut. Aber er konnte ja mal darüber nachdenken. Er scrollte weiter nach unten und fand etwas anderes, das ihn überraschte … dreiundsechzig Kommentare. Gab es wirklich so viele Leute, die sich für die Geburtstagsfeier einer Fremden interessierten? Es war Samstagabend, um Himmels willen, und diese Fotos konnten noch nicht lange online stehen.

Er surfte weiter über die Seite und stieß auf eine Anleitung, wie man einen alten Stuhl lackierte (warum sich die Mühe machen?), Schokolocken herstellte (wofür?) und auf eine weitere Mottoparty. Diese drehte sich um Star Wars, was Mike ziemlich cool fand. Es gab sogar Fotos von Leuten, die als Darth Vader und Boba Fett verkleidet waren. Mannomann. Wer hatte so viel Geld? Ein weiteres Foto zeigte die »Tablescape« – er wusste jetzt, was das bedeutete – mit Kuchen, Lichtschwertern und grünen Getränken. Das letzte Bild zeigte die Gäste der Party, lauter Jungs in Padawan-Kostümen. Das war doch verrückt. In seiner Kindheit war es das absolut Größte gewesen, bei McDonalds zu feiern. Er überflog weiter die vielen Fotos, Werbeanzeigen und klickbaren Buttons, bis er einen sah, auf dem Unser Team stand. Oh ja. Das klickte er sofort an.

Ein professionelles Foto von drei Frauen in hohem Gras erschien. Alle drei sahen sehr gut aus, aber sein Blick wanderte sofort zu Anne. Ihr Haar war offen und umspielte ihre nackten Schultern, und hey, sie sah in dem weißen trägerlosen Kleid, das ihre Brüste perfekt formte, einfach umwerfend aus. Er scrollte nach unten und das nächste Foto zeigte nur sie. Ihr Lächeln war so breit und glücklich, dass neben ihren Mundwinkeln ein Grübchen entstanden war. Er starrte mindestens fünf Minuten darauf.

Daneben gab sie über sich selbst Auskunft und erzählte, dass sie den Blog nach einer Prinzessinnenparty für ihre Tochter begonnen habe, blablabla. Sie sei ein Familienmensch und lege Wert darauf, die kleinen Alltagsmomente erinnerungswürdig zu machen – ja, er hatte in ihrer Anwesenheit tatsächlich einige ziemlich denkwürdige Momente erlebt, so viel stand fest. Obwohl da viel von Familie die Rede war, sprangen ihm die Worte alleinerziehende Mutter ins Auge. Da stand es ganz offiziell: Sie war Single. Der Gedanke, dass sie eine schlechte Ehe oder Schlimmeres hinter sich hatte, gefiel ihm nicht, aber er war erleichtert, weil sie keine lüsterne Ehefrau war, die ihren Ring abzog und auf der Geburtstagsfeier ihrer kleinen Tochter Männer anbaggerte. Vielleicht war sie ja doch aufrichtig interessiert gewesen.

Nein, nein, zum Teufel, nein. Mike fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Auf keinen Fall würde er noch einen Gedanken daran verschwenden. Er stand auf und ging ins Badezimmer, um zu duschen. Er musste sich unter den heißen Strahl stellen und die Erinnerung an sie wegbrennen, sie durch die Poren verdampfen lassen.

Eine halbe Stunde später trug er seine beste Jeans und ein gebügeltes Hemd, seine Haare waren ordentlich gekämmt. Er fühlte sich besser, bereit für Katie. Sie war Friseurin in einem kleinen Salon auf der Main Street, und weil sie so nah beieinander wohnten, hatte er sie öfter im Smokey’s gesehen, der Kneipe nebenan. Er hatte sich mit Aiden, dem Besitzer, angefreundet. In den letzten Wochen hatte Mike an mehreren Abenden mit Katie geflirtet, und sie schien das Gleiche im Sinn zu haben wie er: unkomplizierten Spaß.

Um zehn vor sechs klingelte sein Handy. Er ging dran, bereute es aber sofort, als er die Stimme Dan Monsers hörte, seines ältesten, anspruchsvollsten – aber auch reichsten – Kunden. Mike hatte gerade mit der Restaurierung eines 1965er Mustang Fastback für Dans Tochter begonnen, die fast sechzehnjährige Jessica. Er hatte kein Problem damit, das Geld des Mannes anzunehmen, aber es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass dieses unglaubliche, seltene Stück amerikanischer Automobilgeschichte in den Händen eines jungen Mädchens landen würde, das damit wahrscheinlich durch die Autowaschanlage fahren, seine Designerhandtasche auf der Motorhaube abstellen und beim Fahren SMS schreiben würde.

»Dan, was kann ich für dich an diesem Samstagabend tun?«, sagte Mike, mit der Betonung auf Samstagabend, weil seine Werkstatt eigentlich gerade geschlossen war.

»Ich muss nur ungefähr wissen, wann der Wagen fertig wird, Mike. Jill hatte eigentlich vor, ihr den am Vierten Juli im Tanzsaal des Country Clubs zu präsentieren, aber sie hatten eine verstopfte Abwasserleitung, wodurch das Erdgeschoss und die Küche überschwemmt wurden. Alle für den Sommer geplanten Feiern wurden abgesagt.« Monser klang aufgebracht. »Offenbar haben nicht mal die hunderttausend Dollar, die ich jedes Jahr in diesen Club pumpe, einen Einfluss darauf, wie schnell dieser Schaden repariert wird. Also müssen wir die Party vorverlegen. Kann ich auf Sie zählen?«

Verdammt. Mike hatte vor dem Monser-Auftrag eigentlich noch zwei andere Wagen fertigzustellen. Sein Zeitplan war bereits eng, und bis jetzt hatte er lediglich das Innere und die Verkleidung des Mustangs entfernt. »Wie viel früher brauchen Sie ihn, Dan?«

»So Mitte Juni. Hängt von Jill ab und was sie für die Party organisieren kann. Der Club hatte die komplette Vorbereitung übernommen, von der Musik bis zum Essen, und da wir ab dem fünften Juli auf Hawaii sind, muss es vorher stattfinden.«

Was für ein hartes Leben. Sie mussten es noch irgendwie schaffen, für ihre Tochter eine Party im fünfstelligen Dollarbereich zu organisieren, damit sie einen Monat lang an den Strand fliegen konnten. »Tja, Dan, ich werde sehen, was ich tun kann. Es wird eng, aber Sie wissen, dass ich mich für Sie ins Zeug lege.«

»Sie müssen es einfach schaffen, Mike. Ich bringe Ihnen eine Menge Umsatz rein.«

Die Drohung war nicht besonders subtil, aber der Mann hatte recht. Er hatte vor ein paar Jahren Mikes Geschäft in Schwung gebracht, als der 65er Shelby Cobra, den Mike für Dan restauriert hatte, im Muscle Car Magazine erschienen war. Natürlich waren Dans Freunde ebenfalls reich, und das bedeutete Nachfrage nach teuren Spielzeugen. Mike wollte also, nein, er musste Dan den Wunsch erfüllen, auch wenn es letztlich einem Teenager zugute kam.

»Also gut, ich werde zusehen, dass es klappt, aber es wird wehtun.«

»Ich mach es wieder gut, Mike. Ich wusste, ich kann auf Sie zählen, was meinen Teil angeht. Der Partyscheiß liegt jetzt bei Jill. Ich halte Sie auf dem Laufenden.«

In diesem Moment kam Mike eine Idee. »Hey, Dan. Falls Sie interessiert sind, ich kenne eine Partyplanerin – sie könnte eine paar Verbindungen haben, falls Ihnen das weiterhilft. Ich weiß nicht genau, ob sie auch so große Partys ausrichtet, aber es wäre einen Versuch wert.«

»Ist sie zuverlässig?«

Mike hätte lachen können. Anne war eine Bilderbuchplanerin. Mike lehnte sich zum Monitor vor und klickte auf KONTAKT. »Anne ist absolut zuverlässig.« Und wahnsinnig sexy.

Er sah auf seinen Bildschirm und gab Annes Telefonnummer – wie praktisch, alle Frauen sollten eine Webseite haben – und E-Mail-Adresse durch, bevor er das Gespräch beendete. Er klickte zu Annes Foto zurück und betrachtete sie. Er hoffte, dass sie den Monsers aushelfen konnte. Es wäre gutes Geld. Sie schien zwar nicht knapsen zu müssen. Aber wer konnte keinen dicken Scheck gebrauchen?

Er zuckte zusammen, als sich von hinten Arme um seine Taille legten.

»Überraschung, Sahneschnittchen«, schnurrte Katie verführerisch. Mike drehte sich und sah sie in einem engen schwarzen Kleid vor sich stehen. Es war ziemlich freizügig und sexy. Dann warf er einen Blick über die Schulter zu der offenen Tür. Er hätte abschließen sollen. Schnell setzte er ein falsches Lächeln auf. So viel dazu, dass ein Blick auf sie das Problem aus der Welt schaffen würde.

»Na du«, sagte er, während er sich sanft aus ihren Armen befreite. Ihr Lächeln erstarb. Die Begrüßung, oder vielmehr die mangelnde Begrüßung, schien sie zu enttäuschen. Er trat einen Schritt zurück und schnappte sich seinen Schlüsselbund. »Sollen wir aufbrechen? Ich dachte, wir könnten in die Stadt fahren. Vielleicht ein neues Restaurant auftun.«

»Klar. Was schaust du dir da an?«, fragte sie. Er sah über die Schulter zum Computer. Katie lehnte sich auf den Schreibtisch und betrachtete die Webseite, die immer noch Annes Foto zeigte. »Sie ist hübsch. Allerdings ein bisschen alt. Da steht, sie ist alleinerziehende Mutter. Kennst du sie?«

Sie klang eifersüchtig. Na großartig. Dabei waren sie noch nicht mal miteinander ausgegangen. Doch was ihm wirklich Sorgen machte, war, wie schnell er zu Annes Verteidigung eilen wollte. Sein Plan, nicht mehr an sie zu denken, machte bis jetzt keine großen Fortschritte.

»Eigentlich nicht. Sie hat so eine übertriebene Geburtstagsparty organisiert, zu der ich meine Nichte heute gebracht habe. Auf der Seite gibt es ein paar Fotos davon.« Er zuckte mit den Schultern, während Katie lachte. Jetzt hatte er auch noch abfällig über Annes Ding gesprochen, und das nachdem er ihr gesagt hatte, dass er es mochte. Vorhin hatte er nicht gelogen, warum also log er jetzt bei Katie?

»Ich kann nicht glauben, dass du zu einem Kindergeburtstag gegangen bist. Das passt überhaupt nicht zu dir.« Breit grinsend strich sie über seine Arme. »Es gibt doch viel schönere Dinge, die man an einem Samstagnachmittag machen kann. Oder findest du nicht?«

In Wahrheit wusste Katie nicht besonders viel über ihn. Er liebte es, Zeit mit Bailey zu verbringen. Die Frau, die vor ihm stand, war das ganze Gegenteil von Anne. Mike seufzte, während sie das Gebäude verließen und er hinter ihnen abschloss. Sein Abend gestaltete sich ganz anders als erwartet: Die heiße Blondine an seinem Arm war nicht die, an die er denken musste.

4

Anne streckte sich auf ihrem Doppelbett aus und schob einen Arm unter das Kissen, um die Kühle auf der Haut zu spüren. Eigentlich brauchte sie kein so großes Bett, aber es gehörte zu den wenigen Dingen, auf die sie während der Scheidung bestanden hatte. In ihrem alten Haus hatte es als Gästebett gedient – welche Ironie. Aber sie wollte sich nicht ständig daran erinnern lassen, was Scott in ihrem Ehebett alles getrieben hatte. Ekelhaft. Jedenfalls war sie mit ihrer Forderung sehr zufrieden. Abgesehen davon, dass es in ihrem Schlafzimmer achtzig Prozent der Bodenfläche einnahm, war es das bequemste Bett, in dem sie je geschlafen hatte.

Anne warf einen Blick zu der leeren Stelle neben sich. Sie hätte schwören können, dass Claire irgendwann am frühen Morgen zu ihr ins Bett gekommen war. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und sah zur Uhr. Ach du meine Güte, sie hatte bis neun geschlafen. In ihrer Welt war das fast schon Mittag, auch sonntags. Sie bemerkte einen Geruch und schnüffelte. Brannte da etwas?

»Mama, deine Pop-Tarts sind fertig!«, rief Claire von unten.

»Oh nein.« Anne sprang aus dem Bett, schnappte sich ihren Morgenmantel und lief die Treppe hinunter in die Küche. »Claire, nächstes Mal wartest du bitte auf Mami, bevor du etwas kochst.«

Claire stand auf ihrem Kinderhocker an der Kücheninsel. Aus dem Toaster lugte eine verbrannte Erdbeerteigtasche hervor, und eine weitere – ebenso verbrannte – lag auf einem Teller auf dem Küchentisch, daneben eine Gabel.

»Die ist für dich, okay? Ich mache mir eine neue, weil die da so schwarz geworden ist«, sagte Claire sachlich, während sie eine weitere Packung aufriss. »Ich habe dir die gegeben, weil du immer sagst, man soll nichts verschwenden.«

»Oh, vielen Dank, sehr umsichtig von dir.« Anne setzte sich hin, kratzte die schwarzen Stellen von der Teigtasche und kostete. Es war essbar.

Nach ein paar weiteren Bissen stand sie auf und ging zur Kaffeemaschine, die sich vor zwei Stunden automatisch eingeschaltet hatte. Zum Glück hatte sich die Wärmeplatte noch nicht abgeschaltet. Allerdings war der Kaffee jetzt bitter und kochend heiß. Eine gehörige Portion Kaffeesahne konnte da Abhilfe schaffen. Sie würde mindestens zwei Tassen brauchen, um sich von ihrem champagner- und schaminduzierten Kater zu erholen. Sie meinte sich an einen erotischen Traum zu erinnern, in dem ihr besonderer Partygast und seine gutsitzende Jeans eine Rolle gespielt hatten.

Sie konnte einfach nicht aufhören, zu spekulieren, warum er am Park vorbeigefahren war. Hatte er sie wiedersehen wollen? War das seine normale Route? Bestimmt nicht. Der Settlers Park lag in einer Gegend, wo sonst nicht viel war. Andererseits wusste sie gar nicht, wo er wohnte. Die ganze Sache machte Anne verrückt, und sie musste ihn sich aus dem Kopf schlagen. Wäre er interessiert gewesen, hätte er es gesagt. Aber nein, stattdessen hatte er gestern Abend eine heiße Verabredung gehabt. Verdammt, vielleicht wachte er gerade jetzt neben dieser heißen Verabredung auf … oder schlich sich aus ihrer Wohnung. Du liebe Zeit, sie stellte sich an, als hätte sie noch nie zu einem attraktiven Mann Kontakt gehabt.

