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Maddrax - Folge 317

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Die letzten Stunden von Sodom
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den gestaltwandlerischen Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Die Marsianer entdecken den Streiter am Rand des Sonnensystems. Sie stellen den Magnetfeld-Konverter für die einzige Waffe fertig, die den Streiter vernichten könnte: den Flächenräumer am Südpol der Erde. Dort nimmt ein Team den Kampf gegen die Zeit auf: Matthew Drax, die junge Xij, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, die Hydriten Gilam’esh und Quart’ol, der geniale Erfinder Meinhart Steintrieb und der Android Miki Takeo. Dazu stößt noch der Daa’mure Grao, der auf den 13 Inseln die Macht übernommen und Aruula in einer Höhle eingesperrt hatte. Die überredet ihren alten Freund Rulfan, sie mit seinem Luftschiff zum Südpol zu bringen, um Matt zu warnen. Dort hat der Streiter Grao als Diener des Wandlers erkannt und übernommen. Die Gefährten legen ihn auf Eis und machen den Flächenräumer für den entscheidenden Schuss klar. Doch die Aufladung durch das Erdmagnetfeld geht nur schleppend voran.

Die Hydriten werden ebenfalls beeinflusst und Matt schickt sie durch eine der bei einer Sabotage entstehenden Zeitblasen in die Vergangenheit. Auch Steintrieb geht – nach Atlantis. Doch keinem von ihnen gelingt es, die Gegenwart zu ändern. Inzwischen wirkt sich der Einfluss des Streiters auch auf Manil’bud aus, Xijs erste Existenz. Das Bewusstsein der hydritischen Geistwanderin beeinflusst Xij, Grao aufzutauen. Er greift an, doch Takeo schlägt ihn nieder.

Als sich der Streiter über den Mond senkt, muss Matt feuern, obwohl die Energieladung erst bei 70% steht … und der Schuss krepiert! Einzige Auswirkung: Alle Zeitblasen im Flächenräumer werden von einer neuen, größeren gelöscht, in der sich die Zeiten rasant abwechseln. Der Streiter jedoch setzt seinen Weg zur Erde fort. Unter seinem Einfluss regieren Tod und Wahnsinn; auch Aruula und Rulfan sterben.

Als die kosmische Entität die Oberfläche des Planeten auf der Suche nach dem Wandler, dessen Essenz er wie ein Drogensüchtiger braucht, vernichtet, bleibt Matt, Xij und Grao nur die Flucht durch das neue Zeitportal …

Die letzten Stunden von Sodom

von Ronald M. Hahn

Matthew Drax fiel durch die Zeit geradewegs in eine Welt hinein, die er nicht erwartet hatte. Das Portal hätte ihn und seine Begleiter zum Flächenräumer zurückbringen sollen; stattdessen rutschte er über Fels und landete in der nächsten Sekunde auf sandigem Boden.

Seine Knie knickten ein, er rollte sich instinktiv ab. Aus den Augenwinkeln sah er Palmen und eine Wasserfläche. Die Luft war so drückend und schwül wie bei seinem letzten Balearen-Trip.

Erst als er flach auf dem Bauch lag, spürte er die Vibrationen. Ein Erdbeben! Wo, zum Henker, waren Xij, Grao und er gelandet?

Xij Hamlet schrie auf. Zwar hatte auch sie die Balance verloren, nachdem sie von der Flanke eines Felsblocks herabgerutscht war, hatte sich aber fangen können und hockte nun neben Matt. Der echsenhafte Daa’mure, der sie begleitete, hatte sich wohl vom Felsen abgestoßen und war zwei Meter entfernt auf allen vieren gelandet.

Das Zeitportal, das sie ausgespuckt hatte, waberte drei Meter über ihnen, fast zur Gänze in dem Felsen verborgen. Doch Xijs Aufmerksamkeit galt nicht dem bereits wieder verblassenden Phänomen, das sie aus dem Venedig des Jahres 1348 hierher gebracht hatte, sondern den walnussgroßen, seesternartigen Wesen vor ihr, die in diesem Augenblick in den Erdspalten verschwanden, die das Beben erzeugt hatte.

Auch Matt hatte sie gesehen und sog scharf die Luft ein. Es waren jene fleischfressenden Kreaturen aus dem Zeitwald, die ihnen schon im Flächenräumer das Leben schwergemacht hatten – und die auf einer reanimierten Leiche durch eine der Zeitblasen entkommen waren.1) Offensichtlich in diese Epoche und an genau diesen Zeitpunkt, zu dem Xij und ihre beiden Gefährten nun ebenfalls herausgekommen waren.

