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Maddrax - Folge 263

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Von Menschen und Echsen
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
  19. Leserseite
  20. Zeittafel
  21. Roman im Roman
  22. Die MADDRAX-Galerie
  23. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Rätselhafte Todesfälle ereignen sich im postapokalyptischen Euree: Menschen versteinern durch eine unbekannte Macht, die man die „Schatten“ nennt. Schon zwei Mal sind Matt und Aruula auf Versteinerte gestoßen, bevor sie auch in Irland diese schrecklich Entdeckung machen müssen: Hier lebten Matts Staffelkameradin Jennifer Jensen und ihre gemeinsame Tochter Ann sowie sein Freund Pieroo. Der Barbarenhäuptling und Jenny sind versteinert, von Ann fehlt jede Spur. Matt und Aruula machen sich auf die Suche nach ihr.

Als nach Wochen Aruula schwer erkrankt, werden sie von zwei Freunden geortet und mit einem Shuttle abgeholt: von Clarice Braxton und Vogler, zwei Marsianern, die Matthews Tachyonenstrahlung angepeilt haben. Matt Drax sieht in der Marsregierung einen potenziellen Verbündeten gegen den Streiter und will zusammen mit Aruula zum Mars fliegen, während eine Crew der Mondbesatzung unter Tartus Marvin Gonzales die Suche nach Ann fortsetzt. An Bord der CARTER IV, die dank neuer Antriebe und günstiger Planetenkonstellation die Reise in nur drei Monaten absolvieren will, ist – betäubt – auch ein Mutant, der auf einer philippinischen Insel entdeckt wurde und der in den Augen anderer jede Wunschgestalt annehmen kann. Der Flug gerät durch einen Unfall in tödliche Gefahr, die nur Matt Drax abwenden kann, weil er zu diesem Zeitpunkt schlafend mit einem „Traumkraken“ verbunden ist – eine Art Holodeck, auf dem er das passende Reparaturteil „erträumen“ kann, so aber bis zum Ende der Reise in der Traumkammer bleiben muss.

Währenddessen holt Matts Freund Rulfan, der in Schottland geblieben ist, die Vergangenheit ein: Seit fünf Jahren schon ist eine als Killerin ausgebildete junge Frau auf seiner Fährte, die in ihm einen Engel sieht und sich ihm unterwerfen will. Daran hat Rulfan, frisch verliebt in die Tochter des Verwalters seiner Burg, jedoch kein Interesse. Es kommt zu dramatischen Ereignissen, in denen Ninian mörderisch wütet, bis sie ihren Irrtum erkennt und wieder verschwindet.

VON MENSCHEN UND ECHSEN

von Michael M. Thurner

Absolute Dunkelheit umfasste ihn. Undurchdringlich.

Er musste auf andere Sinnesempfindungen zurückgreifen. Er roch Verwesung, er schmeckte Feuchtigkeit, und er hörte kleine Beinchen, die sich durch Geröll und Erde auf ihn zu bewegten.

Er versuchte einen Finger zu bewegen. Es gelang unter großen Schwierigkeiten.

Er lag bewegungslos und eingequetscht unter Tonnen von Gestein und wartete darauf, dass sein Lebensfunke erlosch. Unter anderen Umständen hätte er dieses Ende begrüßt. Doch in ihm glomm ein Feuer, das nicht erlöschen wollte.

Krabbeltiere und Gewürm erreichten ihn. Noch zögerten sie, aber es würde nicht allzu lange dauern, bis sie über ihn herfielen und ihn bei lebendigem Leib auffraßen …

1.

Man hatte ihn verletzt. Das Gefühl in seinem Flügel war unangenehm. Andere Wesen hätten es als Schmerz bezeichnet, doch für ihn stellte es lediglich eine Irritation dar, eine Einschränkung seiner körperlichen Möglichkeiten.

Ein weiterer Umstand trug zu seiner Verwirrung bei: das Gefühl, erneut den Halt verloren zu haben.

Erst hatte Thgáan, ab dem Beginn seines Lebenszyklus, die Wünsche seiner Herren erfüllt. Stets war er zur Stelle gewesen, wenn man ihn brauchte, und hatte als zuverlässiger Diener all ihre Befehle befolgt.

Dann hatte er in den Jahren und Jahrzehnten allmählich eine Persönlichkeit entwickelt, eigene Entscheidungen getroffen und eigene Wege beschritten. Doch bald musste er erkennen, dass er dazu nicht geschaffen war. Ihm fehlte die Sicherheit, sich unterordnen zu können. So hatte er nach einer Phase des Forschens und der Eintönigkeit wieder Kontakt zu seinen Herren gesucht. Und war abermals enttäuscht worden, als die Daa’muren sich von diesem Planeten absetzten und ihn zurückließen.

