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Maddrax - Folge 305

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Nach Millionen von Jahren
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Matthew Drax und seine Gefährten konnten verhindern, dass das mysteriöse Steinwesen namens Mutter zu seinem Ursprung gelangte – ein riesiges Flöz unter der Erde Ostdeutschlands. Die Steinjünger, darunter Matts Staffelkameradin Jenny, die auf dem Mond stationierten Marsianer, die Technos um Sir Leonard und die Kriegerinnen der Dreizehn Inseln erwachen aus dem Bann. Kroow und der ZERSTÖRER werden vernichtet. Doch dabei stirbt Jennys und Matts gemeinsame Tochter Ann – durch Aruulas Hand. Es war ein Unfall, doch Matt ist fertig mit der Welt und kapselt sich ab. Als alle anderen aufbrechen, bleiben er und Xij alleine zurück. Xij, die in sich die Geister unzähliger früherer Leben trägt, ist ernsthaft erkrankt; alles deutet auf eine Verstrahlung hin. Das reißt Matt aus seiner Lethargie; doch sein Plan, bei den Lübecker Technos Hilfe zu finden, schlägt fehl. Immerhin erhalten sie einen Hinweis, der sie nach Süden führt – nach Schloss Neuschwanstein. Aber der mächtige Heiler, der dort praktiziert, entpuppt sich als wahnsinniger Japaner, der Matt benutzen will, um einen ganzen Barbarenstamm zu vernichten. Doch Matthew durchschaut den Plan und hilft dabei, den falschen König zu stürzen. Xijs Diagnose zeigt ein überraschendes Ergebnis: Sie wird von Daa’murensplitter innerlich zerfressen – wogegen es keine Heilung gibt! Matts letzte Hoffnung sind seine Hydritenfreunde Quart’ol und Gilam’esh, aber die muss er erst finden. Die Suche führt ihn zu einem Bunker bei Triest, dessen Insassen eine Unterwasser-Farm betreiben – und in früheren Zeiten mit gefährlichen Mar’os-Hydriten zu tun hatten. Ein Kampfanzug aus dieser Zeit ermöglicht es Matt, hinabzutauchen, um eine Transportquelle zu organisieren. Dabei jedoch wird er von dem neuronalen Computer des Anzugs übernommen – und wütet unter den friedlichen Ei’don-Hydriten, die jetzt dort leben. Erst als er und Xij Gilam’esh’gad erreichen, kann Matt wieder von dem Anzug getrennt werden.

Nach Millionen von Jahren

von Michelle Stern

Die Leuchtmikroben verblassten im roten Gewitter der Warnlampen. Über Gilam’eshs Körper zuckten im Stakkato Schriftzeichen, die ein Informationskristall in den Raum schleuderte. Auf der Anzeige seines bionetischen Schutzanzugs stieg die Temperatur beängstigend schnell: 40 … 50 … 60 Grad Celsius. Unter ihm bebte der Boden.

„Eruptionsalarm!“, schrie E’fah über ihm in der Zugangsröhre. „Die dritte Kammer geht hoch!“

Hektisch blickte sich der Hydrit um. Er musste die Transportleitung von Kammer drei vom Hauptfluss abtrennen. Andernfalls riskierte er, die untere Kraftwerksebene mit Magma zu fluten und sich und E’fah wie Hummer im Schnellverfahren zu kochen! Aber wo – bei allen Schöpfern Rotgrunds – war der eine Schalter, der das Unheil noch abwenden konnte?

