Logo weiterlesen.de
Maddrax - Folge 362

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hilfreiche Links
  4. Was bisher geschah
  5. Das Weiße Grab
  6. Leserseite
  7. Cartoon
  8. Vorschau

was-bisher-50.jpg

Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. Die Erdachse verschiebt sich und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind.

Während sich der Wandler als lebendes Wesen entpuppt und weiterzieht, stellen sich Matt & Co. seinem Verfolger, einem kosmischen Jäger namens Streiter. Mittels eines lebenden Steinflözes gelingt es, ihn auf dem Mond zu versteinern. Dieser „Stein“ wurde von sogenannten Archivaren entwickelt, die in einer Welt zwischen Paralleluniversen leben und in einem „zeitlosen Raum“ technische Artefakte aller Epochen sammeln. Von dort kommt die nächste große Bedrohung: Samugaar, der in Matts Welt und Zeit strandet und die Erde erobern will. Durch ein Serum macht er Aruula hörig. Matt, der sich von ihr getrennt hatte, trifft sie beim Endkampf gegen Samugaar wieder. Die Archivare entgiften Aruula, bevor sie und Matt in ihre Welt zurückgeschleudert werden. Mit ihnen gelangen gefährliche Artefakte herüber, die sich über die ganze Erde verteilen.

Dank eines Scanners aus dem zeitlosen Raum spürt Matt in der Folge die ersten Artefakte auf und macht sie unschädlich. Dabei hilft ihm auch die aus der Art geschlagene Daa‘murin Gal‘hal‘ira (kurz: Ira), die ihm im Tausch gegen den Amphibienpanzer PROTO ihren wesentlich mobileren Todesrochen überlässt. Ein zweiter auf der Erde zurückgebliebener Daa‘mure ist Grao‘sil‘aana, der Aruula über mitgespielt hat. Ihn will Ira beim Kratersee suchen, wo einst der Wandler landete.

In der Zwischenzeit konnte sich ein alter Feind zu neuer Macht aufschwingen: General Crow, der in einem Androidenkörper japanische Truppen nach Washington führt und die Stadt erobert. Matt und Aruula gelingt es mit Hilfe von Verbündeten, wenigstens ihren Freund Mr. Black aus Crows Gewalt zu befreien.

Als sie ein weiteres Artefakt anfliegen wollen, ist dieses verschwunden. Um es aufzuspüren, dockt Matt am marsianischen Raumschiff im Orbit an. Doch als er den Autopiloten abschaltet, wird die AKINA zum Mars beordert! Im Kälteschlaf überbrücken Matt und Aruula die Flugzeit, geraten in einen Bürgerkrieg und werden genötigt, durch den Zeitstrahl gleich wieder zur Erde zurückzukehren. Doch die Anlage ist defekt: Statt fünf Wochen überspringen sie ganze sechzehn Jahre!

Und es scheint sich viel verändert zu haben in dieser Zeit: In Moskau treffen sie auf einen Roboter, der dort in menschlicher Gestalt als Statthalter für eine Gruppe fungiert, die sich die „Schwarzen Philosophen“ nennen. Mit der Hilfe eines Artefakts aus dem zeitlosen Raum sollte dort eine Armee von telekinetisch begabten Nosfera entstehen – was Matt und Aruula verhindern können. Danach wollen sie den nahen Kratersee aufsuchen, wo Matt auf Gal‘hal‘ira zu treffen und PROTO wiederzubekommen hofft. Sie erfahren, dass „zwei Götter“ – Ira und Grao? – vor 15 Jahren zu einer sagenhaften Stadt im nun trockenen Krater aufgebrochen sind, und folgen der Spur …

Das Weiße Grab

von Michael M. Thurner

Eisiger Steppenwind pfiff über die Hochhäuser hinweg, verfing sich an Ecken und Kanten. Die wenigen Menschen im Freien suchten so rasch wie möglich Deckung. Der Sturm brachte auch Schneegraupel mit sich, nur stecknadelgroß, aber mit Sand vermengt. Er rieb die Gesichtshaut derjenigen ab, die sich nicht gut genug geschützt und es gewagt hatten, trotz einer Temperatur von minus 25 Grad Celsius auf die Straße zu gehen.