Wieder war Zeit vergangen, in der niemand mehr da war, um ihm Anweisungen zu erteilen, seinem Dasein einen Sinn zu geben. Und als er schon keine Hoffnung mehr hatte … fand er Grao’sil’aana, einen der letzten Herren auf dem Planeten, und unterstellte sich freudig seinem Befehl.

Bis ihm auch dieser Halt genommen wurde. Von einem Primärrassenvertreter, der eine Höhle einstürzen ließ, in der Grao’sil’aana sich aufhielt.1)

Thgáan ging tiefer. Er ließ sich treiben und fühlte die Winde, die seinen Körper umschmeichelten.

Was sich bislang als verwirrendes Muster grünbraunweißblauer Einheiten dargestellt hatte, löste sich in Flecken von Wäldern, Seen, Steppen und eisgekrönten Bergwipfeln auf. Die Menschen nannten diese Landmasse Afra. Die Wunde an seinem Flügel vernarbte und heilte, und irgendwann verschwand der Gedanke an die Schmerzirritation aus seinem Bewusstsein. Diese Verletzung war nur eine von vielen gewesen, die er im Laufe der letzten Jahre davongetragen hatte.

Er glitt dahin, bewegte dann und wann seine breiten Flügel, um sich in neue Luftströmungen einzufädeln. Er passte sich den Bedingungen auf der Erde an und wurde allmählich zu einem ihrer Bestandteile; so, als wäre dies hier seine Heimat.

Um sich überhaupt ein Ziel zu geben, kehrte er nach langer Zeit – wie lange hatte er sich treiben lassen? Tage? Wochen? Monate? – zu der Vulkaninsel zurück, auf der Grao’sil’aana gestorben war.

Da plötzlich nahm er bekannte Signale wahr.

Sie brannten auf seiner Haut, sie erwärmten sein Inneres. Es waren die Gedankenmuster eines Daa’muren!

Wäre Thgáan ein Mensch gewesen, hätte er Scham empfunden und sich Vorwürfe gemacht. Nach seiner Verletzung war er davongeflogen und hatte in dem Glauben, seinen Herrn verloren zu haben, seine Verpflichtungen missachtet.

Doch Grao’sil’aana lebte! Thgáan ortete ihn auf jenem kleinen Inseltupfen inmitten des riesigen Sees, auf dem er seine Flügelverletzung davongetragen hatte.

Er ging noch tiefer, bis er die Wipfel der Bäume fast streifte, und begann mit einer systematischen Suche nach dem Daa’muren.

Seltsam. Die Qualität seiner Gedanken hatte sich verändert. Sie war unscharf und verzerrt. So, als litte Grao’sil’aana unter einer Art Krankheit.

2.

Die Würmer und Käfer und Spinnen hatten Schwierigkeiten, seinen Körper anzuknabbern. Viele ihrer Versuche gingen ins Leere, und wenn sie unerwartet doch eine Möglichkeit fanden, erweiterte er die Zwischenräume seiner Schuppen und ließ Körperdampf von seinem thermophilen Inneren ab, der die Tierchen verscheuchte oder tötete.

Aber die Insekten waren eine nur unwesentliche Komponente seines Daseins. Viel wichtiger war der Wunsch, an die Oberfläche zurückzukehren.

Grao’sil’aana schaffte es, einen Teil seiner rechten Hand handlungsfähig zu machen, indem er Erde mit hohem Krafteinsatz beiseite drückte. Auch beide Knie erhielten ihre Bewegungsfreiheit zurück, und selbst seinen Kopf konnte er bereits wieder drehen.

Die Fähigkeit dieser echsenhaften Wirtskörper, die sich die Daa’murengeister herangezüchtet hatten, half ihm nicht viel. Zwar konnte er seine Körpermasse mittels Myriaden winzigster Schuppen umformen, doch ohne den nötigen Platz waren der Gestaltwandlung enge Grenzen gesetzt.

Wie viel Zeit war inzwischen vergangen? Wie lange schon arbeitete er an einer Rückkehr ans Licht dieser kalten Welt? – Er wusste es nicht. Es mochte Tage oder gar Wochen her sein, seitdem er Mefju’drex2) verfolgt hatte und verschüttet worden war.

