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Maddrax - Folge 285

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Am Nabel der Welt
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa‘muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Ein Siliziumwesen, einst in Ostdeutschland aus der Erde geholt und in den Zeitstrahl geraten, kollidierte dort mit der Blaupause einer Karavelle und fiel aus dem Strahl. Seitdem absorbiert es Lebensenergie und versteinert Menschen. Als Zuträger dient ihm die schattenhafte Besatzung des Schiffes, die als erstes eine Techno-Enklave auf der Insel Guernsey überfällt. Die marsianische Besatzung der Mondstation erleidet dasselbe Schicksal. Und auch Matts Staffelkameradin Jenny Jensen in Irland wird zu Stein; während ihre gemeinsame Tochter spurlos verschwindet.

Am Südpol verbindet sich in einer uralten Waffenanlage ein bionetisches Wesen mit General Arthur Crow, Matts Gegenspieler. Die genetische Chimäre macht sich auf den Weg zu den Hydriten, wird von ihnen aber abgewiesen. Crow übernimmt den gemeinsamen Körper und erobert Washington.

Zurück vom Mars, wo Matt die Regierung gegen den Streiter einschwor und ein Ur-Hydree namens Quesra‘nol durch den Strahl zur Erde floh, gelingt es ihm und Aruula, das Steinwesen von der Karavelle zu trennen. Im gleichen Moment kehrt das Leben in die Versteinerten zurück. Der Stein gelangt zu einer Kolonie nahe der Hydritenstadt Hykton und zu Quesra‘nol. Sein Ziel ist es, zu seinem Ursprung zurückzukehren.

In Schottland treffen Matt und Aruula auf die junge Xij, die sich ihnen anschließt. Mit einem Amphibienpanzer suchen sie Ann, die auf Irrwegen zu Rulfans Burg gefunden hat. Auch die versteinerte Jenny in Irland lebt wieder und nimmt Ann freudig auf. Alles scheint in Ordnung zu sein, und so wenden sich Matt, Aruula und Xij einem neuen Ziel zu. Denn Jenny berichtet von einem abstürzenden Raumschiff, das ist Osteuropa niedergegangen sein muss. Kaum sind die Freunde weg, bauen die Dörfler fanatisch an einem Boot – so wie offenbar alle Entsteinerten. Sie alle wollen nach Osten – auch die Ex-Queen Victoria Windsor, die in London zu den Freunden stößt.

Am Nabel der Welt

von Manfred Weinland

Vergangenheit

Die Nacht brüllte wie ein sterbender Gott.

Enno fiel vor Schreck aus dem Hochbett, das er sich aus Angst vor Ratzen unter der Hüttendecke eingerichtet hatte. Ratzen waren sein Albtraum, seit ihn mit vier Jahren ein kapitales Exemplar dieser Gattung angefressen hatte. Das war im strengen Winter 2514 gewesen; inzwischen war er körperlich zum Mann gereift und wusste sich zu wehren. Damals jedoch … Die Narbe in der Hüfte, wo die tückischen Zähne gewütet hatten, bevor sein Vater der Kreatur den Kopf abgeschlagen hatte, erinnerte Enno noch heute an dieses traumatische Erlebnis. Wenn das Wetter umschlug, schmerzte die Narbe, als würden immer noch nadelspitze Zähne darin stecken.

Die grässliche Wunde hatte sich damals entzündet, und niemand aus der Familie oder dem Dorf hatte auch nur noch einen Pfifferling auf sein Leben gegeben. Tagelang hatte er mit hohem Fieber dagelegen, sterbend, wie die allgemeine Überzeugung lautete. Doch von einem Tag auf den anderen war es wieder aufwärtsgegangen. Ein fahrender Händler hatte Ennos Mutter ein Pulver verkauft, über dessen Herkunft und Zusammensetzung er sich ausschwieg. Aber die Mutter hatte es als letzte Chance betrachtet.

Ob die überraschend einsetzende Wundheilung tatsächlich dem Pulver zu verdanken war, wusste Enno bis heute nicht. Doch seither bewahrte er den Rest der Arznei über seinem Herzen auf. Seine Mutter hatte sie ihm in eine kirschgroße Holzperle gefüllt und an einer Lederschnur zusammen mit dem durchbohrten Ratzenzahn aufgefädelt, den der Vater ihm zum Andenken an die grausige Nacht geschenkt hatte.

Aber das war vor zwölf Wintern gewesen – und nicht einmal das monströse Biest von einst wäre in der Lage gewesen, einen solchen Laut auszustoßen, wie er jetzt durch die Nacht klang.

