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Maddrax - Folge 339

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Die elfte Plage
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. Die Erdachse verschiebt sich und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den gestaltwandlerischen Daa‘muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits die Spur zur Erde aufgenommen hat!

Als der Streiter ankommt, versetzen die Gefährten einen Teil eines Steinflözes, der alles Lebendige versteinert, mit einer uralten Waffe der Hydriten in die Masse des Streiters. Im Flächenräumer am Südpol entsteht alle 1000 Jahre durch die unkontrollierte Entladung der Energiespeicher eine Zeitblase.

Das Team nimmt den Kampf auf: Matt Drax, Xij Hamlet, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, die Hydriten Gilam‘esh und Quart‘ol, der geniale Erfinder Meinhart Steintrieb und der Android Miki Takeo. Dazu stößt noch Grao‘sil‘aana, einer der letzten Daa‘muren auf der Erde. Er hatte auf den 13 Inseln die Macht übernommen und die frisch gekrönte Königin Aruula in einer Höhle eingesperrt. Doch sie kommt frei und reist mit ihrem Freund Rulfan zum Südpol, um Matt zu warnen. Dabei sind die beiden entzweit: Im Kampf gegen Mutter, ein winziger Teil des lebenden Flözes, kam durch ihre Schuld Matts Tochter Ann ums Leben.

Zunächst gelingt es den Gefährten nicht, den Streiter zu vernichten: Der Flächenräumer ist nicht ganz aufgeladen. Der Schuss krepiert und erschafft eine neue Zeitblase! Durch die Schockwelle ist der Streiter für drei Stunden paralysiert, dann setzt er seinen Weg zur Erde fort. Als die kosmische Entität die Oberfläche des Planeten auf der Suche nach dem Wandler vernichtet, bleibt Matt, Xij und Grao nur die Flucht durch die neue Zeitblase.

Sie stellen bald fest, dass sie durch Parallelwelten reisen. Dabei geraten sie in den zeitlosen Raum zwischen den Welten, in dem Archivare technische Errungenschaften aller Epochen sammeln. Sie geben ihnen ein Gerät mit, das den Flächenräumer binnen Minuten aufladen kann: das Magtron. Sie kehren zu jenem Zeitpunkt zurück, als die Zeitblase entstand, und diesmal gelingt es, einen Teil des Flözes in den Streiter zu versetzen. Der versteinert – doch im Todeskampf schleudert er Mondtrümmer Richtung Erde.

Als Aruula und Rulfan im Flächenräumer ankommen, will die Kriegerin mit Grao abrechnen, doch Matt verbannt ihn nur und schickt ihn in die Eiswüste. Mit dem Shuttle fliegen Drax und Takeo einem riesigen Mondmeteoriten entgegen – und der AKINA, die führerlos auf die Erde zuhält. Matt will mit dem Raumschiff das Trümmerstück vom Erdkurs abbringen. Da rast eine Atomrakete heran und zerlegt den Brocken. Sie kam aus Kourou in Französisch-Guayana. Mit Takeo und seiner neuen Liebe Xij Hamlet reist Matt dorthin, während die verbitterte Aruula vorerst in Rulfans Burg Canduly Castle bleibt. In Kourou stoßen Matt, Xij und Miki Takeo auf eine Gesellschaft, die den Weltraumbahnhof der ESA in Schuss hält.

Ein weiteres Trümmerstück schlägt neben Canduly Castle ein. Aruula wird beim Einsturz des Kellers beinahe gelähmt. Gleichzeitig überfallen Indios mit Schlangen um den Hals Kourou, um Waffen zu erbeuten. Die Gefährten folgen ihnen bis nach Campeche in Mexiko, wo das Mondshuttle von einem EMP getroffen wird und abstürzt! Matt und Xij werden von den Robotern eines mysteriösen „Großen Herrn“ geschnappt. Er ist ein Archivar, der 2521 hier strandete und das Gift der Schlangen zum Überleben braucht, obwohl es ihn negativ verändert.

