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Maddrax - Folge 298

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Beim Ursprung
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts Abstecher zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Ein mysteriöses Steinwesen („Mutter“) raubt die Lebensenergie von Menschen und lässt sie versteinern, so auch die Marsianer auf dem Mond und Matts Staffelkameradin Jenny. Dabei verschwindet ihre gemeinsame Tochter Ann. Matt und Aruula gelingt es, den Stein mit Tachyonen zu überladen. Das Leben kehrt in die Versteinerten zurück. Mutters Ziel ist es, zu ihrem Ursprung zurückzukehren, doch sie wird von den Hydriten unschädlich gemacht.

Am Südpol verbindet sich ein bionetisches Wesen mit General Arthur Crow, Matts Gegenspieler. Crow erlangt die Kontrolle und erobert Washington.

Die junge Xij schließt sich Matt und Aruula an. Sie finden Ann und bringen sie zu Jenny. Hier erfährt Matt von einem Raumschiff, das über Osteuropa abgestürzt ist – die Marsianer? In der Nähe von Stralsund stoßen sie auf die Absturzstelle und stellen fest, dass die Entsteinerten eine große Halle erbaut haben und sich gegen jede Einmischung von außen verbissen wehren.

Da tauchen Rulfan und der Exekutor Alastar in einem Luftschiff auf und berichten von weiteren Versteinerten im Himalaja. In Wahrheit will Alastar nur die sagenhafte Schätze Agarthas an sich reißen. In der heiligen Stadt stößt Xij auf eine Gedankensphäre und erfährt, dass sie seit Jahrmillionen immer wieder neu geboren wurde – und dass ihre früheren Leben hier gespeichert sind! Als der enttarnte Alastar eine Kreatur namens ZERSTÖRER freilässt, die die Sphäre vernichtet, gehen diese Erinnerungen auf Xij über. Alastar stirbt und Matt „entsorgt“ den ZERSTÖRER in einer Lavaspalte, bevor sie zurückfliegen.

Währenddessen vertriebt die Rebellengruppe der Running Men Crow aus Waashton, der seine ganze Wut auf Matt Drax projiziert. Da trifft er auf die Ex-Versteinerten und holt für sie Mutter aus der Hydritenstadt. Im Gegenzug verspricht Jenny ihm Ann als Druckmittel gegen Matt! Mit einer Fregatte reisen sie nach Ostdeutschland. Auf der Überfahrt nimmt Crow Kontakt zu Mutter auf – und erkennt, dass die ganze Menschheit in Gefahr ist, wenn das Steinwesen zu seinem Ursprung gelangt.

Beim Ursprung

von Jo Zybell

ZERSTÖRER war sein Name, nichts und niemandem auszuweichen sein Prinzip, den direkten Weg zu nehmen seine Methode und seine Opfer zu vernichten sein Wesen. Unaufhaltsam, über ausgetretene Pfade, Mauern und Wagentrassen, durch Flüsse, Geröllfelder und Sümpfe. Dabei musste er den Feind nicht sehen oder wittern. Einmal auf ihn geprägt, spürte er ihn mit seinen besonderen Sinnen und folgte ihm wie eine Maschine.

War er deshalb ein Roboter? Nein. Aber auch kein Tier. Er war vor allem eine Waffe, von echsenartigen Humanoiden in grauer Vorzeit entwickelt und gezüchtet, um das Reich der Atlasser zu erobern. Nur er hatte die Zeiten überdauert, war einzig noch übrig vom Heer der ZERSTÖRER.

Und sein Ziel war ein Mensch namens Maddrax …

Einmal verwechselte ihn ein Rudel pelziger und mit Reißzähnen ausgestatteter Raubtiere mit fressbarer Beute – er erschlug und zerriss sie. Ein andermal fiel ein Schwarm geflügelter Wesen mit Menschengesichtern über ihn her. Die wenigen, die ihm entkommen konnten, verteilten sich in alle Winde.

Dazu war er gemacht. Zerstören – das war seine Bestimmung.

Die Spur, der er nach Westen folgte, bestand aus der Gedankenstruktur jener Entität, die sich ihm in Agartha entgegengestellt und ihm als Einzige Schaden zugefügt hatte. In diesem Augenblick der Gegenwehr war er auf den Menschen mit Namen Maddrax geprägt worden.

