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Maddrax - Folge 266

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Das Todesschiff
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Roman im Roman
  8. Cartoon
  9. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Rätselhafte Todesfälle ereignen sich im postapokalyptischen Euree: Menschen versteinern durch eine unbekannte Macht, die man die „Schatten“ nennt. Schon zwei Mal sind Matt und Aruula auf Versteinerte gestoßen, bevor sie auch in Irland diese schreckliche Entdeckung machen müssen: Hier lebten Matts Staffelkameradin Jennifer Jensen und ihre gemeinsame Tochter Ann sowie sein Freund Pieroo. Der Barbarenhäuptling und Jenny sind versteinert, von Ann fehlt jede Spur. Matt und Aruula machen sich auf die Suche nach ihr.

Als nach Wochen Aruula schwer erkrankt, werden sie von zwei Freunden geortet und mit einem Shuttle abgeholt: von Clarice Braxton und Vogler, zwei Marsianern, die Matthews Tachyonenstrahlung angepeilt haben. Matt Drax sieht in der Marsregierung einen potenziellen Verbündeten gegen den Streiter und will zusammen mit Aruula zum Mars fliegen, während eine Crew der Mondbesatzung die Suche nach Ann fortsetzt. An Bord der CARTER IV ist auch Hi’schi; ein Mutant, der in den Augen anderer jede Wunschgestalt annehmen kann.

Der Daa’mure Grao, der den Endkampf in Afra überlebt hat, ahnt nicht, dass „Mefju’drex“ die Erde verlassen hat. Als der Todesrochen Thgáan ihn birgt, macht er sich auf die Suche nach Drax. Sein erstes Ziel ist Aruulas Heimat, die 13 Inseln – wo er eine unverhoffte Läuterung erfährt.

Auf dem Mars angekommen, setzt man Aruula einen „Telepathieblocker“ ein. Wütend legt sie sich mit Chandra an, Matts verflossener Liebschaft. Während Matt die Marsianer über den Streiter informiert, benutzt sie Hi’schi, um Chandra eine Falle zu stellen. Dabei kommt der Mutant ums Leben, getötet von einer „Blaupause“, die ein junger Geistwanderer unter Missachtung des letzten Tabus aus dem Zeitstrahl geholt hat und die nach Lebensenergie giert, um sich in unserer Welt zu halten. Matt kann die junge Frau stoppen, wird dabei aber von ihr berührt.

Das Todesschiff

von Ronald M. Hahn

Januar 1945

Klirrende Kälte. Der Wind trieb dicke Schneeflocken vor sich her. Im Dunkel der Nacht lag die kleine Stadt friedlich und still unter einer weißen Decke.

„Herr Leutnant! Herr Leutnant!“

Friedrichsen klang besorgt. Hasso von Traven hob müde den Kopf. Er war seit einer halben Stunde wach, aber keineswegs ausgeschlafen. Hinter ihm lagen eine Schusswunde und fiebrige Zeiten in einem inzwischen abgebrannten Luftwaffen-Lazarett. Außerdem er hatte von Leonie geträumt. Obwohl sein Kopf gänzlich klar war, kehrte er nur langsam in die Wirklichkeit zurück.

„Was ist denn, Friedrichsen?“

Der Bootsmann schob den Kopf ins Zimmer. Das Gesicht unter dem Stahlhelm war schmal. Er hatte blaue Augen. Wenn Hasso je einen echten Arier gesehen hatte, dann in diesem Mann. „Wir müssen weiter, Herr Leutnant. Der Bürgermeister hat gerade die Evakuierung befohlen. Hier geht’s gleich rund, und wenn wir in dem Chaos nicht stecken bleiben wollen …“

Hasso schlug die Decken zurück. Dass er in dem kalten Raum nicht fror, lag daran, dass er in seinen Klamotten geschlafen hatte. Er dachte an seinen Marschbefehl und das Ziel, das Friedrichsen und er erreichen mussten: die Stadt Gotenhafen1). Dort wartete ein Schiff auf sie …

Hasso zog den Vorhang ein Stück beiseite. Der Mond schien bleich durchs Fenster. „Ist der Iwan schon im Anmarsch?“

„Jawoll, Herr Leutnant.“ Friedrichsen kam nicht herein, aber er nickte. „Hören Sie die Sirene nicht? Sie heult doch schon fünf Minuten!“

Hasso spitzte seine Ohren. Tatsächlich. Jetzt hörte er sie. Das Geräusch erinnerte an das Winseln eines geprügelten Hundes. Er hörte allerdings auch Stimmen. Und das Knirschen von Schritten auf der Straße. Menschen hasteten durch den rieselnden Schnee. Jemand, vermutlich eine ängstliche Mutter, rief „Peterle, Peterle!“ Ein bellender Hund wurde von einer unwirschen Stimme zum Schweigen gebracht.

