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Maddrax - Folge 284

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Augen der Ewigkeit
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Cartoon
  8. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Ein Siliziumwesen, einst in Ostdeutschland aus der Erde geholt und in den Zeitstrahl geraten, kollidierte dort mit der Blaupause einer Karavelle und fiel aus dem Strahl. Seitdem absorbiert es Lebensenergie und versteinert Menschen. Als Zuträger dient ihm die schattenhafte Besatzung des Schiffes, die als erstes eine Techno-Enklave auf der Insel Guernsey überfällt. Die marsianische Besatzung der Mondstation erleidet dasselbe Schicksal. Und auch Matts Staffelkameradin Jenny Jensen in Irland wird zu Stein; während ihre gemeinsame Tochter spurlos verschwindet.

Am Südpol verbindet sich in einer uralten Waffenanlage ein bionetisches Wesen mit General Arthur Crow, Matts Gegenspieler. Die genetische Chimäre macht sich auf den Weg zu den Hydriten, wird von ihnen aber abgewiesen. Crow übernimmt den gemeinsamen Körper und erobert Washington.

Zurück vom Mars, wo Matt die Regierung gegen den Streiter einschwor und ein Ur-Hydree namens Quesra’nol durch den Strahl zur Erde floh, gelingt es ihm und Aruula, das Steinwesen von der Karavelle zu trennen. Im gleichen Moment kehrt das Leben in die Versteinerten zurück. Der Stein gelangt zu einer Kolonie nahe der Hydritenstadt Hykton und zu Quesra’nol. Sein Ziel ist es, zu seinem Ursprung zurückzukehren.

In Schottland treffen Matt und Aruula auf die junge Xij, die sich ihnen anschließt. Mit einem Amphibienpanzer suchen sie Ann, die auf Irrwegen zu Rulfans Burg gefunden hat. Auch die versteinerte Jenny in Irland lebt wieder und nimmt Ann freudig auf. Alles scheint in Ordnung zu sein, und so wenden sich Matt, Aruula und Xij einem neuen Ziel zu. Denn Jenny berichtet von einem abstürzenden Raumschiff, das ist Osteuropa niedergegangen sein muss. Kaum sind die Freunde weg, bauen die Dörfler fanatisch an einem Boot.

Rulfan fliegt derweil in einem Ein-Mann-Zeppelin nach Guernsey, um nach der Techno-Enklave zu sehen. Erst empfängt man ihn freundlich, doch dann erkennt er, dass die Technos über Leichen gehen, um ein Schiff zu entern und in See zu stechen. Dabei lässt sein Vater sogar auf ihn schießen!

Augen der Ewigkeit

von Oliver Fröhlich

Roos öffnete die Augen, doch es blieb finster um sie. Für eine gnädige Sekunde wusste sie nicht, wo sie sich befand oder was geschehen war. Dann jedoch kehrte die Erinnerung zurück. An ihren Ausflug zum Heiligen Portal. An das Monstrum, dem sie ausweichen mussten. An die Warnungen ihrer Mutter und des Rev’rend, nicht mit Onrii zu gehen. Aber sie hatte ja nicht hören wollen! Und nun war sie eine Gefangene.

Da! Ein Geräusch! Sie versuchte die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. Und plötzlich erkannte sie etwas. Zwei Augen, weiß schimmernd, in der Finsternis geradezu leuchtend. Sie glotzten sie an. Und kamen auf sie zu. Roos schrie, wie sie noch nie zuvor in ihrem Leben geschrien hatte.

Dann packte eine Klaue sie am Bein und zerrte sie davon.

Einige Stunden zuvor

Matt Drax fühlte sich in eine Zeit versetzt, als er zwölf Jahre alt war. Und das war alles andere als eine gute Erinnerung.