Doch Namen bedeuteten ihm nichts. Mentale Strukturen bedeuteten ihm alles. Maddrax’ Struktur flog ihm voraus, in einem Luftgefährt – und das war auch der einzige Grund dafür, dass der ZERSTÖRER sein Opfer noch nicht hatte einholen können, denn die Fähigkeit zu fliegen war ihm nicht gegeben.

Seine mentale Struktur spürte er dennoch. Als wäre sie in den Molekülen der Luft gespeichert, die der Mensch durchquert hatte. Also jagte er ihm weiter nach. Tagelang, wochenlang. Er wusste, dass sein Opfer ihm letztlich nicht entkommen konnte.

Eine Ansammlung von Gebäuden rückte näher. Wie der Ort und die in Kutten gehüllten Zweibeiner mit der runzligen Haut und den eingefallenen Wangen hießen, die seinen Weg kreuzten, war ihm gleichgültig. Wichtig war nur dies: Das zur Zerstörung bestimmte Subjekt hatte diesen Weg genommen.

Also rannte der Zerstörer mitten hinein in die Gebäudeansammlung namens Tschernobyl.

Beim Ursprung, April 2527

Ann Drax ging an den Hütten vorbei, streifte durch die Gassen und erreichte den Platz in der Mitte der kleinen Siedlung, wo man sich abends bei gutem Wetter traf, seit es etwas milder geworden war. Am Rande des Dorfplatzes, rund um das neu aufgeschlagene Zelt, hatten sich Dutzende Männer und Frauen versammelt und hielten Mittagspause. Einige Kinder liefen herum und spielten seltsam antriebslos Fangen.

Ann gesellte sich nicht dazu. Sie hatte gelernt, sich nicht mit ihnen einzulassen, denn das endete meistens in einer Rauferei mit blauen Flecken und Schürfwunden. Die meisten davon trugen die anderen Kids davon, denn mit ihren zehn Jahren wusste sich Ann inzwischen gut zu wehren. Kein Wunder, wenn man bedachte, was sie in dieser Zeit alles durchgemacht hatte.

Stattdessen beobachtete sie nun, wie ein mächtiger Bohrer mit einem Ochsenkarren zur Halle gefahren wurde. Marsianer in Exoskeletten dirigierten den Karrenlenker, während einige Retrologen mit Ketten an den Füßen das monströse Gerät sicherten. Die Kinder stürmten auf den Transport zu und umringten ihn, wurden aber von den Erwachsenen verscheucht.

Ann sah es kommen, noch bevor es geschah, aber sie konnte sich nicht mehr rechtzeitig verziehen: Die anderen Kinder sahen sich nach einer neuen Beschäftigung um – und entdeckten natürlich sie. Im Nu war Ann von ihnen umringt. Zwei wilde Knaben stießen sie zu Boden. „Werfen wir sie ins Meer!“, forderte einer. „Sie gehört nicht zu uns!“

„Traut euch das nur!“, schrie Ann zurück. „Aber dann könnt ihr was erleben, wenn mein Vater zurückkommt!“

„Pah!“, winkte der Junge ab. „Den fürchten wir nicht. Der gehört auch nicht zu uns!“ Er versuchte nach Ann zu greifen.

Die wippte im Liegen nach hinten, zog die Beine an und rammte sie ihm, als er sich weiter nach vorn bückte, vor die Brust. Der Raufbold hob regelrecht ab und landete einen Meter weiter unsanft auf dem Steißbein. Jammernd wälzte er sich am Boden.

Da stand Ann längst auf den Beinen und nahm eine drohende Haltung an. Sie war selbst erstaunt, dass die Meute respektvoll zurückwich. „Ich sag’s euch allen!“, zischte sie, mutiger geworden. „Lasst mich in Ruhe, oder mein Dad wird euch die Ärsche versohlen, ihr …“

Sie hatte das Wort noch nicht ausgesprochen, als jemand sie von hinten packte, herumwirbelte und sich unter den behaarten Arm klemmte. Schlagartig wurde ihr klar, wovor die anderen tatsächlich Respekt gezeigt hatten: vor Pieroo nämlich, der sie jetzt anfuhr: „Machste wieder Ärger, Ann? Wird Zeit, dass Jenny zurückkomm’ tut. Auf mich hörste ja nich, verzogenes Balg!“

Damit dreht er sich um und stapfte in Richtung ihrer Hütte. Dabei hielt er Ann – wohl eher zufällig – so unter seinem Arm, dass sie einen letzten langen Blick auf die anderen Kinder hatte. Am liebsten hätte sie vor Wut und Scham laut gebrüllt, als sie in die grinsenden, Grimassen schneidenden Gesichter blickte.