Hasso schaute auf seine Armbanduhr. Es war 3:13 Uhr. Er fluchte leise. Obwohl er fünf Stunden geschlafen hatte, fühlte er sich wie gerädert.

Nun griff die Kälte an. Hasso betastete die verpflasterte Schulterwunde. Ihretwegen hatte er sich mehrere Wochen ausruhen können. Musste er ihr dankbar sein? „Was sagt das Thermometer?“

„Zwanzig Grad minus“, sagte Friedrichsen. „Wir haben heftigen Schneefall, und windig ist es auch.“

Hasso schüttelte sich. Draußen wehte der Wind Schnee auf und blies ihn den Menschen ins Gesicht.

Schatten huschten über die Straße. Sie gingen nach Westen. Die Menschen hatten es eilig. Sehr eilig. Viele zogen Schlitten hinter sich her, andere mühten sich mit Handwagen ab, was im Schnee nicht einfach war. Doch alle schleppten Rucksäcke, Koffer oder kleine Kinder. Genaues konnte er nicht erkennen, denn die Sicht wurde nun immer schlechter.

Er hatte auch keine Zeit, um näher hinzusehen.

Hasso packte seine Stiefel und zog sie an. Sein Mantel und sein Helm lagen am Fußende des Bettes auf einem kleinen Tisch.

Die Stadt brach auf. Bald würde sie leer sein. Dieser Ort war nicht der einzige in diesem kalten Land, der sich komplett auf den Weg nach Westen machte. Seit von Rotarmisten begangene Grausamkeiten an der Zivilbevölkerung Ostpreußens bekannt geworden waren, hatten sich gewaltige Flüchtlingstrecks nach Westen in Bewegung gesetzt. Wer der Roten Armee in die Hände fiel, sagte Herr Goebbels, musste mit Tod, Verschleppung oder Vergewaltigung rechnen. Die Marine hatte in der Ostsee achthundert Kriegs- und Handelsschiffe zusammengezogen. Eineinhalb Millionen Zivilisten und eine halbe Million Wehrmachtssoldaten sollten aus Ostpreußen, Pommern und Kurland nach Dänemark und Schleswig-Holstein evakuiert werden.

Der Kanonendonner schien aus weiter Ferne zu kommen, doch die Rote Armee war näher, als die Zivilisten ahnten. Und deswegen war Deutsch-Eylau nun auf den Beinen. Alle 14.000 Einwohner – und dazu unzählige ausgebombte Flüchtlinge aus dem Westen, die vor längerer Zeit hier Zuflucht gefunden hatten. Bisher hatte der Ort nur wenig vom Krieg gespürt, doch die russische Offensive vom 12. Januar hatte alles geändert: Panzer, Infanterie und Kampfflugzeuge waren in Ostpreußen eingefallen. Die Verteidiger hatten nur kurze Zeit Widerstand leisten können.

Hasso und Friedrichsen waren seit zwei Tagen unterwegs nach Westen. Wie lange würden sie noch brauchen, um nach Gotenhafen zu kommen? Der Gedanke an die eisige Winternacht erzeugte keine positiven Gefühle in ihm.

Es gingen so viele Gerüchte um … Alles sprach von der Blutspur, die die Panzer der Roten Armee hinterließen. Er hatte natürlich auch die schrecklichen Geschichten über den Ort Nemmersdorf gehört, der den Russen schon im vergangenen Jahr in die Hände gefallen war. Die Propaganda hatte von einem Blutbad gesprochen. Konnte man ihr glauben? Hasso traute Goebbels Propagandisten zu, dass sie solche grauenhaften Geschichten nur erfanden, um den Wehrwillen zu stärken. Andererseits … Die Kommissare der Roten waren keine Engel. Die Mehrheit der Preußen schien der Propaganda jedenfalls zu glauben: Niemand hier wollte in die Hände der Russen fallen.

Hasso selbst glaubte den Nazis nichts mehr. Er hatte ihnen von Anfang an nicht geglaubt. Wie lange war es her, dass der Oberkommandierende der Luftwaffe gesagt hatte, er wolle Meyer heißen, wenn es je einem alliierten Flugzeug gelänge, in den deutschen Luftraum vorzudringen?

„Ich geh dann schon mal runter“, sagte Friedrichsen.