Ironischerweise war sie mit einem solchen verheiratet gewesen. Scott Edmond hatte früher einmal ihr Herz höher schlagen lassen und ihr heiße Schauder durch den Körper gejagt. Sie arbeitete damals in der Verwaltung eines Community College, als sie zum ersten Mal den niedlichen Kerl in Cargohosen und Holzfällerhemd sah. Er wirkte wie ein Bergsteiger oder ein Katalogmodell. Seine gebräunten Beine fielen ihr sofort auf, als er das Büro betrat. Während sie ihn in ein anderes Rhetorikseminar umschrieb, flirtete er ungeniert mit ihr und bat sie noch um eine Verabredung, bevor er ging.

Es wurde eine romantische Umwerbung. Er nahm sie zu eleganten Partys seiner reichen Eltern und Freunde mit und behandelte sie wie eine Königin. Selbst Annes Mutter fiel auf seinen jungenhaften Charme herein. Als er ihr schließlich einen Antrag machte, glaubte sie genau zu wissen, was er sich von der Ehe erhoffte: eine Frau, die ihm das Leben leicht und das Zuhause gemütlich machte, schöne Partys plante und an seinem Arm gut aussah. Nie kam ihr der Gedanke, sie könnte sich in ihm irren oder einer von ihnen könnte in dieser Ehe unglücklich werden, denn sie schienen perfekt zusammenzupassen.

Leider ließ sie sich von ihrem Märchenprinzen dazu bringen, ihr Studium abzubrechen. Ein dummer Fehler, denn sie hatte so hart dafür gearbeitet, angenommen zu werden. Sie hatte erst mit zwanzig begonnen und sich um ein Stipendium beworben, nachdem die Familienersparnisse von der Krebsbehandlung ihres Vaters aufgefressen worden waren. Durch diese Entscheidung stand sie am Ende ohne abgeschlossene Ausbildung und festes Einkommen da, und zwar nachdem sie Scott dabei erwischt hatte, wie er die Frau seines Vetters in ihrem Ehebett vögelte. Gott sei Dank verdiente sie zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig Geld mit ihrem Blog, sonst wäre sie ziemlich verzweifelt gewesen.

Nachdem sich der erste Staub gelegt hatte, schmerzte sie ein Gedanke am meisten: Claire im Stich gelassen zu haben. Anne wollte ihr die gleiche glückliche Kindheit zuteil werden lassen, die sie selbst hatte genießen dürfen, nachdem ihre Eltern sie mit vier Jahren aus dem Waisenheim geholt hatten. Daher hielt sie sich nach ihrer Scheidung für die schlechteste Mutter aller Zeiten. Als sie ihrer Mutter von der Scheidung erzählte, meinte die nur: »Du bist ohne ihn besser dran.« Sie hatte Anne immer bedingungslos unterstützt, emotional und auch finanziell, als es für kurze Zeit nötig gewesen war.

Anne nahm einen großen Schluck nach Vanille duftenden Kaffee. Eine Weile hatte sie nicht mehr an ihre Scheidung gedacht, aber nun, zwei Jahre danach, saß sie wieder hier und versuchte, dieses Scheitern zu verarbeiten. Offenbar brachte dieser hübsche Kerl einige unterdrückte Gedanken ans Tageslicht. Sie nahm es als Zeichen, dass sie besser wie eine Nonne leben sollte.

Nein, sie würde sich nicht von solch deprimierenden Gedanken beherrschen lassen. Sie vermisste es, berührt und geliebt zu werden. Nicht dass Scott ihr zum Ende hin noch viel gegeben hatte, aber zu der Zeit war sie schon der Meinung gewesen, ein wenig sei immer noch besser als gar nichts. Liebe war eben doch nur ein flüchtiges Gefühl, oder? Zumindest war es in ihrem Fall so gewesen. Im Augenblick jedenfalls brauchte sie einen Orgasmus, und zwar mit einem Mann.

Claire stieg vom Hocker herunter und setzte sich mit ihrem Frühstück an den Küchentisch, als Annes Handy klingelte. Sie kannte die Nummer nicht, was für einen Sonntag seltsam war, aber sie räusperte sich und meldete sich mit einem fröhlichen Hallo … nur für den Fall.

»Hallo, ist da Anne, die Partyplanerin?«, fragte eine weibliche Stimme. Sie klang kurz angebunden, als sei sie schon seit Stunden auf den Beinen und hätte Weltprobleme gelöst.

»Ja, am Apparat.«

»Perfekt. Hier spricht Jill Monser, und ich stecke ein wenig in der Klemme, Anne. Mir wurden Ihre Dienste wärmstens empfohlen, und ich brauche die schönste, verschwenderischste Sweet-Sixteen-Party, die Sie organisieren können. Sind Sie verfügbar?«

Wow, was für eine Ansage. Diese Frau wusste genau, was sie wollte. Anne hatte noch nie eine Sweet-Sixteen-Party ausgerichtet. Sie hatte erst einen halben Becher Kaffee intus und fühlte sich nicht wirklich auf der Höhe, also begann sie mit den Grundlagen.

»Nun, Mrs Monser, wann soll die Party denn stattfinden?«

»Das ist meine gerade erwähnte Klemme, Anne. Und das ist noch untertrieben. Wir hatten alles im Millard County Club für Anfang Juli geplant, aber es gab dort ein Unglück, und jetzt müssen wir wieder ganz von vorn anfangen. Ich brauche alles: einen neuen Veranstaltungsort, einen DJ, Catering, Beleuchtung, Dekoration … und das alles vor Ende Juni.«

Anne ließ fast ihre Tasse fallen. Beleuchtung? Wow. »Oh! Okay. Also …«

Sie hatte über die Lokalnachrichten natürlich mitbekommen, was im Country Club passiert war. Wegen des schweren Wasserschadens nutzte der Club die Gelegenheit, um das gesamte alte Gebäude zu renovieren. Der Millard Country Club nahm nur sehr reiche Leute auf, also hatte diese Mrs Monser wahrscheinlich hohe Erwartungen. Aber sie hatte außerdem eine Menge Kohle. Anne konnte sich kaum vorstellen … nein, das konnte sie doch. Sie hatte bereits ein paar Ideen, was sie tun wollte. Die einzige Schwierigkeit war der Zeitrahmen.

»Mir ist vollkommen klar, dass es nicht ideal ist, Anne«, fuhr Mrs Monser fort, da sie Annes Zögern offenbar spürte. »Aber meine Tochter ist so versessen darauf. Ich habe ihr schon ihr ganzes Leben lang eine besondere Party zu ihrem sechzehnten Geburtstag versprochen, und ich muss einfach dafür sorgen, dass sie einzigartig wird.« Die Art und Weise, wie sie Anne ständig beim Vornamen nannte, als hätte sie ein tadelnswertes Kind vor sich, war ein wenig nervig.

»Lassen Sie mich einen Moment nachdenken, Jill. Ich würde natürlich liebend gerne …«

»Oh, vielen Dank, Anne! Ich war mir nicht so sicher, weil die Empfehlung von einem Mann kam. Aber dann habe ich Sie gegoogelt und festgestellt, dass Sie die Anne von Mein Perfektes Kleines Leben sind, und da war ich sofort hellauf begeistert. Sie machen ganz wundervolle Arbeit und genau das, wonach ich suche. Die perfekte Mischung aus Klasse und Handgemacht. Ich hätte eigentlich selbst auf Sie kommen müssen. Können Sie einen Plan zusammenstellen und sich morgen mit mir auf einen Kaffee treffen? Dann können wir die Einzelheiten besprechen.«

Was sollte sie noch sagen? Konnte sie das schaffen? Ja, das konnte sie. Und wer war der Mann, der sie empfohlen hatte? Wahrscheinlich ein Vater von einer ihrer Partys. »Okay, sicher, Jill. Wo sollen wir uns treffen? Und darf ich vielleicht den Namen desjenigen erfahren, der mich empfohlen hat? Ich bedanke mich für eine Empfehlung immer gerne persönlich.«

Das stimmte. Denn Mundpropaganda hatte ihr Geschäft zu dem gemacht, was es heute war.

»Wunderbar. Treffen wir uns bei Callies Konfekt. Ich weiß, dass sie mit Ihnen den Blog betreibt, und außerdem hat sie immer diesen fettarmen Schichtkuchen, von dem ich einfach nicht genug bekommen kann. Oh, und sie war ohnehin vom Club aus für die Torte engagiert, also schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Vielleicht könnten Sie mit ihr sprechen und sich erkundigen, ob sie mit dem neuen Datum und dem von Ihnen gewählten Veranstaltungsort einverstanden ist.«

Anne lächelte, seit Callies Name gefallen war. Gut zu wissen, dass sie nicht allein vor dieser Wahnsinnsaufgabe stand, und tatsächlich hatte sie bereits den perfekten Ort im Hinterkopf, eine herrliche Farm am Rand der Stadt, in die sie schon seit zwei Jahren verliebt war. Die hoffte sie zu bekommen. »Das kann ich selbstverständlich tun.«

»Hervorragend, na dann sehen wir uns morgen um neun, Anne. Ach so, und empfohlen hat Sie seltsamerweise der Mann, der die Oldtimer meines Mannes restauriert. Dieser Mike Everett. Man weiß nie, wer wen kennt, nicht wahr? Vielen Dank noch mal. Auf Wiederhören.«

Die Leitung verstummte, und Anne saß stirnrunzelnd da. Mike Everett, der Oldtimerrestaurator? Sie hatte eine Menge Mikes in ihrer Kontaktliste, konnte sich aber nicht erinnern, schon mal für einen Mechaniker oder einen Everett gearbeitet zu haben. Allerdings fragte sie ihre Kunden nicht nach dem Beruf, und sie selbst gaben diese Information auch eher zufällig. Ein gewisser Onkel Mike kam ihr in den Sinn, da sie ohnehin ständig an ihn denken musste, aber er konnte es ja auf keinen Fall sein. Sie hatten sich gerade einmal gesehen, und er schien nicht der Typ zu sein, der sofort jedem von den Kindergeburtstagen erzählte, auf denen er gewesen war.

Everett, Everett, Everett. Sie murmelte den Namen vor sich hin, während sie mit ihrem Handy ins Internet ging. Als Suchbegriffe gab sie Mike Everett Oldtimer ein, klickte auf den ersten Link und gelangte auf die Seite des Muscle Car Magazine. Ein Foto begann sich aufzubauen … ganz langsam.

»Dämliches WLAN«, murmelte sie.

»Was ist los, Mami?«, fragte Claire. Sie rührte gerade ihre Erdbeermilch um und spritzte dabei alles auf den Tisch. Anne entschied sich, es ausnahmsweise zu ignorieren. »Bist du wieder auf dein Handy sauer?«

»Nein, meine Süße, alles gut.«

Auf dem Foto war allmählich ein Muscle-Car zu erkennen, und daneben standen zwei Männer. Sie zoomte mit Daumen und Zeigefinger und schnappte nach Luft. »Oh mein Gott.«

Es war kein anderer als der unverschämt gut aussehende Onkel Mike. Er wirkte ein wenig jünger, aber er war es eindeutig. Mike Everett. Er trug Jeans und ein T-Shirt, hatte die Hände in die Taschen gesteckt und grinste breit. Laut Bildunterschrift hatte er den Wagen, einen 65er Shelby Cobra, für Dan Monser restauriert. Im Artikel wurde der Wagen sogar ausführlich beschrieben. Anne verstand nichts von Muscle-Cars, aber diesen Wagen fand sie hinreißend.

Sie legte ihr Handy auf den Tisch und nahm ihren Kaffeebecher in die Hand. Ihre Gedanken wanderten zu dem Auftrag, der ihr plötzlich in den Schoß gefallen war. Und kehrten immer wieder zu der Tatsache zurück, dass Onkel Mike sie nicht einmal vierundzwanzig Stunden nach der Kinderparty jemandem empfohlen hatte. Was hatte das zu bedeuten? Vielleicht war er deswegen am Park vorbeigefahren, nicht um sie zu sehen, sondern um sie wegen des Auftrags zu fragen. Vielleicht hatte er gar keine weiteren Absichten. Sie plante Partys, und er kannte jemanden, der eine feiern wollte. Es war gar nichts Persönliches.

Aber … sie sollte sich trotzdem bei ihm bedanken, wie sie es bei jedem anderen auch tat.

5

»Du nimmst mich doch wohl auf den Arm, Mann. Ein rosa Fließheck?«

Mike seufzte ins Telefon. Seine Frustration entsprach der seines Lackierers. Manuel war der Beste im Umkreis von hundertfünfzig Kilometern und wusste besser als jeder andere, dass es ein Sakrileg war, ein klassisches amerikanisches Muscle-Car knallpink zu lackieren. Ford hatte früher ein paar hellrosa Autos produziert, aber das hier würde ein leuchtendes dunkles Rosa bekommen. Ihm fiel Annes Himbeer ein, was ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte.

»Ich weiß, Mann. Es ist scheiße, aber dafür werden wir bezahlt«, scherzte Mike, während er mit seinem Stift auf den Schreibtisch trommelte. »Monser sorgt dafür, dass wir im Geschäft bleiben, also machen wir diesen Wagen zum coolsten, knalligsten Mustang, den die Welt je gesehen hat.«

Manuel atmete tief durch. »Du hast recht, aber es wird mir das Herz brechen, Rosa in meine Spritzpistole zu laden.«

»Rechne mit dem Wagen um die zweite Juniwoche herum und zieh die Sache schnell durch.«

Mike beendete das Gespräch mit Manuel und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Es war Montag, und er war seit fünf Uhr wach, um die Chevelle eines Kunden zu bearbeiten, die fast fertig war. Jetzt hatte er nur noch ein paar Zierleisten anzubringen. Je schneller er den Auftrag beendete, desto schneller konnte er sich auf den Mustang konzentrieren. Normalerweise legte er eher Wert auf Klasse statt auf Masse, aber einen guten Auftrag konnte er schlecht ablehnen. So überschnitten sich gelegentlich die Restaurationen, und es wurde stressig.

Er warf einen Blick auf die Uhr und sah, dass es schon fast eins war. Er musste dringend etwas essen. In seinem Kühlschrank befanden sich nur ein paar gefrorene Burritos und eine Flasche Tabasco. Der Burgerladen an der Main Street kannte seine übliche Bestellung bereits auswendig, also schnappte er sich seine Schlüssel und ging zur Tür. Er hatte nicht erwartet, eine Frau davor hocken zu sehen, doch so war es.

Sie sprang erschrocken auf und geriet aus dem Gleichgewicht. Schnell ergriff er ihren Arm und fing sie ab. Der Kopf mit dem blonden Pferdeschwanz drehte sich nach ihm um, und Mike blickte niemand anderem in die Augen als der perfekten Anne Edmond.

