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Maddrax - Folge 259

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Was bisher geschah
  4. Die Stunde der Wahrheit
  5. Leserseite
  6. Zeittafel
  7. Roman im Roman
  8. Cartoon
  9. Vorschau

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Am 8. Februar 2012 trifft der Komet „Christopher-Floyd“ die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Staffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 gerät. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn „Maddrax“ nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler – zur Erde gelangt sind und schuld an der veränderten Flora und Fauna sind. Nach langen Kämpfen mit den Daa’muren und Matts „Abstecher“ zum Mars entpuppt sich der Wandler als lebendes Wesen, das jetzt erwacht, sein Dienervolk in die Schranken weist und weiterzieht. Es flieht vor einem kosmischen Jäger, dem Streiter, der bereits seine Spur zur Erde aufgenommen hat!

Rätselhafte Todesfälle ereignen sich im postapokalyptischen Euree: Menschen versteinern durch eine unbekannte Macht, die man die „Schatten“ oder den „dunkeln Hauch“ nennt. Schon zwei Mal sind Matt und Aruula auf Versteinerte gestoßen, bevor sie auch im Dorf Corkaich auf der irischen Insel diese schrecklich Entdeckung machen müssen. Besonders tragisch: In diesem Dorf lebten Matts Staffelkameradin Jennifer Jensen und ihre gemeinsame Tochter Ann sowie sein Freund Pieroo. Der Barbarenhäuptling und Jenny sind versteinert, von Ann fehlt jede Spur. Matt und Aruula machen sich auf die Suche nach ihr.

Währenddessen fasst ein hydritischer Geheimbund auf der anderen Seite der Erde einen fatalen Entschluss: Die Mitglieder der Meeresrasse, die einst vom Mars auf die Erde kam und eine kriegerische Vergangenheit hat, sich heute aber als wahre Herren der Erde und die Menschen als halbe Tiere sieht, wollen die vergessene Stadt Gilam’esh’gad am Grund des Marianengrabens vernichten. Dort liegen all die Wahrheiten, die man über die Jahrtausende vergessen machen wollte, bewahrt vom Wächter Pozai’don. Seit der Wissenschaftler Quart’ol die Stadt wiederentdeckt hat, läuft der Gilam’esh-Bund Gefahr, dass es publik wird. Nun also will man Gilam’esh’gad sprengen – nicht ahnend, dass dort inzwischen auch der Prophet Gilam’esh selbst lebt, der Jahrzehntausende im Zeitstrahl gefangen war, und dass ein Volk von verwachsenen Hydriten, gezeichnet durch die damals eingeschleppte Beulenkrankheit, die Stadt bevölkert.

Doch auch als man es erfährt, ändert sich der Plan nicht. Während ein Geheimbündler im gestohlenen Körper eines Knaben in die Stadt vordringt, um wichtige Datenkristalle aus einer Bibliothek zu bergen, entschließen sich zwei andere, den Propheten zu entführen, damit er der Vernichtung entgeht. Da kann der Knabe im Körper des Geheimbündlers fliehen …

Die Stunde der Wahrheit

von Michelle Stern

Gilam’esh’gad, 13. Dezember 2525

„Ich will nicht!“, klackerte Gilam’esh mit der hellen Stimme eines Kindes. Im dem erst zehnjährigen Klonkörper war er seinen beiden Entführern hilflos ausgeliefert. Trotzdem wehrte er sich nach Kräften. Mit einem beherzten Tritt gegen Lar’az’ Schienbein riss er sich los und floh in Richtung Labor. E’fah tat es ihm nach. Sie dürfen uns nicht kriegen! Gilam’eshs Kindkörper war durchflutet von Angst.

E’fah schrie hell auf. Gilam’esh fuhr herum. „Nein!“ Mir’tar stand hinter der zu Boden sinkenden Freundin. Ihr Messer steckte in E’fahs schmalem Rücken. Ein dünnes Rinnsal Blut floss aus der Wunde.

