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Maddrax - Folge 455

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah …
  4. Die überleben dürfen
  5. MADDRAX - die dunkle Zukunft der Erde
  6. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ – in Wahrheit eine Arche Außerirdischer – die Erde. Ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, „Maddrax“ genannt, dessen Staffel ins Jahr 2516 versetzt wird. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula erkundet er diese für ihn fremde Erde. Bis sie durch ein Wurmloch, das sich im Forschungszentrum CERN auftut, in ein Ringplanetensystem versetzt werden, während der Mond auf die Erde zu stürzen droht.

Auf dem Ringplaneten herrschen die Initiatoren, auch „Friedenswahrer“ genannt. Sie entführen Spezies aus allen Teilen der Galaxis durch das Wurmloch, um sie Tests zu unterziehen. Matt und Aruula können ihnen entkommen und reisen von Mond zu Mond, um ihre Gefährtin Xaana zu finden, die schon Monate zuvor durch das Wurmloch ging. So wie auch ihr Erzfeind Professor Dr. Smythe, der sich aber in seinem Machthunger mit einer Kapsel ins All katapultiert.

Mit Hilfe neuer Gefährten finden sie Xaana auf dem Dschungelmond Botan. Doch dessen Natur ist krank! Als sich die Seuche ausbreitet, setzen die Initiatoren in ihrer Not die gottgleiche Rasse der Saven ein. Die heilen Botan und werden von dem Naturgeist vereinnahmt. Schließlich bekommen die Gefährten die Gelegenheit, die Initiatoren auf dem Mond Messis zu treffen, wo eine Delegation aus drei Avataren – Roboter mit den Geistern der Friedenswahrer – sie erwartet. Diese werden jedoch von den Kontras, einer Guerillagruppe innerhalb der Initiatoren, von der Leitstelle getrennt. Die Gefährten flüchten, während ein Kontra einen der Avatare kapert und ihnen folgt, um sie über die wahren Pläne seines Volkes zu unterrichten. Obwohl die Initiatoren ihn stoppen, können sie nicht verhindern, dass die drei Menschen auf das dunkle Geheimnis stoßen: Sie beobachten, wie man entführten Messisanern die Köpfe abtrennt! Aber dann werden sie entdeckt und ihrer Erinnerungen der letzten Wochen beraubt! So können ihnen die Initiatoren eine Offerte unterbreiten: einen Teil der Menschheit auf den Mond Novis umzusiedeln und so vor der Vernichtung zu bewahren. In Wahrheit sollen sie jedoch die Messisaner ersetzen.

Während Aruula und Xaana auf Novis bleiben, reisen Matt und der Initiator Hordelab zur Erde, um Peilsender an technisch hochstehende Zivilisationen zu verteilen, mittels denen sie später geortet und per Wurmloch nach Novis evakuiert werden sollen. Um Kontakt zu Techno-Enklaven aufzunehmen, lassen die Wissenschaftler im Hort des Wissens einen Satelliten aufsteigen und empfangen erste Funkrufe. Matt, Xij und Tom machen sich mit dem Amphibienpanzer PROTO auf den Weg, derweil Hordelab nach Agartha springt, um die Transport-Plattform für das Wurmloch in Augenschein zu nehmen – und dort festgesetzt wird. Nach einer Rettungsmission in Griechenland treffen Matt & Co. auf die Techno-Enklave von Colonel Kormak, erkennen aber dessen Machtgier und setzen sich ab, ohne ihm einen Peilsender zu überlassen.

Die überleben dürfen

von Lucy Guth

„Erzähl es mir noch einmal, Vater, bitte!“ Cay sah mit großen Augen zu Krua auf, und dessen Herz zerfloss.

„Also schön, mein Kleiner. Aber dann wird geschlafen.“ Krua strich dem Jungen durch das verschwitzte Haar. „Es ist noch gar nicht lange her, da lag der Mond noch in tiefem Schlaf und träumte vor sich hin. Eines Tages jedoch erwachte er und erblickte die Erde. Er verliebte sich sofort unsterblich in sie und beschloss, sie zu küssen. Mit aller Macht kämpfte er gegen die himmlischen Fesseln an, die ihn an seinem Platz hielten. Und tatsächlich rissen sie und er kam der Erde immer näher …“

Unvermittelt bäumte Cay sich auf. Seine Augen weiteten sich panisch und ein schrecklicher Hustenanfall schüttelte seinen kleinen Körper. Blutstropfen benetzten seine Lippen.