Die beiden Männer starrten aus der Pyramide hinab auf die Menschen. „Sie wirken wie Ameisen“, sagte der eine.

„Falsch“, meinte der andere. „Ameisen folgen einem Plan und einem Ziel. Die dort unten haben keine Ahnung, was sie machen sollen.“

Sie schwiegen. Lange. Bis sich am Horizont ein Schimmer breit machte, die Erde zu beben begann und großflächiger Regen einsetzte.

„Es ist auf einmal so ruhig, so friedlich.“ Igor Pekez drückte dem Anderen ein letztes Mal die Hand. Die Eifersüchteleien, die erbitterten Streits und die Kämpfe um Anerkennung waren vergessen. Denn bald würde die Sonne ein zweites Mal an diesem Tag aufgehen. Dann, wenn „Christopher-Floyd“ über sie hinwegraste und unweit von hier aufschlug.

Im Kratersee, Oktober 2544

Matt wandte seinen Kopf immer wieder nach links, Richtung Nordost. Dorthin, wo einstmals „Christopher-Floyd“ auf die Erde geprallt war, die Nemesis der Menschheit, und all das vernichtet hatte, was ihm wichtig gewesen war.

„Du denkst an Kristofluu?“, fragte Aruula.

„Ja“, antwortete er einsilbig. Vor Monaten oder Jahren hätte er seiner Begleiterin mehr über seine Sorgen und Ängste erzählt. Doch diese Zeiten waren vorbei. Vorübergehend zumindest.

„Du solltest nach vorne schauen.“ Aruula hielt sich am Seitengriff fest. Der Buggy war schlecht gefedert, immer wieder wurde sie hin und her geschleudert.

Sie hatte recht. Das Gelände erforderte all seine Aufmerksamkeit. Spalten taten sich vermehrt im Boden auf und zwangen sie zu Umwegen. Gestern waren sie in eine schmale Schlucht vorgedrungen, die sich immer weiter verengt hatte, begrenzt von bizarr anmutenden Felsformationen, die aufgrund großer Hitzeentwicklung entstanden waren. Nur unter größten Mühen war es Matt gelungen, aus der Sackgasse zurück in offenes Gelände zu finden.

Es herrschten ungewöhnlich hohe Temperaturen in diesem Teil des ehemaligen Kratersees, der nun fast gänzlich ausgetrocknet war. In der Ferne flimmerte die Luft über Flächen, die eben und ungefährlich wirkten. Doch sie beide hatten sich darauf geeinigt, so lange wie möglich in der Nähe des Kraterrands zu bleiben. Nicht zuletzt auch, weil es hier mehr tierische Exkremente zu finden gab – den Treibstoff für den Biogas-Motor ihres Fahrzeugs.

Eine Tankfüllung brachte sie an die dreihundert Kilometer weit. Wie viele würden sie wohl noch brauchen, bis sie auf eine Spur der beiden Daa‘muren stießen, die sie suchten: Grao‘sil‘aana und Gal‘hal‘ira. Alles was sie wussten, war, dass die beiden von fünfzehn Jahren zu einer geheimnisvollen „Weißen Stadt“ im Kratersee aufgebrochen waren.

Matt hielt den Buggy an, stieg aus und streckte seine Glieder.

„Du wirkst müde“, sagte Aruula. Sie blickte sich misstrauisch um.

„Zu viele Stunden im Buggy, zu viele Schläge in den Rücken.“ Er umkreiste das Fahrzeug, sah nach den Vorräten und trank einen Schluck Wasser. „Bald müssen wir unsere Trink- und Essensreserven auffüllen.“

„Es gibt genügend Wasser hier.“ Aruula hielt die Nase in die Luft und schnüffelte.