Enno stürzte gut zwei Meter tief und hätte sich auf dem harten Boden aus gestampftem Lehm vielleicht ein paar Rippen gebrochen … wenn die Landung nicht von seinem zehn Minuten älteren Zwillingsbruder abgefedert worden wäre.

Jelle fühlte sich nur ebenerdig wirklich wohl; sie beide waren, obwohl am selben Tag geboren, so unterschiedlich wie Feuer und Wasser. Jelle war auch einen guten Kopf größer als Enno, was ihre Eltern auf jenen schaurigen Vorfall vor zwölf Jahren schoben, bei dem Enno möglicherweise mehr hatte hinnehmen müssen als eine heute noch sichtbare Narbe. Der Wanderheiler, den seine Tour damals wie heute alle paar Monde durch das Dorf führte, hatte gemeint, dass wahrscheinlich eine Niere von dem Biest angefressen worden und danach verkrüppelt sei. Enno wurde auch immer viel schneller müde als seine Altersgenossen, wenn sie auf die Jagd gingen oder bei der Feldarbeit halfen.

Einmal hatte Enno den Heiler auf das Pulver angesprochen, das er in der Perle um seinen Hals trug. Der mittlerweile schon betagte Doc hatte etwas von Hexenwerk und Teufelszeug gemurmelt und Enno einfach stehen gelassen. Seither hütete Enno die Perle nur noch wachsamer.

Jelle heulte unter ihm auf. Ennos Absturz hatte ihn fast k.o. geschlagen. „Idiot!“, quetschte er zwischen anderen Flüchen hervor. „Ich schlag dich windelweich!“

Enno stöhnte, befreite sich von Jelles herumfuchtelnden Händen und kam einen Schritt neben seinem erbosten Bruder zum Stehen. Inzwischen hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Es war Vollmond, und in dem fahlen Schein, der durch die Fenster drang, sah er, wie sein ungleicher Zwilling seine Knochen sortierte.

„War ja keine Absicht. Hab mich halt erschreckt. Lass uns rausgehen und nachsehen, was da los ist!“

Enno mochte seinen Bruder, und er wusste, dass der ihn auch mochte – nur zeigen konnte er es nicht immer. Aber wenn einer aus dem Dorf Enno schlecht behandelte, war Jelle immer zur Stelle. Er verteidigte Enno sogar gegen Kerle, die doppelt so schwer waren wie er selbst. So manche Schramme oder Narbe, die ihn zierte, hatte sich Jelle wegen Enno eingehandelt.

Umgekehrt wäre aber auch Enno für seinen Zwilling durchs Feuer gegangen.

Sie liefen ins Freie. Das halbe Dorf war auf den Beinen – vielleicht sogar das ganze. Alle standen da und bogen die Köpfe weit in den Nacken, um steil nach oben in den Nachthimmel zu blicken.

Das Firmament brannte. Unheimliche Lichter flackerten durch die Atmosphäre, ließen den Mond und die Sterne verblassen. Dazu rumpelte und rumorte und knisterte es in der Luft, als wölbe sich über dem Dorf eine gigantische gläserne Kuppel, die Stück für Stück zerplatzte.

Enno hob instinktiv den Arm über den Kopf, als erwarte er einen Scherbenregen. „Was … ist das?“, stammelte er.

Jelle stand hinter ihm und hatte die Hände auf die Schultern seines Bruders gelegt. „Kristofluu!“, keuchte er. Er hob den rechten Arm und zeigte nach Osten, wo sich ein Gebilde aus all den Irrlichtern herausschälte; es raste mit irrwitziger Geschwindigkeit quer über den Himmel.

Enno kannte die Legenden ebenso gut wie sein Bruder und wusste deshalb, was Jelle in dem Phänomen zu sehen glaubte, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte: den Hammer der Götter, der die alte Zeit beendet und die neue mit einem furchtbaren Schlag eingeläutet hatte.1

Um ihn herum klangen mehr und mehr Schreie auf. Von Mund zu Mund ging, was Jelle geäußert hatte. Ein Dörfler fing das Schreckenswort auf und gab es an den nächsten weiter.

„Kristofluu … Kristofluu …“

Angst schnürte Enno die Kehle zu. Außerstande, noch irgendein Wort von sich zu geben, sah er zu, wie das glühende Objekt weiter die Luft auf seinem Weg entlang des Himmelszelts in Brand setzte. Dabei verlor es immer mehr an Höhe, bis es schließlich …

Der Boden erbebte. Eine grelle Lohe schoss dort in die Höhe, wo der vermeintliche Kristofluu eingeschlagen war.

