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Maddrax - Folge 363

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hilfreiche Links
  4. Was bisher geschah
  5. Der Kurier der Kristianer
  6. Leserseite
  7. Exzellente Artikel aus dem MADDRAXIKON
  8. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. Die Erdachse verschiebt sich und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind.

Während sich der Wandler als lebendes Wesen entpuppt und weiterzieht, stellen sich Matt & Co. seinem Verfolger, einem kosmischen Jäger namens Streiter. Mittels eines lebenden Steinflözes gelingt es, ihn auf dem Mond zu versteinern. Dieser „Stein“ wurde von sogenannten Archivaren entwickelt, die in einer Welt zwischen Paralleluniversen leben und in einem „zeitlosen Raum“ technische Artefakte aller Epochen sammeln. Von dort kommt die nächste große Bedrohung: Samugaar, der in Matts Welt und Zeit strandet und die Erde erobern will. Durch ein Serum macht er Aruula hörig. Matt, der sich von ihr getrennt hatte, trifft sie beim Endkampf gegen Samugaar wieder. Die Archivare entgiften Aruula, bevor sie und Matt in ihre Welt zurückgeschleudert werden. Mit ihnen gelangen gefährliche Artefakte herüber, die sich über die ganze Erde verteilen.

Dank eines Scanners aus dem zeitlosen Raum spürt Matt in der Folge die ersten Artefakte auf und macht sie unschädlich. Dabei hilft ihm auch die aus der Art geschlagene Daa’murin Gal’hal’ira (kurz: Ira), die ihm im Tausch gegen den Amphibienpanzer PROTO ihren wesentlich mobileren Todesrochen überlässt. Ein zweiter auf der Erde zurückgebliebener Daa’mure ist Grao’sil’aana, der Aruula über mitgespielt hat. Ihn will Ira beim Kratersee suchen, wo einst der Wandler landete.

In der Zwischenzeit konnte sich ein alter Feind zu neuer Macht aufschwingen: General Crow, der in einem Androidenkörper japanische Truppen nach Washington führt und die Stadt erobert. Matt und Aruula gelingt es mit Hilfe von Verbündeten, wenigstens ihren Freund Mr. Black aus Crows Gewalt zu befreien.

Als sie ein weiteres Artefakt anfliegen wollen, ist dieses verschwunden. Um es aufzuspüren, dockt Matt am marsianischen Raumschiff im Orbit an. Doch als er den Autopiloten abschaltet, wird die AKINA zum Mars beordert! Im Kälteschlaf überbrücken Matt und Aruula die Flugzeit, geraten in einen Bürgerkrieg und werden genötigt, durch den Zeitstrahl gleich wieder zur Erde zurückzukehren. Doch die Anlage ist defekt: Statt fünf Wochen überspringen sie ganze sechzehn Jahre!

In Moskau treffen sie auf einen Roboter, der dort in menschlicher Gestalt als Statthalter für eine Gruppe fungiert, die sich die „Schwarzen Philosophen“ nennt. Mit der Hilfe eines Artefakts aus dem zeitlosen Raum sollte dort eine Armee von telekinetisch begabten Nosfera entstehen – was Matt und Aruula verhindern können. Danach wollen sie den nahen Kratersee aufsuchen, wo Matt Gal’hal’ira und PROTO zu finden hofft. Sie erfahren, dass „zwei Götter“ – Ira und Grao? – vor 15 Jahren zu einer sagenhaften Stadt im nun trockenen Krater aufgebrochen sind, und folgen der Spur. Tatsächlich stoßen sie auf die beiden Daa’muren und befreien sie aus dem Einfluss einer Stadt, die mit hydritischer Bionetik zur Todesfalle wurde.

Der Kurier der Kristianer

von Ronald M. Hahn

Die Nacht war stürmisch und kalt.

Aus dem Osten wehte ein eisiger Wind heran, der die Wipfel der Tannen bewegte. Ein Sturm war im Anmarsch. Sepp Nüssli spürte es ganz genau.

Struppige schwarze Vögel mit gefährlich aussehenden Schnäbeln schwebten in der Luft und glotzten den einsamen Reiter mit dem Mantel und der Pelzmütze aus tückischen Augen an. Sie überlegten wohl, ob es sich lohnte, ihn in Fetzen zu reißen und zu verschlingen.

„Untersteht euch, ihr Mistkrähen!“, fauchte Sepp. Er zeigte einem besonders großen Biest den gestreckten Mittelfinger. Der Vogel machte aber erst dann einen Rückzieher, als Sepp das Kurzschwert zog und damit herumwedelte.

