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Maddrax - Folge 319

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Paris – verbotene Stadt
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den gestaltwandlerischen Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Die Marsianer entdecken den Streiter am Rand des Sonnensystems. Sie stellen den Magnetfeld-Konverter für die einzige Waffe fertig, die den Streiter vernichten könnte: den Flächenräumer am Südpol der Erde. Dort nimmt ein Team den Kampf gegen die Zeit auf: Matthew Drax, die junge Xij, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, die Hydriten Gilam’esh und Quart’ol, der geniale Erfinder Meinhart Steintrieb und der Android Miki Takeo. Dazu stößt noch der Daa’mure Grao, der auf den 13 Inseln die Macht übernommen und Aruula in einer Höhle eingesperrt hatte. Die überredet ihren alten Freund Rulfan, sie mit seinem Luftschiff zum Südpol zu bringen, um Matt zu warnen. Dort hat der Streiter Grao als Diener des Wandlers erkannt und übernommen. Man legt ihn auf Eis und macht den Flächenräumer für den entscheidenden Schuss klar. Doch die Aufladung durch das Erdmagnetfeld geht nur schleppend voran.

Die Hydriten werden ebenfalls beeinflusst und Matt schickt sie durch eine der Zeitblasen in die Vergangenheit. Auch Steintrieb geht – nach Atlantis. Doch keinem von ihnen gelingt es, die Gegenwart zu ändern. Inzwischen wirkt sich der Einfluss des Streiters auch auf Manil’bud aus, Xijs erste Existenz. Das Bewusstsein der hydritischen Geistwanderin beeinflusst Xij, Grao aufzutauen. Er greift an, doch Takeo schlägt ihn nieder.

Als sich der Streiter über den Mond senkt, muss Matt feuern, obwohl die Energieladung erst bei 70% steht … und der Schuss krepiert! Dafür werden alle Zeitblasen im Flächenräumer von einer neuen, größeren gelöscht, in der sich die Zeiten rasant abwechseln. Der Streiter setzt seinen Weg zur Erde fort. Unter seinem Einfluss regieren Tod und Wahnsinn; auch Aruula und Rulfan sterben.

Als die kosmische Entität die Oberfläche des Planeten auf der Suche nach dem Wandler, dessen Essenz er wie ein Drogensüchtiger braucht, vernichtet, bleibt Matt, Xij und Grao nur die Flucht durch das neue Zeitportal. Von nun an sind sie Schiffbrüchige der Zeit …

Paris – verbotene Stadt

von Jo Zybell

Grellweiß fauchte der Strahl. Der Chef der Secret Police bäumte sich auf und schnappte unter der Kapuze röchelnd nach Luft. Der Laut hallte unter der Kabinettskuppel wider. Er zuckte noch einmal und erschlaffte dann. Auf der linken Brustseite, dort, wo der Laserstrahl in seinen Körper gefahren war, stieg eine kleine Rauchfahne von der silbergrauen Uniform auf. Der Brandfleck färbte sich rötlich.

Sehr still war es jetzt rund um die Kabinettstafel. Die junge Chinesin lächelte ihr Eislächeln. Dreiundzwanzig Männer starrten Biggest Daddy an, der noch immer den Handlaserkolben in der Rechten hielt. Ein vierundzwanzigster flüsterte ungläubig: „Du hast ihn getötet.“

„Du hast deinen besten Freund getötet …“ Ronald Third CocaCola Diamond schüttelte fassungslos den Kopf. „Beinahe hundertachtzig Jahre lang habt ihr die Geschicke der APU miteinander …“

„Habe ich nicht gesagt, dass es mir leidtut?“, fuhr Biggest Daddy ihm ins Wort. „Es gibt nun mal keinen Platz mehr auf dem Generationenraumschiff, Ronny.“ Er richtete den HLK auf seinen Big Daddy für Forschung, Wissenschaft und Technik. „Auch für dich steht leider keine Suite zur Verfügung.“

Jetzt, nachdem er John Second CocaCola Diamond mit zwei Schüssen aus seinem Handlaserkolben ausgeschaltet hatte, war Ronald Third CocaCola Diamond der Einzige unter der Kabinettskuppel, der noch über einen freien Willen verfügte – abgesehen von der Chinesin und Biggest Daddy natürlich. Die Hirne der anderen dreiundzwanzig Big Daddies unterlagen längst chinesischer Kontrolle.

