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Maddrax - Folge 316

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Die Pest in Venedig
  5. Hintergründe
  6. Leserseite
  7. Zeittafel
  8. Cartoon
  9. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den gestaltwandlerischen Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Die Marsianer entdecken den Streiter am Rand des Sonnensystems. Sie stellen den Magnetfeld-Konverter für die einzige Waffe fertig, die den Streiter vernichten könnte: den Flächenräumer am Südpol der Erde. Dort nimmt ein Team den Kampf gegen die Zeit auf: Matthew Drax, die junge Xij, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, die Hydriten Gilam’esh und Quart’ol, der geniale Erfinder Meinhart Steintrieb und der Android Miki Takeo. Dazu stößt noch der Daa’mure Grao, der auf den 13 Inseln die Macht übernommen und Aruula in einer Höhle eingesperrt hatte. Die überredet ihren alten Freund Rulfan, sie mit seinem Luftschiff zum Südpol zu bringen, um Matt zu warnen. Dort hat der Streiter Grao als Diener des Wandlers erkannt und übernommen. Die Gefährten legen ihn auf Eis und machen den Flächenräumer für den entscheidenden Schuss klar. Doch die Aufladung durch das Erdmagnetfeld geht nur schleppend voran.

Die Hydriten werden ebenfalls beeinflusst und Matt schickt sie durch eine der bei einer Sabotage entstehenden Zeitblasen in die Vergangenheit. Auch Steintrieb geht – nach Atlantis. Doch keinem von ihnen gelingt es, die Gegenwart zu ändern. Inzwischen wirkt sich der Einfluss des Streiters auch auf Manil’bud aus, Xijs erste Existenz. Das Bewusstsein der hydritischen Geistwanderin beeinflusst Xij, Grao aufzutauen. Er greift an, doch Takeo schlägt ihn nieder.

Als sich der Streiter über den Mond senkt, muss Matt feuern, obwohl die Energieladung erst bei 70% steht … und der Schuss krepiert! Einzige Auswirkung: Alle Zeitblasen im Flächenräumer werden von einer neuen, größeren gelöscht, in der sich die Zeiten rasant abwechseln. Der Streiter jedoch setzt seinen Weg zur Erde fort. Unter seinem Einfluss regieren Tod und Wahnsinn; auch Aruula und Rulfan sterben.

Als die kosmische Entität die Oberfläche des Planeten auf der Suche nach dem Wandler, dessen Essenz er wie ein Drogensüchtiger braucht, vernichtet, bleibt Matt, Xij und Grao nur die Flucht durch das neue Zeitportal.

Die Pest in Venedig

von Michelle Stern

Venedig, Canal Grande, Januar 1348

Endlich zu Hause. Venedigs Hafen lag zum Greifen nahe. Neben der KRETA ragte im Nebel der „El paron de casa“ auf, der Herr des Hauses. Luca grinste Salvatore an. „Den Campanile zu sehen is wie ’n Vorspiel. Giulia wird schon am Hafen stehn. Bald krieg ich, wovon du nur träumen kannst, Kleiner.“

Im Gegensatz zu sonst reagierte Salvatore nicht auf seine Frotzelei. Er stöhnte leise auf, dann sackte er an der Reling zusammen. Mit einem beherzten Sprung war Luca bei ihm und packte ihn unter den Armen. Salvatore keuchte. Luca konnte die Beulen fühlen, in die er hineingegriffen hatte. Schweiß brach ihm aus. Langsam ließ er den Freund los und wich zurück. Die Pest war mit ihnen heimgekommen.

Du bist schon einmal durch die Zeit gestürzt. Hast dich hineinverirrt in den unsichtbaren Strahl und die Zukunft gefunden. Nun wirst du zurückgeworfen, suchst mit aller Macht einen Weg, zu verhindern, was längst geschah. Wie willst du ihn finden? Die Erde steht auf dem Spiel. Wirst du aufgeben oder kämpfen?