Als sie fest auf den Beinen stand, ließ er ihren Arm los. »Alles in Ordnung?«, fragte er.

»Ja«, antwortete sie ein wenig außer Atem. »Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nur etwas vorbeibringen.«

Schmunzelnd schaute Mike an ihrem hellgelben Oberteil und dem blauen Rock entlang bis zu den Riemchensandalen. Zwischen ihren Füßen stand eine kleine rosa Schachtel von Callies Konfekt. Darauf lag eine kleine Karte.

»Sie wollen mich schon wieder füttern. Ich muss ja wirklich verhungert aussehen.«

Ein verlegenes, aber umwerfendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Kurz erwiderte sie seinen Blick, dann sah sie weg. »Nein. Ich meine, ja, was das Füttern betrifft. Ich möchte Ihnen für die Empfehlung danken. Ich komme gerade von einem dreistündigen Treffen mit Mrs Monser, das in Callies Laden stattgefunden hat, und ihre Zimtschnecken sind einfach so gut, auch wenn ich selbst keine essen sollte. Na jedenfalls wollte ich Ihnen danken, und Ihre Schwester hat mir gesagt, wo Ihre Werkstatt ist, und …«

Sie redete wie ein Wasserfall und gestikulierte wild mit den Armen, wobei sie höchstens eine Viertelsekunde Blickkontakt hielt.

»Anne«, unterbrach er sie. Jetzt sah sie ihm in die Augen – ihre Pupillen waren erweitert und ihre Lippen leicht geöffnet. Leise sagte er: »Sie hätten einfach klopfen können, wissen Sie? Ich wäre wirklich traurig gewesen, wenn Sie wieder gegangen wären und ich Sie nicht gesehen hätte.«

Kurz wirkte sie bestürzt, doch dann fasste sie sich, genau wie gestern in ihrem Flur. Zu sehen, wie ihr klar wurde, was er gesagt hatte, war so verdammt scharf. Er wollte, dass sie es wusste und reagierte. Komm schon, Anne, flirte mit mir. Gib mir irgendwas.

Sie lächelte und wurde rot. Okay, na gut, das war doch schon mal ein Anfang. »Ich wollte nicht lästig sein.«

»Das können Sie gar nicht.«

Sie kräuselte die Nase. Allmählich mochte er diese kleine Angewohnheit sehr. »Oh, unterschätzen Sie mich nicht. Ich könnte Sie überraschen.«

Überraschen? Ja, das sollte sie glatt tun, aber nicht auf die Art, die sie wahrscheinlich meinte. Sie sollte sich den kurzen Rock ausziehen, sich aus dem Oberteil schälen und ihm ihre Dessous zeigen. Ob die auch gelb waren? Anne wirkte wie eine wohlerzogene Südstaatenschönheit, aber er konnte sich gut vorstellen, dass sie im Bett eine Wildkatze war. Sehr gut sogar. Genau genommen war er diesen Morgen mit einer schmerzvollen Erektion aufgewacht, die nur eine Dusche, seine Hand und eine lüsterne Fantasie über Anne hatten beseitigen können.

Und jetzt dachte er schon wieder daran.

»Möchten Sie reinkommen?«, fragte er. »Es ist zwar ein wenig schmutzig – Autoteile, Schmieröl, Metallstaub –, aber das ist halt mein Ding

Sie lachte. Offensichtlich erinnerte sie sich genau an ihre Unterhaltung am Samstag. Sie bückte sich, und er hielt die Luft an, weil ihm die morgendliche Duschfantasie in den Kopf schoss. Doch statt sie Wirklichkeit werden zu lassen, griff Anne bloß nach der Kuchenschachtel und richtete sich auf.

»Schon okay, Sie sind beschäftigt. Ich wollte Ihnen wirklich nur danken.« Sie hielt ihm das Mitbringsel hin. Er sah auf die Karte, als er die Schachtel von ihr entgegennahm. Dort stand in ihrer sorgfältigen Handschrift Onkel Mike. Heilige Scheiße. Wieso fand er das so aufregend?

»Nein, Sie müssen einfach reinkommen«, sagte er. »Um sich den Wagen anzusehen, den ich für die Tochter der Monsers restauriere. Er wird der Blickfang Ihrer Party sein.« Sie schien kurz darüber nachzudenken. Er zog beide Augenbrauen in die Höhe.

»Okay, Sie haben wahrscheinlich recht. Jill will eine kleine Nachbildung aus Fondant auf der Torte haben. Also sollte ich wohl.«

Er hatte keine Ahnung, was Fondant war, aber er war vollkommen ihrer Meinung.

Seine Werkstatt befand sich unweit der Gleise und nur ein paar Blocks von der Main Street entfernt in einem älteren Gebäude, das seinem Freund Derek gehörte, einem Gewerbearchitekten und Bauunternehmer. Derek hatte es vor ein paar Jahren gekauft, um sich darin sein Büro einzurichten. Es war offensichtlich schon mal als Werkstatt oder Lagerhaus benutzt worden, denn es gab ein paar Garagentore abseits des großen Arbeitsbereichs. Deshalb hatte Derek angeboten, ihm den hinteren Teil zu vermieten. Das funktionierte für sie beide hervorragend.

Mike ließ Anne herein und stellte die Zimtschnecken auf seinen Schreibtisch. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, sah sie sich gerade das kleine Büro an. Ein verschlissenes Sofa, ein Aktenschrank und ein übergroßer chaotischer Schreibtisch. Er fragte sich, was sie dachte. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte sie. »Erin sagte, dass Sie hier auch wohnen?«

»Ja, es ist nicht ideal, dafür aber nur vorübergehend.« Er räusperte sich und sah sich plötzlich mit ihren Augen. Er wohnte in einer verdammten Autowerkstatt. Was sagte das über ihn aus? Auf seinem Konto lag genug Geld, um sich morgen ein Haus zu kaufen, sogar ein ordentliches, aber er hatte noch nie den Drang dazu verspürt. Aus dem ursprünglichen Provisorium war eine Dauereinrichtung geworden, denn nach einer Weile war ihm ein Umzug dämlich vorgekommen, da er jeden Tag lange arbeitete. Er hatte Pläne und Träume, aber die lagen eben immer in der Zukunft. Und Anne fand jetzt bestimmt, dass er wie ein Hausbesetzer lebte.

Er hatte wirklich vor, sich irgendwann ein Grundstück zu kaufen. Derek hatte ihm sogar angeboten, einen einfachen Plan für ein Haus zu entwerfen, aber in den vergangenen Jahren war es so einfach praktischer gewesen. Er lebte allein, und es war nur vernünftig, sein Geld zurückzulegen, aber hier und jetzt hatte er das Bedürfnis, die Situation zu erklären. Damit sie mehr in ihm sah als einen Kerl, der in seiner Werkstatt kampierte. Aber spielte das überhaupt eine Rolle?

»Ich habe ein Schlafzimmer und ein richtiges Bad, also ist es vorerst schon okay. Und bis ich so weit bin, mir was Eigenes zu kaufen, ist der Arbeitsweg unschlagbar kurz, wissen Sie?«

Sie lachte. »Jetzt bin ich irgendwie neidisch. Keine Puppen auf Ihren Sesseln und keine Kekskrümel auf dem Boden. Es wirkt hier so entspannend.« Sie klang, als meinte sie es ernst. Gab es auch Seiten an ihr, die nicht nett waren?

»Ja, das ist es. Ich höre bei der Arbeit gerne Musik und blende alles andere aus. Hier bin ich ungestört.«

»Das klingt toll.«

»Dann kommen Sie mal mit, und ich zeige Ihnen den Mustang.«

Sie folgte ihm einen kurzen Gang entlang in die Werkstatt. Es war seltsam, eine Frau in seinen Arbeitsbereich zu bringen. Wie er ihr gerade gesagt hatte, verbrachte er hier eine Menge Zeit mit dem, was er am besten konnte: alte Schrottlauben in Kunstwerke verwandeln. Er sah sie als ungeschliffene Diamanten und war immer stolz, wenn er ihre alte Schönheit wieder hervorbrachte … nur noch markanter. Und er tat es allein. Es gab nur ein paar spezialisierte Arbeiten, die er weiter vergab, wie die Lackierung, die Verglasung und aufwendigere Inneneinrichtung. Sein Vater und ein paar Kurse in der Berufsschule hatten ihm alles beigebracht, was er wissen musste.

Anne strich mit ihren schmalen Fingern über die Haube eines vorlackierten Novas. Dann sah sie den Mustang, und ihre Lippen formten ein kleines Lächeln. Er war beeindruckt, dass sie das Modell erkannte.

Sein Vater hatte alte Wagen geliebt, von Klassikern bis hin zu Muscle-Cars, und diese Leidenschaft hatte er auch in dem heranwachsenden Mike geweckt. Nichts hatten sie mehr geliebt, als irgendeinen verwahrlosten Schatz in einem Feld oder in den Kleinanzeigen zu finden und dann Stunden damit zu verbringen, bis sie ihn wieder zum Laufen gebracht hatten. Er hatte schöne Erinnerungen an diese Zeit mit seinem Vater und stellte sich gern vor, wie stolz er darauf wäre, was sein Sohn erreicht hatte. Traurigerweise hatte er das nicht mehr erleben dürfen. Chuck Everett war unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben, als Mike in der Abschlussklasse der Highschool gewesen war, und hatte ihn damit zur Waise gemacht.

Zum Glück war Mike bereits über achtzehn gewesen, denn dadurch war er von der Fürsorge verschont geblieben, und er hatte sein Leben selbst in die Hand genommen. Als trauernder Jugendlicher beschloss er damals als Erstes, die Schule abzubrechen und sich ein neues Hobby zu suchen, das hauptsächlich darin bestand, sich so oft es ging mit Alkohol abzuschießen. Erin studierte noch und konnte ihn nicht groß unterstützen. Also zog er mit ein paar Freunden zusammen und versicherte seiner Schwester, die ebenfalls trauerte, er komme schon klar. Es waren natürlich die falschen Freunde, aber davon hätte ihn damals niemand überzeugen können.

Erstaunlicherweise gelang es ihm dennoch, seinen Weg zu machen, denn er fand zu seiner alten Liebe zurück, der Restaurierung alter Autos. Die Tätowierungen auf seinem Arm und Rücken waren die einzige Verbindung zu jener düsteren Phase seines Lebens. Ein kleiner Preis dafür, mit dem Leben davongekommen zu sein, fand er. Sie führten ihm jedoch plastisch vor Augen, dass er und diese schöne Frau, die jetzt in seiner Werkstatt stand, aus verschiedenen Welten stammten.

Er gesellte sich zu Anne neben den Mustang. Als er ihn jetzt so vor sich sah – in einem hässlichen Grün und voller Spachtelmasse, wo er ein paar Schäden an der Karosserie ausgeglichen hatte –, wurde ihm klar, wie viel Arbeit noch vor ihm lag.

»Sieht noch nicht nach etwas aus, das einem jungen Mädchen gefällt«, sagte sie.

Er lachte. »Nein, noch nicht. Das ist die Originalfarbe. Wenn ich mit der Arbeit an der Karosserie fertig bin, wird er grundiert, anschließend lasse ich ihn mit weißen Rallyestreifen lackieren, baue einen restaurierten 35 134 Windsor V-8 ein, verchrome die Leisten neu, und dann wird er Sie umhauen. Trotz des knallrosa Fließhecks.«

»Davon habe ich gehört. Wow, schwer vorzustellen, wenn man sich den Wagen so ansieht. Sicher, dass Sie das schaffen?« Sie grinste, zog ihn also auf.

Er fasste sich an die Brust, als hätte er Schmerzen. »Anne, Ihr mangelndes Zutrauen bricht mir das Herz. Ich hinterfrage ja auch nicht Ihren Einsatz von Einmachgläsern zu Trinkzwecken.«

Sie verdrehte die Augen, stöhnte und lachte dann leise. »Diese Gläser sind großartig, Mister. Und gerade schwer angesagt, möchte ich betonen.«

Ihre Fröhlichkeit und Neckerei sandte ihm Schauer durch den ganzen Körper. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sie hereinzubitten, denn jetzt wollte er sie nicht mehr weglassen. Sie sah sich die 70er Chevelle an, und er bemerkte, wie zärtlich sie über die Motorhaube strich. Ihre Fingernägel hatten noch die Partyfarben und leuchteten auf dem schwarzen Lack des Wagens. Es machte ihn wahnsinnig an.

»Der hier gefällt mir am besten.« Sie lächelte ihn über die Schulter hinweg an, und in der schmutzigen Werkstatt strahlte ihre Schönheit erst recht. Ihre Kleidung war damenhaft, aber das fand er nur noch aufreizender. Er machte einen Schritt in ihre Richtung. Ein paar kurze Strähnen in ihrem Nacken bewegten sich in dem Wind, der durch die offenen Garagentore hereinwehte.

»Das ist eine Chevelle Super Sport. Sehr selten und auch einer meiner Favoriten. Sie ist der Drittwagen des Kunden, sodass sie gar nicht richtig zur Geltung kommt, da er sie nur selten fährt.«

»Warum sollte jemand einen so besonderen Wagen haben wollen und ihn dann nicht benutzen?«

Er zuckte mit den Schultern. Gute Frage. Den Wunsch, etwas Kostbares zu schonen, konnte er gut verstehen, aber andererseits hatte das letzte Hemd keine Taschen, wie sein Vater zu sagen pflegte. »Ich schätze, manchen Leuten ist der Besitz wichtiger als ein erregendes Erlebnis.«

Ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen. Der perfekten kleinen Anne entging nichts.

»Und zu welcher Gruppe gehören Sie?«, fragte sie leise.

Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, kam er noch ein wenig näher. Als er nur noch einen Schritt entfernt war, wanderte sein Blick nach unten auf ihre Brust. Er konnte die Anziehungskraft zwischen ihnen fast knistern hören. Und jetzt wollte er sie spüren.

»Ich denke, etwas Schönes zu besitzen kann befriedigend sein, aber es geht nichts über das erregende Erlebnis.« Er sprach sehr tief und ihm entging nicht, wie sie nach Luft schnappte. Sie reagierte so deutlich, es war geradezu berauschend. Er neigte sich näher heran und legte seine rechte Hand auf ihre Hüfte. Mit dem Daumen strich er über den Saum ihres Oberteils. Mein Gott, sie war so weich und warm, und ihr Parfüm, blumig und süß wie am Tag der Party.

Er widerstand dem Impuls, sie an sich zu ziehen und auf die Motorhaube zu legen. Auch wenn er nach Anne verrückt war, stand hinter ihnen doch ein teurer Wagen, dem ihr gemeinsames Gewicht nicht guttäte. Und außerdem hatte sie die Augen weit aufgerissen, als würde ihre Courage sie gerade im Stich lassen. Aber er sah auch Verlangen in ihrem Blick. Er schaute auf ihre verlockenden Lippen, neigte den Kopf ein wenig und …

»Mike!«, rief eine Singsangstimme aus dem Büro.

