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Maddrax - Folge 300

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Unter Mutanten
  4. Der große MADDRAX-Rückblick
  5. Leserseite
  6. Comic
  7. Das große MADDRAX-Jubliläumsrätsel
  8. Zeittafel
  9. Vorschau

Unter Mutanten

von Oliver Fröhlich

Ambuur, das ehemalige Hamburg,

September 2519

Die Menschen rannten um ihr Leben. Oder versteckten sich in den Ruinen der Stadt. Oder stellten sich der Übermacht der Mutanten zum Kampf. Doch wenn es ans Sterben ging, waren sie alle gleich: Dann schrien sie.

Kruzzar empfand kein Mitleid. Was mit ihnen geschah, hatten sie sich selbst zuzuschreiben. Sie hatten Wulfanen, Guule und Nosfera gefangen gehalten und sie für Experimente missbraucht. Nun sollten sie für das unaussprechliches Leid bezahlen, das sie seinesgleichen zugefügt hatten.

Da mischte sich in die Schreie der Menschen ein anderer, ein mentaler Ruf. „Flieht, Brüder und Schwestern! Wenn ihr leben wollt, flieht, so schnell ihr könnt!“

Kruzzar kannte die Stimme, die in seinem Kopf erklang. Es war dieselbe, die ihn überhaupt erst hierher geführt hatte. Die des Genmutanten – eines Experiments der Bunkerleute, das die Merkmale aller drei Mutantenvölker in sich vereinte und das sie „G-13“ genannt hatten.

Der am ganzen Körper dicht behaarte, schlundlippige Wulfane stand vor einem großen, noch gut erhaltenen Haus, wie es sie vor allem in Richtung Hafen häufiger gab. Dort schienen die Menschen auch nicht so barbarisch zu sein wie im Stadtinneren. Sie trugen bessere Kleidung und rochen statt nach Dreck und Schweiß gelegentlich sogar nach Seife.

Für Kruzzar und seine Artgenossen machte das keinen Unterschied. Und er mochte wetten, für die Nosfera und Guule noch weniger. Die vertrockneten, mumienhaften Blutsäufer interessierten sich nicht für Äußerlichkeiten, sondern nur für das rote Elixier, das in den Menschen floss. Und wenn sich erst die dürren Leichenfresser mit ihnen befasst hatten, war vom Seifengeruch ohnehin kaum noch etwas übrig.

Der Wulfane fand es erstaunlich genug, dass er Seite an Seite mit Vertretern der anderen Mutantenrassen gegen den gemeinsamen Feind kämpfte. Aber der geistige Hilferuf des Genmutanten einte sie und ließ sie alle Unterschiede vergessen.1) 

Auch Kruzzar hatte den Ruf von G-13 empfangen, auch wenn er keine Ahnung hatte, was der Name bedeutete. Anfangs hatte er überlegt, ob es sich um einen Trick der Menschen handeln konnte, möglichst viele Mutanten zu sich zu locken. Doch die Eindringlichkeit des Hilferufs, der Schmerz, der darin mitschwang, zugleich aber auch die Kraft und der Stolz, all das überzeugte Kruzzar, ihm zu folgen.

Und nun stand er vor dem großen Haus, in das er gerade noch zwei Männer hatte fliehen sehen, und wusste nicht, was er tun sollte. Er sah sich um. Einige Meter hinter ihm verharrten vier Nosfera, regungslos, die Köpfe zur Seite geneigt. Auch sie lauschten einer unhörbaren Stimme, die ihnen völlig überraschend den Rückzugsbefehl erteilt hatte.

Aber warum?

„Nein!“, brüllte Kruzzar. Die Blicke anderer Wulfanen wandten sich ihm zu. „Wir werden dich nicht im Stich lassen! Niemals!“

Seine Artgenossen, aber auch die Nosfera und Guule ließen zustimmendes Geheul vernehmen.

Lauft, so schnell ihr könnt! Das Ende der Stadt steht bevor!“

Er zuckte unter der Wucht des Rufs zusammen. „Aber …“

Sie wird in einer gigantischen Explosion untergehen. Bald. Also flieht!“

Kruzzar war sich nicht sicher, ob G-13 ihn oder andere Mutanten zu hören vermochte. Dennoch brüllte er: „Gerade deshalb müssen wir dich befreien.“

Sorgt euch nicht um mich. Maddrax wird mir helfen, in einem Gleiter zu entkommen.“

Maddrax?“

Ein Mensch“, antwortete der Genmutant und bewies dadurch, dass er Kruzzar verstand.