Matthew Drax rannte. Die einstürzende Brücke hinter ihm verschaffte ihnen einen Vorsprung, aber noch waren Grao’sil’aana und er nicht in Sicherheit. Xij, dachte er besorgt, was werden sie dir antun? Xij Hamlet hatte es nicht mehr geschafft, die Brücke zu überqueren. Sie war der wütenden Menge ausgeliefert. Er musste so schnell wie möglich umkehren. Aber wie sollte er ihr helfen?

Er warf einen Blick auf Grao’sil’aana. Der Daa’mure hatte seine Gestalt verändert und sah nun nicht mehr aus wie eine geschuppte Echse auf zwei Beinen, sondern wie der übergewichtige Händler Hermon – eine Rolle, die er schon beim Volk der Dreizehn Inseln gespielt hatte. Alles an ihm, von den rotblonden Haaren bis hin zur nachgeahmten venezianischen Kleidung, bestand aus Myriaden winzigster Schuppen, die der Daa’mure im Rahmen seiner Körpermasse beliebig verformen und verfärben konnte.

Sie hetzten über einen Marktplatz, der wie so viele Plätze der zahlreichen Inseln ein winziges, überfülltes Zentrum mit Ständen für Obst, Gemüse, Gewürze, Kräuter und Geflügel darstellte. Türkische Muslime mit Turban, Armenier, Juden mit Schläfenlocken, Seeleute und Pilger, sie alle kauften und verkauften, redeten in vielen verschiedenen Sprachen aufeinander ein. Und sie alle wurden still, drehten neugierig ihre Köpfe und musterten ihn, den sonderbaren Fremdling in der ungewöhnlichen Kleidung – ein schwarzes T-Shirt, Hosen aus marsianischer Spinnenseide und halbhohe Stiefel –, wenn er vorübereilte.

„Die anderen Primärrassenvertreter werden auf dich aufmerksam“, sagte Grao’sil’aana überflüssigerweise.

„Runter vom Markt“, zischte Matt und lief an einer kunstvoll gekleideten Dame mit weitem Rock vorbei. In welchem Jahr waren sie gelandet? Auf jeden Fall musste es das späte Mittelalter sein. Die Frau drehte sich stirnrunzelnd zu ihm um und sagte etwas auf Italienisch. Matt blieb nicht stehen, um darüber zu rätseln, was es bedeutete.

Er erreichte das Ende des Platzes und hielt auf eine weitere Brücke zu. Angespannt sah er sich um. Irgendwo musste es einen Ort geben, an den er sich unauffällig zurückziehen konnte. Aber wo? Es wimmelte vor Leuten, wohin er auch blickte. Nach den langen Jahren auf der postapokalyptischen Erde fühlte er sich so eingeengt, als würde er nach zehn Jahren Klosteraufenthalt in einer New Yorker Shopping Mall Weihnachtsgeschenke einkaufen müssen.

Grao’sil’aana überholte ihn. „Da vorn, der Hauseingang!“ Er zeigte auf ein schmales vierstöckiges Haus mit Bogenfenstern, das von vielen Rissen und Sprüngen verunstaltet wurde. Das Erdbeben hinterließ seine Spuren. Oder sah das Gebäude schon länger so aus? Der aufgemalte geflügelte Löwe an der Wand war bis zur Unkenntlichkeit verblichen.

Sie erreichten den schützenden Eingang. Ein fauliger Geruch nach Moder und Schimmel strömte ihnen entgegen. Matt presste sich die Hand vor den Mund. Der Gestank war übelerregend.

Obwohl das Haus heruntergekommen und einsturzgefährdet wirkte, war es offensichtlich nicht nur bewohnt, sondern sogar überfüllt. Im Inneren tönten Stimmen und Geräusche. Ein schwarzhaariger Mann in einfachem Gewand drängte sich an ihnen vorbei und rief etwas. Da Matt kein Italienisch sprach, konnte er nur raten, was es zu bedeuten hatte. Sicherheitshalber wich er ein Stück vom Eingang zurück.

