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Maddrax - Folge 318

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Im Land der Tyrannen
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Cartoon
  8. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den gestaltwandlerischen Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Die Marsianer entdecken den Streiter am Rand des Sonnensystems. Sie stellen den Magnetfeld-Konverter für die einzige Waffe fertig, die den Streiter vernichten könnte: den Flächenräumer am Südpol der Erde. Dort nimmt ein Team den Kampf gegen die Zeit auf: Matthew Drax, die junge Xij, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, die Hydriten Gilam’esh und Quart’ol, der geniale Erfinder Meinhart Steintrieb und der Android Miki Takeo. Dazu stößt noch der Daa’mure Grao, der auf den 13 Inseln die Macht übernommen und Aruula in einer Höhle eingesperrt hatte. Die überredet ihren alten Freund Rulfan, sie mit seinem Luftschiff zum Südpol zu bringen, um Matt zu warnen. Dort hat der Streiter Grao als Diener des Wandlers erkannt und übernommen. Man legt ihn auf Eis und macht den Flächenräumer für den entscheidenden Schuss klar. Doch die Aufladung durch das Erdmagnetfeld geht nur schleppend voran.

Die Hydriten werden ebenfalls beeinflusst und Matt schickt sie durch eine der Zeitblasen in die Vergangenheit. Auch Steintrieb geht – nach Atlantis. Doch keinem von ihnen gelingt es, die Gegenwart zu ändern. Inzwischen wirkt sich der Einfluss des Streiters auch auf Manil’bud aus, Xijs erste Existenz. Das Bewusstsein der hydritischen Geistwanderin beeinflusst Xij, Grao aufzutauen. Er greift an, doch Takeo schlägt ihn nieder.

Als sich der Streiter über den Mond senkt, muss Matt feuern, obwohl die Energieladung erst bei 70% steht … und der Schuss krepiert! Dafür werden alle Zeitblasen im Flächenräumer von einer neuen, größeren gelöscht, in der sich die Zeiten rasant abwechseln. Der Streiter setzt seinen Weg zur Erde fort. Unter seinem Einfluss regieren Tod und Wahnsinn; auch Aruula und Rulfan sterben.

Als die kosmische Entität die Oberfläche des Planeten auf der Suche nach dem Wandler, dessen Essenz er wie ein Drogensüchtiger braucht, vernichtet, bleibt Matt, Xij und Grao nur die Flucht durch das neue Zeitportal. Von nun an sind sie Schiffbrüchige der Zeit …

Im Land des Tyrannen

von Jo Zybell

Im linken Hologramm schluckte ein jungenhafter Endfünfziger seine tägliche Dosis Eternal Beauty, im rechten pries das neueste CleanRobot-Modell sich selbst an, im mittleren flimmerte ein ernstes Frauengesicht, schön und mit harten Zügen. Dylans Blick klebte an ihm – an schwarzen Mandelaugen, vollen schwarzen Lippen und schwarzen Locken. „Noch höchstens drei Tage“, sagte die Frau, „dann haben sie uns eingekesselt. Du musst dich beeilen.“

„Wie stellst du dir das vor, Jeanne?“ Dylan deutete auf seine Stirn. „Bei uns trägt man Chips! Spätestens auf dem Flugfeld bin ich fällig!“

„Komm zu mir, Chéri.“ Ihre Miene und Stimme wurden weich.

„Wie denn?! Transatlantisch dürfen nur noch Offizielle fliegen!“ Eine Glocke ertönte, Dylan fuhr hoch. „Sie kommen!“

Er lauschte. Schritte im unteren Stockwerk – aus allen Räumen der Maisonette lief seine Familie zusammen, um gemeinsam an die Eingangsschleuse zu gehen. Um dem Boten des Todes zu öffnen.

„Lass uns nachher noch mal reden!“ Dylan streckte sich nach dem Laserport aus. „Ich liebe dich!“ Er begann die geheime Verbindungsschleife zu lösen.