„Ein … Mensch?“, echote der Wulfane.

Nicht alle Menschen sind Feinde. Es waren die Unterirdischen, die Maulwürfe, die Technos, die all die Gräuel an unseren Völkern begingen. Nun lauft endlich – und kehrt nie zurück!“

Die tiefe Sorge, die Kruzzar in den letzten Worten erkannte, erschütterte ihn bis ins Mark. Er sah an der Wand des Hauses hoch und entdeckte hinter einem Fenster die bleichen Gesichter der Geflohenen, die ihm ängstlich entgegenstarrten.

Dann warf er sich herum und rannte. Und mit ihm alle anderen Mutantenstreiter.

Egal wohin. Nur raus aus der Stadt. Weg von dem umzäunten Sicherheitsgebiet, in dem er G-13 wusste. Weg von den Menschen, die ihnen erst voller Erleichterung nachblickten, in deren Mienen sich aber Sorge schlich, als ihnen klar wurde, dass etwas nicht stimmte. Warum sonst sollten sich die Mutanten zurückziehen?

Kruzzars langes Körperhaar sträubte sich. Jeden Augenblick rechnete er mit einem Knall, mit einer unsichtbaren Faust, die ihm in den Rücken hieb, ihn davonschleuderte. Die Anspannung in seinem Nacken wurde schier unerträglich.

Doch die Explosion blieb aus. Hatte der Genmutant sich geirrt?

Kruzzar wusste nicht, wie lange er schon rannte, als Fluggefährte der Technos über ihre Köpfe hinweg rasten. Saß in einem von ihnen G-13? War er in Sicherheit? Hatte der Mensch es geschafft, ihn -

Eine Explosion erklang. Instinktiv warf sich Kruzzar zu Boden. Wie bei einem Gewitter rollte ein dumpfer Donner über das Land. Als er abebbte, stand der Wulfane auf und sah zurück. Über Ambuur erhob sich eine riesige Säule aus Asche und Dreck.

Es war tatsächlich geschehen. Große Teile der Stadt existierten nicht mehr. Und mit ihnen alles Leben, das sich dort aufgehalten hatte. Alle Mutanten, die nicht schnell genug weggekommen waren oder nicht auf die Warnung gehört hatten. So viele Tote!

„Verfluchte Technos“, grollte es über Kruzzars wulstige Schlundlippen. Wer sonst als die Unterirdischen sollte an dieser Katastrophe schuld sein? Die meisten von ihnen dürften mit dem Tod dafür bezahlt haben. Doch auch die, die mit den Gleitern entkommen waren, würden büßen müssen.

Minutenlang starrte er auf die zerstörte Stadt und die gigantische Aschewolke.

„Was sollen wir nun tun?“, hörte er eine heisere Stimme.

Ein Guul stand neben ihm und fragte um Rat. Verrückte Welt. „Ich weiß es nicht.“ Ambuur war ausgelöscht, von einem Augenblick auf den anderen. Und doch machte sich in Kruzzar das Gefühl breit, dass die Stadt nun gefährlicher und tödlicher war als zuvor. Auch wenn die Häuser zumindest in den Randbezirken die Explosion überstanden hatten.

Er sah den Gleitern am Himmel nach und beobachtete, wie sie kleiner und kleiner wurden und verschwanden. G-13, ein Mensch namens Maddrax, aber sicher auch etliche der verhassten Maulwürfe.

„Lass uns in die gleiche Richtung gehen“, sagte er.

So folgten die Mutanten den Fluggefährten, die sie schon lange nicht mehr sehen konnten. Sie erreichten schließlich eine andere Stadt und erkoren sie zu ihrem Zuhause.

Sie bleiben nicht die Einzigen. An diesem Tag trampelten unzählige Füße über ein verwittertes Schild, das vor mehr als fünfhundert Jahren den Namen des Ortes verraten hatte.

Lübeck.