Grao’sil’aana stellte sich vor ihn, damit sein ungewöhnlicher Aufzug verdeckt wurde. Ein weiterer Mann in schlichter Kleidung kam mit polternden Schritten das schmale Treppenhaus herunter. Vielleicht ein Handwerker oder Arbeiter. Er trug einen zweiten Mann auf dem Rücken. Eine Leiche. Über Matts Nacken lief ein kalter Schauer. Die Hände des Toten hatten sich an den Nägeln unnatürlich schwarz verfärbt, als wäre die Haut in Kohle gerieben worden.

Matts Blick fiel auf zwei Ratten, die sich nicht weit vom Eingang an die Hauswand drückten. Es waren nicht die einzigen auf dem Platz. Bei genauerem Hinsehen konnte er überall zwischen den Ständen und Gebäuden weitere Ratten ausmachen. Erst in diesem Moment begriff er die Gefahr. In Venedig, dem Tor zur Welt, grassierte die Pest!

Entsetzt zog er Grao’sil’aana zurück auf den Platz, um nicht mit dem Toten und seinem Träger in Berührung zu kommen. Sie mussten weg. Aber wohin sollten sie fliehen? Die Pest blieb so allgegenwärtig wie das farbenfrohe Heer aus Menschen.

Eine Hure grinste ihn an der nächsten Hausecke mit schwarzen Zähnen an. Sie machte einladende Gesten, die an Eindeutigkeit nicht zu überbieten waren. Matt schüttelte den Kopf und wandte sich mit flauem Magen ab. Die zahlreichen Gesichter auf dem Platz verschwammen zu verwaschenen hellen und dunklen Flecken. Er fühlte sich elend, die aufkommende Angst und der noch immer schwach wahrnehmbare Gestank von Moder und Tod würgten ihn. In seiner Erinnerung saß er wieder im Hörsaal der Columbia University, im Seminar „Italienische Geschichte – das große Sterben1)“.

Vor dem Antibiotikum hatte es kein Heilmittel gegen die Pest gegeben. Gerade Venedig als Schnittstelle zwischen Okzident und Orient war immer wieder Schauplatz der Seuche geworden. Allein zwischen der Mitte des 14. und 16. Jahrhunderts wurde es mehr als zwanzigmal heimgesucht. Im 17. Jahrhundert konnte keine europäische Metropole mit den Quarantänebestimmungen der Stadt mithalten – und doch kam es erneut zur Katastrophe. Die Sterblichkeitsrate lag je nach Art der Pest bei siebzig bis hundert Prozent. Wer sich infizierte, starb.

Ihn schwindelte. Früher an der Uni hatte Matt mit Fakten gearbeitet. Nun stand er unter Todgeweihten, atmete dieselbe Luft wie sie. Wie viele der Menschen um ihn herum würde es treffen? Anhand der hohen Rattenpopulation konnte er schließen, dass die Seuche – wenn es denn die Pest war und nicht die Pocken oder etwas anderes – noch an ihrem Anfang stand. Erst wenn die Ratten krepierten und ihre Flöhe sich menschliche Wirte suchten, würde hier das große Sterben beginnen.

„Schau!“ Grao’sil’aana deutete auf eine hölzerne Schubkarre, die in einer engen Gasse neben einem Mietshaus an einem schmalen Kanal stand. „Da ist etwas zum Anziehen für dich.“ Er ging hin und griff nach einem Hemd.

Matt fiel ihm mit beiden Händen in den Arm. „Nicht! Fass das nicht an!“ Er glaubte nicht, dass sich der Daa’mure mit dem Pesterreger infizieren konnte. Sein thermophiler Körper blieb vermutlich gegenüber Viren unangreifbar. Aber er selbst konnte sich sehr wohl anstecken, falls Flöhe in der Kleidung steckten und auf ihn übersprangen. „Hier grassiert eine Seuche, Grao. Vermutlich die Pest. Wenn du mich nicht umbringen willst, lass die Finger davon!“

Grao’sil’aana zögerte kurz, mit Blick auf die Schubkarre. Dachte er in diesem Augenblick daran, wie lange sie Erzfeinde gewesen waren und einander den Tod gewünscht hatten? Der Daa’mure war zum Flächenräumer am Südpol gekommen, um Matt zu helfen, den Streiter aufzuhalten. Er hatte es nicht aus Freundschaft, sondern aus Kalkül getan. Gab er Matt die Schuld, dass sie gescheitert waren?

