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Maddrax - Folge 326

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Schlangenmenschen
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Cartoon
  8. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den gestaltwandlerischen Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Die Marsianer entdecken den Streiter am Rand des Sonnensystems, als er aus einem Wurmloch auftaucht und den Neptun „verspeist“. Sie stellen nach Matts Vorgaben einen Magnetfeld-Konverter für die einzige Waffe fertig, die den Streiter vernichten könnte: den Flächenräumer am Südpol der Erde. Eine Waffe der Hydriten, die eine fünf Kilometer durchmessende Sphäre in der Zeit versetzen kann. Der Flächenräumer lag lange brach, und alle tausend Jahre entstand in ihm durch die unkontrollierte Entladung der Energiespeicher eine Zeitblase.

Das Team nimmt den Kampf gegen die Zeit auf: Matthew Drax, die junge Xij, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, die Hydriten Gilam’esh und Quart’ol, der geniale Erfinder Meinhart Steintrieb und der Android Miki Takeo. Dazu stößt noch Grao’sil’aana, einer der wenigen Daa’muren, die beim Abflug des Wandlers auf der Erde blieben. Er hatte auf den 13 Inseln, Aruulas Heimat, die Macht übernommen und die frisch gekrönte Königin Aruula in einer Höhle eingesperrt.

Doch Aruula kommt frei und kommt mit ihrem alten Freund Rulfan zum Südpol, um Matt zu warnen. Dabei hatte sie sich mit ihrem Gefährten entzweit: Im Kampf gegen Mutter, einen lebenden Stein, der alle Lebenden versteinerte, kam durch ihre Schuld Matts Tochter Ann ums Leben. Das hat er ihr nicht verziehen.

Zunächst ist Grao eine große Hilfe: Er schickt den Todesrochen Thgáan zum Mond mit dem Auftrag, den Streiter dorthin zu locken, damit man ihn mit der Zieloptik des Flächenräumers anpeilen kann. Aber dann erkennt der Streiter, der auf seinem Weg den Mars ins Chaos stürzt, Grao als Geschöpf des Wandlers und übernimmt ihn. Die Gefährten legen den Daa’muren auf Eis und machen die Waffe für den entscheidenden Schuss klar. Doch die Aufladung geht durch das verschobene Erdmagnetfeld nur schleppend voran.

Die Hydriten gehen durch eine der Zeitblasen in die Vergangenheit und Steintrieb nach Atlantis. Doch keinem von ihnen gelingt es, die Gegenwart zu ändern. Inzwischen wirkt sich der Streiter auch auf Manil’bud aus, Xijs erste Existenz. Das Bewusstsein der hydritischen Geistwanderin beeinflusst Xij, Grao aufzutauen. Er greift an, doch Takeo schlägt ihn nieder.

Als sich der Streiter, von Thgáan angelockt, über den Mond senkt, muss Matt feuern, obwohl die Energieladung erst bei 70% steht. Der Schuss krepiert und erschafft eine neue Zeitblase! Erst scheint der Streiter getroffen, doch es war nur eine Schockwelle, die ihn für drei Stunden paralysiert. Dann setzt er seinen Weg zur Erde fort. Unter seinem Einfluss regieren weltweit Tod und Wahnsinn. Auch Aruula und Rulfan sterben. Als die kosmische Entität die Oberfläche des Planeten auf der Suche nach dem Wandler, dessen Essenz sie wie ein Drogensüchtiger braucht, vernichtet, bleibt Matt, Xij und Grao nur die Flucht durch die neue Zeitblase.

Sie stellen bald fest, dass sie durch Parallelwelten reisen. Wann immer eine Zeitblase entstanden ist, hat sie eine neue Zeitlinie eröffnet, in der die Geschichte unterschiedlich weiterläuft. Bei einem dieser Zeitsprünge geraten sie in den Zeitlosen Raum zwischen den Welten, in dem Archivare technische Errungenschaften aller Epochen sammeln. Sie geben ihnen ein Gerät mit, das die Energiewaben des Flächenräumers in Minutenschnelle aufladen kann. Als sie endlich wieder an ihrem Aufbruchsort landen, kommen sie in jenem Augenblick an, in dem die Zeitblase entstanden ist: drei Stunden, bevor sich der Streiter vom Mond löst! Doch sie können zu ihren früheren Ichs keinen Kontakt aufnehmen und auch nichts berühren, da die Zeit selbst es verhindert. Als der frühere Matt auf die Ladestandanzeige des Flächenräumers aufmerksam wird, löst er einen weiteren Schuss aus, und diesmal gelingt der Plan: Sie versetzen einen kugelförmigen Teil des lebenden Flözes, aus dem Mutter stammt, direkt in den Streiter hinein. Der versteinert – doch im Todeskampf reißt er den Mond auf und schleudert Hunderte von Trümmerstücken in Richtung Erde.