»Scheiße.« Er nahm die Hand weg und trat einen Schritt zurück.

»Oh mein Gott«, flüsterte Anne gequält. Sie drehte sich zum Garagentor um, als Katie in die Werkstatt kam.

»Oh, hey.« Katie blieb abrupt stehen. »Tut mir leid, ich wusste nicht, dass du eine Kundin hast.« Auch wenn ihre Wortwahl normal war, die Bitterkeit ihres Tons war unüberhörbar.

Verdammt, was für ein beschissenes Timing. Anne war keine Kundin; sie hatte ihm Zimtschnecken und ein Dankeskärtchen gebracht, und sie nannte ihn Onkel Mike. Aber er korrigierte Katie nicht, denn er war ihr keine Rechenschaft schuldig. Anne hatte sich umgedreht und starrte die Chevelle an. Sie schien nicht in der Lage, ihn oder Katie anzusehen.

»Gib mir eine Minute, okay, Katie? Ich bin gleich bei dir.«

Katie schaute zwischen ihnen hin und her und ging dann ins Büro zurück, wo sie die Tür hinter sich schloss. Er wünschte, sie würde einfach weitergehen und hinten raus verschwinden. Ihr Samstagabend hatte damit geendet, dass er ihr Angebot, zu ihr nach Hause zu gehen, ablehnte. Er war selbst überrascht gewesen, aber die äußerst scharfe Katie hatte sich im Laufe des Abends in ihrer Stammkneipe total betrunken. Der krasse Gegensatz zwischen ihr und der tollen alleinerziehenden Mutter im rosa Kleid hatte auch den geplanten krönenden Abschluss des Tages torpediert.

»Tja, also, ich hoffe, Ihnen schmecken die Zimtschnecken. Ich habe heute Morgen eine probiert, obwohl ich mir das wirklich nicht leisten dürfte.«

Die Veränderung in Annes Stimme wirkte wie ein Schlag in den Magen. Genau wie nach dem Kindergeburtstag war die Situation plötzlich unangenehm, und Anne versuchte, sie wieder in Ordnung zu bringen und so zu tun, als sei nichts zwischen ihnen geschehen. Außerdem gefiel ihm nicht, dass sie sich selbst schlechtmachte, wenn sie verlegen war. Er würde ihr gern dabei zusehen, wie sie die Zimtschnecken selbst aß und sich dann den Zuckerguss von den Lippen leckte. Aber stattdessen eilte sie mit klickenden Absätzen zum offenen Garagentor, um dem Büro und Katie um jeden Preis auszuweichen. Er konnte es ihr nicht übel nehmen.

»Anne, gehen Sie nicht.«

Sie drehte sich zu ihm um. Inzwischen hatte sie ihr Gesicht sorgfältig von allen Emotionen befreit. Sie legte den Kopf schief und sah ihn forschend an. »Warum nicht?«

Er wusste nicht, was er antworten sollte. War ihr nicht klar, dass er sie gerade hatte küssen wollen? Dass er es immer noch wollte? Da stand sie in ihrem süßen kleinen Outfit vor ihm und gab sich selbstsicher und ungerührt. Vor einem Moment noch hatte sie in seinen Armen dahinschmelzen wollen, ganz eindeutig, und nun lief sie davon. Er schob die Hände in die Hosentaschen und sagte immer noch nichts. Katie wartete, und er wollte auf keinen Fall, dass sie angerauscht käme und Anne noch mehr aufregte.

»Schon gut. Danke für die Zimtschnecken.«

Einen Moment lang schaute sie zu Boden, bevor sie ihn wieder anblickte. »Gern geschehen. Nochmals danke, Mike.«

Und sie ging davon, um die Seite des Gebäudes herum zur Straße, wo sie ihr Auto geparkt hatte. Er überlegte kurz, ihr nachzugehen. Sich für die Unterbrechung zu entschuldigen und sie anzuflehen, die Zeit um fünf Minuten zurückzudrehen. Mehr als alles andere wollte er sie küssen, und er war sich ziemlich sicher, dass sie es auch gewollt hatte. Zweimal hatte er sie jetzt schon verlegen gehen lassen, nachdem sie sich nahegekommen waren.

»Verdammt noch mal«, murmelte er.

Als er hörte, wie sie den Motor anließ und über den Schotter davonfuhr, ging er in sein Büro. Dort saß Katie auf seinem Schreibtisch, die Beine über den Sessel gelegt, und obenrum trug sie nichts als ihren schwarzen BH. Ihr T-Shirt lag über dem Computermonitor. Scheiße.

Warum erregte ihn der Anblick nicht? Er war ein Mann, und sie hatte einen schönen Körper. Aber das war nicht der richtige Moment, und sie nicht die richtige Frau. Doch ehe er ihr das sagen konnte, sprach sie schon.

»Ich schäme mich ein bisschen wegen Samstag. Normalerweise betrinke ich mich nicht so sehr.«

Das bezweifelte er stark. Sie hatte ohne Zögern unzählige Whiskey-Cola gekippt. Aber es war nur höflich, ihre Aussage so stehen zu lassen. »Kein Ding, haben wir doch alle schon mal gemacht.«

Sie lockte ihn mit dem Zeigefinger heran. »Aber dadurch hatten wir ja gar keinen Spaß mehr.«

Nein, den hatten sie nicht gehabt, und daran war er auch nicht mehr interessiert. Eigentlich eine Schande, denn er fand schließlich nicht jeden Tag eine halbnackte Frau in seinem Büro vor. Okay, eigentlich war das noch nie passiert, also wusste er nicht so recht, wie er ihr zu verstehen geben sollte, dass er sie nicht wollte. Er befürchtete, es würde so oder so unschön werden.

»Katie, hör zu …«

Sie setzte sich empört auf. »Willst du mich verarschen, Mike Everett? Ich sitze so auf deinem Schreibtisch und alles, was dir einfällt, ist ›Katie, hör zu‹?«

Sie stand auf und schnappte sich ihr T-Shirt. Jetzt kam er sich wie das größte Arschloch vor. Außerdem war er gerade ein mieser Vertreter der männlichen Spezies, weil er ein so leichtes Angebot ablehnte. Er konnte sich das wirklich kaum erklären. Nein, das stimmte nicht. Es hatte auf jeden Fall etwas mit der Schachtel voll Zimtschnecken zu tun, die direkt neben Katies Hintern auf dem Schreibtisch lag.

»Ich bin nicht dämlich, Mike. Du hättest einfach vor Samstag sagen sollen, dass du nicht interessiert bist, auch wenn ich nicht kapiere, was passiert ist. Du hast schließlich mich gefragt, ob ich mit dir ausgehe. Wir haben wochenlang geflirtet.«

Sie hatte natürlich recht. Aber irgendetwas hatte sich geändert. Er wünschte, es wäre nicht so, denn dann gäbe es jetzt keine Peinlichkeiten. »Katie …«

»Oh nein, wage es ja nicht.« Sie zog sich ihr T-Shirt wieder an und nahm ihre Handtasche. »Ich dachte, du wärst ein netter Kerl. Ich hab dich echt gemocht. Ich habe wirklich geglaubt, mit uns beiden könnte es etwas werden.«

Überrascht zog er eine Braue in die Höhe. Und er war sich völlig sicher gewesen, dass es ihr auch nur um Spaß gegangen war. Scheiße. Sie funkelte ihn wütend an.

»Du bist ein Riesenarschloch«, knurrte sie, bevor sie die Tür hinter sich zuknallte.

Er ließ sich in seinen Sessel sinken und schloss die Augen. Wie hatte dieser Tag nur so schnell so schrecklich werden können? Zwei Frauen waren bei ihm aufgekreuzt und kurz darauf wütend davongerauscht. Er schien ein neues Talent zu entwickeln. Ihm fiel der Umschlag auf der Kuchenschachtel wieder ein.

Er nahm ihn und drehte ihn um. Das Papier roch ein wenig nach ihrem blumigen Duft. Erneut betrachtete er ihre saubere Handschrift. Onkel Mike. Er lächelte. Wer hätte gedacht, dass das sexy klingen konnte? Er dachte jedenfalls nicht an Bailey, wenn Anne ihn so nannte.

In dem Umschlag befand sich eine Karte mit gelben Pünktchen. In der unteren Ecke war ein verschnörkeltes Monogramm gedruckt. Frauen. Er klappte die Karte auf und las.

Mike,

Sie mögen es vielleicht bereut haben, auf einem Kindergeburtstag geblieben zu sein, ich hingegen bin sehr froh darüber. Vielen Dank für die Empfehlung. Es bedeutet mir viel, dass Sie an mich gedacht haben.

Anne

Wenn sie wüsste, auf welche Art er sonst noch an sie dachte! Nicht auf die jugendfreie jedenfalls. Und was jetzt in ihm vorging, war obendrein gefährlich, denn er merkte, wie leid es ihm tat, dass er sie hatte gehen lassen.

6

Freitags herrschte bei Callies Konfekt immer großer Betrieb, und deshalb half Anne seit einiger Zeit am Vormittag aus. Sie tat das ohne Bezahlung, weil Callie Daniels ihre engste Freundin war und weil sie gern mal aus dem Haus kam. Außerdem war die Konditorei eine gute Werbung für den Blog und umgekehrt.

Sie hatte Callie vor zwei Jahren auf dem örtlichen Wochenmarkt kennengelernt, gleich nach ihrem Umzug nach Preston. An Callies Stand hatte sie die Blaubeerscones gekostet und war vor Begeisterung fast tot umgefallen. Die nächsten zwei Samstage hatte sie jeweils ein anderes Gebäck probiert, und alles hatte fantastisch geschmeckt. In der vierten Woche hatte sie Callie überredet, einen Gastbeitrag für den Blog zu verfassen. Darin hatte sie das Rezept für die sensationellen Blaubeerscones verraten. Natürlich war der Beitrag hervorragend angekommen, genau wie Anne vermutet hatte, und seitdem schätzten ihre Follower Callies witzigen Stil und großartige Leckereien. Danach wurde Callie zu einem festen Bestandteil von MPKL und Annes Leben. Inzwischen waren sie eng befreundet, verbrachten viel Zeit damit, gemeinsam den Blog zu gestalten, und richteten gelegentlich Partys aus. Anne war noch nie jemandem begegnet, der seinen Beruf so leidenschaftlich ausübte. Außerdem war die Frau einfach hinreißend, und doch war sie, solange Anne sie kannte, noch nie mit einem Mann ausgegangen.

Es war nett, mit zwei Frauen zusammenzuarbeiten, mit denen sie sich bestens verstand. Denn die Dritte im Bunde war Lindsey, die sich mit antiken Möbeln auskannte. Um schöne Stücke anzukaufen, bereiste Lindsey seit zwei Wochen die Ostküste. Anne beneidete sie darum, von heute auf morgen aufbrechen zu können, denn das tat ihre Freundin am liebsten. Ganz sicher würde sie mit ein paar großartigen Objekten für ihr florierendes Geschäft und den Blog zurückkehren. Wie tüchtig und begabt ihre Freundinnen waren, versetzte Anne immer wieder in Erstaunen, und die Leser ihres Blogs profitierten von ihrem Können. Sie war besonders stolz auf die Konditorei und freute sich, weil es der Blog gewesen war, der Callie zur Erfüllung ihres Traums verholfen hatte.

An diesem Morgen hatte Anne drei verschiedene Sorten Kaffee gekocht, ein paar Cupcakes mit Glasur verziert, und gerade strich sie Zuckerguss auf die Zimtrollen, als Eric hereinkam. In seinem gebräunten Gesicht prangte eine Designersonnenbrille.

»Ist dir klar, dass die Sonne noch nicht mal aufgegangen wäre, wenn du pünktlich zur Arbeit gekommen wärst? Dass du jetzt mit Sonnenbrille erscheinst, zeigt deine Risikobereitschaft, denn du triffst auf eine sehr verärgerte Chefin, Eric.« Callie wusch sich die Hände und ging zum Kühlraum.

Anne war überrascht, dass Eric nicht darauf einstieg und ihr das übliche Wortgefecht lieferte, das die beiden so genossen. Callie bemerkte es natürlich auch, denn sie warf Anne um die Ecke einen Blick zu. Sie deutete mit dem Kopf auf Eric und Anne zuckte mit den Schultern. Eric faltete Kuchenschachteln, eine anspruchslose Aufgabe, die nicht gerade seiner Vorstellung entsprach, da er sich als kreatives Genie betrachtete.

Callie ging zu ihm und drückte seinen Arm. »Was ist denn los, E?«

Er antwortete mit einem Schniefen. Callie sah zur Decke und unterdrückte ein Aufstöhnen. Anne wusste, dass Callie Eric vergötterte, das taten sie beide, und er trug sehr zum Erfolg der Konditorei bei. Aber er war sechsundzwanzig und glaubte jedes Mal, wenn er mit einem Kerl die Nacht verbracht hatte, der sei der Mann fürs Leben. Anne und Callie hatten seine naive romantische Ader früher bezaubernd gefunden, doch inzwischen gehörte sie zum Alltag.

Sie hatten ihm immer wieder gesagt, es sei nahezu unmöglich, einen Mann fürs Leben zu finden, egal ob schwul oder hetero. Männer hätten meistens nur eine Sache im Kopf, und bei dieser gehe es nicht darum, einen anderen Menschen für den Rest seines Lebens glücklich zu machen. Ironischerweise war Eric ebenfalls einer dieser Männer, aber von seinem Partner verlangte er etwas anderes.

»Tut mir wirklich leid, Schatz«, sagte Callie. Sie streichelte Erics Rücken. »Hat David mit dir Schluss gemacht?«

Anne sah über ihre Schulter. Er schüttelte den Kopf und fuhr fort, die Schachteln zu falten. Das Logo darauf war das gleiche wie auf Erics rosa T-Shirt, das über seinem muskulösen Oberkörper spannte. Er war ein sehr hübscher Kerl, braungebrannt und breit gebaut. Wirklich schade für die Damenwelt in Preston, dass er kein Interesse an ihr hatte. Nicht dass es die Frauen davon abhielt, mit ihm zu flirten. Zum Glück weitete er seinen Charme auch auf die weibliche Kundschaft aus, denn das war gut fürs Geschäft.

Callie warf Anne einen genervten Blick zu und drehte ihn dann zu sich um. »Was ist denn dann passiert?«

»Ich habe mit ihm Schluss gemacht«, sagte er leise.