E’fahs Stimme drang eindringlich zu ihm vor. „Gilam’esh, du musst da raus! Wenn wir uns jetzt zurückziehen, schaffen wir es noch!“

„Nein!“ Er würde nicht aufgeben. Wenn die untere Etage geflutet wurde, konnte das zu einer Kettenreaktion führen, die das gesamte Kraftwerk langfristig deaktivierte. Damit befanden sich alle verwachsenen Hydriten in Gefahr, die derzeit in der Krankenstation im Zentrum behandelt wurden und auf die Energieversorgung angewiesen waren. Außerdem würde es einen großen Rückschritt für den Wiederaufbau der Stadt bedeuten. Viele der eingesetzten Bionetikmaschinen hingen direkt am Versorgungsnetz und konnten Schaden nehmen, wenn sie unvermittelt im Betrieb abgeschaltet wurden.

Gilam’esh kraulte vor, näher an das Zentrum des Bebens heran, und betrachtete die flimmernden Schirme der Konsolen. Nicht zum ersten Mal seit seinem zweiten Aufenthalt in Gilam’esh’gad befand er sich in diesem Trakt. Das Kraftwerk schien ihm inzwischen so vertraut wie sein Wohnraum. Wenn einer die nötigen Schritte einleiten konnte, dann er.

E’fahs Stimme wurde panisch. „Es ist zu spät! Die Kontrollwerte überschlagen sich!“

Gilam’esh fühlte, wie sich die Sicherheitsleine um seinen Leib spannte. Seine Begleiterin wollte ihn einholen wie einen Fisch am Haken.

„Noch nicht!“, rief er zurück. Das Lavagestein unter ihm bebte. Zu seinen Füßen verlief eine Leitung, die jeden Moment reißen konnte. Erste Bläschen stiegen auf. Seine Blicke huschten über die hydritischen Zeichen auf dem Hauptschirm. Die Bronzetafeln um ihn her blinkten im Lichtgewitter. Ein akustischer Alarm sprang an und hämmerte mit einem lauten TAK-TAK-TAK in sein Hirn, als wollte er ihm das Denken austreiben.

Er schwamm noch näher an die Schaltanlage der dritten Kammer heran. Das Seil gab widerwillig nach. Seine behandschuhten Hände glitten über den Touchscreen. Da! Endlich ein Hinweis, das richtige Symbol, um auf den Fluss einwirken zu können! Die Membran an seinem Helm wurde inzwischen beunruhigend heiß. Seine Schuppenhaut brannte. Es fühlte sich an, als würde er mitten im Wasser verdörren.

„Notverschluss“, gab er hastig ein.

Er hatte den Befehl kaum bestätigt, als ein hässliches Grollen und Krachen neben ihm erklang. Der Boden der Leitung brach auf! Wie ein wütender Wulroch-Bulle schoss Lava in den Raum.

Gilam’esh schrie, unfähig sich zu rühren. Die explodierende Hitze war ein Schock, der ihn erstarren ließ. Er sah sein Leben vor seinem inneren Auge ablaufen: die Zeit als Junghydree auf dem Rotgrund1), die Reifeprüfung, bei der er einen Wulroch-Bullen tötete und der Geist von Matthew Drax aus einer fernen Zukunft in ihn fuhr. Seinen Aufstieg mit Matts Hilfe, vom Kriegsmeister bis hin zum Hochrat von Tarb’lhasot. Den Bau des Zeitstrahls, der sein Volk vor dem Atmosphärenverlust evakuieren sollte.

Dann seine missglückte Flucht nach Ork’huz, dem blauen Planeten. Die körperlose Gefangenschaft im Strahl, der seine Heimat mit der rettenden Welt verband. Schließlich sein Wiedereintritt ins Leben dreieinhalb Milliarden Jahre später, die Reise nach Gilam’esh’gad, wo er einen neuen Körper erhielt und E’fah kennenlernte, bis hin zu den Kämpfen in Hykton und seinem Rückzug in die uralte mystische Stadt.

Die Hydriten der Meere hatten in ihm einen Propheten gesehen, viele wohl sogar einen Gott, aber er war keiner. Deshalb musste er sie zwangsläufig enttäuschen. Und nun würde das Schicksal endgültig zeigen, dass er kein Schöpfer und nicht unsterblich war – Weltenwanderer hin oder her. E’fah war zu weit entfernt, um mit der Gabe des Geistreisens in ihren Körper überzuwechseln. Alles endete an diesem Punkt.

