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Maddrax - Folge 395

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hilfreiche Links
  4. Was bisher geschah
  5. Die Welt im Chaos
  6. Leserseite
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde – in Wahrheit eine Arche Außerirdischer, der Daa’muren. Die Erdachse verschiebt sich und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula erkundet er diese für ihn so fremde Erde.

In einem „zeitlosen Raum“, der Schnittstelle vieler Paralleluniversen, kollabiert ein Tor und schleudert gefährliche Artefakte in unsere Welt. Mit einem Scanner spürt Matt die ersten davon auf und macht sie unschädlich. Doch dann verlieren er und Aruula nach einem Zeitsprung ganze 16 Jahre – und treffen auf Robot-Nachbildungen historischer Führer, von Schwarze Philosophen (SP) als Statthalter eingesetzt. In Glasgow rettet eine junge Frau Matts Leben. Er weiß nicht, dass Xaana seine Tochter aus der Zukunft ist, mit der seine im zeitlosen Raum verschollene Ex-Freundin Xij schwanger war.

In Schottland wurde die Burg ihres Freundes Rulfan zerstört! Die SP wollen die Artefakte im Hort des Wissens rauben. Rulfans Sohn Juefaan schließt sich Matt und Aruula an. In der Schweiz werden sie Zeuge, wie sich im CERN ein Wurmloch öffnet. Während Xaana zum neuen Hort des Wissens reist, erfahren sie von einem weiteren Statthalter, der Washington übernehmen soll: die Robot-Version von Professor Dr. Smythe, Matts totem Erzfeind! Matt und Aruula brechen nach Meeraka auf, während Juefaan die Basis des Feindes in Tibet aufspüren will.

In Waashton plant Smythe die Übernahme. Matt und Aruula stoßen zu den Rebellen, um seinen Plan zu vereiteln. Es kommt zur Schlacht, bei der auch Jacob Smythe, der mit seinem Hass auf Matt die Programmierung der SP überwindet, mitmischt. Doch nach der Schlacht fehlt von Smythe und Matt jede Spur. Letzteren findet Aruula nach sechs Tagen an Bord eines Trawlers. Was mit ihm passiert ist, weiß Matt nicht. Sie suchen nach weiteren Artefakten und finden einen Strahler, der Menschen zu Berserkern macht, aber verloren geht.

In Nepal stößt Juefaan auf das fliegende Kloster der SP, wird von ihnen entdeckt und gefangen genommen. Und nicht nur das – ihnen fällt der Meng-âmok in die Hände, die Berserker-Waffe!

Derweil greift Jacob Smythe Matt und Aruula an. Dabei wird Matt von einem Blitzstab getroffen. Etwas in seinem Nacken brennt durch und schädigt sein Gehirn. Er sucht Hilfe bei den SP und erfährt eine erschreckende Wahrheit: Er ist ein Klon, der im Auftrag der Feinde handelte! Vor seinem Tod verhilft er Aruula und seinem Original zur Flucht. Sie wollen nun auf schnellstem Weg zu Juefaan gelangen. Ihr Weg führt sie über die vereiste Landbrücke nach Asien und in Richtung Tibet, wo sie Juefaan aus der Gewalt der SP befreien – und mit ihm den Hydriten Quart’ol. Sie können aber nicht verhindern, dass das Schwarze Kloster nach Agartha weiter fliegt.

Während Matt versucht, in Kathmandu ein uraltes Flugzeug zu reparieren, wobei er von Unbekannten Hilfe erhält, fährt Juefaan mit Quart’ols Körper zurück nach Schottland. Als Matt und Aruula vor Sektierern flüchten müssen, ahnen sie nicht, dass sich eine blinde Passagierin an Bord befindet …

Die Welt im Chaos

von Andreas Suchanek und Nicole Böhm

Italien, 2531

Cassaréa, ein Dorf beim Vesuv

„Flieg, Francesco! Flieg!“ Finns Lachen hallte von den Vulkanhängen wider. Sein Zwillingsbruder schwebte zehn Meter über ihm, gehalten von Schnüren an einem großen Ballon, den sie in Monaten zusammengenäht und mit Leuchtgas gefüllt hatten. Jetzt waren sie wie Umberto Nobile, jetzt konnten sie den Himmel erobern! Francesco gluckste vor Freude, riss die Arme nach oben, als hätte er Flügel.