Callie seufzte dramatisch. »Warum um alles in der Welt hast du das getan? Er war umwerfend und stand total auf dich, wenn ich dein Sexleben, von dem du uns unaufhörlich erzählt hast, richtig deute.«

»Das stimmt.« Eric sah wehmütig auf, bevor er sich wieder an das Falten der Schachteln machte. »Aber er wollte viel zu schnell viel zu viel. Mir fehlte einfach die Luft zum Atmen.«

»Eric!«, riefen Anne und Callie gleichzeitig aus.

Callie warf die Hände hoch. »Was willst du denn eigentlich? Weißt du was? Spar dir die Antwort bis nachher auf, denn ich befürchte, sie könnte ziemlich umfangreich ausfallen. Kommst du denn klar? Denn es ist Freitag, und der Laden wird gleich ziemlich voll sein.«

Er nickte und legte endlich die Schachtel aus der Hand. »Ja, eine Ablenkung ist jetzt genau das Richtige.«

»Ich verspreche dir, ich mache es wieder gut. Heute reißen wir uns noch mal den Arsch auf, und morgen gehen wir ins Smokey’s, einverstanden? Klingt das gut für dich, Anne?«

»Oh … ich wollte eigentlich …«

Callie warf ihr einen strengen Blick zu.

»Na klar«, verbesserte sich Anne schnell. »Smokey’s klingt lustig.«

Auf Erics Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Callie wusste einfach, wie man mit ihm sprechen musste. Das Smokey’s war eine Kneipe, die am Wochenende immer gut gefüllt war, hauptsächlich mit Studenten aus dem nahe gelegenen College. Für Anne war es nicht immer das Richtige, aber Callie und Eric, die beide erst siebenundzwanzig waren, gingen gern hin. War Anne erst mal dort, machte es ihr auch Spaß, nur die Tanzfläche lockte sie nicht so wie die anderen. Dafür war sie mittlerweile zu alt. Außerdem wollte sie ihre Wochenenden nicht so häufig von ihrer Tochter getrennt verbringen. Leider war Claire an diesem Wochenende bei ihrem Vater, also hatte sie keine Ausrede.

Nach den peinlichen Begegnungen mit einem gewissen Automechaniker war es vielleicht genau das, was sie brauchte. Ein unbekümmerter Abend mit Freunden und ein bisschen Flirten, und Mike Everett würde sicher schnell vergessen sein.

Callie nahm Anne das Blech mit den fertigen Zimtschnecken aus der Hand und trug es nach vorne zur Auslage, während Anne und Eric sich die nächsten Bleche vornahmen. Dass es Callie in nur einem Jahr gelungen war, nennenswerte Gewinne zu erzielen, freute Anne immer wieder. Als sie sich kennenlernten, hatte Callie noch daheim gebacken, ihre Produkte auf dem Markt verkauft und Kundenbestellungen angenommen. Jetzt war sie praktisch täglich ausverkauft und erledigte nebenher noch Lieferaufträge – was nicht zuletzt durch die professionelle Geräteausstattung möglich war. Zusätzlich schaffte sie es irgendwie, zweimal pro Woche im Blog zu posten, und die Leser waren von ihren Rezepten begeistert. Bei einigen handelte es sich um raffinierte Klassikervarianten, bei anderen um ihre persönlichen Kreationen. Und alle waren köstlich.

Um neun Uhr morgens hatte Anne alles erledigt, was an Hilfe nötig gewesen war. Also füllte sie ihren Thermobecher mit Kaffee und verabschiedete sich. Sie hoffte zwar, dass Eric und Callie am Abend zu erschöpft sein würden, um noch auszugehen, aber erfahrungsgemäß standen die Chancen dafür eher schlecht.

Zweimal hatte Mike das Vergnügen gehabt, Leckereien von Callies Konfekt zu kosten, aber er hatte noch nie einen Fuß in ihren Laden gesetzt. Er kannte ihn natürlich, aber außer bei der Kneipe, dem Imbiss und der Tankstelle machte er sich in Preston eher rar. Wenn er ausging, dann normalerweise in der Stadt. Und er war auch kein Typ, der in der Konditorei einkaufte, weshalb ihn sein Wunsch, den Laden mal von innen zu sehen, ein wenig überraschte.

Aber eigentlich auch wieder nicht. Denn er hatte nicht aufhören können, an Anne zu denken, seit sie am Montag aus seiner Werkstatt geflohen war. Er wollte sie nicht anrufen, weil er ihre Nummer nicht von ihr selbst bekommen hatte. Nun hoffte er, sie im Callies anzutreffen. Als er die Tür öffnete, bimmelte eine Glocke. Callie stand hinter der Theke und notierte gerade etwas.

»Guten Morgen«, sagte sie fröhlich, ohne aufzublicken.

Bevor er die Gelegenheit wahrnahm, etwas zu sagen, schwang die Tür zur Küche auf, und ein junger, muskulöser Mann kam heraus, gefolgt von dem Duft frisch gebackener Kekse und dem Hauch eines Parfüms, das ihn an Anne erinnerte. Mike stutzte. Hieß das, sie war tatsächlich da? Hinter dem Verkaufsraum allein mit diesem Typen? Der Gedanke wurmte ihn. Ihm blieb keine Zeit, Spekulationen anzustellen, denn der Typ, der ein rosa T-Shirt mit der Aufschrift Callies Konfekt trug, entdeckte ihn und riss die Augen auf.

»Na hallo, wie kann ich zu Diensten sein?«

Na, wegen diesem Kerl brauchte sich Mike keine Gedanken zu machen. Das war ja wohl eine klare Anmache gewesen. Er sah zu Callie, die endlich von ihrem Notizblock aufsah. Sie lächelte herzlich.

»Ich wusste es. Niemand nascht zweimal von meinen süßen Dingern, ohne süchtig zu werden.«

Mike sah, wie der Typ hinter der Theke fragend die Brauen hochzog.

»Von den verkäuflichen hier drin natürlich«, ergänzte sie grinsend und strich über die Glastheke.

Mike schmunzelte über ihren Scherz, sagte aber nichts. Callie war wirklich süß, aber nicht die Frau, an die er unaufhörlich denken musste.

»Es sind zwei Zimtschnecken übrig, Onkel Mike. Soll ich sie Ihnen einpacken?«

Er lachte und kratzte sich verblüfft am Hinterkopf. Wie kam sie dazu, diesen Spitznamen zu benutzen? Hieß das, Anne sprach über ihn? Der Gedanke gefiel ihm.

»Okay, na klar, das wäre toll«, sagte er schließlich, nachdem er sich die Auslage angesehen hatte. »Die waren wirklich lecker. Na klar, darum bin ich schließlich hier.«

»Na klar.« Sie nahm eine kleine Schachtel von einem Stapel und füllte sie mit den beiden Zimtschnecken. Er bemerkte, dass sie an ihm vorbeischaute und über etwas schmunzelte. »Sonst noch etwas? Kaffee? Eric hat gerade frischen gekocht.«

Mike sah über seine Schulter zu Eric, der schnell so tat, als ob er die Plastiklöffel sortierte. Mike war sich ziemlich sicher, dass dieser Eric gerade auf seinen Hintern geschaut hatte. »Klingt gut.«

»Großartig.« Sie gab seine Bestellung in die Kasse ein. »Das macht dann acht Dollar und vierundsechzig Cent.«

Ein erstaunlicher Preis für zwei Zimtschnecken und einen Kaffee, aber er zog einen Zehner aus seiner Geldbörse. Kurz dachte er darüber nach, wie er sich unauffällig nach Anne erkundigen könnte, kam sich bei der Überlegung aber albern vor. Schließlich war er ein erwachsener Mann, Herrgott noch mal.

»Ich weiß, meine Waren sind nicht billig, aber sie sind ihr Geld wert. Aber das wissen Sie ja.« Sie zwinkerte ihm zu, bevor sie fortfuhr. »Ach übrigens, Mike … ich werde Ihnen jetzt eine exklusive Information geben. Und das vollkommen kostenlos.«

War er ein Glückspilz oder nur schrecklich durchschaubar? Sie schloss die Kasse und reichte ihm das Wechselgeld über die Theke. Dann steckte sie die Schachtel in eine Tüte und legte noch ein paar Servietten und eine Plastikgabel hinein, während sie mit einem übertrieben traurigen Gesichtsausdruck sagte: »Der arme Eric hat heute Morgen mit seinem Freund Schluss gemacht.«

Mike warf einen erneuten Blick zu Eric und räusperte sich. »Tut mir leid zu hören, Mann.«

Eric nickte. »Danke. Ich komm schon drüber weg.«

»Wie Sie vielleicht wissen«, fuhr Callie fort, »gibt es nur eine Methode, um über einen Kerl hinwegzukommen: Man muss sich ordentlich betrinken und sich einen neuen schnappen, nicht wahr?«

Meinte sie das ernst? »Äh, weiß ich das? Ich bin mir da nicht so sicher«, erwiderte Mike verdattert.

»Keine Sorge, Alpha-Mike, ich komme sofort zum Punkt. Folglich werden ich, Eric«, sie lehnte sich über die Theke und sprach sehr langsam, während sie Mike seine Tüte reichte, »und meine allerbeste Partyplanerfreundin … heute Abend im Smokey’s sein.« Sie zwinkerte.

Ha. Er mochte Callie. Beste Freundin aller Zeiten. Er grinste und nickte. »Alles klar. Vielen Dank.«

»Sehr gerne. Eric hat Ihren Kaffee.« Sie schaute nickend hinter ihn.

Mike drehte sich um, und Eric streckte ihm den Pappbecher schon entgegen. »Ich habe einfach mal angenommen, dass Sie ihn mit einem Löffel Zucker und einem Schuss Milch trinken. Stimmt’s?«, fragte Eric augenzwinkernd.

»Äh, ja. Toll, danke.« Mike schluckte und machte sich bereit, den Rückzug anzutreten.

»Oh, und wenn Sie mal was ganz Himmlisches ausprobieren wollen … stecken Sie die Teile für zwanzig Sekunden in die Mikrowelle.« Eric deutete auf die Tüte.

»Das … äh … werde ich versuchen.« Zögernd nahm er den Kaffee aus Erics Hand entgegen und verließ den Laden. Draußen schüttelte er den Kopf, weil er gerade eine der seltsamsten und gleichzeitig nützlichsten Unterhaltungen seines Lebens geführt hatte.

7

Anne stand in ihrem winzigen begehbaren Kleiderschrank und betrachtete seufzend die unvorteilhaften Optionen. Sie hatte keine Ahnung, was sie für einen Freitagabend in der Kneipe anziehen sollte, aber es spielte ohnehin keine Rolle, denn sie würde sich fehl am Platz fühlen, egal für was sie sich entschied.

Wochenenden ohne Claire waren für Anne immer eine Mischung aus Freude und Leid. Einerseits träumten die meisten Mütter davon, ein wenig Zeit für sich zu haben, eine Atempause von der niemals endenden Fragerei, dem Broteschmieren und den Schlafenszeitritualen. Andererseits hasste sie es, nicht zu wissen, was vor sich ging, wenn Claire bei Scott war.

Natürlich sorgte sie sich nicht um Claires Sicherheit oder bezweifelte, dass sich ihre Tochter geliebt fühlte. Scotts Liebe für seine Frau mochte erloschen sein, aber sein Kind vergötterte er, und dafür war Anne dankbar. Nein, es waren Kleinigkeiten, um die sie sich sorgte. Wie reagierte Scott zum Beispiel, wenn Claire ihre Mutter erwähnte? Vielleicht sagte er gar nichts Negatives, aber viele Gedanken musste man gar nicht durch Worte ausdrücken. Und war Scott bewusst, wie vulgär das Fernsehprogramm heutzutage sein konnte? Oder dass für Claire nur fünf Minuten an seinem iPhone ausreichen konnten, um ihre Unschuld zu verlieren?

Aber Anne musste loslassen. Scott hatte Umgangsrecht, und das sah momentan so aus, dass ihn seine Tochter alle zwei Wochen von Freitagnachmittag bis Montagmorgen besuchte. Allerdings verbrachte Claire die Sonntagabende immer bei Scotts Eltern, und das ging ihr gegen den Strich. Denn dadurch brauchte er seine Tochter praktischerweise nie für den Schultag fertig zu machen. In Annes Augen gehörte man erst dann wirklich zum Elternclub, wenn man mit Frühstück, Schulpapieren und einem Abgabedatum jonglierte, während man sich gleichzeitig die Wimpern tuschte. Aber sie mochte Scotts Mutter, also versuchte sie, auch darüber hinwegzusehen.

An den Wochenenden ohne Claire arbeitete sie meistens oder sie las und verbrachte viel Zeit im Internet. An diesem Freitagabend jedoch hatte Callie andere Pläne für sie. Anne zog den schwarzen Rock wieder aus und warf ihn auf den Boden zu den anderen drei Outfits, die sie bereits verworfen hatte.

»Das hier wäre der Wahnsinn.« Callie zog ein schwarzes ärmelloses Kleid mit tiefem Ausschnitt hervor. Es war knalleng, mit schwarzer Spitze überzogen und reichte Anne bis knapp übers Knie. Anne liebte das Kleid, aber …

»Nein, kann ich nicht tragen. Siehst du das gelbe Hemdkleid?«, fragte Anne, während sie auf das besagte Kleidungsstück deutete. »Ab da bis hinten hängen nur Sachen, die mir zu eng sind. Die davor kann ich anziehen, obwohl ich so fett bin.« Sie hob ihre Hände wie der Moderator einer Spielshow.

»So ein Quatsch«, widersprach Callie. »Anne, du hast eine tolle Figur. Was ist nur los mit dir? Die Kerle checken dich die ganze Zeit ab.«

Anne rümpfte die Nase. »Nein, ich bin total fett.« Sie deutete auf ihren Bauch, um zu beweisen, dass sie recht hatte.

»Mein Gott, Mädel, du bist irre. Ich hab das auch.«

Callies Erwiderung war lächerlich. Ihre Bäuche hatten nichts gemeinsam außer einem Bauchnabel, und selbst der war bei Callie viel hübscher. Sie hatte den schlanken, aber muskulösen Körper einer Tänzerin. Callie war während ihrer gesamten Collegezeit im Cheerleader-Team gewesen, und ihrer Figur kam das immer noch zugute. Es war ungerecht, dass sie jetzt jeden Tag Gebäck probierte und es immer noch schaffte, so auszusehen.

»Anne, probier das verdammte Kleid an. Ich habe dich gefragt, ob du heute mit mir ausgehst, und darum darf ich auch bestimmen, was du anziehst.« Callie zog das Kleid vom Bügel und drückte es Anne in die Arme.

»Von dieser Regel hab ich ja noch nie gehört.« Anne zog sich das Kleid über und stellte sich vor den Standspiegel.

