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Maddrax - Folge 265

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Das letzte Tabu
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Roman im Roman
  8. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Rätselhafte Todesfälle ereignen sich im postapokalyptischen Euree: Menschen versteinern durch eine unbekannte Macht, die man die „Schatten“ nennt. Schon zwei Mal sind Matt und Aruula auf Versteinerte gestoßen, bevor sie auch in Irland diese schrecklich Entdeckung machen müssen: Hier lebten Matts Staffelkameradin Jennifer Jensen und ihre gemeinsame Tochter Ann sowie sein Freund Pieroo. Der Barbarenhäuptling und Jenny sind versteinert, von Ann fehlt jede Spur. Matt und Aruula machen sich auf die Suche nach ihr.

Als nach Wochen Aruula schwer erkrankt, werden sie von zwei Freunden geortet und mit einem Shuttle abgeholt: von Clarice Braxton und Vogler, zwei Marsianern, die Matthews Tachyonenstrahlung angepeilt haben. Matt Drax sieht in der Marsregierung einen potenziellen Verbündeten gegen den Streiter und will zusammen mit Aruula zum Mars fliegen, während eine Crew der Mondbesatzung unter Tartus Marvin Gonzales die Suche nach Ann fortsetzt. An Bord der CARTER IV, die dank neuer Antriebe die Reise in drei Monaten absolvieren will, ist – betäubt – auch ein Mutant, der auf einer philippinischen Insel entdeckt wurde und der in den Augen anderer jede Wunschgestalt annehmen kann.

Der Daa’mure Grao, der den Endkampf in Afra überlebt hat, ahnt nicht, dass „Mefju’drex“ die Erde verlassen hat. Als der Todesrochen Thgáan ihn birgt, macht er sich auf die Suche nach Drax. Sein erstes Ziel ist Aruulas Heimat, die 13 Inseln – wo er eine unverhoffte Läuterung erfährt.

Währenddessen droht der CARTER IV die Vernichtung! Ein Kleinstmeteorit hat Außenhülle und Reaktor durchschlagen, tödliche Strahlung tritt aus! Die Rettung bringt ein Wesen, das innerhalb des Schiffs eine Art „Holodeck“ etabliert und mit dem Matt Drax zur Zeit des Unfalls verbunden ist. Ohne es zu wissen, wird sein Traum von Aruula beeinflusst, um zwei Bleiplatten zu erschaffen, die das Reaktorleck abdichten. Nur darf Matt nicht aufwachen, bevor der Mars erreicht ist, denn sonst würden sich die Platten in Nichts auflösen …

Das letzte Tabu

von Manfred Weinland

Das Schiff sank herab aus dem All. Es kam aus dem Reich der Sterne und der schwarzen Strömungen, der schimmernden Bewegungen und lautlosen Abgründe. Es war ein neues Schiff, den Bauch voller Feuer und Menschen in Metallzellen, und es bewegte sich ruhig und exakt, feurig und warm.

Ray Bradbury, Die Mars-Chroniken

Über dem Mie-Krater ging die ferne Sonne auf. Sie warf Schatten, die wie dürre Finger nach Graulicht tasteten. Er bemerkte es nicht, weil seine Augen geschlossen waren, seine körperlichen zumindest, und sein Geist sich auf eine Wanderung begeben hatte, wie sie nur wenige Marsianer beherrschten: die Reise in den Zeitstrahl.

Es war eine Welt in der Welt, und Graulichts Geist tauchte in sie ein, als würde er eine unfühlbare Membran durchstoßen, die als Grenze zwischen den beiden Realitäten fungierte. In dem Moment, da er die Schwelle überschritt, war die Umgebung, die ihn förmlich in sich einsog, für ihn ebenso „wirklich“ wie das Kontinuum, in dem sein Körper zurückgeblieben war. Seiner lebendigen Hülle blieb die Erfahrung versagt, den Zeitstrahl zu durchreisen, der sich seit Hydreegedenken als glitzernde Säule in den blassrosa Himmel bohrte. Nur wer den Mars tatsächlich verlassen wollte, überantwortete sich mit Seele und Leib dem Wunder der Alten.