„Bitte …“ Ronald Third CCDs flehender Blick suchte den der zierlichen Chinesin. „Ich bitte Sie, Frau Generalsekretär …“

„Aber gern doch, Sir.“ Das Lächeln um die Mundwinkel der schönen Chinesin veränderte sich um keine Nuance. In ihren grünen Eisaugen funkelte es gefährlich. „Es steht Mr. Smythe selbstverständlich frei, seine Suite an Sie und Ihre Familie abzutreten.“ In einer Geste, die wohl ihren guten Willen unterstreichen sollte, hob sie beide Hände und Schultern. „Oder wenigstens einen seiner Angehörigen zurückzulassen und Ihnen dessen Platz zur Verfügung zu stellen.“

Ronald Third CocaCola Diamonds Finger verkrampften sich um die Armlehnen seines Kabinettssessels. Er blickte hilfesuchend in die Runde der anderen dreiundzwanzig Big Daddies – und sah in lauter teilnahmslose Gesichter.

All diese Männer trugen noch das vorletzte Modell des ID-Chips unter der Stirnhaut; einen Typ, über den man, hatte man ihn mit einem Schlüsselcode erst auf Efferenz umgeschaltet, das Gehirn seines Trägers manipulieren konnte.

„Was ist denn nur los mit Ihnen, Gentlemen?“ Vermutlich ahnte Ronald Third CCD in diesem Moment, dass er es nur noch mit Marionetten zu tun hatte, und wollte es nicht glauben. „So unternehmen Sie doch etwas, du meine Güte!“ Und dann wieder mit zitternder Unterlippe an Biggest Daddy gewandt: „Tu es nicht, Silvester, ich beschwöre dich …“

„Hast nicht du selbst den besten Mann der APU als Kommandanten ausgewählt, als wir unser Generationenraumschiff ins All schickten?“ Biggest Daddy schüttelte sein blondes Zöpfchen von der rechten Schulter und verbog den Hals, als hätte er einen Krampf. Natürlich fiel es ihm nicht leicht, seine beiden engsten Vertrauten über den Jordan zu schicken. Schließlich war auch er nur ein Mensch.

„Doch, Silvester, sicher …“ Der andere rang die Hände. „Aber was willst du damit sagen …?“

„Jetzt, da auch die Chinesen sich anschicken, ein Generationenraumschiff zu starten, muss erneut der Beste das Kommando übernehmen. Das bin ich den Zehntausenden an Bord einfach schuldig. Also werde ich gehen.“

Er hob den HLK, zielte und drückte auf den Auslöser. Der grellweiße Strahl fuhr Ronald Third CocaCola Diamond in die Brust. Er bäumte sich auf, stieß einen langen Seufzer aus, verdrehte die Augen und sank in seinem Sessel zusammen.

Der Herbst fiel aus in diesem Jahr. Erst Mitte September war es und trotzdem spürte man gegen Mittag noch die Kälte der Nacht in den Knochen. Morgenfrost statt Spätsommer – wohl dem, der nach dem verlorenen Häuserkampf im Pariser Stadtzentrum einen Mantel hierher in das neue Hauptquartier der St. Germains hatte retten können. Oder wenigstens eine dicke Jacke.

Jeanne St. Germain rieb sich die Hände über der Glut. Zwei Kämpfer knieten vor den Luftschlitzen der Tonne und bliesen das Feuer an. Ihre persönlichen Adjutanten, sie trugen blaue und rote Streifen auf den Wangen.