Laute Stimmen lenkten Matthew von Grao’sil’aana ab. Er fuhr herum und sah zwei Handwerker hinter sich, die wild gestikulierend auf ihn zeigten. Hastig blickte er zum Kanal hin – vielleicht konnten sie mit einer Gondel fliehen –, als Grao’sil’aana ihn packte und hochhob. Matt spannte seine Muskeln kampfbereit an. „Was tust du?“

„Ich weiß ja nicht viel über die Vergangenheit deines Planeten, Mefju’drex. Aber Seuchen mögen die Primärrassenvertreter gar nicht.“ Der Daa’mure lud Matt auf seine Schultern. „Stell dich tot.“

„Was?“ Matt spürte, wie Graos vermeintliche Kapuze länger wurde. Sie wuchs über seinen Körper hinweg, sodass sie wie ein großes Tuch seine fremdländische Kleidung verdeckte. Dabei veränderten sich Farbe und Schnitt. Sie passten sich dem Aussehen des Totenträgers aus dem überfüllten Mietshaus an.

Grao’sil’aana stapfte auf die beiden Handwerker am Ende der Straße zu. Die bekreuzigten sich und gingen schnell weiter.

„Wir müssen zu Xij“, flüsterte Matt, auf dem gebeugten Rücken liegend. „Am besten nehmen wir eine Gondel.“

„Nein. Zuerst brauchst du Kleidung. Du erwartest doch nicht, dass ich dich die ganze Zeit herumtrage, oder?“

Matt dachte nach. Jede Seuche breitete sich in unhygienischen Verhältnissen besonders schnell aus. Die Obdachlosen und Armen klagten zuerst über Schmerzen. Die Reichen besaßen im Verhältnis bessere Chancen, zumindest wenn die Seuche sich noch nicht über die ganze Stadt ausgebreitet hatte. „Bring mich in ein reicheres Viertel. Wir müssen Kleidung von Gesunden stehlen.“

Er hätte am liebsten gar nicht gestohlen, aber welche Wahl hatte er? Geld besaßen sie nicht.

Grao’sil’aana schnaufte und ging durch die Menge. Man wich ihnen aus, eine Gasse entstand.

In Matts Kopf arbeitete es auf Hochtouren. Sie mussten die Stadt verlassen oder zur Zeitblase gehen, um in ihre Zeit und den Flächenräumer zurückzukehren. Zunächst aber mussten sie Xij wiederfinden und konnten nur hoffen, dass sie noch lebte.

Xij überlegte, ins Wasser zu springen, doch neben den zahlreichen Ratten im Kanal graute ihr vor der Kälte. Zudem würde die Flucht nicht lange dauern; zu beiden Seiten des Kanals drängten sich bereits Menschen und starrten zu ihr und zu dem Brückenrest hinauf. Sie würde nicht weit kommen.

Xij drehte sich um. Ihre Verfolger standen am Fuß der Brücke, trauten sich nicht hinauf. Die junge Frau starrte in zum Teil schmutzstarrende, verängstigte und zugleich drohende Gesichter.

„Was werft ihr der Frau vor?“, fragte ein älterer Soldat in bunter Uniform und richtete seine Lanze auf sie. Dass man sie überhaupt als Frau identifiziert hatte, lag wohl an dem immer noch nassen Shirt, das ihr wie eine zweite Haut am Körper klebte und ihre kleinen Brüste erkennen ließ.