„Du kannst es riechen?“ Das Einzige, was er roch, waren die Ausdünstungen des Motors. Aber daran hatten sie sich inzwischen gewöhnt.

„Selbstverständlich. Du etwa nicht?“ Sie lächelte spöttisch. „Ach ja, ich vergaß: Deine Instinkte sind die eines Technos.“

Matt unterdrückte einen Seufzer. Ihr Verhältnis war komplizierter geworden. Kein Wunder: Es standen viele Dinge zwischen ihnen. Enttäuschungen. Schmerz. Verletzte. Tote. Und dennoch schien es so, als wären sie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden.

Aruula, die eben noch ihre Beine ausgeschüttelt hatte, erstarrte mitten in der Bewegung. Matt tastete nach seiner Laserpistole im Holster. Die Waffe war ihm zum vertrauten Begleiter geworden. Auf der postapokalyptischen Erde des 26. Jahrhunderts war sie eine wichtige und oftmals die einzige Lebensversicherung. Er folgte Aruulas Blicken. Und sah – nichts.

„Warte hier!“, sagte seine Begleiterin. Sie setzte sich in Bewegung und verschwand zwischen Felsformationen, die den weitläufigen Übergang vom Kraterinneren zu dessen Rand markierten. Einige Sekunden lang konnte er ihre Schritte hören, dann herrschte Stille, nur vom Krächzen jener Jagdvögel unterbrochen, die die steilen Felswände zum Brüten nutzten.

Matt stieg auf eine Strebe des Buggys und reckte sich. Er meinte, huschende Schatten zu erkennen, dort wo er Aruula vermutete. Dann einen Lichtreflex, der von ihrem Schwert stammen mochte. Gleich darauf einen erstickten Schrei, gefolgt von einem jämmerlichen Piepsen. Steine kullerten einen Abhang hinab, rissen weiteren Schotter mit, der gegen Felsen prallte.

Die Vögel, die bislang über ihm gekreist waren, verstummten. Einer nach dem anderen verschwanden sie im Felsgewirr. Als wollten sie ihm diesen Schauplatz alleine überlassen.

Knirschen. Aruulas Schritte auf losem Geröll. Noch blieb sie verborgen in einem Gewirr aus Felsbrocken und -platten, die so wirkten, als hätte sie ein Riese willkürlich durch die Gegend gekickt.

Dann sah er sie. Aruula kam einen Abhang herabgerutscht, die Arme blutverschmiert, mit zwei armlangen Tieren als Beute. „Abendessen“, rief sie ihm entgegen. „Gerule – oder so was Ähnliches.“

Matt nahm die Rechte vom Griff der Waffe. Die Handinnenfläche war schweißnass. Das ist doch lächerlich!, schalt er sich. Ich sorge mich noch immer um Aruula, obwohl sie in dieser Welt weitaus besser zurechtkommt als ich.

Er stieg vom Buggy und eilte ihr entgegen. Er betrachtete die Tiere. Sie ähnelten Hasen, besaßen aber kurze schmale Löffel. Die Augen waren zu Schlitzen verengt, die Reißzähne im breiten Maul der Tiere wirkten wenig vertrauenerweckend.

„Und du meinst, dass wir die Viecher essen können?“, fragte Matt.

„Ihr Blut ist rot, das Fleisch rosig, und nirgendwo ist Eiter zu sehen. Außerdem riechen sie gesund.“

Matt griff zögernd zu und nahm ihr die Tiere mit skeptischem Gesichtsausdruck ab.

„Vertraust du mir etwa nicht?“ In Aruulas Blicken war etwas, das ihm sagte, jetzt besser nicht zu widersprechen.

„Natürlich tue ich das. Aber lass uns weiterfahren. Die Gegend ist mir nicht geheuer, und wir sollten noch ein paar Kilometer hinter uns bringen, bevor wir unser Nachtlager errichten.“

Aruula nickte. Sie wischte das Blut so gut es ging am Fell der Tiere ab. Gemeinsam verstauten sie die Beute im Rückraum ihres Fahrzeugs und deckten sie mit einem Tuch ab.