Damals, im Jahr 1992, war er mit einigen Schulkameraden in Riverside mit den Rädern zum Festplatz vor die Stadt gefahren, um den Achterbahnen, Karussells und Auto-Scootern beim Wachsen zuzuschauen. Zwei Tage später sollte der Rummel starten. Da gehörte es zur täglichen Freizeitgestaltung der Jugendlichen unter fünfzehn, die Aufbauarbeiten zu verfolgen. Manchmal sprang sogar eine Probefahrt dabei heraus.

So wie diesmal. Zu fünft standen sie vor dem Monstrum, das in diesem Jahr zum ersten Mal nach Riverside gekommen war.

Der Belly-Twister!

Ein Karussell, das seinen Gästen versprach, sie herumzuwirbeln und zu schütteln, wie sie es noch nie erlebt hatten.

„Na, Junge? Lust auf die Fahrt deines Lebens?“ Der bullige Typ im karierten Hemd war wie aus dem Nichts vor Matt aufgetaucht und grinste ihn an.

Matt konnte den Neid in den Blicken seiner Kameraden sehen, dass der Arbeiter ausgerechnet ihn fragte. Eine Ehre, auf die er gerne verzichtet hätte, denn der Belly-Twister sah alles andere als vertrauenerweckend aus. Am liebsten hätte er abgelehnt, aber diese Blöße wollte er sich vor seinen Freunden nicht geben.

„Klar, warum nicht?“, sagte er deshalb im Brustton der Überzeugung.

Also setzte er sich in eine der Gondeln, ließ sich festschnallen und los gingen die fürchterlichsten und längsten sechzig Sekunden seiner bisherigen zwölf Lebensjahre. Das Karussell vollführte Bewegungen, auf die ein menschlicher Körper einfach nicht ausgelegt sein konnte. Rauf, runter, hin und her. Immer wieder unerwartete Richtungs- und Tempowechsel. Und ständig rauf, runter, vor, zurück, hin und her.

Er war sich vorgekommen wie ein Stück Wäsche in einer durchgedrehten Trockenschleuder. Und heute fühlte er sich ganz genauso.

„Unter Wasser würde es nicht so schaukeln.“ Die Stimme zu seiner Linken holte ihn in die Gegenwart des Jahres 2526 zurück.

Auf dem Copilotensitz des Amphibienpanzers, mit dem sie seit einigen Wochen unterwegs waren, hockte Xij Hamlet. Der androgynen jungen Frau hatten sie es zu verdanken, dass sie nach dem Abschuss ihrer Flugandronen die Reise nicht zu Fuß fortsetzen mussten. Denn dank ihr hatten sie die Gewölbe der CHAPEL HILL LABORATORIES ausfindig gemacht und dieses Relikt aus der fernen Vergangenheit des 21. Jahrhunderts an sich bringen können.1)

Der Prototyp XP-1. Oder PROTO, wie Aruula ihn kurzerhand getauft hatte.

Im Augenblick hätte Matt den Namen Belly-Twister für angemessener gehalten. Denn die stürmische See des Ärmelkanals, den sie gerade überquerten, bot ihnen die Fahrt ihres Lebens. Rauf, runter, hin und her. Immer wieder. Als ehemaliger Pilot der US Air Force war er zwar einiges gewohnt, aber dieses Geschüttel wurde selbst ihm zu viel.

Xij schien davon jedoch nur wenig beeindruckt. In lässiger Haltung lümmelte sie auf dem Sitz zu seiner Linken. Die halbhohen Stiefel aus weichem Leder hatte sie ausgezogen und nun rutschten die Schuhe ständig im Cockpit umher.

„Es ist nicht mehr weit bis Caalaj“, verkaufte Matt der jungen Frau eine Hoffnung als Tatsache. „Den Rest der Strecke halten wir jetzt auch noch durch.“

Xij hob die Arme und grinste. „Von mir aus. Ich hab keine Probleme damit.“

Nein, die hatte sie nicht. Dafür aber Aruula, die hinten in einer Koje lag und vermutlich tausend Seekrankheitstode starb.