Vorsichtig widmete sich Graulicht seiner Umgebung. Er war das Wagnis dieser Strahlwanderung aus freien Stücken eingegangen, und auch wenn seine Weihe erst wenige Marswochen zurücklag, hatte er doch bereits genug Erfahrung gesammelt, um sich allein im Strahl behaupten zu können.

Graulicht hatte seit frühester Jugend ein Faible für Mysterien. Es war vermutlich diese Triebfeder gewesen, die ihn zu einem Mitglied jener elitären Gruppe von Waldleuten hatte werden lassen, die in der Lage waren, ihren Geist vom Körper abzuspalten und auf Reisen zu schicken.

Die immaterielle Brücke, die Mars und Erde miteinander verband, war über die Zeitalter zu einem riesigen Museum geworden. Unvergänglich und für die Ewigkeit konserviert trieben die Abdrücke dessen und derer darin, die jemals physikalisch den Strahl durchquert hatten.

„Blaupausen“ nannten die Städter diese nie verwehenden Spuren. Es waren Imprints, Momentaufnahmen, die den Strahl aus eigener Kraft nie mehr verlassen konnten. Graulicht hatte in der kurzen Zeit, seit er zum Weltenwanderer geweiht worden war, bereits eine immense Zahl von „Geistern“ geschaut. Die meisten waren hydreeischen Ursprungs, aber hin und wieder mischten sich auch Menschen dazwischen.

Oder Objekte, die ihn in ihren Bann zogen.

Eigentlich waren es immer die Dinge, die seine Neugier schürten. Und so ließ er auch bei diesem Besuch die wie eingefroren herumschwebenden Gestalten, die einmal aus Fleisch und Blut gewesen waren, außen vor, registrierte sie fast beiläufig.

Inmitten des Zwielichts schälten sich die Umrisse eines enormen Gebildes heraus. Es war ein Flugzeug von gewaltigen Ausmaßen, das da vor ihm in der schlauchartigen Weite dieses Kosmos trieb. Von außen betrachtet war der Zeitstrahl an seiner Austrittsstelle im Mie-Krater kaum dicker als zwei Meter im Durchmesser. Doch auf seiner langen Reise durch das All weitete er sich aus, mehr und mehr, bis er an seinem Zielort, der Erde, schließlich eine Stärke von fast zweihundert Metern aufwies.

Groß genug, um einen Jet wie diesen, der das Pech hatte, irgendwann die Bahn des Phänomens zu kreuzen, vollständig in sich aufzunehmen. Die Maschine selbst hatte den Strahl längst verlassen, war in einer fernen Zukunft wieder zum Vorschein gekommen, aber ihr Abdruck war hier im Strahl auf ewig gespeichert – zumindest solange man ihn nicht abschaltete.

Graulicht merkte kaum, wie er selbst Fahrt aufnahm und auf die unerwartete Entdeckung zuhielt. Wenig später – ein subjektiver Zeiteindruck, der in dieser Sphäre nichts bedeutete – erreichte der Geistwanderer die verfälscht wahrnehmbare Hülle des Fliegers.

Blaupausen waren nicht identisch mit dem Original. Die Farben waren andere, die scheinbare Festigkeit des Materials entlarvte bereits ein flüchtiger Blick als Täuschung. Einem Spuk ähnlicher als etwas Echtem präsentierte sich alles, was in diesem Medium eingesperrt dahintrieb.

Oder war „treiben“ bereits die falsche Vokabel? Wahrscheinlich bewegte sich nur der Geist des Wanderers. Die Objekte und Subjekte hingen eher wie festgefroren im dunstigen Atem einer unfassbaren Technologie.

Graulicht hielt sich nicht lange mit der Betrachtung des Jets auf. Er durchglitt die Flugzeugwandung …

… und fand sich unversehens im Passagierbereich wieder.

Auch hier war alles erstarrt, alles in der Bewegung eingefroren, jede Nuance der etwa dreihundert Mienenspiele. So viele Insassen hatte das Flugzeug.

Langsam glitt sein Geist den Gang zwischen den beidseitigen Sitzreihen hindurch. Mehr denn je fühlte sich Graulicht in die Momentaufnahme der verschiedenen Schicksale hineingezogen, die sich ihm hier präsentierten, ohne dass die einzelnen Figuren ihn wahrnehmen oder in eine Interaktion mit ihm treten konnten.

Für einen Moment kam er sich gottähnlich vor. Ihn schauderte, als er an das Mögliche dachte … das doch unmöglich war, weil es den ehernen Kodex der Weltenwanderer verletzt hätte.

Er schüttelte den wirren Gedanken ab, erlaubte ihm nicht einmal, richtig an die Oberfläche seines Bewusstseins zu steigen.

Auf den Gesichtern der meisten Passagiere sah er Verzweiflung, Todesangst. Sie mussten das Unheil kommen gesehen haben. Vielleicht hatte das Bordpersonal sie vorgewarnt, dass sie geradewegs in etwas Unerklärliches hineinsteuerten, eine Anomalie, von der niemand hier die wahre Natur auch nur hatte ahnen können …

Vielleicht.

Ebenso gut konnten sie völlig überrascht worden sein und die Grimassen erklärten sich aus dem winzigen Moment des Übergangs, in dem das Flugzeug eingetaucht war in die Welt des Strahls.

Zum ersten Mal, seit er in den Jet eingetaucht war, bereute er es, seiner Neugierde gefolgt zu sein. Mit dieser für die Ewigkeit konservierten Tragik hatte er nicht gerechnet, obwohl er es hätte voraussehen müssen.

Er widerstand der Versuchung, mit seiner Geisthand über das tränennasse Gesicht eines Kindes zu streichen. Er hätte ihm keinen Mut zusprechen, keinen Trost spenden können. Er fragte sich, was aus dem Jungen geworden war nach dem Durchqueren des Strahls. Was aus all denen, die ihn umgaben.

Wahrscheinlich war die Maschine nach Verlassen des Strahls abgestürzt. Wahrscheinlich hatte es keine Überlebenden gegeben.

Graulicht spürte, wie er den Mittelgang des Jets entlang jagte. Als hätte ihn das Grauen, das ihn gerade übermannte, wie ein Katapult beschleunigt.

Er fasste sich wieder, bremste jäh ab. Das im Zeitstrahl typische Zwielicht war allgegenwärtig und malte die Linien der Verzweiflung auf den Gesichtern der Passagiere nach.

Graulicht überlegte, ob er die Maschine und den Strahl nicht besser verließ. Für diesmal zumindest. Aber genau in diesem Moment streifte sein Blick … sie.

Und ohne dass er es zunächst bemerkte, war es um ihn geschehen.

Sie saß da, als wäre sie kein ursprünglicher Bestandteil dieses „Gemäldes“, in dem alle Konturen wie mit einem fluoreszierenden Tuschestift nachgezogen aussahen, sondern ihm nachträglich beigefügt worden.

Sie war in ein schlichtes beigefarbenes Kostüm gekleidet, dessen Jackett die Wölbungen ihrer zarten Brüste erkennen ließ. Aber diese Attribute streifte Graulichts Blick nur. Wirklich angezogen wurde er vom Gesicht der jungen, sehr schlanken Frau, die in ihrer Statur, was Größe und Grazie anging, fast an eine Marsianerin heranreichte. Was ihr fehlte, war die für alle Marsbewohner typische, im Laufe der Jahrhunderte zur Normalität gewordene Pigmentierung der Haut, die sich streifenartig auch über die Gesichtszüge legte.

Ein bizarrer Gedanke bettelte förmlich darum, unterdrückt zu werden, doch Graulicht ließ ihn zu. Er stellte sich vor, wie es wäre, diese reine Leinwand zu bemalen, sodass sie dem marsianischen Ideal nahe käme.

Er wusste nicht, wie lange er die gespenstisch schöne Frau nur anstarrte. Sie trug ihr Haar glatt bis unter die Ohrläppchen fallend; es war in Stufen geschnitten und sah aus wie gerade erst frisch frisiert. Was ihn aber am meisten wunderte und vielleicht auch seinen Blick erst auf sie gelenkt hatte, war, dass sie völlig entspannt und mit geschlossenen Augen dasaß.