Durch einen Hirnscan erfährt der Archivar vom Magtron, mit dem er das Tor in seine Dimension öffnen könnte. Mit dem Shuttle fliegt er nach Schottland, wo Rulfan den Supermagneten für Matt aufbewahrt. Dort rettet er Aruula vor zwei gedungenen Mörderinnen, die von der neuen Königin der 13 Inseln ausgeschickt wurden. Zum Dank hilft sie Samugaar, wie sie ihn nennt, das Magtron zu erlangen – das ihm aber nichts nutzt ohne den Schlüssel, den Matt um den Hals trägt. Heimatlos geworden, schließt Aruula sich ihm an.

In der Zwischenzeit befreit Miki Takeo seine Gefährten und sie können sich getrennt absetzen, bevor der „Große Herr“ zurückkehrt. Miki geht nach Amarillo, um ein altes Vorhaben in die Tat umzusetzen: seinen Sohn Aiko dank einer Gedächtniskopie in einem Androidenkörper wieder zum Leben zu erwecken. Doch in dem Speicherkristall hat sich der Geist von General Arthur Crow eingenistet, der Takeo täuscht – und ihn vernichtet?

Während Matt und Xij mit einer gestohlenen Transportqualle der Hydriten nach Schottland reisen, warten der Archivar und Aruula vergeblich in Waashton auf sie. Schließlich ziehen sie mit geraubten Datenbanken des Pentagon ab – wobei Aruula, die mehr und mehr dem Schlangengift verfällt, Mr. Blacks Gefährtin Alexandra Cross tötet! Sie erzählt Samugaar von dem Ursprung, dem lebenden Stein in Ostdeutschland: das Material, aus dem das Torsiegel besteht! Aber dort hat sich durch das versetzte Streiter-Stück eine sich ständig wiederholende Zeitzone gebildet, die nur durch eine Sprengung aufgehalten werden kann. Der Archivar tut dies – und opfert dabei Aruula.

Die elfte Plage

von Michelle Stern

Salisbury, Mai 2528

Weiter!“, schrie Lucy. Das tiefe Brummen kam immer näher, erfüllte die Luft und dröhnte in den Ohren der Flüchtenden. Ronn sprang über Stock und Stein und riss Daana mit sich. Sie hielten auf eine Baumgruppe zu.

„Ronn!“, heulte Daana. „Was ist das nur?“ Das Mädchen klammerte sich so fest an seine Finger, dass es schmerzte.

„Wir sin gleich beim Versteck!“, gab Ronn zurück. Er verfluchte sich, weil er die Zeit vergessen hatte, während sie Pilze suchen waren. Dabei wusste er doch, welche Gefahren nach Anbruch der Dämmerung in den dunklen Wäldern lauerten.

Das Brummen kam über sie. Es beherrschte die ganze Welt.

Dann waren die Verfolger da. Ronn konnte im letzten Schimmer der Dämmerung ihre Schemen auf dem Waldboden sehen.

„Dort!“, schrie er, der Ruf beinahe ein Kreischen. Sein Herz raste. Er spürte eine Hitze, die ihn von innen her verbrannte.

Lucy führte die Vier an. Sie zeigte auf die Lücke zwischen umgestürzten Baumstämmen, die in eine kleine Höhle führte – der Unterschlupf. „Beeilt euch! Schnell!“

Daana heulte. Mea stieß im Rennen ein Gebet an Wudan und seinen Diener Adax hervor; kaum verständliche Silbenfetzen.

Zu spät, dachte Ronn. Er sah nach oben. Sein Herz wollte ihm die Brust zerreißen. Die schwarzen Umrisse der Buggs hatten ihn beinahe erreicht. Eines der schwarzen Dämonentiere summte heran. Es füllte Ronns ganzes Gesichtsfeld aus. Ein dünner Greifarm berührte seine Schulter, dass er vor Ekel und Angst taumelte.

„Ronn!“ Daana ließ seine Hand los.

Der unterarmlange Käfer packte mit sechs seiner Greifklauen zu und bohrte sie in seine Schulter. Vor ihm erreichte Lucy das Versteck und warf sich hinein. Mea folgte.