Er musste weitermachen, musste rings um sich das Erdreich so weit komprimieren, dass er sich im Ganzen bewegen und eine geeignetere Körperform annehmen konnte. Vielleicht die einer Schlange oder eines riesenhaften Insekts. Noch aber war es nicht so weit. Grao’sil’aana musste Geduld aufbringen – und sich gegen Rückschläge wappnen. Immer wieder rutschte Erdreich nach und vernichtete eben erst geschaffene Freiräume. Doch irgendwann, so wusste er, würde er sein erstes Etappenziel erreichen.

Das zweite Ziel war kurz und bündig formuliert, und es beschränkte sich auf ein einziges Wort, das „Rache“ hieß.

Beide Arme waren frei, auch Beine und Rumpf und Kopf. Nur noch den Oberkörper, dann würde er sich zur Rechten drehen können, wo ihm das Erdreich lockerer und luftdurchlässiger erschien.

Ein Tierchen kroch in seinen rechten Gehörgang. Grao’sil’aana verschob mehrere seiner Hautschuppen und die Chitinschale des Kriechers zerbarst. Mit einem minimalen Schub an Hitze verbrannte er dessen Reste und konzentrierte sich wieder auf seine Bemühungen, den Raum um sich zu vergrößern.

Er schob und drückte und kratzte. Zeit wurde zum abstrakten Begriff. Kurz. Eine Weile. Sehr lange. Eine Ewigkeit. Dies alles verwob zu einem unbedeutenden Nichts.

Grao’sil’aana hielt sich an seinem Hass und dem Wunsch nach Vergeltung aufrecht, bis auch diese Worte zu sequentiell aneinander gereihten Lauten oder Buchstaben ohne Sinn verkamen.

Sein Körper wurde zum Teil der Masse, des Berges. Es war ruhig hier unten. Totenstill. Sofern es dieses „unten“ noch gab, denn wenn es existierte, dann musste es auch ein „oben“ geben. Oben aber war … war …

Seine Klauen bewegten sich … oder? Täuschte er sich? Besaß er denn einen Leib, oder war er lediglich dampfende, von Gedanken durchzogene Masse, die allmählich im Erdreich versickerte?

Grao’sil’aana. War. Sein. Name. Sein Rang. Seine Bezeichnung. Seine Identität. Sein … sein …

Er vergaß, was er denken wollte, und er vergaß, was Vergessen war. Sein Geist glitt ins absolute Nichts.

Getrommel und Getuschel. Gesang. Beschwörungen. Gelächter. Flüche, Schreie der Lust und des Schmerzes, Hasstiraden und Worte, die so geheim und schrecklich und durchdringend waren, dass man sie am besten augenblicklich wieder vergaß.

Grao’sil’aana trieb durch Raum und Zeit. Bilder, teilweise von Nebeldämpfen überdeckt, zogen an ihm vorbei und weckten so etwas wie … Neugierde.

„Hum-hum“, brummte jemand. „Ein Besucher aus der Anderswelt. Aus der falschen Welt. Stört unsere Ruhe.“

Grao’sil’aana sagte nichts. Wie auch? Er besaß keine Stimme. Nicht mehr.

Eine Hand zerteilte den Dunst und ließ ihn auf mehrere dünne Bänder blicken, die sich ihm rasend schnell näherten. Sie fuhren in seinen Körper – Grao’sil’aana wunderte sich einen Augenblick lang, dass er so etwas wie einen Leib besaß, doch er vergaß diesen Gedanken rasch wieder – und ließen ihn erschreckt aufstöhnen. „Man“ hatte ihm Stimmbänder geschenkt. Tiersehnen, in dünne Streifen geschnitten, die es ihm nun erlaubten, sich zu artikulieren.

„Wo bin ich?“, fragte er, um gleich darauf, weil das Reden so gut funktionierte, nachzuhaken: „Was bin ich?“

„Ein Gast. Ein ungebetener. Einer, der unseren Meditationszyklus stört.“

„Halt den Mund, Azele“, meldete sich eine andere Stimme zu Wort. Ein ochsenförmiger Kopf mit drei Wurmanhängseln statt einer Schnauze schob sich in Grao’sil’aanas Wahrnehmung. „Lass den Kleinen reden. Vielleicht weiß er, was er von uns will.“

„Du bist zu gutmütig, Kaka-Gye. Wir sollten seinen Geist in Banaa-Blätter packen, den Gedankensud aufköcheln und das Gemisch während der Meditationsruhe auslutschen. Dann wüssten wir ohnedies, was er von uns wissen wollte.“ Ein zweites Gesicht überdeckte das erste. Es war das eines schwarzhäutigen Geschöpfs mit angespitzten Zähnen und grellweißen Augen.