Konnte es wirklich sein, dass sie schlief? Je länger Graulicht sie anstarrte, desto mehr Details glaubte er erkennen zu können. Irgendwie wurde sie unter seinem Blick wirklicher als die anderen Opfer des Zeitstrahls, der sich ihre seltsam verfälschten Abbilder aufbewahrte, als wäre er ein Sammler, der sich nahm, was immer er bekommen konnte.

Über die Äonen war diese obskure Sammlung auf eine kaum noch überschaubare Zahl von Einzelobjekten angewachsen. Graulicht hatte bei seinen wenigen Besuchen bislang nur einen Bruchteil dessen geschaut, was dieser Mikrokosmos tatsächlich bereithielt.

Aber etwas an dem, was er gerade schaute, überlagerte sein Interesse an allem anderen. Er erschrak regelrecht, als ihm bewusst wurde, wie fokussiert auf das Bild dieser einen Person er war.

Hatten seine Lehrmeister ihn nicht oft und nachhaltig genug davor gewarnt, die Kontrolle über seinen ureigenen und freien Willen zu verlieren? Es sollte Fälle gegeben haben, in denen sich Geistwanderer in den labyrinthischen Weiten des Strahls verirrt und nie mehr nach Hause gefunden hatten. Ihre körperlichen Hüllen waren binnen weniger Tage als geistlose Kokons abgestorben, als hätte ihr Organismus den dauerhaften Verlust der Seele nicht verkraftet …

Auch wenn Graulicht nicht wusste, was von solchen Geschichten zu halten war, hatte er doch an sich gespürt, dass sie ihren Zweck erfüllten: Mit äußerster Vorsicht und Selbstdisziplin war er bisher in den Strahl eingetaucht.

Warum also ließ er sich ausgerechnet heute so gehen? Vor ihm saß eine Frau – na und? Sie war für eine Nicht-Marsgeborene unglaublich grazil und groß gewachsen – eine Seltenheit, wenn man die höhere Schwerkraft der Erde bedachte. Aber das erklärte nicht, warum Graulicht in ihrer Nähe die simpelsten Verhaltensmaßregeln in den Wind schlug.

Mäßige dich. Hör auf, sie so anzustarren!

Er hatte das Gefühl, gegen unsichtbare Fesseln ankämpfen und sich von ihnen befreien zu müssen, als er sich kurzerhand aus der Flugzeugkabine zurückzog.

Eine Weile trieb sein Geist in Sichtweite des Giganten. Aber schon bald erlag er wieder der Versuchung, den Jet aufzusuchen. Es bedurfte nur eines Gedankens, und schon durchglitt er abermals die Außenwand des Flugzeugs.

Aus den Büchern der BRADBURY wusste Graulicht, was die ersten Siedler des Mars unter „Hölle“ verstanden hatten. Sie bedeutete für jeden im Detail etwas anderes, doch ein jeder brachte mit ihr die Trostlosigkeit eines abstoßenden, von völliger Hoffnungslosigkeit geprägten Ortes in Verbindung.

Manchmal empfand Graulicht den Kosmos des Strahls als Hölle. Für alles, was hier trieb, hatten die Worte Hoffnung oder Zukunft jede Bedeutung verloren. Hier existierte nur noch der Nachhall von Ereignissen, die mal mehr, mal weniger bedeutsam für das betroffene Individuum gewesen waren. Hier gab es die Imprints bloßer Reisender, die den Strahl als Transportmittel benutzt hatten, ebenso wie die nie verwehenden Spuren Verdammter, die der Strahl ins Verderben gerissen hatte – gegen ihren Willen und ohne Aussicht auf ein glückliches Ende.

Als er bei der schönen Schlafenden ankam, fragte er sich sofort wieder, welches Leben sie für immer verloren haben mochte. Woher kam sie, wohin hatte sie gewollt?