Durch die Änderung im Zeitablauf sind auch Aruula und Rulfan gerettet, und die Kriegerin will mit Grao abrechnen. Matt erreicht, dass er nur verbannt und in die Eiswüste geschickt wird, wo er Antarktis-Bewohnern in die Hände fällt und in Sanktuarium gerät, eine Hohlkugel aus der Zukunft, die in ferner Vergangenheit beim ersten Schuss des Flächenräumers entstand.

Mit dem Mondshuttle fliegen Matt Drax und Miki Takeo einem 500 km durchmessenden Mondmeteoriten entgegen – und der AKINA, einem marsianischen Raumschiff, das offenbar führerlos auf die Erde zukommt. Der Schrei des sterbenden Streiters hat die Besatzung getötet, aber Matt will das Schiff nutzen, um das Trümmerstück vom Erdkurs abzubringen. Doch da rast von der Erde eine Atomrakete heran, verfehlt die AKINA nur knapp und zerlegt den Brocken. Von wem kam sie? Takeo errechnet als Ausgangspunkt Kourou in Französisch-Guayana. Doch bevor sie dorthin fliegen, muss Matt noch eine Entscheidung treffen: zwischen Aruula und seiner neuen Liebe Xij Hamlet …

Headline

von Manfred Weinland

Nordküste von Amraka, Hacienda Apocalipsis

Anfang Februar 2528

Das Windrad vor dem Haupthaus drehte sich schnell wie ein Flugzeugpropeller in der Morgenbrise, und der davon versorgte Kühlschrank auf der überdachten Veranda brummte in tiefstem Bass. Castaño, den man auch den „Padron“ nannte, genoss es, sich mit dem Rücken dagegen zu lehnen und die Vibrationen in seinem bulligen Körper zu spüren. Sein Blick streifte über das weite Land, das fließend in das Türkis des Meeres überging und das er einmal seinen fleißigen Söhnen hinterlassen würde.

Doch dann wurde die morgendliche Idylle jäh unterbrochen. Castaños ältester Sohn Pablo hetzte heran, und er war ganz außer Atem, als er vor ihm anhielt. „Boote, Padron!“, keuchte er. „Fremde Boote, wie ich sie noch nie gesehen habe, nähern sich der Küste!“

Luis Castaños Oberkörper ruckte nach vorn. Der Stuhl, auf dessen beiden hinteren Beinen er gerade noch mit behaglichem Grunzen balanciert hatte, folgte der Bewegung. Vom Schwung getragen, sprang der bullige Amrakaner1) auf die Füße und wartete, bis sein schlaksiger Sohn bei ihm anlangte. Pablos nackte Arme und sogar das Gesicht waren von Nesselbrand gezeichnet. Da die tückischen Pflanzen nur an einem ganz bestimmten Flecken wucherten, wusste Castaño sofort, von wo sein Ältester angehetzt kam, als säßen ihm sämtliche Dämonen des Landes, der Meere und der Lüfte im Nacken.

„Beruhige dich!“, herrschte Castaño ihn an und konnte den Blick kaum von den nässenden Wunden in Pablos Gesicht lösen. Es sah aus, als hätte ihm jemand die Striemen mit einer Peitsche zugefügt. „Warum bist du durch das Nesselfeld gelaufen, du Narr? Habe ich dir nicht schon als Kleinkind beigebracht, es zu meiden?“

Pablo machte eine wegwerfende Geste, als wären ihm die Verletzungen egal. Seine Augen glühten fiebrig. Angst, erkannte Castaño – und wollte seinen Sohn gleich noch einmal zurechtstutzen. Es gab nichts, was er weniger duldete als Furcht. Denn ein Castaño hatte nichts zu fürchten, er wurde gefürchtet.

„Es war der schnellste Weg, Padron! Und ich wollte schnell sein. Weil sie unglaublich schnell sind. Du hättest sehen müssen, wie ihre Boote in Ufernähe ankerten, die Insassen ins brusthohe Wasser sprangen und mit Kriegsrufen an Land wateten …“

„Kriegsrufe? Von wem, zum Teufel, redest du? Fremde Boote? Was für Boote?“ Castaño trat einen Schritt vor und packte Pablo am Kragen seines ärmellosen Hemdes. Er schüttelte ihn so heftig, dass sein Kopf vor und zurück geschleudert wurde, mehrere Male, bis Castaño ebenso plötzlich losließ, wie seine Pranken zugepackt hatten.