Gegenwart, Juli 2527

Matthew Drax war auf der Flucht. Mit starrem Blick saß er im Pilotensessel eines Radpanzers mit der Bezeichnung „Prototyp XP-1“ und peitschte das Gefährt mit einer unverantwortlichen Geschwindigkeit von über achtzig Stundenkilometern an der Nordseeküste entlang. Seine Begleiterin Xij hatte es längst aufgegeben, ihn zu einem gemäßigten Tempo zu bewegen.

Selbst wenn der Panzer 200 km/h hätte fahren können, hätte das Tempo nicht ausgereicht, um zu entkommen. Denn das, was Matt so gerne hinter sich gelassen hätte, trug er ständig bei sich.

Seine Erinnerung.

Er wusste kaum mehr, was während der letzten zwei Wochen geschehen war. Jede einzelne Sekunde hatte er durchlebt, als befände er sich in Trance, die Seele begraben unter einer kilometerdicken Schicht aus Schmerz.

Nein, er hatte sie nicht durchlebt. Denn seit Anns Tod existierte er nur noch. Dafür entsann er sich der Ereignisse davor umso deutlicher. Es verging keine Nacht, in der er nicht davon träumte. Er konnte nicht einmal die Augen schließen, ohne den leblosen, blutüberströmten Körper seiner Tochter vor sich zu sehen.

Matt hatte zeitlebens nicht viel von ihr gehabt und sie auch nicht oft gesehen. Das hatte das Leben auf dieser postapokalyptischen Erde nicht zugelassen. Auch war Ann nicht einer Liebesbeziehung, sondern einem erzwungenen Geschlechtsakt entsprungen. Das änderte aber nichts daran, dass er sie von ganzem Herzen liebte … geliebt hatte. Vielleicht hätte er sich mehr um sie kümmern sollen, statt von einem Abenteuer zum nächsten zu hetzen. Vielleicht hätte er sesshaft werden und nicht andauernd umherziehen sollen. Würde sie dann noch leben? Er wusste es nicht.

Der Gedanke war ohnehin absurd. Wie hätte er eine Familie gründen können, der auch Ann angehörte? Auf der einen Seite Jennifer Jensen, die Mutter seiner Tochter und wie er ihrer angestammten Zeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts entrissen. Auf der anderen Seite Aruula – die telepathisch begabte Kriegerin, die ihn durch die dunkle Zukunft der Erde begleitete. Sie zusammen in einem einzigen Haushalt? Undenkbar!

Ein Stich bohrte sich in Matts Herz, als er an Aruula dachte. So, wie sich ihr Schwert in Anns Rücken gebohrt hatte.

Auf Anweisung ihrer beeinflussten Mutter hatte die arme Kleine versucht, einen lebenden Stein in einen Bohrschacht zu werfen. Dieser Stein hatte über ein fremdartiges Bewusstsein verfügte und während seiner Zeit an der Erdoberfläche gelernt, menschliche Lebensenergie in sich aufzunehmen – und seine Opfer als versteinerte Statuen zurückzulassen.

Und nun war der Stein – oder Mutter, wie er sich nannte – im Begriff gewesen, zu seinem Ursprung zurückzukehren. Welche Folgen das gehabt hätte, wusste Matt nicht. Doch es rechtfertigte in seinen Augen nicht, was Aruula getan hatte, um die Gefahr abzuwenden: Sie hatte ihr Schwert auf Ann geschleudert, bevor die Kleine das Bohrloch erreichte. Sie behauptete, Jenny hätte sie im Augenblick des Wurfs an den Beinen gepackt, und so hatte die Waffe Ann nicht mit der Breitseite getroffen, sondern …2)

Matt schossen Tränen in die Augen. Im tiefsten Herzen wusste er natürlich, dass es nicht Aruulas Absicht gewesen war. Dass auch sie schrecklich darunter litt. Und dennoch! Er hatte ihren Anblick nicht mehr ertragen können, ihre Stimme, ihre bloße Anwesenheit. Er wollte nicht Tag für Tag den Menschen sehen, der seine Tochter auf dem Gewissen hatte.