„Die letzten drei Tage habe ich dich nicht ein Mal Gymnastik treiben sehen, Laurent St. Germain“, sprach Jeanne den Jüngeren an, einen siebzehnjährigen Schwarzen. Schuldbewusst äugte er zu ihr herauf. „Sobald das Feuer wieder brennt, wirst du das nachholen, und zwar unter meinen Augen. Und dann will ich die doppelte Anzahl Liegestützen und Sit-ups sehen! Klar?“

Der Bursche nickte. „Und du, Nikolas St. Germain, wann hast du zuletzt deine Wäsche gewechselt?“, wandte sie sich an den etwas Älteren.

Der druckste ein wenig herum, bevor er mit der Sprache herausrückte. „Vor einer Woche. Oder so ….“

„Dachte ich mir – du stinkst nämlich wie ein verwesender Kater. Zur Strafe schiebst du drei Tage Sonderschicht in der Küche. Und jetzt ab in die Halle zum Waschen und Wäschewechseln!“ Sie deutete auf den alten Flugzeughangar. Die ARF – Armée de résistance de la France – hatte ihr Materiallager darin eingerichtet und einen Teil ihrer Mannschaften in den Nebenräumen untergebracht.

Nikolas trollte sich in Richtung Halle, und Laurent begann, als das Feuer wieder loderte, an Ort und Stelle mit der Gymnastik. Während er laut seine Liegestützen zählte, ließ Jeanne ihren Blick über die Fabrikruinen wandern.

An allen Tonnen, Bänken, Baracken und Zelten wurde Essen ausgegeben. Die Warteschlange vor dem Lazarett hatte sich beinahe aufgelöst. Capitaines waren zwischen den kleinen Gruppen ihrer Leute unterwegs, Männer und Frauen in Schwarz mit rot-blauen Schulterstücken auf Mänteln oder Jacken; sie sprachen die Kämpfer an, scherzten mit ihnen oder ermahnten sie.

Jeanne legte größten Wert darauf, dass die Offiziere erst dann ihre eigene Essensration annahmen, wenn sie sich davon überzeugt hatten, dass jeder ihrer Untergebenen seine Portion im Blechteller hatte.

„Vierzig“, keuchte der Bursche neben der Tonne und richtete sich auf den Knien auf. Ein Kettchen mit einem Porträtanhänger war ihm aus der Jacke gerutscht, das Bild eines blinden weißhäutigen Mannes. Jeanne selbst hatte ihm dieses Porträt des großen postamerikanischen Widerstandskämpfers Matthew Drax einst geschenkt, als Belohnung für einen mutigen Späherdienst. Hin und wieder, wenn der Krieg ihnen eine Atempause gönnte, berichtete sie den jungen St. Germains von ihrem Vorbild Drax. In harten Zeiten wie diesen brauchte es Gestalten, an denen man sich orientieren konnte.

„Du hast von einunddreißig direkt auf dreiunddreißig gezählt.“ Jeanne zog die schwarzen Brauen hoch. „Ich hoffe für dich, dass es ein Versehen war, Laurent St. Germain. Häng noch einmal zehn Liegestützen dran. Los!“ Der Kämpfer seufzte, tat aber, was sie verlangte. Niemand hatte Jeanne je einen Befehl verweigert.

Sie blickte hinauf zu den Dächern und den Wipfeln der Eichen und Ulmen, die einen dichten Wald rund um die alte Industriebrache bildeten. Keinen einzigen Wachmann, keine einzige Wachfrau konnte sie entdecken. Die Tarnung ihrer Leute war nahezu perfekt. Über den Sichtschutz hinaus sorgte ein ausgeklügelter Ortungsschutz dafür, dass die Chinesen auch das neue Hauptquartier bis jetzt nicht entdeckt hatten. Dabei hatte die ARF eine ganze Brigade hierher auf das alte Fabrikgelände und die Wälder seiner Umgebung verlegt. Mehr als sechstausend Kämpfer und Kämpferinnen.