„A hard rain’s a-gonna fall … und nachher kann schon alles zu spät sein.“ Aus dem mittleren Hologramm schien Jeanne nach ihm greifen zu wollen. „Chéri …!“ Ihr Bild flimmerte, verregnete, und im nächsten Moment liefen Männer über ein Baseballfeld. Dylan hatte den Laserport wieder auf die Sportschleife umgestellt.

Er ging zur Tür und zog sie auf. Unten rief Mutters Stimme seinen Namen. Sie zitterte vor banger Erwartung. Ein hammerharter Tag, auch für sie. „Ich komme!“

Noch einmal blickte Dylan sich um. Die Sitzkissen, der Laserport, die Hologramme – alles in unverdächtigem Zustand. Er wandte sich ab, verließ seine Klause.

Manchmal standen unangemeldet SecPol-Beamte vor der Schleuse, präsentierten eine Generalvollmacht und gingen in jeden Raum, angeblich auf der Suche nach elektromagnetischen Störungen in den L-Ports. Verfluchte Schnüffler!

Dylan lief die Wendeltreppe hinunter. Den Black Spyer zur Erzeugung der Geheimschleife hatte Jeanne programmiert; vor fünf Jahren, als sie noch hier, in der Hauptstadt der APU, postmoderne amerikanische Literatur studierte. Der Spyer war ihr Abschiedsgeschenk gewesen. Dank ihm hatten sie auch noch Verbindung halten können, nachdem die Big Daddies Jeanne des Blockgebiets verwiesen hatten.

Nicht ungefährlich, einen Spyer zu benutzen. Manchmal kreiste die SecPol über den Türmen und scannte die Chips ausgewählter Konsumenten. Angeblich konnten sie inzwischen „konspirative Grundschwingungen“ orten. Verfluchte Hirnschnüffler!

Schon wieder die Glocke. Dylan presste die Lippen zusammen. Vor der Innentür im Untergeschoss warteten sie schon: Vater, Mutter, Dylans Schwester und sein älterer Bruder. Alle in weißen Festtagsgewändern mit dem schwarz-goldenen Emblem von Eternal auf Rücken und Brust.

„Wo bleibst du denn, Dylan?“ Mutter runzelte vorwurfsvoll die Brauen. Und dann, als sie seinen schwarzen Anzug sah, riss sie erschreckt Augen und Mund auf.

„Du bist ja noch nicht mal umgezogen!“, zischte sein älterer Bruder Hendrix, ein großer, hagerer Bursche wie er selbst, und genauso weißblond.

„Ich zieh mich nicht um.“ Dylans Kaumuskulatur bebte. „Für mich gibt’s keinen Grund zu feiern.“ Aus schmalen Augen blickte er ins Schleusenhologramm über der Tür. Zwei Männer und eine Frau standen vor dem Außenschott. Die Frau war blond und so gut wie nackt.

„Zu spät, wir haben keine Zeit mehr für Diskussionen.“ Dylans Vater räusperte sich und gab das Signal an den Türöffner. „Wenn sie noch einmal läuten müssen, habt ihr morgen ein Störungskommando im Haus.“ Er strich sich über das volle Haar und rückte den goldfarbenen Seidenbinder zurecht.

Im Hologramm sah man die Männer und die Frau die Schleuse betreten. Inmitten seiner Familie wartete Dylan und fühlte sich dennoch allein. Die Innentür öffnete sich, die blonde Frau tänzelte mit geöffneten Armen auf Dylans Vater zu. Ihr geblecktes Gebiss glänzte perlweiß. Efeublättchen aus Kunststoff und in den Farben von Eternal bedeckten ihre Brustwarzen und ihre Scham.