Es ist bedenklich. Du solltest umgehend einen Heiler konsultieren. Oder einen Mediker der Städter, der Maschinen hat, um die Funktionstüchtigkeit deines Gehirns zu prüfen. Irgendetwas läuft hier schief. Der Anblick dieser Frau stößt Gedanken in dir an und löst Gefühle aus, die du dringend einer Klausur unterziehen musst!

Er wusste, dass die mahnende Stimme seines Unterbewusstseins nichts anderes sagte als die nackte Wahrheit. Er benahm sich seltsam, er dachte seltsam, und er fühlte seltsam.

Er musste den Rückzug antreten, musste erst wieder mit sich selbst ins Reine kommen, bevor er das nächste Mal das Wagnis einer Weltenwanderung auf sich nahm …

Die Vernunft obsiegte.

Obwohl er wieder das Empfinden hatte, erst reale Widerstände niederkämpfen zu müssen, ehe er sich aus dem Flugzeug lösen konnte.

Fast panisch floh sein Geist zurück in seinen Körper. Es war eine Tortur, sich dort wieder zurechtzufinden. Auf nie zuvor erlebte Weise stand er immer noch neben sich, als er aus der gesicherten und dem normalen Publikumsverkehr unzugänglichen Zone des Mie-Kraters wankte und alle Fragen nach seiner Befindlichkeit abwiegelte.

Erst als er neben Lobsang, seinem besten Freund, in den gemieteten Gleiter stieg, wich die Spannung, die ihn bis dahin aufrecht gehalten hatte, aus seinem Körper. Er sackte regelrecht in sich zusammen.

„Grau!“, hörte er Lobsang rufen.

Dann verwischten Töne und Konturen, und er fand den ersehnten Frieden in einer tiefen Ohnmacht.

11. April 2526, Raumschiff CARTER IV

Aruula erwachte … und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Mit ihr. Mit dem Schiff, auf dem sie sich befand.

Die Stille lag wie eine bleierne Haut auf allem, was das Auge erfasste.

Verstört richtete sich die Barbarin auf. Sie erinnerte sich gut daran, wie ihr Bett, in dem sie sich schlafen gelegt hatte, ausgesehen hatte. Das geträumte Bett, wie Maddrax es sich vorstellte, denn sie befanden sich nach wie vor in der Traumkammer der CARTER IV – und somit in dem Trugbild eines Privatbunkers irgendwo in den USA, wie man Meeraka früher genannt hatte.1) Das Gebilde, in dem sie jetzt zu sich kam, hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit jenem Bett. Wie die Ranken eines monströsen Rosenstrauchs hatten sich Dornenfesseln darum geschlungen. Aruula konnte sich nicht einmal aufrichten, weil sich dann Metallzähne in ihre Haut und in ihr Fleisch gegraben hätten. Stacheldraht, so dick wie ein Daumen, hatte einen irrwitzigen Kokon um Aruula geflochten.

„Maddrax …?“

Durchlebte er gerade einen Albtraum, der ihr Umfeld so schrecklich verändert hatte? Glaubte er sich zurück am Uluru, wo er mit Daa’tan kämpfte und von Dornenranken eingesponnen wurde?

Eigentlich, so hatte Clarice Braxton versichert, sollte er in seinem „Schlafschlaf“ – Aruula hatte dem bizarren Zustand, wenn Maddrax in seinem Traum einzuschlafen glaubte, diesen Namen gegeben – gar nicht träumen können. Aber was sonst hätte diese Veränderung bewirken sollen?

Aruulas Stimme schien von dem schwarzen Gespinst aufgesogen und vollständig absorbiert zu werden. Sie vermochte nicht einmal ihren eigenen Herzschlag zu hören, und wahrscheinlich hatte sie sich nur eingebildet, dass ein vernehmlicher Ruf nach dem Geliebten über ihre Lippen gekommen war. Nicht nur jedes Geräusch, sondern auch alles, was sich in ihrem Gedächtnis befand, schien von dem Geflecht aufgesogen zu werden.

Ich träume das, nicht Maddrax! Das kann nicht die Realität sein!, schoss es ihr durch den Kopf, und sie klammerte sich an den Gedanken. So fest, dass sie sich auf seltsame Weise zwingen konnte, es selbst zu glauben.