In diesem Augenblick schoss Lar’az. Gilam’esh spürte einen reißenden Schmerz, dann sank auch er zu Boden. Dunkelheit umfing seinen Geist …

Hykton, amerikanische Ostküste, Kontinentalschelf

10. November 2525

Es war entsetzlich lange her, dass er das letzte Mal hier gewesen war. Quart’ol stand staunend im Sichtschutz eines Korallenhauses und betrachtete das Treiben auf der Prachtallee unter der durchsichtigen bionetischen Kuppel. So viele Hydriten! Sie alle schwammen ihrer Wege, voller Sorgen und Nöte, Hoffnungen und Ziele. Nur er stand an ihrem Rand, unentdeckt im Schatten, und wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte.

Er hatte Gilam’esh’gad vor über einem Monat verlassen und sich außerhalb des Transportröhrensystems auf Umwegen in die Hauptstadt des Neun-Städte-Bundes begeben. Nun stand er hier im Schatten eines Verwaltungsgebäudes, fassungslos über den Betrieb in der Stadt, aber auch über die Unwissenheit seines Volkes. Niemand hier ahnte, was in Gilam’esh’gad, der vergessenen Stadt der Hydriten, derzeit geschah. Dass der große Prophet Gilam’esh aus dem Zeitstrahl herausgetreten war, um seinen Geist im Körper eines Menschen nach Gilam’esh’gad zu bringen.

Die allermeisten Hydriten ahnten nicht einmal, dass Gilam’esh’gad tatsächlich existierte und nicht nur eine Legende war. So gut wie keiner wusste vom Zeitstrahl, der vom Mars zur Erde führte. Und niemandem war mehr bewusst, dass der Mars, der Rotgrund einst die Heimat der Hydree gewesen war, aus denen sich die Hydriten entwickelten. All dies und mehr war verloren gegangen oder gezielt unterdrückt worden.

Gilam’esh, der Geistwanderer, der die Äonen im zeitlosen Strahl verbracht hatte, würde das verlorene Wissen nun zurückbringen! Er selbst war einst auf dem Mars geboren worden und hatte an der Entwicklung jenes Strahles mitgearbeitet, den die Hydree benutzten, um von ihrem sterbenden Planeten zu fliehen.

Der Mars hatte damals, vor dreieinhalb Milliarden Jahren, sein Wasser und seine Atmosphäre verloren. Die Erde war auf dem besten Wege gewesen, einen optimalen Lebensraum zu entwickeln, wenn auch erst in ferner Zukunft.

Mit dem Zeitstrahl war es den Hydree möglich gewesen, nicht nur die ungeheure Entfernung zur Erde zu überwinden, sondern gleichsam in die Zukunft zu reisen. So waren sie in einem gewaltigen Exodus vom Rotgrund aufgebrochen. Zumindest zwei Drittel von ihnen. Eine unterentwickelte Bevölkerungsschicht, die Patrydree, hatte man gnadenlos zurückgelassen und dem Tod überantwortet. Auch dies eine Wahrheit, die nur zu gern vergessen wurde. Wie auch die zahlreichen Bruderkriege, die hier auf Ork’huz, wie man damals die Erde nannte, ausgefochten worden waren …

Quart’ol wurde schwindelig, wenn er darüber nachdachte. Und nicht weniger turbulent war Gilam’eshs spezielles Schicksal. Auf dem Mars war das Bewusstsein eines Menschen über die Zeiten hinweg in ihn gefahren1): der Geist von Matthew Drax, mit dem auch Quart’ol schon einen Körper geteilt hatte. Erst als Gilam’esh während des Exodus von einem Patrydree getötet wurde, war Matt in seinen eigenen Körper zurückgekehrt, während sich Gilam’eshs Geist in den Zeitstrahl retten konnte. Dort war er Jahrmilliarden später noch einmal Matthew Drax begegnet und hatte die Gelegenheit genutzt, um in einen von dessen Begleitern zu fahren und aus dem Strahl zu entkommen. Dieser Yann Haggard, ein todkranker Seher, brachte ihn dann nach Gilam’esh’gad – und damit auch zu Quart’ol.