„Im Namen von Eternal: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Professor Abraham Eternal Seventeen Gold!“ Sie drückte ihr Becken und ihre unnatürlich großen Brüste an Dylans Vater und küsste ihn auf beide Wangen. „Ganz, ganz herzlichen Glückwunsch!“ Rasch entließ sie ihn aus ihrer Umarmung und öffnete die rechte Faust. Ein Mobilport lag darin. „Die Kosten für das Festmahl übernimmt selbstverständlich der Konzern.“ Sie hielt ihm den Mobilport unter die Nase. „Wenn Sie nun noch die Güte hätten, die Übereignung Ihres Körpers zu beglaubigen, Herr Professor Eternal Seventeen Gold.“

„Selbstverständlich, Ma’am.“ Dylans Vater senkte ergeben den Kopf und starrte auf die riesigen Brüste der Frau. Die drückte den Mobilport gegen seine Stirn – auf die Hautstelle, unter der sein ID-Chip steckte.

Nie hatte ein Konzernvertreter mit Dylans Vater über dessen Körper gesprochen. Mit der Signatur vermachte er ihn Eternal für Werbe-, Forschungs- und Produktionszwecke. Für einen Mann in seiner Position setzte man das als selbstverständlich voraus.

Sicher, hin und wieder gab es Leute, die wenigstens angesichts des Todes einen Rest ihrer Würde retten wollten und sich weigerten, ihre Leiche an ihren Existenzsponsor abzutreten. Eine Herabstufung des Rankings war meistens die Folge. Dylan hatte schon von Familien gehört, denen man die Kategorie Gold oder Diamond entzogen und bis auf Metal, ja sogar Scrap Metal herabgestuft hatte.

„So, das wäre es auch schon“, flötete die quasi Nackte, winkte gespreizt und tänzelte zur Seite. Plötzlich fiel ihr das Festtagslächeln aus dem Gesicht. „Oh! Noch gar nicht auf Feiertag eingestellt?“ Skeptisch musterte sie Dylans schwarzen Ganzkörperanzug. „Und ganz ohne die Konzernfarben?“

„Der Waschrobot ist gestört“, beeilte sich Dylans Mutter zu versichern. „Die offizielle Garderobe wird aber gerade getrocknet.“

„Na, dann ist ja alles gut.“ Ein süßlich-grimmiges Lächeln kehrte auf die Miene der Frau zurück, eine Mischung, die Dylan auf den Konzernvisagen schon immer verdächtig vorgekommen war.

Und jetzt traten die beiden Männer auf Dylans Vater zu. „Im Namen des Big-Daddies-Councils“, sagte der in der schwarzen Galauniform der SecPol. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Professor Eternal Seventeen Gold, und alles Gute für die letzten Stunden Ihres schönen und erfolgreichen Lebens!“

„Biggest Daddy versichert Sie seiner Liebe und Wertschätzung.“ Der zweite Mann, ein Zivilist in Seidenstrümpfen, Kniebundhosen, langem Gehrock, Rüschenkragen und weißer Langhaarperücke, überreichte dem Professor eine riesige, kunstvoll verpackte Flasche. „Biggest Daddy ist stolz, einen fähigen und leistungsstarken Konsumenten Ihres Formats in der maßgeblichen Schicht unserer Gesellschaft gewusst zu haben. Nur wenigen war es vergönnt, die Geschicke der APU in ähnlicher Weise geprägt zu haben, wie Sie, Professor Abraham Eternal Seventeen Gold …“

Der Mann im gerade modernen Barocklook sah um mindestens dreißig Jahre älter aus als alle anderen Anwesenden. Dabei musste er jünger sein als Dylans Vater, andernfalls gäbe es ihn nicht mehr. Entweder reagierte er allergisch auf das Anti-Aging-Präparat von Eternal – was höchst selten vorkam – oder die übliche Tagesdosis war ihm schon vor dreißig Jahren gestrichen worden.

Das gab es hin und wieder. Bei Leuten zum Beispiel, die Witze über den Big-Daddies-Council gerissen, illegal Kinder gezeugt oder ihren Chip entfernt hatten; oder deren Angehörige der „APU Schande zufügten“, wie das offiziell hieß; kurz: aus strafrechtlichen Gründen.