In den Überlieferungen war das der Anfang vom Ende gewesen – der Beginn unvorstellbarer Zerstörungen, die das Gesicht der Erde umgestaltet hatten.

Hier aber … geschah weiter nichts.

Die Panik wich aus den Gesichtern der Männer, Frauen und Kinder.

Die Ersten wandten sich bereits gen Westen, wo eine von waberndem Schein umspielte Rauchsäule in die wieder still gewordene Nacht aufstieg.

Ennos Beine setzten sich wie von selbst in Bewegung, und auch sein Bruder konnte oder wollte sich der Anziehungskraft des Vorfalls nicht entziehen.

Kurz zuvor

Sterben mochte generell kein leichtes Unterfangen sein. Aber auf diese Weise zu enden – mit einem Raumschiff auf der Oberfläche einer fremden Welt namens Erde zu zerschellen –, erschien Calora Stanton wie die Krönung der Interpretation von „Pech gehabt“.

„Diese Wahnsinnigen!“ Die Marsianerin packte ihre ganze Hilflosigkeit in diesen Schrei. Unmittelbar neben ihr stand Damon Marshall Tsuyoshi und wirkte gelähmt angesichts der Erkenntnis des unmittelbar bevorstehenden Todes.

Kommandant Claudius Gonzales saß in seinem Kommandosessel an Bord der CARTER IV. Er hatte bislang kein Wort zu seinen Gefangenen, zu Damon und Calora, gesprochen. Wahrscheinlich würde er es auch nicht mehr tun. Sein volles Augenmerk galt den Zurufen der Zentralebesatzung und den Instrumenten, über deren Kontrollen seine Finger routiniert und unaufgeregt glitten.

Unaufgeregt – das war das Verrückteste an alledem.

Sie stürzten ab und Gonzales blieb kalt wie eine Hundeschnauze. Er benahm sich, als wäre alles nur eine makabre Simulation – und für ein paar Augenblicke zog Calora genau das in Betracht: dass die CARTER IV gar nicht wirklich in die Atmosphäre des Planeten eingetaucht war und fast ungebremst auf dessen Oberfläche zuhielt.

Aber da waren die spürbaren Begleiterscheinungen eines realen Absturzes: Die Schiffszelle vibrierte, überall knisterte und bebte es. Die Innentemperatur war angestiegen, die Klimaanlage bekam die Reibungshitze, die in die Mannschaftsbereiche durchschlug, nicht mehr in den Griff. Inzwischen war es so heiß, dass es ihnen den Schweiß aus den Poren trieb. Die für Marsgeborene typisch marmorierte Gesichtshaut war bei jedem, in dessen Gesicht Calora blickte, bedenklich gerötet. Schweiß glänzte oder perlte von Stirn und Wangen. Ihr selbst war regelrecht schlecht, weil ihr Kreislauf Mühe hatte, weiter zu funktionieren.

Und es wurde kontinuierlich schlimmer.

„Kommandant Gonzales!“

Sie erschrak über das Krächzen, das sie ihren Stimmbändern entlockte. Trotzdem stürmte sie vor, ignorierte die Sicherheitsleute, die ungeachtet der Allgemeinsituation sofort reagierten und auf sie zuhielten.

„Calora – nicht …“ Damon versuchte sie zurückzuhalten. Aber sie war schon bei Gonzales, quetschte sich in die Lücke zwischen ihm und dem Sensorium, über das er die CARTER IV in weiten Teilen kontrollierte.

„Komman–“

„Schafft sie weg!“, schnarrte Gonzales, der nicht wiederzuerkennen war. Er hatte sich um 180 Grad gewandelt. Götzenhaft thronte er inmitten der Bordzentrale, und götzenhaft schmetterte er jeden Versuch ab, ihm in die Quere zu kommen.

Calora spürte, wie sie am Arm gepackt und von der Konsole weggezogen wurde. Rechts und links postierten sich zwei für marsianische Verhältnisse fast schon bullige Angehörige des Sicherheitsteams und hielten Calora fest. Einem ersten Impuls folgend wollte sie nach ihnen treten, aber da fing sie Damons warnenden und zugleich flehenden Blick auf, und augenblicklich stellte sie ihren Widerstand ein. „Schon gut, ihr Idioten. Lasst mich los. Ich bin ja schon brav. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie brav …“

Die beiden Männer blieben so unbeeindruckt wie Gonzales. Und schon spürte Calora wieder eine heillose Wut in sich aufsteigen. Dieselbe Wut, die sie über Tage schließlich schleichend in diese Lage gebracht hatte. Sie und Damon, der außer ihr der einzige noch verbliebene „Normale“ an Bord zu sein schien. Alle anderen Marsianer, die ursprünglich die Station auf dem Erdtrabanten betrieben hatten oder mit der CARTER IV zu ihrer Ablösung gekommen waren, wiesen Wesensveränderungen auf, die nun in der bewusst herbeigeführten Katastrophe ihren Höhepunkt gefunden hatten.