Während sein Bewusstsein schwand, erinnerte er sich an die Augen der Hydreefrau, die ihm damals auf dem Rotgrund unsagbar viel bedeutet hatte: an die türkisen Sterne im Gesicht Manil’buds.

Ein brutaler Ruck riss ihn ins Leben zurück. Mit unglaublicher Geschwindigkeit rollte sich das bionetische Seil auf der Hydraulikspule auf, die E’fah aktiviert hatte. Es katapultierte Gilam’esh wie ein Geschoss durch die Röhre in den Raum über ihm, während sich eine Sicherheitsluke automatisch schloss und die Hitze zurückblieb. Die Raumdecke stoppte seinen Wasserflug. Hart prallte er gegen das lumineszierende Gestein und trieb Richtung Grund. E’fah hielt ihn fest.

Er klackte und schnalzte gequält. Jeder Muskel tat ihm weh. Die sengende Hitze ließ nur langsam nach.

„Danke“, brachte er hervor. „Das war Rettung im letzten Membranschlag.“

Sie zog ihm den Helm ab. In ihren Augen erkannte er Stolz. „Du hast es geschafft“, klackte sie zärtlich und fuhr über seinen hochroten Scheitelkamm. „Du hast deinen Hornschädel durchgesetzt. Der Zufluss ist unterbrochen. Sieh nur die Statusanzeige.“

Er folgte ihrem Blick und las auf der Überwachungskonsole des Kontrollraums die neuen Werte. Kammer drei stabilisierte sich. Der Schaden konnte schon in wenigen Wellenschlägen von der Automatik behoben werden, wenn das heiße Wasser unter ihnen ausgetauscht worden war. Nur ein kleiner Teil Magma war in die Zentralkammer des Sektors eruptiert.

„Dieses Mal korrigieren wir die Regulationseinstellungen so, dass wir keinen Ärger mehr bekommen“, schnalzte Gilam’esh grimmig.

E’fahs Quastenlippen verzogen sich zu einem Grinsen. „Sicher. Du wirst es schon gründlich machen, du Volkslegende.“

Sie warteten, bis die Werte auf Status Grün standen, und machten sich dann an die Arbeit. Mit bionetischem Spezialmaterial auf Mikrochimärbasis sicherten sie die poröse Leitung zusätzlich. Das Lavagestein war partiell über Gebühr belastet worden, da ein zu großer Fluss Magma mit überhöhtem Druck hindurchgeleitet wurde.

Gilam’esh hatte eben die Neueinstellungen abgeschlossen, um einer zukünftigen Überlastung vorzubeugen, als seine Helmmembran am Ohr vibrierte. Quart’ol meldete sich über das integrierte Headset.

„Gilam’esh!“ Sein Klacken klang verunsichert. „Ihr müsst sofort zurückkommen. Wir treffen uns im Hydrosseum. Im Besucherraum.“

„Was ist passiert?“

„Maddrax ist zurück. Er hat eine Fremde bei sich. Und er hat … Probleme. Ich erkläre dir alles Weitere auf dem Weg.“

Gilam’esh aktivierte die automatische Überwachung des Kraftwerksektors und sah zu E’fah, die das Gespräch in ihrem Helm mitgehört hatte. Die Farben ihres Scheitelkamms spiegelten dieselbe Ratlosigkeit und Überraschung wider, die auch er empfand. Mit einem kräftigen Stoß schwamm er zur Schleuse.

Die Luft im Empfangsraum erschien Commander Matthew Drax stickig und abgestanden, obwohl der Raum gerade erst neu bepumpt worden war. Das Atmen fiel ihm schwer.