»Heilige Scheiße … das wirst du heute Abend anziehen. Keine Widerrede.« Callie steckte den Kopf in Annes Schuhschrank und wühlte sich durch das Chaos. Ein gedämpfter Aufschrei drang aus der Dunkelheit, dann kam Callie mit ein Paar alten Cowboystiefeln zum Vorschein. »Und die wirst du dazu tragen.«

»Was? Ich bin keine zwanzig mehr, Cal. Damit sehe ich aus wie eine Nutte auf einem Rodeo.«

»Ich weiß. Passt doch perfekt.«

»Warum spielt das überhaupt eine Rolle? Ich dachte, es geht heute Abend um Eric. Eigentlich sollte er hier stehen und Kleider anprobieren.« Anne setzte sich auf ihr Bett und zog sich einen Stiefel über. »Wo steckt er eigentlich?«

»Er hat mir eben noch geschrieben, dass er auf dem Weg ist«, sagte Callie.

»Ich wünschte, Lindsey wäre schon zurück. Dann hätte ich wenigstens jemanden, mit dem ich abhängen kann, während ihr euch auf der Tanzfläche amüsiert.« Lindsey feierte ebenfalls gerne, aber nicht so ausgelassen wie Callie.

»Na, dann bin ich ja froh, dass sie noch unterwegs ist, denn du musst dich heute Abend mal richtig amüsieren. Nichts gegen Lindsey, aber in einem Club könnt ihr zwei zusammen ganz schöne Spaßbremsen sein.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das Smokey’s als Club durchgeht.«

»Was Besseres haben wir nicht in Preston, und ab und zu muss ich mal abtanzen.«

Anne stand auf und betrachtete das vollendete Werk. Sie musste zugeben, in diesem Outfit fühlte sie sich ziemlich sexy, auch wenn es obenrum viel zu eng war. So eng, dass sie nicht mal einen BH brauchte. Aber nach dieser Woche hatte sie einen kleinen Selbstbewusstseinsschub bitter nötig. Gott sei Dank hatte Mike sie den Monsers empfohlen, denn die Ablenkung kam genau richtig.

Ihr war es gelungen, den Veranstaltungsort zu buchen, auf den sie ein Auge geworfen hatte, und darauf war sie sehr stolz. Es handelte sich um die alte Scheune einer wunderschönen Farm vor den Toren Prestons. Anne bewunderte das Anwesen schon seit Jahren. Das Bauernhaus, das einem älteren Ehepaar gehörte, war riesengroß und idyllisch, hatte eine lange Veranda und hohe Säulen. Die massive alte Scheune dahinter bot das perfekte Ambiente für die Party. Rustikal, aber geräumig war sie und seit langem nicht mehr für Vieh oder Heuballen benutzt worden. Also würde es nicht besonders aufwendig sein, sie herzurichten.

Am Mittwoch war Anne daran vorbeigefahren und hatte gesehen, dass die Besitzerin, eine alte Dame, hinter dem Haus noch immer einen wunderschönen großen Garten pflegte. Anne hatte ihrer Fantasie freien Lauf gelassen und sich vorgestellt, wie die Gäste vor der Hauptparty in der Scheune zwischen den Blumenbeeten Sekt tranken und flanierten. Vorsorglich war sie mit Cupcakes und der Bereitschaft zu betteln angerückt, und es hatte funktioniert. Sie hatte die Besitzer überreden können, für die Party der Monsers auch den Garten zu vermieten.

Danach hatte sie eine fantastische Band und einen beliebten DJ engagiert sowie Termine mit einigen Cateringfirmen ausgemacht. Die Dinge liefen gut für ihr erstes großes Projekt, und das hielt sie davon ab, ständig daran zu denken, wie lächerlich sie sich fühlte, weil sie innerhalb von nur zweiundsiebzig Stunden nicht nur einmal, sondern gleich zweimal auf Onkel Mikes Anmache hereingefallen war. Okay, es hielt sie fast davon ab.

Als sie die junge, großbusige Frau in Mikes Werkstatt gesehen hatte, war sie sich wie ein kompletter Idiot vorgekommen. Es war dumm gewesen, einen Flirt mit Mike Everett überhaupt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. In Wirklichkeit war es wahrscheinlich ein Segen, dass die Frau hereingekommen war und sie davor bewahrt hatte, sich komplett zum Affen zu machen. Anne konnte mit ihr ohnehin nicht konkurrieren.

Seufzend drehte sich Anne wieder zum Spiegel um und schob ihre eigenen Brüste hoch und zusammen. Dann betrachtete sie ihr Spiegelbild. Diese Dinger hatten zwar ein Kind gestillt, waren aber noch ziemlich ansehnlich. Sie trug ein pralles C-Körbchen, und nichts zeigte nach Süden. Mit einem weiteren Seufzen drehte sie sich um und ging ins Badezimmer, wo sich Callie gerade schminkte.

»Vielleicht ist ja ein heißer Typ da. Ein Blick auf dein nuttiges Cowgirl-Outfit, und du könntest heute Nacht Glück haben«, witzelte Callie.

»Ich bin nicht auf der Suche nach einem heißen Typen. Was Männer angeht, bin ich ein hoffnungsloser Fall.«

»Man kann nie wissen. Ich habe einfach ein gutes Gefühl für heute Abend«, erwiderte Callie.

»Sei bloß still. Das letzte Mal, als du ein gutes Gefühl hattest, wollte jeder Kerl, der an unseren Tisch kam, nur mit Eric flirten.«

»Ich weiß, und das hat er uns auch ziemlich unter die Nase gerieben, der kleine Mistkerl«, sagte Callie, während sie ein letztes Mal an ihren Locken zupfte. Dann drehte sie sich zu Anne um und musterte sie. »Du siehst echt scharf aus, Anne. Also los.«

Sonntags bis donnerstags fiel das Smokey’s eindeutig in die Kategorie Absturzkneipe. Aber an Freitagen und Samstagen heuerten sie einen DJ aus der Stadt an, der genug Leute anzog, dass es als Club durchgehen konnte – zumindest laut Callie. Es war normalerweise nicht Annes Ding – okay, eigentlich nie, da sie einfach nicht auf schwitzende Körper und laute wummernde Musik stand. Aber diesmal freute sie sich auf einen wirklich netten Abend. Sie hoffte nur inständig, dass Mike, der praktisch nebenan wohnte, nicht gerade heute Lust auf ein Bier im Smokey’s hatte. Heute Abend ging es darum, zu vergessen, dass dieser Mann existierte.

Nach etwa sechs Tänzen und drei Cocktails dürstete Anne nach etwas, in dem kein Alkohol war. Sie quetschte sich zum Tresen durch und bestellte ein Glas Wasser. Ein paar Frauen mittleren Alters flirteten mit dem gut gebauten Barkeeper, der aussah, als sei er Mitglied in einer Motorradgang. Er war ihr mit seinen Tätowierungen und dem Ziegenbärtchen ein wenig unheimlich, aber als er sie sah und ihr ein breites Lächeln schenkte, wurden seine Gesichtszüge weicher, und er wirkte fast hübsch. Er reichte ihr ein Glas Wasser, das sie hinunterstürzte, als eine der Frauen sie ansprach.

»Sind Sie nicht Anne von dem Bastelblog?«

Sie schluckte ihr Wasser herunter und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ja, das bin ich.« Es war ihr ein wenig peinlich, in einer Kneipe darauf angesprochen zu werden. Das war einfach nicht ihre Welt und passte so gar nicht zum Stil ihrer Website, die Wert auf ihre Familienfreundlichkeit legte. Doch seit ihre Kolumne in der Lokalzeitung an Beliebtheit gewann, passierte so etwas immer häufiger.

»Haben Sie ein Date?«

»Oh nein, bin nur mit ein paar Freunden hier«, antwortete sie lächelnd.

»Dafür sind Freitagabende gemacht, oder?« Die Frau neben ihr winkte den Barkeeper heran. »Trinken Sie einen Kurzen mit uns, bevor Sie gehen. Wir sind Fans.«

»Oh … nein, besser nicht.«

»Aiden, gib ihr einen Kurzen«, beharrte die Frau. Ihr leuchtend rotes Haar war flippig hochgesteckt, und ihr Gesicht war mal hübsch gewesen, doch sie hatte offenbar ein hartes Leben gehabt. Anne hob protestierend die Hand.

»Ich befolge nur meine Befehle.« Der Barkeeper schob augenzwinkernd ein Schnapsglas vor Anne. Sie wollte nicht unhöflich erscheinen, also hob sie es und stieß mit den Frauen an, bevor sie es mit einem Schluck leerte. Der Schnaps brannte sich ihre Kehle hinunter, und sie musste ein Husten unterdrücken. »Oh wow. Das war … das war richtig gut.«

Die Rothaarige lachte. Keine der anderen schien ein Problem mit dem Schnaps zu haben. Anne dankte ihnen und beharrte darauf, wieder zu ihren Freunden zu müssen. Bevor sie zu denen zurückkehrte, betrat sie die schummrig beleuchtete Damentoilette und zog ein Papierhandtuch aus dem Spender. Sie legte es zwischen ihr Kleid und den Waschtisch und lehnte sich zum Spiegel vor. Mit einem weiteren Papiertuch tupfte sie sich die Stirn ab und ließ die letzte Stunde Revue passieren. Abgesehen von dem Kurzen hatten ihr bereits zwei Männer einen Drink ausgegeben, sodass sie einen gesunden Schwips hatte und sich sehr selbstbewusst fühlte. Drei Gläser waren aber auch schon ihr Limit; sie mochte es nicht, die Kontrolle zu verlieren.

Auch wenn ihr männliche Aufmerksamkeit nicht vollkommen fremd war, überraschte es sie doch, dass es gleich für zwei freie Drinks gereicht hatte. Eigentlich ein Anlass zum Feiern … und vielleicht ein weiteres Paar Cowboystiefel. Die beiden Verehrer waren sogar niedlich gewesen. Anne wusch sich die Hände und zauste sich durch ihre Haare, die sie offen und wellig gelassen hatte. Sie musste zugeben, dass sie heute Abend gut aussah. Hätte sie ihre Haare bei ihrem Besuch in Mikes Werkstatt ebenfalls offen getragen, hätte sie vielleicht nicht so sehr wie eine »Kundin« gewirkt. Mit einem Versprechen an sich selbst, nicht mehr an Onkel Mike zu denken, verließ Anne die Damentoilette.

Nach Clubstandards war es immer noch früh, also herrschte noch kein totales Gedränge, aber die Kneipe war, was Callie »vielversprechend voll« nannte. Damit meinte sie, die Chancen, einen heißen Typen zum Tanzen zu finden, standen ziemlich gut, aber es war nicht so überfüllt, dass man seine Freunde in der Menge verlor.

Anne ging zu ihrem Tisch zurück. Dort wartete einer der Männer, die ihr ein Getränk ausgegeben hatten, auf sie. Er grinste, als er sie durch die Menge kommen sah, und kam ihr entgegen. Oh nein. Was hatte sie sich bloß angetan?

Der tiefe Bass der Musik schien jeden seiner Schritte zu unterstreichen. Anne sah an ihm vorbei zu den beiden Idioten, die sich ihre Freunde nannten. Sie hoben ihre Daumen in die Höhe. Eric machte sogar eine Pfötchengeste und zog knurrend die Oberlippe hoch. Anne liebte die beiden wirklich.

Sie traf ihren attraktiven Drinkspendierer am Rand der Tanzfläche. Er legte einen Arm um ihre Taille, zog sie an sich heran und sagte: »Wir müssen tanzen.«

Sie sah in seine Augen, während er sein Bier austrank, und fragte sich, wie alt er war. Möglicherweise war er Ende zwanzig. Vielleicht. Wohl doch eher fünfundzwanzig. Aber wen zum Teufel interessierte das jetzt? Sie fühlte sich beschwingt. Er stellte seine leere Flasche auf einen nahen Tisch, presste seinen Körper gegen ihren und manövrierte sie rückwärts auf die Tanzfläche.

Die Reibung seines festen Oberkörpers machte sie ganz schwindlig. Sie legte die Arme um seinen Hals und bewegte sich zur Musik. Es war nett, in das Gesicht eines Mannes zu blicken und in seinen Augen mehr als Freundlichkeit zu erkennen. Obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass sie auch in Mike Everetts Blick so etwas wie … nein, sie durfte nicht über ihn nachdenken.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihren Tänzer und lächelte, als er ihr über den Hintern strich und die Hand schließlich darauf liegen ließ. Und skandalöserweise unternahm sie nichts dagegen. Was war bloß mit ihr los? Es war eine Sache, wie eine Rodeonutte auszusehen, aber sie hatte nicht geplant, sich auch wie eine zu benehmen. Leider konnte und wollte sie nicht aufhören.

Sie drehte den Kopf nach rechts, während der gut aussehende Fremde sich gegen sie presste. Callie und Eric tanzten jetzt neben ihnen. Sie gaben ein schönes Paar ab. Einen Moment lang dachte Anne, wie schade es war, dass sie nicht wirklich ein Paar werden konnten. Callie war eine tolle Tänzerin und sah dabei immer unglaublich aus.

Anne drehte sich in den Armen ihres Tanzpartners, sodass sie ihre Freunde sehen konnte und den Kerl damit vielleicht auch ein wenig abkühlte, denn seine Hände wurden allmählich dreist. Callie kam tanzend zu Anne. Breit grinsend schob Callie ihren schlanken Körper gegen Annes. Wenn sie Callie tanzen sah oder überhaupt ihre Bewegungen beobachtete, führte das meist dazu, dass sie ihre eigene Sexiness infrage stellte. Aber heute Abend tat sie das nicht. Das Gefühl des niedlichen Typen hinter ihr war alles, woran sie gerade denken wollte. Sie spürte ihn an ihrem Rücken und roch sein intensives Aftershave. Ein Weilchen tanzten sie zu dritt, und dabei neigte sich Callie zu ihrem Ohr. »Er ist echt scharf, findest du nicht?«

Anne nickte, worauf die Hand auf ihrem Brustkorb ein wenig zudrückte. Dieses verdammte Clubgeflüster war nicht so vertraulich wie gehofft.

Callie kam noch näher an Annes Ohr. »Guck nicht hin, aber jemand rechts von dir findet unsere supersexy Show gerade nicht so toll.« Anne spannte sich an, während Callie und der junge Typ hinter ihr sie in einem engen, kreisenden Sandwich hielten. Jemand beobachtete sie, während sie wie ein Flittchen tanzte? Na großartig.

Die Musik war laut und dröhnte bis in ihre Nervenenden. Sie drehte den Kopf in die genannte Richtung, gerade als eine warme Hand ihren Schenkel hinaufglitt und ihr Kleid höher schob.

Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit jenseits der Tanzfläche und ihr Blick fiel auf keinen anderen als Mike Everett. Verdammt. Seine Augen waren leicht zusammengekniffen und sein Mund eine schmale Linie. Er lehnte sich gegen einen der Stehtische und beobachtete sie beim Tanzen. Ein Mann neben ihm unterhielt sich mit einer Frau in einem tief ausgeschnittenen Oberteil.

Einen Moment lang schämte sie sich. So sollte sich keine Mutter oder Frau über dreißig benehmen. Morgen würde sie das alles total bereuen. Heute Abend jedoch drängte ihr alkoholvernebeltes Gehirn, einmal loszulassen und Spaß zu haben … ein bisschen wenigstens. Wen scherte es schon, was Onkel Mike über sie dachte? Und außer ihren Freunden war niemand hier, den sie kannte.

Trotz allem wanderte Annes Blick von seiner Schulter hinunter zum Bizeps des aufgestützten Arms, über dem das T-Shirt spannte, bis zu der großen Hand und der Bierflasche darin. Er war so wahnsinnig attraktiv. Sie fühlte ihre Wangen heiß werden. Vielleicht kam das aber auch nur von dem Schnaps, den sie vor ein paar Minuten gekippt hatte. Sie war so eine Idiotin, dass sie auf ihn stand.

Eric kam von seinem Gang zum Tresen zurück und reichte ihr und Callie eine Flasche. Anne schnappte sich ihre und nahm erst mal einen tiefen Schluck, bevor sie wieder zu Mike sah, dessen Augen immer noch auf sie gerichtet waren. Die farbigen Scheinwerfer strahlten Hitze aus, und ein Schweißtropfen lief ihr vom Haaransatz in die Stirn. Sie hob den Arm und wischte ihn weg.

Ihr Tanzpartner, der immer noch hinter ihr stand, nahm das als Einladung und griff in ihre Locken. Sie spürte ein leichtes Ziehen, als er ihren Kopf zur Seite neigte und seinen Mund auf ihren Hals senkte. Anne schnappte nach Luft, als sie seinen heißen Atem und seine feuchten Lippen spürte. Das war ihr endgültig zu dominant. Sie löste sich von ihm und warf ein unschuldiges Lächeln über ihre Schulter. Dann sah sie wieder zu Mike. Er hatte sich weggedreht und sprach jetzt ebenfalls mit Miss Tiefes-Dekolleté und ihrer Freundin Miss Noch-viel-tieferes-Dekolleté. Mistkerl. Warum verschwendete sie überhaupt einen Gedanken an ihn?

Das nächste Lied begann mit einem stärkeren Rhythmus, und ihr Partner flüsterte ihr ins Ohr: »Ich hole mir ein neues Bier. Lauf nicht weg.«

Anne nickte. Sie war ein wenig erleichtert. Callie ergriff Annes Hand und zog sie zu sich. Das neue Lied war offensichtlich beliebt, denn es drängten mehr Leute auf die Tanzfläche, sodass sie Mike nicht mehr sehen konnte.

»Verdammt, das war eben so krass cool«, rief Callie über die Musik hinweg. Sie war ziemlich angetrunken.

»Im Ernst? Das war doch total peinlich. Er hat mir an den Haaren gezogen. Was zum Teufel sollte das?« Anne rieb sich die Stelle, wo die fremden Lippen sie geküsst hatten. Sie war mit dem Typen fertig. Wahrscheinlich war es ratsam, in der Menge zu verschwinden, bevor er zurückkehrte.

»Hast du sein Gesicht gesehen? Es gibt nichts Heißeres als einen Kerl, der düster vor sich hin grübelt und eifersüchtig ist.« Callies Augen leuchteten vor Aufregung, und Anne wurde klar, dass sie nicht den Haare ziehenden Neandertaler gemeint hatte. Callie stellte sich auf die Zehenspitzen, um über Annes Schultern hinweg zu Mike zu sehen.

Anne schüttelte den Kopf. Callie grinste und tanzte weiter. Sie war noch jung genug, um diese Art Drama zu genießen. Anne musste zugeben, dass es irgendwie spaßig war. So etwas hatte sie noch nie gemacht, nicht mal in der Highschool. Sie war immer zu sehr damit beschäftigt gewesen, ein anständiges Mädchen zu sein, gute Noten zu bekommen und auf der Ehrenliste zu stehen. Mit anderen Worten, sie hatte nicht besonders viel Spaß gehabt. Aber daran war sie natürlich selbst schuld gewesen. Ihre Eltern hatten sie nicht dazu gedrängt. Das hatte sie alles allein entschieden.

Dann kam ihr ein ernüchternder Gedanke. Was, wenn Callie falsch lag und Mike sie anstarrte, weil sie sich in einer Kneipe voller Studenten wie eine promiskuitive Mrs Robinson aufführte, und nicht, weil er eifersüchtig war? Wahrscheinlich hätte er nie von ihr gedacht, dass sie in so eine Kneipe ging, und jetzt war er zweifellos über ihr Benehmen entsetzt.

Verdammt, sie wollte sich heute Abend doch gut fühlen … und glücklich. Und das tat sie auch. Durch den Schwips fühlte sie sich überall ganz warm. Aber sie würde sich noch besser fühlen, wenn sie nicht zusehen müsste, wie Mike andere Frauen anmachte. Sie wandte sich wieder Callie, Eric und der Musik zu, die über die Tanzfläche dröhnte. Sollte Mike doch denken, was er wollte. Sie hatte keine Lust mehr, sich über ihn den Kopf zu zerbrechen. Heute Abend wollte sie ihn vergessen.

8

Zum Glück saß Mike direkt unter einem Lautsprecher, sodass er die Frau, die vor ihm saß und auf ihn einredete, kaum verstand. Er nickte, wenn es passend schien. Ihr Lächeln deutete darauf hin, dass sie damit zufrieden war, genau wie ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Meistens mied er das Smokey’s am Wochenende, weil es nicht seiner Vorstellung von einem netten Abend entsprach – zu laut, zu voll und zu viele betrunkene Idioten. Nachdem er mit Anfang zwanzig immer nur einen Schritt vom Tod oder Knast entfernt gewesen war, kam ihm dieses Studentenleben inzwischen fremd vor. Wann war er so alt geworden? Er ging in die Kneipe, um sich zu entspannen, ein Bier zu trinken und mit Aiden zu plaudern, der ihn im Austausch für Tuning und Ölwechsel günstiger trinken ließ, und ja, auch um gelegentlich mit jemandem zu flirten. Aber das hier war Wahnsinn. Er konnte einfach nicht glauben, dass Anne so etwas gefiel, aber hier war sie.

Er riskierte einen Blick auf die Tanzfläche. Dort war sie nirgends zu sehen, und er konnte sich nicht entscheiden, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Wie sie sich in diesem Kleid bewegte, besonders bevor sie ihn bemerkt hatte, war verflucht heiß. Aber als dieser Kerl sie am Hals knutschte, das war für Mike kaum zu ertragen gewesen. Und wie die Wut in ihm hochkochte, als dieses Arschloch Anne an den Haaren zog, überraschte ihn. Er war nicht der eifersüchtige Typ, hatte allerdings noch nie Grund dazu gehabt. Bei dem Anblick jedoch hatte er mit den Zähnen geknirscht und die Fäuste geballt.

Einige Tänzer bewegten sich gerade lange genug auseinander, dass er Anne und ihre Freunde sehen konnte. Sie tanzte jetzt wieder allein. Er streifte die Hand der Frau neben sich ab und stand auf. »Entschuldige mich einen Augenblick«, rief er über die wummernde Musik.

Er nickte Derek zu. Um seinen Freund herzubekommen, hatte er ihm genau erklärt, warum sie heute Abend hier waren. Derek war ebenfalls kein Clubgänger, auch wenn er die Frauen aufriss, als sei er dafür geschaffen worden. Das war nicht weiter überraschend, denn er sah nach einem reichen Kerl aus. Weil er viel arbeitete und seine freie Zeit damit verbrachte, seinen siebenjährigen Sohn großzuziehen, ging er selten aus. Nicht dass er ein geldgeiler Karrierist war, im Gegenteil, er war sehr liebenswürdig und bescheiden, verdiente aber hervorragend, weil er tüchtig war. Vielleicht sollte Derek es mit Anne versuchen – sie hatten beide Kinder und mussten sie allein erziehen. Er hatte Niveau und einen Collegeabschluss und konnte Anne alles geben, was sie verdiente.

Nein, allein der Gedanke brachte Mikes Blut zum Kochen. Die süße kleine Anne verdiente viele Dinge, vor allem solche, die nicht in der Schule gelehrt wurden – Dinge, mit denen er sich auskannte, und er würde derjenige sein, der sie ihr gab.

Er ging zur anderen Seite der Tanzfläche und ignorierte dabei wandernde Hände und die zweideutigen Blicke der Frauen, die dort tanzten. Er wusste genau, wohin er wollte, und als er direkt hinter Anne Edmond stand, entspannte er sich und atmete tief durch. Er nahm ihren Duft wahr und sah ihr Haar glänzen. Sie trug es heute Abend offen, und es wirkte unwahrscheinlich sexy. In diesem Moment erregte ihn alles an ihr.

Sie hörte zu tanzen auf und beugte sich ans Ohr ihrer Freundin. Über Annes Schulter hinweg traf ihn Callies Blick. Er zwinkerte ihr zu. Er war ihr etwas schuldig. Callie grinste und drehte sich zu Eric um, der Mike ebenfalls angrinste.

Langsam schob Mike die Hände an Annes Ellbogen vorbei und schlang seine Arme um ihre Taille. Erst zuckte sie zusammen, dann entspannte sie sich ein wenig. Offenbar dachte sie, ihr übereifriger Tanzpartner sei zurückgekehrt. Sie trank einen Schluck von ihrem Bier und begann sich zum Rhythmus der Musik zu bewegen. Aber sie lehnte sich nicht an ihn. Mike nahm immer noch eine gewisse Anspannung an ihr wahr. Vielleicht stand sie doch nicht so besonders auf den Idioten … Mike schmunzelte.

Sie war eindeutig beschwipst, und darum dauerte es ein bisschen, bis sie bemerkte, dass etwas anders war. Für einen Moment erstarrte sie, dann riss sie den Kopf zur Seite.

Mike lachte leise und beugte sich zu ihrem Ohr vor. Seine Lippen berührten ihr Haar. »Bist du jetzt damit fertig, mich zu bestrafen, Miss Perfect?«

Er konnte nicht leugnen, dass die Art, wie sie sich sofort entspannte und nach hinten neigte, ihn total anmachte. Er war erleichtert. So wollte er es haben: Sie sollte ihn berühren und sich dabei sicher und wohl fühlen. Als er sie an sich zog, hob sie das Kinn. Ihr Hinterkopf streifte sein Schlüsselbein.

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, sagte sie und hob wegen der lauten Musik die Stimme.

Erfreut, weil sie das Du erwiderte, griff er ihr fester um die Taille und flüsterte ihr heiser ins Ohr: »Ich glaube schon, Anne.«

Sie drehte sich in seinen Armen, um ihn anzusehen. Sie sah heute Abend fantastisch aus. Ihr Kleid betonte ihre weichen Schultern, und in den Stiefeln wirkten ihre gebräunten Beine phänomenal. Sein Blick wanderte zu ihren Brüsten, die sich gegen ihn drückten.

Er fasste um ihre Hüften und schob die Hände an ihren Oberschenkeln hinab, bis er unter ihr Kleid greifen und die Hände direkt unter ihrem Hintern platzieren konnte. Anne schnappte erschrocken nach Luft. Er dagegen atmete tief aus. Wie weich sich ihre warme Haut anfühlte! Ihr endlich so nahe zu sein fühlte sich noch besser an, als er sich vorgestellt hatte, und er versuchte nicht daran zu denken, dass nur ein paar Minuten zuvor ein anderer Mann sie angefasst hatte.

Er lehnte sich vor und strich mit den Lippen über ihr Ohrläppchen. »Dich hier tanzen zu sehen hat mich fast verrückt gemacht.«

Er spürte, wie ein Schauder sie durchlief und sich ihre Brust unter tiefen Atemzügen bewegte. Sie standen jetzt Wange an Wange. Er drehte seinen Kopf nur so weit, dass er sie ansehen konnte, und kratzte mit seinem Dreitagebart über ihre zarte Haut. Sowie sie zu ihm aufblickte, nutzte er die Position aus. Es hätte schon längst passieren sollen, und das wäre es auch, wenn sie in seiner Werkstatt nicht unterbrochen worden wären. Er wollte verdammt sein, wenn er es heute Abend nicht endlich hinbekam.

Er neigte den Kopf und strich mit den Lippen sanft über ihren Mund. Zuerst rührte sie sich nicht, aber es dauerte nicht lange, bis sie reagierte. Und dann tat sie es nicht nur mit dem Mund, sondern schmiegte sich mit dem ganzen Körper an ihn und drückte seine wachsende Erektion gegen ihren Bauch. Während ihres Kusses holte sie immer wieder scharf Luft, was ihn noch mehr erregte. Er begann an ihrer Unterlippe zu saugen und hörte sie stöhnen, trotz der lauten Musik.

Nach einem Moment befreite sie sich von seinen Händen und seinem Kuss, sah ihm kurz in die Augen und übernahm die Kontrolle. Sie küsste ihn leidenschaftlich. Stöhnend ließ Mike eine Hand an ihrer Seite hinaufwandern, von der Hüfte zu ihrer Brust, und fasste mit der anderen um ihren Hinterkopf.

Es wurde ein nasser Kuss voller Momente explosiver Erregung. Annes Hände fanden ihren Weg zu seinem Nacken, während sie ihr rechtes Bein nach vorn bewegte, um ihre Mitte gegen seinen Oberschenkel zu pressen. Er wippte mit dem Becken und seine Intuition wurde belohnt, als sie mit weit aufgerissenen Augen den Kopf zurückwarf. Ihre Lider flatterten, während er fortfuhr, sich im Rhythmus der Musik gegen sie zu drücken.

Er nahm die Leute ringsherum wahr, hörte die dröhnenden Bässe, aber seine Konzentration war gänzlich auf die weiche warme Anne gerichtet. Noch einmal strich er mit den Lippen über ihr Kinn, während seine Finger ihren Brustkorb hinaufwanderten, sich um eine Brust schmiegten und sanft zudrückten.