Ich hau ab!, dachte sie voller Inbrunst. Ich muss Dad finden, sonst drehe ich noch genauso durch wie die anderen Verrückten hier!

Tschernobyl

Wilde Wakudas: ein Stier, sechs Kühe, zwei Kälber. Eine kleine Herde nur, aber genug Blut auf Tage hinaus. Jetzt, da die Prypten die Stadt verlassen hatten, blieb den Nosfera keine andere Wahl. Sie mussten Tierblut trinken, um zu überleben. Aber das war auf Dauer genauso wenig eine Lösung wie der weitere Verbleib hier an diesem verfluchten Ort. Die Prypten waren bereits fort, und die Nosfera würden ihnen folgen müssen, um nicht zugrunde zu gehen.

Nicht allein am Blutmangel, sondern vor allem an dem unsichtbaren, unschmeckbaren Tod, der hier alles kontaminierte. Das Blut der Prypten war ein Elixier gewesen, das sie geschützt und gestärkt hatte.1) 

Zu beiden Seiten der Trasse pirschten sich die Nosfera an die Herde heran. Die langpelzigen Tiere trotteten weidend über die Haupttrasse zwischen den Ruinen. Das Gras stand dort kniehoch.

Onda hielt sich an der Seite ihres Anführers Tiisiv. Das Wasser lief ihr im welken Mund zusammen, wenn sie an das warme Wakudablut dachte.

Ein junger Nosfera schlich heran und warf sich neben Tiisiv auf den Bauch. „Da kommt etwas die Schneise entlang.“ Onda betrachtete ihn – sein graues, zerknautschtes Gesicht wirkte seltsam ängstlich. „Hat’s eilig. Sehr eilig.“

„Etwas?“, zischte Tiisiv. „Geht’s auch genauer?“

„Ein Viech. Sieht aus wie ein Flusskrebs. Ein Schädel wie ein Hammer. Gefährlich, wenn du mich fragst.“

„Der Blutdurst vernebelt dir die Sinne, was?“ Der Anführer holte aus und schlug dem jungen Späher die flache Hand in den Nacken. „Seit wann laufen Flusskrebse durch das Gras?“

„Es ist kein wirklicher Flusskrebs“, flüsterte der andere. „Sieht nur so aus, hab ich gesagt. Nur halt viel größer. Und es hat’s sehr eilig.“ Er deutete nach Osten. „Nicht mehr lange, dann ist es hier und verscheucht uns die Wakudas.“

„Wie groß genau?“, hakte Tiisiv nach.

„Nun ja …“ Der Späher zuckte mit den Schultern. „So groß wie Onda und ich zusammen.“

Tiisivs Augen wurden schmal. „Fast zwei Speerlängen?“

„Ja.“ Der Jüngere nickte. „Zwei Speerlängen kommt hin.“

Onda spähte durch eine Lücke im Gemäuer auf die Grastrasse. Der Stier hatte den schweren Schädel gehoben. Wiederkäuend äugte er nach Osten. Wenn der junge Späher recht hatte, konnten sie das frische Blut bald vergessen.

Tiisiv boxte dem Späher gegen die Brust. „Lass dir doch nicht jedes Blutgerinnsel aus der Nase ziehen! Beschreib das Biest genauer!“

„Riesengroß, wie gesagt, einen Hinterleib wie eine Lischette, stachelige Frekkeuscherbeine, vier Arme, Brustplatten aus Horn und ein langgezogener Schädel wie ein krummer Hammer.“ Er schabte sich den schütteren Scheitel. „Vielleicht weniger ein Flusskrebs als vielmehr eine Mischung aus Echse und Insekt.“

Der Anführer stieß einen Fluch aus. „So was, was du da beschreibst, gibt’s gar nicht!“

„Aber ich schwör’s.“

„Der Stier hat aufgehört zu weiden“, berichtete Onda. „Er späht nach Osten, als würde er dort etwas hören oder wittern. Wenn da ein Raubtier kommt, wird es die Herde vertreiben.“

„Also gut.“ Der Anführer deutete hinter sich. „Lenkt das Biest ab. Wenn’s geht, schlagt es tot. Je mehr Blut, desto besser.“

Onda und der Späher zogen sich zurück und huschten durch eine Seitengasse nach Osten. Zwei Speerträger und zwei Keulenschwinger schlossen sich ihnen an. Zweihundert Schritte vor der Wakudaherde beschrieb die Trasse eine Kurve; dort kletterten sie auf das bewachsene Dach einer Ruine. Von hier aus konnten sie die Herde sehen.