Auf einmal polterte die Erde unter Finn. Ein Riss entstand vor seinen Füßen. Er verlor den Halt und das Seil, das seinen Bruder sicherte, und landete hart auf dem Bauch. Francesco rief ihm etwas zu, doch Finn hörte es nicht. Er sah nur Fatjios, den Krater aus Feuer, auf den sein Bruder zuflog.

Finn sprang wieder auf die Füße und hechtete dem Seil hinterher, das vor ihm in der Luft schwebte. Seine Finger berührten das kratzige Tau, griffen zu – und glitten ab, als eine Windböe an dem Ballon zerrte und ihn schneller vorantrieb. Einen Fluch auf den Lippen, rannte Finn weiter. Sein Zwillingsbruder klammerte sich am Tragekorb fest. Er hatte längst begriffen, dass aus dem Spaß tödlicher Ernst geworden war.

„Halt durch, Francesco! Ich hole dich runter!“, schrie Finn und jagte weiter dem Seil nach. Die Hitze des Fatjios erreichte ihn bereits. Finn roch die giftigen Dämpfe, die daraus aufstiegen, fühlte das Brodeln unter seinen Füßen, erinnerte sich an die Warnung von Daniele, der ihm das Gas aus dem Kohlewerk besorgt und Finn ermahnt hatte, dass es hochbrennbar sei. Zudem war es verboten, so nah an Fatjio zu sein. Er spie Gift und machte den Kopf schwer. Schon einige Männer aus dem Dorf waren gestorben, als sie sich zu lange bei dem Krater aufgehalten hatten. Auch Francesco hustete.

„Halte dir was vors Gesicht!“, rief Finn.

Sein Bruder nickte und zog sein Hemd über den Mund und die Nasenlöcher. Finns Augen tränten, die Luft vor ihm flirrte, der Boden wankte. Er hustete ebenfalls und versuchte das Seil auszumachen, das eben noch vor ihm gewesen war. Seine Beine wurden schwer, als würde er durch Morast waten. Die Hitze fühlte sich unnatürlich beißend an. Finns Haut brannte, seine Haare qualmten, die Schuhsohlen quollen und wurden weich.

„Finn!“, schrie sein Bruder. Der Wind trieb ihn weiter in Richtung Krater. Finn torkelte, hustete, bis er glaubte, die Lungen würden ihm zerplatzen. Die Luft um ihn schien lebendig, sie zog und zerrte an seinen Kleidern, seinen Haaren. Dennoch zwang er sich, weiterzugehen. Weiter gegen die Wand aus Hitze und Gift. Weiter in den Schlund von Fatjios.

Plötzlich loderte etwas vor ihm auf. Eine Fackel!

Da war noch jemand. Vielleicht Daniele, der gesehen hatte, was mit Francesco passiert war. Finn winkte, machte auf sich aufmerksam, schrie, sofern ihm das zwischen den Hustenanfällen überhaupt möglich war. Die Gestalt vor ihm antwortete, doch es klang nicht nach Daniele. Die Stimme war viel zu hell, zu jung. Finn blickte sich um, blinzelte gegen die Tränen und zwang sich, die Lider offen zu halten.

Und dann erkannte er es.

Die Fackel war keine Fackel.

Es war der Ballon, der Feuer gefangen hatte und nun von den Flammen verzehrt wurde. Finn sank in die Knie. Der heiße Boden empfing ihn, wärmte ihn wie seine Mutter, wenn sie früher in den kalten Nächten zu den Brüdern unter die Decke gekrochen war.