Krua packte den Jungen. Cay verkrampfte sich immer stärker und schrie vor Schmerzen, während er Blut spuckte. Leise und beruhigend redete Krua auf ihn ein, hielt ihn fest, bis der Anfall endete und Cays Körper erschlaffte. Besorgt kontrollierte Krua den Atem des Kindes, doch es war in einen tiefen, erschöpften Schlaf gefallen. Dass dieser Heilung bringen würde, davon war Krua nicht überzeugt.

„Es wird immer schlimmer“, sprach Laeel mit tränenerstickter Stimme seine Gedanken aus. „Die Anfälle kommen jetzt viel häufiger.“

Krua erwiderte nichts. Er wusste nicht, wie er sie hätte trösten oder beruhigen sollen. Es war offensichtlich: Ihr Kind lag im Sterben.

„Es sind so viele in den vergangenen Tagen krank geworden“, fuhr Laeel fort, als hätte sie seine Gedanken erraten. „Heute ist Fjooka gestorben.“

Kruas Kopf ruckte hoch. Das hatte er noch nicht gewusst. Er bemühte sich, sein Entsetzen zu verbergen. Es gelang ihm nicht. Sicher, es waren viele erkrankt, aber zuvor war niemand der Krankheit erlegen.

„Temnir ist ebenfalls gestorben. Und Uraa wird bald gehen, das kann jeder sehen“, fuhr Laeel mit zitternder Stimme fort. Sie sprach nicht aus, dass man dies auch bei Cay sehr gut erkennen konnte.

„Fjooka und Temnir waren alt und schwach“, versuchte Krua trotzdem, Laeel zu beruhigen. „Aber Cay ist jung und kräftig. Er wird es schaffen.“

Laeel senkte den Kopf. „Wenn du nur recht hast. Aber die Kräuter, die wir sammeln, helfen einfach nicht. Die Kranken sterben uns unter den Händen weg.“ Sie schluchzte auf.

Krua packte sie an den Schultern. „Du musst dich zusammenreißen. Cay wird nicht sterben, aber nur, wenn wir für ihn stark sind.“

Laeel sammelte sich und seufzte zustimmend. Während sie sich daranmachte, einen neuen Kräutersud für heilsame Wadenwickel aufzusetzen, betrachtete Krua sein Kind. Cay war der einzige Sohn, der ihnen geblieben war. Seine anderen beiden Söhne und die kleine Tochter hatte die Flut mitgenommen. Er würde nicht zulassen, dass er und Laeel auch noch dieses Kind verloren.

„Ich gehe und rede mit deinem Bruder und Zinann“, kündigte Krua an. Laeel senkte die Schultern als Zeichen, dass sie ihn verstanden hatte, drehte sich jedoch nicht zu ihm um. Sie war innerhalb von wenigen Tagen um zwanzig Jahre gealtert und hatte nicht mehr viel mit der schönen, starken Kriegerin gemein, mit der er seit Jahren zusammenlebte. Krua hatte das Gefühl, dass er vielleicht nicht nur im Begriff stand, seinen Sohn zu verlieren.

Krua verließ die Lehmhütte und fand Zinann und Opak am Lagerfeuer. Sein Schwager brütete dumpf vor sich hin. Bei der Flut waren seine junge Braut und das Neugeborene ums Leben gekommen. Opak war seitdem von einer wütenden Trauer erfüllt, die sein Umfeld in dunkle Farben tauchte. Krua hatte Zinann immer etwas bedauert, weil der keine Frau und keine Kinder hatte, doch jetzt erschien ihm das Junggesellenleben des Freundes fast erstrebenswert – er hatte niemanden verloren, um den er trauern musste.

Dennoch war auch Zinann von Sorge erfüllt. Nicht nur, weil er mit seinen Freunden mitfühlte, sondern auch, weil er sich um den Stamm sorgte.

„Wie geht es Cay?“, fragte Zinann deswegen auch sofort. Opak blickte auf. Seine Schwester und sein Neffe waren die einzigen Verwandten, die er nun noch hatte.