„Das steht uns immer noch offen. Fändest du es denn nicht amüsanter, uns mit dem Kind zu unterhalten? Vielleicht kennt es Wörter, die uns unbekannt sind? Wie etwa eines für: Es juckt in meinem Bauchnabel, aber ich kann mich nicht kratzen, weil ich keinen Körper mehr besitze?

„Über dieses Thema haben wir uns längst geeinigt!“ Das Wesen namens Azele zeigte so etwas wie Empörung. „Wir fanden, dass das Wort: Es-juckt-in-meinem-Bauchnabel-aber-ich-kann-mich-nicht-kratzen-weil-ich-keinen-Körper-mehr-besitze passend wäre.“

„Du bist ein Banause! Ich sollte dir ein Tutu an die Denkdrüse fluchen, oder an deinen Gelächterfetisch.“

„Dazu fehlt dir die Kraft, du eingeschrumpeltes Totem-Relikt. Du bist nichts weiter als ein Stück Holz, seit Jahrzehnten in einem Schrein begraben, an den sich kaum noch jemand erinnert. Kein Wunder: Du warst schon zu Lebzeiten in der Falschwelt ein Nörgler, den die Menschen und all die anderen Geschöpfe immer nur verachteten.“

„Und du? Glaubst du etwa, man liebte oder fürchtete dich? Man versuchte dich mit Opfergaben stinkender Piigs zu besänftigen. Oder aber alte, verschrumpelte Weiber pinkelten auf getrockneten Tierkot, um deine Aufmerksamkeit zu gewinnen.“

Azele und Kaka-Gye setzten ihren Streit fort. So, als hätten sie Grao’sil’aanas Gegenwart ausgeblendet. Er nahm die Gelegenheit zum Anlass, um sich „umzusehen“ und sich zu orientieren.

Da waren auch noch andere. Mächtige und weniger mächtige Wesen. Geistessubstanzen, die in dieser seltsam grauen, nebeldurchzogenen Zwischenwelt lebten und vor sich hin dachten. Manche von ihnen meinten, in einer früheren Existenz ein Stein oder ein angekohltes Stück Holz gewesen zu sein. Ein Wesen hielt sich für einen Lufthauch, ein weiteres nannte sich „Kindsvater von Borgya“. Drei Frauen mit immensen Brüsten webten ein Netz aus Kokosnussfasern, in dem Schreie des Wahnsinns geboren wurden; ein Kind mit Efrantenrüssel sog grünlich glitzernde Flüssigkeit aus dem Darm eines narbenüberzogenen Kriegers; ein Guul kaute an seinem eigenen Bein und sprach dabei ein mächtiges Magie-Mantra …

„Und jetzt zu dir, mein Kind“, unterbrach Kaka-Gye Graos Gedanken, nun völlig ruhig. Azele hatte sich zurückgezogen. Seine – oder ihre? – Gegenwart war nicht mehr spürbar. „Wie können wir dir helfen?“

Helfen? Ihm?

Grao’sil’aana hatte keine Ahnung, wie er hierher gelangt war. Womöglich glitt er soeben in den Abgrund des Todes, oder er erlebte einen Vorgang, den man „Wiedergeburt“ nannte.

„Ich weiß es nicht“, sagte er.

„Und ob du es weißt“, widersprach Kaka-Gye. Das Ochsenwesen röhrte laut und belustigt. „Sonst hätten wir dich nicht gefunden.“

Grao’sil’aana dachte nach. Da waren Gedanken, freilich, die er für sich selbst ausformuliert hatte und die immer wieder auftauchten; einerlei, wie sehr er sich dagegen wehrte.

„Ich habe die Antwort“, meldete sich Kaka-Gye unvermittelt.

„Auf welche Frage …?“

„Auf jene, die du noch stellen wirst.“

„Ich verstehe nicht …“

„Das habe ich auch nicht erwartet, Kleines. Doch wenn es eines Tages so weit ist: Versprichst du mir, ein Tier zu häuten, eine große Kerze in seinen Leib zu stopfen und bei einer Flasche Gegärtem darauf zu warten, bis der Körper vollends verbrannt ist?“

Grao’sil’aana war müde. Er wollte dieses Spielchen nicht länger mitmachen. Die Erinnerungen an die Dunkelheit und an seine Situation kehrten allmählich zurück. Sie zogen ihn weg von hier, zurück in die Realität. In eine andere Form der Realität.

„Ich verspreche es“, sagte er leichthin.

„Kaka-Gye dankt dir. Du schenkst mir viele weitere Jahre einer Existenz in der Anderswelt.“

„Und wie lautet nun die Antwort?“, fragte Grao’sil’aana mit gelinder Neugierde.

