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Maddrax - Folge 275

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Licht und Schatten
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Menschen versteinern durch eine unbekannte Macht. Auch Matts Staffelkameradin Jennifer Jensen wird in Irland zu Stein, und ihre gemeinsame Tochter verschwindet spurlos. Auf der Suche nach ihr erkrankt Aruula. Als befreundete Marsianer auftauchen, willigt Matt ein, dass diese die Suche fortführen. Auf dem Mars will er die Regierung für den Kampf gegen den Streiter gewinnen.

Bei der Jagd nach seinem Erzfeind Matt Drax kommt der Daa’mure Grao in Aruulas Heimat, den 13 Inseln – wo er eine Läuterung erfährt. Der kleinwüchsige Sepp Nüssli trifft unterdessen in einer Hafenstadt auf ein Geisterschiff, dessen schattenhafte Besatzung alle Einwohner versteinert. Im Kiel des Schiffes steckt ein von Harz ummanteltes Steinwesen, das einst in den Zeitstrahl geriet und sich dort von Tachyonen ernährte, bis es mit der Blaupause einer Karavelle kollidierte und, halbstofflich geworden, aus dem Strahl fiel. Seitdem absorbiert es Lebensenergie, um wieder an Substanz zu gewinnen.

Zurück vom Mars – wo ein fast vier Mrd. Jahre alter Hydree aus einer Zeitblase durch den Strahl zur Erde fliehen konnte – landen Matt und Aruula im Mittelmeer. Eine Kontaktaufnahme mit der Mondstation scheitert. Sie stehen Andronenreitern gegen einen machtgierigen Grafen in der Nähe von Rom bei und treffen ihren alten Freund Moss wieder, der gegen die Meffia und deren Handel mit mutierten Früchten kämpft. Aruula begegnet Tumaara von den 13 Inseln, die nach schwerer Schuld aus der gemeinsamen Heimat geflohen ist. Nach dem Sieg über den dunklen Bruder begleiten die Gefährten sie nach Hause – wo sie auf den Daa’muren Grao’sil’aana treffen … der Frieden mit ihnen schließt.

Sie ahnen nicht, dass die Schatten der Tachyonenspur von Matt und Aruula gefolgt sind und die Inseln ansteuern, während ein weiterer Schatten auf dem Mond alle Marsianer versteinert, auch eine Rettungscrew, die dort eintrifft …

Licht und Schatten

von Jo Zybell

Sicher, sie sehen aus wie Menschen, doch es sind nur Steine. Der hier im Sessel des Steuermanns zum Beispiel – der Name eines Menschen ist auf dem Brustteil seines Anzugs eingestickt: Belt Sören Braxton. Doch er ist kein Mensch mehr, er ist Stein.

Oder dieser hier, der vor dem rätselhaften schrägen Tisch mit all den Knöpfen, Fensterchen und dunklen Rechtecken steht – er ist einmal Kapitän dieses Eisenvogels gewesen und hat Marvin Tartus Gonzales geheißen. Jetzt ist er Stein.

Und warum? Weil ihnen die Lebenskraft geraubt wurde – um den Hunger zu stillen. Meinen Hunger und den von Mutter, die so fern von mir ist. Ich, Alfonso Eduardo Derdugo Alvarez, habe mir die Seelen dieser Menschen genommen.

Die große dünne Frau in dem anderen Sessel dort, die zu schlafen scheint und die Augen geschlossen hat. Oder jene, die ihre Hände auf die Armlehnen ihres Sessels stemmt, als wolle sie aufspringen. Oder die anderen Versteinerten, die ich hier versammelt habe, um wenigstens die Illusion von Gesellschaft zu haben, hier auf diesem kahlen, toten Himmelsgestirn fernab der Erde, auf dem ich seit Monaten festsitze – ihnen allen habe ich die Lebenskraft aus Leib und Seele gesaugt.

Draußen, unter dem ewig schwarzen Sternenhimmel dieser staubigen Welt steht das große Himmelsschiff, mit dem ich entkommen wollte. In ihm gibt es noch einige Lebendige. Ich wollte sie verschonen, ihnen die Flucht gestatten, um mich ihnen unbemerkt anzuschließen, auf dass sie mich in die Heimat und zurück zu Mutter bringen.

Doch einer von ihnen hat mich überlistet, mich eingesperrt in diesem kleinen Eisenvogel! Durch die vielen Seelen beinahe körperlich geworden, kann ich nicht mehr wie ein Nebelhauch durch die Wände und Türen dringen. Ich muss warten, bis genug Lebenskraft auf geheimnisvollen Wegen zu Mutter abgeflossen ist. Das hat der Lebendige erkannt, bevor er die Luke des Eisenvogels verriegelte. Bevor er zu Stein wurde.

Wieder starre ich mit brennenden Augen aus dem kleinen Fenster, das aller Gewalt standgehalten hat, hinüber zu dem großen Himmelsschiff. Es ist noch immer nicht aufgebrochen.

Sie sitzen hier fest! Genau wie ich, Alfonso Eduardo Derdugo Alvarez. Wahrscheinlich arbeiten sie fieberhaft daran, endlich den Kurs ins Meer der Sterne zu setzen. Wenn es lange genug dauert, werde ich freikommen, noch bevor es ihnen gelingt. Schon dringt mein Säbel fingertief in die Wand des Schiffes ein. Es kann nicht mehr allzu lange dauern, bis ich wieder zum Schatten geworden bin. Dann hält nichts und niemand mich auf. Wer könnte eine Wolke einsperren? Wer könnte Nebel festhalten oder einem Schatten die Tür verriegeln?

Bald werde ich zu ihnen gehen. Und dann wird sich ihr und mein Schicksal entscheiden …

Das große Ruderboot zerteilte die Wogen, zehn Ruderer rissen die Riemen durch das schäumende Wasser. Eine der älteren Kriegerinnen hatte ein Lied angestimmt und inzwischen sangen fast alle mit – die Männer und Frauen an den Ruderbänken, die Alten am Heck bei den Körben mit den Beeren, die Königin Lusaana, die am Bug stand und mit dem Dolchknauf den Rhythmus auf einer Trommel schlug.

Matthew Drax sang nicht mit. Er lauschte dem jubilierenden Gesang, lauschte besonders der Frauenstimme neben sich – Aruulas Stimme – und gab sich ganz und gar dem Zauber dieses Augenblicks hin. Wann hatte er zuletzt inmitten so vieler schöner, starker und zuversichtlicher Sänger gesessen? Und wie viel Zeit würde vergehen, bis er einen Chor wie diesen erneut erleben konnte?

Nicht weit entfernt glitt das zweite Boot durch die Wellen; in ihm sangen sie ebenfalls. Matt Drax versuchte mitzusummen, und er wünschte, Ann wäre hier und würde hören, was er hören konnte. Und schon fiel in die kristallklare Quelle dieses schönen Augenblicks ein Wermutstropfen – die Erinnerung an seine Tochter Ann.

Matt Drax verstummte, bevor er richtig zu singen begonnen hatte.

Dreihundert Schritte entfernt am Strand sammelten sich schon ein paar Kinder und Halbwüchsige. Manche liefen in die Brandung hinein, sprangen in die Luft, klatschten in die Hände. Sie freuten sich auf die Brabeelen. Neben ihm sang Aruula plötzlich leiser. Matt Drax vermied es, zur Seite zu blicken; er spürte, wie sie ihn beobachtete. Merkwürdig, dass sie immer sofort erfasste, was mit ihm los war.

Zwei Tage und eine Nacht waren sie in den Ruinenwäldern von Kalskroona unterwegs gewesen und hatten Brabeelen geerntet, körbeweise. Und Aruula war in dieser Zeit regelrecht aufgeblüht.

Brabeelen – so nannten die Leute von den Dreizehn Inseln und die Wandernden Völker des Festlandes die großen schwarzen Waldbeeren, die in den Zeiten vor „Christopher-Floyd“ noch Brombeeren geheißen hatten. Kalskroona, das ehemalige Karlskrona, lag an der Küste des Festlandes, und man brauchte zwei bis drei Stunden, wenn man von der größten der Dreizehn Inseln, der Insel der Königin, hinüber rudern wollte.

Jetzt duftete die süße schwarze Ernte aus den Körben und die Beerensammler kehrten heim. Einen Speerwurf noch bis zum Strand. Der Wind trug den Gesang hinüber zu den Wartenden, und die Kinder und Halbwüchsigen in der Brandung stimmten mit ein.

Das Leben konnte so leicht sein; der Mann aus der Vergangenheit vergaß es manchmal. Und auch jetzt hielt sich das Glücksgefühl nicht lange – der Gedanke an Ann und das schlechte Gewissen, hier zu viel Zeit zu vertrödeln, ließen ihm keinen Raum. Auch wenn die Erholung nach den letzten dramatischen Wochen für ihn und seine Gefährtin dringend nötig gewesen war.

Das Ruderboot stieß in die Brandung, die Männer und Frauen auf den vorderen Ruderbänken ließen die Riemen los und sprangen ins Wasser. Das Boot schaukelte mächtig. Ein Dutzend Hände zogen es an den Strand und ein Ruck ging durch den Rumpf, als es im Sand aufsetzte. Fünfzig Schritte weiter zerrten sie auch schon das zweite Boot auf den Strand.

Inzwischen waren gut und gern zwanzig Männer und Frauen vom Dorf her zum Strand gelaufen und versammelten sich um die Boote der Heimkehrer. Palaver erhob sich, die Körbe mit den Beeren wurden ausgeladen. Drei Reena-Gespanne warteten zwischen den Dünen. Die stärksten Männer und Frauen begannen nun, die Körbe dorthin zu schleppen, damit die Ernte in die Siedlung und in die Festung gebracht werden konnte.

Die Brandung klatschte gegen Matt Drax’ Unterschenkel, als er aus dem Boot sprang. Das Wasser war kalt, genau wie der Wind in den letzten Tagen kühler wehte. Das Wetter schien sich zu verschlechtern. Höchste Zeit also, mit den Flugandronen nach Irland aufzubrechen und die Suche nach Ann wieder aufzunehmen.

Er sah zu Aruula hinüber. Sie warf gerade einen Neunjährigen zu Boden, der raufen wollte, ein hellhäutiger Bursche mit fast weißem Haar; ein Sohn Rulfans, wie man munkelte, mit Namen Juefaan. Jetzt kniete Aruula nieder und kitzelte den Burschen durch.

Sie fühlte sich gut hier unter ihren Leuten, ganz und gar verwoben mit ihrem Volk – als wäre sie nie fortgewesen. Wenige Tage in der alten Heimat hatten dazu ausgereicht. Sie zum Aufbruch zu drängen, tat Matt in der Seele weh, aber es musste sein. Jetzt packte sie den Griff eines Brabeelenkorbes, auf dessen anderer Seite die starke Kriegerin Tumaara bereits wartete. Gemeinsam hoben sie den Korb und trugen ihn über den Strand zu einem der Reena-Gespanne.

Reenas – so nannten die Menschen hier die weißbraunen Hirsche, die in den goldenen Zeiten vor „Christopher-Floyd“ noch Rentiere geheißen hatten.

Inmitten Dutzender Männer, Frauen und Kinder stapfte Matt Drax über den Strand. Anders als die meisten schwieg er. Arm in Arm hüpften zwei Mädchen an ihm vorbei, acht oder neun Jahre alt – so alt etwa wie seine Tochter Ann. Eines war kastanienbraun, das andere blond. Sie kicherten und hatten sich allerhand zu erzählen.

Das Herz wurde ihm schwer. Wo mochte Ann sein in diesem Moment, was erlebte sie gerade? Sicher würde sie nicht ähnlich unbeschwert kichern und herumhüpfen, wie diese beiden. Als die Schatten alle Einwohner von Corkaich versteinerten, musste sie geflohen sein – zumindest hoffte Matthew das – und irrte jetzt heimatlos umher. Vielleicht hatte sie auch ein abgerissener Ex-Techno mit sich genommen, den Matt kurz zuvor am Dorfrand getroffen hatte; einige Spuren wiesen darauf hin. Ihre Mutter und deren Begleiter, den Barbaren Pieroo, hatte Ann an die Schatten verloren. Und was ihn betraf, ihren leiblichen Vater … über ihn wusste sie nur das, was Jenny ihr erzählt hatte.

Matt überlegte. Was war Jennys letzter Stand gewesen, ihn betreffend? Dass er aus einem Space Shuttle heraus den Kampf um den Kratersee koordiniert hatte, kurz bevor der EMP des Wandlers alle Elektrik auf Erden für zweieinhalb Jahre lahmlegte? Dann musste sie angenommen haben, dass er tot sei. Dass er und Naoki Tsuyoshi zur Mondstation und von dort zum Mars geflogen waren, konnte sie nicht wissen.1) Genauso wenig wie Ann ahnte, dass er nach ihr suchte.

Matt zog die Schultern hoch und fröstelte, als ihm wieder das Bild von Jenny Jensen, Anns Mutter, durchs Hirn schoss: zu Stein erstarrt in ihrem Haus an der irischen Küste. Alles, was er von ihr und Ann in Erfahrung gebracht hatte, stand in Jennys Tagebuch, das neben ihr auf dem Tisch gelegen hatte. Dank einer Zeichnung darin wusste er, wie Ann heute aussah. Und es verriet auch den Namen des Ex-Technos: Robin Fletscher. Hatte er überlebt? War Ann bei ihm?

Die beiden Mädchen hüpften zwischen den Reena-Gespannen hindurch und von dort weiter Richtung Siedlung. Bevor Matt sie aus den Augen verlor, fiel sein Blick auf ein Paar etwas abseits und oben auf den Dünen: eine spärlich bekleidete, mollige Frau mit üppigen Brüsten und langem dunklen Haar und ein großer, leicht korpulenter Mann, bärtig und in weiten Gewändern.

Die Kriegerin Bahafaa und der Händler Hermon.

Oder vielmehr: der Mann, von dem fast alle hier dachten, er wäre Hermon.

Obwohl über hundert Schritte sie trennten, spürte Matthew Drax genau, wie sein Blick sich mit dem des Mannes traf. Sofort wandte der Bärtige sich ab und verschwand hinter dem Dünenkamm.

Für die meisten hier auf den Dreizehn Inseln war Hermon der freundliche, humorvolle Händler, der den Kriegerinnen allerhand Schmuck, Kleider und Brimborium verkaufte und so ihr weibliches Streben nach Schönheit geweckt und bedient hatte. Nur eine Handvoll Menschen wusste inzwischen, wer hinter der Fassade des bärtigen Mannes mit der auffällig grobporigen Haut steckte: der Daa’mure Grao’sil’aana.

Er hatte sich versöhnt mit seinen Feinden Mefjudrex und Aruula. Behauptete seine Gefährtin Bahafaa; und Grao’sil’aana selbst behauptete das auch. Aruula traute dem Frieden nicht.

Matt Drax setzte sich auf den Kutschbock eines der Wagen. Zwei Tage ständig unter Menschen – das hatte ihn müde gemacht. Er sehnte sich nach dem ruhigen Raum, den man ihm und Aruula in der Festung der Königin zugewiesen hatte.

Das Reena-Gespann zog an, der Wagen rollte los. Kinder sprangen neben ihm her und plapperten und lachten. Auch die beiden Mädchen. Das blonde, das ihn an Ann erinnerte, strahlte ihn an und winkte. Matt winkte zurück und versuchte zu lächeln. Ausgeschlossen, noch länger hier zu bleiben. Er musste nach Irland, musste die Suche nach seiner Tochter wieder aufnehmen, nachdem das Mondshuttle der Marsianer offenbar verschollen war.

Auch dies war ein ungelöstes Rätsel: Während er mit Aruula zum Mars geflogen war, um die dortige Regierung um Unterstützung gegen den Streiter zu bitten, hatte sein Freund Tartus Marvin Gonzales versprochen, die Suche fortzuführen. Kurze Zeit darauf war aber der Kontakt mit der Mondbasis abgerissen und niemand auf dem Mars wusste, woran das liegen könnte. Man vermutete ein simples technisches Problem. Matt war anderer Meinung. Spätestens nachdem er durch den Zeitstrahl zur Erde zurückgekehrt war und mit einem starken Sender versucht hatte, Shuttle oder Station von hier aus zu erreichen. Niemand hatte sich gemeldet, niemand war gekommen. Da war mehr passiert als ein technischer Defekt, dessen war sich Matt sicher. Vielleicht würde er auch dieses Rätsel in Irland klären können …

Gleich morgen würde er mit den Aufbruchsvorbereitungen anfangen: Das Sattelzeug der Flugandronen musste kontrolliert und gegebenenfalls ausgebessert und die Mammutameisen mussten angefüttert werden, damit sie genug Energie für den langen Flug hatten. Und natürlich musste er Aruula auf den Abschied von den Dreizehn Inseln vorbereiten.

Eine Frau sprang von den Dünen. Matt Drax erkannte Bahafaa. Im tapsigen Laufschritt folgte sie ihrem Gefährten. Hermon alias Grao’sil’aana hatte schon fast das Dorf erreicht.

Ein ungutes Gefühl beschlich Matthew. Auch wenn er es Aruula gegenüber nicht offen zugab: Auch er traute dem Frieden nicht. Warum ging Grao ihnen denn aus dem Weg, wenn er die Vergangenheit begraben hatte?