„Wir müssen etwas unternehmen“, sagte Krua, ohne auf die Frage einzugehen. Daran erkannten die anderen beiden, wie ernst es war.

„Die Götter haben uns vergessen“, sagte Opak düster.

„Rede nicht so einen Unsinn“, knurrte Zinann und stieß einen Stock ins Feuer. Es loderte hell auf und ließ kleine Funken wie winzige Sterne in die Nacht entfliehen.

„Genau. Die Götter sind nicht schuld. Sie haben sich einen Dreck um uns geschert“, sagte Krua bitter. „Der Mond ist schuld. Seitdem er verrückt geworden ist, geschehen sonderbare und schlimme Dinge.“

Sie starrten zu der hellen Scheibe hinauf, die in den vergangenen Jahren immer näher und näher gekommen war. Seitdem hatte es vermehrt Erdbeben und Dürreperioden gegeben – und Überflutungen.

„Wir können nicht abwarten, was weiter geschieht“, sagte Krua. „Die Seuche breitet sich aus. Fast die Hälfte des Stammes ist bereits erkrankt, einige sind schon gestorben. Wir müssen losgehen und Hilfe holen.“

„Wo sollen wir Hilfe finden?“, fragte Opak und wiegte den Kopf. „Es gibt kaum noch Siedlungen in der Nähe.“

„Dann müssen wir eben noch weiter laufen“, sagte Zinann. „Wir haben keine Wahl.“

„Wir können zur Siedlung des Felsen-Stammes in den Bergen gehen“, sagte Krua. „Sie liegt hoch; mag sein, dass sie die Flut unbeschadet überstanden hat. Möglicherweise finden wir dort Hilfe.“

Auch ihr eigenes Dorf lag am Fuß eines rettenden Berges, aber sie hatten die gigantische Flutwelle zu spät gesehen. Nicht alle Dorfbewohner hatten es weit genug nach oben geschafft.

Opak stand auf. „Ich gehe mit dir“, sagte er schlicht.

Auch Zinann erhob sich. „Wir sollten noch einen anderen Weg einschlagen“, meinte er. „Ich versuche es bei der Siedlung nahe der Stadt.“

„Der Ort, wo die Unterirdischen leben?“ Opak riss die Augen auf. „Du bist verrückt!“

Zinann kratzte sich am Kopf. „Vielleicht bin ich das“, meinte er leichthin. „Aber sie haben wirksame Medizin, das wissen wir. Ich bin sicher, dass sie uns helfen können.“

„Kann sein, dass sie das können – aber sie werden es nicht tun“, prophezeite Opak düster. „Die Unterirdischen sind nicht nur verrückt, sie hassen uns – genau wie die Stadtleute. Die werden nicht einmal mit dir reden.“

„Auf den Versuch lasse ich es ankommen“, sagte Zinann. „Geht ihr in die Berge, ich gehe zu den Unterirdischen. Vielleicht helfen sie uns ja doch. Seitdem der Mond verrückt spielt, ist vieles anders geworden.“

„Anders ja – aber sicher nicht besser“, knurrte Opak.

Zinann sagte nichts mehr, Krua ebenso wenig. Er sah in den Nachthimmel, in dessen Zentrum der unnatürlich große Mond hing wie eine fette weiße Made, aus der man oben rechts ein Stück herausgerissen hatte. Wind kam auf, und ein plötzlicher, heftiger Regenguss löschte das Feuer. Krua fröstelte. Die Natur war zu einem unberechenbaren Feind geworden.

Vielleicht ist die Geschichte wahr, dass sich der Mond in die Erde verliebt hat, dachte Krua. Aber es gibt Liebe, die tötet.

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„Dort vorne ist schon wieder der Boden weggesackt!“, rief Xij besorgt über die Schulter und bremste PROTO ab. Zwei Tage war es nun her, dass sie von Izmir aus gen Süden aufgebrochen waren – falls man ihre überstürzte Flucht so bezeichnen konnte. Sie wechselten sich damit ab, den Amphibienpanzer zu steuern und den Horizont hinter ihnen nach möglichen Verfolgern abzusuchen.

Sonderlich schnell kamen sie dabei nicht voran, denn immer wieder machte das Gelände Schwierigkeiten. Zweimal waren sie auch schon von einem leichten Erdbeben überrascht worden.