Rulfan hatte zwar noch versucht, zwischen ihnen zu vermitteln. Aber Wut, Trauer und Enttäuschung saßen zu tief. Also war jeder seiner Wege gegangen. Aruula war zu den Dreizehn Inseln zurückgekehrt, Rulfan mit seinen Getreuen nach Canduly Castle gezogen, um dort einen „Hort des Wissens“ zu gründen. Matt hatte PROTO bestiegen und raste seitdem ziellos durch die Lande. Xij Hamlet begleitete ihn. Er hatte nicht die Kraft gehabt, es ihr zu verbieten. Es war ihm egal.

Der Mann aus der Vergangenheit seufzte auf, zum fünfhundertsten Mal an diesem Tag. Er verfluchte sich. Dafür, dass er Ann nicht hatte helfen können. Dafür, dass er nie für sie da gewesen war. Und dafür, dass tief in seinem Herzen ein kleiner Teil von ihm Aruula vermisste.

Er wandte den Blick Xij zu. Sie saß stocksteif im Copilotensessel, bleich wie eine frisch gekalkte Wand, und umklammerte die Lehnen. Offensichtlich gefiel ihr sein Fahrstil nicht. Nun, da musste sie wohl durch. „Weißt du, was mir wie eine böse Ironie erscheint?“

Das Mädchen mit dem androgynen Äußeren schüttelte verkrampft den Kopf.

„In den letzten elf Jahren war ich auf dieser fremden Welt, in dieser fremden Zeit fast pausenlos unterwegs. Ich glaube, es war schon immer eine Art von Flucht – um nicht darüber entscheiden zu müssen, wie es für mich weitergehen soll. Aber immerhin hatte ich stets ein Ziel vor Augen und eine geliebte Frau an meiner Seite. Nun habe ich alles verloren … sogar meine Zukunft.“

Xij schwieg. Sie schien mit sich selbst zu kämpfen.

„Das macht mich wahnsinnig“, fuhr Matt fort. „Ich muss einen neuen Sinn in mein Leben bringen, sonst -“

Er raste über eine Bodenwelle. Der Panzer machte einen gewaltigen Sprung, der sie für einen Sekundenbruchteil aus den Sesseln hob.

„Kannst du mal bitte anhalten?“, ließ sich Xij nun doch vernehmen. „Ich glaube, ich muss …“ Kotzen sagte sie nicht mehr. Stattdessen tat sie es. Über die Seitenlehne des Sessels.

Matt fluchte. Er bremste den Radpanzer ab und hielt auf einer Düne an. Wo sie sich im Augenblick befanden, vermochte er nicht genau zu sagen.

Als PROTO stand, sprang er auf und eilte zu seiner Begleiterin. Wieder schimpfte er auf sich. Sie war das Einzige, was ihm geblieben war. Wie konnte er mit seiner Fahrweise so rücksichtslos ihr gegenüber sein? Er hatte doch gesehen, dass es ihr nicht gut ging. Seit Tagen schon!

Er zog ein Tuch hervor und wischte ihr den Mund ab. Ein rötlicher Faden rann ihr aus dem Mundwinkel. Blut? Oder gefärbter Speichel von dem Schildlauspulver, das sie ständig benutzte?

Sie wehrte ihn mit kraftlosen Bewegungen ab. „Hör auf! Ich bin doch kein kleines Kind. Es geht schon wied-“

Sprach’s und erbrach einen weiteren Schwall.

„Entschuldige“, sagte er. „In Zukunft fahr ich langsamer.“

Sie brachte ein gequältes Grinsen zustande. „Quatsch, daran liegt es nicht. Im Gegenteil, es ist das Einzige, was mir in der letzten Zeit noch Spaß macht.“ Ein Husten unterbrach sie. „Mach dir keine Gedanken. Ich hab mir bestimmt nur eine Erkältung eingefangen oder sonst einen Infekt.“ Sie entriss Matt das Tuch und wischte sich die Mundwinkel sauber. „Ist auch kein Wunder nach den letzten Wochen. Ich habe die Rückkehr meiner früheren Leben noch immer nicht richtig verkraftet. Dann die Geschehnisse in Tschernobyl. Und der Schrei, mit dem ich diesen lebenden Stein zerbröselt habe, hat mich auch unheimlich viel Kraft gekostet.“

Matt nickte. „Okay. Ich glaube, wir machen erst mal eine Weile Rast. Vielleicht kann ich uns etwas fürs Abendessen schießen. Falls du überhaupt Hunger hast.“ Mit einem Blick auf das Erbrochene fügte er hinzu: „Oder ich.“

Xij verzog das Gesicht. „Mein Appetit hält sich in Grenzen. Aber ich muss ja was essen. Vorschlag: Du gehst auf die Jagd, während ich die Sauerei wegputze.“

Es war eine warme Nacht. Das Lagerfeuer am Fuß der Düne prasselte und die Wisaau am Spieß verströmte einen verlockenden Duft. Es war eine erfolgreiche Jagd gewesen, auch wenn Matt sich fragte, wer all das Fleisch essen sollte.