Jedenfalls hielt der Alte im Barocklook die in solchen Fällen übliche Rede. Dylan kannte sie bisher nur vom Hörensagen, und je länger der Perückenkerl redete, desto übler wurde ihm. „Vergessen Sie auch nicht, auf das Wohl von Biggest Daddy zu trinken“, schloss der Barocktyp, „und denken Sie daran, Ihren persönlichen Laserport samt ihren Daten mitzubringen, wenn Sie sich morgen früh, pünktlich um sieben Uhr, unten im Turmfoyer einfinden, um von der Eskorte des Ruheparkdienstes in Empfang genommen zu werden.“

„Selbstverständlich, Sir“, sagte Dylans Vater heiser, presste die Dreiliterflasche an die Brust und verbeugte sich so tief, das Dylan einen Brechreiz empfand. „Und vielen, vielen Dank.“

Beide Männer verabschiedeten sich von Dylans Vater, die fast nackte Botschafterin von Eternal küsste ihn noch einmal ab, dann schoben sich die Türflügel der Schleuse zusammen. Im Hologramm über der Schleuse winkte die Konzernnymphe noch einmal mit den Fingern, doch keiner sah hin. Zurück blieb nur bleierne Stille, und die Familie Eternal Seventeen Gold starrte die Kunstholzverkleidung an.

„Sie tischen dir die Lügen des Diktators auf und du verbeugst dich auch noch?“ Natürlich war es Dylan, der das betretene Schweigen brach. „Sie kündigen dir die Todesschwadron an, und du bedankst dich auch noch?“ Alle Verachtung, zu der er fähig war, lag in seiner Stimme. „Schämst du dich nicht?“ Er kämpfte mit den Tränen. „Morgen um diese Zeit bist du tot, Vater! Hast du das vergessen?“

In diesem Moment begann das Geschirr draußen auf dem Esstisch des Salons zu klirren. Der Boden unter Dylans Sohlen vibrierte und der Turm schien auf einmal zu wanken.

Der helle Schein der gewaltigen Gasexplosion und der ferne Lärm zusammenstürzender Gebäude und Mauern waren noch für einen Moment gegenwärtig. Dann riss das Zeitportal sie fort vom untergehenden Sodom, und nichts blieb mehr übrig, was an Tod und Verderben so vieler Menschen erinnerte.

Farbspiralen wirbelten, ein Bilderstrom jagte durch Matts Hirn, so schnell, dass nicht einmal Umrisse haften blieben. Er glaubte zu fallen, spürte einen drückenden Schmerz hinter den Augäpfeln, ein Reißen im Nacken, und für Momente wurde es stockdunkel.

Als wieder Licht seine Netzhäute traf, fiel er immer noch. Dutzende Meter unter ihm fiel auch Grao’sil’aana, und als Matt den Kopf drehte, sah er über sich Xij mit ausgebreiteten Armen ebenfalls stürzen. Panik schoss ihm wie ein Glutstrom ins Blut.

Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, wieder im Flächenräumer des Jahres 2528 herauszukommen; schon beim letzten Durchgang waren sie stattdessen in einer anderen Epoche gelandet. Doch nun schien es, als würden sie geradewegs in den Tod stürzen!

Röhrenwände glitten zu allen Seiten an ihm vorbei. Ein dumpfes Grollen erfüllte den Schacht, die vorbeigleitende Rundwand vibrierte. Es knirschte und quietschte und krachte. Vermutlich Auswirkungen des Erdbebens, das mit jeder entstandenen Zeitblase einherging. Und da sie stets im Augenblick der Entstehung aus der Zeit fielen, erlebten sie auch jedes Beben mit.

Jetzt erst realisierte Matt Drax, dass er nicht stürzte, sondern nach unten schwebte, und das nicht einmal besonders schnell. Er achtete auf die Schweißnähte der Röhre – mit einer Geschwindigkeit von höchstens zehn Stundenkilometern glitten sie vorüber. Er blickte an Grao’sil’aana vorbei. Knapp achtzig Schritte unter dem Daa’muren erkannte er den kreisrunden Grund des Schachtes. Eine rötliche Lichtsäule durchschnitt ihn. Licht der auf- oder untergehenden Sonne?