„Ich habe furchtbare Dinge getan“, flüsterte Matt erneut. Er fühlte sich müde und ausgelaugt, trotz der stärkenden Knolle, die Bel’ar ihm verabreichte. Seine Gedanken kreisten um die Taten, zu denen ihn der Kampfanzug der Technos aus dem Grotta-Bunker bei Triest getrieben hatte.2) Er war durch das im Anzugcomputer gespeicherte Persönlichkeitsprofil des früheren Trägers zum Berserker geworden, hatte Dutzende friedliche Hydriten getötet oder schwer verletzt und zuletzt sogar Gilam’esh’gad angreifen wollen. Zum Glück hatte Quart’ol, von Xij per Funk gewarnt, ihn rechtzeitig aufhalten können.

Neben ihm saß Xij in einer Muschelschale. Sie stützte sich schwer auf deren Rand und wirkte noch erschöpfter und ausgezehrter, als er sich fühlte. Sie war todkrank, und es ging ihr immer schlechter. Zumindest war es ihm gelungen, seine Begleiterin mit der aschblonden Kurzhaarfrisur nach Gilam’esh’gad zu bringen. Mit etwas Glück konnte sie in dieser Stadt – dem ehemaligen Zentrum der hydritischen Kultur – gerettet werden. Seit Monaten litt sie unter Schmerzen und Schwächeanfällen.

Durch einen hochfrequenten Schrei hatte sie in Tschernobyl einen Kristall der Daa’muren zerstört.3) Dabei war der hochgiftige Kristallstaub in ihre Lunge geraten und zerfraß sie nun langsam aber unaufhaltsam.

Quart’ol blickte Matthew mitfühlend an. „Du warst nicht du selbst“, beruhigte er ihn. „Ich werde mich um Schadensbegrenzung bemühen. Du weißt, dass Gilam’esh’gad von der Außenwelt abgeschottet ist, aber wenn ich das nächste Mal in Hykton bin, kläre ich die Sache auf. Wir haben ja den Anzug als Beweis.“

Matt nickte dankbar. Er brauchte Zeit, das alles zu verarbeiten. Selbstverständlich würde er zu seinen Taten stehen. Wenn das bedeutete, dass er offiziell das Vertrauen der Hydriten verlor und sich in ihren Städten nicht mehr blicken lassen durfte, würde er das respektieren.

Die Schleuse des Raumes öffnete sich und herein traten zwei Hydriten, die er in ihren neuen Klonkörpern zum ersten Mal sah und die er doch sofort erkannte: E’fah und Gilam’esh.

Zuletzt war Matt von hier aus zur Suche nach dem Flächenräumer aufgebrochen. Damals hatten sich die beiden Geistwanderer noch im Körper von Yann Haggard befunden. Doch mithilfe des Wächters Pozai’don hatten sie Klonkörper und damit eine neue Existenz erhalten.

Es tat gut, seine Freunde gesund wiederzutreffen. Matt stand auf und wollte Gilam’esh begrüßen, doch er brachte kein Wort hervor.

Etwas Merkwürdiges ging vor sich.

Gilam’esh stand mitten im Raum, ein gutes Stück vor E’fah, und starrte auf Xij. Xij ihrerseits erhob sich langsam von ihrem Sitz. Ihre Beine drohten wegzuknicken, doch sie blieb zitternd stehen. Matt half ihr und stützte sie.

Die Berührung löste längst vergessene Erinnerungen in ihm aus. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit war ihm, als hätte er mentale Kräfte. Es fühlte sich an wie damals, als sein Geist durch die Tunnelfeldanlage in die Vergangenheit des Mars geschleudert und in Gilam’eshs Körper gefahren war.

Jetzt war es ihm, als würde diese Verbindung für einen Augenblick wieder bestehen. Matt konnte das geistige Prickeln fühlen, den unsichtbaren Gedankensturm, der zwischen Gilam’esh und Xij tobte. Dann plötzlich – ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben – sank Xij zu Boden. So abrupt, als wären einer Marionette die Fäden durchschnitten worden.