Vor sechzig Jahren, als die Antigrav-Flieger die alten Düsenjets noch nicht vollständig verdrängt hatten, wurden hier Langstreckenflugzeuge gebaut. Jetzt zerfielen die Gebäude nach und nach, das Unkraut stand hüfthoch, ein niedriger Wald aus Buchen, Eichen und Ulmen wucherte auf dem Flugfeld, und auf den Dächern wuchsen, zwischen Brennnesseln und Haselnussbüschen, Birken und verkrüppelte Kiefern.

Das neue Hauptquartier lag tief im Südosten des Stadtgebietes, nur ein paar Kilometer entfernt vom alten Flusshafen Vigneux-sur-Seine. Bei gutem Wetter konnte man die Ferngleiter der Chinesen im Nordwesten auf dem Airport Orly starten und landen sehen. Den hatten die Gelbärsche gleich mit der ersten Offensive erobert, bald fünf Jahre war das her. Seitdem herrschte reger Flugverkehr dort. Keiner wusste, was die Frachtkolosse mit den roten Wappen Woche für Woche dorthin schafften. Truppen und Kriegsmaterial hatten sie wahrhaftig genug in Paris stationiert. Vermutlich hatte die chinesische Volksarmee eine Produktionsstätte für schwere Waffen auf dem Flughafen errichtet; dafür jedenfalls sprach alles, was Jeannes Späher bisher an Informationen zusammengetragen hatten.

An verschiedenen Stellen rund um die Stadt lagen noch insgesamt vier Kompanien der ARF, meist in Tunnelsystemen unter der Erde. Die alte Metro hielt selbst der Pessimistischste unter Jeannes Obristen für uneinnehmbar. Doch was sollten nicht einmal zehntausend Kämpfer und Kämpferinnen gegen einige Hunderttausend Volksarmisten ausrichten, die ihr eigenes Leben so wenig achteten wie fremdes?

Bis in den Sommer hinein hatte die Bundesstaatsregierung Frankreichs noch im Elyseepalast residiert und die europäischen Restregimenter lagen in den Häusern der Innenstadt entlang des Seineufers und in den Wäldern und Industriegebieten rund um die Stadt. Doch seit die Chinesen Paris Mitte August einfach überrannt hatten, gab es auf französischem Boden weder eine Staatsregierung noch reguläre europäische Regimenter mehr. Überlebende Soldaten, die der Gefangenschaft entgangen waren, hatten sich der ARF angeschlossen.

Rebellische Geister von Jeannes Kaliber hatten diese Widerstandsarmee im Jahre 2117 gegründet. Damals begann die Zentralregierung in Brüssel die Protestbewegungen in den westlichen und südlichen Bundesstaaten mit Gewalt niederzuschlagen, was in kürzester Zeit zu einem überaus blutigen Bürgerkrieg führte. Sechzig Jahre lang tobte der zwischen Hammerfest und Palermo, zwischen Wladiwostok und Dublin; so lange, bis in ganz Europa die Stirnchips wieder abgeschafft waren und mit ihnen die korrupten Regionalregierungen und das menschenverachtende Gebaren der Konzerne und Banken.

Im Wesentlichen hatte die ARF von Anfang an aus Mitgliedern der traditionsreichen französischen Fußballclubs bestanden. In der folgenden Blüte von Freiheit, Wohlstand und Kultur gab es europäische Armeen wie sie nur noch in Geschichtsbüchern und Museen. Eine kurze Blüte – Chinas Wirtschaft und Geheimdienst hatten die Vereinigten Staaten von Europa während des Bürgerkrieges so gründlich unterwandert, dass sie rasch zusammenbrachen, als chinesische Truppenkontingente von ihren Stützpunkten in Afrika und Palästina aus in den Bundesstaaten Griechenland, Kroatien, Italien und Spanien landeten.