Der hydritische Wissenschaftler hatte sich in der geheimen Stadt im Marianengraben vor dem Gilam’esh-Bund verborgen. Die Geheimorganisation, aus dreizehn Geistwanderern bestehend, sorgte seit Jahrtausenden dafür, dass unangenehme Wahrheiten dem Vergessen anheim fielen. Da Quart’ol von Matthew Drax alles über die Hydree, deren Herkunft und Verbrechen wusste, trachtete der Bund nach seinem Leben.

Aber jetzt hatte sich alles verändert. Gilam’esh war in Gilam’esh’gad und mittlerweile in einen Klonkörper umgezogen, während Yanns Hirntumor behandelt wurde. Der uralte Mythos, der das Leben der Hydriten mit seinen Lehren und Gleichnissen schon Jahrzehntausende vor Ei’dons Einigung geprägt und beeinflusst hatte, besaß nun ein Gesicht. Allein das erschien Quart’ol noch immer wie ein Traum. Es war ein Traum, den er schützen wollte. Deshalb war er vor über vier Wochen nach Hykton aufgebrochen.

Ich muss Verstärkung nach Gilam’esh’gad holen, sagte er sich. Am besten jemanden aus dem Neun-Städte-Bund, der in der Allatis-Förderation etwas zu sagen hat. Irgendwen, der mich und auch Gilam’esh vor den Umtrieben des Bundes beschützen kann.

Quart’ol lief ein Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, dass der Bund zuerst erfahren könnte, dass Gilam’esh in der Stadt war. Die selbstgerechten Hydriten unter ihrem Meister Skorm’ak würden nicht zurückschrecken, den Propheten umzubringen. Sie sahen sich als die Bewahrer der einzigen Wahrheit – einer manipulierten, geschönten Wahrheit, in der die Hydriten die friedliebenden Herren der Erde und die Menschen nur halbe Tiere waren.

Quart’ol sah zu einem blassblauen Kuppelgebäude hinüber, in dem mehrere Wissenschaftler arbeiteten. Es lag nur wenige Schwimmzüge vom gewaltigen Hydrosseum des Rates entfernt. Der Hydrit erinnerte sich gut an das eindrucksvolle Hydrosseum und bedauerte, ihm keinen Besuch abstatten zu können. Gerne hätte er das lebendige Muschelmosaik in der Eingangshalle berührt, das die Geschichte der Hydriten darstellte und mental vermittelte. Oder besser: einen Teil dieser Geschichte. Auch das Laborgebäude aus rot schimmernden Korallen vor ihm war ihm bestens bekannt. Er war hier einst ebenso ein und aus geschwommen wie in der Wissenschaftsabteilung des Hydrosseums. So viel war inzwischen geschehen. Aber für lange Betrachtungen und Rückbesinnungen hatte er keine Zeit.

Ich muss jemanden finden, dem ich vertrauen kann.

Quart’ol hatte eine ganz bestimmte Hoffnung, was das betraf, aber bisher war er enttäuscht worden.

Er drückte sich noch tiefer in die Schatten, als er ein paar Ordnungswächter mit den traditionellen Dreizacken in den Flossenhänden vorbeischwimmen sah. An ihren Seiten hingen zusammengeschobene Blitzstäbe. Die beiden Hydriten in der schlichten braunschwarzen Panzerung zogen vorüber, ohne ihn wahrzunehmen. Sie waren in ein Gespräch vertieft.

„Mar’os-Jünger? In der Nähe von Kolay? Wirklich?“, sagte einer von ihnen. Mehr verstand Quart’ol nicht. Er wagte es kaum, Wasser in seine Kiemen zu ziehen, aus Furcht, dieses leise Geräusch könne ihn verraten. Obwohl er seine Gesichtszüge durch eine weiche, bionetische Masse leicht verfremdet hatte, fürchtete er erkannt zu werden.

Es ist zum Verrücktwerden. Ich kann nicht noch länger Gebäude observieren und hoffen …

Mitten in seinen Gedanken brach er ab. Da war sie! Die Erfüllung all seiner Hoffnungen! Ganz eindeutig: Das musste sie sein! Sie verließ eben das Gebäude und schwamm zielstrebig in eine kleinere Gasse, deren Boden perlmuttfarben schimmerte.

Sie war noch immer schön. Zauberhaft schön. Ihr gelber Flossenkamm strahlte im seichten blaugrünen Wasser. Funkelnde Lichtschimmer glitzerten darauf wie Diamanten.

Quart’ol verließ seinen Posten und folgte ihr die Gasse hinunter. Sie durchquerten ein Wohnviertel im besseren Bereich der Stadt. Hier waren viele Häuser mit Hilfe der Bionetik aus Korallen geformt. Immer wieder ergänzten moderne kugelförmige Gebäude das Stadtbild. Im schlechteren Viertel dagegen gab es fast nur kuppelartige Häuser oder Rundhütten aus bionetischem Material, das entfernt an die Haut von gekochtem Tintenfisch erinnerte. Allerdings waren die Wände unterschiedlich gefärbt und schimmerten in allen nur erdenklichen Blau- und Grüntönen.

Die Hydritin sah zurück. Der Blick aus ihren großen Augen streifte ihn, dann schwamm sie weiter. Quart’ol überlegte, ob er sie rufen sollte. Zu dumm, dass es noch so hell war und jeder sie sehen konnte. Er eilte hinter der schneller werdenden Hydritin her. Sie wird mich nicht erkennen.

Er hatte vor längerer Zeit einen neuen Körper erhalten. Einen jugendlicheren Körper als seinen alten, den er verloren hatte. Auch er war ein Geistwanderer, ein Quan’rill. Diesen neuen Körper kannte die Hydritin. Es war die Verfremdung seines Gesichts, von der sie sich täuschen ließ.

„Bel’ar!“

Sie hielt inne, als sie seinen Ruf hörte. Die klackernde Sprache der Hydriten war im Wasser deutlich zu hören. Er schwamm noch schneller, stieß auf sie zu. Er sah Angst in ihrem Gesicht. Ehe sie fliehen konnte, packte er ihren Arm unterhalb des Dorns. „Bitte, Bel’ar, sieh mir in die Augen! Und nenn meinen Namen nicht.“

Sie schien unsicher, ob sie die Wächter rufen sollte. Ihr Blick irrlichterte durch die Gasse.

„Bitte“, flehte er eindringlich. „Ich tue dir nichts. Ich brauche deine Hilfe.“

Bel’ar sah ihn an. Ihr Blick versenkte sich in seinen. „Diese Aussprache“, klackerte sie. „Ich kenne dich …“ Sie zögerte.

Quart’ol sah sie aufmunternd an. „Es ist ein paar Rotationen her. Ich bin ein Freund von Matthew Drax.“

„Das … das bist … du?“, klackerte die vollbusige Hydritin fassungslos. Sie senkte ihre Stimme. Anscheinend wusste sie, dass er gesucht wurde. Sie war schon immer sehr intelligent gewesen. Ihre Geistesgegenwart war bemerkenswert. Ob sie sich nach ihm erkundigt hatte?

Quart’ol ließ sie los. „Können wir irgendwo hin schwimmen, wo wir ungestört sind?“

Bel’ar verzog ihre runden Lippen. „Das klingt ja fast, als hättest du nach all der Zeit nur das Eine im Sinn. Bist du noch immer das Opfer der Hormone deines jugendlichen Körpers?“

„Bel’ar, bitte“, sagte er nervös. Er sah aus den Augenwinkeln zwei der Ordnungswächter am Ende der Gasse schwimmen. Ein Stück über ihnen patrouillierte ein Man’tan – ein großer bionetischer Rochen, auf dem ebenfalls ein Wächter saß.

„Na, komm schon.“ Bel’ar griff vergnügt nach seinem Arm. Sie zog ihn mit sich in eine Seitengasse mit braunroten Muschelschalen am Grund. Bald trieben sie im Wasser vor einem kleineren Korallenhaus. Die Wohnsphäre schimmerte rot. Sie gehörte eindeutig einem höher gestellten Hydriten, da besonders seltenes bionetisches Material verwendet worden war.

Quart’ol blickte sich unbehaglich um. Niemand schien sie zu beobachten. Trotzdem wollte er von der Gasse weg.

Bel’ar öffnete den Eingang der Sphäre mit einer bestimmten Kombination auf einem Elementfeld an der Wand des Hauses.

„Quart’ol!“ Sie schlang ihre Arme um ihn, sobald sie im Hausinneren waren. „Ich habe dich schrecklich vermisst, weißt du? Um genau zu sein, dachte ich, du seist tot.“

„Tot?“

„Du giltst schon lange als tot. Ich habe mich immer über die Umstände gewundert.“

Quart’ol sah sich im Hausinneren um. Es bestand aus einem großen Raum zum Leben und einem abgetrennten Stau- und Materialraum. Eine Schlafschale war nicht zu sehen. Vermutlich war sie wie andere Möbelstücke auch im Inneren der bionetischen Wände verborgen und konnte bei Bedarf ausgefahren werden. Ebenso wie aus dem Boden eine ganze Wand hervor schießen konnte. Der Hydrit erkannte es am dunkleren Bodengewebe. Der Blickfang des Zimmers war ein großes Zierfischbecken an der Seite. Es reichte vom Boden bis zur Decke. Dort zogen die erlesensten Kampffische ihre Bahnen. Ihre breiten Schwanzflossen schillerten in allen Farben des Regenbogens. Zahlreiche seltene Pflanzen zeigten eine prachtvolle Miniaturlandschaft. Kleine Ei’don-Statuen und ein winziges Kuppelgebäude waren auf steil aufragenden braunen Glimmersteinen zu sehen. Das Kuppelgebäude war eine maßstabgetreue Kopie des Hydrosseums.

„Bel’ar, ist es hier sicher?“

„Du klingst, als würde man dich verfolgen.“

„Vielleicht tut man das.“

„Setz dich. Du bist hier sicher.“ Bel’ar wies auf eine frei schwebende bionetische Sitzschale, die mitten im Raum hing. Nur ein dünner Halter stieg hinauf bis zur hell funkelnden Decke. Sie drückte an der Wand des Korallenhauses auf ein bionetisches Eingabefeld. Sofort senkte sich eine zweite Sitzschale aus der Decke, genau dem Platz von Quart’ol gegenüber.

„Ich denke, ich habe noch etwas Algensalat da. Hast du Hunger?“

„Nein, danke. Lass uns erst reden. Je schneller ich wieder fort bin, desto sicherer ist es für dich.“

Bel’ar sah nun ernsthaft besorgt aus. „Wer verfolgt dich denn?“

„Der Gilam’esh-Bund.“

Bel’ars Augen weiteten sich. Quart’ol begann zu erzählen, wie der Bund ihn hinunter nach Gilam’esh’gad geschickt hatte in der Hoffnung, ihn dadurch loszuwerden. Er beschrieb das Bestiarium und die Gefahren, die in der Stadt und auf dem Weg dorthin gelauert hatten.

„Aber ich habe überlebt. Und ich fand in den Archiven der Stadt Beweise dafür, dass wir alle vom Mars stammen. Außerdem …“

Quart’ol überlegte, ob er von Gilam’esh erzählen sollte, dem Märtyrer, der damals für sein Volk den Weg zur Erde bereitet hatte und dafür gestorben war. Jeder Hydrit kannte seine Lehren, aber niemand wusste mehr um seine Herkunft. Für sie war er ein Prophet aus grauer Vorzeit. Einer, nach dessen Regeln sie seit Hydritengedenken lebten, ähnlich den Anhängern einer Religion. Dass sein Geist in einem Zeitstrahl überlebt hatte, war schwer zu glauben.

Nein, ich will sie nicht gleich überfordern. Außerdem ist es hier nicht sicher genug.

Ich habe noch etwas anderes entdeckt“, fuhr Quart’ol fort. „Es leben Hydriten aus der alten Zeit in der Stadt. Gemeinsam mit Pozai’don II. und dreizehn Quan’rill-Geistern, deren Wissen eine Chronik unseres gesamten Volkes darstellt. Die wahre Chronik, ohne die Beschönigungen des Gilam’esh-Bundes.“

Bel’ars Flossenhände krampften sich um die Seitenränder der schwebenden Sitzschale. „Das ist nicht wahr!“

„Doch. Das ist ebenso wahr wie unsere Abstammung vom Mars. Und weil ich solche Dinge weiß, will der Bund mich vernichten. Sie sehen in mir eine Gefahr. Von der Wahrheit wollen sie nichts hören. Zwei Mal haben sie mich fast ermordet.“

Bel’ars Flossenkamm hatte sich hellgelb verfärbt. Ihr Gesicht sah bleicher aus als sonst. „Bei allen Meeren … Oh, Quart’ol, es tut mir so leid! Wenn ich geahnt hätte, was du durchgemacht hast … Vielleicht hätte ich dir helfen können … Oder Mer’ol …“

„Mer’ol lebt?“

„Ja, er ist nach Kolay gezogen, glaube ich. Ich traf ihn zuletzt vor einer guten Rotation.“

„Es freut mich, das zu hören. Wie ist es dir inzwischen ergangen? Arbeitest du in diesem Gebäude? In der Wissenschaftsabteilung des Städtebundes?“

„Du hast es vermutet, nicht wahr?“

„Ich habe es gehofft.“

„Ja, ich arbeite dort. Im Grunde habe ich deinen Platz eingenommen. Ich bin die wissenschaftliche Beraterin des Städtebundes. Man zählt viel auf mich.“ Sie sagte es mit nüchterner Selbstüberzeugung.

Quart’ol sah sie an. Sie war noch schöner geworden. Noch selbstbewusster. Er war froh, sie auf seiner Seite zu wissen.

„Dann kannst du mir vielleicht helfen. Ich brauche dringend Unterstützung.“ Er zog einen Datenkristall aus einem Säckchen an einer Schlaufe am Lendenschurz.

„Was ist das?“

„Das sind Aufzeichnungen über die Stadt. Daten, die beweisen, was ich dir erzählt habe. Ich muss jemanden aus dem HydRat finden, der vertrauenswürdig ist. Jemanden, der nicht nur im Neun-Städte-Bund Einfluss hat, sondern auch in der Förderation, und der bereit ist, den Hydriten die Wahrheit zu bringen.“

Bel’ar streckte die Flossenhand nach dem Kristall aus. Ihre Finger schlossen sich langsam, als sie vor Quart’ols ausgestreckter Hand ins Wasser griff, ohne den Kristall zu berühren. Sie klickte leise, ein Seufzen. „Wie gerne würde ich selbst diese Bilder sehen. Aber es ist Eile geboten. Wie lange bist du schon hier?“

„Drei Zyklen.“

„Denkst du, du wurdest entdeckt?“

„Ich habe niemanden bemerkt, der auf mich aufmerksam wurde. Trotzdem hast du ganz recht. Wir müssen uns beeilen. Gilam’esh’gad ist in Gefahr.“

Bel’ar zog nachdenklich ihre langen Beine auf den breiten bionetischen Sitz. Sie sah zu den Leuchtmikroben an der Decke, die wie ein Sternenhimmel blinkten. Sie schien nachzudenken.

„Ich glaube …“,

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