Xij blickte zum Fuß des Felsens zurück – da lag tatsächlich der tote Marsianer, der von der Brut wiederbelebt worden war. Nun regte er sich nicht mehr.

„Scheiße!“, kommentierte Matt die Situation. Und er hatte recht damit: Es war ihnen schon im Flächenräumer nicht gelungen, diese Wesen zu vernichten. Erst war es ein einziges großes Exemplar gewesen – das sich nach einem Lasertreffer dutzendfach aufgeteilt hatte.

Von Grao’sil’aana, der sich erhoben hatte und nach allen Seiten blickte, kam kein Kommentar. Kein Wunder: Er hatte den Vorfall im Flächenräumer nicht miterlebt.

Auch Xij stand nun auf und sah sich um. Das Beben hatte aufgehört. Sie waren auf einer felsigen Ebene gelandet. Rechter Hand ragte üppiges Grün auf, und zwischen Büschen und Palmen glitzerte es silbern; offenbar ein See. Es war früher Abend und sah nach Regen aus. Am Himmel brauten sich dunkle Wolken zusammen. Es wehte ein warmer Wind.

„Diese verdammten Viecher!“, fuhr Matt fort. „Er trat an eine der Spalten und blickte vorsichtig hinein. „Mussten wir ausgerechnet hier landen?“

„Welche Viecher?“ Grao verzog keine Miene. Auch nicht, nachdem Matt Drax ihn aufgeklärt hatte.

Xij beschäftigte mehr die Frage, wo dieses „hier“ überhaupt war und in welcher Epoche es lag. Der Südpol war das jedenfalls nicht.

„Eines verstehe ich nicht.“ Graos Stirn furchte sich nun doch. „Wieso waren diese Asseln überhaupt noch hier, wenn sie doch schon vor einigen Tage durch die Zeitblase gegangen sind? Haben sie etwa auf uns gewartet?“

„Man kommt immer zu dem Zeitpunkt an, an dem das Portal entstanden ist“, erklärte Matt.

„Und warum sind wir nicht im Flächenräumer gelandet?“, schaltete sich Xij ein und trat vorsichtshalber von den Bodenrissen zurück.

Matt zuckte die Schultern. „Das kann ich nur vermuten. Es sieht als, als hätten sich die Portale irgendwie … miteinander verknüpft. Das könnte an der besonderen Zeitblase liegen, die durch den zweigeteilten Schuss auf den Streiter entstanden ist. Oder …“ Er stockte.

„Ja?“, fragte Grao lauernd.

„Oder der Streiter hat das Portal im Flächenräumer zerstört“, führte Matt den Satz zu Ende.

„Ist ein Zurück dann überhaupt noch möglich?“, fragte Xij.

„Wenn ich das wüsste.“ Matt hob erneut die Schultern. „Aber lasst uns die Spekulationen auf später verschieben. Wir müssen herausfinden, wo wir sind.“

Wohin Xij auch blickte: Die Landschaft sah maghrebinisch aus. Der Boden: sandig, gelbbraun. Die Vegetation: kleinwüchsig, eher karg als saftig. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen. Das Glitzern rechter Hand schien ein See zu sein, vielleicht auch ein Meer. Sie sah Uferschilf und Schatten spendende Palmen. „Wenn mich nicht alles irrt, ist das da hinten eine Stadt“, sagte Matt. Er stand seitlich des Felsens und spähte in die seeabgewandte Richtung. Xij trat zu ihm und schmälte die Augen. Tatsächlich ragten in der Ferne die hohen Mauern einer befestigten Stadt auf.

„Sieht ziemlich altertümlich aus“, sagte Xij.

„Was noch kein Gradmesser ist“, meinte der Mann aus der Vergangenheit – oder Zukunft, je nachdem. „Im Nahen Osten oder Nordafrika sahen viele historische Städte auch zu meiner Zeit noch so aus.“ Er grinste kurz. „Vielleicht klebt ja irgendwo ein Schild ‚Weltkulturerbe‘ dran.“

„Süßwasser!“, klang hinter ihnen Graos Stimme auf. Sie wandten sich um. Der Daa’mure hatte, anstatt in die Ferne zu schauen, das Nächstliegende erforscht: das Gewässer. Nun stand er zwischen zwei Palmen und winkte zu ihnen herüber.

Zwei Minuten später hockten auch Matt und sie auf den Knien am Ufer und schöpften Wasser. Es war tatsächlich trinkbar. Xij nutzte die Gelegenheit und sprang kurzerhand in voller Montur in die Fluten, um sich zu waschen. Der Dreck von Venedig klebte noch an ihr. Der warme Wind würde ihre Sachen binnen Minuten wieder trocknen.

Sie begruben den toten Marsianer. Grao schritt derweil das Seeufer ab. Xij hatte das Empfinden, dass er sich absichtlich von ihnen absonderte. Welchen Gedanken mochte der Daa’mure wohl nachhängen? Für ihn war die Mission, den Streiter durch eine Änderung der Geschichte zu vernichten, ebenso wichtig wie für die gesamte Menschheit.

Die kosmische Entität war hinter dem Wesen her, das die Daa’muren einst geschaffen hatte: dem Wandler. Der die Erde verlassen und weiter ins All geflohen war, und mit ihm sein gesamtes Volk. Grao’sil’aana war einer der letzten – oder vielleicht sogar der letzte Daa’mure auf Erden. Ihm allein oblag es, die Verfolgung des Wandlers zu verhindern.

Matt fasste unterdessen das knapp fünfzig Meter vom Ufer entfernte Zeitportal ins Auge; vermutlich, um sich den Standort einprägen für den Fall, dass sie von hier verschwinden mussten.

Nach einigen Minuten kehrte Grao zurück. „Da drüben führt ein ausgetretener Pfad nach Norden, genau auf die Stadt zu. Ein Karawanenweg, schätze ich.“

„Irgendwelche Reifenspuren oder sonstige Anzeichen von Zivilisation?“, fragte Matt, doch der Daa’mure schüttelte in einer menschlichen Geste den Kopf.

Xij vernahm plötzlich das Knurren von Matts Magen und lachte. „Wir haben mehr gemeinsam, als ich dachte.“ Sie klopfte auf ihren flachen Bauch.

„Yeah.“ Matt grinste. „Ich bezweifle allerdings, dass wir in dieser abgelegenen Ecke eine Imbissbude finden.“ Er seufzte. „Und wenn doch – wir kennen nicht mal die lokale Währung.“

„Ich würde sagen, dass wir uns auf den Weg zu der Stadt machen“, sagte Grao. „Dort werden wir Antworten finden.“

„Ob es klug ist, sich so weit von dem Zeittor zu entfernen, ohne zu wissen, wo und wann wir sind?“, gab Matt zu bedenken.

„Ihr könnt natürlich auch hier hocken bleiben und langsam verhungern“, meinte Grao lakonisch. „Dann gehe ich eben erst los, wenn ihr tot seid.“

„Und wenn wir gleich wieder durch das Portal gehen und es woanders versuchen?“, schlug Xij vor.

„Ohne vorher festzustellen, ob genau das hier die richtige Zeit sein könnte, um dem Streiter einen Strich durch die Rechnung zu machen?“, sagte Matt. „Außerdem habe ich ein mieses Gefühl beim Gedanken an die Seesternmonster. Es ist unsere Schuld, dass sie hier gelandet sind. Wir sollten sie töten, bevor wir aufbrechen, sonst stellen sie noch Gott weiß was an.“

In diesem Moment wehte eine kalte Windbö über den See und der Himmel wurde noch finsterer. Ein einsamer Regentropfen klatschte auf Xijs Nase. Sie schaute zum Himmel auf. Schwarze Wolken trieben aus dem Osten heran. Die Luft kühlte sich rapide ab. Der Wind wehte Staub- und Sandkörner heran. Irgendwo in der Nähe meckerte eine Ziege.

„Wenn wir zu der Stadt gehen, brauche ich neue Klamotten“, sagte sie. Nicht nur, weil sie plötzlich fröstelte. Ihre Sachen waren noch nicht ganz trocken.

„Warum?“, kam es von Grao. Er hatte natürlich keine Probleme mit einem neuen Outfit. Als Gestaltwandler konnte er jede beliebige Form annehmen, die seiner Körpermasse entsprach.

„In Epochen, in denen Mauern mit Zinnen zum normalen Bild einer Stadt gehörten, sah man es meist nicht gern, wenn junge Frauen allzu offenherzig herumliefen“, schöpfte Xij aus dem reichen Erfahrungsschatz unzähliger Leben. „Wenn mich ein Muselmane in diesem dünnen Top sieht, komme ich vom Regen in die Traufe.“ In Venedig hatte man sie für eine Hexe gehalten und verbrennen wollen; das wollte sie in Zukunft gern vermeiden. Zumal ihre erste Existenz, die Hydree Manil’bud, nicht mehr in ihrem Geist war. Durchaus möglich, dass sie damit die Fähigkeit des Geistwanderns verloren hatte.

Erst jetzt wurde Xij in aller Konsequenz bewusst, was das bedeutete: Ihr nächster Tod konnte der letzte sein! Und welche Fähigkeiten sie durch Manil’buds Trennung verloren hatte, war auch noch nicht abzusehen.