Damals studierte Jeanne gerade postmoderne amerikanische Literatur in New York – und verliebte sich bei der Gelegenheit unsterblich in den jüngeren Sohn ihrer Gastfamilie. Wenn sie zurückblickte, vermochte sie kaum zu fassen, was seitdem alles geschehen war: ihre Ausweisung aus der Amerikanisch-Pazifischen-Union, ihr Aufstieg in die Spitze der ARF, die Eroberung beinahe der gesamten Vereinigten Staaten von Europa, die fast vollständige Unterwerfung von Paris.

Veteranen hatten Guerillabewegungen wie die ARF überall in Europa zu neuem Leben erweckt. Doch nur hier in Paris und in Berlin wehrten sich noch nennenswerte freie Kampfverbände gegen die chinesische Übermacht. In Deutschland befehligte sie ein ehemaliger Fußballnationalstürmer, in Frankreich eine junge Literatin. Jeannes Vorgänger, ein Philosoph, hatte sich Anfang September nach seiner Gefangennahme selbst getötet; Jeannes Wahl durch Urabstimmung war eindeutig ausgefallen.

„Du hast noch nichts gegessen, mia Bella!“ Ein hünenhafter Mann von mindestens drei Zentnern Lebendgewicht mit Vollbart und barocker, rabenschwarzer Lockenpracht kam auf sie zu: Rudolpho Juventus, der Chefkoch der Brigade. Wie immer strahlte er, und wie immer umgarnte er sie mit seinen verliebten Blicken. Er reichte ihr einen Blechteller mit dampfendem Essen. „Spaghetti Bolognese!“ Er setzte den Teller auf ihren flachen Händen ab. „Lass es dir schmecken, mia bella Jeanne.“

Wie immer spitzte er die dicken, schrundigen Lippen, um sich seine Belohnung abzuholen, und wie immer küsste sie ihn nur flüchtig auf die bärtige Wange. „Danke, Rudy. Bist ein Schatz.“

Er lächelte wehmütig, blickte in den Himmel und machte die theatralische Geste eines Mannes, der vergebens hoffte. Eigentlich hatte er sich längst abgefunden damit, dass er Jeanne nicht kriegen würde, dass ihr Herz an einem anderen hing. Eigentlich – denn so ganz aufgeben würde einer wie Rudolpho Juventus nie.

Der große schwere Mann in dem langen, schwarzweiß gestreiften Hemd unter dem grauen Ledermantel stammte aus dem Bundesstaat Italien und hatte in den Reihen der norditalienischen Rebellenbrigade der Juventi gefochten; bis sie nach zwei Wochen unterging. Mit den Resten der von den Chinesen aufgeriebenen europäischen Einheiten war er über die Alpen nach Frankreich geflohen. Seit drei Jahren kochte er für Jeannes Brigade und kämpfte an ihrer Seite.

Rudolpho schaukelte zurück zum Küchenwagen, einem ausrangierten Tieflader, auf dem man in alten Zeiten Flugzeugrümpfe aus einer der Werkhallen gezogen hatte; dabei klagte Rudy seiner verstorbenen Mutter sein Leid. Das tat er gern und oft – wenn er nicht gerade sang oder fluchte.

Von ihren neun Obristen hielt Jeanne ihn für den wertvollsten. Nicht nur wegen seines Mutes und seiner Kochkünste – die Kampfmoral einer Armee hing in Jeannes Augen auch von der Qualität ihrer Verpflegung ab –, sondern weil er Humor und Herz und ein Gespür für Stimmungen hatte.

Jeanne setzte sich auf eine Kiste vor das Feuerfass und aß langsam und konzentriert. Es schmeckte richtig gut – so lange sie sich nicht fragte, von welchem Tier das Fleisch für die Bolognese stammte.

Nach dem Essen ging sie ins Lazarett und schaute nach den Verwundeten, die dort das Kranklager hüten mussten. Die letzten Kämpfe lagen schon ein paar Tage zurück und so fand sie nicht einmal zwei Dutzend Patienten.