Ronn schüttelte den Käfer mit einem heftigen Ellbogenstoß ab, rollte über Tannennadeln und kleinere Äste und erreichte den Zugang. „Daana!“

Sie kreischte. Mehrere Buggs sanken auf sie nieder und rissen ihren schmächtigen Körper am Fellmantel in die Höhe. Daana schlug und trat um sich, zappelte wie eine Wahnsinnige. In einem Meter Höhe schaffte sie es, den Mantel zu öffnen, und stürzte zurück auf den Waldboden. Doch die Käfer ließen ihre Beute nicht entkommen. Der Mantel flatterte wie ein erschossener Vogel zur Erde.

Sie packten Daana erneut. Ronn wurde übel, als er sah, wie sie ihre dünnen Greifbeine in ihr weißes Fleisch bohrten. Er sprang vor.

Lucy packte ihn an den Schultern und zog ihn zurück. „Runter!“

Eine Gruppe von mindestens acht Buggs nahm Kurs auf sie. Lucy zerrte Ronn am Rucksack tiefer in die Erdhöhle hinein.

Mea schrie Daanas Namen. Immer wieder.

Ronn spürte Tränen auf seinen Wangen. Einen Augenblick wünschte er sich, die Buggs würden lieber ihn mitnehmen anstatt Daana. Dann verging der Moment und er kroch tiefer in die Erdhöhle zu den beiden Frauen, spürte deren Zittern und wünschte sich weit weg.

Das Brummen wurde leiser. Die Buggs drehten ab.

Mehrere Minuten blieben sie dicht aneinandergedrängt liegen. Mea schluchzte und jammerte unentwegt.

„So eine Scheiße!“, fauchte Lucy.

„Ich hol sie zurück!“ Als Ronn sich dieses Mal aufrichtete, hielt Lucy ihn nicht zurück. Die Buggs waren fort. Im Wald war es so still wie auf einem Totenacker. Einzig der Mantel lag noch an der Stelle, an der Daana zuletzt gewesen war. Eine dunkle, zurückgelassene Insel im Laubmeer.

„Das kannst du nicht“, widersprach Lucy. Obwohl sie am ganzen Körper bebte, war ihre Stimme ruhig.

Im Versteck krümmte sich Mea zusammen. „Mein Chaild …“

Ronn schlug sich mit der Faust gegen die Brust. „Ich hätte auf die Zeit achten müssen und den Weg! Wenn wir uns nicht verlaufen hätten, wären wir längst zurück in der Siedlung!“ Und nicht so nahe bei den Steinen. Diese verfluchten Steine …

Hör auf, dir Vorwürfe zu machen“, sagte Lucy. „Du bist noch ein halbes Kind, okee?“

Ronn antwortete nicht. Er ging den Flugkäfern einige Schritte nach und starrte in die Richtung, wo er ihr Nest wusste. Schwerfällig und müde beugte er sich über den Mantel, hob ihn auf und presste ihn an seine Brust.

Es war seine Schuld. Er war der Mann, egal was Lucy sagte. Auch wenn er noch jung war und erst eine von drei Mannbarkeitsprüfungen gemeistert hatte, trug er die Verantwortung für die Gruppe. Er drehte sich zu Lucy herum.

„Ich war schoma dort und bin zurückgekommen. Ich kann’s wieder tun.“

„Sie haben sich inzwischen stark vermehrt“, wandte Lucy ein. Auch nach all den Jahren sprach sie anders als die restlichen Craazys. Vermutlich so, wie auch sein Vater gesprochen hatte.

Mea sagte gar nichts. Sie weinte still vor sich hin.

Zorn stieg in Ronn auf. „Willste Daana den Buggs überlassen, ja? Is es das?“

„Es ist zu spät, Junge.“

„Shiit!“, fluchte Ronn. „Is es nich, und du weißt es! Sie fressen Daan nich gleich!“ Er geriet mehr und mehr in die Sprachweise der Craazys, während Lucy die Ruhe behielt und in ihrem eigenen Dialekt weitersprach.