Die CARTER IV stürzte ja nicht versehentlich auf die Erde hinab. Das hier war ein gezielter terroristischer Akt – eine andere Erklärung gab es für Calora nicht mehr, auch wenn ihr die Hintergründe und Motive schleierhaft waren. Sie und Damon schienen die Einzigen zu sein, die keinen Selbstmord begehen wollten. Alle anderen um sie herum hatten offenbar kein Problem damit, fernab ihrer Heimat, dem Mars, durch ihr eigenes Bestreben jämmerlich zu krepieren.

Es war mehr als grotesk. Calora kannte jeden Einzelnen dieser Männer und Frauen. Bis vor kurzem hatten sie noch keinerlei Anzeichen gezeigt, des Lebens überdrüssig geworden zu sein. Doch nun …

„Wartet!“, hörte sie Damon rufen. „Lasst sie in Ruhe – ich kümmere mich um sie. Ich sorge dafür, dass sie keine Dummheiten macht. Kommandant …?“

Gonzales’ Blick brannte sich sekundenlang in den von Damon Marshall Tsuyoshi – dann gab er seinen Männern mit einer brüsken Geste zu verstehen, dass sie Calora loslassen sollten.

Calora hatten den stummen Befehl ebenfalls verstanden – samt dem Zusatz, der bedeutete: Bei der kleinsten Dummheit sperrt ihr sie weg! Keine Diskussion mehr!

Sie eilte über schwankenden Boden zu Damon, der sie in die Arme nahm. „Beruhige dich“, raunte er ihr zu.

Beruhigen? War das seine Art von Humor? Sie stürzten ab!

„Sie haben den Verstand verloren!“, keuchte sie.

„Stimmt“, sagte er. „Aber sich mit ihnen anzulegen, bringt gar nichts. Es sind zu viele. Du und ich – wir beide sind eine völlig irrelevante Minderheit. Kapier es endlich: Offenbar sind alle mit dem, was Gonzales tut, einverstanden!“

Calora ließ die gespenstische Atmosphäre der Bordzentrale auf sich wirken. Bevor ihr Blick zu Damon zurückkehrte, streifte sie den Hauptmonitor, auf dem die Erde riesengroß geworden war und ihn komplett ausfüllte. Der Blick zur Oberfläche war jedoch getrübt. Die Effekte, die das viel zu schnell in die Atmosphäre fallende Raumschiff erzeugte, erweckten den Anschein, als würde die CARTER IV auf einem Polster aus sonnenheißem Plasma reiten.

Die Höhenangabe auf dem Monitor ließ Calora das Herz in die Hose rutschen: noch rund fünfzig Kilometer – und jede Sekunde brachte sie um hundert Meter nach unten.

Zu schnell. Viel zu schnell. Das können die Triebwerke nicht mehr abfangen. Wir werden so hart aufschlagen, dass niemand es überleben kann. Niemand …

Plötzlich stemmte sich Gonzales aus seinem Sitz. „Es ist so weit“, wandte er sich an seine Gefolgschaft. Zu der wir nicht gehören, dachte Calora. „Wir gehen zügig und geordnet in die Kapsel. Keine Verzögerungen!“

Gonzales zeigte auf den Ausgang.

Calora und Damon hatten begriffen, was die Crew im Begriff stand zu tun. Und jetzt war es Damon, der Calora am Arm packte und regelrecht mit sich zu Gonzales zerrte, der offenbar die Zentrale als Letzter verlassen wollte.

Der Kapitän verlässt das sinkende Schiff erst, wenn er alle anderen in Sicherheit weiß … Calora hätte am liebsten gekotzt. Sie wusste, dass die von Gonzales demonstrierte Fürsorge sie und Damon nicht mit einschloss.

Sie wusste nur nicht, warum sie in diesen Status gerutscht waren. Es musste mit der Versteinerung zu tun, von der sie beide als Einzige an Bord nicht betroffen gewesen waren.

„Kommandant!“ Damon stellte sich vor den Mann, den sie einmal geschätzt hatten.