Anne hob ruckartig den Kopf, als müsse sie nach Luft schnappen. Dann nahm sie sein Gesicht in beide Hände und zog ihn wieder an sich. Statt ihn zu küssen, neigte sie sich zu seinem Ohr, und schon der Klang ihrer Stimme machte ihn bretthart. »Ich will dich. Dringend.«

Jetzt war er es, den ein Schauer durchlief. Er hatte nicht erwartet, das von ihr zu hören. Er hatte gewusst, dass Anne sich zu ihm hingezogen fühlte, und war sich trotzdem nicht sicher gewesen, wie dieser Abend enden würde. Aber er war bereit gewesen, sich schwer ins Zeug zu legen. Und wie es aussah, würde er das müssen, wenn auch anders als ursprünglich gedacht. Nicht dass er sich beschweren würde – er war bereit, ihr zu geben, was immer sie brauchte. Während sie seinen Bizeps betastete, raunte er ihr ins Ohr: »Und du sollst mich haben, Anne. Heute Nacht.«

9

Anne ließ sich von Mike durch das Gedränge an der Theke führen, blieb aber stehen, als ihr klar wurde, dass er zum Ausgang wollte. Er drehte sich fragend zu ihr um, und sie deutete zu ihrem Tisch. Callie und Eric waren dahin zurückgekehrt, und sie wollte nicht gehen, ohne sich von ihren Freunden zu verabschieden. Mike nickte und folgte ihr.

Sie hatte gesagt, sie wollte ihn haben. Sogar »dringend«, und das hatte er als Aufforderung verstanden, sofort zu handeln. Natürlich. Denn wenn sie ehrlich mit sich war, war es genau das gewesen. Sie hatte ihn quasi angefleht. Hatte sie das wirklich vorgehabt? Mit Mike Everett nach Hause zu gehen? Sie wollte es, sehr sogar, aber jetzt, wo seine Zunge nicht mehr im Spiel war, meldete sich ihr Verstand zurück und erinnerte sie daran, dass sie noch vor wenigen Stunden seine Existenz verflucht hatte. Aber Himmel, seine Berührung fühlte sich unglaublich an. Diese starken Hände, die muskulöse Brust und dieser äußerst talentierte Mund! Welche Frau konnte dazu schon Nein sagen?

Sie quetschte sich an der Bar vorbei zu ihren Freunden. Mike folgte ihr. Am Tisch angekommen, legte er ihr die Hand in den Nacken. Die Geste war ein wenig besitzergreifend. Mit dem Daumen strich er über ihren Haaransatz, und sie durchlief ein Schauer. Alles an ihm löste erwartungsvolles Kribbeln aus, der Vorbote erhoffter Ekstase. Seine muskulösen Arme, als er sie auf der Tanzfläche umschlungen hatte, und sein fester Oberschenkel zwischen ihren Beinen hatten sie ahnen lassen, wie sein nackter Körper aussah. Dieser Mann bewirkte zweifellos, dass sie sich gut fühlte. Allein bei dem Gedanken an ihn bekam sie schon einen Orgasmus. Nicht dass das passiert wäre. Zumindest nicht heute.

Die Musik war in der letzten halben Stunde lauter geworden, oder vielleicht hatte sie auch nur zu viel Alkohol getrunken. So oder so beugte sie sich zum Ohr ihrer Freundin. Doch bevor Anne den Mund geöffnet hatte, kam ihr Callie zuvor. »Geht ihr schon?«

Anne legte den Kopf schief, ein wenig verärgert, weil sie so durchschaubar war. Aber es stimmte, sie wollte gehen, und sie war aufgeregt und nervös und fühlte sich überwältigt. Vor Callie stand ein unberührtes Schnapsglas mit einer pink- und orangefarbenen Flüssigkeit. Anne nahm das Glas, ignorierte Callies schwache Proteste und kippte seinen Inhalt mit einem Schluck. Wenn sie diese Bar mit Onkel Mike verlassen wollte, musste sie beschwipst bleiben. Ein wenig zusätzliches flüssiges Selbstvertrauen konnte nicht schaden. »Ich ruf dich morgen an.«

»Ich bestehe darauf.« Callie lächelte und verabschiedete sich von Mike, der geduldig hinter Anne gewartet hatte, während er mit den Fingerspitzen über ihren Rücken und Nacken strich.

Anne winkte Eric zu, der sich am Tisch zur Musik bewegte. Er winkte zurück. Als sie sich zu Mike umdrehte, hielt er ihr seine Hand hin und sie ergriff sie. Sofort wurde sie von nervösen Gedanken befallen, die sich in ihrem Kopf breitmachten.

Es war eindeutig, dass er es wollte – oder? Er war zu ihr auf die Tanzfläche gekommen und hatte ihr vorgeworfen, dass sie ihn bestrafte. Hatte sie ihn bestrafen wollen? Das war zwar ursprünglich nicht ihre Absicht gewesen, aber sein verärgertes Gesicht zu sehen, zu wissen, dass es ihn eifersüchtig machte, wenn sie mit einem anderen Mann tanzte, das hatte sich unglaublich angefühlt. An besitzergreifendes Benehmen war sie nicht gewöhnt, aber es war erregend.

Jetzt folgte sie Mike, der dem Barkeeper zuwinkte und zum Ausgang ging. Dabei versuchte sie mit ihrem benebelten Kopf, den heißen Typen, der sie hinausführte, einzuordnen. Kam er oft her? Was erwartete er von ihr? Würden sie miteinander schlafen? Hatte er je mit einer Frau über dreißig Sex gehabt? Die Antwort auf die letzte Frage lautete wahrscheinlich Nein.

Hinter dem Smokey’s lag der Hauptparkplatz. Anne atmete die milde Nachtluft ein und ergriff ohne Zögern Mikes Hand, während sie darüber nachdachte, wie viele betrunkene Idioten wohl auf der steilen Holztreppe zum Parkplatz schon gestürzt waren. Sie war dankbar, dass sie sich für die Stiefel und gegen High Heels entschieden hatte.

»Ich hab dich«, sagte er, während sie langsam die Stufen hinunterstiegen.

Sobald sie den Parkplatz erreicht hatten, wollte sie Mike loslassen, aber er gab ihre Hand nicht frei, sondern drückte sie und zog Anne dicht neben sich. So gingen sie zwischen den Wagen durch zum anderen Ende des Parkplatzes. Sein neu wirkender Camaro piepste, als Mike den Wagen mit einem Druck auf den Schlüssel entriegelte, und sie hörte den Motor anspringen. Natürlich, sie hätte sich denken können, dass er mit allen verfügbaren Extras ausgestattet war.

Sie deutete auf den schief in der Parklücke stehenden Camaro. »Du bist also einer von diesen Kerlen, hm? Ich hasse Leute, die gleich zwei Parkplätze belegen.«

Er ließ ihre Hand los und schlang einen Arm um ihre Taille. »Hassen ist ein ziemlich starkes Wort, Miss Perfect.«

»Mag sein«, sagte sie. Es war geradezu peinlich, wie sehr er ihr den Atem raubte. Jedes Mal, wenn er sie so nannte, verspürte sie ein Kribbeln. Aber sie fragte sich auch, wie er auf diesen Namen kam. Sie war das Gegenteil von perfekt. Trotzdem wollte sie es immer wieder von ihm hören. Sie schmiegte sich an ihn und legte den Kopf zur Seite, während er ihren Hals küsste. Sie spürte seinen heißen Atem auf ihrer Haut und schnappte lautlos nach Luft, als er über ihr Schlüsselbein leckte.

»Du hasst mich doch nicht wirklich, oder?« Seine Hände wanderten an ihrer Seite hinunter und legten sich auf ihren Hintern. Sie schüttelte den Kopf und blickte ihm tief in die Augen, worauf er die Lippen auf die Stelle unter ihrem Ohrläppchen drückte. Kurz stupste er sie mit der Zungenspitze an, und gerade als sie meinte, vor Lust zu vergehen, löste er sich von ihr und gab ihr einen Klaps auf den Hintern. »Dann mal los.«

Hm. Sie konnte ihm den Klaps kaum übelnehmen, wenn ihr Körper diese Geste derart willkommen hieß.

Mike öffnete die Beifahrertür, und sie setzte sich. Der schmale Ledersitz berührte links und rechts ihre Hüften, und sie lehnte sich automatisch zurück, als säße sie in einem Rennwagen. Sowie sich die Tür neben ihr schloss, atmete sie tief durch. Die kühle Luft draußen senkte bereits die Temperatur im Wagen. Sie sah zu, wie Mike auf der anderen Seite einstieg und sich setzte. Er tippte auf einem beleuchteten Monitor im Armaturenbrett herum und griff schließlich nach der Gangschaltung zwischen ihnen. Es war sehr aufregend, ihn am Steuer eines so tollen Autos zu sehen.

Ihre Blicke trafen sich, und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem zweideutigen Lächeln, als er den Rückwärtsgang einlegte und losfuhr. Selbst auf dem Beifahrersitz war die Kraft des Wagens zu spüren. Der Motor brummte so tief, dass es im ganzen Körper vibrierte. Sie hätte Mike die ganze Nacht beim Fahren zusehen können. Wie seine langen, maskulinen Finger den Schaltknüppel umfassten und sich seine muskulösen Arme zum Lenkrad ausstreckten. Es gab nichts an ihm, was sie nicht dahinschmelzen ließ.

Auf der langen geraden Strecke auf dem Weg zu ihrem Haus schaltete er einen Gang hoch und fuhr schneller, als im Wohngebiet erlaubt war. Als er in Annes Einfahrt schwenkte, kicherte sie. Der letzte Schnaps wurde wohl gerade in ihren Blutkreislauf aufgenommen.

»War das schon das erregende Erlebnis, von dem du in der Werkstatt gesprochen hast?«, fragte sie grinsend.

Er öffnete seine Tür und setzte einen Fuß auf den Boden, bevor er sich zu ihr umsah. »Nicht mal annähernd.« Er lehnte sich auf dem Sitz zu ihr hinüber. Offenbar war ihr Körper schon ganz auf ihn eingestellt, denn sie kam ihm unwillkürlich entgegen. Er gab ihr einen Kuss, dann noch einen. Schließlich zog er sich ein wenig zurück und flüsterte: »Raus aus dem Wagen, Anne.«

Sie schloss die Lippen und stieg aus. Während sie zur Eingabekonsole der Garage ging, sagte sie über die Schulter: »Du bist heute Abend aber ganz schön dominant.«

Anne gab den Code ein – Claires Geburtstag –, als Mike sich von hinten gegen sie presste und die Hände auf ihre Hüften legte. Rumpelnd fuhr neben ihnen das Tor hoch.

»Tut mir leid, aber ich musste die ganze Woche an dich denken, und ich kann einfach nicht länger darauf warten, dich anzufassen.« Er strich ihre zerzausten Haare zu Seite und hauchte einen Kuss in ihren Nacken. Das Gefühl machte sie verrückt, und sie griff nach dem Holzrahmen des Garagentors. Dieser Mann und sein wandernder Mund waren gefährlich.

»Du stehst wohl auf meinen Hals?«, fragte Anne, während sie sich rückwärts gegen ihn drückte. Er platzierte einen weiteren feuchten Kuss auf ihr Ohr und sandte damit einen Luststoß durch ihren Körper, direkt zwischen ihre Schenkel.

Wieder presste er seine Erektion direkt gegen ihre Rückseite. »Ich stehe auf alles an dir.«

Ein Schauer durchlief sie und sie wich zur Seite weg, damit er ihr ins Haus folgte. Durch die Garage gelangten sie in die Küche. Sie drückte auf den Lichtschalter, der für warme Helligkeit sorgte.

Der krasse Szenenwechsel brachte Anne in die Realität zurück. Ihr wurde klar, dass die Entscheidung, Mike nach Hause mitzunehmen und Sex zu haben, weniger als eine Sekunde gedauert hatte. Ich will dich dringend, und du sollst mich haben – das war praktisch die Unterhaltung des Abends gewesen. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob sie ihm noch in die Augen sehen konnte.

Normalerweise war Anne nicht die Frau, die in Clubs ging und Männer für One-Night-Stands abschleppte. Sie trank nur selten Alkohol, und seit ihrer Scheidung hatte sie keinen Sex mehr gehabt. Jetzt stand sie in ihrer Küche, umgeben von den Dingen ihres Alltags, und begann zu verarbeiten, was geschehen war. Und das war ein wenig überwältigend. Vielleicht hielt er sie nun für eine andere Art Frau, weil er sie im Smokey’s beim Tanzen gesehen hatte. Sie hatte sich auch anders gefühlt, so viel stand fest. Nach dieser Sache würde er sie jedenfalls bestimmt nicht mehr perfekt nennen.

Da sie sich nicht in der Lage sah, ihre widersprüchlichen Gedanken oder ihr nervöses Gezappel zu unterdrücken, holte sie den Beutel Kaffeebohnen aus dem Schrank und ging zum Vollautomaten. Im hellen Licht ihrer Küche ließ ihr angenehmer Schwips rapide nach und zwang sie, ihre Situation als das zu sehen, was sie war: ein großer Fehler.

»Anne«, sagte eine warme, tiefe Stimme hinter ihr. Sie hielt beim Einfüllen der Kaffeebohnen inne und richtete sich auf, drehte sich aber nicht zu ihm um. »Was tust du da eigentlich?«, fragte er mit einem leicht amüsierten, aber sehr beruhigenden Tonfall.

»Ich mache uns einen Kaffee. Klingt doch gut, oder? Ich habe ein bisschen zu viel Alkohol getrunken, aber das sollte wohl helf…« Sie stockte, als ein Arm um sie herumreichte, ihr den Löffel aus der Hand nahm und in die Spüle fallen ließ.

»Morgens mag ich Kaffee sehr, aber in der Nacht will ich etwas anderes. Zum Beispiel dich, nackt.« Seine Worte und wie er seine Fingerspitzen über ihre Schultern gleiten ließ, jagten ihr eine Gänsehaut über die Arme.

Langsam drehte sie sich um und genoss die volle Wirkung eines gut ausgeleuchteten Mike Everett. Mit seinem breiten Kinn und den markanten Gesichtszügen sah er einfach umwerfend aus. Seine Haare, die oben ein wenig zu lang waren, stylte er offenbar, indem er mit den Fingern hindurchfuhr, und wenn sie in seine tiefliegenden blauen Augen blickte, bekam sie weiche Knie. Es war schockierend zu wissen, dass dieser attraktive Mann hier in ihrer Küche stand und sie begehrte. Sie schenkte ihm ein unsicheres Lächeln. Das war einfach zu schön, um wahr zu sein.

»Ich habe gerade ein wenig das Gefühl, dass ich dich verliere, Anne«, flüsterte er, während er eine Haarsträhne aus ihrer Stirn strich. Es war eine so zärtliche und zugleich intime Geste.

Sie entspannte sich ein wenig. »Tut mir leid. Aber jetzt, wo wir hier sind, fühle ich mich einfach …« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wollte es sich nicht anders überlegen. Eigentlich wollte sie sich an ihn pressen und ihn nie wieder loslassen. Mike nackt zu sehen wäre absolut toll, aber sich vor ihm nackt zu zeigen, wäre ihr entsetzlich peinlich. Warum musste sich ihr Verstand immer in solchen Momenten melden?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Made with Love - Alle 3 Bände in einem E-Book" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen