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Maddrax - Folge 278

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Der Gott der Mar’osianer
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Hydriten-Lexikon
  8. Cartoon
  9. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Menschen versteinern durch ein Siliziumwesen, das, von Harz ummantelt, im Kiel eines Schiffes steckt. Aus der Tiefe der Erde geholt, geriet es einst in den Zeitstrahl und ernährte sich dort von Tachyonen, bis es mit der Blaupause einer Karavelle kollidierte und, halbstofflich geworden, aus dem Strahl fiel. Seitdem absorbiert es Lebensenergie, um wieder an Substanz zu gewinnen. Als Zuträger dient ihm die schattenhafte Besatzung des Schiffes. Auch Matts Staffelkameradin Jennifer Jensen wird in Irland zu Stein, und ihre gemeinsame Tochter verschwindet spurlos. Die Suche nach ihr wird unterbrochen, als Matt die Chance erhält, die Mars-Regierung für den Kampf gegen den Streiter zu gewinnen.

In der Zwischenzeit entsteht am Südpol eine neue Gefahr: In einer uralten Waffenanlage verbindet sich ein bionetisches Wesen mit General Arthur Crow, Matts Gegenspieler. Als genetische Chimäre macht es sich auf den Weg …

Zurück vom Mars – wo der Ur-Hydree Quesra’nol aus einer Zeitblase durch den Strahl zur Erde fliehen konnte – landen Matt und Aruula im Mittelmeer. Eine Kontaktaufnahme mit der Mondstation scheitert. Ihre Reise führt sie erst zum Volk der 13 Inseln, Aruulas Heimat, wo sie auf den Daa’muren Grao’sil’aana treffen, ihren Erzfeind, der aber geläutert scheint. Sie ahnen nicht, dass die Schatten ihrer Tachyonenspur gefolgt sind, während ein weiterer auf dem Mond alle Marsianer versteinert. Es gelingt, das Steinwesen mit Tachyonen stofflich zu machen und vom Schiff zu trennen. Im gleichen Moment kehrt das Leben in die Versteinerten zurück – doch sie verhalten sich merkwürdig. Die Marsianer von der Mondstation bringen sogar, anstatt zum Mars zurückzukehren, ihr Raumschiff auf der Erde zum Absturz!

Matts größte Sorge ist aber nach wie vor seine in Irland verschollene Tochter Ann. Er und Aruula brechen auf und treffen unterwegs in Schottland auf die junge Frau Xij, die sich ihnen anschließt und gleich ein Fortbewegungsmittel beisteuert: einen Amphibienpanzer!

Der Gott der Mar’osianer

von Michelle Stern

Kalter Sund, bei den Dreizehn Inseln, August 2526

Kal’tar durchmaß die Wogen mit kräftigen Zügen. Der Hydrit war einer rätselhaften Erscheinung gefolgt: einem Segelschiff, das wie ein durchsichtiger Schatten wirkte und hier zum Stillstand gekommen war, ohne den Anker zu werfen. Als er sich nun dicht über dem Meeresgrund näherte, bemerkte er, dass er nicht allein war: Zwei Menschen schwammen vor dem Bug – und ein Daa’mure! Kal’tar ging in Deckung.

Plötzlich flammte ein grelles türkisblaues Licht auf und blendete ihn. Mehrere Kiemenzüge lang sah er Sterne. Als er die Augen wieder benutzen konnte, entdeckte er einen leuchtenden Stein, der ganz in der Nähe zwischen die Korallen sank, während der Daa’mure die beiden reglosen Menschen zum Ufer zog. Und das Schiff … war verschwunden!

So verblüfft wie neugierig tauchte Kal’tar dem Stein entgegen. Dessen Schein nahm immer weiter an Intensität ab, je näher der Hydrit kam. Als Kal’tar bei dem kopfgroßen Steinbrocken anlangte, war er beinahe erloschen. Nur ein zartes Glimmen strahlte er noch ab, das wie ein Herzschlag pulsierte.

Was war das für ein Schatz, der zwischen den Korallen in den lichtdurchwirkten Fluten lag? Ob er aus dem Schiff stammte? Hatte er das türkisblaue Gleißen verursacht – und das Schiff damit in Nichts aufgelöst? Dann musste er große Macht besitzen!

Kal’tar wich unwillkürlich ein Stück zurück. Er war nicht feige – bei Mar’os, nein! –, nur vorsichtig. Schließlich wollte er nicht ebenfalls aufgelöst werden. Andererseits war er dem Schiff nicht zwei Zyklen2) lang in sicherem Abstand nachgeschwommen, um am Ziel der Reise mit leeren Flossenhänden dazustehen.

Der Stein war zum Greifen nah. Er sah harmlos aus, wie ein Klumpen Bernstein. Der Hydrit streckte eine Flossenhand aus. Seine Schwimmhäute spreizten sich, als er das Gebilde berührte.

Im selbem Moment leuchtete das glimmende Herz des Steins – ein faustgroßer Kern inmitten des erstarrten Harzes – noch einmal intensiver auf. Kal’tars Hand zuckte zurück. Nichts geschah.

Erneut legte er seine Finger auf die transparent orangefarbene Oberfläche. Der Brocken fühlte sich warm an. Für sein Leuchten gab es keine Erklärung.

Ein irrationales Gefühl von … heiliger Ehrfurcht breitete sich in Kal’tar aus. Dieser Stein war weit mehr als ein totes Ding. Der Hydrit konnte sein Gefühl nicht begründen, aber er war überzeugt, auf etwas Großes gestoßen zu sein.

Nie hatte er ein Ding gesehen, das so schön war. Er wollte es besitzen. Er musste es mitnehmen und den anderen zeigen. Wenigstens einigen Ausgewählten.

Hastig nahm er die zweite Hand zu Hilfe und zog an dem Stein – doch der hatte sich zwischen den Korallen verkeilt. Kal’tar fasste nach, beugte sich weit hinab und schob die Hände unter den Brocken. Mit aller Kraft zerrte er daran.

„Was ist mir dir?“, klackerte er in der Sprache seines Volkes. „Willst du nicht mit mir kommen?“ Unbewusst gestand er dem Stein damit eine eigene Persönlichkeit zu, ohne dass es ihn auffiel.

Kal’tar fluchte, als eine der scharfkantigen Korallen ihm über den Brustpanzer schrammte und dabei einen der Halteriemen zerschnitt, der mitsamt der Schnalle hinab trudelte. Doch eine Sekunde später war das Malheur vergessen, denn endlich löste sich der Stein. Der Hydrit presste ihn fest an den Brustpanzer aus Riesenhummerschalen. Er sah sich um, ob ihn jemand beobachtete. Noch war er allein. Besser, er verschwand von hier, bevor die Oberflächenkriecher oder der Daa’mure zurückkehrten.

Mit dem Siliziumwesen in den Armen brach Kal’tar auf, um das Verderben in die Unterwasserwelt zu tragen …

Kal’tar musste lange schwimmen, ehe er mit seinem schweren Fund beladen die Kolonie der Mar’osianer erreichte, die er vor zwei Zyklen verlassen, um dem Schattenschiff nachzujagen. Doch unterwegs aufzugeben war keine Option gewesen; eine innere Stimme hatte es ihm befohlen und ihm keine Ruhe gelassen.

Erst jetzt, kurz vor dem Ziel, erinnerte er sich wieder daran, dass er vor seinem Aufbruch mit Qua’don, dem Anführer der Kolonie, aneinandergeraten war. Doch seltsam – obwohl er wusste, dass Qua’don aufbrausend und nachtragend war, sorgte er sich nicht. Er wusste, dass ihn der Schatz in seinen Händen beschützen würde.

Er fand die anderen bei einer kleinen Insel, die auf dem Weg Richtung Neu-Martok’shimre lag, dem sie folgten. Sie waren gerade beim Mahl und beachteten ihn nicht weiter. Fischblut verfärbte das Wasser und Kal’tar musste sich beherrschen, sich nicht ebenfalls an den silbernen Her’in-Fischen zu bedienen, die in einem großen Fangnetz zappelten. Er wollte Abstand halten, bis er wusste, ob Qua’dons Wut inzwischen verflogen war.

Rig’az hielt im Fressen inne, als sie ihn entdeckte. Sie löste sich von der Gruppe und schwamm auf ihn zu. „Kal’tar! Endlich bist du zurück. Wo warst du so lange?“, klackte sie aufgeregt.

Kal’tar schwamm weiter von ihr fort, sodass sie ihm folgen musste, wenn sie mit ihm reden wollte. Rig’az war eine der wenigen, der er innerhalb der Kolonie vertraute.

Sie zogen sich in den Sichtschutz hinter einem Felsen zurück, der vor der Insel aus dem Wasser ragte. Kal’tar drückte sich eng an das raue, von kleinen Muscheln und Schnecken übersäte Gestein. „Ist Qua’don noch wütend?“

„Er hat sich beruhigt und er weiß, dass er dich braucht. Du hast von allen Mar’os-Jüngern die beste Sehkraft bei Dunkelheit.“

Kal’tar verzog unwillig sein breites Maul und spürte, wie der Flossenkamm auf seinem Kopf anschwoll. „Qua’don wird die Phase3) verfluchen, in der ich zur Kolonie zurückkehrte“, klackerte er, darum bemüht, die harten Schnalzlaute so leise wie möglich zu halten, da sie im Wasser weit trugen.

Rig’az schwamm näher heran. Auch sie senkte ihre Stimme. „Was hat das zu bedeuten? Warum sollte Qua’don deine Rückkehr verfluchen?“

Kal’tar dachte an das Reiseziel der aufgebrochenen Kolonie. Seitdem der legendäre Prophet Gilam’esh aufgetaucht war und Geschichten über die gewalttätige Vergangenheit der angeblich so moralischen und friedlichen Hydriten in Umlauf waren, herrschte Unruhe im Reich der unterseeischen Rasse. Breite Ströme von Pilgern zogen Richtung Hykton. Und die geächteten Mar’osianer schwammen nach Neu-Martok’shimre, zu Sar’kir, der „Herrin der Meere“, wie sie sich nennen ließ.

Sar’kir hatte unweit von Hykton eine Mar’os-Kolonie gegründet, wie es sie seit Hydritengedenken nicht mehr gegeben hatte. In den Meeren munkelte man, sie sei eine Verbündete Dry’tors, des mächtigsten Mar’os-Jüngers, der ein Geistwanderer war.

Die Kolonie wuchs mit jedem Zyklus – und wurde von den „normalen“ Hydriten geduldet, denn nach Gilam’eshs Verkündung der Wahrheit änderte sich das Bild der kriegerischen Mar’os-Jünger in der Gesellschaft zusehends. So strömten ihr immer neue Mar’osianer zu, wie auch die Kolonie von Qua’don, die sich bislang in den nördlichen Meeren verborgen hatte. Die reisenden Kolonien wuchsen auf dem langen Weg zu Sar’kir stark an. Hatten Qua’dons Anhänger zunächst nur zwanzig Hydriten gezählt, so waren es inzwischen an die vierzig.

Der Mar’os-Kult blühte. Viele Hydriten fühlten sich auch vom Gilam’esh-Bund verraten, da er ihnen ihre dunkle Vergangenheit über Jahrhunderte verschwiegen hatte. Die Mitglieder des Bundes gaben sich geläutert, mussten aber viele Anfeindungen über sich ergehen lassen.

Etliche Junghydriten schlossen sich dem Mar’os-Kult an. Da sie nun erfahren hatten, dass alle Hydriten von Natur aus gewalttätig sein konnten, bekannten sie sich offen zu ihrer dunklen Seite. Sie fraßen Fisch und schämten sich nicht mehr dafür. Ihre vergrößerten Tantrondrüsen machten sie aggressiv, und es oblag den besonneneren Mar’osianern, sie im Zaum zu halten. Gilam’esh trug wesentlich zum Frieden bei, indem er verkündete, der Prophet aller Hydriten sein zu wollen und für ein respektvolles Miteinander warb.

Kal’tar sah Rig’az abwägend an. „Hör zu. Ich will dir ein Geheimnis zeigen, auf das ich gestoßen bin. Aber du musst es für dich bewahren.“

Ihr meergrüner Flossenkamm verfärbte sich zustimmend. Sie war schon lange an ihm interessiert, und es konnte nicht schaden, eine zuverlässige Verbündete zu haben.

Er holte den Bernstein, den er sorgfältig zwischen weichen Fischlederstücken eingewickelt hatte, aus einem Versteck. Noch immer ging ein zartes Leuchten von einem Einschluss im Zentrum des Brockens aus, als würde darin der letzte Strahl im Lichtend4) versinken.

Rig’az streckte die Finger danach aus. „Was ist das?“

„Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher, es ist wertvoll. Ich will es Sar’kir bringen, der Herrin der Meere. Vielleicht kann ich dadurch in ihrer Gunst steigen und uns zu ihren Vertrauten machen.“

Rig’az’ Scheitelkamm spreizte sich vor Aufregung. „Ich glaube auch, dass es wertvoll ist. Es wirkt wie ein Heiligtum. Du solltest gut darauf aufpassen. Wenn Qua’don es sieht, wird er es haben wollen.“

„Eben deshalb brauche ich deine Hilfe. Du musst den Stein bewachen, wenn ich ruhe.“

„Du kannst dich auf mich verlassen.“

Zufrieden wickelte Kal’tar den Stein wieder ein. Er war sicher, dass dieser leuchtende Klumpen sein Garant für den Aufstieg unter den Mar’os-Jüngern war.

Atlantik, Südspitze von Afra, Ende Mai 2526

Quesra’nol stürzte aus dem Strahl und streckte seinen Körper. Mit einem Jauchzen stieß er in die kalten Fluten des Meeres. Er hatte es geschafft! Die Flucht von Rotgrund – so hatten sie den Mars genannt – war ihm gelungen! Mit ein wenig Glück würde er auf der Erde das finden, was es auf Rotgrund nicht mehr gab: Hydriten, Nachkommen seiner Artgenossen, den Hydree.

Er schwamm mehrere Züge, tauchte unter und fühlte das Meer, das so anders und zugleich so vertraut war. Zu seiner Lebenszeit hatte es auch auf Rotgrund Luft zum Atmen und Wasser gegeben. Die Meere waren seine Heimat gewesen. Bevor Rotgrund seine Atmosphäre verlor und austrocknete.

Heute gab es wieder Gewässer auf dem Mars der Menschen – es war nicht mehr sein Planet! Sie hatten ihn besiedelt, ihm einen neuen Namen und mit ihrer Technik eine neue Atmosphäre gegeben, und Wolken, aus denen es regnete. Aber diese Meere waren ihm fremd, und es schwamm kein Hydree mehr in ihnen.

Quesra’nol konnte es immer noch nicht fassen: Mehr als dreieinhalb Milliarden Jahre waren für ihn in wenigen Minuten vergangen. Er hatte die Hydree Rotgrunds vor der Gefahr des schwarzen Kristalls gerettet – aber zu welchem Preis?

Wieder sah er in Gedanken seinen Mitstreiter Chus’rila. Er hatte das justierte Zeitverzögerungsfeld aktivieren sollen, das den schwarzen Kristall im Krater im Mount Olympus einschloss und damit ungefährlich machte. Aber er war zu voreilig gewesen und hatte damit auch Quesra’nol in dem Feld gefangen, in dem er unvorstellbare Zeiten überdauert hatte. Bis er in dieser fernen Zukunft befreit worden war.5)

Die Wesen, die ihn fanden, waren keine Hydree, sondern Abkömmlinge von Erdmenschen. Von einem von ihnen, Maddrax, hatte Quesra’nol erfahren, dass er dennoch nicht der letzte Überlebende seiner Art war. Lange nach seiner Epoche hatte ein Hydree namens Gilam’esh gemeinsam mit anderen einen Zeitstrahl auf Grundlage der Zeitfeldforschung erbaut und auf einen fernen Planeten gerichtet: auf Ork’huz, die Erde. Durch diesen Zeitstrahl war das Volk der Hydree vom Mars geflohen, als die Atmosphäre des Roten Planeten sich auflöste und die Meere verdunsteten.

Es war derselbe Strahl, durch den nun auch Quesra’nol gereist war. Auf dem Rücken schwimmend sah er zurück, während die Wellen seinen Körper hoben und senkten. Vom Strahl war nichts zu sehen; er war längst weitergewandert – oder vielmehr hatte sich die Erde unter ihm weiter gedreht.

Wie viel Zeit wohl seit seinem Aufbruch vom Mars vergangen war? Zu den Lebzeiten Gilam’eshs hatten die Hydree den Zeitstrahl so justiert, dass die Verzögerung fast dreieinhalb Milliarden Jahre dauerte. Das war inzwischen anders; Maddrax hatte etwas von wenigen Wochen gesagt.

Was hatte der blonde Menschenmann noch erzählt? Es sollte auf der Erde Tunnelröhrensysteme der Hydriten am Meeresgrund geben. Das war seine Chance, auf Nachfahren zu treffen: Früher oder später würde er auf ein solches System stoßen, und damit auf seine Erbauer.

Quesra’nol schwamm mehrere Phasen lang an der Wasseroberfläche. Er betrachtete den Lauf der Sonne und wartete auf das Lichtend, bis die Sterne über ihm erblühten. Alles an diesem Ort war neu, der Geschmack des Wassers salziger, die Bewegung der Wellen sanfter. Die Farben waren fremd und das Glitzern auf der Meeresoberfläche blendete unangenehm wegen der viel näheren Sonne.

Es dauerte, bis er sich an den Sternen orientiert hatte und sagen konnte, in welcher Richtung Rotgrund lag. Aber dieses Wissen würde ihm bei seiner Suche nach den Hydriten nicht weiterhelfen. Er musste auf das Glück vertrauen.

Endlich tauchte er ab. Am liebsten hätte er laut vor sich hingeklackt, doch er musste vorsichtig sein. Maddrax hatte von räuberischen Tiermutationen gesprochen, die die Meere bevölkerten. Es konnte gut sein, dass in der Tiefe Fische lauerten, die in ihm einen appetitlichen Happen sahen. Zwar hatte er seinen Schockwerfer6) bei sich, den er selbst entwickelt hatte, aber er wusste nicht, wie wirksam die bionetische Waffe auf diesem Planeten mit anderer Luft- und Wasserdichte war. Auf dem Mars hatte er bereits die Erfahrung gemacht, dass der Schockwerfer keine Menschen töten konnte.

Es war unangenehm zu tauchen. Das fremde Wasser schmerzte in den Kiemen. Das Salz biss. Der Sauerstoffgehalt war anders als in den Marsmeeren, und schon nach kurzer Zeit musste Quesra’nol wieder auftauchen und auf Lungenatmung umstellen. Er hatte befürchtet, dass er sich den Erdbedingungen erst anpassen musste, und war froh, als er eine kleine unbewohnte Insel fand. Auf einem Riff ruhte er sich aus. Sein Kopf ragte aus dem Wasser, der Körper wurde von einem Schwarm neugieriger kleiner Fische mit blaugelben Streifen umkreist. Er hatte sich offensichtlich auf ihrer Lieblingskoralle niedergelassen.

Quesra’nol blickte zum Land hin, das ihn mit seinen Farben verwöhnte. Ein weißer Sandstrand erstreckte sich vor einem azurblauen Himmel. Grüne Pflanzen ragten wie eine undurchdringliche Wand am Ende des Uferbereichs auf. Aus dem Dickicht drangen die hellen Schreie von Tieren und ein gackerndes Gelächter. Ein Schauer überlief ihn und sein Scheitelflossenkamm wurde schlaff. Das war nicht seine Welt. Aber vielleicht würde sie es werden.