„Sie werden dich auch erwischen, Ronn. Dann haben sie doppelte Beute.“

„Ich pass schon auf mich auf. Is ja nich das erste Mal …“

„Lass ihn gehen“, mischte sich Mea überraschend ein. Sie hatte zu weinen aufgehört und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Bitte, Lucy.“

„Nein! Es ist zu gefährlich.“

„Meine Ma hätt es gewollt“, sagte Ronn. „Du weißt das. Im Namen von Adax und Ostaara.“

Mea zeigte zum ersten Stern, der sich wie ein fernes Auge am Himmel zwischen den Baumkronen zeigte. „Ich glaub, die Götter woll’n es. Wudan is mit ihm.“

Du willst es“, sagte Lucy. „Nicht die Götter.“ Aber ihre Stimme hatte an Kraft verloren. Ronn spürte, dass sie dabei war, nachzugeben.

„Ich hol sie wieder her“, versprach er. „Ich geh zu den Buggs und hol sie da raus.“

Mea packte den Mantel in seinen Händen und sank vor ihm auf die Knie. „Bring mir mein Chaild zurück, Ronn.“

Schottland, Straath-Lake, Mitte Mai 2528

Nach langer Unterwasserfahrt langten Matthew Drax und Xij Hamlet an der Küste von Skoothenland an, wie der nördliche Teil Britanas heute genannt wurde. Ehe sie die Transportqualle verließen, gab Matt über die bionetischen Tastfelder einen Befehl ein, damit das hydritische Gefährt abtauchte und vom Ufer aus nicht zu sehen war. Falls es an Land zu Komplikationen kam, konnten sie es mit einem schnellen Tauchgang erreichen.

„Die Hydriten holen sich die Qualle sowieso zurück, meinst du nicht?“, kommentierte Xij seine Bemühungen.

Matt hob die Schultern. „Vermutlich.“ Sie mussten davon ausgehen, nach ihrem Auftritt in Hykton von der Untersee-Rasse verfolgt zu werden.1) Gern hätte sich Matt ihnen gestellt, um alles zu erklären. Aber das musste warten. Auch wenn Matthew Drax und Xij Hamlet die Geschehnisse zutiefst bedauerten, stand die Sorge um ihre Freunde in Canduly Castle an erster Stelle. Und die Gefahr, die von dem unbekannten Feind ausging, den sie bislang nur als den „Großen Herrn“ kannten.

Während sie sich zu Fuß auf den Weg in die nächstgelegene Ansiedlung machten, um dort ein Transportmittel über Land zu organisieren, hüllten die Sorgen Matt wie eine dichte, undurchdringliche Wolke ein. Der mächtige Gegner, der in Campeche, Mexiko in einem Turm neben einer Stufenpyramide residierte, auf deren Spitze sich eine kugelförmige Waffenphalanx erhob, hatte ihnen das Mondshuttle gestohlen und Rulfans Burg einen Besuch abgestattet. Nach einem Gehirnscan, den sein oberster Roboter – AV-01 – an Matt und Xij durchgeführt hatte, wusste er von dem Superior Magtron. Das hatten sie aus den Funkgesprächen erfahren, die er mit dem vogelgesichtigen AV-01 geführt hatte.

Doch der Supermagnet allein würde dem „Großen Herrn“ noch nichts nutzen – solange er nicht den Schlüssel besaß, den Matt noch immer um den Hals trug. AV-01 hatte ihn an sich nehmen sollen, doch mit Miki Takeos Hilfe – über dessen Verbleib sie nichts wussten – war ihnen die Flucht aus Campeche gelungen, kurz bevor der „Große Herr“ zurückgekehrt war.

Viel mehr Sorgen machte sich Matt darüber, was der Gegner auf Canduly Castle angerichtet haben mochte. Lebten die Freunde überhaupt noch? Rulfan, Sir Leonard … und auch Aruula?

Diese Ungewissheit trieb Xij und Matt an. Sie hatten sich in der Qualle mit der Steuerung abgewechselt und dem halborganischen Transportgefährt keine Ruhepause gegönnt. Trotzdem waren sie natürlich lange zu spät, um noch irgendetwas zu verhindern.