„Die Hexe ist aus dem Nichts aufgetaucht!“, rief ein verschwitzter junger Mann in der vornehmen Kleidung eines Patriziers. „In der Luft über der Lagune, ich hab’s genau gesehen! Wahrscheinlich kam sie direkt aus der Hölle, denn sie hat einen Dämon mitgebracht. Und einen Hexenmeister. Ich kann es bezeugen.“

„Stimmt das?“, fragte der Soldat in Xijs Richtung.

„Ich hab’s auch gesehen“, kreischte eine zahnlose Alte. „Sie waren es, die uns das Beben gebracht haben. Und die Pest!“

Alle bekreuzigten sich erschrocken und reckten Xij Medaillons mit Heiligenfiguren und Kreuze entgegen.

Die Stimme des Soldaten klang nun nicht mehr so selbstsicher. Er fuchtelte mit der Lanze herum. „Los, komm herunter, Hexe! Ergib dich, oder wir richten dich gleich hier an Ort und Stelle!“

Xij hob die Hände und stieg langsam die Treppen hinab. „Venedig!“, seufzte sie. „Die Stadt bringt mir einfach kein Glück.“

Die Menge bestand hauptsächlich aus Händlern und Handwerkern. Es waren Kerzenzieher, Kanalreiniger, Weber – keine Nobili. Diese Leute hier kamen nicht aus Palästen, hatten vermutlich kaum Bildung und suchten ein Opfer für ihre Ängste. Von ihrer erhöhten Position aus konnte Xij gut erkennen, wie sich reichere, gebildetere Venezianer zurückzogen, die mit dieser Sache nichts zu tun haben wollten.

Wie ich dich liebe und hasse, Venedig. Aber ich will hier nicht verrecken. Nicht noch mal.

Xij sah einen Priester im langen Büßergewand neben dem Soldaten stehen. Sein Gesicht war nicht von Furcht oder Hass entstellt. „Bitte“, sagte sie laut auf Italienisch. „Ich bin nur ein einfaches Mädchen! Der Dämon hat mich entführt. Bitte helft mir, bei Maria und allen Heiligen!“ Sie sah den Priester flehend an. Der Mann hatte eine scharfe Nase, seine braunen Augen wirkten verträumt, genau wie das weiche Kinn. Verunsichert trat er einen Schritt zurück.

„Sie lügt!“, schrie ein Kaufmann mit kleinen schwarzen Augen und dicker Fellmütze. „Sie ist mit dem Teufel im Bund! Das Beben hat es gezeigt!“

„Ja!“, schrie die Frau im zerschlissenen Oberkleid. „Sie wirkt Magie! Hört ihr nicht zu, sonst verzaubert sie euch!“

Xij blickte hektisch um sich. Matt und Grao’sil’aana waren fort, es gab keine Hilfe. Keiner aus der Masse schien ihr wohlgesonnen. Was kann ich nur tun? Was soll ich sagen, auf das diese Idioten hören? Sie wusste es nicht. Eilig bekreuzigte sie sich, eine halb unbewusste Geste aus einer längst vergessen geglaubten Zeit, in der sie als Francesca in Venedig gelebt hatte. Die fröhliche, mutige Francesca …

„Packt sie!“, schrie der Kaufmann. „Im Namen der Heiligen Jungfrau! Packt die Hexe!“

„Wartet!“, rief der ältere Soldat, darum bemüht, sie festzunehmen, anstatt sie dem Mob zu überlassen. Doch niemand hörte auf ihn. Bewegung kam in die Menschen. Sie stürmten vor, drängten ihn zur Seite. Der Kaufmann mit der Fellmütze war zuerst heran, packte Xij, stieß sie vor sich her. Xij taumelte unter dem Stoß. Sie sah keinen Sinn darin, sich zu wehren. Über hundert Menschen umkreisten sie. Jeder Widerstand war zum Scheitern verdammt. Er würde nur dafür sorgen, dass die Menschen noch wütender gegen sie vorgingen.

„Seid doch vernünftig!“, flehte sie. „Die dunklen Zeiten sind lang vorbei!“

„Sie spricht wie eine Nobili!“, höhnte einer.