„Keine Panik“, sagte der Mann aus der Vergangenheit zu sich selbst. Sie würden einigermaßen sanft dort unten landen. Es fiel ihm nicht schwer, seinen Körper in der Fledermausstellung zu halten. Vom Fallschirmspringen kannte er das ja. Verdammt lang her.

„Wir sind schon wieder nicht im Flächenräumer gelandet!“, rief Xij von oben. „Die Zeitportale scheinen tatsächlich untereinander verknüpft zu sein!“

„Und warum schweben wir?“ Unter ihm setzte Grao’sil’aana am Grund des Schachtes auf und federte in den Knien ab.

„Irgendwie ist die Schwerkraft aufgehoben!“, antwortete Matt. „Oder wenigstens deutlich reduziert!“ Gleichzeitig fragte er sich, wie das sein konnte. Er wusste von keiner Technik, die das möglich machte.

Plötzlich erfüllte ein hallendes Fauchen die Röhre. Zehn Meter unter sich sah Matt Drax einen Strahl aus gleißend hellem Licht durch die Röhre zucken. Er streifte Grao an der Schulter, fuhr hinter ihm in die Röhrenwand und ließ das Metall dort aufglühen.

Der Atem stockte dem Mann aus der Vergangenheit. Er ruderte mit den Armen, manövrierte seinen Körper auf diese Weise dicht an die Röhrenwand und presste seinen Rücken dagegen. Xij machte es ihm nach, und die Reibung der Wand verringerte die Fallgeschwindigkeit erheblich. Doch es gelang ihnen nicht, sich an der Wand festzuhalten. Immer weiter ging es nach unten.

Dort zischte ein Dampfstrahl aus Grao’sil’aanas Schulter. Der Daa’mure gab die menschliche Gestalt Hermons auf und verwandelte sich in den Echsenartigen, der er war, seit seine mentale Seinsform den Kristall verlassen hatte. Und noch während sein Körper sich veränderte, sprang er durch die Lichtsäule und die Öffnung. Plötzlich war er verschwunden.

Seite an Seite und dicht an die Röhrenwand gepresst, landeten Matt und Xij neben der Luke. Der Boden unter ihren Sohlen zitterte. Tatsächlich war es Tageslicht, das durch die Luke in die Röhre fiel. Sie hörten draußen ferne Stimmen rufen und jemand stöhnte wie unter Schmerzen.

Grao’sil’aanas Gestalt bückte sich durch die Lukenöffnung. „Keine Gefahr mehr!“ In seiner Rechten hielt er ein mattgraues, kolbenförmiges Gerät, das Matt an einen Pürierstab aus dem goldenen Zeitalter vor „Christopher-Floyd“ erinnert. Der Daa’mure winkte sie heraus. „Jedenfalls für den Moment nicht.“

Matt trat ins Freie, zog Xij hinter sich her. Das Erste, was er wahrnahm: die untergehende Sonne. Das zweite: Wasser. Auf seinen Wogen glitzerte das rötliche Abendlicht. Und dann sah er ganz in der Nähe eine von Gewässer umgebene kleine Insel, die von einem mächtigen Gebäude dominiert wurde.

Eines war Matt sofort klar: Diesmal waren sie in der Neuzeit gelandet, wahrscheinlich Ende des 20. oder Anfang des 21. Jahrhunderts.

„Er ist der Einzige hier, der noch lebt.“ Mit dem Kolben deutete der Daa’mure auf eine am Boden liegende, zuckende Gestalt, die in eine silbergraue, eng anliegende Montur gehüllt war, die zahlreiche Blutflecken aufwies.