Bahafaa lief hinter Grao her. „Warte doch auf mich!“, rief sie. „Warum läufst du denn so schnell?“ Er antwortete nicht, drehte sich nicht einmal nach ihr um. „Was ist denn mit dir? So warte doch!“

Grao’sil’aana wartete nicht, bemühte sich nicht einmal um einen langsameren Schritt; er verschwand zwischen den ersten Hütten der Siedlung.

Eine innere Unruhe hatte Bahafaa ergriffen und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Ständig verstummte Grao, wenn die Rede auf Maddrax und Aruula kam, immer zog er sich zurück, wenn das Paar oder einer von beiden auftauchte. Das gefiel Bahafaa nicht, es beunruhigte sie sogar sehr.

Es gibt keinen Anlass zur Sorge, sagte sie sich, während sie auf die gemeinsame Hütte zulief. Hermon hat diesen Maddrax doch gerettet, hat ihn vor dem tödlichen Absturz in die Eisschlucht bewahrt.2) Und beteuert er nicht auch ständig, dass er es ernst meint mit der Versöhnung, dass er seine Rachepläne ein für alle Mal aufgegeben hat?

Warum aber ging er Maddrax und Aruula dann so offensichtlich aus dem Weg?

Bahafaa erreichte ihre Hütte und beugte sich hinein – Grao war nicht da. Sie ging um ihre Hütte herum zu dem großen Anbau, den Grao’sil’aana dort errichtet hatte. Er glich eher einer Halle als einer Hütte, und Bahafaas Behausung hätte sicher dreimal, wenn nicht viermal darin Platz gefunden.

„Hermon?“ Bahafaa zog den Vorhang vor dem offenen Schiebetor beiseite und trat ein. Sie nannte ihren Gefährten noch immer bei seinem Tarnnamen, für den Fall, dass jemand sie hörte. Bis auf wenige Eingeweihte wusste niemand von seiner wahren Existenz – und durfte es auch nicht erfahren. Schließlich lag der Krieg gegen die Daa’muren erst wenige Jahre zurück. „Bist du hier?“

Obwohl draußen die Abenddämmerung noch auf sich warten ließ, herrschte hier, in dem geräumigen Anbau, schummriges Halbdunkel. „Sag doch was, Hermon!“ Bahafaa schritt an Regalen und Kisten vorbei. Alles war vollgepackt mit Waren. Seltsame Zeichen prangten an den Regalen, und wie immer, wenn sie Hermon in seinem Reich besuchte, drangen fremdartige Gerüche an ihre Nase.

Sie fand ihren Gefährten in einem kleinen Raum ganz hinten in der Verkaufshalle. Dort pflegte er die Kriegerinnen zu empfangen und ihnen den Spiegel vorzuhalten, wenn sie seinen Schmuck anlegten oder seine Puder und Salben ausprobierten. Er hockte mit gekreuzten Beinen auf einem bunten Teppich und stierte düster auf seine im Schoß gefalteten Hände.

„Hermon!“ Bahafaa kniete neben ihm nieder, schlang die Arme um ihn und legte die Stirn an seinen Hals. „Was ist denn nur mit dir?“ Sie machte sich Sorgen um ihn, natürlich, sie wollte ihn ja nicht verlieren. Seit sie ihn gefunden hatte, war ihr Leben hell und freundlich geworden.

„Was soll denn sein, meine schöne Kriegerin?“ Bahafaa wusste, dass er diese Bezeichnung von einem Dörfler aufgeschnappt hatte, der seine Geliebte so genannt hatte, um sie zu umgarnen. Er selbst würde menschliche Umgangsformen und Redewendungen noch lange üben müssen, bevor er sie perfekt beherrschte. „Es ist alles bestens, meine Schöne.“ Sie bezweifelte, dass seine Worte so gemeint waren, wie sie klangen; doch sie hörte sie dennoch gern, denn sie klangen gut.

„Mach mir nichts vor, Hermon.“ Sie rieb ihr Gesicht an seinem drahtigen Vollbart, der sich, wie die ganze Oberfläche seines wandelbaren Körpers, aus winzigsten Schuppen zusammensetzte. „Du hasst sie noch immer, sonst würdest du dich nicht jedes Mal abwenden, wenn sie auftauchen.“

„Aruula und Maddrax?“ Grao winkte ab. „Mit diesem Kapitel meines Lebens habe ich abgeschlossen.“

„Ich glaube dir kein Wort.“ Sie richtete sich vor ihm auf, nahm sein bärtiges, breites Gesicht zwischen die Hände und sah ihm in die ...

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