Xij hatte zwar anstandshalber ein Stück abgeschnitten, allerdings zeigte die mangelnde Begeisterung, mit der sie darauf herumkaute, dass sie keine große Hilfe beim Verzehr sein würde. Da PROTO über eine Bordküche verfügte, bestand glücklicherweise die Möglichkeit, die Reste für ein paar Tage im Kühlschrank zu lagern.

Mit einem Ast stocherte Matt im Feuer herum. Funken stoben wie Tausende von Sternen in die Höhe. Bei diesem Gedanken legte er den Kopf in den Nacken und beobachtete den Nachthimmel. Geblendet von den Flammen sah er sekundenlang nichts, doch nach und nach zeichneten sich Lichtpunkte in der Schwärze ab und vereinten sich zu Sternbildern.

Als es ihn vor elf Jahren über fünfhundert Jahre in die Zukunft verschlagen hatte, musste er sich erst an den Anblick des Sternenhimmels gewöhnen, denn die Konstellationen standen nicht mehr an der gleichen Stelle wie früher. Diese Sichtweise war natürlich blanker Unsinn. Nicht etwa der Große Wagen hatte umgeparkt, sondern die Erdachse hatte sich beim Einschlag von „Christopher-Floyd“ verschoben.

Matt widmete sich erneut der Aufgabe, in die Flammen zu starren und seinen Gedanken nachzuhängen. Unfassbar, was er seitdem alles erlebt und erfahren hatte. Dinge, die er zu seiner Zeit als Pilot der US Air Force für unmöglich gehalten hätte. Der Sprung in die Zukunft, Konfrontationen mit Mutationen jeder denkbaren und undenkbaren Art, der Kampf gegen die außerirdischen Daa’muren, die Reisen zum Mond und zum Mars, die Bekanntschaft mit den Hydriten …

[Image Guul]

Er hatte lernen müssen, dass selbst zu seiner Zeit die Welt nicht die war, die sie zu sein schien. Der Komet, der die Erde getroffen hatte, war in Wirklichkeit eine lebende Raumarche gewesen, und der Uluru in Australien alles andere als nur eine Touristenattraktion, sondern eine weitere außerirdische Entität. Er hatte erfahren, dass seit Urzeiten ein intelligentes Unterwasservolk existierte, dessen Wurzeln auf dem Mars lagen, und die geheime Gesellschaft der Heiligen Stadt Agartha kennengelernt.

Er hatte zwei Kinder gezeugt. Und er hatte beide verloren.

Verdammt! Nun war er also doch wieder bei diesem Thema angelangt.

Ein zischelndes Fauchen riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Instinktiv sah er zu Xij, doch die starrte regungslos in die Flammen. Offenbar hatte sie nichts gehört. Hinter ihr schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit. Gute zwei Meter groß, drahtiges Fell, spitze Schnauze mit Raubtiergebiss.

Eine Taratze!

Vorsicht!“ Matt sprang auf und griff zum Driller. „Hinter dir!“

Xij reagierte nur träge. Im Flackern des Lagerfeuers sahen ihre Augenringe beängstigend aus. „Was?“

Matthew wagte nicht zu schießen. Zu leicht hätte er seine Begleiterin treffen können. Stattdessen sprang er zu ihr hinüber. Das rettete ihm das Leben. Die Klaue mit den scharfen Krallen, die hinter ihm herabsauste, verfehlte ihn um Haaresbreite. Er fühlte einen Luftzug im Nacken, fuhr herum und drückte ab.

Der Drillerschuss schleuderte die mutierte Riesenratte zurück in die Dunkelheit, wo sie liegen blieb.