„Ja, ja.“ Hasso nickte und band seine Stiefel zu. Ich hoffe, sie reißen dir den Arsch auf, Meyer, und erwürgen dich und deine Kumpane mit Klavierdraht. Für euch ist jede Kugel zu schade.

Hasso verließ das Zimmer. Aus den Nebenräumen drang Gemurmel an seine Ohren: Iwans Panzer standen angeblich schon vor der Stadt. In einer halben Stunde konnten sie hier sein. „Es geht ums nackte Überleben …“

Das Sirenengeheul wurde lauter. Hasso polterte die Treppe hinunter. In der unteren Etage brannte kein Licht. Stromausfall? In der Gaststube: Hektik. Menschen liefen von hier nach da. Gäste und Personal waren nicht zu unterscheiden. Die Eingangstür flog auf. Dicke Schneeflocken wehten herein. Jemand rief nach den Wirtsleuten. Eine Frauenstimme erwiderte: „Die sind längst weg!“ Menschen liefen an der Haustür vorbei. Ältere Männer. Eine schwangere Frau. Eine Horde lachender Halbwüchsiger, die all das wohl für ein tolles Abenteuer hielten. Kinder. Hasso hörte das ängstliche Wiehern von Pferden und das Knarren von Zaumzeug.

„Friedrichsen?“, rief er. „Sind Sie hier irgendwo?“

„Ja, Herr Leutnant“, kam Friedrichsens Stimme aus der Dunkelheit. „Ich bin hier – am Hinterausgang. Kommen Sie, schnell …“

Hasso hörte plötzlich das Knurren seines Magens. Er hätte jetzt gern mit einer Tasse Kaffee und einem belegten Brot an einem Tisch gesessen. Aber daraus würde nichts werden. Trotzdem zögerte er eine Sekunde, als er die Küchentür passierte. Friedrichsen stand vor der offenen Hintertür. Auf seinem Rücken ein prall gefüllter Tornister der Kriegsmarine. Als altes Frontschwein musste er natürlich wissen, wo man etwas zu Futtern organisieren konnte.

Hinaus! Hasso und Friedrichsen hasteten durch die Finsternis. Sie hatten den Kübelwagen am Abend zuvor in einem Stall geparkt.

In der Ferne das dumpfe Grollen der Geschütze. Weiße Flocken landeten auf Hassos Nasenspitze. Die schneidende Kälte biss in seine Ohren. Am Himmel glitzerten eiskalte Sterne. Als Schüler hatte Hasso sich oft gefragt, ob diese Sterne wohl Planeten hatten. Nun stellte er sich vor, auf einem Planeten zu leben, auf dem es warm und friedlich und der Frühstückstisch gedeckt war. Seine Phantasie zerplatzte, als explodierende Granaten den östlichen Horizont erhellten.

Der Stall war stockfinster. Es roch nach Pferden und Mist. Das Tor stand weit offen. Friedrichsen lief fluchend an der Wand entlang, fand aber keinen Lichtschalter. Ein vermummter Lulatsch, der den beiden Marinesoldaten mit einer Petroleumlampe entgegen kam, führte einen Gaul ins Freie.

Hasso schaute gedankenlos hinter dem Mann her. Erst als der Bootsmann den Motor anwarf, kam er zu sich.

In was für ’ne Scheiße bin ich da nur geraten?, dachte er. Warum bin ich 1936 nicht nach Los Angeles gegangen, als ich die Chance dazu noch hatte? Warum musste ich auf meinen Alten hören und zur Marine gehen?

Herr Leutnant?“

Hasso fuhr herum. Der Kübelwagen stand knatternd neben ihm, und die Wolken aus seinem Auspuff verpesteten die Welt. Friedrichsen hatte den Rucksack zu ihrer sonstigen Fracht nach hinten geworfen. Nun deutete er auf den Beifahrersitz. „Wir müssen uns sputen. Bei dem Schneefall brauchen wir mindestens zwei Tage.“ Sein Gesicht sagte: Falls wir unser Ziel überhaupt je erreichen.

Ja, ja …“ Hasso warf den Helm nach hinten und schwang sich in das Fahrzeug. Die Tür fiel ins Schloss.

Friedrichsen gab Gas. Sie fuhren hinaus. Der Stall verschmolz mit dem fallenden Schnee, der unter den Reifen knirschte.

Mein Gott, was wird nun aus unserem Land?, dachte Hasso. Was werden die nach der Kapitulation mit uns machen?