Anschließend schlenderte sie durch die Mannschaftsquartiere. Die meisten ihrer Kämpfer und Kämpferinnen waren jünger als Jeanne selbst. Sie sah bei Schießübungen und beim Nahkampftraining zu, erkundigte sich nach dem Ergehen der Männer und Frauen, tröstete die Pessimistischen unter ihnen, ermahnte die, denen sie ansah oder von denen sie wusste, dass sie ihre Gymnastik oder ihre mentalen Übungen vernachlässigten oder es mit der Körperpflege nicht so genau nahmen.

Schmutz und Gestank störten Jeanne im Grunde nicht wirklich, gehörten ja in Kampfzeiten zum Alltag dazu. Es ging ihr mehr ums Prinzip, um einen Damm gegen Chaos und Hoffnungslosigkeit: Alle drei Tage frische Wäsche, regelmäßige Mahlzeiten, jeden Tag zehn Minuten Gymnastik und zwanzig Minuten Meditation – oder wenigstens ein paar Gebete, wenn es unbedingt sein musste –, das hielt die Leute am Leben.

Der Tod klopfte nach Jeannes Erfahrung nicht erst, wenn man sich einen Bombensplitter oder einen Laserstrahl fing, der Tod klopfte bereits, wenn einer aufhörte, sich zu waschen, zu rasieren oder seine täglichen mentalen oder sportlichen Übungen zu machen.

Ähnlich hielt sie es übrigens mit der Liebe. Wer herumvögelte, bekam grundsätzlich eine Disziplinarstrafe aufgebrummt. Jeanne verlangte Treue. Ein Paar in Schwierigkeiten wurde von seinem Capitaine zur Brust genommen, und wenn das nichts nützte, vom Obristen seiner Einheit. Trennung kam nur in Frage, wenn Jeanne selbst sich davon überzeugt hatte, dass die Beziehung keine Zukunft mehr hatte.

So hielt sie es auch selbst. Viele begehrten sie, und natürlich vermisste sie Sex, und wie. Doch da gab es einen, den sie liebte, und der war weit weg. Dylan McNamara hieß er. Solange sie noch Hoffnung hatte, dass er lebte, hielt sie ihm die Treue. Da konnte ihr der charmante Rudolpho noch so schöne Augen machen.

Sie sprach gerade mit einer jungen Frau, deren Regelblutung schon das dritte Mal nacheinander ausgeblieben war, als ihr Mobilport Alarm signalisiert. Der diensthabende Ortungsspezialist auf dem Dach der Westhalle funkte sie an. „Der vorgeschobene Beobachtungsposten am Flusshafen hat sich über UKW gemeldet.“ Seine ruhige Stimme tönte aus dem Mobilport an Jeannes Handgelenk. „Chinesische Truppenbewegungen aus halbzehn nach sechs Uhr. Siebzehn Kilometer von Null.“

Jeanne sprang auf und lief zur Westhalle. Unterwegs versetzte sie die Brigade in erhöhte Alarmbereitschaft.

Am Tor zur Halle standen bereits drei Obristen, unter ihnen Rudolpho Juventus. „Che merda!“, rief er. „Die werden uns doch nicht entdeckt haben? Figli di puttana, verdammte!“

Jeanne tadelte seine Flüche mit einem strengen Blick, antwortete aber nicht. Den drei Männern voran hastete sie die Wendeltreppe empor und kletterte auf dem Dach die Stiege bis zur Turmspitze hinauf. Der Wachhabende dort zeigte ihr die Ortungsreflexe auf seiner mobilen Anlage und reichte ihr dann den Feldstecher. Mit dem elektronischen Hochleistungsinstrument konnte man Kaninchen auf zehn Kilometer Entfernung beim Kopulieren zuschauen.

„Mist!“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen aus, als sie die chinesische Einheit entdeckte.

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