Es geschah zu schnell. Er konnte sie nicht halten, aber ihren Fall abmildern. Seine Arme umklammerten ihren Oberkörper. „Xij!“, rief er erschrocken, unfähig zu verstehen, was mit ihr geschah. Vorsichtig legte er sie ab.

Gilam’esh sprang vor und kniete sich neben ihn zu der reglosen jungen Frau. Sein Scheitelkamm schillerte hellviolett und signalisierte höchste Aufregung. In seinen Augen lag ein Ausdruck von Fassungslosigkeit und großem Schmerz.

„Manil’bud“, flüsterte er heiser.

Nur dieser eine Name fiel in die Stille. Ein Name, den Matt vor dreieinhalb Milliarden Jahren irdischer Zeitrechnung zuletzt gehört hatte. Und er begriff.

Wenige Minuten zuvor

Matthew Drax. Der Name ging Gilam’esh nicht mehr aus dem Kopf, als er seine und E’fahs Transportqualle zum frisch eingeweihten Hydrosseum lenkte. Zu unglaublich war die Geschichte, die ihm und Maddrax damals widerfahren war. Matt hatte eine Reise zum Mars unternommen und dort eine Anlage der Hydree betreten, über die sein Geist dreieinhalb Milliarden Jahre in die Vergangenheit geschleudert wurde – geradewegs hinein in seinen Kopf!4) Gilam’esh hatte zu diesem Zeitpunkt bei einem Ritual das Blut eines Wulroch-Bullen getrunken und erst geglaubt, vom Blutrausch befallen zu sein. Doch dann musste er akzeptieren, dass ein Zeitreisender vom Planeten Ork’huz – der Erde – in seinem Kopf gelandet war – und dort auch die nächsten hundert Rotationen5) blieb. Erst hatte Gilam’esh versucht, den fremden Geist zu verdrängen, doch letztlich verdankte er ihm viel. Durch ihn war er zum führenden Wissenschaftler seines Volkes geworden.

Gilam’esh stoppte die Qualle vor den vier spindelförmigen Gebäuden im Herzen der Stadt, die so ganz anders aussahen als die üblichen Hydrosseen. Wie überdimensionierte Seenadeln ragten sie in die Höhe, verbunden durch breite Verbindungsröhren auf verschiedenen Ebenen. Ringwulste in leuchtenden Blautönen umgaben die Gebäudeteile.

Sie hatten das ehemalige Zentrum Gilam’esh’gads durch Zufall und E’fahs Erinnerungen entdeckt, von Algen befreit und restauriert. Nun strahlte es im Licht der Mikroben, als sei es aus vier Perltürmen geformt. In schwindelerregender Höhe saß je ein Haupt- und Kontrollraum. Zwei Etagen tiefer befanden sich die Besucherräume.

Gilam’esh schwamm mit E’fah zum Haupteingang auf der mittleren Ebene und erreichte über eine aufsteigende Druckröhre das Stockwerk des mit Luft gefüllten Besucherraums. Seine Kiemenatmung stellte sich automatisch auf Lungenatmung um. Er wechselte einen Blick mit E’fah, drückte ihre Hand und ging als Erster hinein. Schon nach wenigen Schritten wurde er langsamer und blieb schließlich stehen. Was er sah und spürte, verwirrte ihn.

Matt war nicht allein. Bei ihm befand sich eine Menschenfrau mit blonden Haaren und knabenhaftem Körper. Sie wirkte ausgezehrt, krank und zugleich … vertraut. Gilam’esh legte den Kopf schief und versuchte das Gefühl zu fassen, das sein Herz berührte. Kälte und Hitze überkamen ihn, als er etwas wahrnahm, das nicht sein durfte. Nicht sein konnte.