Pablo taumelte rückwärts und stürzte fast über die Kante der Veranda-Beplankung. „Indios!“, keuchte er. „Ihnen stand die blanke Mordlust ins Gesicht geschrieben!“

Castaño schüttelte den Kopf. Nicht, weil er die Worte seines Sohnes anzweifelte, sondern weil er nicht fassen konnte, wie Pablo sich aufführte. Hatte er eine Memme großgezogen?

„Wie viele?“, schnappte er. „Wie viele Boote, wie viele Krieger? Und wie sieht ihre Bewaffnung aus?“ Castaños Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Es sind doch Krieger und nicht etwa harmlose Reisende, mit denen wir Tauschhandel betreiben könnten?“

„Harmlos?“ Während Castaños Augen immer kleiner wurden, weiteten sich die von Pablo, als wollten sie aus den Höhlen fallen. „Padron! Ich konnte die Feindseligkeit, die von ihnen ausgeht, spüren!“

„Ich erkenne dich nicht wieder, mein Sohn. Ich erkenne dich nicht wieder.“ Castaño schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass wir nichts und niemanden zu fürchten haben. Geh, verständige deine Brüder und jeden Arbeiter, der hier entbehrlich ist. Ich teile Waffen an sie aus – richtige Waffen, keine Prügel oder Mistgabeln!“ Er spähte an Pablo vorbei, um sich zu vergewissern, dass noch keine der Gestalten, die ihn so beeindruckt hatten, in Sichtweite aufgetaucht war. „In zehn Minuten will ich euch alle vor dem Haus versammelt sehen! Du führst uns zu den Fremden. Bis heute warst du mein ganzer Stolz, Pablo. Was ist nur in dich gefahren, mich so zu enttäuschen? Ich werde dir zeigen, wie ein Castaño mit ungebetenen Gästen umgeht, wie er sich Respekt verschafft! Los jetzt, lauf!“

Für einen Moment hielt Pablo noch wie angewurzelt inne. Sein flackernder Blick irrte in Richtung Meer. Aber es machte sich keine Erleichterung in ihm breit, als auch er keine Verfolger sah.

Endlich löste er sich aus dem übermächtigen Schatten seines Vaters und rannte über den Hof zu den Stallungen.

Castaño blickte ihm nicht länger als zwei, drei Sekunden nach. Dann ging er mit wuchtigen Schritten ins Haus und holte die Gewehre, mit denen er sich bislang noch bei jedem hatte Respekt verschaffen können.

An Neidern und Feinden hatte es den Castaños nie gemangelt. Aber Indios? Primitive?

Castaños Mundwinkel bogen sich abfällig nach unten, als würden unsichtbare Gewichte daran ziehen. Wenn eine Lektion nötig war, würde er sie erteilen. Mit grimmiger Miene wartete er auf die Ankunft der kleinen Armee, die Pablo zusammentrommelte.

„Was hast du vor?“

Maria kam die Treppe herunter. Ihr schwarzes, am Hinterkopf zusammengestecktes Haar umrahmte ein Gesicht, das auch nach all den Jahren noch aussah, als hätte ein Künstler es in einer magischen Stunde modelliert. Castaños Frau war ebenso wie er knapp über fünfzig, nur sah man es ihr nicht an, im Gegensatz zu ihm.

Sie hatte sich ihre Schönheit und scheinbar auch ihre Jugend bewahrt, und auch wenn die Züge mit jedem Sohn, den sie Castaño geboren hatte, reifer geworden waren, so fühlte sich der Padron doch jedes Mal in die Vergangenheit zurückversetzt, wenn er sie anschaute. Er hätte stolz auf Maria sein müssen, darauf, wie diszipliniert sie nicht nur von früh bis spät schuftete, sondern auch lebte. Wo Castaño drei-, viermal bei jedem Essen zugriff und sich am liebsten fetttriefendes Gebratenes einverleibte, begnügte sie sich meist mit Gemüse und Obst.

Wenn das ihr Geheimrezept war, hatte er schon vor langer Zeit entschieden, lieber fett zu sein. Sein Lebensmotto hieß Genuss! Dafür hatte er in jungen Jahren auf vieles verzichtet – um es seinem Vater recht zu machen. Aber es hatte sich gelohnt. Nun waren seine Söhne an der Reihe. Er trug sich schon eine ganze Weile mit dem Gedanken, sich ganz aus dem Arbeitsprozess herauszunehmen und mit Maria noch ein paar gute Jahre zu verleben.