Onda spähte nach Osten. Eine Staubwolke wölkte dort auf. „Das ist das Viech“, flüsterte der Späher. „Onda wurde es angst und bange. Sie sah nach Westen.

Tiisiv und die anderen griffen in diesem Moment die Herde an. Zwei Kühe gingen zu Boden, zwei Kälber zappelten blökend im Netz. Der Stier ging auf einen Nosfera los und fing sich eine Lanze ein. Onda war zufrieden.

Bis sie wieder nach Osten spähte. Die Staubwolke schwebte schon über dem Anfang der Kurve. Und jetzt schälten sich die Umrisse eines Tieres aus dem Staub – sofern man das riesige, sechsbeinige, insektenartige Echsenwesen als Tier bezeichnen konnte. Es sah unglaublich fremd aus. Ondas Herz setzte für einen Schlag aus und der Mund wurde ihr noch trockener, als er sowieso schon war.

Das Biest sah genauso aus, wie der Späher es beschrieben hatte, und es war auch so groß, wie er behauptet hatte! Es tobte über die Trasse und durchs Gras. Kaum fünfzig Schritte trennten es noch von ihrem Ausguck auf der Ruine.

„Wir müssen es auf uns aufmerksam machen!“, sagte Onda heiser. „Schreit und rudert mit den Armen!“ Es kostete sie alle Überwindung, zu der sie fähig war, diesen Befehl auszusprechen. Die Notwendigkeit, das Blut der Wakudas zu ernten, gab ihr die Kraft, ihre Angst zu überwinden. „Wenn es die Treppe hochkriechen will, schlagen wir ihm den Hammerschädel ein! Sobald es ihn durch die Luke steckt!“ Sie deutete zum Treppenausstieg, der aufs Dach führte.

Zu fünft schrien sie nun und sprangen zwischen den Büschen auf dem Dach umher.

Doch die Insektenechse nahm keine Notiz von ihnen, verlangsamte nicht einmal ihre Schritte. Eine Staubwolke legte sich aufs Dach, als das Biest vorüberpreschte.

Onda stand still und äugte ihm hinterher. Die Wolke bewegte sich auf die Wakudaherde und die etwa zwanzig Nosfera zu, die sich gerade bemühten, den Stier mit Lanzen und Knüppeln zu töten. Bald bedeckte der Staub Tiere und Gefährten. Onda und ihre Begleiter hörten Todesschreie. Sie vergaßen zu atmen.

Erst als die Staubwolke in den westlichen Ruinen und den Wäldern dahinter verschwand, wagten sie sich vom Dach und pirschten sich an den Weideplatz heran, wo Tiisiv und die anderen die Wakudas angegriffen hatten.

Keiner lebte mehr dort. Kein Nosfera, kein Stier, keine Kuh, kein Kalb. Die Teile menschlicher und tierischer Körper lagen über eine große Fläche umgepflügten und blutgetränkten Bodens zerstreut.

Beim Ursprung, Anfang Mai 2527

Ann hatte bis kurz vor dem Morgengrauen gewartet. Zu dieser Zeit schliefen alle im Dorf, und auch die wenigen Wachen waren längst nicht mehr so wachsam angesichts des nahenden Schichtendes.

Sie trug einen langen Mantel aus Wakudaleder, darunter wollene Sachen, Stiefel und einen Schal. Trotzdem fror sie, doch die Kälte kam von innen. Die Angst, schutzlos in die feindliche Welt hinaus zu fliehen, kämpfte mit jener, im Dorf bei diesen Verrückten zu bleiben.

Sie hatte wochenlang gezögert und mit sich gerungen. Nun, da der Schnee fast gänzlich weggetaut war, wagte sie es, packte einen Rucksack mit Proviant und ihren wenigen Habseligkeiten und verließ das Dorf. Wenn sie die erste Hügelkette überwunden hatte, war sie erst einmal außer Sicht. Bis dahin durfte sie nicht ausruhen.

Noch eine halbe Stunde bis Sonnenaufgang.