Die blonde Frau stand wie in Zeitlupe auf, verdrehte die Augen und sackte in sich zusammen. Er sprang vor, kniete sich neben sie und berührte ihren Arm. Ein Strudel öffnete sich, der sich rasend schnell drehte und erweiterte, wie ein Tor in die Vergangenheit. Sein Geist drohte hineinzustürzen. Der Wunsch, der Menschenfrau zu helfen, wurde übermächtig. Er musste sie stabilisieren. Mit seiner mentalen Gabe griff er nach ihrem Lebensfunken – und erschrak bis ins Innerste.

„Manil’bud“, flüsterte er.

Aber wie konnte das sein? Manil’bud war tot!

Der Schmerz, als sie vor über dreieinhalb Milliarden Jahren von seiner Seite gerissen wurde, flammte explosionsartig in ihm auf. Er verging in der Hitze des Verlustes. Der Raum um ihn verlor seine Farben. Dunkelheit umgab ihn. Er sank in ein Meer aus Erinnerungen, in das seit langer Zeit kein Lichtstrahl mehr gedrungen war …

Vergangenheit, Rotgrund

Gilam’esh blickte mit glühenden Blicken hinunter in die Senke mit dem kleinen See. Das Auge der Schöpfer senkte sich. Bald würde die Finsternis anbrechen. Die Zeit drängte.

Wir sind nur zu dritt, flüsterte der Matt-Geist in ihm. Brich die Verfolgung ab. Das ist Wahnsinn!

„Halt dich da raus“, gab Gilam’esh halblaut zurück. Angst kroch in seine Brust und versteifte seine Schuppen. Der Fremde sollte schweigen, wie er es sonst tat. Aber er ahnte schon, dass sein zweites Ich ihm den Gefallen nicht tun würde. Immer wenn er besonders riskante Entscheidungen traf, mischte Matt sich in seine Gedanken ein. Als ob er ihn jemals würde aufhalten können! Auch dieses Mal versuchte er es hartnäckig.

Du kannst gegen sie nichts ausrichten! Das wäre dein Ende!

Du hast mich schon oft unterschätzt“, knurrte Gilam’esh. Das Feuer der gerechten Wut brannte in ihm. In den vergangenen Umläufen6) wurden die Angriffe und Überfälle der Patrydree immer dreister. Sie jagten die Ikairydree, diesen friedlichen und hilflosen Stamm seines Volkes, der niemandem etwas antat. Sie überfielen küstennahe Städte und verschleppten die Einwohner an Land. Aber damit nicht genug: Sie fraßen sie auch, denn die Patrydree waren Kannibalen.

Gilam’esh schüttelte sich. Beim gestrigen Lichtend war er auf Abfälle einer ihrer Rotten gestoßen. Auf Knochen von Ikairydree, die verbrannt in erloschenen Feuerstellen lagen. Wie sollte er da ruhig bleiben und sich zurückhalten? Gerade erst hatte man ihn zum Kriegsmeister ernannt, und das gewiss nicht, weil er unentschlossen und feige war.

Den Bestien musste Einhalt geboten werden. Jede Faser seines Körpers schrie nach Vergeltung für die grauenhaften Taten, die sich zu jedem Hochlicht mehrten.

Und wieder einmal beweist du mir, dass dich die niedere Mathematik überfordert, spottete der Matt-Geist. Drei gegen vierzig. Was für ein Wahnsinn. Warte wenigstens auf Verstärkung.

„Damit sie die anderen Gefangenen in der Zwischenzeit auch noch fressen?“, gab Gilam’esh patzig zurück.

„Gilam’esh?“ Die Stimme seines Lehrers Kazar’bal lenkte ihn von seinem inneren Dialog ab. Er schob den Gedanken an den fremden Geist von sich und wandte sich dem ehrwürdigen Meister zu. Der alte Hydree kroch über zwei rote Steinplatten in seine Richtung. Dabei hielt er sich so tief, dass er in der Senke nicht gesehen wurde.

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