Dass die Alliierten siegen würden, bezweifelte er nicht. Ein Blinder konnte sehen, dass das Reich am Boden lag. Die Wehrmacht ging auf dem Zahnfleisch. Alles setzte sich ab. Der Arsch mit dem Zahnbürstenschnauz saß in Berlin in seinem Bonker und krakeelte jeden Tag in die Welt hinaus, der deutsche Landser werde bis zur letzten Patrone kämpfen. Außerdem sei es nur eine Frage von Stunden, bis die neuesten Wunderwaffen die Wende brächten.

Jawoll, mein Führer!

Hasso hätte gern gekotzt. Es lag aber nicht nur an seiner miesen Stimmung: Er hatte Autofahren noch nie gut vertragen. Schon gar nicht als Beifahrer. Mit leerem Magen war es noch schlimmer.

Als er sich zum Fenster hinauslehnen wollte, um frische Luft zu schnappen, klatschte Friedrichsen ihm ein Päckchen in die Hand. „Tut mir leid, Herr Leutnant. Ich hab’s ganz vergessen … Sie sind ja noch nüchtern. Essen Sie erst mal ’n Bütterken, dann wird’s Ihnen besser gehen …“

„Danke, Bootsmann.“ Hasso holte mehrmals tief Luft, und das Gefühl der Übelkeit wich. Es war ein angenehmes Gefühl, neben jemandem zu sitzen, dem man nicht gleichgültig war. Friedrichsen kam ihm oft wie der ältere Bruder vor, den er nie gehabt hatte.

Hasso biss mehrmals herzhaft von dem „Bütterken“ ab und spürte bald, dass er seine Zukunft nicht mehr ganz so schwarz und deprimierend sah. Dann fuhr der Kübelwagen durch eine Querrinne und machte einen Satz. Die Ladung auf dem Rücksitz rutschte nach vorn. Es war Aktenkram für den Kapitän des KdF-Schiffes Wilhelm Gustloff, der in irgendein Archiv gebracht werden sollte. Vermutlich interessierte sich im Kriegsministerium kein Schwein mehr dafür. Aber geheime medizinische Informationen über die Magengeschwüre und Psychosen deutscher Marineoffiziere durften dem Iwan halt um keinen Preis in die Hände fallen.

Die Häuser und Menschen von Deutsch-Eylau verschwanden hinter ihnen in der Nacht. Der Himmel wurde zum Universum. Die sich im Licht der Scheinwerfer vor ihnen ausbreitende Landstraße schien endlos zu sein. Bootsmann Friedrichs brauste an Strommasten und Tannen vorbei und pfiff Lili Marleen.

Das ständige Buff-Buff! der Geschütze hinter ihnen wurde lauter. Bald beeinflusste es Hassos Denken. Er dachte an seinen letzten unpathetischen Abschied zu Hause. Er hatte seine Eltern seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Wie mochte es jetzt wohl auf dem Gut seiner Familie aussehen? Waren die Pferde noch da oder hatte man sie eingezogen? Waren die Leute noch da oder marschierten sie jetzt mit dem Volkssturm gegen einen Gegner, den man nicht mehr besiegen konnte?

Sein Vater war ein hochkarätiger Wissenschaftler, der gewisse Privilegien genoss. Blödsinnigerweise hatte er dem westpreußischen Gauleiter des Öfteren mitgeteilt, was er von seinen ungehobelten und ungebildeten Lakaien auf dem Lande hielt. Da war es nicht auszuschließen, dass der eine oder andere gerüffelte Parteigenosse nur darauf wartete, dem „Adelspack“ die Zähne zu zeigen und zu beschlagnahmen, was zu beschlagnahmen war.

Die Zeiten waren hart, die Lage kaum überschaubar. Vermutlich nutzten nun manche Menschen die Gunst der Stunde, um sich an jenen zu rächen, die ihrer Karriere bisher im Weg gestanden hatten.

Sein Vater hatte viele Nazis vor den Kopf gestoßen. Wer dem Herrn Professor und seinem Rittergut schaden wollte, brauchte ihm nur das Personal zu nehmen: Ein Unternehmen wie das seine musste ohne Fachkräfte untergehen.

Buff! Buff! Buff!

Friedrichsen fluchte. Hasso spürte das Beben des Bodens.

Die Einschläge kamen näher. Doch für Angst hatte er keine Zeit. Er hätte gern gewusst, wie nahe ihnen die Panzer der Roten Armee schon waren, aber für sein Seelenheil war es wohl besser, nach vorn zu schauen.