Ausgerechnet Taratzen! Er hasste diese Viecher, waren sie doch das Erste gewesen, was er von dieser schönen neuen Welt vor elf Jahren zu sehen bekommen hatte. Seitdem hatten sie wenig unternommen, um den schlechten Eindruck von damals zu revidieren. Offenbar hatte der Duft der gebratenen Wisaau sie angelockt und glauben lassen, sie seien zum Barbecue eingeladen.

Matt warf sich herum. Zu seiner Erleichterung hatte sich Xij rechtzeitig ihren Kampfstab geschnappt und auf doppelte Länge ausgefahren. Nun hielt sie damit das Vieh auf Distanz, schlug und stach nach ihm. Sofort fiel dem Mann aus der Vergangenheit auf, dass sie nicht die geschmeidige Eleganz an den Tag legte, die er von ihr kannte. Stattdessen wirkten ihre Angriffe unbeholfen, tapsig, unkoordiniert. Fast so, als sei sie betrunken.

Oder krank.

Sie riss den Stab hoch und brachte es dabei fertig, sich ein Ende unters eigene Kinn zu dreschen. Ein dumpfes Ächzen entrang sich ihrer Kehle, dann taumelte sie nach hinten und stolperte rückwärts über das Lagerfeuer. Der Spieß mit der Wisaau löste sich aus den Astgabeln links und rechts der Flammen und kullerte in die Nacht.

Die Taratze sprang Xij hinterher. Doch da war Matt schon heran. Jetzt, wo sich Xij nicht mehr in der Schusslinie befand, feuerte er noch im Laufen. Die mutierte Ratte gab ein Fiepen von sich und stürzte in einer Wolke aus Blut zu Boden.

Der Driller – eine Waffe des Weltrats – war kein filigranes Werkzeug. Seine Explosivgeschosse, so groß nur wie Kugelschreiberspitzen, rissen meist tödliche Wunden.

Matt packte Xij am Kragen und zog sie von den Flammen weg.

Da ertönte ein weiteres Fauchen. Die beiden ungebetenen Gäste waren nicht alleine gekommen! Der Mann aus der Vergangenheit sah sich um, konnte aber keine der Kreaturen entdecken. Das Lagerfeuer brannte zu hell, sodass alles außerhalb des Lichtkreises in undurchdringlicher Dunkelheit verschwand. Sie konnten es genauso gut mit drei wie mit dreißig Gegnern zu tun haben.

„Kannst du aufstehen?“

Xijs einzige Antwort bestand in einem Stöhnen. Mit erkennbarer Mühe rappelte sie sich auf. Matt stützte sie. Er spürte, wie ihre Knie zitterten.

„In den Panzer, schnell!“

Unbeholfen tapste sie neben ihm her. Einmal entglitt der Kampfstab ihren Fingern. Sie bückte sich danach und sank auf die Knie. Matt musste ihr aufhelfen, bevor sie weitergehen konnten. So brauchten sie für die Strecke von höchstens zwanzig Metern fast eine Minute.

Währenddessen verlegten sich die Taratzen aufs Fauchen. Offenbar hatte das Schicksal ihrer Artgenossen sie vorsichtig werden lassen. Oder sie begnügten sich mit dem erbeuteten Braten.

Das Schott am Heck des Radpanzers stand offen, so mussten sie nicht warten, bis es herunterfuhr. Matt brachte Xij ins Innere, hieb auf einen Schalter neben dem Eingang und die Tür schwenkte nach oben.

Er geleitete die junge Frau zu einer Pritsche in der Mittelsektion, bettete sie darauf und durchsuchte anschließend sicherheitshalber mit gezogener Waffe den Rest des Panzers. Sie waren allein.

Neben Xij ließ er sich auf das Bettgestell nieder, ergriff ihre Hand. Sie war eiskalt. Ihre schweißnasse Stirn hingegen schien zu glühen.

„Wie geht es dir?“, fragte er.

Sie entzog ihm die Hand und drehte sich von ihm weg. „Lass mich. Will schlafen“, murmelte sie und war nur Sekunden später weggetreten.