„Ich bin froh, dass wir den guten alten PROTO haben“, meinte Matt. Er kletterte aus seiner Schlafkoje und klopfte gegen die Innenwandung. „Mit einem anderen Fahrzeug könnten wir viele der Hindernisse kaum überwinden.“

Er trat hinter Xij an den Pilotensitz und spähte durch das linke der beiden Cockpitfenster. Hier hatte der Tsunami, der Euree vor knapp einer Woche heimgesucht hatte, das Land unterspült, sodass der Boden löcherig und unzuverlässig geworden war. Ein Blick auf den Navigationscomputer bestätigte: Sie könnten versuchen, auf gerader Linie weiterzufahren, aber es würde ein unangenehmer Weg werden. Versuchten sie, das Gebiet zu umfahren, würden sie hingegen kostbare Zeit vergeuden – und sie wussten nicht, wie viel sie davon hatten.

Matt wandte sich an Tom Ericson, der im Copilotensitz die Kamera-Monitore im Auge behielt. „Immer noch ruhig hinter uns, Tom?“

Tom zuckte mit den Schultern. „Bislang ist nichts Auffälliges zu sehen.“

„Das will nichts heißen.“ Matt verzog den Mund. „Ich bin sicher, dass weder Kormak noch Vasraa gewillt sind, uns so einfach davonkommen zu lassen.“1)

„Kann ich mir auch nicht vorstellen“, sagte Tom. „Inzwischen dürften sie herausgefunden haben, dass der Peilsender, den du ihnen untergejubelt hast, nicht funktioniert. Immerhin sind seine Leute Technos, keine Barbaren.“

„Ich bin mir dessen sogar ziemlich sicher.“ Matt seufzte. „Mir wäre wohler, wenn wir einen Großteil der Strecke mit Hordelabs Sprungfeldgenerator überspringen könnten, dann hätten sie keine Chance, uns noch einzuholen. Vor allem würden wir keine Spuren hinterlassen.“

„Was, glaubst du, ist Hordelab passiert?“, fragte Xij, während sie PROTO um ein weiteres Hindernis herum lenkte.

„Keine Ahnung“, gab Matt zu. „Er hätte längst aus Agartha zurück sein müssen. So lange kann es ja nicht dauern, diese Transportplattform zu inspizieren.“

„Vielleicht gibt es Probleme und er ist unabkömmlich“, warf Tom ein.

Skeptisch rieb sich Matt das Kinn. „Dann wäre es ihm doch ein Leichtes, kurz vorbeizuschauen und uns das mitzuteilen“, meinte er. „Mit dieser Sprungfeld-Technologie schrumpft die Welt schließlich zum Dorf zusammen, was Entfernungen angeht.“ Er seufzte und wandte sich wieder dem Cockpitfenster zu. „Machen wir also vorerst weiter wie bisher und versuchen, so viele Überlebende wie möglich vom Rettungsplan der Initiatoren zu überzeugen.“

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis sie aus dem Gefahrenbereich heraus waren und ihre Route auf direktem Weg fortsetzen konnten. Noch mussten sie an der ägäischen Küste entlangfahren.

„Sollten wir nicht versuchen, Funkkontakt mit unserem Ziel zu bekommen?“, fragte Tom.

Matt schüttelte den Kopf. „Lieber nicht. Es ist wahrscheinlich, dass Kormak im Äther die Ohren spitzt, um einen Hinweis auf unseren Kurs zu bekommen. Ich möchte ihn so lange wie möglich im Unklaren lassen, was das angeht.“

„Klingt einleuchtend.“

Matt studierte eine Karte, die er sich auf einen der Monitore holte. „Hier ist es – eine weitere Techno-Enklave bei der Stadt Bodrum“, sagte er und wies auf die Stelle. „Wir müssen die Küste an der Halbinsel verlassen und durch die Ausläufer des Taurus-Gebirges fahren, bis wir auf der anderen Seite der Insel Bodrum erreichen. Der Bunker liegt kurz davor.“

Tom blickte interessiert herüber. „Erstaunlich, dass die Enklave den Tsunami überstanden hat“, sagte er. „Bodrum liegt doch direkt am Meer.“

Matt zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls hat der Hort des Wissens von dort Funksignale empfangen. Vielleicht wurde der Bunker durch die Halbinsel geschützt. Er liegt auch nicht direkt bei Bodrum, sondern etwas weiter nördlich im Landesinneren der Halbinsel, zwischen den Ausläufern des Gebirges.“

„Tom, Matt – seht euch das an!“ Xijs Stimme klang seltsam belegt.