Sepp ruhte im Spezialsattel eines Reittiers, das die Farbe eines Fuchses, den Kopf eines Elchs und die Läufe eines Gauls besaß. Mutationen dieser Art waren in Pleskawitza nicht selten: Zwei Tagesritte von hier hatten einst atomare und chemische Katastrophen auf das Land und seine Bewohner eingewirkt. Die Folgen sah man überall, doch das scherte die gegenwärtigen Bewohner nicht: Sie waren damit aufgewachsen und über Geschichtswissen verfügten sie nicht. Sie wussten ja nicht einmal, dass fünfhundertdreißig Jahre zuvor die alte Welt untergegangen war.

Die gegenwärtige Eiseskälte war jedoch keine Nachwirkung des Kometeneinschlags, sondern ein simpler Bestandteil der Jahreszeit: Es war tiefer Winter in Osteuree.

Sepp mochte den Winter nicht. Im Winter hatte man kalte Füße, eine laufende Nase und Eisstückchen im Bart. Früher hatte ihm an der kalten Jahreszeit nur eins gefallen – sein Geburtstag, der auf den 20. Dezember fiel. Inzwischen hatte er auch diesen Tag hassen gelernt. In drei Tagen war er wieder fällig. Dann würde er sich wieder an die herrliche Zeit der Jugend in seiner Heimat Suizza erinnern.

Als junger Bursch hatte es ihn aus Züri in die Welt hinaus gezogen. Im hohen Norden von Euree hatte er Abenteuer erlebt, das Herz hübscher Prinzessinnen erobert, Tyrannen in die Schranken verwiesen, versunkene Schätze gehoben und dem Bösen eine Absage erteilt. Er hatte zahllose Freunde und Kampfgefährten gewonnen, darunter auch einen gewissen Maddrax …

„Halt!“

Sepp schreckte aus seinen Erinnerungen hoch.

Seine Hand zuckte zum Schwert, das er wieder weggesteckt hatte. Doch dann sah er, dass er es nicht zu ziehen brauchte: Vor ihm, zwischen den Bäumen, standen zwei in weiße Gewänder und silberne Helme gekleidete Lanzisten des Bischofs. Sepp erkannte sie an den schwarzen Kreuzen auf ihrer Brust.

„Was ist Euer Begehr, Fremdling?“

Wie Sepp in Dorpat erfahren hatte, waren die Bräuche der Niklassianer ein wenig konservativ. Ihre Sprache war zwar archaisch, aber sehr höflich.

„Seine Eminenz erwartet mich.“ Sepp rutschte gekonnt von seinem Reittier und sprang die eineinhalb Meter zu Boden. Da er mit seinen kurzen Beinen keine Steigbügel erreichen konnte, glich der Sattel eher einem gemütlichen Sessel. Nur das Aufsteigen war problematisch; ohne fremde Hilfe, eine Leiter oder einen mannshohen Felsen war es kaum zu bewerkstelligten. „Ich bin Agent Josepp Nüssli vom Vatikanischen Geheimdienst.“

Die Lanzisten schauten sich mit großen Augen an. Einen der geheimnisumwitterten Agenten der Kristianerkirche bekam man nicht alle Tage zu sehen. Sie waren gewiss beeindruckt, auch wenn ihr kurzes Grinsen dazu nicht recht passen wollte. Sepp sonnte sich im Ruhm seiner Berufsgruppe.

„Willkommen im Kloster des Niklassianer-Ordens“, sagte der kleinere Lanzist. Eine famose Knollennase zeichnete ihn aus. „Habt Ihr ein Papier, werter Herr, das Eure Identität bestätigt?“

Sepp zückte sein ID-Leder. Der Pabst in Mynster hatte es vor vielen Jahren eigenhändig signiert. Ein begnadeter Künstler hatte Sepps Porträt auf eine Metallmatrize übertragen und aufs Leder gebrannt. Man konnte ihn gut erkennen.

„Ihr dürft passieren, werter Herr“, sagte der knollennasige Lanzist. „Seine Eminenz erwartet Euch schon.“

„Merci.“ Sepp schaute sich um. „Leider kann ich das Kloster nirgendwo erspähen …“

Die Lanzisten schauten sich lächelnd an. Der Knollennasige deutete mit dem Daumen in den Wald hinter ihnen. „Geht nur voran, Agent Nüssli. Ihr werdet ihn schon finden …“

Sepp zog sein Reittier am Zügel hinter sich her und schritt munter aus. Bald kam er in der Finsternis an eine schwarze Mauer, in der sich ein schwarzes Tor befand. Auf sein Klopfen hin öffnete ihm ein dritter Lanzist. Auch er ließ sich Sepps Identität bestätigen. Dann pfiff er einen Laufburschen herbei, der sich Sepps Reittier annahm.