„Wir sollten zusehen, dass wir so schnell wie möglich aus dieser Gegend verschwinden“, sagte Xij. „Glesgo liegt relativ nahe.“ Sie verband mit dieser Stadt eine Reihe hässlicher Erinnerungen, die sich um die Reenschas und Ereignisse aus früheren Leben drehten.

Sie erreichten eine Ansiedlung aus Holzhäusern in den Ruinen einer Vorstadt. Irgendjemand hatte sich vor Jahrzehnten die Mühe gemacht, ein Schild aufzustellen, auf dem Matt mit einiger Mühe das Wort „Mootherwee“ entziffern konnte.

Obwohl es noch früher Vormittag war, machten sie sich zielstrebig auf die Suche nach der nächsten Gaststätte.

Sie fanden gleich zwei und entschieden sich für die kleinere, um unauffälliger zu bleiben. Die Einwohner, die ihnen begegneten, betrachteten sie argwöhnisch und neugierig, sprachen oder feindeten sie aber nicht an.

Sie betraten das Gasthaus, das sich „Gloory Steel“ nannte, und gingen zielstrebig auf den Tresen zu. Die Schenke war sauber, die meisten Stühle ruhten mit den Sitzflächen auf den Tischen. Es roch nach Biir und bratendem Fleisch. Ein leises Brutzeln verriet, dass jemand in der Küche sein musste. Zwei Kerle lagen auf Bänken und schnarchten. Beide waren untersetzt und trugen keine sichtbaren Waffen. Xij musterte sie misstrauisch. „Sehen nicht wie Reenschas aus“, raunte sie.

Aus einem Raum hinter dem Tresen kam eine dürre Frau mit ungewöhnlich großer Nase und schwarzem Haar, das sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Sie trug die traditionelle Bekleidung der Gegend: einen karierten, rotweißen Rock, ein beigefarbenes Hemd aus Leinen und darüber eine grüne Weste. Matt schätzte sie auf Mitte vierzig.

„Oho, Kundschaft umde frühe Stund?“, sagte sie mit breitem Dialekt. Ihr Blick war kritisch, aber nicht feindselig. „Komische Sachen tragter da. Lasst mich raten: Seid sicher aufm Weg nach Canduly Castle.“

Matt sank vor Überraschung der Unterkiefer herab. „Woher wisst Ihr das?“

Sie lachte. „Molly McDerren is ja nich blöde. Glaubt dess nich.“ Sie schwieg und sah zu den schnarchenden Männern hin. „Auch wenn mein werter Gatte und Milti dess glauben. Sehtse euch an. Voll wie die Gießkannen.“ Sie griff nach zwei sauberen Holzhumpen, schlug sie mit einem Knall auf den Tisch, der Matt zusammenzucken, die aber die beiden Schlafenden kalt ließ. Mit einem breiten Grinsen schenkte sie aus einem Krug Biir ein. „Seid sicher durstig. Der erste Krug geht aufs Haus. War ’ne lange Reise, was?“

„Ja“, sagte Matt vorsichtig, der sich noch immer nicht sicher war, wofür Molly ihn hielt. „Was wisst Ihr über Canduly Castle, Lady? Gibt es Neuigkeiten von dort?“

Sie kicherte. „Lady … So hat mich noch nie einer genannt“, sagte sie. „Nenn mich Molly, Fremder, und probier gar nich erst, mir Honig ums Maul zu schmier’n. Dess klappt bei Molly nich.“

„Bitte.“ Xij beugte sich über den Tresen. „Wenn du etwas über die Burg weißt, sag es uns.“

Molly schob ihnen die vollen Humpen hin und Matt hob den seinen zögernd an. Er beäugte das Gesöff misstrauisch, aber da er Durst hatte, nahm er einen vorsichtigen Zug. Er hatte schon Schlechteres getrunken.

„Nur was die Sparroos von den Dächern pfeifen“, sagte Molly. „Dieser Rulfan sammelt allerhand komisches Volk um sich. Freeks.“

„Solche wie uns?“, fragte Matt, der allmählich begriff. Molly hielt sie für Retrologen oder Technos, die ihren Weg nach Canduly Castle und zum Hort des Wissens suchten.