Bei ihr befand sich Victoria, die ehemalige Königin von Britana. Ihretwegen nahmen sie das Geschaukel auf sich. Zunächst hatten sie nämlich versucht, den Ärmelkanal auf dem Meeresgrund zu durchfahren. Doch bereits nach wenigen Minuten hatte Victoria so etwas wie eine Angstattacke erlitten.

„Wir müssen sofort wieder auftauchen!“ Sie hatte gekeucht und sich an den Hals gegriffen. „Ich bekomme … keine Luft. Ich fühle mich … wie lebendig begraben!“

Wenn sie auch nicht so gemeint waren, weckten die Worte in Matt tiefe Schuldgefühle. Denn Victoria war vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich lebendig begraben gewesen. Und Matt und Aruula trugen die Schuld daran! Sie hatten der versteinerten Ex-Queen mit der Beerdigung die letzte Ehre erweisen wollen. Hätten sie geahnt, dass sich die Opfer der Schatten nach deren Vernichtung in Fleisch und Blut zurückverwandelten, hätten sie von der Beisetzung natürlich abgesehen.

Gott sei Dank hatten sie das Grab nicht allzu tief ausgehoben, sodass Victoria sich nach dem Erwachen befreien konnte. Dennoch jagte es Matt jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken, wenn er versuchte, sich in die ersten bewussten Sekunden der entsteinerten Queen hineinzuversetzen. Er glaubte dann, das Gewicht der Erde und Steine auf seinem Körper und den Dreck zwischen den Zähnen zu spüren.

Er schüttelte sich bei dem Gedanken.

Auch wenn Victoria Windsor ihnen keine Vorwürfe machte, fühlte er sich schuldig. Er konnte nachvollziehen, dass diese Erfahrung sie psychisch angeknackst hatte. Also war es für ihn selbstverständlich gewesen, wieder aufzutauchen und die Überfahrt im Bootsmodus zu unternehmen.

„Du hast recht!“ Xij zeigte auf den Frontmonitor, auf dem außer grauem, aufgepeitschten Wasser nicht viel zu erkennen war. „Ich glaube, da vorne ist Land.“

Matt schaute genauer hin. Tatsächlich! Immer wenn eine Welle PROTO in die Höhe hob, konnte er am Horizont die Küste entdecken.

Zwanzig Minuten später rollten sie endlich an Land.

„Und jetzt?“, fragte Xij.

„Weiter Richtung Osteuree. Dorthin, wo das brennende Götterhaus auf die Erde gestürzt ist.“

Von Jenny Jensen hatten sie von einem Gebilde erfahren, das vor Wochen in Flammen gehüllt über den Himmel gezogen und im Osten niedergegangen sein sollte. Jenny, die wie Matt aus der Vergangenheit stammte, hatte geschworen, dass es sich dabei um ein Raumschiff gehandelt hatte. Matt vermutete, dass der Vorfall mit den Marsianern der Mondstation zusammenhing, zu denen seit Februar dieses Jahres der Kontakt abgerissen war. Deshalb waren sie nun auf dem Weg zur Absturzstelle – um zu ergründen, was passiert war, und eventuelle Überlebende zu suchen.

Obwohl es erst Nachmittag war, herrschte wegen der dicken Wolkendecke draußen ein gespenstisches Zwielicht. Der Regen prasselte auf PROTO ein und man verstand drinnen kaum noch sein eigenes Wort. Zu allem Überfluss war die Gegend extrem waldreich, sodass Matt nicht annähernd das aus dem Panzer holen konnte, was in ihm steckte.

Matt gähnte so heftig, dass er seine Kiefergelenke knacken hörte.