Sie holten die ersten Flüchtlinge ein: von Menschen und Pferden gezogene Handkarren und Leiterwagen, auf denen sich Kinder und Möbel türmten. Alle bemühten sich redlich, im Schnee voranzukommen. Wenn ein Gaul stürzte, war es für die Nachfolgenden erst mal aus: Wer zum Hindernis wurde, wurde von den Menschen nicht mehr toleriert.

Die Schlange war lang. Hasso atmete auf, als sie an ihr vorbei waren. Schließlich erreichten sie die Chaussee zur Kreisstadt Rosenberg. Tausende waren hier unterwegs: Frauen jeden Alters, Greise, Kinder, Kranke. Und auch Soldaten, einzeln oder in kleinen Gruppen. Alle wollten sich in Sicherheit bringen.

Die Straße und das Elend nahmen kein Ende. Sie passierten tote Pferde, Hunde, Schafe und Hühner. Dann und wann kamen sie an einem umgekippten Leiterwagen vorbei, dessen Ladung sich über die Straße ergossen hatte. Die Menschen, die dazugehörten, luden sich auf die Schultern, was sie tragen konnten, und gingen dann zu Fuß weiter. Neidische Blicke musterten den müden Marineoffizier und seinen Fahrer. Wie gut sie es doch hatten! Sie konnten sich von einer knatternden Maschine übers Land tragen lassen. Die Menschen taten Hasso leid. Hin und wieder fragte er sich auch, wie viele dem Führer früher zugejubelt hatten. Kriegten sie nun ihre gerechte Strafe?

Und was erwartet mich? Hasso knirschte mit den Zähnen. Sein Blick fiel auf eine erschöpfte junge Frau mit blondem Haar, die am Straßenrand auf ihrem Gepäck saß und ihn aus traurigen blauen Augen anschaute. Schon waren sie an ihr vorbei. Erneut fühlte sich Hasso an Leonie erinnert. Sie war die beste Freundin seiner Schwester gewesen, fünf Jahre älter als er und deswegen für ihn unerreichbar. Seit seinem elften Lebensjahr spukte sie in seinem Kopf herum. Hasso hatte sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen, und doch verging kein Monat, in dem er nicht wenigstens einmal voller Wehmut an sie dachte. Stand ihm ein Urteil über sie zu?

Plötzlich spürte er die Kälte im Inneren des Wagens doppelt stark. Es war wohl besser, wenn er sich kein Urteil über Leonie anmaßte. Noch nicht. Auch wenn sie ein Nazi war.

„Ich glaub, da vorn ist die Treckspitze“, sagte Bootsmann Friedrichsen. Sie fuhren an einem schwer beladenen Leiterwagen vorbei. Vier starke Gäule zogen ihn. Hasso drehte sich um. Er sah Gesichter, die ihm vage bekannt vorkamen. Nachbarn? Bevor ihm einfiel, wer sie vielleicht waren, waren sie an ihnen vorbei.

Sie brachten Kilometer für Kilometer hinter sich. Dann wich das Schwarz der Nacht. Der Himmel ergraute. Sie holten einen weiteren Treck ein. Hunderte von Menschen wanderten bleich und spitznasig durch die verschneite Landschaft. Schließlich hörte es auf zu schneien, doch die Welt blieb grau, denn die Sonne wollte nicht aus ihrer Deckung kommen.

Sehr schlau, dachte Hasso. Sein Blick wanderte zum noch immer sichtbaren Mond hinauf. Irgendwo hatte er die irre Theorie aufgeschnappt, der Mond bestünde aus grünem Käse. Der Gedanke erinnerte ihn daran, dass er alles andere als satt war.

Wie aufs Stichwort fing sein Magen wieder an zu knurren.

Friedrichsen schaute vom Steuer herüber. „Sie haben wohl Hunger, Herr Leutnant …“

Hasso seufzte. „Ich schäme mich nicht, es zuzugeben, Friedrichsen. Obwohl Ihr Bütterken wirklich lecker war, war es doch nur etwas für den hohlen Zahn.“

Friedrichsen lachte, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „So wenig ein Soldat sich entschuldigt“, gab er zurück, „lobt er seinen Vorgesetzten.“

Hasso sah, dass es dem Bootsmann nicht leicht fiel, sein Pokergesicht beizubehalten. „Aber ich muss Ihnen sagen, dass es mir wirklich eine Freude ist, Sie zu fahren. Sie sind nicht nur pflegeleicht, Sie knöttern auch nie.“

Knöttern? Hasso kannte das Wort nicht, nahm aber an, dass es dem hochdeutschen Murren entsprach. „Danke.“

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