Die beiden Männer sahen aus den Cockpitfenstern. „Verdammt“, murmelte Matt.

Xij ließ PROTO ausrollen und hielt unter einem schräg stehenden Baum. Sie kletterten über den Notausstieg auf den Panzer und starrten schweigend auf das trostlose Bild vor ihnen.

Es war wohl mal ein Fischerdorf gewesen. Bis der Tsunami kam. Jetzt gab es nur noch rudimentäre Hinweise darauf. Von den strohgedeckten Dächern waren nur einige Büschel übrig. Die Lehmwände waren von der Wucht des Wassers einfach umgestürzt und abgetragen worden. Niemand, der sich zum Zeitpunkt der Katastrophe hier befunden hatte, konnte sie überlebt haben.

Xij reckte sich zu den kahlen Ästen des Baumes und pflückte etwas von ihnen ab. Als Matt genauer hinsah, erkannte er, dass es sich um eine einfache kleine Stoffpuppe handelte, die sich dort verfangen hatte. Schlaff hing sie in Xijs Hand, vollgesogen mit brackigem Wasser. Eines der beiden Knopfaugen war verschwunden und an der Seite quoll aus einem Loch die Füllung heraus.

Keiner sagte ein Wort. Es war nur einer von vielen schrecklichen Eindrücken, die sie in den vergangenen Tagen von den Auswirkungen der Flutwelle bekommen hatten. Und doch machte der Fund der kleinen Puppe diesen Ort besonders grausig.

„Lasst uns weiterfahren“, sagte Matt schließlich. Er wusste, dass sie alle drei das Gleiche dachten: Hoffentlich ist noch jemand übrig, dem wir eine Chance zum Überleben geben können.

Als Xij sich wieder ans Steuer von PROTO setzte, platzierte sie die kleine Puppe vor sich auf den Armaturen, ehe sie den Motor anließ.

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Das Versteck war gut. Von hier aus konnte er das seltsame Fahrzeug in Ruhe beobachten, ohne selbst gesehen zu werden und ohne dass die drei Insassen auf ihn aufmerksam wurden. Darin sind wir gut, da kann uns niemand etwas vormachen.

Er rutschte etwas nach links, um eine bequemere Position einzunehmen, und schätzte die Entfernung ab. Der Boden war noch immer schlammig, obwohl das Wasser längst abgeflossen war. Deswegen kam das Gefährt nicht so schnell voran, wie es normalerweise sicher möglich gewesen wäre. Doch es würde nicht mehr lange dauern, bis die Fremden seine kleine Überraschung bemerkten. Er hatte sich besondere Mühe damit gegeben – es wäre schade, wenn sie das kleine Kunstwerk nicht fänden. Aber so schätzte er sie nicht ein.

Die Minuten verflossen zäh wie Sirup. Doch er langweilte sich nicht. Wir haben Zeit. Und es machte ihm Spaß, das Fahrzeug aus der Ferne zu studieren und sich auszumalen, was die Fremden zu seiner Überraschung sagen würden. Das ist immer das Schönste: Der Ausdruck auf ihren Gesichtern.

Nun hatte das Fahrzeug die Stelle erreicht, an der er alles vorbereitet hatte. Gespannt richtete er sich etwas auf. Das Gefährt wurde langsamer, hielt schließlich an. Oh, wie gerne wären wir jetzt dort unten und würden hören, was sie sagen. Vielleicht sollten wir jetzt schon eingreifen? Sich Anschleichen und die Fremden, die gerade aus dem Fahrzeug kletterten, überwältigen?

„Nein, das wäre zu früh. Wir warten ab.“

Kurz fühlte er Widerstand in sich aufsteigen, als er die geflüsterten Worte hörte. Er wollte nicht warten, wollte sein innerstes Bedürfnis sofort befriedigen. Und sie würden ja ohnehin alle sterben.