Sepp befand sich nun in einer Art Kral. In der Mitte stand ein fensterloses rundes Gebäude, das lediglich aus einem dreißig Quadratmeter großen, unmöblierten, von Laternen erhellten Raum bestand. In der Mitte führte eine Treppe in die Erde hinab.

Der Torwächter bedeutete Sepp, den Stufen zu folgen. Das Treppenhaus war beleuchtet. Nach etwa hundert Stiegen fand sich Sepp in einem unterirdischen Labyrinth wieder. Hier sorgten Wegweiser für Ordnung. Sepp verstand jedoch kein Kirchenlatein.

Ein in der Mitte gescheitelter Niklassianer, der durch Leibesfülle und eine rote Nase auffiel, nahm ihn in Empfang und führte ihn durch enge Gänge zum Offizium seiner Eminenz. Nachdem der Niklassianer an die Holztür gepocht hatte, betrat Sepp auf sein Nicken hin den Raum, in dem der Heilige Mann seinen Amtsgeschäften nachging.

Es war ein Arbeitszimmer, wie man es von einem Geistlichen erwartete, voller dunkler Regale, in denen sich alte Folianten, Schriftrollen, Tintenfässer, Weinflaschen und Totenschädel stapelten. Im Kamin im Hintergrund prasselte ein Feuer vor sich hin. Sepp fragte sich, wo der Abzug war. Vermutlich irgendwo im Wald, hinter hohen Hecken verborgen.

Sepp salutierte und stellte sich vor.

Seine Eminenz, ein rundlicher Mann mit wasserblauen Augen und einem blonden Haarkranz, hieß ihn im Reiche Pleskawitza herzlich willkommen. Dann bot er ihm einen Platz, eine Zygar und einen Kelch mit Rotwein an.

Sepp nahm alles dankend an. Nachdem der Bischof ihm Feuer gegeben hatte, fragte er sich aber doch, wieso die braven und mildtätigen Männer von der Kristianerkirche sich fast überall unter die Erde verkriechen mussten. Er selbst war zwar ungläubig und hatte sich ihnen nur angeschlossen, weil er einst jung gewesen war und Bax brauchte, aber ihre Zehn Gebote fand er eigentlich sehr gut. Wenn sich alle Menschen daran hielten, dachte er, müsste es überall auf der Erde Friede, Freude und Eierkuchen geben. Andererseits wären die Agenten des Vatikanischen Geheimdienstes dann arbeitslos …

Seine Eminenz räusperte sich. „Agent Nüssli“, begann er, nachdem er Sepp mit seinem Rotweinglas zugeprostet hatte, „Ihr fragt Euch gewiss, was uns bewogen hat, Euch aus der Zentrale in Dorpatz anzufordern …“

„In der Tat.“ Sepp nickte. „Im Sekretariat des Oberhirten erfuhr ich, dass man dort selbst nicht weiß, was meine Anwesenheit in Eurem Kloster so dringend erforderlich macht.“

Seine Eminenz nickte. „Wir konnten es aus Gründen der Geheimhaltung leider niemandem mitteilen.“ Er stellte das Glas ab und beugte sich über den Schreibtisch. „Die Sache ist kompliziert.“ Er hüstelte; reichlich verlegen, wie Sepp fand. „Eine wohlhabende Familie, die in verschiedenen Ländern des Bolzikums Berg- und Sägewerke betreibt und unseren Orden seit jeher großzügig unterstützt, hat uns um Hilfe gebeten: Herr Algis, ein Sohn der Familie, der als Musikus am Hofe des Tsaaren von Pleskawitza freiwillig sein soziales Jahr absolviert, ist seit Monden spurlos verschwunden.“

Sepp runzelte die Stirn. Das klang gar nicht gut. Wenn Kinder wohlhabender Familien verschwanden, gab es dafür fast immer nur zwei Gründe: Entweder hatten sie sich mit ihrem autoritären Vater überworfen und sich auf die Seite der Revolutionären Umverteiler geschlagen, oder sie waren von Revolutionären Umverteilern entführt worden, die ihren Vater um sein Vermögen erleichtern wollten. „Wurde er entführt?“, fragte er. „Wurden Lösegoldforderungen gestellt?“