Wie sehr sich ihre beiden Ansichten über ein „gutes Leben“ allerdings unterschieden, wurde ihm jedes Mal bewusst, wenn er sie, wie jetzt, auf sich zukommen sah. Noch bevor er ihre Frage beantwortete, hatte er das Gefühl, dass sie bereits wusste, worum es ging.

Er lud das Gewehr, das er in den Händen hielt, in geübter Manier durch und legte es dann auf den Stapel zu den anderen. Schusswaffen waren sein Steckenpferd. Und oft ging er weniger mit der Absicht auf die Jagd, etwas zu erlegen, als vielmehr, einem seiner „Schätzchen“ den Staub aus dem Lauf zu schießen.

„Pablo kam angerannt und faselte von Fremden, die mit Booten angelandet wären. Er glaubt, es seien Indio-Krieger. Ich werde mir die Sache ansehen.“

„Und dafür brauchst du das da?“ Sie zeigte auf die Gewehre. In gleichem Maße, wie Luis Castaño Waffen liebte, verabscheute Maria sie. Castaño hatte damit kein Problem – solange sie sich nicht weiter einmischte.

„Sollen wir uns abschlachten lassen?“

„Wer sollte das tun wollen?“ Ihr schmales Gesicht hatte diesen Ausdruck angenommen, den Castaño am wenigsten an ihr schätzte. Kühles Taxieren, gepaart mit leisem Spott. Wann immer sie ihn auf diese Weise musterte, ahnte er, dass sie ihn eigentlich verachtete. Das, zu was er geworden war.

Er verfolgte den Gedanken nicht weiter. Seine Selbstschutzmechanismen funktionierten einwandfrei.

„Das sagte ich gerade: fremde Krieger. Frag deinen Liebling Pablo. Er hat sich fast in die Hose gemacht, als er sie beobachtete.“

„Red nicht so über ihn. Pablo ist ein guter Junge!“ Sie stemmte die Fäuste in die Hüften, und der Saum ihres dunklen Kleides schwang hin und her, als sie auf ihren Mann zukam.

„Die guten Jungs sterben jung, meine Gnädigste!“, provozierte er sie. „Eben weil sie zu gut sind. Wann begreifst du endlich, in was für einer Welt wir leben?“ Er hebelte das nächste Gewehr aus dem Wandhalter und inspizierte es. „Diese Hacienda wurde von meinem Ururgroßvater gegründet. Vor mehr als zwei Jahrhunderten. Denkst du, er hat sie nur aus einer Laune heraus ‚Apocalipsis‘ genannt?“ Castaño schüttelte vehement den Kopf. „Das Goldene Zeitalter, von dem nur noch Legenden erzählen, wurde vor vier, fünf … was weiß ich wie vielen Jahrhunderten von einer Katastrophe verschlungen, die wohl ohne Übertreibung als Apokalypse bezeichnet werden darf. Seither gilt mehr denn je das Gesetz der Stärke. Sei gut und geh unter. Sei wehrhaft und mit nicht allzu vielen Skrupeln behaftet, und dir steht die Welt offen!“

„So hast du es dir zurechtgebogen“, sagte sie. „Ich bin in einer Welt voller Entbehrungen aufgewachsen. Deine Welt hieß Raffgier und Gewalt. Schon immer. Aber meine so viel ärmere Welt war die lebenswertere, glaub mir das ruhig. Und ich hatte immer die Hoffnung, dass unsere Kinder in einer Zeit eigene Kinder haben würden, in der dieser unbändige Hunger der Castaños nach mehr und immer mehr endlich einmal gestillt sein würde. Eine Zeit, in der unsere Familie zufrieden ist mit dem, was sie erreicht hat. Und nicht nach immer mehr Besitztümern giert. So wollte ich meine Söhne erzogen wissen. Und wenn ich Pablo betrachte, dann ist es mir zumindest bei ihm auch gelungen.“

„Du hast einen Schwächling aus ihm gemacht. Jeder seiner jüngeren Brüder macht dem Namen Castaño mehr Ehre als er!“

Ihre Augen verschossen imaginäre Blitze. „Sprich weiter so und du verlierst mich!“

Wutschnaubend wandte er sich dem Gewehrstapel zu und schlang seine Arme darum wie um eine nicht halb so widerspenstige Geliebte, wie Maria es war.