„Soll ich fahren?“, bot sich Xij an. „Dann kannst du dich etwas hinlegen.“

Der Mann aus der Vergangenheit grinste. „Du machst dich zwar gut als Fahrschülerin – aber bei dieser Witterung und diesen Sichtverhältnissen lieber nicht.“ Anfangs hatte er sie bestenfalls den Motor starten lassen, aber da sie sich als lernbegierig erwiesen hatte, durfte sie inzwischen auch ab und zu ans Steuer. „Solange du nicht den Führerschein der Klasse XXL bestanden hast, bleibt dein Fahrlehrer schön an deiner Seite!“

„Bräuchte ich da nicht eher die Klasse F?“

Matt zuckte zusammen. Da war es wieder, dieses Wissen aus der Zeit vor dem Kometen, über das Xij offenbar verfügte. Aus seinen Jahren in Berlin wusste er, dass es sich bei F um die deutsche militärische Führerscheinklasse für Kettenfahrzeuge handelte. Doch woher wusste Xij davon? Sie zu fragen hatte keinen Sinn, da die junge Frau so gut wie nichts über ihre Vergangenheit verriet.

„Also gut, dann übernimm mal“, lenkte Matt ein. „Aber ich lass dich nicht aus den Augen!“

Wieder grinste Xij und streckte ihm die violette Zunge entgegen.

Eine gute Stunde später hörte der Regen von einer Sekunde auf die andere auf. Im ersten Moment kam die plötzliche Ruhe im Panzer Matt unnatürlich vor.

Kurz darauf betrat Aruula das Cockpit. Offenbar hatte sie sich von den Leiden der Überfahrt erholt, auch wenn sie noch immer ein bisschen blass um die Nase wirkte.

„Alles klar da hinten bei euch?“, fragte Matt.

Aruula winkte nur ab und versuchte sich an einem Lächeln. „Natürlich. Ich war nur etwas müde. Wo sind wir gerade?“

Matt rief auf einem der Bildschirme eine Landkarte auf. Sie zeigte das Europa vor dem Einschlag von „Christopher-Floyd“, sodass er sich selbst erst orientieren musste. Unter anderem hatte sich die Erdachse verschoben. Also drehte Matt die Anzeige ein wenig im Uhrzeigersinn, bis es etwa den aktuellen Gegebenheiten entsprach. Dann versuchte er sich all die Küstengegenden wegzudenken, die sich das Meer zurückgeholt hatte. Er zoomte in die Karte hinein und zeigte auf einen Punkt in Belgien. „Ungefähr hier.“

Im gleichen Augenblick rann ihm ein Schauer über den Rücken. Sein Finger ruhte nur knapp links neben Brüssel. Oder Bryssels, wie man es heutzutage nannte.

Eine unangenehme Erinnerung kam in ihm hoch. In seinem ersten Jahr in dieser postapokalyptischen Welt war er mit Aruula in eine Siedlung am Fuße des Atomiums gekommen. Seine Gefährtin hatte sich kurz zuvor eine Blutvergiftung zugezogen und schwebte zwischen Leben und Tod. Da traf es sich gut, dass in dem Kugelgerüst die Nachfahren einer Gruppe von Ärzten lebten, die die Bryssler als Heiler verehrten. Doch schnell musste Matt feststellen, dass sie ihr medizinisches Wissen verloren hatten. Das hinderte sie jedoch nicht daran, den Kranken ihre Kunst angedeihen zu lassen – und diese dabei versehentlich mit der Pest infizierten.2)

Matt hatte die verseuchten Heiler und die Dorfgemeinschaft zwar vor dem Schlimmsten bewahren und die Pesterreger vernichten können, dennoch zog es ihn nicht mehr in diese Gegend zurück. „Ich habe gerade beschlossen, dass wir einen kleinen Umweg nehmen“, sagte er. „Wir halten uns südlich und biegen erst später in östliche Richtung ab.“

„Warum?“, wollte Xij wissen.

„Wir hatten vor einigen Jahren hier in der Gegend eine unangenehme Begegnung mit Pestviren. Die möchte ich nicht wiederholen.“

„Die Pest wird von Bakterien verursacht, nicht von Viren.“

„Von mir aus. Trotzdem kann mir Brüssel gestohlen bleiben. Ich übernehme das Steuer.“

Auf der weiteren Fahrt wanderten Matts Gedanken immer wieder zu Xij. Was war das Geheimnis der jungen Frau? War sie ebenfalls eine Zeitreisende, die der Strahl der Hydree in die Zukunft geschleudert hatte, so wie ihn vor über zehn Jahren? Aber das konnte ihr Wissen, das aus verschiedenen Epochen stammte, nicht erklären – es sei denn, sie hatte mit ihren neunzehn Jahren schon eine Unmenge an Literatur mit einem fotografischen Gedächtnis gespeichert, das sie in den verschiedensten Situationen abrufen konnte.

Darüber hinaus redete sie fast jede Nacht im Schlaf. Und nicht immer in Sprachen, die Matt auch verstand. Sie stieß Begriffe aus, die ihm vertraut waren, aber sehr häufig auch welche, mit denen er nichts anfangen konnte. Unter anderem dieses eine Wort: Agartha. Matt war sicher, es irgendwann schon einmal gehört zu haben. Aber so sehr er sich auch das Hirn zermarterte, er kam nicht darauf, was es bedeutete.

In seiner Verzweiflung hatte er auch Rulfan bei ihrer letzten Begegnung auf Canduly Castle danach gefragt, doch der Albino hatte nur den Kopf geschüttelt.

Ein wohliges Gefühl durchströmte Matt, als er an den Besuch bei Rulfan dachte, denn dabei hatte er endlich seine verschollene Tochter Ann gefunden. Wie erleichtert war er gewesen, ihr berichten zu können, dass ihre versteinerte Mutter und auch Pieroo wieder zu Leben erwacht waren.

Natürlich hatten sie die Kleine sofort nach Corkaich gebracht. Matt war glücklich, Ann in Jennys Obhut zu wissen. Dort war sie in Sicherheit und nicht den Gefahren ausgesetzt, die sein Leben bestimmten.

Anschließend waren sie noch einmal über Canduly Castle gefahren, um Rulfan von der gelungenen Familienzusammenführung zu berichten, doch sie trafen den weißhaarigen Barbaren nicht mehr an. Er war mit einem selbstgebauten Luftschiff unterwegs nach Guernsey, um dort nach der Techno-Enklave und seinem Vater zu sehen. Also hinterließen sie bei Myrial, Rulfans Lebensgefährtin, eine Nachricht, dass sie Richtung Osten fuhren, auf der Spur des abgestürzten Raumschiffs.

„Willst du nicht langsam mal ausweichen?“

Aruulas Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Auf dem Monitor entdeckte er einen gewaltigen Baum – auf den er geradewegs zuhielt.

Im letzten Moment gelang es ihm, die Steuerung herumzureißen und PROTO an dem Hindernis vorbei zu steuern. Als sich sein Herzschlag halbwegs beruhigt hatte, musste er sich eingestehen, dass er fürchterlich müde war. Er konnte kaum noch die Augen offenhalten. Außerdem würde ohnehin bald die Nacht hereinbrechen.

Er fuhr noch zehn Minuten, dann stoppte er den Amphibienpanzer. „Schluss für heute“, verkündete er.

Ein Blick auf den Monitor verriet ihm, dass sie auf einem zumindest teilweise baumfreien Hügel standen. Von hier aus hatten sie gute Sicht auf einen dichten Wald, zwischen dessen Wipfeln eine schwarze Kuppel in die Höhe ragte. Auf der Spitze thronte ein Wetterhahn.

Ein Burgturm? Vermutlich.

Matt kannte sich in Belgien nicht gut genug aus.

Vielleicht sollte ich Xij fragen. Sie weiß ja auch sonst alles!

Wenn er ehrlich war, interessierte es ihn aber kein bisschen. Nicht einmal wenn das Dach aus purem Gold und der Wetterhahn aus einem Grillhähnchen bestanden hätte.

Nichts konnte es im Augenblick mit den Lockungen seiner Koje aufnehmen.

Havré, Belgien, Januar 2011

Roger Milan stand am Panoramafenster seiner Villa und blickte auf das ziegelrote Château d’Havré einen guten Kilometer westlich seines Anwesens. Das Verbindungsgebäude zwischen den beiden Türmen war längst eine Ruine, dennoch bot das gesamte Gemäuer einen majestätischen Anblick. Erst vor kurzem hatte man den verrosteten Wetterpfeil auf dem Hauptturm durch einen kupfern schimmernden Wetterhahn ersetzt. Errichtet war die kleine Burg mitten in einem Teich, zugänglich nur über eine schmale Brücke, gerade mal breit genug für ein Auto – wobei man trotz der schweren Kettengeländer auf allzu hektische Lenkbewegungen verzichten sollte, wenn man seinen Wagen nicht unter Wasser parken wollte. Das Gemäuer spiegelte sich im Wasser, was dem Bild eine traumhafte, malerische Note verlieh.

Milan liebte diesen Anblick. Und er genoss ihn Tag für Tag.

Solange er es noch konnte.

Er hörte ein schüchternes Klopfen an der Tür. Mit Mühe riss er seinen Blick vom Château d’Havré los und drehte sich um. „Herein!“

Claire, das Hausmädchen, trat einen Schritt in den Salon. „Doktor Cormand wünscht Sie zu sehen.“

Milans Herz setzte ein oder zwei Schläge aus und raste danach umso schneller weiter. Eine Hitzewoge ließ seine Wangen glühen. Den ganzen Tag hatte er auf die Ankunft seines Arztes gewartet. Auf die Nachricht, ob Hoffnung für ihn bestand. Und nun, da es so weit war, hätte er Cormand am liebsten wieder weggeschickt.

Roger Milan gestand sich ein, dass er Angst hatte. Davor, was Xavier Cormand ihm zu sagen hatte. Davor, dass seine Hoffnung zerbarst.

Dennoch blieb er äußerlich gelassen. „Vielen Dank, Claire. Schicken Sie ihn herein. Und sagen Sie auch meiner Frau Bescheid.“

„Sehr wohl, Monsieur.“ Das Hausmädchen machte einen Knicks und verließ den Salon.

Kurz danach öffnete sich die doppelflügelige Tür erneut und ein Mann Ende dreißig betrat den Raum. Wie immer wirkte der Scheitel in dem dünnen Haar wie mit dem Lineal gezogen. Auf der schmalen Nase saß eine randlose Brille, die ihm genau das Maß an Gelehrtheit verlieh, über das er tatsächlich verfügte. Allerdings ließ sie ihn im Zusammenspiel mit seiner biederen Kleidung zwanzig Jahre älter aussehen, als er war.

Da wirke ich trotz meiner vierundfünfzig Jahre vermutlich noch jugendlicher.

Xavier“, sagte Milan mit einer Fröhlichkeit, die er nicht ansatzweise verspürte. „Schön, Sie zu sehen. Kann Claire Ihnen etwas zu trinken bringen?“

„Nein, danke sehr.“

Roger Milan zeigte auf ein Biedermeier-Sofa. „Nehmen Sie Platz. Ich hoffe, Sie haben gute Nachrichten im Gepäck.“

Entgegen der Aufforderung blieb Dr. Cormand stehen. „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen.“

Milan vereiste innerlich. Genau das hatte er befürchtet. „Sie … sie lehnen mich ab?“

Der Arzt nickte wortlos.

„Aber warum?“ In einer instinktiven Bewegung strich sich Milan über das Gesicht. Vor über fünf Jahren hatte Dr. Cormand eine erblich bedingte degenerative Augenkrankheit bei ihm diagnostiziert. Zunächst hatte er versucht, sich hinter wuchtigem medizinischen Fachgeschwafel zu verstecken. Er hatte von Retinitis pigmentosa, Netzhautdegeneration, Fotorezeptoren und anderen Dingen gefaselt, die Milan bereits eine Minute später nicht hätte wiederholen können. Doch als Milan ihn bat, es auf den Punkt zu bringen, tat Cormand das mit drei Worten: „Sie werden erblinden!“

Roger wusste nicht, wie lange ihm sein Augenlicht noch erhalten blieb, aber der Endpunkt seines Wegs stand fest: ein Leben in Dunkelheit.

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