„Abwarten ist besser. Das macht die Sache lustiger.“

Er grinste bitter. Das konnte er nicht bestreiten. Lustiger würde es sicher werden. Und in diesen letzten Tagen der Erde gab es schließlich wenig genug zu lachen.

Er lehnte sich ein wenig vor, um auch alles gut sehen zu können.

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Matt döste in einer der Kojen vor sich hin. Er war die ganze Nacht hindurch gefahren. Am Vorabend hatten sie die Küstenlinie verlassen, da sie etwas weiter im Landesinneren schneller vorankommen würden. Nun bemerkte er, dass PROTO langsamer wurde und schließlich anhielt.

„Was ist los?“, fragte er und ließ sich aus der Koje gleiten. Xij hatte den Pilotensitz bereits verlassen und war auf dem Weg zur Heckrampe. „Dort draußen ist jemand“, sagte sie und öffnete die Luke. „Zwei Personen, vermutlich tot.“

Matt stellte keine weiteren Fragen und folgte ihr, genauso wie Tom.

Stickige Luft schlug ihnen entgegen, und ein Gestank nach Fäulnis, der Matt an Messis erinnerte. Die Sonne brannte vom Himmel und verwandelte das von den Fluten des Tsunamis getränkte Land in einen stinkenden Morast. Vor ihnen erstreckte sich eine schlammige Ebene, die von Felsansammlungen durchsetzt war. Am Horizont erstreckten sich Gebirgszüge – wohl die Ausläufer des Taurusgebirges. Bis vor kurzem hatte es wohl auch Baumgruppen in dieser Gegend gegeben, doch davon waren nur wenige Stümpfe übriggeblieben.

Direkt vor ihnen hatte ein Baum überlebt. Im Gegensatz zu den beiden leblosen Gestalten, die sich darunter befanden.

„Der Linke ist ein Wulfane!“, rief Matt alarmiert. Er kannte dieses kriegerische Volk allzu gut und wusste, dass dessen Angehörige stolz und unberechenbar waren. Deswegen näherte er sich dem Liegenden äußert wachsam. Doch seine Vorsicht war unbegründet: Der Blick der gen Himmel gerichteten Augen war gebrochen, von den wulstartigen, gespaltenen Lippen tropfte Blut. Ein klaffendes Loch klaffte mitten in seinem Oberkörper. Es stank nach verschmortem Fleisch.

„Da kommt jede Hilfe zu spät“, murmelte Matt.

„Der hier lebt noch!“, rief Xij.

Matt drehte sich zu dem zweiten Körper um, dem sich Xij und Tom genähert hatten. Tom hockte neben dem bleichen Mann und hielt ihm eine Wasserflasche an die Lippen. Der haarlosen Haut nach konnte es sich um einen Techno handeln – auch wenn sich die heutigen Technos stark von jenen unterschieden, die Matt von früher kannte. Dies rührte daher, dass die Technos, die den weltweiten EMP überlebt hatten, kaum noch in Bunkern lebten, sondern sich vorwiegend in überirdischen Dörfern angesiedelt hatten.

Der Mann am Boden trug einen Schutzanzug. Nicht wegen seines defekten Immunsystems, das damals für die meisten Technos das Todesurteil gewesen war, sondern schlicht der widrigen Umwelteinflüsse wegen. Viel war von dem Anzug jedoch nicht übrig: Er war vollkommen zerfetzt, die Haut darunter an vielen Stellen aufgeschlitzt und blutüberströmt.

„Waren das Krallen?“, fragte Xij. Fast sah es so aus: Viele der tiefen Wunden verliefen parallel. Doch die Schnitte waren zu sauber, als dass Hornkrallen sie verursacht haben könnten.

Matt wollte gerade auf die Frage antworten, da flatterten die Augenlider des Verwundeten und er stöhnte schwach. Das Wasser, das Tom ihm einzuflößen versuchte, rann wieder aus seinem Mund.

Tom blickte auf und schüttelte den Kopf. „Die Verletzungen sind zu schwer“, sagte er leise. „Wir können ihm nicht mehr helfen.“

Wie um zu widersprechen, riss der Techno plötzlich die Augen auf. „Er hat mich angegriffen!“, stieß er hervor. „Passt auf!“

Matt beugte sich zu ihm hinab. „Wer hat dich angegriffen?“, fragte er.

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