Seine Eminenz schüttelte den Kopf. „Nein. Aber in Pleskawitza herrschen raue Sitten, und Herr Algis ist ein feinsinniger Schöngeist mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Die Familie hielt es durchaus für möglich, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen wäre.“

Sepp horchte auf. „Hielt?“

Seine Eminenz saugte aufgeregt an der Zygar. „Vor kurzem erhielt unser Orden die geheime Botschaft eines hohen Beamten am Tsaarenhofe: Herr Algis sitzt aus unbekannten Gründen in Pleskawitza in einem abgelegenen Kerker. Dort soll er laut Befehl des Tsaaren verrotten. Gegen drei Barren Lösegold ist der Beamte jedoch bereit, seine Kontakte spielen zu lassen, um ihn vor diesem Schicksal zu bewahren! Er möchte gewisse … ich vermute, er meint korrupte … Angehörige des Wachpersonals bestechen, um die Freiheit des jungen Herrn zu erkaufen.“

„Drei Goldbarren!“, stieß Sepp hervor. „Das ist ja ein Vermögen!“

„Das gesamte Vermögen unseres Ordens.“ Seine Eminenz nickte. „Aber wir sind bereit, es zu opfern, da Herrn Algis’ Familie uns über die Jahre ein Vielfaches dieser Summe an Wohltaten hat zukommen lassen.“

Sepp nickte. „Verstehe.“ Er schaute finster in sein Weinglas. „Und weiß man, welche Untat Herrn Algis zur Last gelegt wird?“

Seine Eminenz schüttelte den Kopf. „Nein. Da kein Prozess gegen ihn geführt wurde, wissen wir rein gar nichts … außer der schwammigen Formulierung des Beamten …“ Er sortierte die auf seinem Schreibtisch liegenden Papiere, bis er einen kleinen Zettel fand, den er dicht an seine kurzsichtigen Augen hob. „Hier steht: Herr Algis ist zu einer blasphemischen Monstrosität mutiert und hat den Tsaarewytz seelisch verkrüppelt.“

„Tsaarewytz?“, fragte Sepp. „Was für ein komischer Name.“

„Es ist kein Name, sondern ein Titel“, erläuterte Seine Eminenz. „Er bedeutet, glaube ich, ‚Kleiner Tsaar‘. Sein richtiger Name ist …“ Er schaute auf einen anderen Zettel. „Mischa.“

„Ist bekannt, wie der Beamte heißt, der sich für Herrn Algis’ Freilassung einsetzen will, und welches Motiv ihn antreibt?“, erkundigte sich Sepp.

„Das Motiv ist Habgier“, erwiderte Seine Eminenz. „Im Hauptberuf ist er Siebenter Sekretär des Tsaaren.“ Er runzelte die Stirn. „Möglicherweise ist auch Hass gegen den Tsaaren mit im Spiel. Wir wissen, dass der Siebente Sekretär darüber schwadroniert, dass er mindestens Vierter Sekretär seines Herrn sein müsste.“

Sepp nickte. Während der Ausbildung in Suizza hatte er gelernt, dass normale Banditen viel berechenbarer waren als von politischen oder religiösen Zielen getriebene Hornochsen. Mit Habgier wurde man allemal besser fertig als mit verdrehten Denkweisen, denen man als gesunder Mensch kaum folgen konnte.

„Was genau soll ich tun?“ Sepp hob seine kleinen Fäuste und formte sie zu tödlichen Klauen. „Soll ich dem Beamten entlocken, in welchem Ratzenloch Herr Algis festgehalten wird, um ihn dann mit Gewalt zu befreien?“

„Aber nein, aber nein.“ Seine Eminenz winkte ab. „Ihr wisst doch, dass wir eine gewaltlose Religion sind.“ Er hüstelte, konnte aber seine Verzweiflung kaum verbergen. „Wir möchten, dass Ihr die drei Goldbarren zu diesem Herrn bringt, damit er wiederum für Herrn Algis’ Entkommen sorgt.“

Was? Sepp runzelte die Stirn. Das war ja ein Kinderspiel! Dafür ließ man aus Dorpatz einen Agenten des Vatikanischen Geheimdienstes kommen? Er hätte fast ein verächtliches Schnauben ausgestoßen, um Seiner Eminenz zu verdeutlichen, dass jeder Laufjunge diesen Auftrag erledigen konnte.