„Hast du noch mehr von den Viechern gesehen?“, fragte Matt und startete den Wagen. „Wenn sie sich wie Gerule verhalten, sind sie trotz ihrer geringen Größe im Rudel gefährlich.“

„Es war nur eine kleine Kolonie. Ich habe die beiden ältesten Muttertiere getötet und den Rammler laufen lassen. Die Männchen sind ohnedies viel zu zäh. Und die Jungtiere waren schon groß genug, um sich selbst mit Nahrung zu versorgen.“

„Sicher?“ Matt fuhr den Buggy an. Die Ballonreifen fanden augenblicklich Grip.

„Natürlich!“ Sie lachte. „Oder hätte ich sie mitnehmen sollen? Wolltest du sie an Mutters statt großziehen?“

Es wurde Abend. Sie schlugen ihr Lager etwa einen Kilometer vom Kraterrand entfernt auf. Aruula fand Kräuter und grub Wurzeln aus. Das Fleisch zerteilte sie und kochte dann ein Gulasch, dessen Schärfe den Bittergeschmack der Tiere mehr als wettmachte. Ein Lagerfeuer prasselte fröhlich vor sich hin. Immer wieder fuhren Böen durch die Flammen und trieben Funken weit umher.

„Dort sind andere Menschen. Oder Mutanten“, sagte Aruula schmatzend und winkte mit der Hand unbestimmt in Richtung Süden, zum Kraterrand hin. Fleischsaft rann ihr übers Kinn. „Ich spüre ihre Gegenwart.“

Matt kniff die Augen zusammen. Er sah nichts. Vielleicht den Hauch eines Lichtschimmers, doch das mochte täuschen.

„Wie weit weg sind sie?“, fragte er seine Begleiterin.

„Kann ich nicht genau sagen. So weit reicht mein Lauschsinn nicht. Aber keine Sorge; nachts werden sie nicht auf die Jagd gehen.“ Sie spuckte einen Knorpel ins Feuer. „Ich schätze, sie campieren oben auf dem Kraterrand, um morgen bei Licht den Abstieg zu wagen.“

„Dann haben wir ja genug Zeit … um zu reden“, sagte Matt vorsichtig.

„Worüber?“

„Über uns.“

„Nein. Ich bin müde.“ Aruula wischte sich die fettigen Finger an einem Tuch ab, streckte sich ausgiebig, gurgelte mit Wasser und rollte sich nach einigen gemurmelten Worten in eine der Decken, die sie mitführten.

„Das heißt dann wohl, dass ich die erste Wache übernehmen soll?“, fragte Matt. Als Antwort erhielt er nur ein leises, regelmäßiges Atmen.

„Irgendwann werden wir uns aussprechen müssen“, murmelte er. Es wurde höchste Zeit. Vor allem, nachdem sich nach dem sechzehnjährigen Zeitsprung alles um sie verändert hatte. Nicht so sehr die Umwelt. Aber ihre Freunde und Verbündeten. Niemand konnte sagen, wer von ihnen überhaupt noch lebte.

Matthew Drax machte es sich auf dem Fahrersitz so bequem wie möglich. Den Laser hielt er griffbereit, ebenso ein Messer.

Er starrte in die Dunkelheit und fühlte sich mit einem Mal schrecklich einsam. Sie beide hatten sechzehn Jahre verloren, und der einzige Mensch, mit dem er sich über seine Ansichten, seine Ängste und Probleme austauschen konnte, wollte nicht mit ihm reden. Diese Reise verlief ganz und gar nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Jemand schlug ihm kurz, aber heftig gegen die Schulter. Matt riss die Augen auf, alarmiert und auf alles gefasst. Menschen, die einen allzu tiefen Schlaf hatten, wachten in dieser postapokalyptischen Welt manchmal nie mehr auf.