Matt nickte. „In manchen Ländern mussten sich Frauen sogar zu meiner Zeit – also Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts – von Kopf bis Fuß verhüllen und die Welt nur durch fingerbreite Sehschlitze betrachten.“

Grao runzelte die schuppige Stirn. „Welchen Sinn hatte das?“

Matt verdrehte die Augen. „Dieses Thema sollten wir lieber nicht vertiefen. Besser ist es auf alle Fälle, wenn wir uns vorsorglich kultursensibel verhalten; da hat Xij völlig recht. Vorerst sollte meine Jacke genügen, damit man dich einen Knaben hält. Und später …“

Erneutes Gemecker übertönte seine letzten Worte. Sie schauten sich um. Ein junger Mann, in eine Art Nachthemd gekleidet, kam einen Hang herab. Er hatte einen Stecken in der Hand und zog ein simples hölzernes Wägelchen hinter sich her. Zwanzig bis dreißig Ziegen, die ihren Weg zu kennen schienen, liefen ihm voraus. Die beiden Menschen am Ufer wurden von den Tieren neugierig beschnuppert. Grao, der geistesgegenwärtig die Gestalt des fahrenden Händlers Hermon angenommen hatte, gingen sie blökend aus dem Weg.

Der Hirte war ein sonnengebräunter, schwarzlockiger Schmalhans von vielleicht fünfzehn Jahren. Beim Anblick von Xijs nackten Schultern quollen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf. Als er Matt und Grao sah, schien ihm bewusst zu werden, zu welchem Resultat das allzu lange Verweilen eines Blickes auf einer Frau führen konnte, die nicht seine eigene Schwester war. Er riss sich das Häkelmützchen vom Haupt und verbeugte sich.

Mit ein paar gemurmelten Worten, die Xij die Stirn runzeln ließen, schob er sich an Matt und Grao vorbei. Er wollte den Ziegen folgen, die ihren Weg ungerührt fortsetzten.

Plötzlich machte es „Klick“ in Xijs Kopf. Und sie stellte erleichtert fest, dass ihr zumindest die Fähigkeit, auf eine Sprache umzuschalten, die sie in einer früheren Existenz schon einmal gesprochen hatte, geblieben war. Der Junge sprach Hebräisch!

Obwohl es wohl eher Sache eines Geschlechtsgenossen gewesen wäre, das Wort an den Ziegenhirten zu richten, hatte Xij keine Wahl: Sie lief an dem Wägelchen vorbei und stellte sich ihm in den Weg.

Matt Drax nahm den Inhalt des Wägelchens in Augenschein, als es an ihm vorbei rumpelte: Darin lagen altertümliche Kleidungsstücke, verkorkte irdene Behälter, ein hölzernes Essbesteck, in Leinen verpackte Dinge; Proviant vielleicht. Das alles wies nicht gerade auf Neuzeit hin.

Während er noch überlegte, wie er sich dem Hirten verständlich machen sollte, sah er Xij an dem Wagen vorbeilaufen und sich ihm in den Weg stellen. Dass sie zu dem Jungen redete, überraschte ihn kaum. Schließlich wusste er um ihr Erbe und die damit verbundenen Fähigkeiten. Die Sprache kam Matt bekannt vor, ohne dass er sie sicher einordnen konnte. Arabisch vielleicht. Waren sie also im Nahen Osten gelandet?

Worte gingen hin und her. Matt versuchte anhand der Körpersprache des Hirten zu erkennen, um was es ging. Der Junge hatte seine Mütze abgenommen; er schien sich zu entschuldigen. Xijs Gesten deuteten an, dass sie ihm großmütig verzieh. Der Junge atmete auf. Er wirkte erleichtert, hielt den Blick aber gesenkt.

Xij deutete auf das Wägelchen und sagte etwas. Es klang fragend. Der Junge nickte bereitwillig. Xij entnahm dem Wagen eine Art Kutte mit Kapuze und einen Umhang jener Art, den man im Mittelalter – und davor – als Mantel bezeichnet hätte.

Matt wollte sich gerade erkundigen, womit sie ihren Erwerb bezahlen wollte, als Xij beide Hände in die Taschen ihrer Armeehose steckte und darin herumwühlte. Die Rechte kam mit einer Münze wieder zum Vorschein, die Matt bei genauerem Hinsehen als Zwei-Euro-Stück identifizierte. Wo zum Henker hatte sie das denn her? Vermutlich, gab er sich selbst die Antwort, war es ein Erinnerungsstück an ihre Heimat Hamburg. Ihr Vater war ein wohlhabender Kauffahrer gewesen, bevor sein Bruder ihn ermorden ließ.