Es gab einen lauten Knall, gefolgt von einem markerschütternden Schrei. Sein Zwillingsbruder stürzte aus dem Himmel und fiel in den Schlund Fatjios. Das Monster verschlang ihn mit Haut und Haaren.

Finn klappte zusammen. Die Dämpfe benebelten seine Sinne. Er durfte hier nicht liegen bleiben. Wenn er einschlief, war er tot.

Genau wie Francesco.

Finn schloss die Augen und atmete ein letztes Mal ein. Es war ihm egal. Sollte Fatjio auch ihn verschlingen. Er hatte es nicht besser verdient.

„Finn! Wach auf!“

Die herrische Stimme seines Vaters donnerte durch seinen Kopf wie eine Herde Mauler auf der Flucht. Finn zwang sich, die Augen zu öffnen, doch er konnte kaum etwas erkennen. Die Welt hatte sich verändert. Sie war leuchtender, farbenfroher. Nichts hatte mehr eine feste Kontur, als hätten sich alle Formen aufgelöst.

„Lass ihm Zeit“, drang die Stimme seiner Tante Magda in sein Bewusstsein. „Er muss erst wieder zu Kräften kommen.“

„Aber seinetwegen ist Francesco tot!“

Noch nie hatte er seinen Vater so verzweifelt gehört. Finn wollte etwas sagen, ihm erklären, dass es ein Unfall war, dass er keine Schuld trug.

Aber war es auch so? Sprach sein Vater nicht die Wahrheit? Immerhin war Finn es gewesen, der das Buch über Umberto Nobile gefunden hatte. Er hatte Francesco überredet, den Ballon zu bauen. Er hatte das Seil losgelassen …

„Lass ihm Zeit, Pepe“, wiederholte Magda. Auch sie klang gebrochen. „Er ist alles, was dir jetzt noch bleibt.“

Etwas Kühles legte sich auf Finns Stirn. Es war angenehm und duftete nach Kräutern. Finn nahm es an und ließ sich wieder fallen. Hinein in die Dunkelheit.

Ein halbes Jahr später

Spricht er immer noch nicht?“, fragte Magda, als sie die Eier auf den Tisch stellte.

„Nein“, antwortete sein Vater.

Finn saß auf einem Stuhl am Fenster und starrte hinaus. Ein schöner Tag kündigte sich an. Der Himmel lachte strahlend blau, kein Wölkchen war zu sehen. Perfekt zum Fliegen.

„Was sagt denn der Arzt?“, fragte Magda und nahm Platz.

Aus dem Augenwinkel erkannte Finn, wie sein Vater mit den Schultern zuckte. „Das Übliche. Die Dämpfe haben sein Gehirn geschädigt und er wird nie mehr richtig sprechen oder für sich alleine sorgen. Ich werde ihm für den Rest seines Lebens Windeln anziehen und ihn füttern müssen.“

Dabei wollte Finn sprechen. Er fühlte die Worte auf seiner Zunge. Er spürte die Muskeln, die arbeiteten. Er wollte aufstehen, herumtollen. Und er wollte seinem Vater danken. Dafür, dass er an jenem Tag ihn und Francesco mit dem Fernrohr beobachtet und gerettet hatte.

Dich hat er gerettet, mich nicht.“

Finn horchte auf. Was war das?

„Hier drüben“, sagte die Stimme seines Bruders erneut. „Siehst du mich nicht?“

Schritte näherten sich. Finn blickte auf und erstarrte. Direkt neben seinem Vater und seiner Tante stand sein Zwillingsbruder. Seine Kleidung war halb verbrannt, Teile seines Gesichts waren rußgeschwärzt und verkohlt. Hautfetzen lösten sich ab, seine Haare waren versengt. Finn blickte zwischen ihm, Magda und Pepe hin und her. Sie bemerkten ihn nicht. Warum sahen sie ihn nicht?

„D-du …“, stammelte Finn. Er fühlte, wie ihm der Sabber das Kinn herunterlief.