Doch dann fiel ihm ein, dass jemand, der Goldbarren durch die verschneite Wildnis beförderte, mehr draufhaben musste als so ein Bengel. Nein, hier war ein harter Bursche gefragt, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen.

Und wie zur Bestätigung fiel Sepps Blick auf ein kupfernes Schild, das über dem Kamin Seiner Eminenz an der Wand hing. Es zeigte einen frommen Mann, dessen Schwert im Hals eines Feuer speienden Drachen steckte. Darunter stand „PRO BONUM – CONTRA MALUM“, eine Parole, die Sepp auch mit seinem Küchenlatein übersetzen konnte: „FÜR DAS GUTE – GEGEN DAS BÖSE“.

Und außerdem, so fiel ihm ein, musste er dem Pabst dankbar sein: Der gute Mann hatte ihn immerhin nach fünfzehn Dienstjahren als Postbote in den Geheimagentenstand erhoben! Jetzt war der Postbote nur noch seine Tarnung!

„Ich bin bereit, Eminenz.“ Sepp leerte sein Glas in einem Zug und empfand sofort ein starkes Schwindelgefühl, dem eine Woge spontanen Mutes folgte. „Gebt mir die Barren. Ich mache mich noch heute Nacht auf, um den Handel zur Zufriedenheit aller abzuschließen!“

Der Morgen graute noch lange nicht, als Sepp der Backsteinmauern ansichtig wurde, die die Hauptstadt des Reiches Pleskawitza umgab.

Zu Anfang des 21. Jahrhunderts, kurz vor der Katastrophe, die die Erdachse versetzt und der Welt ein anderes Klima beschert hatte, hatten dort mehr als zweihunderttausend Menschen gelebt. Abgesehen davon, dass ein früherer Tsaar namens Nikolaus II. dort seine Abdankungsurkunde unterzeichnet hatte, gab es über diese Ansammlung von Halbruinen nicht viel zu sagen.

Heute war Pleskawitza nur noch ein Schatten seiner selbst, doch da die Nachkommen der verstrahlten Einwohner davon nichts wussten, hielten sie und ihr Tsaar ihr Zwergenreich für den Nabel der Welt. Nach dem Ende der Eiszeit waren neunzig Prozent der städtischen Gebäude eingestürzt und die wenigen tausend Bewohner der Gegenwart schlugen sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Der im Palast residierende Tsaar hielt weniger vom Regieren als vom Drangsalieren. Dabei unterstützte ihn eine zerlumpte Bande, die sich „Rote Armee“ nannte, vermutlich deswegen, weil sie in rote Mäntel gekleidet war.

Auch Sepp, der nun am Stadttor auf dem Bock eines Schlittens saß, mit dem man ihn ausstaffiert hatte, weil man darin die Goldbarren weit besser verstecken konnte als unter einem Sattel, trug einen roten Mantel. Vielleicht war dies der Grund, warum die Torwächter, vier dürre, schnauzbärtige Kerle, ihn mit scheelen Blicken musterten.

„He, du Giftzwerg!“, rief der knochigste Torwächter. „Aus welcher Baumschule haben sie dich rausgeworfen?“

Seine Gefährten gackerten. Sepp überkam eine große Lust, sie sein Schwert schmecken zu lassen. Scherze auf Kosten seiner geringen Körpergröße gingen ihm über die Hutschnur. Reichte es nicht, dass er sich ausgerechnet heute, an seinem 44. Geburtstag, in schneidender Kälte den Podex abfror?

Doch sein Hirn war glücklicherweise erwachsen genug, um ihm zu sagen, dass er wirklich zu klein war, um sich mit diesen Schlagetots anzulegen. Wenn er frech wurde, gefährdete er nur den Erfolg seiner Mission.

„Der Siebente Sekretär eures gütigen Tsaaren erwartet mich!“, rief Sepp deswegen relativ untertänig.

Die Torwächter grunzten und begannen damit, Sepps Gepäck und seinen Tornister nach Beute zu durchsuchen, die man konfiszieren konnte. Da sich der Koffer mit dem Lösegold in einem Zwischenboden des Schlittens befand, entdeckte ihn niemand.

Um die Stimmung aufzuheitern, schenkte Sepp den Wachen acht Kiffetten aus dem Köfferchen mit dem Bestechungskrempel. Nach einem Passierschein fragte daraufhin niemand mehr. Sepp wurde durchgewinkt. Er ließ die Peitsche über den Hörnern der Zugtiere knallen und setzte seinen Weg fort.

Zum Glück hatte die Eminenz Sepp mit einem Stadtplan versehen.

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