„Nimm’s mir nich krumm, Jungchen, aber ordentliche Männer würd’n numa Röcke tragen.“ Sie grinste breit. „Dann könnt man auch deine strammen Waden besser sehn.“

„Dann könnt ihr uns also den Weg zur Burg zeigen, und wo wir ein Transportmittel bekommen können, das uns hinbringt?“, fragte Xij.

Molly zuckte die Schultern. „Den Weg könnt ihr euch spar’n. Die Burg is wohl hin.“

„Was?“ Matt rutschte fast der Humpen aus der Hand. Er fing ihn im letzten Moment. „Was soll das heißen?“ So entsetzt sein erster Ausruf geklungen hatte, so kraftlos kam diese Frage. Seine Finger zitterten. Er stellte das Getränk ab, das er nicht mehr halten konnte.

„Hab gehört, da hätts ’nen Steinbrocken vom Himmel geregnet. Manche munkeln auch, die Verrückten da hätten sich selbst in die Luft gejagt. Andere sagen, ’s wärn welche von den Reenschas mit ’ner Bomb gewesen, weil’s denen nich gepasst hat, wie mächtig der Rulfan wird. Aber dess glaub ich nich. Die Reenschas sin am End.“ Sie sah mit einem schnellen Blick zu ihrem schlafenden Mann, wie um sich zu vergewissern, dass er nicht aufwachte und ihr eine Strafpredigt für ihre Geschwätzigkeit hielt. „Den Weg könnt ihr euch also sparn. Ihr seht gesund und kräftig aus und ich könnt zwei Gehilfen brauchen. De beiden Schnapsrüssel da …“, sie zeigte auf ihren Mann und den Kerl namens Milti, „saufen mir eher den Keller leer, als dass sie sich nützlich mache …“

„Wir müssen weiter“, sagte Matt rasch, ehe Molly noch mehr ausholen konnte. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen, und das kam nicht nur vom Biir. Wenn es stimmte, was Molly sagte, waren das furchtbare Neuigkeiten. „Weißt du, wie wir an Horsays kommen können?“

„Habter genug Coiins?“

Matt schüttelte bedauernd den Kopf.

Molly seufzte. „Dann wird’s schwierig.“ Sie überlegte einen Moment. „Aber ihr habt Glück. McFerrin macht morgen los mit ’ner Uisge-Lieferung in de Richtung. Sie nehmen auch prächtige Schwerter mit, die aus de Stadt kommen.“ Ihre Stimme klang stolz, als hätte sie die Waffen selbst geschmiedet. „Wenner kämpfen könnt, schließt euch ihm an. Er sucht nach ’nem Geleitschutz.“ Sie blinzelte Xij zu. „Das Jüngelchen sieht aus, wie wenn’s am Verhungern wär. Euer Sohn?“

Matt musste trotz allem grinsen. „Äh, nein.“ Es kam des Öfteren vor, dass man Xij mit einem Knaben verwechselte, vor allem wenn sie weite Kleidung trug. Sie war weit weniger gut „bestückt“ als Aruula.

Molly kicherte – und interpretierte die Antwort falsch. „Oh, verstehe. Ihr seid zusammen. Na ja, schade.“ Ihr Blick war auf Xij gerichtet. „Dann wird’s wohl nix mit uns zwein, Schätzelchen, was? Aber bei Männern ohne Kilts hätt ich mir das denken können.“

Matt sparte es sich, Molly darüber aufzuklären, dass Xij eine Frau war. „Wo finden wir diesen McFerrin?“, fragte er.

Sie sagte es ihnen, und obwohl ihr erotisches Abenteuer mit Xij Hamlet ausfallen musste, tat sie noch mehr für sie und servierte ihnen einen deftigen Braten. Als Gegenleistung halfen Matt und Xij, ein paar Kisten und Fässer aus dem Vorratskeller nach oben zu schleppen, während ihr Mann und Milti oben noch immer ihren Rausch ausschliefen und dabei selig vor sich hinratzten.

Danach machten sich Matt und Xij auf den Weg zu McFerrin. Dabei tauschten sie Blicke, die Matt zeigten, dass Xij genauso angespannt war wie er selbst.

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