Sein Vater seufzte. „Da hörst du es. Mehr kann er nicht sagen.“

„Er braucht einfach Zeit, um sich zu erholen. Er ist noch jung, sein Körper wird heilen.“

„Klar“, sagte sein Vater, stand auf und wischte ihm mit einem Lappen den Speichel weg. Grob zuerst, doch mit jedem weiteren Atemzug wurde er sanfter. „Du hast es ja gehört. Es wird alles gut, Finn.“ Es lag keine Hoffnung in den Worten. Er sagte sie, weil er nichts anderes zu sagen hatte, weil er genau wusste, dass nie wieder etwas gut sein würde.

„Ja, es wird alles gut, Finn“, echote Francesco. „Wir werden alle bald wieder zusammen sein.“ Sein Bruder hob einen Kübel, den er vorher noch nicht in der Hand gehalten hatte. Er war gefüllt mit flüssiger Lava. „Mach dir keine Sorgen. Es tut nur ganz kurz weh, und dann ist es noch viel besser als fliegen.“

Finn zuckte zusammen und riss die Augen auf. Er versuchte, seinen Arm zu heben, aber die Muskeln wollten ihm nicht gehorchen.

„Siehst du, er reagiert auf dich, Pepe“, sagte Magda. „Es ist ein Anfang.“

Sein Vater seufzte resigniert und legte den Lappen weg, ohne sich von Finn abzuwenden. Er strich ihm eine verschwitzte Haarsträhne hinters Ohr. „Wir werden sehen, Magda. Wir werden sehen.“

Francesco trat näher an Pepe heran. Der Eimer mit der flüssigen Lava schien viel zu schwer für ihn, doch er hob ihn mühelos in die Höhe und stemmte ihn über seinen Kopf. „Bald sind wir wieder zusammen“, sagte Francesco ein letztes Mal, dann kippte er die Lava direkt über den Kopf ihres Vaters aus.

Finns Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Er zappelte und zuckte, wollte seinen Vater warnen. Die Lava floss über Pepes Kopf, er schrie auf, griff in seine Haare, versuchte, das flüssige Feuer abzuwehren. Seine Hände gingen in lichterlohen Flammen auf, seine Haare, seine Kleidung, seine Haut – alles verkohlte. Es stank nach verbranntem Fleisch.

Die Schreie seines Vaters waren ohrenbetäubend, stachen direkt in Finns Seele. Hilfesuchend blickte er sich nach Magda um, doch die saß an ihrem Tisch, als würde sie das alles nichts angehen. Warum tat sie nichts? Sie musste die Flammen doch löschen. Sie musste seinem Vater helfen. Heiße Tränen liefen Finns Wangen hinab. Pepe knickte in den Knien ein, sank zu Boden.

Finn schrie immer weiter. Sein Zwillingsbruder lachte und betrachtete glucksend den Leichnam des Vaters, der ihm zu Füßen lag.

Auf einmal traf etwas Kaltes, Hartes Finn im Gesicht. Francescos Gestalt flimmerte. Ein weiterer Schlag und er war verschwunden. Stattdessen kniete Pepe vor Finn. Gesund und lebendig. Die Hand bereits zur nächsten Ohrfeige erhoben, hielt er endlich inne, als Finn zu sich kam.

„Hör auf, Pepe!“, schrie Magda. „Der Junge hat sich schon beruhigt!“

Pepe ließ die Hand sinken und vergrub sein Gesicht darin.

Finn blickte sich panisch um; sein Herz schlug ihm bis zum Hals. So laut, dass es fast alles andere übertönte. Von seinem Zwillingsbruder war nichts mehr zu sehen, ebenso wenig von der Lava. Stattdessen saß sein Vater wie ein zusammengesunkener Greis vor ihm und weinte still. Er hatte zwei Söhne verloren: einen an die Flammen, den anderen an den Wahnsinn. Finn lehnte sich zurück, drehte den Kopf und sah wieder zum Fenster hinaus. Der Himmel war noch immer strahlend blau.