„Dämonenhure!“, hetzte ein Zweiter. „Du hast uns die Seuche gebracht!“

Xij zitterte stärker. Natürlich, es herrschte wieder einmal irgendeine Seuche in der Stadt. Vielleicht sogar die Pest, was bedeuten würde, dass sie in das Venedig nach 1347 geraten war, denn vorher hatte die Pest den Mittelmeerraum fast sechshundert Jahre lang verschont.

Sie stolperte und erhielt einen harten Schlag in die Seite. Panisch drehte sie sich im Kreis. Zwei Gaukler grinsten sie an. Sie hielten ihre Keulen in den Händen wie Waffen.

Bleib ruhig. Du musst ruhig bleiben! Sie versuchte ihre Angst zu kontrollieren. Es gelang ihr nicht. Die vielen bösartigen Gesichter, die Rufe und der Gestank machten sie fiebrig. Schon verschwammen die ersten Gesichter vor ihr, sie fühlte sich wie ein Futtertier, das kurz davor stand, zerrissen zu werden. Denk nach! Sag etwas, das sie beschwichtigt!

Männerhände fassten nach ihr, grapschten an ihr herum. Xij verlor den letzten Rest Selbstbeherrschung. Sie schlug einem feisten Seemann ins grinsende Gesicht. Der jaulte auf und wich zurück. Andere rückten nach und fassten nun mit neuer Härte zu. Den Soldaten, der sie vielleicht hätte retten können, sah sie nicht mehr. Genauso wenig wie den Priester.

„Die Hure wehrt sich!“

„Sie ist doch eine Hexe! Schlagt sie tot!“

Xij strampelte wild, als sie den Boden unter den Füßen verlor und davongeschleppt wurde. „Lasst mich los! Ich bin keine Hexe! Ich bin eine Bürgerin Venetias!“ Sie wusste kaum noch, was sie sagte und tat. Ihr war nur eins klar: Wenn kein Wunder geschah, würde das für sie böse ausgehen. Richtig böse. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft kam ihr der Gedanke, dass sie lieber im Flächenräumer geblieben wäre.

Aber sie hatte ja nicht mal eine Wahl gehabt. Sie war ohnmächtig gewesen, als Matt und Grao durch die Zeitblase gegangen waren, und erst hier im kalten Wasser der Lagune wieder zu sich gekommen. Was genau geschehen war – mit dem Streiter, mit Takeo, mit der ganzen Erde –, wusste sie nicht; Matt hatte keine Zeit gehabt, es ihr zu berichten.

Sie trat einem Mann ins Gesicht, hatte kurz mehr Freiraum, nur um auf die Steine gedrückt und mit etwas umwickelt zu werden. Ein Netz! Hatten sie vor, kurzen Prozess mit ihr zu machen? Selbst in dieser Zeit wurde Selbstjustiz verfolgt. „Hört auf! Hat denn jeder in der Stadt den Verstand verloren?“, schrie sie.

Deine Anklagen helfen dir nicht weiter, flüsterte eine vertraute Stimme in Xij. Du kannst den Schrei ausstoßen und fliehen, Liebes. Treib sie zurück, verjag sie, und dann such nach Matt und dem Daa’muren.

Manil’bud. Die Menschen und Schreie um Xij her wurden mehr und mehr zu einem einzigen Wirbel. Sie drohte das Bewusstsein zu verlieren. Hilf mir.

Die Sicht wurde klarer. Schrei endlich, Xij. Hab keine Angst. Ich bin nicht mehr auf der Seite des Streiters. Ich bin auf deiner Seite!

Xij öffnete den Mund. Sie setzte zu dem ultrahohen Schrei an, mit dem sie in der Vergangenheit bereits Harpyien verjagt, einen Daa’murenkristall zersplittert und auch Mutter vernichtet hatte. Diese Fähigkeit ging auf Manil’bud zurück, das wusste sie jetzt. Der Schrei hatte ihr geholfen, in den urzeitlichen Meeren der Erde zu überleben.

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