Ann Drax lief schnell, und dabei zitierte sie alle Flüche, die sie kannte, um sich selbst Mut zu machen. Ann kannte genug Flüche, hatte alle möglichen Arten zu fluchen gelernt: von den Hirten in Corkaich, von Fletscher, von Pieroo. Hin und wieder blickte sie zurück. Niemand hatte ihr Verschwinden bemerkt, keiner folgte ihr.

Weiter, immer weiter.

Die Dämmerung schritt voran, die Sonne ging auf. Sie erreichte die Hügelkuppe, ließ den Hang hinter sich.

Einerseits hatte Ann nur eine vage Vorstellung von einem Ziel – weiter als bis zum Strand war sie nie gekommen, seit man sie aus dem schrecklichen Erdloch befreit hatte. Andererseits wusste sie genau, wohin sie wollte; oder besser: zu wem sie wollte.

Zu ihrem Vater.

Ann blieb keuchend stehen, drehte sich um und sah noch einmal zurück. Hinter den Bergen war die Sonne aufgegangen und glühte im Morgendunst wie eine reife Orange. Sie tauchte den Ort des Schreckens in ein wunderbares warmes Licht. Unter ihr lag das Dorf, das von dem Dach der riesigen Halle beherrscht wurde. Der Raureif auf dem Metall spiegelte das Licht gleißend hell wider, wie blankes Eis.

Eis. Ann dachte an ihre Mutter. Ein Herz aus Eis hatte sie … hatten alle Dörfler aus Corkaich, so wie die anderen Menschen, die hier sich zusammengefunden hatten. Seitdem der Fluch der Versteinerung von ihnen abgefallen war, waren sie nicht mehr die alten. Als wären ihre Seelen noch immer versteinert. Ann, die damals vor den Schatten hatte fliehen können, wurde von ihnen als Fremdkörper betrachtet. Sie gehörte nicht dazu.

Wieder dachte Ann an ihren Vater Matthew Drax. Sein Herz war weich geblieben und seine Augen waren voller Zärtlichkeit. Bei ihm würde sie sich geborgen fühlen …

Etwas raschelte im Baum links neben ihr. Fast blieb ihr das Herz stehen, sie fuhr herum. Der Wald lag noch in tiefen Schatten. Glühte da nicht etwas in der Borke eines stämmigen Baumes?

Ann wagte nicht zu atmen, lauschte und spähte reglos. Und plötzlich … wären die glühenden Punkte verschwunden. Waren es nur Glühwürmchen gewesen? Oder der Widerschein der Sonne, der Lichtreflexe auf den Stamm geworfen hatte? Ann blieb noch eine Minute stehen, dann entspannte sie sich und atmete durch.

Weiter!

Eine kühle Morgenbrise fuhr durch das Laub der Bäume und Büsche. Ein Vogel schrie in der Ferne. Letzte Schneereste dehnten sich zwischen Gras und Gestrüpp aus, so weiß wie der Sand der Dünen ein paar Kilometer weiter nördlich.

Ann rückte den kleinen Rucksack zurecht, in dem sie etwas Wäsche, ein Fell für die Nacht und etwas zu essen eingepackt hatte. Um Wasser zu gewinnen, würde sie in einem Becher Schnee schmelzen.

Und natürlich hatte sie ihr Tagebuch dabei, das sie seit Monden führte, und ein paar Stifte. Sie wusste auch schon, was sie bei der ersten Rast hineinschreiben würde. Die ersten Sätze hatte sie längst im Kopf:

Heute Nacht bin ich aus dem Dorf der Verrückten abgehauen. Dort gibt es nichts, was mich hält, vor allem nicht, seit Mom mit dem Schiff davongefahren ist, um diesen Stein – Mutter! – zu holen. Ob sie mich überhaupt suchen wird, wenn sie zurückkommt? Ich glaube nicht. Ich bin ihr egal …

Tränen schossen ihr in die Augen, und sie blieb stehen, um sie abzuwischen. Dabei blickte sie erneut hinter sich. Und erstarrte.

Die Lichtpunkte schienen ihr zu folgen – jetzt verharrten sie zwischen den Wedeln eines Farnfeldes! Es kribbelte in Anns Nacken, die Härchen dort stellten sich auf.

Das konnten keine Reflexe mehr sein – und Glühwürmchen flogen doch nicht ständig im gleichen Abstand zueinander! „Das … das sind Augen!“, flüsterte sie.

Im nächsten Moment teilten sich die Farne und ein bepelzter Schädel wurde sichtbar. Eine stumpfe Schnauze. Fangzähne.

Ein Katzerich!

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