Nur am Rande bekam er noch mit, wie sein Vater aufstand und zur Arbeit ging. Magda blieb in der kleinen Hütte, um sich um Finn zu kümmern, bis Pepe am Abend zurückkehrte.

Doch Pepe kehrte nicht zurück. An diesem Tag gab es einen Unfall im Bergstollen. Ein weiteres Beben hatte den Boden aufbrechen lassen und eine Lavaspalte geöffnet. Die anderen Arbeiter konnten sich gerade noch retten. Pepe war der Einzige, der den Tod fand, verbrannt im flüssigen Feuer. So wie Francesco es vorausgesagt hatte.

Cassaréa, zehn Jahre später

Finn stürzte aus dem Bett und schlug hart auf dem Boden auf. Er stöhnte gepresst und rappelte sich in die Höhe. Er versuchte es zumindest, denn seine Arme knickten kraftlos ein.

Dann bleib ich eben hier liegen. Was in Ordnung gewesen wäre – ohne den unerträglichen Druck auf seiner Blase. Kurz dachte Finn darüber nach, sich gleich hier zu erleichtern. Scheiß auf die Sauerei, kümmert sowieso keinen.

Er kicherte leise. Nein, so schlimm war es noch nicht mit ihm; einen Rest Anstand wollte er sich bewahren. Er suchte nach der Bettkante und zog sich an ihr nach oben. Der Raum schwankte, als er endlich auf den Füßen stand. Der Geschmack des Alkohols klebte schal und trocken auf seiner Zunge. Finn zog die Hosen ein Stück hoch und torkelte zum Ausgang. Dabei stolperte er über etliche Flaschen, Gläser und einen Kübel mit einer undefinierbaren Flüssigkeit darin.

Wie viel hatte er gestern getrunken? Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Er wusste nur eines: Wenn er trank, schwieg Francesco. Und wenn Francesco schwieg, starb auch niemand.

Es hatte etliche Jahre gedauert, bis Finn das herausgefunden hatte. Nach dem Tod von Pepe hatte ihn Magda bei sich aufgenommen. Sie sollte recht mit ihrer Prognose über seinen Gesundheitszustand behalten. Sein damals noch junger Körper hatte sich mit der Zeit erholt. Finn spürte noch immer die Beeinträchtigungen, die er den giftigen Dämpfen zu verdanken hatte, und er bekam regelmäßig heftige Migräneattacken, die ihn ans Bett fesselten. Doch er konnte immerhin wieder laufen, sprechen und für sich selbst sorgen.

Schon bald war Finn wieder in der Lage gewesen, leichte Arbeiten zu verrichten und Magda zu helfen. Bis zu dem Tag, an dem Francesco ein zweites Mal aufgetaucht war und dieses Mal Magdas Tod vorausgesagt hatte.

Statt einen Eimer mit flüssiger Lava über ihr auszukippen, hatte er sich hinter sie auf den Tisch gestellt und sie mit einer dünnen Leine stranguliert. Und Finn hatte wieder hilflos dabei zusehen müssen.

In der darauffolgenden Woche fand er Magda tot. Sie hatte die Wäscheleine an einem Haken hoch an der Wand festgemacht und war dabei auf einen Schemel gestiegen. Als das Möbel unter ihr zusammengebrochen war, hatte sich die aufgerollte Leine, sie um die Schulter getragen hatte, um ihren Hals gelegt.

Ein Unfall. Ein bedauerlicher, tragischer Unfall, genau wie Pepes Tod. Doch Finn wusste es besser: Francesco hatte auch Magda geholt.

Nach dem Unfall wartete Finn eigentlich nur darauf, dass Francesco ihn ebenfalls holen würde, aber er kam nicht für ihn. Nur für andere.

Das Einzige, was variierte, war der Zeitpunkt des Todes. Manchmal dauerte es Tage, manchmal Wochen, einmal sogar einige Monde. Doch sie starben alle. Francesco hatte sich den Dorfmetzger geholt, indem er ihn stolpern ließ, sodass er sich eines seiner Schlachtermesser in den Bauch rammt. Die Frau des Bürgermeisters starb durch einen Steinrutsch bei einem Spaziergang, der Vorarbeiter im Stollen wurde Opfer einer Gasexplosion.

Finn hatte sie alle gewarnt. Nachdem er erkannt hatte, was es bedeutete, wenn Francesco auftauchte, war er zu den Leuten gegangen und hatte ihnen von ihrem bevorstehenden Tod berichtet, doch niemand wollte ihm glauben. Er war eben nur der verrückte Junge, der bei einem tragischen Unfall zu viel Vulkangas eingeatmet hatte. Sie beschimpften ihn als Idioten, als Nichtsnutz, als Verrückten. Und sie hatten recht, denn Finn war verflucht.

So lebte er tagein, tagaus in der Angst, seinen Bruder zu sehen. Irgendwann begann er zu trinken und stellte fest, dass die Besuche seltener wurden. Also trank er mehr, bis Francesco gar nicht mehr kam und Finn nichts mehr hatte, um sich Alkohol zu kaufen. So fing er an, seinen eigenen Stoff zu brauen. Starken Stoff, damit er möglichst lange wirkte.

Finn stolperte über die nächste Flasche, ignorierte sie und torkelte ins Freie. Dort ließ er einfach die Hose herunter und erleichterte seine Blase.

„So willst du also leben?“ Finn zuckte, als er die weibliche Stimme hörte. Luisa. „Und dich zu Tode saufen?“

Sie stand einige Meter von ihm entfernt. Ihre blonden Haare trug sie offen und lockig, außerdem hatte sie sich das Kleid mit dem Rosenmuster übergezogen, das Finn so mochte. In ihren Händen hielt sie einen Korb, aus dem es nach frischgebackenem Brot und Speck duftete.

Finns Magen zog sich zusammen und gab ein tiefes Knurren von sich. Luisas Augen glitten an seinem Körper hinab und blieben in der Mitte hängen. Erst da fiel Finn auf, dass er noch mit heruntergelassener Hose dastand. Rasch griff er nach dem Bund und zog sie nach oben. Luisa hatte Finn schon nackt gesehen und er sie, doch das war schon einige Wochen her. Vielleicht auch Monate. So genau wusste er das nicht mehr.

„Guten Morgen“, sagte Finn.

Luisa schüttelte den Kopf und kam näher. „Wie viel hast du heute schon gesoffen?“

Er zuckte mit den Schultern.

Sie blieb dicht vor ihm stehen. Ihr süßes Parfüm mischte sich mit dem Duft nach Brot. „Du musst damit aufhören, Finn.“

„Ich … ich kann nicht.“ Denn das würde die Rückkehr von Francesco bedeuten.

Luisa seufzte und biss sich auf die Lippen. Sie wirkte blasser und dünner als beim letzten Mal. Wie lange war das nur her? Wann hatte er sie zuletzt in den Armen gehalten? Mit ihr in den Sonnenuntergang geschaut, sie geküsst?

Bene“, sagte sie leise. „Es ist deine Entscheidung.“

„So ist es.“

Sie schüttelte traurig den Kopf und blickte in den Himmel. „Ich will nicht zusehen, wie du dich kaputtsäufst. Dazu bedeutest du mir … dazu hast du mir zu viel bedeutet.“

„Dann tu es halt nicht.“

„Verstehst du eigentlich gar nichts?“

Er zuckte mit den Schultern. Sie seufzte laut und stellte den Korb zu seinen Füßen ab. Für einige Augenblicke verharrte sie, als warte sie noch auf irgendetwas. Finn hatte keine Ahnung, wie er darauf reagieren sollte.

„Iss wenigstens etwas“, sagte Luisa ...

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