„Kein Daa’mure.“

Wie bitte?“

„Sie lautet: kein Daa’mure. Und nun verschwinde von hier. Ich habe mit Azele noch ein Hühnchen zu rupfen.“

Irgendwo im Hintergrund des unbeschreibbaren Raumes gackerte Federvieh in Todesangst; seine Schreie wurden rasch leiser und verklangen in einem sanften Gemurmel.

Grao’sil’aana fand sich in beklemmender Dunkelheit wieder, und noch bevor er sich seiner alten, neuen Situation bewusst werden konnte, traf ein greller Lichtstrahl sein Gesicht.

3.

Bahafaa ging ihrem Tagwerk nach. Sie brachte Wudan eine kleine Opfergabe dar, sie versenkte sich einmal mehr ohne Erfolg in die rituellen Denkübungen, sie sammelte die schmutzige Wäsche zusammen. Bei den großen Flachsteinen nahe der Klippen, die noch vor nicht einmal hundert Monden mit Blut benetzt worden waren, würde sie die wertvollen Stoffe reinigen. Es war noch früh. Die meisten Dorfbewohner saßen wohl an ihren Frühstückstischen oder kümmerten sich um die Kinder. Mit ein wenig Glück würde sie die Wascharbeit in Ruhe erledigen können.

Bahafaa betrat den Weg, der zu den Felsen führte. Es ging durch den kleinen Mischwald, den sie so sehr liebte. Irgendwo im Geäst zwitscherte ein brünstiger Rotkraller seinen Liebesschmerz in die Welt hinaus; ein größeres Stück Wild rieb seine Seite über feuchte Rinde.

Es war ein kalter Morgen. Bahafaas Atem gefror in der Luft. Loses Blattwerk, das der vergangene Herbst aus den Bäumen geschüttelt hatte, brach unter ihren Tritten.

Ein Knacksen in einiger Entfernung. Sie drehte sich zur Seite, ließ den ledernen Wäschesack fallen und tastete nach ihrem Messer. Sie wusste ganz genau, welches Geräusch in den Wald gehörte, und welches nicht.

Vorsichtig trat sie näher und blinzelte. Ihr Augenlicht war das einer alten Frau.

„Juefaan!“, rief sie, als sie das Gesicht des schüchternen Jungen hinter einem mannshohen Baumstumpf ausmachte. Sein flachsblondes Haar stand nach allen Richtungen weg, die Augen musterten sie voll Scheu. Juefaan verharrte eine Weile in seiner Position, als überlegte er, ob er hinter seinem Versteck hervorkommen und sie begrüßen sollte. Schließlich nickte er Bahafaa zu und gab Fersengeld. Hinein in den Wald, bis Juneedas Sohn zwischen Felsbrocken und Schneewechten verschwand.

Bahafaa lächelte erleichtert. Sie mochte den Kleinen. Er war ein Kind, und Kinder gaben sich weit aufgeschlossener als die Erwachsenen. Wahrscheinlich fühlten sie es noch nicht.

Bahafaa nahm ihren Weg wieder auf. Nach wenigen Minuten hatte sie die Felsen erreicht. Eine wundervolle Sicht über die See tat sich vor ihr auf. Das saubere Wasser mehrerer Bäche sammelte sich hier in einer flachen Kuhle, um wenige Schritte weiter in einen tiefen Abgrund zu stürzen.

Eine kühle Brise wehte vom Meer her. Sie roch ein ganz klein wenig nach Frühling.

Bahafaa atmete tief durch und begann mit der Arbeit. Sie tauchte die Stoffe ins klare Wasser, rieb sie mit der flachsigen Talgseife und schlug sie anschließend über die Flachfelsen, dass es nur so spritzte. Der Ton hallte weithin über die Wälder. Vögel und andere Tiere scherten sich nicht darum; sie waren diese Geräusche gewohnt. Sie schnatterten, keckerten, grunzten und knurrten weiterhin, als wäre nichts geschehen.

Der Tag war schön. Seifenblasen trieben davon, Sonnenlicht ließ sie bunt schillern. Bahafaa erinnerte sich an eine kleine Melodie, die ihre Mutter immer wieder gesummt hatte. In Momenten wie diesen gerieten all ihre Probleme in den Hintergrund.

Bahafaa hielt ihr liebstes Oberteil gegen das Licht einer müden Sonne und betrachtete es kritisch. Es war so dünn, so fadenscheinig geworden, dass sie beinahe hindurchschauen konnte. Die Farben waren ausgebleicht, die Ränder zerfranst. Außerdem war sie aus dem Teil herausgewachsen.

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