Die Dornen lösten sich von ihr. Rückstandslos verschwanden sie in den unsichtbaren Knospen, aus denen sie zuvor gewuchert waren. Der kleine Bunkerraum gewann seine Normalität zurück. Zumindest entdeckte Aruula keine Unstimmigkeiten mehr, außer natürlich …

„Maddrax? Bei Wudan, wo bist du?“

Er war verschwunden!

Was völlig unmöglich war. Denn er war außer ihr selbst das Einzige hier in dieser Traumwelt, was Bestand hatte. Würde er erwachen, wäre die Mannschaft der CARTER IV dem Tode geweiht. Denn nur zwei massive Bleiplatten, die der Traumkrake für Maddrax „hergestellt“ hatte, hielten die tödliche Strahlung zurück, seit ein Kleinstmeteorit ein Loch in den Schiffsreaktor geschlagen hatte.

Nur wenn Maddrax seinen Traum bis zum Ende der Reise – bloß noch ein paar Tage, Wudan sei Dank! – fortsetzte, würden die Bleiplatten weiterhin stofflich bleiben. Deshalb war Aruula hier in der Kammer bei seinem Traumkörper: um ihren Gefährten in dem Glauben zu bestärken, dass außerhalb des Bunkers eine radioaktive Wolke vorüber zog und sie hier ausharren mussten

Aruula schwang sich so beherzt von der Liege, als fürchte sie die Rückkehr der Stacheln. Auf dem kleinen Tisch an der gegenüberliegenden Wand schimmerte anderer Stahl – der ihres Schwertes. Sie griff danach, huschte zur Tür, die sich bereitwillig vor ihr öffnete.

Moment mal …

Sie hatte ihr Schwert nicht mit in den erträumten Bunker genommen – die Waffe war wie Maddrax’ Driller und der leergeschossene Kombacter beim Kommandanten unter Verschluss –, und der einzige Ausgang war eine Schleusentür an der Decke des Raumes! Hier stimmte noch viel mehr nicht, als sie bislang gedacht hatte!

Hatte sich Maddrax diese Tür erträumt und war weiter ins Raumschiff vorgedrungen? Möglich war es, seitdem die Abschirmung der Traumzone bis zum Reaktor hin erweitert worden war.

Verwirrt und aufs Höchste alarmiert, huschte Aruula auf nackten Sohlen in den matt erhellten Gang jenseits der Traumkammer. Hier war alles wie immer.

Fast.

Die erste Leiche lag gleich hinter der nächsten Korridorbiegung. Eine Frau: Clarice Braxton. Sie lag da in absurder Pose, mit weit aufgerissenen Augen, die Hände um die eigene Kehle geschlossen – nicht wie jemand, der keine Luft mehr bekommt und sich an den Hals fasst, sondern wie jemand, der sich selbst erwürgt hatte.

Kopfschüttelnd kniete Aruula neben der Marsianerin nieder und vergewisserte sich, dass der erste Eindruck nicht trog. Aber der fehlende Puls bestätigte: Es war kein Leben mehr in der großen schlanken Frau, die zusammen mit Vogler ein paar Jahre auf der Erde verbracht hatte, um die dortigen Gegebenheiten zu studieren. Nun würde sie keinem mehr von ihren Erfahrungen berichten können.

Aruula erhob sich. Echte Trauer über den Tod der Frau suchte sie vergebens in sich, und das erschütterte sie mehr als der Fund selbst. Dennoch setzte sie ihren Weg fort.

Vogler lag nur unweit von Clarice entfernt. Auch der Marsianer war tot, aber es war offenkundig, dass er nicht selbst Hand an sich gelegt hatte. Sein Leib sah aus wie geborsten, wie unter einem schrecklichen inneren Druck auseinander geplatzt. Ein furchtbarer Anblick, und doch …

Aruula war jetzt überzeugt, dass ihr Gang durch das Schiff nicht wirklich stattfand. Das hier war ein Traumgespinst; wenngleich sie nicht sagen konnte, ob ihr eigenes oder das des träumenden Maddrax.

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