„Die Verletzungen gehen nicht auf mein Konto“, sagte Grao. „Ich habe ihm lediglich die Waffe entrissen.“ Er wies auf ein halbes Dutzend anderer Gestalten, die verdächtig still und verkrümmt am Boden lagen. Kapuzen mit Sichtschlitzen bedeckten ihre Köpfe. „Alle tot. Vermutlich die Bewacher dieses Turms.“ Der Daa’mure deutete nach oben.

Matts Blick folgte der nach oben strebenden grauen Wand eines hohen Turms. Seine Spitze verschwand in der Wolkendecke. „Wer weiß, wie sie uns empfangen hätten, wenn nicht irgendwelche Leute vor uns hier aufgetaucht wären“, sagte er.

„Diese Leute scheinen zahlreich zu sein und mächtig aktiv.“ Xij schirmte die Augen gegen die Sonne ab und spähte über einen befestigen Damm hinweg zu der kleinen Insel, die der vielleicht zweihundert Meter lange Damm mit der Turmplattform verband. Eine knapp hundert Meter hohe Statue ragte dort auf, teilweise chromblitzend, teilweise mit roter Farbe übergossen. Eine riesige Kapuze mit Sichtschlitzen, wie die Toten und der Verletzte sie trugen, verhüllte auch ihren Kopf.

Fluggeräte, wie Matt sie nie zuvor gesehen hatte, kreisten um die Schultern und den verhüllten Kopf der Statue. Er wunderte sich, weil er weder Rotorengehämmer noch sonst einen Fluglärm hörte.

Menschen stürmten aus Öffnungen im Sockel der Figur, der gut ein Drittel ihrer Höhe ausmachte. Andere seilten sich von der weitläufigen Plattform ab, auf welcher Sockel und Statue aufragten. Einige dieser Leute riefen laut, gestikulierten dabei, rannten zum Wasser und auf den Damm zu, der den Turm und die kleine Insel verband.

Wieder bebte die Erde. Matt verharrte breitbeinig und beobachtete den Turm. Der schwankte leicht. Das Beben war heftiger und dauerte länger als bei ihrer Ankunft im mittelalterlichen Venedig oder im alttestamentlichen Sodom.

„Schaut euch das an!“ Xij war zu dem Geländer gerannt, das den etwa achtzig Meter durchmessenden Turmsockel einfriedete. Sie winkte aufgeregt. Matt Drax und der Daa’mure liefen zu ihr. Etwa vier Meter unterhalb des Geländers schlugen Wellen gegen den steinernen Sockel. Ein See? Ein breiter Strom? Nach Meer jedenfalls roch es nicht. Matt blickte in die Richtung, in die Xij deutete.

Gewaltige Wohntürme ragten wenige tausend Meter entfernt von einer dicht bebauten Landzunge auf. Drei Gebäude waren bereits eingestürzt und eine Staubwolke riesigen Ausmaßes stieg von der Landzunge auf. Ein weiteres Gebäude brach eben jetzt zusammen, ein Doppelturm von rechteckigem Grundriss und kleiner als die meisten anderen Wolkenkratzer.

Matt glaubte zu träumen. Wieder und wieder blickte er hin. Staub verhüllte schon die Konturen des einstürzenden Doppelturms, während das Bild eines anderen Zwillingsturms, den er vor vielen Jahren einmal zusammenstürzen sah, in seiner Erinnerung aufblitzte.

Er schloss die Augen, schüttelte sich, atmete gegen die aufsteigende Übelkeit an. Warum erinnerte ihn dieser Doppelturm an das World Trade Center? Unmöglich, das konnte nicht sein! Er riss die Augen auf. Aber die Skyline dort drüben, und dieser breite Fluss, der sie von der Insel hier trennte …

Manhattan?

Wo um alles in der Welt sind wir gelandet?“ Xij war außer sich. „Und vor allem wann?“

In New York City, elf Jahre vor ‚Christopher-Floyd‘, wollte Matt im ersten Moment antworten. Aber das war nicht das New York des 11. September 2001. Er schluckte schwer. „Ich … weiß es nicht“, krächzte er.

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