Maria Castaño beobachtete aus dem ersten Stock des Hauses, wie ihr Mann, der Padron, ein Dutzend Mitstreiter um sich scharte und sie mit Gewehren und Munition ausrüstete. Ihre Söhne unterschieden sich rein äußerlich nur unwesentlich von den Tagelöhnern, die auf der Hacienda zum Broterwerb schufteten. Aber bis auf Pablo, der mit hängenden Schultern den Worten seines Vaters lauschte, drückte ihre Körpersprache den an Überheblichkeit grenzenden Stolz der Castaños aus, wie er von Generation zu Generation vererbt wurde.

In Momenten wie diesen wünschte sich Maria weit weg und hätte die Ehre der Castaños liebend gern gegen die Herzenswärme eingetauscht, mit der sie aufgewachsen war. Luis Castaño zu ehelichen war ein Fehler gewesen, der sich nicht wieder gutmachen ließ. Obwohl ebenso fleißig wie seine Brüder, war Pablo schon immer ein wenig anders gewesen. Als Einzigem der Geschwister war ihm die Sensibilität seiner Mutter zu eigen. Maria wusste, dass sie ihm damit eher eine Bürde als eine Hilfe in die Wiege gelegt hatte.

Mit Schrecken sah sie, wie Pablo zugerichtet war. Sie erkannte auf Anhieb, dass er in das Nesselfeld geraten sein musste, das sich linker Hand meerwärts erstreckte. Hätte sich aus den aggressiven Ganzjahresblühern nicht wirksame Medizin herstellen lassen, wäre Maria höchstpersönlich längst mit Feuer und Pflug gegen die Gewächse vorgegangen. Doch bei vorsichtigem Umgang überwogen die positiven Eigenschaften der Nesseln.

Was aber nicht darüber hinweghalf, dass Pablo noch Tage, vielleicht Wochen daran erinnert werden würde, dass ein Ausflug ins Nesselfeld ohne feste Kleidung und robuste Handschuhe nicht ratsam war.

Am liebsten wäre Maria in den Hof geeilt und hätte Pablo mit ins Haus genommen, um seine Wundstellen mit einer Salbe zu behandeln, die ihm wenigstens Linderung gebracht hätte. Aber da sie ihn vor den anderen nicht bloßstellen wollte, verzichtete sie schweren Herzens darauf und sah einfach nur zu, wie sich die Menge bewaffnete und vom Padron auf den Feind einschwören ließ.

Fremde Krieger. Indios. Unwillkürlich schauderte Maria bei dem Gedanken. Mit fest aufeinander gepressten Lippen sah sie zu, wie die Männer sich schließlich in Bewegung setzten und mit Luis Castaño an der Spitze zur Küste zogen.

Sie waren kaum außer Sichtweite, als ein Geräusch Maria herumfahren ließ.

Sie glaubte, sich selbst schreien zu hören. Doch dazu war sie gar nicht fähig. Von dem Moment an nicht mehr, als sie die Fratze des Fremden vor sich sah, der blitzschnell auf sie zu glitt.

Marias letzter Gedanke, bevor die Keule auf sie niedersauste, galt nicht dem fremden Krieger, sondern dem absonderlichen Schmuck, der sich um seinen Hals gewickelt hatte. Lebender Schmuck!

Maria hatte noch nie zuvor eine Schlange mit Flügeln gesehen. Und noch nie eine Schlange, die so schillernd schön und zugleich so heimtückisch aussah.

Die stechenden Augen des Reptils verfolgten sie bis in die Dunkelheit, die sich über ihren Geist senkte.

„Da sind sie! Genau, wie ich sagte!“ Pablo zeigte auf die großen, seetüchtigen Boote, die unweit des Ufers ankerten.

Sein Vater, der Padron, nickte zurückhaltend. „Niemand an Bord zu sehen. Nicht mal Wachen“, brummte er. „Ungewöhnlich. Ungewöhnlich fahrlässig.“ Er sah sich um. Auf der einen Seite erstreckte sich der Saum eines kleinen Wäldchens, auf der anderen das Nesselfeld. Trotz der frühen Stunde war es heiß. Luis Castaño konnte sich an kaum eines der zurückliegenden Jahre erinnern, in dem es zu dieser Jahreszeit solche Temperaturen gegeben hatte. Zwischen Himmel und Erde schwebten riesige Schwärme von bis zu daumengroßen Moskitos. Glücklicherweise fanden die Biester keinen Gefallen an Menschenblut, aber so manches Wakudarind war ihnen schon zum Opfer gefallen, vornehmlich nachts, wenn die Schwärme sich ...

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