„Was willst du?“

Wir …“, er zeigte auf sich und Calora, „wollen mit in die Kapsel – was sonst?“

Calora nickte energisch, wobei sie bemüht war, sich nicht von Verzweiflung und Angst übermannen zu lassen.

Gonzales schob sie grob beiseite und schloss sich seiner Crew an, von der die Letzten gerade aus der Zentrale eilten. Offenbar hatte er den Gegenschub auf Autopilot geschaltet.

Und ebenso offenbar war, dass auch er nicht damit rechnete, dass die CARTER IV annähernd glimpflich aufsetzte. Jetzt ging es nur noch darum, im Moment des Aufschlags maximalen Schutz für die Besatzung geschaffen zu haben, und das hieß nun einmal, sich in der Rettungskapsel zu befinden, wenn es so weit war. Ihnen blieben höchstens noch sechs, sieben Minuten …

„Scheiße, die wollen uns hier tatsächlich verrecken lassen!“ Damon stand da wie angewurzelt. Die Erkenntnis, wie wertlos er und Calora in den Augen der restlichen Crew geworden waren, schien ihn vollkommen aus der Bahn zu werfen.

Calora nahm kurzentschlossen das Ruder in die Hand. „Hinterher!“, fauchte sie Damon an. „Wenn sie uns umbringen wollen, dann sollen sie es mit ihren eigenen Händen tun und es nicht feige dem Schiff überlassen!“

Sie versetzte Damon einen Stoß, der ihn Richtung Ausgang taumeln ließ. Gleichzeitig schien er davon wieder halbwegs zur Besinnung gebracht zu werden. Er errötete, offenbar reflektierte er sein Verhalten.

„Schon gut. Du brauchst nichts zu sagen“, schob Calora sofort einen Riegel vor etwaige Rechtfertigungsversuche. „Ich sag’s noch mal: Wir müssen ihnen hinterher! Das ist unsere einzige Chance!“

Damon warf einen letzten Blick auf den Hauptschirm, der keine verwertbaren Außenbilder mehr zeigte, nur noch das Glosen und Wirbeln plasmaheißer Luft, die die Außenhülle der CARTER IV bei ihrem Absturz durch schiere Reibung erzeugte und in der ein Mensch innerhalb eines Sekundenbruchteils selbst zu Gas verpufft wäre.

Augenblicke später tauchten sie in den Verbindungsgang, von dem aus es in die verschiedenen Sektionen des Raumschiffs ging – Maschinenraum, Mannschaftsquartiere, Messe … Rettungskapsel!

Der Korridor war leer.

„Wir sind die Letzten“, sprach Calora ihren entmutigenden Gedanken laut aus. „Los, Beeilung!“

Auf dem ganzen vierzig Meter langen Gang, der mehrfach nach rechts und links abzweigte und neue Wege öffnete, die Calora und Damon ignorierten, begegnete ihnen tatsächlich keine Menschenseele mehr. Die Crew musste gerannt sein, als säße ihr der Teufel im Genick.

Scheiße, so ist es ja auch. Der Teufel namens Tod …!

Calora und Damon wechselten jetzt kein Wort mehr. Sie wussten, was zu tun war, wohin es ging. Und sie wussten, was die Erschütterungen zu bedeuten hatten, die jetzt in immer kürzeren Abständen durch den Schiffskörper liefen. Vielleicht brachen bereits die ersten Verstrebungen, lösten sich die ersten Teile von der CARTER IV …

Nach rechts … geradeaus … dann links …

Calora konnte sich nicht erinnern, jemals so schnell gerannt zu sein, ohne müde zu werden. Sie hatte überhaupt keine Zeit, um auf etwaige Proteste ihres Körpers zu achten. Es war, als liefe sie neben sich her. Sie hatte nur noch Wahrnehmungskapazität für ihre Umgebung. Gab es schon Anzeichen eines Lecks, durch das die Atemluft entwich? War irgendwo offenes Feuer ausgebrochen und kroch der Rauch wie ein Gespenst durch die Gänge und Schächte zu ihnen?

Eine letzte Biegung … und der Zipfel eines anderen Marsianers, der gerade um die Ecke verschwand.

Der Anblick gab Calora einen Motivationsschub. Vielleicht war doch nicht alles verloren.

Sie schaffte es, Damon einen ermutigenden Blick zuzuwerfen, und ihr wurde bewusst, dass er eigentlich viel schneller hätte sein können – aber er schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, neben ihr zu bleiben, es entweder mit ihr zusammen zu schaffen, oder –

Ein in dieser Stärke nie verspürtes Gefühl überflutete Calora.

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