Xij drückte dem Jungen die gold- und silberfarbene Münze in die Hand. Der biss hinein, nickte zufrieden und setzte sein Häkelmützchen wieder auf. Dann sagte er „Shalom“ und folgte seinen Ziegen.

„Ich weiß jetzt, wo wir sind“, entfuhr es Matt. „Israel!“

„Ach, nee.“ Xij hob die Textilien hoch und schüttelte sie aus. „Woran hast du das nur gemerkt?“ Sie warf ihm die Kutte zu und begutachtete den Mantel von allen Seiten. Er war fadenscheinig, löcherig und musste dringend unters Bügeleisen, doch um ihren Oberkörper zu verhüllen, war er ideal. „Allerdings weiß ich nicht genau, wie man das Land momentan nennt. Bis es Israel heißt, dürften noch rund zweitausend Jahre vergehen.“

„Was hat der Junge gesagt?“, fragte Matthew.

„Er hat sich entschuldigt, weil er auf meine …“, sie blickte auf ihren flachen Busen und lachte, „… nackten Schultern geschaut hat.“

„Du hast Hebräisch mit ihm gesprochen – also warst du früher schon einmal hier?“, erkundigte sich Matt.

Xijs Miene verdüsterte sich kurz. „Nur als Kind“, antwortete sie. „Danach musste ich in Ägypten Sklavendienste leisten. – Aber das ist eine andere Geschichte. Wichtiger ist, was ich sonst noch erfahren habe.“ Sie deutete auf die Stadt in der Ferne. „Du wirst es nicht glauben: Es ist Sodom!“

Das Sodom?“, echote Matt. Natürlich kannte er die Geschichte von Sodom und Gomorrha aus der Bibel. Was aber nicht bedeutete, dass er an „Gottes Zorn“ glaubte, der beide Städte wegen ihrer Sündhaftigkeit vernichtet haben sollte.

„Sieht so aus“, antwortete Xij. „Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat der Junge die Obrigkeit der Stadt ‚verrucht‘ genannt. Er sagte, dass hinter ihren Mauern Sitten herrschen, die der Herr sicher nicht gutheißt.“

„Der Herr?“, warf Grao ein.

„Damit ist vermutlich Gott gemeint, nicht der Herrscher der Stadt“, erklärte Matt. „Bist du mit irdischen Religionen vertraut?“

„Ich kenne zumindest ihre Bezeichnungen und Urväter“, gab Grao zurück. „Aber der Irrglaube der Primärrassenvertreter hat mich nie sonderlich interessiert.“

„Kein Wunder, wo doch der eigene Gott in einem Felsbrocken im Kratersee hauste“, murmelte Matt. Der Regentropfen, der im selben Moment auf seine Nase klatschte, war erheblich dicker als der erste. Der Wind, der vom See her kam, wurde kälter.

Matt hatte nicht vor, sich mit einem Außerirdischen über Theologie zu unterhalten. Sie brauchten ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit. Dann mussten sie sich überlegen, wie sie die verfluchten Seesternmonster vernichten konnten.

Dass sie sich der Sache annehmen mussten, war ihm gleich bewusst gewesen. Falls sich die Viecher unterirdisch in die Stadt durchgruben und ihre Bewohner zu Zombies machten, war dies ein irreparabler Eingriff in die Geschichte. Das mussten sie verhindern.

„Dann los.“ Xij wandte sich um und ging voraus. Matt warf sich die Kutte über die Schulter. Sie folgten dem Hirten und seiner Herde, die inzwischen die halbe Strecke zur Stadtmauer zurückgelegt hatten.

„Was hat dich so an dem Namen der Stadt erschreckt?“, fragte Grao, als die Felsen ein Stück hinter ihnen lagen. „Irgendetwas ist dort passiert, oder irre mich?“

„Ganz und gar nicht.“ Matt schüttelte den Kopf. Aber wie sollte er als nicht sehr bibelfester Erdbewohner einer außerirdischen Intelligenz erklären, was er mit der Stadt Sodom verband? Er versuchte es wenigstens: „Die Stadt soll vier- bis fünftausend Jahre vor unserer Zeitrechnung existiert haben und von Gott wegen der Sünden ihrer Bewohner vernichtet worden sein. Sie wird zwar in alten Schriften erwähnt, doch nie richtig beschrieben. So weit ich weiß, hat man nie einen Beweis für ihre Existenz gefunden; sie kann also durchaus ein Mythos gewesen sein. Möglicherweise ist sie nur ein Gleichnis, das den Menschen als Negativbeispiel dienen soll.“

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