„Sie kommen näher“, sagte Aruula. Sie stierte in die Morgendämmerung. „Sie müssen bei der ersten Helligkeit losmarschiert sein.“

Matt kam rasch auf die Beine. Er nahm das Fernglas zur Hand und erkannte winzige Punkte unterhalb des Kraterrands. Sie wurden von größeren Wesen begleitet, offenbar von Tieren.

„Dann packen wir mal zusammen.“ Er nickte Aruula zu. Sie beide wussten, was zu tun war; jeder Handgriff saß. Binnen Minuten waren sie abfahrbereit.

„Sie sind nicht gefährlich“, behauptete Aruula plötzlich. „Sie nähern sich völlig offen.“

„Oder sie sind sich ihrer Stärke bewusst“, warf Matt ein. „Kannst du ihre Gedanken erlauschen?“

„Dazu sind sie noch zu weit weg. Ich verlasse mich auf meinen Instinkt.“

Sie zurrten die Ausrüstung in aller Ruhe im Buggy fest, während sie die möglichen Szenarien einer Begegnung besprachen. Es war bloß Routine angesichts ihrer gemeinsamen Erfahrungen – und dennoch tat es gut zu wissen, wie der Andere in einer Gefahrensituation reagieren würde.

Matt betrachtete kurz die in eine Plane verpackten Teile des Magnetschwebers, des Mag-1, den sie vom Mars mitgebracht hatten und der in Gdansk zu Bruch gegangen war.1) Er hatte nicht das passende Werkzeug, um ihn zu reparieren; das würde er wohl erst in einer Techno-Enklave oder bei Retrologen finden. Bis dahin blieb das praktische Fortbewegungsmittel, das eine Höhe von bis zum zwanzig Metern erreichen konnte, ungenutzt.

Dann startete Matt den Motor und reichte das Fernglas an Aruula weiter.

„Es sind um die zwanzig Leute“, sagte die nach einer Weile des Spähens. „Die meisten Erwachsene, aber auch einige Kinder. Dazu drei Tragetiere, die an Seilen geführt werden. Sie ähneln Kamshaas2).“

Die Sicht wurde ihr versperrt, als der Buggy zwischen meterhohen Nesselgewächsen hindurchfuhr. Das Kraut erschwerte das Vorwärtskommen, zumal die Pflanzen mögliche Unebenheiten verbargen.

„Fahr langsamer!“, mahnte Aruula. Sie starrte blicklos vor sich hin und Matt begriff, dass sie momentan ihre Augen nicht brauchte, um zu sehen. „Die Leute sind irritiert. Sie haben so etwas wie unser Gefährt nie zuvor gesehen.“

Matt befolgte ihren Rat und drosselte das Tempo. In gemächlichem Tempo pflügten sie durch das Grünzeug. Ab und an waren Bewegungen auszumachen, wenn Kleintiere vor ihrem Fahrzeug hakenschlagend flüchteten.

Die Gruppe vom Kraterrand war nun nahe genug, um Einzelheiten auszumachen. Sie waren erbärmlich gekleidet und wirkten ausgezehrt. Und es waren keine Menschen! Ihre Vorfahren hatten einstmals den vier Völkern angehört, die von den Daa‘muren am Kratersee gezüchtet worden waren. Sechs der vermeintlichen Kinder entpuppten sich als Angehörige der Narod‘kratow, als Maulwurfsmenschen, die kaum größer als einen Meter wurden. Vier Frauen und fünf Männer entstammten dem Volk der Rriba‘low. Sie gestikulierten mit ihren vier Händen. Andere der Gruppe schienen menschenähnliche Woiin‘metcha zu sein, Schwertmeister. Nur telepathisch begabte Mastr‘ducha, echsenhafte Kreaturen, konnte Matt nicht entdecken.