Er beschloss, vorerst an diesem Ort zu bleiben, bis sein Körper sich akklimatisiert hatte.

Tage vergingen, und Quesra’nol begann das Gefühl für die Zeit zu verlieren. Er hatte bei Streifzügen einige der Seemonster beobachten. Er fürchtete sich zu Recht vor ihnen und machte sich Gedanken darüber, wie er am besten vorgehen sollte, wenn er weiterreiste.

Eine Weile war er an Land dem Verlauf der Küste gefolgt – bis er auf barbarische, schwarz verbrannte Menschen traf, die ihn laut schreiend zu fangen versuchten. Einer von ihnen schoss einen Pfeil auf ihn ab, andere warfen Speere, was Quesra’nol erneut tiefer ins Meer hineintrieb.

Wie viel Zeit inzwischen vergangen war, konnte er nicht sagen. Er hatte sich an das salzige Wasser gewöhnt, konnte an Land trotz der ungewöhnlichen Schwerkraftverhältnisse ein gutes Stück weit laufen, und auch seine Schwimmmuskeln waren gestärkt.

Eines Lichtbeginns, als die Sonne ihre gleißenden Strahlen auf das Wasser setzte und ihr roter Glanz ihn an Rotgrund denken ließ, sah er sie: eine Hydritin, ohne Zweifel. Sie war kleiner als er. Ihr blaugeschuppter Körper war am Bauch und an den Unterarmen heller, wie er es von einigen Fischen seiner alten Heimat kannte, die sich durch diese Tarnung vor Fressfeinden geschützt hatten. Die Hydritin zog einige Schwimmlängen vor ihm durch die Wellen und sammelte Algen, die im niedrigen Gewässer am Ufer wucherten.

Quesra’nol schwamm vorwärts. Er wollte die Frau auf keinen Fall aus dem Blick verlieren. Sie bemerkte ihn erst spät und fuhr zu ihm herum. Das Netz mit den Algen entglitt ihren Flossenhänden und trieb davon.

Mit schnellen Stößen setzte er an ihr vorbei und packte das Netz. „Du hast etwas verloren“, klackerte er langsam und hoffte, von ihr verstanden zu werden.

Ihre großen lidlosen Augen betrachteten ihn. Sie waren türkisblau wie das Meer. „Woher … kommst du?“, fragte sie und betrachtete kritisch seinen kurzen stumpfen Scheitelkamm. Dachte sie, er wäre durch den Angriff einer Meeresbestie verstümmelt worden? „Mein Bund und ich sind schon seit mehreren Zyklen an diesem Ort, aber dich habe ich nie gesehen.“

„Ich komme weit aus dem Süden.“ Er war froh, sie verstehen zu können. Sie sprach einen starken Dialekt, aber ihre Sprache war der seinen dennoch verwandt. Obwohl er einige Worte nicht begriff, konnte er den Sinn ihrer Sätze erschließen.

Neugierig glitten seine Blicke über ihren Körper. Sie war kurviger als die weiblichen Hydree, die er kannte, und ihr Gesicht wirkte feiner modelliert. Außerdem trug sie Seitenlappen am Kopf, die entfernt wie menschliche Ohren wirkten. Es mussten ihre Kiemen sein. Seine Kiemen dagegen saßen unterhalb der Achseln. Ob sich da zwei verschiedene Atemwege entwickelt hatten?

Ihr Scheitelkamm spreizte sich. „In den Städten des Südens gibt es wohl keine Manieren auf den Schelfen.“

Er sah sie verwirrt an, bis er begriff, dass sie nicht von ihm angestarrt werden wollte. Plötzlich verlegen, reichte er ihr das Netz mit den Algen. „Entschuldige. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich habe lange keine anderen Hydriten mehr gesehen. Mein … meinen Bund gibt es nicht mehr. Sie sind alle tot.“

„Oh.“ Ein Klacklaut zeigte ihr Mitgefühl. „Du kannst gerne mitkommen, sofern du keine Fische frisst.“ Sie verzog das Maul und zeigte spitze Zähne.

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