Ambuur, Juni 2519 – einige Monate vor der Explosion

Xanthippe Begger saß in der Dunkelheit auf dem kalten Fliesenboden des Badezimmers und weinte stumm in sich hinein. Sie umklammerte ihre Knie, zog die Beine fest an ihren Oberkörper, als könne sie sich auf diese Art selbst Nähe und Trost schenken. Die langen blonden Haare hingen ihr ins Gesicht und in den Mund. Sie nahm es nicht wahr. Sie spürte auch nicht den Steinbottich in ihrem Rücken, bemerkte nicht den leicht seifigen Geruch des Wassers darin, fühlte nicht das Holzscheit der kalten Feuerstelle darunter, das sich ihr in den Steiß bohrte.

Sie empfand überhaupt nichts mehr außer dem Schmerz und der Trauer um ihren Vater.

Vor zwei Wochen, nur einen Tag nach ihrem zwölften Geburtstag, hatte einer der Barbaren ihn wegen eines Schinkens, einer Flasche Fuusel und eines breitkrempigen Huts getötet. Die verlausten, ungewaschenen Gestalten der Oststadt waren ihr seit jeher nicht geheuer gewesen, nun jedoch verabscheute sie sie von ganzem Herzen.

Ambuur zerfiel in zwei Teile. Die Oststadt im Landesinneren war besiedelt von zahn- und größtenteils hirnlosen Barbaren, während die hafennahe Weststadt zivilisierten Menschen wie ihnen gehörte. Drei Bereiche, wenn man den unterirdischen Komplex der Technos, wie sie sich selbst nannten, mit dazuzählte. Doch die blieben stets unter sich. Wenn man sie mal sah, dann in merkwürdigen Schutzanzügen.

Viele der Oststädter sahen sogar Götter in ihnen, was natürlich Blödsinn war. Sie waren nichts weiter als die Überlebenden „Christopher-Floyds“ – oder besser: deren Nachfahren –, die seitdem wegen ihrer Immunschwäche nicht mehr ungeschützt an die Oberfläche gehen konnten.

Woher wusste sie davon? Für einen Augenblick vergaß Xanthippe zu weinen, als ihr klar wurde, dass es schon wieder geschehen war. Sie vermochte es sich selbst nicht zu erklären, aber von Kindesbeinen an überkamen sie ab und zu derartige Wissensschübe.

„Was für ein kluges Kind“, sagte ihr Vater dann stets.

„Was für eine unerträgliche Klugscheißerei“, meinte hingegen dessen Bruder Friedjoff.

Xanthippe glaubte, es war weder das eine noch das andere. Sie fand es einfach nur gruselig. Aber wenn sie sich hätte entscheiden müssen, hätte sie natürlich Papa zugestimmt.

Ein kleines Lächeln huschte über ihr tränennasses Gesicht. Sie hätte ihm völlig unabhängig von seiner Meinung recht gegeben, schon alleine deshalb, weil er ihr Vater war und sie ihn heiß und innig liebte. Ihren Oheim Friedjoff hingegen hielt sie für einen überheblichen Arsch.

Es gab nur eine Sache, die sie Papa übelnahm. Nämlich, dass er ihre Mutter, die eigentlich Soontje hieß, stets mit dem Kosenamen „Xanthippe“ belegt hatte – ohne ihr zu sagen, dass er damit ihr zänkisches Wesen aufs Korn nahm. Der Name gefiel der Unwissenden indes so gut, dass sie ihre Tochter darauf taufte. Tja, Pech gehabt.

Xanthippes Lächeln erlosch, als ihre Gedanken in die Gegenwart zurückkehrten.

Fiite Begger war Kauffahrer gewesen – und ein erfolgreicher, wohlhabender obendrein. Xanthippe wusste nicht, wie viele Schiffe er besaß, aber es waren einige. Auch mit den Barbaren aus der Oststadt machte er so manches Geschäft.

Erwachsene verfügten über die seltsame Neigung, Kinder zu ignorieren. Sie sprachen offen über Dinge, von denen sie glaubten, dass die Kleinen sie ohnehin nicht verstanden – wenn sie überhaupt zuhörten. Xanthippe hatte immer zugehört. So wusste sie auch, dass Papa die Barbaren am liebsten aus Ambuur vertrieben hätte. Selbst wenn ihm dadurch einige Geschäfte durch die Lappen gegangen wären. Sein Bruder Friedjoff jedoch war strikt dagegen.

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