Matt hielt den Wagen an. Aruula streckte beide Arme in die Höhe. Sie wollte Aufmerksamkeit – und erhielt sie augenblicklich. Ehrfürchtig starrten die Wesen den Buggy an, ein Fahrzeug, das sich ohne die Zugkraft eines Tieres vorwärts bewegte und dabei unheimliche blubbernde Geräusche von sich gab. Doch die Verwunderung war bei weitem nicht so groß, wie Matt erwartet hatte. Immer wieder wanderten die Blicke der Mutanten nach Norden – und nicht etwa nach Nordost, wo das Zentrum des Kraters liegen musste.

Matt konzentrierte sich auf Aruula. Er verstand, was sie sagte, auch ohne den implantierten Translator. Denn in dem war das Idiom der „Wandernden Völker“ nicht einprogrammiert.

„Wir sind friedlich wie ihr!“, rief sie und bekam die Bestätigung in Form eines dutzendfachen Nickens. „Wir sind auf der Suche nach dem Besonderen“, fuhr sie fort. „Habt ihr das Besondere gesehen?“

Matt verstand und zollte Aruula Lob. Ohne dass sie konkret werden musste, drückte das Wort „besonders“ all das aus, was über den Alltag dieser Wesen hinausging. Also auch die Begegnung mit zwei Daa‘muren.

„Wir suchen ebenfalls das Besondere“, antwortete ein stämmiger Mann, dessen nackter Oberkörper mit schuppenähnlicher Flechte bedeckt war. „Nastir‘die weist uns den Weg. Sie kennt das Besondere, hat es mit ihren eigenen Augen gesehen!“

Eine alte Frau in einer Art Mönchkutte trat vor, eine Woiin‘metcha. Sie ging weit vornübergebeugt, ihre Hände und Knie zitterten. Doch in ihrer Stimme lag eine Kraft, die die Hinfälligkeit ihres Körpers Lügen strafte. „Ich bin Nastir‘die“, sagte sie, „eine Gusev-Tochter. Eine Botschafterin Aqmolas. Eine Gesandte der Stadt, die ihre Bevölkerung sucht. Der Wegweiser in das Gelobte Land …“

„Eine religiöse Fanatikerin“, flüsterte Matt Aruula auf Englisch zu. „Lass dir nicht einfallen, ihr zu widersprechen. Andernfalls haben wir die gesamte Gruppe gegen uns.“

Gleichzeitig wunderte er sich, dass Nastir‘die nicht den strengen Ritualen ihres Volkes folgte. Er erinnerte sich daran, wie kompliziert die erste Begegnung mit diesen Mutanten gewesen war. In der Gruppe schienen sie ihren Verhaltenskodex abgelegt zu haben. Oder war dies schon vor Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch ihrer Zivilisation geschehen?

Er und Aruula hörten der Alten zu. Als sie schwieg und sich die Aufregung innerhalb ihrer Gruppe gelegt hatte, fragte Aruula laut: „Und wo finden wir dieses Aqmola?“

„Drei Tagesmärsche von hier!“ Nastir‘die deutete nach Norden. „Die Tore Aqmolas stehen jedermann offen. Sie ist das Paradies! Es mangelt uns an nichts. Die Wände sind so hoch wie fünfzig Männer und die Mauern stark. Die Fenster in den Häusern sind aus einem Material, das nicht zerbricht, und der Boden besteht aus etwas, das nicht Holz und nicht Stein ist. Ich schwöre euch: Ich habe dies alles gesehen, und seitdem ich es gesehen habe, möchte ich nirgendwo anders mehr sein.“ Sie reckte die Arme gen Himmel und die Mitglieder der Gruppe taten es ihr gleich. Nur eine der Frauen blieb ruhig und kümmerte sich um die Kamshaas. „Ich habe die Stadt verlassen und den weiten Weg durch die Ödnis auf mich genommen, um andere an dem Glück teilhaben zu lassen, das ich erleben durfte.“

„Können wir ihr vertrauen?“, fragte Matt flüsternd.

„Natürlich nicht“, gab Aruula zurück. „Aber sie glaubt an das, was sie sagt.“

„Sie beschreibt eine Stadt inmitten des Kratersees, so wie schon Sichaa zuvor.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Maddrax - Folge 362" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen