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Maddrax - Folge 282

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Der Schein trügt
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Cartoon
  8. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Menschen versteinern durch ein von Harz ummanteltes Siliziumwesen. In Ostdeutschland aus der Erde geholt, geriet es einst in den Zeitstrahl und ernährte sich dort von Tachyonen, bis es mit der Blaupause einer Karavelle kollidierte und aus dem Strahl fiel. Seitdem absorbiert es Lebensenergie. Als Zuträger dient ihm die schattenhafte Besatzung des Schiffes. Auch Matts Staffelkameradin Jenny Jensen wird in Irland zu Stein, und ihre gemeinsame Tochter verschwindet spurlos. Die Suche nach ihr wird unterbrochen, als Matt die Chance erhält, die Mars-Regierung für den Kampf gegen den Streiter zu gewinnen.

Am Südpol entsteht eine neue Gefahr: In einer uralten Waffenanlage verbindet sich ein bionetisches Wesen mit General Arthur Crow, Matts Gegenspieler. Die genetische Chimäre macht sich auf den Weg zu den Hydriten, wird von ihnen aber abgewiesen. Crow übernimmt das Kommando und erobert Washington.

Zurück vom Mars – wo der Ur-Hydree Quesra’nol durch den Strahl zur Erde fliehen konnte – landen Matt und Aruula im Mittelmeer. Eine Kontaktaufnahme mit der Mondstation scheitert. Die beiden ahnen nicht, dass die Schatten ihrer Tachyonenspur folgen und fast alle Marsianer auf dem Mond versteinert haben. Es gelingt ihnen, das Steinwesen vom Schiff zu trennen. Im gleichen Moment kehrt das Leben in die Versteinerten zurück – doch sie verhalten sich merkwürdig. Der Stein gelangt zu einer Kolonie nahe der Hydritenstadt Hykton und zu Quesra’nol. Sein Ziel ist es, endlich zu seinem Ursprung zurückzukehren.

In Schottland treffen Matt und Aruula auf die junge Xij, die sich ihnen anschließt. Mit einem Amphibienpanzer suchen sie Ann, die auf Irrwegen zu Rulfans Burg gefunden hat. Auch die versteinerte Jenny in Irland lebt wieder und nimmt Ann freudig auf. Alles scheint hier in Ordnung zu sein, und so wenden sich Matt, Aruula und Xij einem neuen Ziel zu. Denn Jenny berichtet von einem abstürzenden Raumschiff, das ist Osteuropa niedergegangen sein muss …

Der Schein trügt

von Christian Schwarz

Vergangenheit, Anfang August 2526

Jolii zögerte einen Moment. Dann fuhr sie mit ihrer Handfläche fast zärtlich über das steinerne Gesicht, in dem das Grauen für die Ewigkeit eingemeißelt schien: die Stirn, die Nase, die Lippen und schließlich die weit aufgerissenen, toten Augen, die von der furchtbaren Angst erzählten, die die Frau in ihren letzten Momenten empfunden hatte. Warm fühlte sich der Stein an, als würde noch Leben in ihm stecken. Dabei war es doch nur die Sonne. Oder?

Die zwanzigjährige Barbarin verspürte wieder das schaurig-schöne Gefühl, dessentwegen sie immer wieder hierher ins Dorf der Versteinerten kam. Doch dieses Mal war etwas anders. Plötzlich erfüllte ein kaltes türkisfarbiges Flimmern die Luft um sie her. Und dann …

Jolii begriff im ersten Moment gar nicht, was um sie herum vorging. Wie ein Film liefen die Ereignisse der letzten Wochen, Monate und Jahre vor ihrem geistigen Auge ab; nicht unüblich bei Menschen, die einen plötzlichen Schock erleiden.

2522: Eine kleine Gruppe Schiffbrüchiger um einen Mann namens Leonard Gabriel strandet an den Gestaden von Guunsay1). Jolii ist fasziniert von den Neuankömmlingen, aber ihr Vater Joonah, der Häuptling des Stammes, verbietet ihr, Kontakt aufzunehmen. Er und der Schamane Braham verkünden, dass von den Fremden Unglück ausgeht.

Jolii, ein hübsches junges Mädchen mit blauen Augen und braunen Haaren, die sie in zahlreichen Zöpfchen bändigt, durchschaut den wahren Hintergrund schnell. Die Fremden, die sich „Technos“ nennen, sind weitaus größere Heiler als Braham und nehmen ihm langsam aber sicher die Kunden weg. Jolii, die über ihr Gesicht voller Hexenpunkte unglücklich ist, setzt sich über das Verbot ihres Vaters hinweg und sucht die heilkundigen Fremden auf. Eine Frau namens Eve erläutert ihr, dass es keineswegs Hexenpunkte wären, sondern Sommersprossen. Und die seien ein untrügliches Zeichen dafür, dass Jolii einmal Häuptling ihres Stammes wird. Das Mädchen ist entzückt.

2523: Die Fremden sind in Sainpeert, der Inselhauptstadt, längst schon gern gesehen, sie stehen sogar in Kontakt zum Inselherrscher Gundar dem Großen. Grund genug für Joonah und Braham, nun offene Feindseligkeiten gegen Leonard Gabriel und seine Leute zu zelebrieren, denn Joonah möchte selbst Inselherrscher werden, weswegen er Gundar als Todfeind betrachtet. Jolii ist unglücklich darüber, denn sie mag die Technos und besucht sie fast jeden Tag in deren Dorf.

Ungefähr zu dieser Zeit gerät Leonard Gabriel unter den Einfluss einer Nosfera-Gruppe, die über Guunsay zieht, um Leute zu beschützen. Im Gegenzug müssen ihnen die Beschützten regelmäßig Blutrationen abgeben, damit die Blutsauger überleben können. Leonard Gabriel verfällt ihrer Anführerin, einer atemberaubenden jungen Frau namens Breedy, die halb Nosfera und halb Mensch ist. Darüber zerstreiten sich die Fremden langsam aber sicher untereinander. Unter Breedys Einfluss und mit Unterstützung der anderen Nosfera beginnt Leonard Gabriel seine Leute zu terrorisieren. Jolii geht nun nicht mehr ins Dorf, schleicht aber fast jeden Tag darum herum und bekommt schlimme Dinge mit.2) Breedy übt irgendeinen verderblichen Einfluss auf Leonard Gabriel aus, denn dieser wird immer unberechenbarer und zeigt Anzeichen von Wahnsinn. Jolii ist entsetzt, aber auch fasziniert von den Geschehnissen.

2525: Asyro, der Seher der Nosfera und Breedys Vater, sieht in der Vision dämonischer Schatten eine furchtbare Gefahr nahen, die an Guunsays Ufern landen wird. Daraufhin fliehen die Nosfera, nur Breedy bleibt im Dorf zurück. Als Jolii am nächsten Morgen erneut dort auftaucht, sind alle Menschen plötzlich versteinert! Waren das die prophezeiten Schatten?

Weit über ein Dutzend Steinerne sind es, neben den Technos auch Menschen der Insel, die ihnen geholfen hatten, Hütten zu bauen und Arbeiten des täglichen Lebens zu verrichten. Einige der steinernen Statuen hat der Tod in einem körperlichen Ungleichgewicht ereilt. Sie liegen nun auf dem Boden, ein Mann sogar auf dem Rücken wie eine hilflose Tuurt3). Ein anderer ist die Klippe hinunter gestürzt und in vier Teile zerbrochen.

Leonard Gabriel ist dem steinernen Tod in seiner Hütte begegnet. Er steht da, den Oberkörper leicht gebeugt, den Arm ausgestreckt, mit schrecklich angstverzerrtem Gesicht.

Im alten Wachturm regt sich etwas. Eine Gestalt erscheint in der Tür. Jolii flieht und zittert noch Stunden später.

Joonah und Braham erzählen Tage später, dass die Gestalt im Turm Medusa heiße und für die Versteinerungen verantwortlich sei. Jolii weiß, dass das Unsinn ist. Denn in der Zwischenzeit ist ihr klar, dass es sich um Lady Victoria Windsor handelt, die irgendwie überlebt haben muss.

Die Menschen von Sainpeert meiden das Dorf der Versteinerten genauso wie die Barbarenstämme Guunsays. Nur Jolii legt ihre Angst allmählich ab, als nichts weiter passiert. Sie spürt eine morbide Faszination, wenn sie das totenstille Dorf betritt, in dem nicht einmal ein Hund heult. Alles, was sie hört, ist das Pfeifen des Windes, der besonders seltsam klingt, wenn er um die steinernen Statuen streicht und die Kleider, die nicht mit versteinert sind, flattern und knistern lässt.

Jolii hat in ihrem jungen Leben schon viele Tote gesehen. Vor allem ihr Onkel Jees, der beim Kampf mit einem Margoul den Kürzeren gezogen hat, lag mit geschlossenen Augen so friedlich auf seinem letzten Lager, als würde er nur schlafen und jeden Moment erwachen. Immer wieder hat sie ihn berühren müssen und dabei ein durchaus angenehmes Gruseln empfunden.

Auch jetzt verspürt Jolii den Drang, die Steinernen zu berühren. Kurz nur, denn mit ihren aufgerissenen Augen sind sie um vieles unheimlicher als der tote Onkel Jees, aber auch sie verschaffen ihr das Schaudern, das sie so mag. Immer wenn sie Leonard Gabriel berührt, kriecht ihr zusätzlich Furcht in die Glieder, denn er war ihr schon zu Lebzeiten als Despot unheimlich. Länger als einen Moment hält sie die Berührung nicht aus, dann muss sie flüchten und ihren rasenden Herzschlag beruhigen.

Irgendwann traut sich Jolii in den Turm. Sie will der armen Lady Victoria helfen, die sie am Tag zuvor auf der Suche nach Nahrung durchs Dorf hat irren sehen. Aber Victoria ist geistig verwirrt, erkennt Jolii nicht und will auf sie losgehen. Die junge Frau flüchtet, hat aber gesehen, dass Breedy ebenfalls von der dämonischen Kraft erwischt wurde und versteinert im Eingangsbereich des Turmes steht, von der verwirrten Victoria mit Blumen geschmückt.

Zwei weitere Fremde landen auf der Insel: Maddrax und Aruula. Joonah nimmt sie gefangen und zwingt sie, sowohl die Medusa zu töten als auch Gundar das Zepter der Macht zu stehlen, mit dem der Häuptling selbst die Macht übernehmen will. Alles geht gründlich schief und Joonah landet in Gundars Gefängnis. Jolii verhilft Maddrax und Aruula zur Flucht.

Sie nehmen Lady Victoria mit sich, Maddrax bricht zudem Leonard Gabriels Ringfinger mit dem Siegelring daran ab. Sie weiß nicht, warum Maddrax das tut, er ist eigentlich ein sympathischer Mann. Will er sich bereichern? Jolii kann es nicht glauben, es muss etwas anderes dahinter stecken …

Der geistige Film riss abrupt ab. Jolii spürte, wie sich das zarte Gruseln schlagartig in ein würgendes Entsetzen wandelte. Sie begriff nun bewusst, was ihr den Schock versetzt hatte: Die weit aufgerissenen Augen der Frau im mittleren Alter … sie bewegten sich! Gleichzeitig löste sich ein Speichelfaden aus ihrem Mund und tropfte zäh zu Boden.

Jolii riss schreiend den Arm zurück und sprang einen Schritt nach hinten. Gleichzeitig schrie auch die Frau los! Für einen Moment brüllten sich die beiden mit weit aufgerissenen Mündern in einem schrillen Duett der Furcht die Seele aus dem Leib. Dann verstummten sie gleichzeitig wieder.

„Ich hab’s gewusst!“, schrie die Frau los und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Jolii. „Diese Schatten waren nicht echt! Ihr Barbaren habt euch verkleidet, um uns zu narren!“

„Nein … nein …“ Jolii schüttelte den Kopf. Ihr war, als sehe sie plötzlich alles wie durch einen Schleier, als drücke eine riesige Hand ihre Kehle zu. Sie schnappte nach Luft. Während die Frau nun ihren ganzen Körper bewegte und mit funkelnden Augen einen Schritt auf Jolii zu machte, schoss das Adrenalin in den Körper der jungen Barbarin.

Weg hier, nur weg!

Jolii fuhr sich auf dem Absatz herum. Atemlos flüchtete sie von diesem verfluchten Ort. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass auch die anderen Versteinerten wieder lebendig wurden. Sir Ibrahim Fahka, der bis jetzt die Hände abwehrend gegen den unheimlichen Tod erhoben hatte, fuchtelte nun mit ihnen herum, als wisse er nicht, was er damit anfangen solle. Andere Menschen stakten unbeholfen und ziellos herum. Rufe des Erstaunens und der Furcht klangen über den Strand, durchsetzt vom klagenden Brüllen eines Wakudabullen. Jolii wusste, dass auch er versteinert gewesen war.

Die junge Barbarin rannte um die Ecke eines großen Hauses. Während sie über einen herumliegenden Eimer sprang, sah sie Sir Leonard Gabriel aus der Tür taumeln. Der große schlanke Mann mit der Glatze und dem hervortretenden blauen Aderngeflecht darauf ächzte und starrte panisch auf seine rechte Hand. Aus der Wunde, die der abgebrochene Zeigefinger hinterlassen hatte, sprudelte das Blut im Pulsschlag seines Herzens hervor!

Jolii stieß kurze hechelnde Laute aus und rannte weiter. Als sie fast schon die Mitte der Insel erreicht hatte, blieb sie keuchend stehen. Sie zitterte unkontrolliert am ganzen Körper, ihre Zähne klapperten aufeinander, kalter Schweiß hatte sich über sie gelegt. Es war nun bereits dunkel. Jolii ließ sich im Schutz von Beerensträuchern am Fuße eines Hügels zu Boden sinken. Sie umschlang ihre angezogenen Knie mit den Armen, presste ihr Gesicht an die Oberschenkel und wimmerte leise vor sich hin.

Ihre Gedanken irrten hin und her, drehten sich um dieses türkisfarbene Flimmern, das sie bemerkt hatte, bevor der ganze Wahnsinn losbrach. Das seltsame Leuchten schien die Versteinerten ins Leben zurückgebracht zu haben!

Waren sie nun wieder wie zuvor? Oder waren sie zu untoten Dämonen geworden?

Jolii wusste, dass sie ihren Stamm warnen musste. Aber sie schaffte es nicht mehr, sich zu erheben. Aus ihren Gliedern war sämtliche Kraft gewichen und sie wäre in diesen Minuten eine leichte Beute für jedes wilde Tier gewesen.

Aber sie hatte Glück und nichts störte den tiefen, von wilden Träumen durchzogenen Schlaf, in den sie bald darauf fiel. Als sie wieder erwachte, dämmerte bereits der Morgen. Erschreckt fuhr sie hoch und lief, von düsteren Vorahnungen gepeinigt, in ihr Dorf zurück.

Gegenwart, Mitte Oktober 2526

Ich kann mir, hm, immer noch nicht richtig vorstellen, dass dieses, nun, Ding da weiter als über den, äh, nächsten Hügel fliegen kann. Auch wenn’s von Pat persönlich ersonnen und gebaut wurde.“ Kopfschüttelnd schaute Jed Stuart, der König von Schottland, auf das etwa zwölf Meter hohe Luftschiff vor ihnen. Wie ein verirrter weißer Wal schien es auf der Lichtung vor Stuart Castle zu schweben, im strahlend blauen Frühherbsthimmel, der sich über die schottischen Highlands spannte. Noch schmiegte sich die Steuerkanzel der MYRIAL auf drei Rädern auf den ausgedörrten, mit Disteln übersäten Boden.

Nimuee, Jed Stuarts Lebensgefährtin, umklammerte seine Hüften mit beiden Armen und drückte sich eng an ihn. Die kleine, zierliche, bleiche Frau schaute zu ihm hoch. „Sei nicht so pessimistisch, Emryys“, erwiderte sie lächelnd und beobachtete Rulfan, der in der Steuerkanzel saß und an irgendwelchen Hebeln hantierte. „Natürlich fliegt das Ding weiter als bis über den nächsten Hügel. Du hast doch die Probeflüge verfolgt. Rulfan sagt, dass er damit problemlos über den Kanal kommt.“

„Hm, ja. Du hast recht, Liebes. Vielleicht. Denn ich habe, nun ja, kein gutes Gefühl bei der Sache. Bei allen Testflügen war gutes Wetter, kaum Wind. Und was ist, wenn Rulfan in einen, äh, Sturm gerät? Es wird langsam Winter, auch wenn’s noch nicht so aussieht, das Wetter wird rauer. Irgendwie denke ich, dass er sich auf ein Wagnis einlässt, das er, nun, nicht wirklich kontrollieren kann. Und ich denke, dass Myrial, hm, auch dieser Meinung ist. Ich fühle mit ihr, auch wenn ich Rulfan natürlich verstehen kann.“

Die Blicke des Königspaares wanderten gleichzeitig zu Rulfans Lebensgefährtin, die ganz allein im Schatten der Burgmauer stand und von dort aus das Treiben beobachtete. Jed und Nimuee glaubten ihre düstere Miene bis hierher sehen zu können, obwohl sicher vierzig Meter Distanz zwischen ihnen lag. Kein Zweifel in der Wahrnehmung herrschte dagegen über das kleine Bäuchlein, das sich seit kurzer Zeit über ihrem schmalen Gürtel wölbte und das selbst das luftige Kleid nicht mehr verbergen konnte. Die junge Schottin mit den feuerroten Haaren trug Rulfans Kind unter dem Herzen, und das bereits im fünften Monat.

In diesem Moment drehte sich Myrial um und ging über die Zugbrücke in die Burg zurück. Arteer, ihr älterer Bruder, sah ihr kurz nach. Er stand mit den Celtics, Jed Stuarts persönlicher Leibwache, etwas abseits. Turner, Myrials jüngerer Bruder, bemerkte ihren Abgang gar nicht. Zusammen mit Lieutenant Patric Pancis, Jed Stuarts Vertrautem, fuhrwerkte er an der Luftschraube herum. Dabei teilten die beiden eine ziemlich wacklig dastehende Leiter.

Rulfan in der Steuerkabine schien immer ungehaltener zu werden, stieg schließlich aus und trat zu Pancis, redete auf ihn ein und deutete dabei zwei, drei Mal zu der Hülle empor. Der Techno stieg von der Leiter. Danach umrundeten die Männer das Luftschiff, während Turner weiter schraubte. Pancis zog bedauernd die Schultern hoch und kletterte selbst in die Kanzel. Aber auch er stieg kurz danach wieder aus, enterte die eiserne Leiter, die hinter dem Cockpit in die Hülle führte, und verschwand darin.

„Nun, hm, da scheint etwas nicht zu funktionieren, Liebes. Komm, gehen wir mal, äh, nachsehen.“

Bald darauf stand das Königspaar neben den Männern. „Gibt’s Schwierigkeiten?“, fragte Nimuee.

Rulfan, mit nacktem, schweißglänzenden Oberkörper und lediglich einer knielangen Taratzenfellhose bekleidet, zog ein finsteres Gesicht. „So könnte man sagen“, erwiderte er. „Eine der Steuerflächen lässt sich nicht bedienen. Wahrscheinlich hat sich das Gestänge verhakt oder ist ganz gebrochen.“

„Gebrochen!“, rief Pancis aus dem Bauch der MYRIAL und seine Worte kamen seltsam dumpf unten an. „Das müssen wir austauschen!“ Gleich darauf stand er wieder neben Rulfan. „Tut mir leid, aber du wirst heute nicht mehr starten können. Ich schätze, dass wir bis morgen Nachmittag für die Reparatur brauchen. Jetzt noch drei Stunden, bis die Nacht kommt, der Rest morgen.“ Pancis grinste schief.

Rulfan war noch weniger zum Grinsen zumute als zuvor. Er schlug mit der rechten Faust auf die linke Handfläche. Nimuee glaubte Wut in den roten Albinoaugen funkeln zu sehen. „Davon abgesehen, dass ich so schnell wie möglich aufbrechen will, wird das wieder Wasser auf Myrials Mühlen sein.“

Tatsächlich wagte Rulfans Lebensgefährtin nach Einbruch der Dunkelheit, als die Burgbewohner um ein großes Lagerfeuer saßen, eine Widderkuh brieten und Krüge mit gutem Mecgreger-Uisge kreisen ließen, einen erneuten Vorstoß. Myrial saß neben ihm, nahm plötzlich seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. „Fühl mal, deine Tochter hat sich gerade bewegt“, sagte sie leise.

Rulfan lächelte und biss in den Braten. „Mein Sohn. Ich bin sicher, dass es ein Junge wird“, erwiderte er kauend. „Seit mindestens fünf Generationen haben die Gabriel-Männer ausschließlich Jungs produziert.“

„Ich fühle, dass ich ein Mädchen in mir trage“, beharrte Myrial.

„Das ist eben weibliche Intuition“, mischte sich Nimuee ein, die neben ihr saß und das Gespräch mitbekam.

„Wunschdenken, mehr nicht“, grinste Rulfan.

Myrial umklammerte seine Hand. „Bitte flieg nicht, bleib hier bei mir … bei uns“, sagte sie fast flehend. „Ich habe in der letzten Zeit genug Angehörige verloren.“

Rulfan schluckte den Bissen herunter, bevor er antwortete. „Fang bitte nicht wieder damit an, Myrial. Es ist alles besprochen. Ich fliege, weil ich wissen muss, was aus meinem alten Herrn geworden ist. Sei ehrlich, du würdest auch Himmel und Hölle in Bewegung setzen, wenn du das ungewisse Schicksal deines Vaters aufklären könntest. Und mit dem Luftschiff habe ich jetzt die Chance, es in angemessen kurzer Zeit zu tun. So muss ich dich nicht Monate allein lassen, denn das würde ich niemals tun. Das habe ich dir geschworen.“ Einen Moment lang tauchte Pellam vor seinem geistigen Auge auf.

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